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Abe Sada

Dieser Artikel behandelt die Person und den Mordfall Abe Sada. Zum gleichnamigen Film siehe Die Geschichte der Abe Sada.
Abe Sada auf der Polizeiwache Takanawa in Tokio am 20. Mai 1936

Abe Sada (jap. 阿郚 漚; * 28. Mai 1905 in Kanda, Stadt Tokio[1]; † nach 1970) wurde bekannt durch die erotische Asphyxiation (Strangulation) ihres Geliebten Ishida Kichizƍ (石田 ć‰è””) am 18. Mai 1936, dem darauffolgenden Abschneiden seines Gliedes und seiner Hoden, die sie dann in ihrer Handtasche herumtrug. In Japan wurde diese Geschichte zur nationalen Sensation mit mythischen Untertönen und wurde von verschiedenen KĂŒnstlern, Philosophen, Autoren und Filmemachern aufgegriffen.[2]

Inhaltsverzeichnis

FrĂŒhes Leben

Abe Sada wurde 1905 als das siebte von acht Kindern von Abe Shigeyoshi und Katsu, einer Familie von Tatami-Mattenherstellern der mittleren Oberschicht im Tokioter Stadtteil Kanda, geboren.[3] Von den vier Kindern, die das Erwachsenenalter erreichten, war Sada die jĂŒngste.[4] Ihr Vater stammt ursprĂŒnglich aus der PrĂ€fektur Chiba[3] und wurde von der Abe-Familie adoptiert, um bei ihrem GeschĂ€ft zu helfen und dieses zu ĂŒbernehmen.[3] Ihre Mutter ermutigte Sada Gesangs- und Shamisen-Stunden zu nehmen, beides AktivitĂ€ten die zur damaligen Zeit eher mit Geishas und Prostituierten verbunden wurden statt als kĂŒnstlerische BemĂŒhungen.[5] Geishas wurde gefeiert[6] und Sada vernachlĂ€ssigte die Schule fĂŒr die Stunden und trug entsprechendes Make-up.[7]

Ihr Bruder Shintarƍ war ein Frauenheld und lief nach seiner Heirat mit dem Geld seiner Eltern davon.[8] Sadas Schwester Teruko hatte mehrere Geliebte, weswegen ihr Vater sie deswegen zur Arbeit in ein Bordell schickte – eine damals nicht unĂŒbliche Strafe fĂŒr promiske Frauen – holte sie jedoch bald wieder zurĂŒck.[6] Als die Familienprobleme um beide immer stĂ€rker wurden, wurde sie oft allein aus dem Haus geschickt, wo sie sich mit gleichermaßen unabhĂ€ngigen Jugendlichen umgab.[9] Mit 15 wurde sie dabei von einem ihrer Bekannten vergewaltigt.[10][11] Als sie immer unkontrollierbarer wurde, verkauften ihre Eltern sie 1922 an ein Geisha-Haus in Yokohama, in der Hoffnung ihr einen Platz in der Gesellschaft zu geben, der ihr eine Richtung gab.[12][13] Abe Toku, Sadas Ă€lteste Schwester, bezeugte, dass Sada selbst wĂŒnschte eine Geisha zu werden, wĂ€hrend Sada angab, ihr Vater habe sie zur Strafe fĂŒr ihre PromiskuitĂ€t dazu gemacht.[14]

Abes Zusammentreffen mit der Welt der Geisha war frustrierend und enttĂ€uschend. Eine Star-Geisha zu werden verlangte jahrelange Ausbildung in Kunst und Musik von Kindesbeinen an. Abe wurde jedoch eine niedrige Geisha, deren Hauptaufgabe Sex war. Sie arbeitete fĂŒnf Jahre in diesem Metier bis sie sich mit Syphilis ansteckte.[6] Da dies bedeutete, sich von nun ebenso wie eine lizenzierte Prostituierte regelmĂ€ĂŸig untersuchen lassen zu mĂŒssen, entschied sie sich, in diesen besser bezahlten Beruf zu wechseln.[6][15]

FrĂŒhe 1930er

Taishƍrƍ, ihr letzter Arbeitsplatz als lizenzierte Prostituierte

Abe fing an als Prostituierte in Ìsakas bekanntem Tobita-Rotlichtbezirk zu arbeiten, wo sie fĂŒr Ärger sorgte: Sie stahl Geld von ihren Klienten und versuchte mehrmals das Bordell zu verlassen, wurde aber stets von dem gut organisierten legalen Prostitutionssystem aufgespĂŒrt.[16] Nach zwei Jahren gelang ihr dann die Flucht und sie fing an als Kellnerin zu arbeiten. Unzufrieden mit ihrer Entlohnung wurde sie 1932 wieder Prostituierte, diesmal jedoch unlizenziert. Als ihre Mutter im Januar 1933 starb, reiste sie zum Grabbesuch nach Tokio, und ging dort der Prostitution nach. Ein Jahr spĂ€ter im Januar 1934 wurde auch ihr Vater sterbenskrank den sie bis zu seinem Tod pflegte.[17]

