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Absinth, auch Absinthe oder Wermutspirituose genannt, ist ein alkoholisches GetrