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Das Attentat vom 20. Juli 1944 ist als bedeutendster Umsturzversuch des militĂ€rischen Widerstandes in der Zeit des Nationalsozialismus in die Geschichte eingegangen.[1] Die Beteiligten der Verschwörung stammten vor allem aus dem Adel, der Wehrmacht und der Verwaltung (umfassende Namensliste siehe Personen des 20. Juli 1944). Sie hatten vielfach Kontakte zum Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke. Unter den mehr als 200 spĂ€ter wegen der Erhebung Hingerichteten waren ein Generalfeldmarschall (Erwin von Witzleben), 19 Generale, 26 Oberste, zwei Botschafter, sieben Diplomaten, ein Minister, drei StaatssekretĂ€re sowie der Chef des Reichskriminalpolizeiamts; des Weiteren mehrere OberprĂ€sidenten, PolizeiprĂ€sidenten und RegierungsprĂ€sidenten. Als Voraussetzung fĂŒr den geplanten Machtwechsel wurde ein erfolgreiches Attentat auf Adolf Hitler angesehen. Die von Claus Schenk Graf von Stauffenberg in einer Aktentasche unter dem Lagetisch in der Wolfsschanze platzierte Sprengladung tötete den Diktator jedoch nicht. Diese Tatsache, LĂŒcken in der Vorbereitung und das Zögern beim Auslösen der âOperation WalkĂŒreâ, des Plans zum Staatsstreich, lieĂen den Umsturzversuch scheitern.
Im FrĂŒhjahr 1938 kam es erstmals zu erheblichen Spannungen zwischen Hitler und den Spitzen der Wehrmacht. Anlass war die Entlassung des Reichskriegsministers General Werner von Blomberg und des Oberbefehlshabers des Heeres Werner von Fritsch im Verlauf der Blomberg-Fritsch-Krise. Diese nutzte Hitler zur Entmachtung der WehrmachtsfĂŒhrung, die sich bisher einer gezielten Kriegsvorbereitung widersetzt hatte, indem er mehrere hohe GenerĂ€le in den Ruhestand verabschiedete oder an andere Stellen versetzen lieĂ. Im August trat auĂerdem der Chef des Generalstabs des Heeres, Generaloberst Ludwig Beck, angesichts der sich zuspitzenden Sudetenkrise zurĂŒck. Beck, der mit der Ausarbeitung der AngriffsplĂ€ne fĂŒr den Fall GrĂŒn beauftragt war, hatte von Hitler AufklĂ€rung ĂŒber dessen auĂenpolitischen Ziele verlangt. Daraufhin war ihm von Hitler beschieden worden, dass er âdas Schwert zu fĂŒhren habe, wo und wann immerâ er, der âFĂŒhrerâ, es ihm befehle.
Im September 1938 mĂŒndete dieser erste Widerstand in den Kreisen der ranghöchsten Offiziere der Wehrmacht in die sogenannte Septemberverschwörung. Diese wurde von Becks Nachfolger Franz Halder betrieben, der anders als Beck bereit war, wenn nötig einen Staatsstreich zur Absetzung Hitlers herbeizufĂŒhren. Erwin von Witzleben, Befehlshaber im Wehrkreis III (Berlin), und Walter Graf von Brockdorff-Ahlefeldt, Kommandant der Potsdamer Garnison, sollten diesen im Falle des Kriegsausbruchs durchfĂŒhren. Eine Panzerdivision unter Generalleutnant Erich Hoepner stand fĂŒr den Fall bereit, dass die SS-Leibstandarte eingreifen wĂŒrde. Geplant waren von Halder eine militĂ€rische Aktion und die Gefangennahme Hitlers. Des Weiteren entschloss sich Major Hans Oster von der Abwehr, mit StaatssekretĂ€r Ernst von WeizsĂ€cker im AuswĂ€rtigen Amt zu kooperieren. Der Bruder seines Vertrauten Erich Kordt, Theodor Kordt, war Botschaftsrat in London. Er hatte die Aufgabe, mit dem britischen AuĂenminister Lord Halifax Verbindung aufzunehmen. Ăberraschend reiste aber der britische Premierminister Neville Chamberlain im September 1938 nach MĂŒnchen, wo im MĂŒnchener Abkommen die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich vereinbart wurde. So erhielt Hitler auf friedlichem Wege, was er ursprĂŒnglich gewaltsam hatte einnehmen wollen. âDie Bevölkerung, die angesichts der drohenden Gefahr zunĂ€chst zögerlich geworden war, konnte ihrer Begeisterung fĂŒr den FĂŒhrer nun wieder freien Lauf lassen.â[2] Damit war das Staatsstreichunternehmen schon gescheitert, bevor es begonnen hatte.[3]
Vor dem Polenfeldzug im Sommer 1939 kam es zu einem neuen Versuch, Hitlers PlĂ€ne zu durchkreuzen. Gerhard Graf von Schwerin, Leiter der Gruppe England/Amerika in der Abteilung Fremde Heere des Generalstabs, wurde nach London geschickt. Er ĂŒberbrachte die Botschaft: âSchickt ein Flottengeschwader nach Danzig: Treibt den MilitĂ€rpakt mit der Sowjetunion voran. Das einzige, was Hitler von weiteren Abenteuern abhalten kann, ist ein drohender Zweifrontenkrieg.â[4] Er scheiterte genau wie der Politiker Carl Friedrich Goerdeler, der es kurz nach ihm versuchte.
Im Winter 1939/1940 kam es im Vorfeld des Frankreichfeldzuges erneut zu einer Verschwörung. Hitler wollte Frankreich bereits im November 1939 angreifen lassen. Die Spitze der Wehrmacht hielt dieses Vorhaben fĂŒr absolut undurchfĂŒhrbar. AnfĂ€nglich erklĂ€rten sich der Oberbefehlshaber des Heeres Walther von Brauchitsch und sein Stabschef Halder bereit, Hitler zu verhaften, sobald er den Angriffsbefehl geben wĂŒrde. Brauchitsch suchte Hitler auf und trug die Bedenken des Generalstabs vor, Hitler aber kanzelte ihn ab und drohte, den âGeist von Zossenâ â dort befand sich der Generalstab â auszurotten. Daraufhin brach von Brauchitsch die Verbindung zum Widerstand ab und Halder vernichtete sĂ€mtliche inkriminierenden Dokumente. Die Befehlshaber der drei Heeresgruppen im Westen weigerten sich zudem, mit Ausnahme Wilhelm von Leebs, sich an einem Staatsstreich zu beteiligen. Der misslungene Bombenanschlag Georg Elsers am 8. November im MĂŒnchner BĂŒrgerbrĂ€ukeller beendete dann vorerst die StaatsstreichplĂ€ne. In der gleichen Zeit gab Oberst Hans Oster von der Abwehr die ihm bekannten Angriffstermine ĂŒber den mit ihm befreundeten niederlĂ€ndischen MilitĂ€rattachĂ© in Berlin, Bert Sas, an die WestmĂ€chte bekannt. Da der Angriff mehr als zwanzigmal wegen der ungĂŒnstigen WetterverhĂ€ltnisse verschoben wurde, verloren die Angaben von Sas bzw. die seines Informanten an GlaubwĂŒrdigkeit.