Im Oktober 1934 wurde Abe wĂ€hrend einer Polizeidurchsuchung eines unlizenzierten Bordells verhaftet. Kasahara Kinnosuke (笠掟 斜äč‹ćŠ©), ein guter Freund des Bordellbesitzers und einflussreicher Lobbyist der Partei SeiyĆ«kai, sorgte fĂŒr die Freilassung der Frauen. Da er sich zu Abe hingezogen fĂŒhlte und sie keine Schulden hatte, wurde sie seine Geliebte. Kasahara versorgte sie am 20. Dezember 1934 mit einem Haus und Geld. SpĂ€ter sagte er unter Eid: „Sie war eine wirklich starke Frau. Obwohl ich ziemlich abgestumpft bin, erstaunte sie mich. Sie war nicht zufrieden bis wir es zwei-, drei- oder viermal die Nacht taten. FĂŒr sie inakzeptabel wenn ich nicht die ganze Nacht lang ihren Intimbereich berĂŒhrte. [
] Anfangs war es großartig, aber nach ein paar Wochen war ich etwas erschöpft.“[18] Als Abe wollte, dass er seine Frau verlassen solle, um sie zu heiraten, weigerte er sich. Dann bat sie ihn sich einen Geliebten suchen zu dĂŒrfen, was er ebenfalls ablehnte. Daraufhin endete ihre Beziehung und Abe floh 1935 nach Nagoya.[19]

Dort versuchte sie wieder durch Kellnerei der Prostitution zu entkommen. Sie begann eine Beziehung mit einem Kunden des Restaurants, Ìmiya Gorƍ (性柟 äș”郎), einem Professor und Bankier mit Ambitionen auf einen Sitz im Kokkai. Da ihr Arbeitgeber eine Beziehung mit einem Kunden nicht erlauben wĂŒrde und gelangweilt von Nagoya zog sie im Juni nach Tokio zurĂŒck. Ìmiya traf dort wieder auf Abe und als er von ihrer Syphiliserkrankung erfuhr, bezahlte er ihr eine Kur in Kusatsu von November bis Januar 1936. Ìmiya schlug ihr vor, mit einem Restaurant finanziell unabhĂ€ngig zu werden und empfahl, vorher in die Lehre zu gehen.[20]

Bekanntschaft mit Ishida Kichizƍ

Am 1. Februar 1936 begann sie ihre Lehre im Yoshida-ya, das in den 20ern von Ishida Kichizƍ im Tokioter Bezirk Nakano gegrĂŒndet wurde.[21] Ishida war ein SchĂŒrzenjĂ€ger, so dass das Restaurant hauptsĂ€chlich von seiner Frau gefĂŒhrt wurde.[22] Er machte ihr Avancen, und da Ìmiya sie nicht sexuell befriedigte, gab sie nach. Am 23. April 1936 trafen sie sich zu einem „kurzen Liebesabenteuer“ in einem Machiai, dem damaligen GegenstĂŒck der heutigen Love Hotels,[23] in Shibuya, verbrachten aber dann dort vier Tage im Bett. In der Nacht des 27. Aprils 1936 zogen sie in ein anderes Machiai zum Sex, teilweise in Anwesenheit einer singenden Geisha oder des Personals das ihre GetrĂ€nke nachfĂŒllte.[24] Danach ging ihr Liebesmarathon im Viertel Ogu weiter. Ishida kehrte erst am Morgen des 8. Mai 1936 in sein Restaurant zurĂŒck.[25] Abe sagte spĂ€ter ĂŒber ihn: „Es ist schwer zu sagen was ich an ihm gut fand. Aber ich kann nichts Schlechtes sagen ĂŒber sein Aussehen, sein Verhalten, seine FĂ€higkeit als Liebhaber oder wie er seine GefĂŒhle ausdrĂŒckte. Ich habe noch nie so einen sexy Mann getroffen.“[26]

