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| Ătat français Französischer Staat 1940â1944 | |||||
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| Wahlspruch: Travail, famille, patrie (Arbeit, Familie, Vaterland) | |||||
| Amtssprache | Französisch | ||||
| Hauptstadt | Vichy (de facto) Paris (de jure) Sigmaringen (im Exil 1944â1945) | ||||
| Staatsform | Republik | ||||
| Regierungsform | autoritÀre Diktatur | ||||
| Staatsoberhaupt | Staatschef Philippe PĂ©tain (1940â1944) | ||||
| Regierungschef | Premierminister Pierre Laval (1940â1941) François Darlan (1941â1942) Pierre Laval (1942â1944) | ||||
| WÀhrung | Französischer Franc | ||||
| GrĂŒndung | 1940 | ||||
| UnabhÀngigkeit | 1940 | ||||
| Nationalhymne | Marseillaise | ||||
| Zeitzone | UTC +1 | ||||
| Vichy-Frankreich mit abhÀngigen Gebieten | |||||
Als Vichy-Regime (französisch RĂ©gime de Vichy) bezeichnet man im RĂŒckblick die Regierung von Vichy-Frankreich (offiziell: Ătat français âFranzösischer Staatâ), das heiĂt de facto der âunbesetzten Zoneâ Frankreichs nach der mit dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 anerkannten militĂ€rischen Niederlage gegen das Deutsche Reich und dem ErmĂ€chtigungsgesetz zur VerfassungsĂ€nderung vom 10. Juli 1940. Es löste die Dritte Französische Republik ab, bestand bis 1944 und erhielt den Namen nach seinem Regierungssitz, dem Kurort Vichy in der Auvergne.
Inhaltsverzeichnis |
Am 16. Juni 1940 zeichnete sich mit der EinschlieĂung der französischen Armeegruppen 2 und 3 der Zusammenbruch der französischen Verteidigung als Folge des erfolgreichen deutschen Westfeldzuges ab. Als MinisterprĂ€sident Paul Reynaud im Parlament fĂŒr die FortfĂŒhrung des Krieges an der Seite der Alliierten und den Abschluss der von Winston Churchill vorgeschlagenen britisch-französischen Allianz plĂ€dierte, blieb er in der Minderheit und trat zurĂŒck. Der französische StaatsprĂ€sident Albert Lebrun betraute daraufhin seinen Stellvertreter, den populĂ€ren Marschall PĂ©tain (âHeld von Verdunâ), mit der Regierungsbildung und der Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen. Der Waffenstillstand von CompiĂšgne wurde am 22. Juni 1940 in CompiĂšgne unterzeichnet. Er brachte unter anderem die De-facto-Teilung Frankreichs in einen unter deutscher MilitĂ€rverwaltung stehenden Nord- und Westteil sowie einen unbesetzten SĂŒdteil (etwa 40 % der LandesflĂ€che) mit Vichy als Sitz der französischen Regierung. Diese Regierung erhob grundsĂ€tzlich den Anspruch, weiterhin fĂŒr ganz Frankreich einschlieĂlich der Ăberseegebiete zustĂ€ndig zu sein. ElsaĂ-Lothringen blieb nach dieser Auffassung staatsrechtlich ein Teil Frankreichs. Entgegen dieser Auffassung wurden diese östlichen Departements jedoch in den nĂ€chsten Tagen einem âChef der Zivilverwaltungâ (CdZ) unterstellt; französische Proteste ignorierten die deutschen Besatzer. Es folgte eine âEindeutschungspolitikâ zur Vorbereitung einer spĂ€teren Annexion.
General Charles de Gaulle, im Kabinett Reynaud StaatssekretĂ€r, plĂ€dierte wie Reynaud fĂŒr die Fortsetzung des Kampfes gegen das Deutsche Reich, flĂŒchtete nach GroĂbritannien und richtete am 18. Juni von London aus ĂŒber den französischsprachigen BBC-Sender Radio Londres einen Appell an alle Franzosen, den Kampf notfalls von den Kolonien aus fortzusetzen. Seine von ihm gegrĂŒndeten France libre-StreitkrĂ€fte nahmen Ende des Juli 1940 mit einer StĂ€rke von etwa 7.000 Mann den Kampf an der Seite der britischen Armee auf. De Gaulle wurde vom Vichy-Regime wegen Landesverrats in Abwesenheit zum Tode verurteilt, seine StreitkrĂ€fte galten dem Vichy-Regime und der deutschen Besatzungsmacht als FreischĂ€rler.
Die Nationalversammlung der Dritten Republik verabschiedete am 10. Juli 1940 mit 569 gegen 80 Stimmen[1] ein Gesetz, mit dem Marschall PĂ©tain ermĂ€chtigt wurde, in einem oder mehreren Akten eine die Rechte von Arbeit, Familie und Vaterland garantierende Verfassung fĂŒr den Ătat français (anstelle der RĂ©publique) zu verkĂŒnden.[2] Tags darauf verkĂŒndete PĂ©tain daraufhin die ersten drei Konstitutionsakte, in denen er sich unter anderem selbst zum ĂŒber das Weisungsrecht gegenĂŒber der Exekutive, Legislative und Judikative verfĂŒgenden Chef dâĂtat (= Staatschef) erklĂ€rte.[3] Mit Konstitutionsakt Nummer 4 erklĂ€rte er am 12. Juli Pierre Laval zu seinem Stellvertreter.[4]
Staatsrechtlich unterstand dem Vichy-Regime ganz Frankreich mit Ausnahme von ElsaĂ-Lothringen, das im Waffenstillstandsabkommen von CompiĂšgne unter deutsche Verwaltung gestellt worden war. Des Weiteren stand ein kleines Gebiet im SĂŒdosten des Landes (u. a. Monaco und Nizza) unter italienischer Verwaltung, dessen Besetzung von der deutschen und der Vichy-Regierung lediglich geduldet wurde.
TatsĂ€chlich erstreckte sich die Verwaltungshoheit lediglich ĂŒber 40 % des Mutterlandes und die Ăberseegebiete. Der ĂŒberwiegende Teil der Nordzone war nach der Niederlage Frankreichs dem deutschen MilitĂ€rbefehlshaber in Paris unterstellt, die beiden nördlichsten DĂ©partements am Ărmelkanal, Nord und Pas-de-Calais, jenem in BrĂŒssel. In den besetzten Gebieten bedurften alle Gesetze und Erlasse des Vichy-Regimes der Gegenzeichnung durch die deutsche MilitĂ€rverwaltung.