Nach den Siegen an der Westfront wich die anfĂ€ngliche Skepsis in Wehrmachtskreisen der Begeisterung fĂŒr Hitler. âWelche VerĂ€nderung in welcher Zeitâ, schwĂ€rmte der spĂ€tere Hitler-AttentĂ€ter Stauffenberg von Hitlers Siegen ĂŒber Polen und Frankreich 1939/1940.[5] âDer Vater dieses Mannes war kein KleinbĂŒrger. Der Vater dieses Mannes ist der Krieg.â[6] Erst mit den Niederlagen in der Sowjetunion kamen ihm Zweifel.[7][5]
Erst als der Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion ab Winter 1941 zunehmend die Grenzen der deutschen Wehrmacht aufzeigte, kam es erneut zu WiderstandsplĂ€nen. Im Juni 1942 brachte Adam von Trott zu Solz unter Lebensgefahr eine Denkschrift nach London. Der britische AuĂenminister Anthony Eden lehnte jedoch jede Antwort an die Leute ab, die er fĂŒr LandesverrĂ€ter hielt. Er bezeichnete eine Zusammenarbeit als unmöglich, âsolange sie sich nicht decouvrieren und ein sichtbares Zeichen ihrer Absicht geben, bei der Entmachtung des NS-Regimes mitzuwirken.â[8]
Ebenfalls Mitte 1942 begann eine Gruppe, fĂŒr die heute die Namen Generalmajor Henning von Tresckow und Oberst i. G. Claus Schenk Graf von Stauffenberg stehen, PlĂ€ne zu verwirklichen, die den Tod Hitlers zum Ziel hatten. Mehrere Versuche dieser Gruppe, Hitler zu beseitigen, schlugen fehl. Am 13. MĂ€rz 1943 schmuggelten Henning von Tresckow und Fabian von Schlabrendorff bei einem Frontbesuch des Diktators in Smolensk eine als Cognacflasche getarnte Ein-Kilogramm-Bombe in das Flugzeug Hitlers, deren ZĂŒndmechanismus aber versagte. Der Sprengstoff dafĂŒr war von Admiral Wilhelm Canaris, dem Chef der Abwehr, und dem Oberst i. G. Erwin Lahousen besorgt und in das Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte in Smolensk gebracht worden. Acht Tage spĂ€ter wollte sich von Gersdorff anlĂ€sslich einer Ausstellungseröffnung von Beutewaffen im Berliner Zeughaus mit Hitler in die Luft sprengen. Aber Hitler verlieĂ das Zeughaus, kurz bevor der bereits geschĂ€rfte und auf zehn Minuten eingestellte ZeitzĂŒnder die Bombenexplosion auslösen konnte. Gersdorff gelang es im letzten Augenblick, die Bombe zu entschĂ€rfen.
Bis zum Sommer 1943 gingen diese Initiativen von dem an der Ostfront eingesetzten Tresckow aus, ab September 1943 bereitete Stauffenberg Attentat und Putsch vor. Geplant war zunĂ€chst, das Attentat durch einen anderen, der wegen der höheren Erfolgschancen zur Selbstopferung bereit war, ausĂŒben zu lassen, wĂ€hrend es Stauffenbergs Hauptverantwortung sein sollte, nach gelungenem Attentat den Putsch von der Bendlerstrasse in Berlin aus zu dirigieren.
Stauffenberg gewann im Herbst 1943 zunĂ€chst den jungen Offizier Axel von dem Bussche dazu, im November 1943 das Attentat auszufĂŒhren. Von dem Bussche war zuvor im Oktober 1942 in der Ukraine zufĂ€llig Zeuge einer MassenerschieĂung von ĂŒber 3000 Juden durch den SD geworden. Das hatte ihn in einen erbitterten Gegner des Regimes verwandelt. Auf Anregung Stauffenbergs erklĂ€rte er sich zu einem Selbstmordattentat bereit. Bei einer VorfĂŒhrung neuer Winteruniformen im FĂŒhrerhauptquartier Wolfsschanze wollte er Hitler mit einer selbstgebastelten Bombe töten, deren Detonation durch einen Handgranate ausgelöst werden sollte. Aber am 16. November 1943 wurde der Eisenbahnwagon mit den Uniformen bei einem britischen Luftangriff auf Berlin zerstört. Ein fĂŒr Februar 1944 geplanter zweiter Anschlag konnte nicht ausgefĂŒhrt werden, weil von dem Bussche Ende Januar 1944 an der Ostfront schwer verwundet worden war.
Stauffenberg hatte dann fĂŒr den 26. Dezember 1943 in der Wolfsschanze erstmals selbst ein Attentat geplant. Es scheiterte, weil Hitler, als Stauffenberg schon im Vorzimmer wartete, die Besprechung absagte. Er hatte sich kurzfristig entschlossen, an diesem Tag nach Berchtesgaden zu fliegen.
Im Februar 1944 trat von Stauffenberg an Ewald-Heinrich von Kleist heran. Auf Anraten seines Vaters (âJa, das muĂt Du tun!â) stellte sich Kleist fĂŒr ein Selbstmordattentat zur VerfĂŒgung, das nach dem Muster des geplanten Bussche-Attentates ablaufen sollte. Das Vorhaben scheiterte, weil der Termin fĂŒr die VorfĂŒhrung der Uniformen von Hitler mehrmals verschoben wurde.
Stauffenbergs Ordonnanzoffizier Oberleutnant von Haeften, der sich spĂ€ter bei der Exekution im Bendlerblock schĂŒtzend vor ihn stellen sollte, lehnte das Ansinnen Stauffenbergs, er solle Hitler töten, aus religiösen GrĂŒnden ab.
Rittmeister von Breitenbuch, Ordonnanzoffizier des Generalfeldmarschalls Ernst Busch, wollte Hitler bei einem fĂŒr den 11. MĂ€rz 1944 angesetzten Lagevortrag auf dem Obersalzberg mit einer Pistole erschieĂen. Doch am fraglichen Tag wurde ihm ĂŒberraschend der Zutritt zum Besprechungssaal verwehrt. Hitler habe befohlen, so wurde ihm von einem SS-Mann bedeutet, dass die Besprechung ausnahmsweise ohne Ordonnanzoffiziere abgehalten werde.
Am 7. Juli 1944 entschloss sich auf Anregung Stauffenbergs der Mitverschwörer Generalmajor Hellmuth Stieff, im Schloss KleĂheim bei Salzburg anlĂ€sslich einer VorfĂŒhrung neuer Uniformen Hitler umzubringen. Stieff versagten jedoch die Nerven. Er fĂŒhlte sich auĂer Stande, das Attentat auszufĂŒhren.
Daraufhin fasste Stauffenberg wie im Dezember 1943 den folgenschweren Entschluss, persönlich das Attentat gegen Hitler, Himmler und Göring zu verĂŒben und auĂerdem danach den Aufstand von Berlin aus zu dirigieren.
Stauffenberg war keineswegs von Anfang an Gegner des Regimes. AnfĂ€nglich begrĂŒĂte er beispielsweise die AufkĂŒndigung des Versailler Vertrages durch Hitler. Er weigerte sich jedoch, der NSDAP beizutreten. Nach der Reichspogromnacht 1938 ging er allmĂ€hlich auf Distanz zum NS-Regime. Im Sommer 1940 erlag er kurzfristig der nationalen Euphorie, die durch den erfolgreichen Frankreichfeldzug ausgelöst worden war. Das endgĂŒltige Umdenken setzte ein Jahr spĂ€ter mit dem Angriff gegen die Sowjetunion ein. Stauffenberg empörte sich ĂŒber die planmĂ€Ăigen und massenhaften Morde der SS und der SD-Einsatzgruppen hinter der Front.
Dies und die frĂŒhzeitig erlangte Ăberzeugung, dass der Krieg schon lĂ€ngst verloren sei, waren wie bei vielen WiderstĂ€ndlern aus der Wehrmacht bedeutsame Motive fĂŒr den Tyrannenmord.
Stauffenbergs innerer Konflikt zwischen seinem Soldateneid auf Adolf Hitler persönlich einerseits und seiner Gewissensnot andererseits zeigt sich besonders in seinen folgenden Aussagen:
Seit dem 1. Juli 1944 hatte Stauffenberg als neu ernannter âChef des Stabes beim Befehlshaber des Ersatzheeresâ Generaloberst Friedrich Fromm regelmĂ€Ăigen Zugang zu den Lagebesprechungen Hitlers.