Nachdem sie sich trennten, wurde Abe eifersĂŒchtig und begann zu trinken. Eine Woche vor dem Mord, dachte sie ĂŒber diese Tat nach. Am 9. Mai 1936 besuchte sie ein TheaterstĂŒck, in dem eine Geisha ihren Geliebten mit einem Messer angreift. Zwei Tage spĂ€ter verpfĂ€ndete sie einen Teil ihrer Sachen, um Sushi und ein KĂŒchenmesser zu kaufen. Abe beschrieb spĂ€ter ihr nĂ€chstes Treffen mit Ishida wie folgt: „Ich zog das Messer aus meiner Tasche, bedrohte ihn wie ich es in dem StĂŒck gesehen hatte und sagte ‚Kichi du hast diesen Kimono getragen nur um einen Lieblingskunden zu erfreuen. Ich werde dich Bastard dafĂŒr umbringen.‘ Ishida erschrak sich, machte einen Schritt zurĂŒck, aber er schien vergnĂŒgt zu sein.“[27]

„Abe-Sada-Zwischenfall“

Schauplatz des „Abe-Sada-Zwischenfalls“

Ishida und Abe kehrten nach Ogu zurĂŒck, wo sie bis zu seinem Tod blieben. WĂ€hrend ihres Liebesaktes legte Abe das Messer an seinen Penis an und sagte, dass sie sicherstellen werde, dass er ihr nie untreu werden wird, was Ishida mit Lachen erwiderte. Nach zwei Tagen des Geschlechtsverkehrs, begann Abe ihn zu wĂŒrgen, Ishida animierte sie weiterzumachen und tat das auch mit ihr. Am Abend des 16. Mai benutzte sie dafĂŒr ihren Obi und nachdem sie dies zwei Stunden lang wiederholten, verzerrte sich Ishidas Gesicht ohne wieder normal zu werden. Sie benutzte ein Sedativum namens CalmotinÂź, um seine Schmerzen zu stillen. Als Ishida langsam ohnmĂ€chtig wurde sagte er: „Du wirst den GĂŒrtel wieder um meinen Hals legen und abschnĂŒren, wenn ich schlafe, oder 
 Wenn du anfĂ€ngst höre nicht auf, weil das danach schmerzhaft ist.“[28]

Um 2 Uhr am Morgen des 18. Mai strangulierte sie ihn wĂ€hrend seines Schlafes zu Tode. Nachdem sie mehrere Stunden lang neben seinem Körper gelegen hatte, trennte sie seine Genitalien mit dem KĂŒchenmesser ab, packte sie in einer Zeitschrift ein und trug sie bis zu ihrer Verhaftung drei Tage spĂ€ter mit sich.[6][29] Mit dem Blut schrieb sie auf Ishidas linken Schenkel und dem Laken Sada, Ishida no Kichi futari kiri (漚、石田ぼ搉äșŒäșșキăƒȘ, „Sada, Ishida Kichi zusammen“) und ritzte ihren Namen in seinen linken Arm. Danach zog sie sich seine UnterwĂ€sche an, verließ den Ort 8 Uhr morgens und bat das Personal Ishida nicht zu stören.[30] Auf die Frage, warum sie seine Genitalien abgetrennt habe, antwortete sie: „Weil ich nicht seinen Kopf oder Körper mit mir nehmen konnte. Ich wollte den Teil mit mir nehmen der mir die lebhaftesten Erinnerungen brachte.“[31]

Danach traf sie sich mit Ìmiya Gorƍ, bat mehrmals um Entschuldigung, wobei er annahm, es gehe darum, dass sie ihn betrogen habe, wobei sie tatsĂ€chlich um Verzeihung bat seine politische Karriere zerstört zu haben, wie es mit der Berichterstattung der Zeitungen ab dem 19. Mai geschehen sollte.[32]

„Abe-Sada-Panik“

„Abe-Sada-Panik“ in der Tƍkyƍ Asahi Shimbun vom 21. Mai 1936

Die Geschichte wurde zur nationalen Sensation und die resultierende Hysterie wurde „Abe-Sada-Panik“ genannt.[6] Die Polizei erhielt Meldungen von Abe-Sichtungen aus verschiedenen StĂ€dten, wobei fast eine Massenpanik in Ginza ausgelöst wurde und zu einem großen Verkehrsstau fĂŒhrte.[21] In Bezugnahme auf den Zwischenfall vom 26. Februar (ni ni-roku jiken) wurde das Verbrechen scherzhaft als „Zwischenfall vom 18. Mai“ (go ichi-hachi jiken) bezeichnet.[23]