Als sich nach der Landung der Alliierten in Nordafrika im November 1942 ein Angriff auf Adolf Hitlers âFestung Europaâ abzeichnete, besetzten Deutsche und Italiener am 10. und 11. November 1942 auch die bis dahin unbesetzte SĂŒdzone Frankreichs. Damit hatte das Vichy-Regime seine geringe faktische Macht weitgehend eingebĂŒĂt. Trotzdem belieĂen die Deutschen das Vichy-Regime im Amt. Sie entschieden, dass die französische Verwaltung erhalten bleiben solle. Hitler sprach am 18. Dezember 1942 davon, dass es klug sei, die Fiktion einer französischen Regierung mit PĂ©tain aufrechtzuerhalten. Deshalb solle man PĂ©tain ruhig als eine Art Gespenst beibehalten und ihn von Zeit zu Zeit etwas von Laval aufblasen lassen, wenn er etwas zu sehr zusammensinke.[5] Trotz der Besetzung des Landes und der damit verbundenen EinbuĂe sĂ€mtlicher Entscheidungsgewalt trat die Vichy-Regierung nicht zurĂŒck, sondern belieĂ es bei einem Protest gegen den Bruch des Waffenstillstandsabkommens. Nach der erfolgreichen alliierten Invasion in der Normandie wurden die Mitglieder des Vichy-Regimes im August 1944 zwangsweise in das Schloss Sigmaringen gebracht. Dort bestand das Marionettenregime des Ătat français bis zur Kapitulation des Deutschen Reichs weiter.
PĂ©tain proklamierte ein neutrales Frankreich, das zwischen den KriegsfĂŒhrenden Ăquidistanz halten wollte. In diesem Sinne lehnte er am 24. Oktober 1940 beim Treffen mit Hitler in Montoire eine Kriegsbeteiligung Frankreichs an der Seite des Deutschen Reiches ab. Eine Zusammenarbeit (Kollaboration) mit dem Deutschen Reich hielt PĂ©tain jedoch fĂŒr notwendig, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, Art und Umfang der materiellen, personellen und industriellen Ausbeutung des Landes in Grenzen zu halten und die RĂŒckfĂŒhrung der etwa zwei Millionen französischen Soldaten aus deutscher Kriegsgefangenschaft zu erreichen.
Persönlich war PĂ©tain ĂŒberzeugt, dass die innere Zerrissenheit des Landes und der Verfall traditioneller Werte wesentlich zur militĂ€rischen Niederlage beigetragen hatten. Er wollte daher die Franzosen in einer âRĂ©volution Nationaleâ zu neuer Einheit fĂŒhren. So lieĂ er die an allen öffentlichen GebĂ€uden befindliche Parole âLibertĂ©, ĂgalitĂ©, FraternitĂ©â (Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit) durch den Wahlspruch âTravail, Famille, Patrieâ (Arbeit, Familie, Vaterland) ersetzen.
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Die Niederlage im Jahre 1940 war fĂŒr die Franzosen ein schwerer Schock. Als einer der HauptgrĂŒnde wurden die tiefen KlĂŒfte innerhalb der Gesellschaft gesehen. PĂ©tain war von der Niederlage unbelastet. Er wurde nun aufgrund seines legendĂ€ren Rufes aus dem Ersten Weltkrieg ("Held von Verdun") von der Mehrheit der Franzosen und trotz seines hohen Alters als der richtige Mann angesehen, das Land zu einen und durch die Turbulenzen der kommenden Jahre zu fĂŒhren. Die Mehrheit akzeptierte auch die neue autoritĂ€re Verfassung und war zur NeutralitĂ€t und zu einer Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden bereit, die zur Lockerung der Waffenstillstandsbedingungen fĂŒhren wĂŒrde. Das Vichy-Regime wurde daher zunĂ€chst mehrheitlich begrĂŒĂt. Der Historiker Henri Amouroux sprach von vierzig Millionen PĂ©tainisten. Als jedoch die erwarteten Lockerungen nicht eintraten und sich die Kriegswende mit zusĂ€tzlichen HĂ€rten abzeichnete, verlor das Vichy-Regime an Ansehen, jenes von PĂ©tain hielt sich â mit EinschrĂ€nkungen â bis zuletzt.
Nach der Sistierung des Parlamentes ordnen sich die Interessensgruppen neu. Die Kommunisten waren verboten, die Sozialisten aus Protest gegen die autoritĂ€re Verfassung in der Opposition. Neben den âKonservativenâ, die zwar die Regierung PĂ©tain begrĂŒĂten, aber eine Zusammenarbeit mit den AchsenmĂ€chten ablehnten, war politisch noch die âAction françaiseâ bedeutsam, die das republikanische System durch eine Monarchie ersetzen wollte und einer gemĂ€Ăigten Kollaboration nicht negativ gegenĂŒberstand. Die faschistisch eingestellten Kreise organisierten sich im âParti Populaire Françaisâ (P.P.F.) unter Jacques Doriot und dem âRassemblement National populaireâ (R.N.P.) unter Marcel DĂ©at.