Stauffenberg plante zunĂ€chst, mit einem Bombenattentat Hitler, Hermann Göring und Heinrich Himmler gleichzeitig zu töten. Bereits am 11. Juli auf dem Obersalzberg und am 15. Juli im FĂŒhrerhauptquartier Wolfsschanze versuchte er es. Beide Versuche brach er auf telefonische Empfehlung der Offiziere in der Berliner BendlerstraĂe vorzeitig ab, weil entweder Heinrich Himmler und/oder Hermann Göring nicht anwesend waren. Ein drittes Mal sollte der Anschlag unter keinen UmstĂ€nden verschoben werden.
Am frĂŒhen Donnerstagmorgen des 20. Juli 1944 flog Stauffenberg zusammen mit seinem Adjutanten Oberleutnant Werner von Haeften von Rangsdorf bei Berlin mit einer von Eduard Wagner zur VerfĂŒgung gestellten He 111 in das FĂŒhrerhauptquartier Wolfsschanze bei Rastenburg in OstpreuĂen. Haeften fĂŒhrte in einer Aktentasche zwei von Oberst Wessel Freiherr von Freytag-Loringhoven beschaffte britische Ein-Kilogramm-Plastiksprengstoffladungen (C1) mit lautlosen chemischen BleistiftzĂŒndern mit sich.
Stauffenberg erfuhr erst kurz nach seiner Ankunft im FĂŒhrerhauptquartier, dass die Lagebesprechung um eine halbe Stunde vorverlegt worden war, weil Hitler fĂŒr den Nachmittag den Besuch Benito Mussolinis erwartete. Das geplante Attentat drohte zu scheitern, da es zunĂ€chst keine Gelegenheit zu geben schien, die etwa nach zehn Minuten zĂŒndenden ZeitzĂŒnder an den SprengsĂ€tzen zu aktivieren. Vor der Erstattung seines Berichtes an Hitler gab Stauffenberg vor, an diesem heiĂen Sommertag sein Hemd wechseln zu mĂŒssen. Da er als EinhĂ€ndiger dazu Hilfe brauchte, konnte er gemeinsam mit Haeften die Sprengladungen in einem Nebenraum vorbereiten. Nach der Zerstörung der SĂ€urekapseln an den chemischen ZĂŒndern blieben nur noch etwa 10 Minuten, bis die SĂ€ure den Draht zerstörte, der einen Schlagbolzen festhielt, der dann auf ein ZĂŒndhĂŒtchen schlug, was zur Explosion fĂŒhrte. Weil Stauffenberg vom hereinkommenden Oberfeldwebel Werner Vogel gestört wurde, der ihn zur Eile antrieb, konnte er nur die erste Ein-Kilogramm-Bombe statt der geplanten zwei Bomben schĂ€rfen. Danach unterlief ihm ein folgenschwerer Fehler: statt auch das zweite Paket ohne ZĂŒnder zusammen mit dem scharfen Sprengstoffpaket in seiner Aktentasche unterzubringen, deponierte Stauffenberg nur das eine geschĂ€rfte Kilogramm Sprengstoff in seiner Tasche. Die andere Bombe ĂŒbergab er von Haeften, der keinen Zutritt zum Besprechungsraum hatte. Die Explosion des scharfen Paketes hĂ€tte nach dem Urteil von Experten auch das Paket ohne ZĂŒnder explodieren lassen, was unzweifelhaft zum Tode aller Anwesenden in der Lagebaracke gefĂŒhrt hĂ€tte.
Stauffenberg deponierte seine Aktentasche mit der Bombe unweit von Hitler unter dem Besprechungstisch und verlieĂ nach wenigen Minuten den Raum unter dem Vorwand eines wichtigen Anrufes aus Berlin. Um 12:42 Uhr detonierte die Bombe. Vier Personen wurden schwer verletzt und erlagen ihren Verletzungen kurz darauf. Fast alle anderen 20 Anwesenden wurden verletzt. Hitler selbst erlitt jedoch nur leichte Verletzungen in Form von Prellungen, SchĂŒrfwunden sowie BlutergĂŒssen. Wie der spĂ€tere General der Bundeswehr Heusinger berichtet, trug er Hitler gerade zur Lage weit im Norden der Sowjetunion vor; deshalb lagen beide MĂ€nner fast, weit ĂŒber die riesige Karte gebeugt, auf der dicken Tischplatte, als es zur Detonation kam. Vor allem deshalb war Hitler vor der Bombenexplosion einigermaĂen geschĂŒtzt. Hinzu kam, dass ein Konferenzteilnehmer die zunĂ€chst nahe bei Hitler auf dem FuĂboden stehende Aktentasche etwas weiter weg, hinter die massive AbstĂŒtzung des Konferenztisches, gerĂŒckt hatte, um selbst besser an den Tisch heranzukommen. Die massive eichene Tischplatte fing dann die Wucht der Detonation groĂteils auf und schirmte Hitler von der direkten Wirkung ab. AuĂerdem verpuffte die Druckwelle der Explosion wegen der mangelhaften VerdĂ€mmungswirkung der Besprechungsbaracke. Ein groĂer Teil der Explosionsenergie konnte durch die wegen der Sommerhitze weit geöffneten Fenster entweichen. FĂ€lschlicherweise wird oft behauptet, die Besprechung hĂ€tte eigentlich im unterirdischen Bunker stattfinden sollen. Seit Ende Februar 1944 wurden die Lagebesprechungen immer auf dem Berghof bei Berchtesgaden abgehalten, und seit dem 14. Juli wieder in der Wolfsschanze. Stauffenberg war aber schon am 15. Juli bei der Lagebesprechung in der Baracke gewesen und kannte die Ărtlichkeit. Sicher ist anzunehmen, dass bei der Explosion von einem Kilo Sprengstoff im Bunker alle Anwesenden ums Leben gekommen wĂ€ren. Stauffenberg hatte jedoch gar nicht mit der viel gröĂeren VerdĂ€mmung im Bunker gerechnet, sondern sich viel mehr auf die vernichtende Wirkung eines zusĂ€tzlichen, zweiten Kilogramm Sprengstoffs verlassen.[11] Hitler gewann nach dem gescheiterten Attentat neue Zuversicht. Er betrachtete es als ein Zeichen der âVorsehungâ, dass er den Angriff ĂŒberlebt hatte.
Bereits wenige Minuten nach der Explosion gelangte die Nachricht, dass Hitler ĂŒberlebt hatte, nach Berlin: Der Mitverschwörer General Erich Fellgiebel hatte zwar wie vereinbart versucht, die Wolfsschanze nach der Explosion der Bombe von allen Nachrichtenverbindungen abzuschneiden, indem er die zur Lagebaracke gehörende Telefonanlage abschalten lieĂ. Dies wurde aber bereits nach wenigen Minuten widerrufen. AuĂerdem betraf diese Unterbrechung nicht gesondert vorhandene Nachrichtenverbindungen der SS und eine Ersatzzentrale im Sperrkreis 2.[12][13] Daher erhielt Propagandaminister Joseph Goebbels bereits gegen 13 Uhr in Berlin Kenntnis vom Attentat, wenngleich noch ohne nĂ€here Angaben. Als Fellgiebel etwa um dieselbe Zeit erfuhr, dass Hitler noch lebte, rief er General Thiele im Bendlerblock, dem Oberkommando des Heeres und der Verschwörer-Zentrale, an, wo die Verschwörer auf eine Nachricht warteten, und meldete mehrdeutig: âEs ist etwas Furchtbares passiert, der FĂŒhrer lebtâ. Der Mitverschwörer Oberst Hahn bestĂ€tigte Thiele in einem weiteren Telefonat aus der Wolfsschanze ausdrĂŒcklich, dass Hitler das Attentat ĂŒberlebt habe. Thiele benachrichtigte General Friedrich Olbricht und Hoepner von den FerngesprĂ€chen, sie einigten sich darauf, WalkĂŒre zunĂ€chst noch nicht auszulösen.
Himmler, der nicht an der Besprechung teilgenommen hatte, rief gegen 14 Uhr von der Wolfsschanze aus den Befehlshaber der Berliner Kriminalpolizei und Mitverschworenen Arthur Nebe und den Chef des Amtes IV (Gestapo) des Reichssicherheitshauptamtes Heinrich MĂŒller in Berlin an und forderte eine Untersuchung an; Stauffenberg solle verhaftet werden.