Den 19. Mai verbrachte sie wie einen gewöhnlichen Tag. Am 20. schrieb sie in einem Gasthaus in Shinagawa Abschiedsbriefe an Ìmiya, einen Freund und Ishida.[30] Sie praktizierte Nekrophilie und plante fĂŒr die folgende Woche ihren Selbstmord am Berg Ikoma.[33]

Vier Uhr nachmittags erhielt sie Besuch von der Polizei, der ihr Pseudonym, mit dem sie sich im Gasthaus registrierte, verdĂ€chtig vorkam. Abe stellte sich diesen vor, und ĂŒberzeugte die zweifelnden Polizisten indem sie ihnen die Genitalien als Beweis zeigte.[34]

Was diesen Fall von Dutzenden Ă€hnlichen FĂ€llen in Japan unterscheidet[35] beschrieb William Johnston darin, dass sie nicht aus Eifersucht, sondern aus Liebe tötete.[36] Mark Schreiber bemerkt, dass der Zwischenfall zu einer Zeit geschah, als die japanischen Medien stĂ€ndig ĂŒber extreme politische und militĂ€rische Probleme berichteten, wie den Zwischenfall vom 26. Februar oder den anstehenden Krieg gegen China. Ein derartig sensationalistischer Sexskandal diente als willkommene Abwechslung von den verstörenden Ereignissen dieser Zeit.[23] Der Zwischenfall passte auch zur damals beliebten Stilrichtung des erotischen-grotesken Nonsense (ero-guro nansensu) und der Vorfall um Abe Sada sollte dieses Genre auf Jahre dominieren.[37]

Als die Details des Verbrechens öffentlich gemacht wurden, begannen GerĂŒchte um die außergewöhnliche GrĂ¶ĂŸe des Gliedes die Runde zu machen, was jedoch von einem Polizisten und Abe verneint wurde.[38] Sein Penis und Hoden wurden in das pathologische Museum der medizinischen FakultĂ€t der UniversitĂ€t Tokio verbracht, wo sie bis nach Ende des Zweiten Weltkriegs ausgestellt wurden, danach aber verschwanden.[6][39]

Gerichtsurteil

Ihr Gerichtsverfahren begann am 25. November 1936 und schon fĂŒnf Uhr morgens bildeten sich Schlangen vor dem GebĂ€ude.[40] Der Richter gab an, von einigen Details sexuell erregt worden zu sein, sorgte aber fĂŒr die seriöse DurchfĂŒhrung des Verfahrens.[6] Abes PlĂ€doyer vor dem Urteilsspruch begann mit: „Was ich am meisten an diesem Vorfall bedauere ist, dass ich als eine Art sexuelle Perverse missverstanden werde 
 Es gab in meinem Leben keinen Mann wie Ishida. Es gab MĂ€nner die ich mochte und mit denen ich ohne Geld zu verlangen schlief, aber fĂŒr keinen fĂŒhlte ich wie gegenĂŒber ihm.“[41]

Am 21. Dezember wurde Abe wegen Mordes mit bedingtem Vorsatz und der LeichenschĂ€ndung zu 6 Jahren Freiheitsentzug verurteilt, obwohl die Staatsanwaltschaft 10 Jahre forderte und Abe selbst die Todesstrafe wĂŒnschte.[40] Sie kam in die Frauenstrafanstalt Tochigi als Insassin Nummer 11.[42] Am 10. November 1940 erhielt sie anlĂ€sslich des 2600-jĂ€hrigen JubilĂ€ums der ReichsgrĂŒndung durch den mythologischen Kaiser Jimmu eine Strafminderung,[43] und wurde genau fĂŒnf Jahre nach dem Mord am 17. Mai 1941 freigelassen.[42]

Die Polizeiaufzeichnungen von Abes Verhör und ihr GestĂ€ndnis wurden 1936 ein nationaler Bestseller. Christine L. Marran setzt die Faszination mit Abes Geschichte im Kontext des dokufu-Stereotyps (æŻ’ć©Š, „Giftfrau“), ein transgressiver weiblicher Charaktertypus der in den 1870ern in Japan in Fortsetzungsromanen und BĂŒhnenstĂŒcken aufkam.[44] In dessen Verlauf erschienen in den spĂ€ten 1890ern beichtende Autobiographien verurteilter Frauen.[45] In den frĂŒhen 1910ern erhielten derartige Autobiographien zunehmend einen unapologetischen Ton und kritisierten Japan und die Gesellschaft. So schrieb Kanno Suga, die 1911 wegen des Hochverratszwischenfalls, einer Verschwörung zur Ermordung Kaiser Meijis, gehĂ€ngt wurde, offen rebellische Essays im GefĂ€ngnis.[46] Kaneko Fumiko, die wegen ihres Plans eines Bombenattentats gegen die kaiserliche Familie die Todesstrafe erhielt, benutzte ihr BerĂŒchtigtsein, um sich gegen das kaiserliche System und den Rassismus und Paternalismus den es erzeugte auszusprechen.[47] Abes GestĂ€ndnis wurde zur meistverbreiteten ErzĂ€hlung einer verurteilten Verbrecherin in Japan. Marran weist darauf hin, dass Abe, im Gegensatz zu vorangegangen Ă€hnlichen Autobiographen ihre SexualitĂ€t und Liebe zu ihrem Opfer betonte.[48]