Innerhalb weniger Tage nach GrĂŒndung des Ătat Français am 11. Juli 1940 erlieĂ das Vichy-Regime eine Reihe von Gesetzen, die sich gegen die im Lande lebenden auslĂ€ndischen Juden richtete. Bereits am 17. Juli 1940 wurde bestimmt, dass eine BeschĂ€ftigung im Ăffentlichen Dienst nur noch möglich sein sollte, wenn der Vater eines Betroffenen Franzose war. Mit weiteren Gesetzen am 16. August und 10. September 1940 wurde diese Regelung auf die medizinischen Berufe und die Angehörigen der Barreau, der Anwaltschaft, ausgedehnt. Daneben sollten sĂ€mtliche EinbĂŒrgerungen der Vergangenheit ĂŒberprĂŒft werden. Am 27. August 1940 wiederum wurde die Loi Marchandeau, die eine antisemitische Presseberichterstattung unter Strafe gestellt hatte, abgeschafft.[6] Einen vorlĂ€ufigen Höhepunkt fand das Vorgehen gegenĂŒber auslĂ€ndischen Juden im Internierungsgesetz vom 4. Oktober 1940. Nunmehr konnte diese Personengruppe ohne Angabe von GrĂŒnden interniert werden: âDie auslĂ€ndischen Staatsangehörigen jĂŒdischer Rasse (ressortissants Ă©trangers de race juive) können mit VerkĂŒndung des vorliegenden Gesetzes aufgrund einer Entscheidung des PrĂ€fekten des Departements, in dem sie ihren Wohnsitz haben, in besondere Lager (camps spĂ©ciaux) eingewiesen werden.â[7] Daneben arbeitete die französische StaatsfĂŒhrung seit Juni/Juli 1940 an einem âJudenstatutâ, das eine umfassende âSĂ€uberungâ der Verwaltung sowie der staatlich kontrollierten Berufe in den Bereichen Justiz, Medizin, Bildung und Kultur vorsah. Wie der Historiker Michael Mayer kĂŒrzlich erstmals auf Quellenbasis nachweisen konnte, war das am 3. Oktober 1940 erlassene Statut des Juifs[8] Ausdruck einer autonomen französischen âJudenpolitikâ, die keinem direkten und beinahe keinem indirekten deutschen Einfluss ausgesetzt war.[9] Am 2. Juni 1941 wurde das Statut des Juifs weiter verschĂ€rft, so dass die jĂŒdische Bevölkerung nunmehr einer umfassenden rechtlichen Diskriminierung unterworfen war.[10][11]
Obwohl PĂ©tain nach der BeschieĂung der Flotte in Mers-el-KĂ©bir die diplomatischen Beziehungen zu GroĂbritannien abgebrochen hatte, wurde die Regierung in Vichy von den Alliierten zunĂ€chst weiterhin als legitime Vertretung der Franzosen anerkannt. Es waren vor allem die USA, die ĂŒber ihren Botschafter Admiral William D. Leahy enge Beziehungen zu Vichy pflegten. PrĂ€sident Franklin Roosevelt und AuĂenminister Cordell Hull wollten ebenso wie Churchill vermeiden, PĂ©tain durch Isolation in die Arme Hitlers zu treiben. Dazu Churchill:[12]
âWas auch in der Vergangenheit geschehen sein mochte, [Oran!] Frankreich war doch unser LeidensgefĂ€hrte, und nichts als ein offener Krieg zwischen uns konnte es daran hindern, auch unser GefĂ€hrte im Sieg zu sein. Diese Politik war eine schwere Belastung fĂŒr de Gaulle, der alles aufs Spiel gesetzt und die Fahne hochgehalten hatte, dessen Handvoll AnhĂ€nger auĂerhalb Frankreichs aber niemals den Anspruch erheben konnten, eine wirkliche französische Gegenregierung zu bilden.â
Da de Gaulle â abgesehen von seinem geringen Bekanntheitsgrad â auch ein schwieriger, eigenwilliger Partner fĂŒr die Alliierten war, suchten diese nach prominenteren, einfacheren KampfgefĂ€hrten. Da weder Ex-MinisterprĂ€sident Reynaud noch General Weygand verfĂŒgbar waren, griff man auf Admiral François Darlan und nach seiner Ermordung auf General Henri Giraud zurĂŒck. De Gaulle hatte jedoch seit Mitte 1943 einen Trumpf in der Hand. Einem seiner Mitarbeiter, Jean Moulin, war es am 15. Mai gelungen, die wichtigsten Gruppierungen der RĂ©sistance zur GrĂŒndung des Conseil national de la RĂ©sistance (CNR) zu bewegen, dessen erste Deklaration die Forderung war, unverzĂŒglich eine provisorische Regierung unter der Leitung von de Gaulle zu bilden. Dies geschah dann bereits einen Tag spĂ€ter mit der GrĂŒndung des âFranzösischen Komitee fĂŒr die nationale Befreiung (CFLN)â.
Diese Vorstufe zu einer Gegenregierung war nach der Besetzung des Vichy-Territoriums durch deutsches MilitĂ€r im November 1942 (als Reaktion auf die alliierte Landung in Nordafrika) ein weiterer schwerer Schlag fĂŒr die Regierung in Vichy.
Das Regime verfĂŒgte â abgesehen vom unbesetzten Staatsgebiet â anfangs noch ĂŒber alle Kolonien sowie ĂŒber ein 100.000 Mann starkes Heer und die französische Kriegsmarine. Seit Herbst 1940 existierte zusĂ€tzlich die LĂ©gion française des combattants, die Kriegsveteranenorganisation, aus der Joseph Darnand gemeinsam mit hohen Offizieren im SpĂ€tsommer 1941 enttĂ€uschte KĂ€mpfer rekrutierte, die im DĂ©partement Alpes-Maritimes eine geheime MilitĂ€rorganisation unter der Bezeichnung Service dâordre lĂ©gionaire (SOL) grĂŒndeten, die bei einer weiteren italienischen Aggression gegen französisches Territorium zum Einsatz kommen sollte. Bis zum Ende 1941 entwickelte sie sich zu einer ernstzunehmenden Streitmacht, die als zusĂ€tzlicher Schutz Frankreichs vor externer und interner Aggression im Januar 1942 den offiziellen Segen des Vichy-Regimes erhielt. Gegen Ende des Sommers 1942 rekrutierte Darnand daraus Freiwillige fĂŒr die LĂ©gion volontaires français (LVF), die LĂ©gion anti-bolchĂ©vique bzw. LĂ©gion tricolore, bei denen französische Freiwillige in deutschen Uniformen gegen die Sowjetunion kĂ€mpften.
Die Zusammenarbeit der Zivilbevölkerung und der französischen Behörden mit dem Deutschen Reich ist auch heute noch ein Thema mit hoher politischer Brisanz, da es weiterhin unterschiedliche Auffassungen ĂŒber Grad und Umfang einer akzeptablen Zusammenarbeit gibt. Unbestritten ist, dass es im Rahmen der Vichy-Regierung zu einer sehr weitreichenden Form der Kollaboration kam, die teilweise freiwillig, hauptsĂ€chlich jedoch aufgrund von tatsĂ€chlichen oder zugesagten Gegenleistungen oder Erpressung geleistet wurde.
Die staatliche Kollaboration wurde nach dem Treffen von Marschall PĂ©tain und Hitler in Montoire-sur-le-Loir am 24. Oktober 1940 mit dem Handschlag von Montoire öffentlichkeitswirksam eingeleitet. Dieses symboltrĂ€chtige Bild wurde der Rundfunkansprache des Generals de Gaulle ĂŒber die Sender der BBC entgegengesetzt, in der dieser die Fortsetzung seines Kampfes an der Seite der Alliierten ankĂŒndigt hatte. Obwohl Pierre Laval mit fĂŒhrenden Nationalsozialisten (darunter Hitler selbst) zwei Tage zuvor am gleichen Ort VorgesprĂ€che gefĂŒhrt hatte, erbrachte das Treffen von Montoire aber letztlich nur eine magere Erfolgsbilanz: keine Seite lieĂ sich auf konkrete Absprachen ein. Lediglich das Prinzip der Kollaboration wurde verkĂŒndet, wobei die deutsche Seite sorgfĂ€ltig darauf achtete, den Inhalt dieser Vereinbarung nicht zu genau festzulegen.