ZunĂ€chst aber konnten Stauffenberg und sein Adjutant Haeften aus der in höchsten Alarmzustand versetzten Wolfsschanze entkommen. An einer ersten Sperre lieĂ sie der Wachhabende passieren, am zweiten Kontrollpunkt wurde ihnen die Weiterfahrt jedoch unter Hinweis auf die aktuelle Lage zunĂ€chst verwehrt. In einem Telefonat konnte Stauffenberg einen ihm bekannten Offizier dazu bewegen, dem diensthabenden Wachposten die Ăffnung der Schranke zu befehlen. WĂ€hrend der Fahrt zum Flugplatz warf Haeften die ungeschĂ€rfte Bombe aus dem offenen Wagen. Auf dem Rollfeld erwartete Stauffenberg die fĂŒr diesen Tag fĂŒr ihn persönlich abgestellte He 111. Stauffenberg hatte zwar nicht mit eigenen Augen sehen können, ob Hitler durch die Explosion tatsĂ€chlich umgekommen war, die Wucht der Detonation aber noch wahrgenommen. Er und Haeften flogen daher in der festen Ăberzeugung nach Berlin, dass Hitler tot sei. WĂ€hrend die beiden Verschwörer noch auf dem RĂŒckflug von der Wolfsschanze nach Berlin waren, hatte Oberst Albrecht Mertz von Quirnheim gegen 14 Uhr abweichend vom Beschluss seines Vorgesetzten Olbricht bereits einige erste Alarmbefehle mit seiner Unterschrift versehen und abgesandt. Dabei blieb es allerdings zunĂ€chst.
Gegen 15:45 Uhr auf dem Flugplatz Rangsdorf gelandet, forderte Stauffenberg Olbricht als Vertreter von Fromm fernmĂŒndlich auf, die âOperation WalkĂŒreâ anlaufen zu lassen. Der WalkĂŒre-Plan war ein offizieller, aber durch von Tresckow, Oberstleutnant i. G. Robert Bernardis und Stauffenberg fĂŒr die BedĂŒrfnisse des Staatsstreichs angepasster Plan fĂŒr den Fall innerer Unruhen. Dazu gehörte vor allem, dass alle Gestapo-, Partei- und SS-Dienststellen von der Wehrmacht besetzt wĂŒrden.
Im Bendlerblock blieb man aber verunsichert durch weitere Hinweise, dass Hitler entgegen den Beteuerungen durch Stauffenberg nicht umgekommen war. So bekrĂ€ftigte Keitel, als Olbricht ein FerngesprĂ€ch zur Wolfsschanze herstellte, gegenĂŒber Fromm, dass Hitler nur leicht verletzt worden war.
Daher wurden ab etwa 16 Uhr nur wenige Teile der WalkĂŒre-Operation in Angriff genommen, und die auf Verschwörerseite stehenden TruppenfĂŒhrer fĂŒhrten vielfach die Befehle nicht aus, wodurch wertvolle Zeit ungenutzt verstrich. So ging zwar das Stichwort WalkĂŒre an alle Wehrkreise, Lehr- und Ersatztruppen hinaus. Aber die Besetzung des Reichsfunks und von Fernmeldezentralen in Berlin konnte wegen fehlender Truppen nicht durchgefĂŒhrt werden. Lediglich in Paris unter General von StĂŒlpnagel und in Wien unter der Leitung des Chefs des Stabes im Wehrkreis, Oberst i. G. Heinrich KodrĂ©, gelang es, die Befehle der Operation WalkĂŒre umzusetzen. In groĂ angelegten Aktionen wurden in diesen beiden StĂ€dten Mitglieder der SS verhaftet.
Eines der Fernschreiben der Verschwörer wurde versehentlich auch an die Wolfsschanze versandt. Daraufhin gingen von dort aus ab etwa 16 Uhr erste Fernschreiben heraus, dass Befehle aus dem Bendlerblock ungĂŒltig seien.
Stauffenberg musste bei seiner Ankunft im Bendlerblock gegen 16:30 Uhr feststellen, dass bisher auĂer der Alarmierung der Truppen des Ersatzheeres, das die militĂ€rische und vollziehende Gewalt in Deutschland ĂŒbernehmen sollte, nichts unternommen worden war. GegenĂŒber Fromm offenbarte er, er selbst habe die Bombe gezĂŒndet und behauptete, er selbst habe auch gesehen, wie Hitler tot aus der Baracke hinausgetragen worden sei, Keitel habe, als er Fromm vom Ăberleben Hitlers berichtet habe, âwie immer gelogenâ. Fromm wurde festgesetzt. Weitere Teile der WalkĂŒre-Operation wie das Benachrichtigen der Wehrkreiskommandos wurden nun abgearbeitet. Generaloberst Ludwig Beck traf erst gegen 17 Uhr im Bendlerblock ein. Als er vom zweifelhaften Ausgang des Attentats erfuhr, schloss er sich der Einstellung Stauffenbergs an: âFĂŒr mich ist dieser Mann tot, davon lasse ich mein weiteres Handeln bestimmenâ.
Eine besonders schwerwiegende Panne ereignete sich kurz zuvor beim Versand desjenigen Fernschreibens, welches den nicht in die Verschwörung Eingeweihten den Anlass der WalkĂŒre-Operation klarmachen sollte:
âDer FĂŒhrer ist tot! Eine gewissenlose Clique frontfremder ParteifĂŒhrer hat es unter Ausnutzung dieser Lage versucht, der schwer ringenden Front in den RĂŒcken zu fallen und die Macht zu eigennĂŒtzigen Zwecken an sich zu reiĂen âŠâ
Stauffenbergs Adjutant Friedrich Karl Klausing lieĂ dieses Fernschreiben als âGeheime Kommandosacheâ einstufen. Dadurch konnte es nicht gleichzeitig an jeweils 30 EmpfĂ€nger durchgegeben werden, sondern musste zunĂ€chst verschlĂŒsselt und dann jede Seite einzeln versandt werden. Bis ab etwa 17:30 Uhr alle EmpfĂ€nger das Fernschreiben erreicht hatten, wurde es spĂ€ter als 21 Uhr. In der Zwischenzeit war aber sowohl die Bevölkerung zwischen 18:28 und 18:42 Uhr durch drei Sondermeldungen des Deutschlandsenders darĂŒber informiert worden, dass Hitler nur leichte Verletzungen erlitten hatte, als auch bei den militĂ€rischen Dienststellen das Fernschreiben Keitels von 20:20 Uhr eingetroffen, in dem dieser Befehle aus dem Bendlerblock fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rte und mitgeteilt hatte: âDer FĂŒhrer lebt! Völlig gesund!â
AuĂerdem scheiterten auch die Abriegelung des Berliner Regierungsviertels in der WilhelmstraĂe, die Ausschaltung des Rundfunks in Berlin-Charlottenburg, die Verhaftung der SS-FĂŒhrung und die Besetzung der Gestapozentrale in der Prinz-Albrecht-StraĂe: Gegen 18:00 Uhr ĂŒberzeugte sich der als fanatischer Nationalsozialist geltende Kommandeur des Wachbataillons âGroĂdeutschlandâ Major Otto Ernst Remer, der das Regierungsviertel absichern und Goebbels festnehmen sollte, durch ein von Goebbels vermitteltes TelefongesprĂ€ch mit Hitler (âMajor Remer, erkennen Sie meine Stimme?â) vom Ăberleben des âFĂŒhrersâ. Er erhielt von ihm das Kommando ĂŒber die gesamte Hauptstadt ĂŒbertragen.