SpÀteres Leben

Nach ihrer Freilassung nahm Abe ein Pseudonym an. Als Geliebte eines „ernsthaften Mannes“ den sie in ihren Memoiren als Y bezeichnete zog sie zuerst in die PrĂ€fektur Ibaraki und dann in die PrĂ€fektur Saitama. Als Y und dessen Umfeld ihre wahre IdentitĂ€t erfuhren, zerbrach ihre Beziehung.[49]

Um die öffentliche Aufmerksamkeit von der Politik und der Kritik an den Besatzungsbehörden abzulenken, ermunterte die Regierung Yoshida offen eine Politik der 3 „S“ – „Sport, Screen, Sex“. Dies stellte ein Umschwenken von der strengen Vorkriegszensur von obszönen oder unmoralischen Material dar und fĂŒhrte zu einer Änderung der Literatur ĂŒber Abe.[50] Vorkriegsschriften wie Abe Sada no seishin bunseki teki shindan („psychoanalytische Diagnose von Abe Sada“) von 1937 stellten Abe als Beispiel der ungezĂŒgelten weiblichen SexualitĂ€t und deren Gefahr fĂŒr das patriarchale System dar. In der Nachkriegszeit behandelte man sie als Kritikerin des Totalitarismus und Symbol der Freiheit von unterdrĂŒckenden politischen Ideologien.[51] Abe wurde zum beliebten Sujet von Hoch- und PopulĂ€rliteratur. Der buraiha-Schriftsteller Oda Sakunosuke schrieb zwei Geschichten basierend auf Abe,[52] und ein Artikel aus dem Juni 1949 merkte an, dass Abe versucht habe ihren Namen zu sĂ€ubern, nachdem Berge von erotischen BĂŒchern ĂŒber sie erschienen.[53]

1946 interviewte der Schriftsteller Sakaguchi Ango Abe und behandelte sie als AutoritĂ€t bezĂŒglich SexualitĂ€t und Freiheit. Sakaguchi bezeichnete Abe als „sanfte, warme Figur der Erlösung zukĂŒnftiger Generationen“.[54] 1947 wurden O-Sada Iro Zange („Sadas erotisches GestĂ€ndnis“) ein nationaler Bestseller mit ĂŒber 100.000 verkauften Exemplaren.[42] Das Buch war in Interviewform geschrieben, basierte aber auf den Verhörungsprotokollen. Daraufhin verklagte Abe den Autor Kimura Ichirƍ wegen ĂŒbler Nachrede und Verleumdung, was vermutlich vor dem Gericht mit einem Vergleich endete. Als Antwort schrieb sie ihre Autobiographie Abe Sada Shuki („Aufzeichnungen von Abe Sada“) in der sie, im Gegensatz zu Kimuras Darstellung ihrerseits als Perverse, ihre Liebe zu Ishida betonte.[55] Die erste Ausgabe des Magazins Jitsuwa (ćźŸè©±) vom Januar 1948 enthielt vorher unveröffentlichte Photos des Vorfalls mit der Überschrift „Ero-guro des Jahrhunderts! Erstveröffentlichung. Illustration des Abe-Sada-Zwischenfalls.“ ZurĂŒckblickend auf die unterschiedliche Darstellung von Abe Sada, bezeichnete die Ausgabe Juni 1949 der Monthly Reader sie als „Heldin jener Zeit“, weil sie ihren eigenen Begierden in einer Zeit der „falschen Moral“ und UnterdrĂŒckung folgte.[53]