Marschall PĂ©tain hoffte ebenso wie Laval, die deutsche Seite durch Zeichen guten Willens nach dem Treffen von Montoire milde zu stimmen: im Gegenzug sollte auch Deutschland ZugestĂ€ndnisse machen, wie z. B. die RĂŒckkehr der französischen Kriegsgefangenen, eine Ănderung der Demarkationslinie zwischen der militĂ€risch besetzten Nordzone und der unbesetzten SĂŒdzone oder die RĂŒckkehr der französischen Regierung nach Versailles. Auf Grund seiner Frankreich-Feindlichkeit war Hitler jedoch nicht zu den geringsten ZugestĂ€ndnissen an die unterlegene Nation bereit. Er betrachtete die Zusammenarbeit mit dem Vichy-Regime vielmehr als ein ebenso taktisch wie strategisch einzusetzendes Mittel im weiter bestehenden Konflikt mit GroĂbritannien und beim geplanten Einmarsch in die Sowjetunion. Letztlich ging es ihm darum, Frankreich mit geringstmöglichen Mitteln zu neutralisieren, wirtschaftlich zu kontrollieren und gleichzeitig sicher zu stellen, dass das Vichy-Regime sich jedem Versuch der Gaullisten und der Briten widersetzen wĂŒrde, Nordafrika zu besetzen.[13]
PĂ©tain erklĂ€rte in seiner Rundfunkansprache vom 30. Oktober 1940, dass Frankreich in ein neues Zeitalter eintrete («Jâentre dans la voie de la collaboration.»).[14] In der Folgezeit zeigte er sich jedoch angesichts ausbleibender konkreter Vereinbarungen und mangelnden Entgegenkommens Hitlers enttĂ€uscht: er habe ein Nichts getroffen («rien du tout»), einen Durchschnittsmenschen, der seine historischen Lektionen nicht gelernt habe («un mĂ©diocre qui nâa pas retenu les leçons de lâhistoire») und spielte die Bedeutung des Treffens von Montoire herunter, das von Anfang an als informelles Konsultationstreffen («tour dâhorizon») geplant gewesen sei. Am 13. Dezember 1940 entlieĂ PĂ©tain seinen Stellvertreter Laval wegen zu eigenwilliger VerhandlungsfĂŒhrung, letztlich jedoch aus innenpolitischen GrĂŒnden.[15] PĂ©tain zog jedoch letztlich keine Konsequenzen aus dem Fehlschlag seiner Politik. Laval und er rechneten weiterhin mit einem deutschen Endsieg und wollten aus Frankreich einen privilegierten Partner von Hitlers Europapolitik machen. Sie verkannten völlig, dass Hitler aus Frankreich nichts anderes machen wollte als einen tributpflichtigen und nach Belieben auszubeutenden Vasallen. Der einzige Unterschied zwischen den Vorstellungen der beiden Politiker von Kollaboration war ein gradueller: im Falle von PĂ©tain spielten eher reaktionĂ€re und nationalistische Motive eine Rolle, wĂ€hrend Laval eher in europĂ€ischen ZusammenhĂ€ngen dachte.[16]
Um seinen guten Willen zu bezeigen, hat das Vichy-Regime hĂ€ufig deutsche Forderungen vorweggenommen oder ĂŒbererfĂŒllt. Die Gegenleistungen der Besatzungsmacht waren eher begrenzt, die Kosten der Besatzung stiegen vielmehr bis zuletzt kontinuierlich an. So erreichten PĂ©tain und Laval fĂŒr die Aushebung von 600.000 bis 650.000 ArbeitskrĂ€ften fĂŒr den Service du travail obligatoire (STO) im Gegenzug lediglich die RĂŒckkehr von weniger als 100.000 Kriegsgefangenen, die aus Alters- und GesundheitsgrĂŒnden wohl ohnehin zurĂŒckgeschickt worden wĂ€ren.
Unter den Kollaborateuren, die den verschiedenen Regierungen des Vichy-Regimes angehörten oder diese unterstĂŒtzten, ist besonders Fernand de Brinon hervorzuheben, der Generalbeauftragte Vichys in der besetzten Nordzone von 1941 bis 1944, der bereits in der Vorkriegszeit ein groĂer Bewunderer des Dritten Reichs gewesen war. Zu erwĂ€hnen sind auĂerdem Jacques Benoist-MĂ©chin, der Haupt-Berater Darlans in den Verhandlungen mit Hitler (1941â1942); Gaston Bruneton, Sozialbeauftragter fĂŒr die (teilweise freiwilligen, teilweise zwangsverpflichteten) französischen ArbeitskrĂ€fte in Deutschland, der eng mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zusammenarbeitete; Jean Bichelonne, zunĂ€chst Minister fĂŒr Industrieproduction, spĂ€ter fĂŒr das Transportwesen, oder der Schriftsteller Abel Bonnard, genannt «Gestapette», der 1942 Minister fĂŒr Nationalerziehung wurde. 1944 wurden die faschistischen ĂberzeugungstĂ€ter Joseph Darnand, Philippe Henriot und Marcel DĂ©at auf deutschen Druck hin Regierungsmitglieder.
WĂ€hrend zahlreiche Pariser Kollaborateure das Vichy-Regime offen verachteten, das ihnen zu reaktionĂ€r und zu wenig engagiert in der Zusammenarbeit mit dem Dritten Reich war, erklĂ€rten sich andere wie z. B. Darnand zu bedingungslosen AnhĂ€ngern des Marschalls PĂ©tain. Jacques Doriot, der AnfĂŒhrer der Parti populaire français (PPF), prĂ€sentierte sich der Ăffentlichkeit bis Ende 1941 als «un homme du MarĂ©chal» (ein Mann des Marschalls). Pierre Laval, der bedeutendste Vichy-Politiker nach PĂ©tain, unterhielt sehr enge politische Beziehungen zu DĂ©at und Darnand und ĂŒbernahm persönlich die Leitung der Milice française, einer gewalttĂ€tigen Organisation, die die Gestapo bis zum ĂuĂersten unterstĂŒtzte.