Stauffenberg indes versuchte, durch zahlreiche FerngesprĂ€che ein Scheitern der Verschwörung noch abzuwenden. Wiederholt beharrte er dabei darauf, Hitler sei tot. Dennoch brachte das Regime die Verschwörer zunehmend in die Defensive. Etliche Offiziere im Bendlerblock wechselten die Seite, setzten sich ab oder hintertrieben Befehle der Verschwörer. Gegen 20 Uhr gab General Wolfgang Thomale der auf dem Fehrbelliner Platz in Berlin eingetroffenen Panzer-Ersatzbrigade den Befehl, den Putsch niederzuschlagen. Gegen 23:00 Uhr wurde der Bendlerblock von diesen Truppen besetzt. Die meisten der Verschwörer wurden nach einem Schusswechsel festgesetzt. Nur Hauptmann Klausing und einige jĂŒngere Offiziere (von Hammerstein, von Oppen, von Kleist) konnten aus dem GebĂ€ude entkommen.
Dem Generaloberst Beck gab Fromm, einst sein Untergebener, auf die Bitte, die Dienstwaffe âfĂŒr den eigenen Gebrauchâ behalten zu dĂŒrfen, zuvor Gelegenheit, sich selbst zu töten. Nachdem sich Beck beim ersten Versuch nur einen Streifschuss und beim zweiten nur eine nicht sofort tödliche Kopfverletzung beibringen konnte, wurde er auf Befehl Fromms durch den Gnadenschuss eines Feldwebels getötet.
Im Hof des Bendlerblocks wurden wenige Minuten nach Mitternacht Stauffenberg, Haeften, Olbricht und Mertz von Quirnheim â von Soldaten und einzeln â vor einem Sandhaufen und im Scheinwerferlicht eines Lastwagens erschossen.[14][15] Die ErschieĂung der Verschwörer war von Generaloberst Friedrich Fromm unter Berufung auf ein angeblich stattgefundenes Standgericht befohlen worden.[16] Nachdem die fĂŒnf Offiziere auf Anordnung Fromms zunĂ€chst in Uniform mit Orden und Ehrenzeichen auf dem Alten St.-MatthĂ€us-Kirchhof begraben worden waren, lieĂ Himmler die Leichen am nĂ€chsten Tag exhumieren, verbrennen und ihre Asche ĂŒber die Rieselfelder der Berliner KlĂ€ranlage verteilen.
Fromm lag daran, seine eigene Verstrickung in die AttentatsplÀne zu vertuschen. Er wurde dennoch, nachdem eine Liste der geplanten Regierung in seinem Safe gefunden worden war, spÀter angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Gegen 01:00 Uhr des 21. Juli 1944 traf der aus dem 90 Kilometer entfernten Königsberg angeforderte Ăbertragungswagen der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft an der Wolfsschanze ein und wurde betriebsbereit gemacht, so dass sich Hitler ĂŒber den Rundfunk an die Ăffentlichkeit wenden konnte: âEine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich unvernĂŒnftiger, verbrecherisch-dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen und mit mir den Stab praktisch der deutschen WehrmachtsfĂŒhrung auszurotten.â[17][18]
Generalmajor Henning von Tresckow, Chef des Stabes der Heeresgruppe Mitte, ahnte, dass ein Schauprozess bevorstand. Er lieĂ sich am 21. Juli 1944 in die NĂ€he der Front fahren und zĂŒndete an einem Waldrand eine Gewehrgranate. Er starb sofort.
In Paris und Wien hatten die Verschwörer gemeinsam mit der dortigen SS und Wehrmacht groĂes Interesse an einer Vertuschung der Aktion, was ihnen auch weitgehend gelang. Aber unter zunehmendem Druck durch Ermittlungen des Regimes wurde der Oberbefehlshaber der 4. Armee von Kluge abgesetzt und beging im August 1944 Selbstmord, und der in Paris zustĂ€ndige MilitĂ€rbefehlshaber von StĂŒlpnagel versuchte vergeblich Selbstmord zu begehen, er wurde im April 1945 hingerichtet.
Zusammenfassend gab es dafĂŒr, dass es trotz des Attentats nicht zum Sturz des Hitler-Regimes kam, drei HauptgrĂŒnde:
Die Ermittlungen der Gestapo zogen sich bis Mai 1945 hin. Neben den Verschwörern fielen auch zahlreiche andere Oppositionelle der NS-Justiz zum Opfer, die schon lÀnger das Missfallen des nationalsozialistischen Regimes erregt hatten, aber nicht in das Attentat verwickelt waren. Man geht insgesamt von ca. 700 Inhaftierungen und mehr als 110 Exekutionen aus.[19]
Im Gefolge des Attentats wurde am 2. August 1944 der sogenannte Ehrenhof der Wehrmacht errichtet, dessen Aufgabe darin bestand, die möglicherweise am Attentat beteiligten Offiziere aus der Armee auszuschlieĂen. FĂŒr diejenigen Offiziere, die vom Ehrenhof aus der Wehrmacht als âunehrenhaftâ (zu âSchĂŒtzenâ degradiert) entlassen wurden, war das MilitĂ€rstrafrecht nicht anwendbar und deshalb das Reichskriegsgericht nicht zustĂ€ndig. Sie konnten aufgrund dieser Formalie vom Volksgerichtshof in Schauprozessen unter dem Vorsitz von Roland Freisler abgeurteilt werden. Im Gerichtssaal waren die Angeklagten massiven DemĂŒtigungen ausgesetzt â so musste sich beispielsweise Erwin von Witzleben wĂ€hrend der Verhandlung die Hose festhalten, da ihm die Gestapo den GĂŒrtel abgenommen hatte. Gleichzeitig wurde er durch Roland Freisler beschimpft als âdreckiger alter Mann, der an seiner Hose herumnesteleâ.
Die Vollstreckung der Todesurteile erfolgte meist nur wenige Stunden nach ihrer VerkĂŒndung. Die Opfer wurden in Berlin-Plötzensee an Fleischerhaken mit Stahlkabeln aufgehĂ€ngt. Eine Kamera filmte den Todeskampf der Verurteilten, die Aufnahmen wurden direkt an das FĂŒhrerhauptquartier weitergeleitet. Alle Filme sind heute verschollen.[20]
Etwa 200 Personen[21] wurden von Hitlers Gefolgschaft als (vermeintliche) AttentÀter oder Mitwisser getötet oder in den Tod getrieben.
Ausgehend von Hitler nach rechts befanden sich in der Lagebaracke:
Auch im Ausland wurde der versuchte Umsturz zunĂ€chst herabgewĂŒrdigt, um den damaligen Feind als moralisch minderwertig und im Zerbrechen begriffen darzustellen. Winston Churchill, der von den AttentatsplĂ€nen im Voraus unterrichtet war, erklĂ€rte am 2. August 1944 im britischen Unterhaus, es handle sich lediglich âum AusrottungskĂ€mpfe unter den WĂŒrdentrĂ€gern des Dritten Reichesâ. Weiter kommentierte er das Attentat: âDie fĂŒhrenden Persönlichkeiten des Deutschen Reiches bringen sich gegenseitig um, oder sie trachten sich nach dem Leben; aber ihre Tage sind gezĂ€hlt.â
Die USA wiederholten die von Churchill vorgegebene Interpretation des Ereignisses. Die New York Times schrieb am 9. August 1944, das Attentat erinnere eher an einen Kontenausgleich in der âAtmosphĂ€re einer finsteren Verbrecherweltâ. Es handele sich nicht um ein Verhalten, wie man es ânormalerweise vom Offizierskorps eines Kulturstaatesâ erwarten wĂŒrde.
Ilja Ehrenburg schrieb in der Krasnaja Swesda, das nationalsozialistische Deutschland werde nicht von meuternden Offizieren in die Knie gezwungen, sondern von der Roten Armee und ihren VerbĂŒndeten. âUnsere Armeen sind schneller als das Gewissen der âFritzenâ.â Noch heute (2010) betrachtet man in West- und mehr noch in Osteuropa den 20. Juli 1944 weiterhin als eher vernachlĂ€ssigbare FuĂnote der deutschen Geschichte.