Abe schlug Kapital aus ihrer Bekanntheit, indem sie sich von einem populĂ€ren Magazin interviewen ließ,[42] und mehrere Jahre lang in einer WanderbĂŒhnenproduktion namens Shƍwa Ichidai Onna (æ˜­ć’Œäž€ä»Łć„ł, „eine Frau der Shƍwa-Generation“) auftrat.[56] 1952 fing sie an in der Arbeiterkneipe Hoshikikusui,[57] in Inarichƍ, Shitaya im Zentrum Tokios 20 Jahre lang zu kellnern, wobei sie von der örtlichen Restaurantvereinigung auch als Modellangestellte ausgezeichnet wurde.[39] Der Filmkritiker Donald Richie besuchte in den 60ern mehrfach das Hoshikikusui und beschrieb in seinem Buch Japanese Portraits, wie Abe dramatisch auf eine lautstarke Gruppe von Trinkern zulief: Sie stieg eine lange Treppe hinab und fixierte einzelne Personen. Die MĂ€nner in der Kneipe bedeckten dann ihren Schritt mit ihren HĂ€nden und schrien Dinge wie „Versteckt die Messer!“ und „Mir ist bange auf’s Klo zu gehen.“, woraufhin sie auf das GelĂ€nder schlug, die Gruppe anstarrte bis eine unangenehme Stille herrschte und dann mit dem Ausschank begann. Richie kommentiert: “
she had actually choked a man to death and then cut off his member. There was a consequent frisson when Sada Abe slapped your back.” („
 sie hatte immerhin einen Mann zu Tode gewĂŒrgt und dann sein Glied abgeschnitten. Es schauderte dich jedes Mal wenn Abe Sada dir mit ihrer Hand einen Klaps auf den RĂŒcken gab.“)[58]

1969 hatte Abe einen Gastauftritt im Abschnitt Abe Sada Jiken des dramatisierenden Dokumentarfilms Meiji, Taishƍ, Shƍwa: Ryƍki Onna Hanzaishi von Regisseur Ishii Teruo,[59] und die letzte bekannte Photographie von ihr stammt ebenfalls von August dieses Jahres.[39][60] 1970 verschwand sie aus der Öffentlichkeit.[6] Als der Film Im Reich der Sinne Mitte der 1970er geplant wurde, suchte Regisseur Oshima Nagisa und fand sie mit geschorenem Haar in einem Nonnenkloster in Kansai.[61]

Erbe

Jahrzehnte nach dem Vorfall und ihrem RĂŒckzug zog sie weiterhin das öffentliche Interesse auf sich. Neben dem Dokumentarfilm, in dem sie vor ihrem RĂŒckzug aus der Öffentlichkeit auftrat, erschienen drei erfolgreiche Verfilmungen der Geschichte. Daneben verwendete der 1983 erschienene der Nikkatsu-Roman-Porno Sexy Doll: Abe Sada Sansei (ă‚»ă‚Żă‚·ăƒŒăƒ‰ăƒŒăƒ«ă€€é˜żéƒšćźšïŒ“äž–, dt. „Sexy Doll: Abe Sada III.“) ihren Namen im Titel.[62] Ein Biografie mit 438 Seiten erschien 1998 in Japan[39] und William Johnston schrieb das erste englischsprachige Buch ĂŒber sie unter dem Titel Geisha, Harlot, Strangler, Star. A Woman, Sex, and Morality in Modern Japan, welches 2005 veröffentlicht wurde.

2003 berichtete die Mainichi Shimbun ĂŒber Makise Akane, eine Stripperin die penisförmige Puppen namens Chinkichi produzierte – ein Kofferwort aus japanischem Slang fĂŒr Penis und Kichi fĂŒr Kichizƍ Ishida.[63] MĂ€rz 2007 gewann eine vierköpfige Noise-Band aus dem australischen Perth namens Abe Sada ein Musikstipendium des Department of Culture and the Arts des Bundesstaats Western Australia fĂŒr eine Japantour zwischen Juni und Juli 2007.[64]

In der Literatur (Auswahl)

  • Abe Sada: Abe Sada shuki (é˜żéƒšćźšæ‰‹èš˜). Shimbashi Shobƍ, Tokio 1948.
  • Funabashi Seiichi: Abe Sada gyƍjƍki (é˜żéƒšćźšèĄŒçŠ¶èš˜). August 1947
  • Kimura Ichirƍ: O-Sada iro zange (お漚è‰Čざんげ). 1947
  • Fuyuki Takeshi: Aiyoku ni nakinureta onna. Abe Sada no tadotta hansei (愛æŹČă«æłŁăăŹă‚Œă‚‹ć„ł-あăčă•ă ăźèŸżă€ăŸćŠç”Ÿ). MĂ€rz 1947
  • Nagata Mikihiko: Jitsuroku: Abe Sada bzw. Jƍen ichidai onna. Fortsetzungsroman, September 1950–August 1951
  • Oda Sakunosuke: Sesƍ (侖盾). 1946, Kurzgeschichte.
  • Oda Sakunosuke: Yƍfu (抖橊). 1947, Kurzgeschichte.
  • Satƍ Makoto: Abe Sada no inu (阿郹漚ぼ犬). 1975.
  • Sekine Hiroshi: Abe Sada. 1971. Gedicht.
  • Tƍkyƍ Seishin Bunsekigaku Kenkyƍjo: Abe Sada no seishin bunseki teki shindan (阿郹漚ぼçČŸç„žćˆ†æžçš„èšș断). 1937.
  • Watanabe Jun’ichi: Shitsurakuen (ć€±æ„œćœ’). 1997. Roman basierend auf dem Vorfall.[65]