Der Begriff wirtschaftliche Kollaboration bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem, dass das Vichy-Regime die ausbeuterische Politik der deutschen Besatzungsmacht umsetzte. Die formale Verpflichtung dazu ergab sich zunĂ€chst aus der Kriegsschuld, die zwar theoretisch im Waffenstillstand vom Juni 1940 festgelegt, in der Praxis aber einseitig von den Deutschen bestimmt wurde, da diese den Wechselkurs des französischen Franc zur deutschen Mark nach Belieben verĂ€nderten. Diese Kriegsschuld, ursprĂŒnglich zum Unterhalt der Besatzungstruppen gedacht, betrug durchschnittlich 400 Millionen Francs tĂ€glich, was damals etwa 4 Millionen Tageslöhnen von Arbeitern entsprach.[17] Obwohl Frankreich wirtschaftlicher Ausbeutung (in Form des Abtransportes von Rohstoffen und der Requirierung und ĂberfĂŒhrung von Eisenbahnlokomotiven, Werkzeugmaschinen, Motoren aller Art, Eisenkonstruktionshallen, Munitionsfertigungsmaschinen, BergbauspezialgerĂ€ten, KrĂ€nen und weiteren industriellen Werten) unterworfen war, erkannte die deutsche Besatzungsmacht durchaus, dass das wirtschaftliche Leben so weit wie möglich normal gestaltet werden musste, wenn die eroberten industriellen KapazitĂ€ten fĂŒr die eigene Kriegswirtschaft nutzbar gemacht werden sollten. Aus diesem Grund wurde ein brutales Diktat vermieden und der Regierung PĂ©tain ein bestimmtes MaĂ an SouverĂ€nitĂ€t zugestanden.
Im Oktober 1940 gab es in Frankreich in Folge der militĂ€rischen Niederlage eine Million Arbeitslose (wobei zu berĂŒcksichtigen ist, dass zusĂ€tzlich noch die 1,5 Millionen französischen Kriegsgefangenen dem französischen Arbeitsmarkt entzogen waren, die in Deutschland wĂ€hrend fast der gesamten Dauer des Krieges als ArbeitskrĂ€fte eingesetzt wurden). Schon bald nach dem Waffenstillstand ermĂ€chtigte die Vichy-Regierung französische Unternehmen, VertrĂ€ge mit Deutschland abzuschlieĂen. Deutsche AuftrĂ€ge wurden die Hauptantriebskraft fĂŒr das Wiederaufleben der französischen Wirtschaft. Bis April 1941 buchten französische Firmen AuftrĂ€ge im Wert von 1,5 Milliarden Reichsmark; bis Herbst 1942 waren es bereits ĂŒber vier Milliarden Reichsmark. Frankreich wurde der wichtigste europĂ€ische Lieferant des Dritten Reichs wĂ€hrend des 2. Weltkriegs. So konnte beispielsweise die Firma Renault ihren Umsatz von 1940 bis 1942 verfĂŒnffachen. Die französische Weinwirtschaft, die immer noch an den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu leiden hatte, arrangierte sich sofort mit der Besatzungsmacht und erlebte in der Folgezeit einen ungeahnten Aufschwung.[18] Die Arbeitslosenzahl fiel bis 1942 auf 125.000 und zur Zeit der LibĂ©ration herrschte praktisch VollbeschĂ€ftigung. Mit den Besatzungskosten beschĂ€ftigte die deutsche Besatzungsmacht groĂe Teile der französischen Landwirtschaft und Industrie. Nach den Statistiken des Office central de la production industrielle produzierten 1943 100% der Luftfahrtindustrie, 100% der Schwerindustrie, 80% der Bauindustrie, 60% der Kautschukindustrie im Auftrag der Deutschen. Henry Rousso merkt dazu an, dass diese Angaben wahrscheinlich insgesamt etwas zu hoch angesetzt sind, die GröĂenordnungen aber weitgehend korrekt wiedergeben. Eberhard JĂ€ckel gibt an, dass im FrĂŒhjahr 1942 170.000 Franzosen direkt fĂŒr die Wehrmacht arbeiteten, 275.000 beim Bau von FlughĂ€fen und von Befestigungen wie dem Atlantikwall und 400.000 schlieĂlich in der RĂŒstungsproduktion.[19]
Der deutschen Wirtschaftsorganisation entsprechend wurden zwölf nach Branchen und Produkten gegliederte ComitĂ©s dâorganisation (CO) und ein Office central de rĂ©partition des produits industriels (OCRPI) gegrĂŒndet, die unter der Aufsicht des Ministeriums fĂŒr Industrielle Produktion standen. Diese fĂŒhrten die 321 französischen Kapitalgesellschaften, koordinierten die Rohstoffzuteilungen und Lieferungen an die deutschen Stellen und lieferten darĂŒber hinaus auch Informationen ĂŒber die RohstoffbestĂ€nde in den unbesetzten Gebieten. Das Vichy-Regime nutzte sein dirigistisch ausgerichtetes Wirtschaftssystem zwar einerseits zur BewĂ€ltigung der existenziell wichtigen deutschen Produktions- und LieferauftrĂ€ge, versuchte andererseits aber auch den deutschen Einfluss auf die Wirtschaft nach Möglichkeit zu begrenzen. So wurde versucht, den unkontrollierten Zufluss deutschen Kapitals zu begrenzen; die GrĂŒndung deutsch-französischer Mischgesellschaften unter öffentlicher Kontrolle wurde jedoch ermöglicht (z. B. Francolor (51%-Beteiligung der IG Farben); France-Rayonne (Tochterfirma von RhĂŽne-Poulenc fĂŒr Textilsynthetik; 33% deutsche Beteiligung); ThĂ©raplix (Medikamente); der Industriegase-Hersteller Imbert). Deutsche KonzentrationsmaĂnahmen in "arisierten" Wirtschaftsbereichen (Leder, Kleiderindustrie, Handel) konnte das Regime zwar nicht verhindern, es bemĂŒhte sich jedoch, möglichst viele der enteigneten Vermögenswerte in "französische" HĂ€nde ĂŒberzuleiten.[20]
Eine besonders unrĂŒhmliche Form der wirtschaftlichen Kollaboration des Vichy-Regimes war seine Mitwirkung an der Zwangsverpflichtung von ArbeitskrĂ€ften fĂŒr den Einsatz in Deutschland. Bis zum FrĂŒhjahr 1942 waren trotz Zwangsrekrutierungen von Bergleuten und Metallarbeitern in der besetzten Zone sowie der Anwerbung französischer Freiwilliger fĂŒr die deutsche RĂŒstungsindustrie lediglich 50.000 Franzosen in Deutschland tĂ€tig. Da diese Zahlen weit unter den Hitler zugesagten lagen, wurden tausende Franzosen vom Vichy-Regime zwangsrekrutiert. Als im Februar 1942 Albert Speer in Deutschland die Kriegsproduktion drastisch erhöhte, forderte Fritz Sauckel, der GeneralbevollmĂ€chtigte fĂŒr den Arbeitseinsatz, am 15. Mai die Entsendung weiterer 250.000 ArbeitskrĂ€fte nach Deutschland, davon 150.000 Facharbeiter. Laval hoffte, dieses Ziel durch die RelĂšve zu erreichen, da bei Zielerreichung die Heimkehr von 50.000 Kriegsgefangenen zugesagt worden war. Da sich jedoch die dĂŒrftige ErnĂ€hrung und schlechte Behandlung der Freiwilligen herumgesprochen hatten, meldeten sich lediglich 16.800 Facharbeiter fĂŒr den Dienst in Deutschland. Im Gegenzug durften auch nur 1.000 Kriegsgefangene heimkehren. Um das gewĂŒnschte Kontingent zu erfĂŒllen, erlieĂ Laval ein Gesetz, das MĂ€nner im Alter zwischen 18 und 50 sowie ledige Frauen zwischen 21 und 35 Jahren auch im Ausland dienstpflichtig machte. Als Sauckel bis Ende 1942 die geforderte Anzahl von 240.000 französischen Zwangsarbeitern erhalten hatte, forderte er am 2. Januar 1943 weitere 250.000 ArbeitskrĂ€fte, die auf Basis des am 16. Februar 1943 ins Leben gerufenen Service du Travail obligatoire (STO) erfĂŒllt werden konnte. Das STO zeigte jedoch bald seine Kehrseite: junge Franzosen, denen das STO drohte, gingen verstĂ€rkt in den Untergrund. Die dritte Aktion, die ab 6. August 1943 weitere 500.000 ArbeitskrĂ€fte bringen sollte, wurde lediglich zu 20 % erfĂŒllt. Die vierte Aktion zum Anfang des Jahres 1944 brachte nurmehr 50.000 Zwangsarbeiter ein.