Die Journalistin und Mitherausgeberin der Wochenzeitung Die Zeit Marion GrĂ€fin Dönhoff hat darauf hingewiesen, dass trotz der BemĂŒhungen von Carl Friedrich Goerdeler und Adam von Trott zu Solz um UnterstĂŒtzung im Ausland eine âMauer des Schweigensâ die Folge gewesen sei. Dönhoff stellte eine âunterlassene Hilfeleistungâ fest. Wider besseres Wissen hĂ€tten die WestmĂ€chte sich der Interpretation Hitlers angeschlossen und das Attentat als die Tat âehrgeiziger Offiziereâ bezeichnet.[22][23]
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Die Ereignisse vom 20. Juli 1944 wurden ĂŒberwiegend von Mitgliedern der Wehrmacht und der Polizei getragen, dennoch sind sie nicht als reiner MilitĂ€rputsch zu bewerten. Die NS-Propaganda brandmarkte in einer Neuauflage der DolchstoĂlegende Stauffenberg und die Verschwörer des 20. Juli als feige LandesverrĂ€ter, die dem Deutschen Reich in Zeiten höchster Not in den RĂŒcken gefallen seien. Die nationalsozialistische Interpretation des Attentats wirkt bis heute nach.
Das Hauptmotiv fĂŒr die Aktion war bei einigen Verschwörern wie Stauffenberg, Tresckow, Bussche und anderen klar die im Sommer 1944 unvermeidliche Perspektive der totalen Niederlage. Andererseits ist es bei der heterogenen und groĂen Gruppe der WiderstĂ€ndler des 20. Juli 1944 schwer, Motive zu nennen, die fĂŒr alle Teilnehmer gleich maĂgeblich waren. Die heutige deutsche Geschichtsschreibung hebt ĂŒberwiegend das von ihr sogenannte ânationale Interesseâ als entscheidenden Ansporn fĂŒr die meisten der opponierenden MilitĂ€rs hervor. âNationales Interesseâ ist in der Sprache dieser Wissenschaftler ein KĂŒrzel fĂŒr die Einigkeit der Verschwörer in der negativen Beurteilung des Dilettantismus Hitlers in kriegsstrategischen Fragen und die seit 1942 eingetretene aussichtslose Lage an den meisten Fronten. Die sich abzeichnende militĂ€rische Niederlage mĂŒsse im nationalen Interesse Deutschlands verhindert werden und dies ginge nur unter der Beseitigung der Person Hitlers. Das nationale Interesse rechtfertige den Hochverrat.
Von 1938 bis 1940 war das ânationale Interesseâ im Offizierskorps mit Sicherheit ausschlaggebend. FĂŒr diese Annahme spricht insbesondere, dass die militĂ€rische Opposition nach dem Frankreichfeldzug 1940 auf einen kleinen Kern zusammengeschmolzen war, auch bedingt durch den unverhofft schnellen und leichten Sieg ĂŒber den âErbfeindâ, der Deutschland 1939 den Krieg erklĂ€rt hatte. Im Jahre 1941 dagegen ĂŒberfiel das Deutsche Reich die verbĂŒndete Sowjetunion, erzielte trotz groĂer Bodengewinne keinen entscheidenden Erfolg, und hinter den Fronten fanden Massenhinrichtungen statt. Seitdem nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad im Januar 1943 ein Sieg gegen die Sowjetunion unwahrscheinlich geworden war, wurde es wieder leichter, neue MĂ€nner fĂŒr den Widerstand zu gewinnen.
Vielen der MĂ€nner des 20. Juli war es im Verlaufe der Kriegsjahre ein immer gröĂer werdendes BedĂŒrfnis geworden, einen Aufstand gegen die verbrecherische Politik Hitlers hinter der Front zu fĂŒhren. Sie waren in zunehmendem MaĂe Zeugen von systematischen Massentötungen von Unschuldigen geworden, die sie mit ihrer Offiziersehre und ihrem Gewissen nicht in Einklang brachten. Mitunter fĂŒrchteten diese MĂ€nner eine langfristige SchĂ€digung des deutschen Rufs und eine Auferlegung moralischer Schuld fĂŒr kommende Generationen. Mit dieser Argumentation hatte Tresckow schon nach der Bekanntgabe des Kommissarbefehls vergeblich versucht, seinen Vorgesetzten zu einem offiziellen Protest bei Hitler zu bewegen.
Andere Interpretationen stellen den immer nĂ€her rĂŒckenden und unvermeidlichen militĂ€rischen Zusammenbruch Deutschlands als Motiv fĂŒr den Umsturzversuch in den Vordergrund. Insbesondere marxistisch orientierte Historiker sehen den Putsch als Versuch einiger âHitleroffiziereâ aristokratischer Herkunft, Deutschland eine Besetzung, den Adeligen den Verlust ihres Landbesitzes im Osten und der Offizierskaste den Verlust ihrer Privilegien zu ersparen. Der wahre Widerstand sei von der KPD und der Roten Kapelle ausgegangen. Einige Historiker wie Andreas Hillgruber rĂ€umen dem gescheiterten Attentat Georg Elsers vom 8. November 1939 und der Flugblattaktionen der âWeiĂen Roseâ in der UniversitĂ€t von MĂŒnchen am 18. Februar 1943 gröĂere Bedeutung als der Verschwörung des 20. Juli 1944 ein, weil beide demokratischen Charakter gehabt hĂ€tten. Stauffenberg dagegen sei Monarchist und daher kein Demokrat gewesen. Joachim Fest und andere sagen, Stauffenberg sei zwar Monarchist und damit kein Republikaner, aber durchaus Demokrat gewesen.
Festzuhalten ist, dass einige radikale Antisemiten und Kriegsverbrecher an der Verschwörung des 20. Juli beteiligt waren, so z. B. der Generalquartiermeister Eduard Wagner, der Mitverantwortung fĂŒr den Tod von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener trug und der sich aus Furcht vor der Rache der Roten Armee dem Widerstand angeschlossen hatte. Zum engeren Kreis zĂ€hlt auch der 1944 hingerichtete Arthur Nebe, der als Kommandeur der SS-Einsatzgruppe B zahlreiche Massaker an Juden und anderen Zivilisten zu verantworten hatte und als Chef des Reichskriminalpolizeiamtes im RSHA einer der Hauptverantwortlichen fĂŒr den Völkermord an den Sinti und Roma war. Ebenfalls zum Kreis der Mitverschwörer gehörte der Berliner PolizeiprĂ€sident, Wolf-Heinrich Graf von Helldorf, der sich als alter Parteigenosse schon vor 1933 bei Ăbergriffen gegen Juden hervorgetan hatte.