Im Film

Ihr Leben wurde viermal verfilmt:

Siehe auch

Quellen

  • Yuki Allyson Honjo: The Cruelest Cut. www.japanreview.net, abgerufen am 24. Juli 2007 (english, Review von William Johnston: Geisha, Harlot, Strangler, Star).
  •  William Johnston: Geisha, Harlot, Strangler, Star. A Woman, Sex, and Morality in Modern Japan. Columbia University Press, New York 2005, ISBN 0-231-13052-X.</span>
  •  Christine Marran: Poison Woman. Figuring Female Transgression in Modern Japanese Culture. University of Minnesota Press, Minneapolis 2007, ISBN 0-8166-4727-5 (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google Buchsuche).</span>
  •  Donald Richie: Japanese Portraits. Tuttle Publishing, Tokio 2006, ISBN 0-8048-3772-4, Sada Abe, S. 33–35.</span>
  •  Mark Schreiber: The Dark Side. Infamous Japanese Crimes and Criminals. Kodansha, Tokio 2001, ISBN 4-7700-2806-7, O-Sada Serves a Grateful Nation, S. 184–190.</span>

Einzelnachweise

  1. ↑ Johnston, S. 25.
  2. ↑  Bill Thompson, Frank N. Magill (Hrsg.): Magill’s Survey of Cinema. Foreign Language Films. Volume 4, Salem Press, Englewood Cliffs 1985, ISBN 0-89356-247-5, Jitsuroko [sic] Abe Sada, S. 1570.</span>
  3. ↑ a b c Johnston, S. 20.
  4. ↑ Johnston, S. 21, 25.
  5. ↑ Johnston, S. 26-27.
  6. ↑ a b c d e f g h i Yuki Allyson: The Cruelest Cut. www.japanreview.net, abgerufen am 24. Juli 2007 (english).
  7. ↑ Johnston, S. 37.
  8. ↑ Johnston, S. 21, 171.
  9. ↑ Johnston, S. 44.
  10. ↑ Johnston, Notes from the Police Interrogation of Abe Sada, S. 169. “While we were playing around on the second floor he forced himself into me.”
  11. ↑ Johnston, S. 45. “
 in the summer of my fifteenth year because I was raped by a student at a friend’s house 
”
  12. ↑ Johnston, S. 58.
  13. ↑ Schreiber, S. 187.
  14. ↑ Johnston, S. 57.
  15. ↑ Johnston, S. 66–67.
  16. ↑ Johnston, S. 67–71.
  17. ↑ Johnston, S. 72–77.
  18. ↑ eidesstattliche Aussage von Kasahara Kinnosuke in Johnston, S. 165–166. “She was really strong, a real powerful one. Even though I am pretty jaded, she was enough to astound me. She wasn’t satisfied unless we did it two, three, or four times a night. To her, it was unacceptable unless I had my hand on her private parts all night long
 At first it was great, but after a couple of weeks I got a little exhausted.”
  19. ↑ Johnston, S. 126–127.
  20. ↑ Johnston, S. 78–83.
  21. ↑ a b Johnston, S. 11.
  22. ↑ Schreiber, S. 184–185.
  23. ↑ a b c Schreiber, S. 184.
  24. ↑ Schreiber, S. 185.
  25. ↑ Johnston, S. 84–94.
  26. ↑ Johnston, S. 92, 193. “It is hard to say exactly what was so good about Ishida. But it was impossible to say anything bad about his looks, his attitude, his skill as a lover, the way he expressed his feelings. I had never met such a sexy man.”
  27. ↑ Johnston, S. 95–99, 192–194. “I pulled the kitchen knife out of my bag and threatened him as had been done in the play I had seen, saying, ‘Kichi, you wore that kimono just to please one of your favorite customers. You bastard, I’ll kill you for that.’ Ishida was startled and drew away a little, but he seemed delighted with it all
”
  28. ↑ Johnston, S. 99–102, 164–165. “You’ll put the cord around my neck and squeeze it again while I’m sleeping, won’t you