Die deutsche Seite konnte nicht nur aufgrund der Waffenstillstandsvereinbarungen Druck auf das Vichy-Regeime ausĂŒben, sondern auch aufgrund des Verhaltens vieler französischer Wirtschaftsunternehmen. Oftmals nahmen diese direkt Kontakt mit Wirtschaftsvertretern des Dritten Reiches auf und umgingen somit die Steuerungsversuche ihrer eigenen Regierung. Unter dem Druck der eigenen Finanz- und Industriekreise musste sich das Vichy-Regime letztendlich zu fast jedem ZugestĂ€ndnis bereit erklĂ€ren, was im Ergebnis dazu fĂŒhrte, dass eher ein Ăberangebot an wirtschaftlicher Kollaboration herrschte.[21]
Der Vize-PrĂ€sident des Vichy-Regimes nach der Entlassung Lavals, Admiral Darlan sah die Kollaboration mit Deutschland als langfristige Strategie, der zu Folge Frankreich sich unter Abkehr von seiner bisherigen diplomatischen Tradition dem Kontinantalsystem unter FĂŒhrung Deutschlands anschlieĂen sollte. Er traf am 11. und 12. Mai 1941 in Berchtesgaden mit Hitler zusammen,[22] der ihn fĂŒr eine erweiterte militĂ€rische Zusammenarbeit gewinnen wollt. Darlan unterzeichnete daraufhin am 28. Mai 1941 mit Otto Abetz, dem deutschen Botschafter in Frankreich, die drei Protokolle von Paris (Protokoll I fĂŒr Syrien und Libanon; Protokoll II fĂŒr Bizerta und Tunesien; Protokoll III fĂŒr Französisch-Westafrika und Französisch-Ăquatorialafrika sowie ein Zusatzprotokoll zu den vom Vichy-Regime aufgestellten Forderungen nach mehr Mitteln fĂŒr den Fall eines alliierten Angriffs). Marschall PĂ©tain bestĂ€tigte den Wortlaut der Protokolle ausdrĂŒcklich in einem Telegramm an General Dentz, den französischen Hochkommissar fĂŒr Syrien und Libanon. Deutschland wurden die Benutzung der französischen StĂŒtzpunkte in Syrien, französische Waffenlieferungen an irakische AufstĂ€ndische unter Raschid Ali al-Gailani, Durchreise des deutschen Afrikakorps durch das französisch kontrollierte Tunesien sowie die Ăberholung von Schiffen der deutschen Kriegsmarine in Dakar zugesagt. Im Gegenzug sollte Deutschland die BesatzungsgebĂŒhren um ein Viertel reduzieren, 100.000 Kriegsgefangene freilassen und die Wiederbewaffnung einiger französischer Kriegsschiffe genehmigen.[23]
Am 21. Dezember 1941 trafen General Juin und Hermann Göring in Berlin nochmals zusammen, um eine Nutzung des französischen MarinestĂŒtzpunkts in Bizerta durch das deutsche Afrikakorps zu vereinbaren. Da die von Vichy als Gegenleistung geforderte VerstĂ€rkung der französischen Truppen in Afrika sowie eine AbschwĂ€chung der Waffenstillstandsbedingungen aus dem Jahr 1940 von der deutschen Seite abgelehnt wurden, scheiterten diese Verhandlungen jedoch.[24]
Die Milice française wurde am 30. Januar 1943 vom Vichy-Regime aus Mitgliedern des Service dâordre lĂ©gionaire (SOL) zusammengestellt und als Hilfstruppe der deutschen Armee eingesetzt, z. B. 1944 bei der BekĂ€mpfung des Maquis im Vercors. Das Kommando fĂŒhrte nominell Laval, die eigentliche Leitung lag in den HĂ€nden von Joseph Darnand. Die Zahl der Bewaffneten in der Milice erreichte schlieĂlich 30.000 Mann. Diese KrĂ€fte kamen ab Januar 1944 vorwiegend in der Nordzone zum Einsatz, wo sie vom MilitĂ€rbefehlshaber zumeist im Kampf gegen die RĂ©sistance eingesetzt wurden. Darnand stellte zusĂ€tzlich die Groupes mobiles de rĂ©serve (GMR) auf und schlug die GrĂŒndung einer Groupe franc de la garde unter seiner direkten Kontrolle zur Zerschlagung des Maquis des GliĂšres (DĂ©partement Haute-Savoie) vor, was von deutscher Seite jedoch abgelehnt wurde.