DemgegenĂŒber haben nachweislich 20 Beteiligte vor dem Volksgericht die verbrecherische Ausrottung der Juden als Hauptbeweggrund fĂŒr ihr Handeln genannt. Die meisten Historiker unterstellen einem Teil der MĂ€nner des 20. Juli unter dem Eindruck der brutalen verbrecherischen Gewaltpolitik Hitlers einen Lernprozess, der von anfĂ€nglicher Zustimmung zu entschiedener Ablehnung gefĂŒhrt habe. Die Geschichtsforschung betont in diesem Zusammenhang das klare Bekenntnis der Verschwörer zu ihrer Tat â auch um den Preis des eigenen Lebens. Keiner der Angeklagten lieĂ sich vor Freislers Volksgerichtshof psychisch brechen oder versuchte, durch AusflĂŒchte den eigenen Kopf zu retten. Nach Meinung vieler Wissenschaftler gewinnen die WiderstĂ€ndlern aus dem Offizierskorps besondere historische Bedeutung durch ihre aufrechte Haltung, wie sie in dem zum Ausdruck kommt, was Henning von Tresckow am 21. Juli 1944 Fabian von Schlabrendorff zum Abschied sagte:
Im geteilten Nachkriegsdeutschland war die Haltung gegenĂŒber dem Attentat des 20. Juli 1944 uneinheitlich. In Westdeutschland wurden die MĂ€nner des 20. Juli 1944 Mitte der 1950er-Jahre in Folge des Remer-Prozesses langsam zu Helden stilisiert, wohingegen die Bevölkerung in der DDR mit diesem Datum wenig anfangen konnte. Bei vielen Deutschen im Westen und im Osten wirkte auch noch der Verratsvorwurf der NS-Propaganda nach. Zum Gedenken an die Verschwörer gehörte in Westdeutschland schon bald die Behauptung, Churchill habe sich vor dem britischen Unterhaus wie folgt ĂŒber den deutschen Widerstand geĂ€uĂert:
Veröffentlicht wurde diese angebliche ErklĂ€rung erstmals in der Deutschen Rundschau, Dezember 1946, S. 173, 180, wo ihr Herausgeber Rudolf Pechel sie am Ende seines âTatsachenâ betitelten Aufsatzes ĂŒber deutsche WiderstandsaktivitĂ€ten gegen Hitler ohne weitere ErlĂ€uterung mit dieser schlichten Einleitung prĂ€sentierte:
In Heft 1/2 des Jahrgangs 1950 druckte die Deutsche Rundschau diese âWorteâ unter der Ăberschrift âEine BestĂ€tigung durch Churchillâ noch einmal. Dieses Mal hieĂ es dazu, die im Dezemberheft 1946 âauf Grund einer Zeitungsnotizâ veröffentlichten âWorte Winston Churchillsâ hĂ€tten âin der ganzen Welt Aufsehen erregtâ âŠ
Churchills angebliche ErklĂ€rung vor dem Unterhaus wurde 1952 in eine Sonderveröffentlichung zum 20. Juli (Hrsg. Hans Royce) der von der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung herausgegebenen Zeitung Das Parlament aufgenommen und auch in Eberhard Zellers Standardwerk Geist der Freiheit, dort allerdings mit dem einschrĂ€nkenden Vorspruch: âChurchill [âŠ] soll im Jahr 1946 einmal so vor dem britischen Unterhaus gesprochen habenâ (S. 487). Die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung nennt den Text inzwischen selbst âundokumentiertâ,[25] und Peter Steinbach bezeichnete ihn schon 1999 als âmit Sicherheit nicht authentischâ.[26] Von einer englischsprachigen Version ist nach wie vor nichts bekannt, und es gibt wie 1950 keine Dokumente oder Zeugen, die die Darstellung der Deutschen Rundschau bestĂ€tigen.
In der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR gab das SED-Regime die allgemein-verbindliche Sichtweise unmissverstĂ€ndlich vor, indem sie die MĂ€nner des 20. Juli zunĂ€chst als âreaktionĂ€re Agenten des US-Imperialismusâ bezeichnete. Laut Kurt Finker âwar die Verschwörung in ihrer Gesamtheit und in ihrem Wesen ein radikal reaktionĂ€res Unternehmen zur Rettung des deutschen Imperialismus und der Macht der Monopole vor ihrer Zerschlagungâ.[27] SpĂ€ter wurden sie im Sinne der marxistischen Geschichtstheorie eher in die Kategorie der ânĂŒtzlichen Idiotenâ eingestuft, also als ursprĂŒnglich arbeiterklassenfeindliche Elemente, die jedoch die siegreiche Sowjetarmee bei ihrem Kampf gegen den Faschismus unbewusst unterstĂŒtzt hatten. Um 1980 besann sich die SED-FĂŒhrung ihrer preuĂischen Tradition und bewertete die Teilnehmer des 20. Juli verhalten positiv. Im internationalen Filmmehrteiler Befreiung, der unter der Leitung der Sowjetunion von 1969 bis 1972 produziert wurde, nimmt das Attentat einen recht groĂen Raum ein und wird deutlich positiv dargestellt.
Das Attentat des 20. Juli 1944 entfaltete trotz seines Scheiterns nach Kriegsende eine beachtliche Wirkung. WĂ€hrend sich dieses Datum unter den ehemaligen und zukĂŒnftigen Soldaten durch heftige Konflikte hindurch als die wesentliche Wurzel der Konzeption Innere FĂŒhrung fĂŒr eine neuartige Armee durchsetzte, blieb es bei der Mehrheit der Bevölkerung zunĂ€chst ein ungeliebtes und vorwiegend durch Gedenkreden am Leben gehaltenes Erbe.[28] Joachim Fest erklĂ€rt die anfĂ€ngliche Ablehnung innerhalb der Zivilbevölkerung nach dem Kriege durch die in wesentliche Positionen der Bundesrepublik Deutschland gelangten ehemaligen Nationalsozialisten. Die nach links gerĂŒckten Nachfolgegenerationen, vor allem die 68er, wollten die vorgegebene Sichtweise nur ungern akzeptieren, nach welcher der (angeblich) maĂgebliche Widerstand gegen den deutschen Faschismus nicht von Arbeitern, Bauern, Hausfrauen, HĂ€ftlingen und Deserteuren, sondern von Grafen und GenerĂ€len, Faschisten und Kriegsverbrechern geleistet wurde.
In den Medien und den seit 1946 stattfindenden Gedenkreden zum 20. Juli ist eine Tendenz festzustellen, den 20. Juli positiv zu bewerten. Diese Tendenz setzte sich nach dem Wegfall der Lizenzierungspraxis der Medien 1949 vollends durch. Auch wenn der Begriff âpolitical correctnessâ damals noch nicht gebrĂ€uchlich war, wurde innerhalb der bundesrepublikanischen Eliten jede Stellungnahme gegen den 20. Juli 1944 vor allem nach dem Remer-Prozess 1952 zunehmend als ein VerstoĂ gegen das empfunden, was heute Political Correctness genannt wird, und entsprechend scharf kritisiert.[29] Von Anfang an erfolgte in den Gedenkreden neben einer Verteidigung gegen die mannigfaltigen VorwĂŒrfe gegen die MĂ€nner und Frauen des 20. Juli 1944 eine Funktionalisierung des 20. Juli: nach AuĂen zur Widerlegung der Kollektivschuldthese, nach innen zur Stiftung einer neuen IdentitĂ€t in einer Tradition der Freiheit. Dabei wurde dem Widerstand angesichts der UnfĂ€higkeit der Deutschen, mit ihrer eigenen Verstrickung in das nationalsozialistische Unrecht umzugehen, stellenweise auch eine Katharsisfunktion zugeschrieben[30] , die â z. B. noch 1958 bei Carlo Schmid, einem prominenten SPD-Mitglied â in einer pseudo-christlichen Opfer-Rhetorik gipfelte: âSie, die unter dem Beil, die am Galgen, die in den Gaskammern, am Pfahle gestorben sind, haben stellvertretend auch fĂŒr uns gehandelt; der harte Lorbeer, den sie, einer Dornenkrone gleich, in ihre Stirne gedrĂŒckt haben, hat die Schuld weggenommen, die auf uns lastete.â[31] Ab 1953 verknĂŒpften viele Gedenkredner den 20. Juli 1944 mit dem 17. Juni 1953 als aufeinander folgende Fanale des Freiheitswillens einer deutschen Bevölkerung in einer Diktatur.[32]
Was die politische Auseinandersetzung zum Thema â20. Juliâ angeht, zeigen sich in der Untersuchung der Plenarprotokolle des Deutschen Bundestages in Nuancen unterschiedliche Haltungen, wobei handfest negative ĂuĂerungen im gesamten Untersuchungszeitraum in den Debatten ausgeblieben sind â selbst von Angehörigen der KPD oder der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei (SRP). Allerdings unterblieben eindeutige und signalhafte Stellungnahmen â beispielsweise im Rahmen der Wiedergutmachungsgesetzgebung â im Bundestag und von Seiten der Bundesregierung ganz. Dass nie in ErwĂ€gung gezogen wurde, den 20. Juli als nationalen Gedenk- oder Feiertag einzufĂŒhren, ist zwar zu erwĂ€hnen, jedoch ex post kaum ernsthaft zu kritisieren. Ăffentliche GebĂ€ude in Westdeutschland wurden am 20. Juli bundesweit ab dem Jahr 1963 beflaggt[33] und die Bundespost brachte im Jahr 1964 zum 20. Jahrestag eine Briefmarke zum Gedenken an den deutschen Widerstand in Umlauf.