 If you start to strangle me, don’t stop, because it is so painful afterward.”
  29. ↑ Johnston, S. 102–103, 200-201, 206.
  30. ↑ a b Schreiber, S. 186.
  31. ↑ Johnston, S. 103. “Because I couldn’t take his head or body with me. I wanted to take the part of him that brought back to me the most vivid memories.”
  32. ↑ Johnston, S. 105–108.
  33. ↑ Johnston, S. 111. “I felt attached to Ishida’s penis and thought that only after taking leave from it quietly could I then die. I unwrapped the paper holding them and gazed at his penis and scrotum. I put his penis in my mouth and even tried to insert it inside me
 Then, I decided that I would flee to Osaka, staying with Ishida’s penis all the while. In the end, I would jump from a cliff on Mount Ikoma while holding on to his penis.”
  34. ↑ Schreiber, S. 186–187.
  35. ↑ Im Buch 19-nin no Abe Sada („19 Abe Sadas“ von 1981 werden Ă€hnliche FĂ€lle detailliert vorgestellt. Schreiber: O-Sada Serves a Grateful Nation erwĂ€hnt mindestens 53 FĂ€lle in den Frauen mĂ€nnliche Genitalien abtrennten seit Abes Fall.
  36. ↑ Johnston, S. 119.
  37. ↑ Johnston, S. 11, 114, 160.
  38. ↑ Johnston, S. 124. “Ishida’s was just average. [Abe] told me, ‘Size doesn’t make a man in bed. Technique and his desire to please me were what I liked about Ishida.’”
  39. ↑ a b c d Schreiber, S. 190.
  40. ↑ a b Schreiber, S. 188.
  41. ↑ Schreiber, S. 188–189. “The thing I regret most about this incident is that I have come to be misunderstood as some kind of sexual pervert
 There had never been a man in my life like Ishida. There were men I liked, and with whom I slept without accepting money, but none made me feel the way I did toward him.”
  42. ↑ a b c d Schreiber, S. 189.
  43. ↑ Johnston, S. 147.
  44. ↑ Marran 2007, S. xiii–xiv.
  45. ↑ Marran 2007, S. 66–67.
  46. ↑ Marran 2007, S. 103.
  47. ↑ Marran 2007, S. 103–104.
  48. ↑ Marran 2007, S. 104.
  49. ↑ Johnston, S. 148–150.
  50. ↑ Marran 2007, S. 137–138.
  51. ↑ Marran 2007, S. 136. 140.
  52. ↑ Marran 2007, S. 143.
  53. ↑ a b Marran 2007, S. 140–141.
  54. ↑ Marran 2007, S. 142–143. “tender, warm figure of salvation for future generations”
  55. ↑ Johnston, S. 160.
  56. ↑ Johnston, S. 152–153.
  57. ↑ Johnston, S. 153.
  58. ↑ Richie, S. 33–35.
  59. ↑ a b 明æČ»ć€§æ­Łæ˜­ć’Œă€€çŒŸć„‡ć„łçŠŻçœȘćČ. In: Japanese Movie Database. Abgerufen am 17. Oktober 2010 (æ—„æœŹèȘž).
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  61. ↑  Donald Richie: Japanese Portraits. Tuttle Publishing, Tokyo 2006, ISBN 0-8048-3772-4, Eiko Matsuda, S. 37.</span>
  62. ↑ Abe Sada in der deutschen und englischen Version der Internet Movie Database
  63. ↑ Weenie doll a hit for strip dancer. Mainichi Shimbun, 22. Juni 2003, abgerufen am 28. Juli 2007 (english).
  64. ↑ Contemporary Music Grant Results. Department of Culture and the Arts, Government of Western Australia, abgerufen am 2. Juni 2006.
  65. ↑ Marran 2007, S. 161–163.
  66. ↑ ćčłæˆç‰ˆă€€ćź‰éƒšćźšă€€ă‚ă‚“ăŸăŒæŹČしい. In: Japanese Cinema Database. Bunka-chƍ, abgerufen am 2. April 2010 (æ—„æœŹèȘž).
Japanische Namensreihenfolge Japanischer Name: Wie in Japan ĂŒblich, steht in diesem Artikel der Familienname vor dem Vornamen. Somit ist Abe der Familienname, Sada der Vorname.
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