Im April 1942 ernannte Pierre Laval den Verwaltungsfachmann RenĂ© Bousquet zum GeneralsekretĂ€r der Polizei. Dieser ging von der Annahme aus, dass die Besatzungsmacht der Vichy-Regierung die Kontrolle ĂŒber eine ausreichend bewaffnete Polizei in beiden Zonen anvertrauen wĂŒrde, wenn es gelĂ€nge, die deutsche Seite von der vorbehaltlosen Kollaboration der französischen Polizei zu ĂŒberzeugen. Diese Haltung passte gut zu den PlĂ€nen von Oberg, Knochen und ihrem Vorgesetzten Heydrich, die anders als ihre VorgĂ€nger auf die französische Polizei setzten. Dieser mehr Autonomie und Verantwortung zu ĂŒbertragen, brachte erhebliche Vorteile, ohne dabei das eigene Risiko zu erhöhen: mehr Wirksamkeit, weniger patriotische Reaktionen der französischen Bevölkerung, mehr Engagement der durch die Zusammenarbeit kompromittierten Polizisten.[29]
Die Erfassung aller Juden im DĂ©partement Seine mittels der sog. «Tulard-Akten» durch die PolizeiprĂ€fektur Paris erfolgte ab Oktober 1941 auf deutsche Anordnung und wurde zur organisatorischen Grundlage fĂŒr die Razzien, die ab dem Mai 1941 zunĂ€chst noch von der deutschen Besatzungsmacht und der französischen Polizei gemeinsam durchgefĂŒhrt wurden. Auf Grund von Vereinbarungen zwischen Bousquet und Oberg vom Juli 1942 wurden die Razzien auf Juden nur noch durch die französische Polizei durchgefĂŒhrt.[30] Französische Gendarmerie und Zollbeamte wurden auch mit der Ăberwachung der Zufahrtswege und der nĂ€heren Umgebung des Sammellagers Drancy beauftragt.
Die französische Polizei sollte eigentlich alle WiderstandskĂ€mpfer verfolgen, blieb jedoch in ihren Aktionen in der zone sud bis November 1942 verhĂ€ltnismĂ€Ăig zurĂŒckhaltend. In dieser Phase waren im Wesentlichen die Nachrichtendienste von Marine und Waffenstillstandsarmee in der BekĂ€mpfung der RĂ©sistance aktiv (was einige Angehörige des Heeresnachrichtendienstes jedoch nicht daran hinderte, sich heimlich der RĂ©sistance anzuschlieĂen).[31][32] Am 25. August 1942 wurde zweihundert deutschen Polizisten gestattet, mit falschen französischen Papieren und Funkmesswagen in die SĂŒdzone einzureisen, um dort Geheimsender aufzuspĂŒren.[33] Die polizeiliche Zusammenarbeit ging auch nach der Besetzung der SĂŒdzone durch deutsche Truppen im November 1942 weiter. Eine der letzten groĂen Operationen der französischen Polizei wurde die "RĂ€umung" des Hafenviertels in Marseille vom 22. bis 24. Januar 1943. Am 24. Januar wurde das Hafenviertel von der Polizei gesprengt, die jedoch auf Grund ihrer Beziehungen zu den deutschen Machthabern auch einige Abmilderungen der ursprĂŒnglich geplanten MaĂnahmen erreichen konnte.[34]
Ab 1943 wurde der Kampf gegen die RĂ©sistance vollstĂ€ndig auf die Milice française unter Joseph Darnand ĂŒbertragen, insbesondere der Kampf gegen die Maquis.[35][36]
Eine schwere Hypothek fĂŒr das Regime stellt die teilweise freiwillige Bereitschaft dar, mit den deutschen Behörden bei Erfassung, Diskriminierung, Verhaftung und Deportation von Juden und anderen vom NS-Regime verfolgten ethnischen Minderheiten in die Vernichtungslager und der Beschlagnahme ihres Besitzes (Arisierung) mitzuwirken. So wurden 1942 die Judengesetze eingefĂŒhrt, noch bevor dies die deutschen Behörden ĂŒberhaupt gefordert hatten. Das Tragen des âJudensternsâ wurde allerdings nur im besetzten Teil obligatorisch. Das Vichy-RĂ©gime protestierte jedoch nicht gegen die EinfĂŒhrung des Gelben Sterns in der besetzten Zone und lieĂ seinerseits in IdentitĂ€tspapieren den Stempel «Juif» anbringen.
Organisiert wurden die Deportationen von dem im September 1940 eingerichteten Judenreferat in Paris unter Theodor Dannecker, der dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) der SS unterstand und mit Helmut Knochen, dem Leiter der Sicherheitspolizei (Sipo), sowie Carl-Albrecht (Karl) Oberg, dem Höheren SS- und PolizeifĂŒhrer, zusammenarbeitete. Im MĂ€rz 1941 ernannte die französische Regierung auf Betreiben der Deutschen einen âGeneralkommissar fĂŒr Judenfragenâ (commissaire gĂ©neral aux questions juives). Bis 1942 war dies Xavier Vallat. Er erhielt gesetzliche Vollmachten, in Judenfragen bei anderen Ministerien zu intervenieren und sogar PolizeikrĂ€fte einzusetzen. Die Deutschen waren mit Vallats Leitung bei der Judenverfolgung nicht zufrieden und sorgten fĂŒr seine Ablösung ab 6. Mai 1942 durch Louis Darquier de Pellepoix. Auf Grund der Oberg-Bousquet-Vereinbarungen vom Mai 1942 beteiligte sich die französische Polizei am 16. und 17. Juli 1942 am Rafle du VĂ©lodrome dâHiver in Paris. Die festgenommenen Personen wurden auf verschiedene Lager verteilt, darunter das Sammellager Drancy. Am 26. August 1942 organisierte RenĂ© Bousquet eine Razzia in der zone libre und die anschlieĂende Deportation von 10.000 nichtfranzösischen Juden. Insgesamt wurden schlieĂlich 130.000 auslĂ€ndische und 70.000 französische Juden aus der SĂŒdzone ĂŒber das Sammellager Drancy in die Vernichtungslager des von Deutschen besetzten Ostens von Europa verbracht. Insgesamt wurden 76.000 französische Juden nach Auschwitz deportiert, 40% davon wurden durch die französische Polizei verhaftet. Die Milice française war an der Verhaftung von 25.000 deportierten französischen Juden beteiligt.[37]
Als die Abtransporte begannen, begrĂŒndete dies die deutsche MilitĂ€rverwaltung lediglich mit der Notwendigkeit der âEvakuierung der Juden nach dem Ostenâ, mit âArbeitseinsatzâ und âZwangsarbeitâ. Ab dem siebten Transport im Juli 1942 wurde die Bestimmung, dass nur arbeitsfĂ€hige MĂ€nner deportiert werden sollten, aufgeweicht und spĂ€ter dann ganz fallen gelassen. Als dann auch alte Menschen, Frauen und (seit August 1942) selbst Kinder jeden Alters deportiert wurden, war klar, dass es nicht mehr allein um ArbeitseinsĂ€tze gehen konnte. An die Verabredung mit der Vichy-Regierung, keine französischen Juden zu deportieren, hielt sich die Besatzungsmacht immer weniger, ab Mitte 1943 gar nicht mehr. Zuletzt fahndete das Sonderkommando Alois Brunner auch im unbesetzten SĂŒden Frankreichs nach den letzten versteckten Juden.
Die deutschen Behörden verfĂŒgten ĂŒber drei Schnittstellen zu ihren französischen Mitarbeitern:
Zwischen diesen drei deutschen Machtbereichen â insbesondere zwischen Botschaft und SS â kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen, die durch mangelhafte Kompetenzabgrenzung gefördert wurde. Abetz und die Botschaft favorisierten Laval und den GrĂŒnder des Rassemblement national populaire (RNP), Marcel DĂ©at, wĂ€hrend die SS Jacques Doriot, den Chef der Parti populaire français (PPF), förderte. Gemeinsam war den deutschen Besatzungsbehörden, dass sie PĂ©tains Ziel, einen Einparteienstaat nach deutschem oder italienischem Vorbild aufzubauen, skeptisch gegenĂŒberstanden und bestrebt waren, die latenten parteipolitischen, religiösen, regionalen und sonstigen innerfranzösischen GegensĂ€tze zu fördern, um die Bildung einer antideutschen Einheitsfront zu verhindern.
Mit dem Abschluss des Waffenstillstandes 1940 kam es zu einer Spaltung in der öffentlichen Meinung. Ein Teil sympathisierte bereits frĂŒhzeitig mit dem Freien Frankreich unter de Gaulle. Der ĂŒberwiegende Teil der Bevölkerung verhielt sich abwartend bzw. befĂŒrwortete eine französisch-deutsche Kollaboration. Zu diesen BefĂŒrwortern zĂ€hlten auch die Mitglieder der verbotenen Kommunistischen Partei, deren ReprĂ€sentanten unter FĂŒhrung von Jacques Duclos am 15. Juni 1940 kurz nach den deutschen Truppen aus Belgien kommend in Paris eintrafen. Am 27. Juni 1940 legten Maurice TrĂ©and (verantwortlich fĂŒr die UntergrundaktivitĂ€ten der PCF) und MaĂźtre Fossin (Anwalt der sowjetischen Botschaft) dem deutschen Botschafter Abetz ein Memorandum zur Kooperation vor:
Nach RĂŒcksprache mit Hitler lehnte Abetz das Angebot ab, worauf TrĂ©and und Fossin von Moskau fallengelassen wurden, obwohl Duclos ihre Unschuld betonte.[44]
Die verunsicherten Kommunisten verhielten sich in der Folge weitgehend neutral. Der ernsthafte aktive Widerstand im Land begann mit Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion. Die verschiedenen Widerstandsbewegungen der RĂ©sistance wurden am 27. Mai 1943 von Jean Moulin, einem Abgesandten de Gaulles, im âConseil National de la RĂ©sistanceâ zusammengefasst.
Pétain und Laval wurden 1945 beide von einem französischen Gericht zum Tode verurteilt, wobei Pétains Strafe spÀter durch General de Gaulle in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Dem zum Tode verurteilten Laval, dem die Einnahme von Zyankali gelungen war, wurde der Magen ausgepumpt, bevor er vor ein Exekutionskommando gestellt wurde.
Nach der Befreiung fand von AnhĂ€ngern der RĂ©sistance und anderen Personen eine Jagd auf vermeintliche und tatsĂ€chliche Kollaborateure und AnhĂ€nger des Vichy-Regimes statt, die als Ăpuration (= âSĂ€uberungâ) bezeichnet wurde. SchĂ€tzungen gehen von maximal 9.000 Tötungen wĂ€hrend der âwilden Ăpurationâ und 6.763 Todesurteilen durch die Commission dâĂpuration aus, wovon nur 767 Todesurteile vollstreckt wurden (weniger als beispielsweise in Belgien). Die Zahl der französischen Frauen, die wegen tatsĂ€chlicher oder vermeintlicher sexueller Beziehungen zu Besatzungssoldaten kahlgeschoren und nackt auf öffentlichen PlĂ€tzen âan den Pranger gestelltâ wurden, war erheblich höher. Diese von Kommunisten und Gaullisten getrennt organisierten SĂ€uberungen sollten eine nationale Katharsis bewirken und die Spaltung der Nachkriegsgesellschaft ĂŒberwinden, erreichten jedoch vielfach das Gegenteil. Die offenen Wunden wurden durch den politischen Mythos vom glorreichen Frankreich zugedeckt, der insbesondere von de Gaulle gepflegt wurde. Unter dieser Decke schien die Nation geeint, wozu auch das Konstrukt beitrug, der Ătat français habe keinen französischen Rechtscharakter gehabt, sei also genaugenommen eine Besatzungsbehörde gewesen (diese Ansicht vertrat die französische Politik bis Mitte der 1990er-Jahre). Den AnhĂ€ngern des Vichy-Regimes wurde die Akzeptanz dieses Konstrukts durch Amnestien erleichtert.
Eine Mitverantwortung von Franzosen an Deportationen und Völkermord wurde erst in jĂŒngerer Zeit (Juli 1995) durch eine ErklĂ€rung von StaatsprĂ€sident Jacques Chirac eingerĂ€umt, wenn auch nur fĂŒr Angehörige der Milice française und der Gendarmerie. Auf Basis dieses EingestĂ€ndnisses verurteilte das Oberste Verwaltungsgericht (Conseil dâĂtat) den Staat am 12. April 2002 dazu, die HĂ€lfte der Strafe zu zahlen, die der an Kriegsverbrechen fĂŒr schuldig befundene Maurice Papon fĂŒr seine TĂ€tigkeit in der PrĂ€fektur Bordeaux zu leisten hatte. Das Geld sollen Deportationsopfer erhalten. Damit ist eine Mitverantwortung des französischen Staates fĂŒr Kriegsverbrechen seiner BĂŒrger nun auch rechtlich fixiert. Ebenso muss der Staat zwei Drittel jener Strafe tragen, die der Eisenbahngesellschaft SNCF im Juni 2006 wegen Beteiligung an den Deportationen auferlegt wurde.
(Siehe auch unter Weblinks den Artikel von Mona Körte)
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