Die Mehrheit der Bevölkerung Westdeutschlands hatte anfĂ€nglich zum Thema â20. Juliâ eine geteilte, weithin jedoch distanzierte Haltung. Dabei ergibt die ausfĂŒhrlichste Umfrage zum 20. Juli aus dem Jahr 1951 das Bild einer Dreiteilung: Ein Drittel verband mit dem Datum 20. Juli kein Ereignis oder hatte dazu keine Meinung. Ein weiteres Drittel Ă€uĂerte sich positiv, das letzte Drittel hatte eine kritische Haltung zum Attentat.[34] Diese Meinungsverschiedenheit innerhalb der Bevölkerung wurde von Zeitgenossen durchaus als problematisch empfunden, besorgte Stellungnahmen zur Rezeption des 20. Juli â wie die folgende â waren vor allem bis 1952 an der Tagesordnung: âOberste Pflicht eines jeden verantwortungsvollen Deutschen muss es [âŠ] sein, diesen unseligen Riss, der durch das Denken unseres Volkes geht, nach Möglichkeit zu ĂŒberbrĂŒcken und allmĂ€hlich ganz zu schlieĂen.â[35] Die GrĂŒnde fĂŒr ein âSich-nicht-auseinandersetzen-wollenâ weiter Teile der deutschen Bevölkerung lagen zum einen in den Vorurteilen, die sich als Folge der nationalsozialistischen Propaganda gegen die WiderstandskĂ€mpfer des 20. Juli in den Köpfen festgesetzt hatten, zum anderen in der herrschenden zur VerdrĂ€ngung der persönlichen politischen Vergangenheit neigenden Grunddisposition der Bevölkerung.
Die kritische Haltung der Bevölkerung erreichte im Rahmen des Erstarkens der Sozialistischen Reichspartei (SRP) und der Etablierung der SoldatenverbĂ€nde kurz vor dem Remer-Prozess im FrĂŒhjahr 1952 einen Höhepunkt, sodass in diesem Zeitraum in der veröffentlichten Meinung vermehrt davor gewarnt wurde, dass âdas Attentat auf Hitler den Mittelpunkt einer aktiven politischen Legendenbildung darstelltâ.[36] Als Reaktion auf die intensive Berichterstattung des Prozesses und das Scheitern der SRP verringerte sich der Anteil der Kritiker des 20. Juli zumindest zeitweise, weshalb in der veröffentlichten Meinung nicht mehr in dem MaĂe vor einer neuen DolchstoĂlegende gewarnt wurde. Das Thema â20. Juliâ hatte fortan seinen explosiven Charakter verloren â zumindest im zivilen Bereich.
Ein Dilemma zog sich durch alle Institutionen, einschlieĂlich der politischen Gruppierungen. âFĂŒr alle Parteien galt: Sie wollten sich fĂŒr alle Deutschen öffnen â fĂŒr ehemalige Nationalsozialisten ebenso wie fĂŒr Verfolgte, fĂŒr MitlĂ€ufer ebenso wie fĂŒr die Opfer des NS-Regimes. Ein einseitiges Hervorheben der MĂ€nner und Frauen im Widerstand hĂ€tte sicher polarisierend gewirkt und so manchen MitlĂ€ufer abgeschreckt.â[37] Insofern erklĂ€rt sich aus dem beschriebenen Zwiespalt auch die Ambivalenz in der Haltung der politischen Ăffentlichkeit: auch manche Politiker mussten sich erst mit dem 20. Juli âanfreundenâ. Viele von ihnen entstammten zwar der demokratischen Tradition der Weimarer Republik, bis auf wenige Ausnahmen aber hatten sie aber nicht dem Widerstand angehört.[38] Ein Vertreter dieser Gruppe war Konrad Adenauer. 1946 opponierte er als Mitglied des britischen Zonenbeirates aufs heftigste gegen den Antrag von Angehörigen der WiderstandskĂ€mpfer des 20. Juli auf finanzielle UnterstĂŒtzung (Hinterbliebenenrente)[39] Acht Jahre spĂ€ter wĂŒrdigte der Kanzler freilich die WiderstandskĂ€mpfer in einer Rundfunkansprache: âWer aus Liebe zum deutschen Volk es unternahm, die Tyrannei zu brechen, wie das die Opfer des 20. Juli getan haben, ist der HochschĂ€tzung und Verehrung aller wĂŒrdigâ.[40]
Andere machten aus ihrer Ablehnung des Attentats keinen Hehl und Ă€nderten diese Ansicht auch nicht. Dieser Gruppe gehörte beispielsweise der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Hedler aus der Deutschen Partei (DP) an, die in Adenauers erster Legislaturperiode eine Regierungskoalition mit der CDU/CSU gebildet hatte.[41] 1949 beschimpfte er in einer mit antisemitischen AusfĂ€llen durchsetzten Wahlkampfrede[42] die AttentĂ€ter des 20. Juli so massiv, dass ihm daraufhin der Prozess gemacht wurde, nachdem der Deutsche Bundestag nach hitziger Debatte mehrheitlich seine ImmunitĂ€t aufgehoben hatte.[43] Die Tatsache, dass der inzwischen zur rechtsextremen DRP ĂŒbergetretene Hedler in erster Instanz freigesprochen und erst vom Revisionsgericht zu einer neunmonatigen BewĂ€hrungs-Haftstrafe verurteilt wurde, zeigt exemplarisch, dass eine ambivalente Haltung gegenĂŒber dem 20. Juli damals auch in der westdeutschen Justiz verbreitet war.
Als 1968 das Widerstandsrecht in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurde, spielte der 20. Juli 1944 in der politischen Debatte eine wichtige Rolle. Die Generation der Studentenbewegung von 1968 störte sich zwar an Herkunft und an der politischen Ausrichtung sowie dem Beruf der Mehrzahl der WiderstĂ€ndler: aristokratische Herkunft, konservative Gesinnung, Berufssoldatentum. Damit entsprachen die Mitglieder des Widerstandes dem Antitypus eines idealtypischen Mitglieds der Studentenbewegung: pseudo-proletarische Herkunft, anarcho-linke Ausrichtung und pazifistische Gesinnung. Dies verhinderte aber nicht die Auseinandersetzung mit den Motiven und dem Mut der WiderstĂ€ndler, die bereit gewesen waren, fĂŒr ihre Ăberzeugungen ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
In der DDR begann man nach 1989, den 20. Juli unter einem neuen Blickwinkel zu sehen: Im bewussten RĂŒckgriff auf die Geschichte setzte die erstmals frei und demokratisch gewĂ€hlte Volkskammer die Neuvereidigung der NVA auf den 20. Juli 1990 fest. Die Bundeswehr fĂŒhrte wiederholt Gelöbnisfeiern an diesem historischen und symboltrĂ€chtigen Gedenktag durch. Zum 60. Jahrestag des gescheiterten Attentats 2004 fand in den Medien, unter anderem, ausfĂŒhrliche Artikel der Nachrichtenmagazine Stern und Der Spiegel, Verfilmung Stauffenberg von Jo Baier, eine intensive Auseinandersetzung mit dem 20. Juli statt. In Umfragen zum Thema zeigte sich, dass vielfach Respekt und Bewunderung fĂŒr die WiderstĂ€ndler empfunden werden. Nur noch ein geringer Prozentsatz an Befragten gab an, die Verschwörer zu verachten. Aus Anlass von Stauffenbergs 100. Geburtstag im November 2007 und zum Abschluss der Dreharbeiten fĂŒr den Film Operation WalkĂŒre â Das Stauffenberg Attentat schrieb Der Spiegel, âerst jetzt sei der Höhepunkt in Stauffenbergs posthumer Karriere erreicht, die alles andere als selbstverstĂ€ndlich schienâ.[44]
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Dieser Artikel wurde am 10. Juli 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |