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Étienne de La Boétie [etjɛn də la bɔeˈsi] (* 1. November 1530 in Sarlat; † 18. August 1563 nahe Bordeaux) war ein französischer Hoher Richter, Gelegenheitsautor und enger Freund von Michel de Montaigne.
Inhaltsverzeichnis |
La Boétie entstammte dem niederen Beamtenadel von Sarlat, dem Sitz eines Bistums und Unterzentrum der königlichen Justiz. Er erhielt eine gute Bildung, u.a. auf dem renommierten Collège de Guyenne in Bordeaux, und interessierte sich früh für die klassischen griechischen und lateinischen Autoren. Zweifellos versuchte er sich auch früh mit lateinischen und französischen Versen.
1548 dürfte er hautnah miterlebt haben, wie, nachdem der neue König Heinrich II. auch in Südwestfrankreich die Salzsteuer eingeführt hatte, dort Revolten ausbrachen und diese durch königliche Truppen blutig niedergeschlagen wurden.
Um dieselbe Zeit begann er ein Jurastudium an der Universität von Orléans. Zu seinen Professoren gehörte Anne du Bourg, der einige Jahre später Gerichtsrat („conseiller“) am Parlement von Paris wurde und dort offen Einspruch gegen die Verfolgung der Protestanten erhob, was ihm 1559 einen Ketzerprozess samt Todesstrafe eintrug und ihn zum Märtyrer machte.
Vermutlich war es während seiner Studienzeit, dass La Boétie, sichtlich unter dem Eindruck der genannten Revolten und der Diskussionen im Umfeld Du Bourgs, seinen flammenden Discours de la servitude volontaire (=Rede/Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft) verfasste, worin er die These vertritt, dass die Unterdrückung vieler Menschen durch einen einzigen nur solange möglich sei, wie die vielen sich unterwerfen statt sich kollektiv zu widersetzen.
Nach Abschluss seines Studiums wurde La Boétie 1553 mit 23 Jahren Gerichtsrat am Parlement von Bordeaux, dem obersten Gericht der Provinz Aquitaine. Hier befreundete er sich mit dem gut zwei Jahre jüngeren Montaigne, als dieser 1557 ebenfalls Gerichtsrat in Bordeaux wurde. Montaigne hat später berichtet, er sei schon vorher durch den Discours auf La Boétie aufmerksam geworden.
Ab 1560 wurde dieser verschiedentlich von Michel de l'Hôpital, dem „Kanzler“ (chancelier) von Frankreich, mit dem er freundschaftlich verbunden war, zur Teilnahme an Verhandlungen gebeten, die das konfessionell auseinander driftende und zunehmend in Gewalt abgleitende Frankreich befrieden sollten. Er galt also (ähnlich wie sein Freund Montaigne) als jemand, der einerseits loyal hinter der Krone stand, andererseits jedoch genug Verständnis für die Anliegen und Überzeugungen der Protestanten hatte, um ausgleichend wirken zu können.
Diese versöhnliche Haltung vertrat er auch in seiner letzten Schrift, dem Mémoire sur l’édit de janvier [1562] (=Memorandum über das Januaredikt), worin er sich hinter den König bzw. die Regentin stellt, die gerade den Protestanten gewisse Rechte eingeräumt hatte.
La Boétie starb jung und rapide an einer der häufigen Seuchen der Zeit, Dysenterie oder Pest. Montaigne war bei dem Sterbenden und bewunderte dessen stoische Fassung, wie er in einem Brief an seinen Vater berichtet.
1570 gab Montaigne in Paris verschiedene Schriften aus dem Nachlass von La Boétie in Druck. Es handelte sich um lateinische und französische Verse – die letzteren meist im Stil der Pléiade – sowie um Übersetzungen von Texten der alten Griechen Xenophon und Plutarch (der Anstöße für den Discours geliefert hatte). Darüber hinaus auch den Discours zu drucken, der bis dahin nur handschriftlich verbreitet war, hielt Montaigne für unangebracht, denn das Werk diente inzwischen der protestantischen Seite als Munition gegen die wieder unnachgiebige Politik der Krone und ihren Anspruch, absolut zu herrschen und insbes. die Religion der Untertanen zu bestimmen. Zudem entsprach das revoluzzerhafte kleine Werk nicht mehr der ausgleichenden Loyalität, die der späte La Boétie praktiziert hatte und die auch Montaigne vertrat.
Der Discours wurde erstmals 1574 gedruckt als Teil einer protestantischen Kampfschrift und nochmals 1577 im Rahmen der propagandistischen Mémoires des états de France sous Charles IX. Auch spätere Generationen von Oppositionellen, z.B. prärevolutionäre Autoren der Spätaufklärung und sozialistische und anarchistische Denker des 19. Jh., griffen häufig auf das Werk La Boéties zurück und seinen Kernsatz: „Soyez résolus de ne servir plus, et vous voilà libres!“ (Seid entschlossen, nicht mehr zu dienen, und ihr seid frei!).
Ein handschriftliches Exemplar des Verfassers ist nicht erhalten. Der Discours wurde zunächst in kleinem Kreis in Abschriften weitergegeben. Ein erster Druck erfolgte erst 1574; die erste deutsche Übersetzung erschien 1593. Schon früh wurde der Titel des Discours um den Zusatz „Le Contr'un“ verlängert; diese nicht authentische Ergänzung bedeutet sinngemäß „Gegen einen (Tyrannen)“. La Boétie beschreibt sein Ziel mit den Worten: „Diesmal möchte ich nur erklären, wie es geschehen kann, dass so viele Menschen, so viele Dörfer, Städte und Völker manchesmal einen einzigen Tyrannen erdulden, der nicht mehr Macht hat, als sie ihm verleihen, der ihnen nur insoweit zu schaden vermag, als sie es zu dulden bereit sind, der ihnen nichts Übles zufügen könnte, wenn sie es nicht lieber erlitten, als sich ihm zu widersetzen.“ Seine Erklärung der Tyrannenherrschaft kleidet er in die Form der rhetorischen Frage: „Wie kommt er zur Macht über euch, wenn nicht durch euch selbst? Wie würde er wagen, euch zu verfolgen, wenn ihr nicht einverstanden wärt?“ Dass in jeder Tyrannei die Unterdrückten die Unterdrückung paradoxerweise freiwillig akzeptieren, war die Kernthese des ganzen Werks. Obwohl La Boétie sich selbst in seiner Schrift „Les Troubles – Memorandum zum Januaredikt von 1562“ als gut katholisch und dem König treu ergeben dargestellt hatte und obwohl seine Amtsführung dieser Einstellung entsprach, gilt seine Frühschrift gegen die Tyrannei vielen als ein Vorläufer des Anarchismus und des zivilen Ungehorsams; wohl nicht ohne Grund, denn schon in Montaignes Essais findet sich eine Bemerkung über die Beziehung von La Boétie zu seiner antiken Quelle Plutarch: „So lieferte zum Beispiel sein Hinweis, dass die Bewohner Asiens Sklaven eines Alleinherrschers seien, weil sie eine einzige Silbe, nämlich nein, nicht aussprechen könnten, Étienne de La Boétie möglicherweise Anlass und Thema über seine Abhandlung von der freiwilligen Knechtschaft.“
französische Ausgaben
französisch/deutsche Ausgabe
deutsche Ausgaben
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Boétie, Étienne de La |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 1. November 1530 |
| GEBURTSORT | Sarlat |
| STERBEDATUM | 18. August 1563 |
| STERBEORT | bei Bordeaux |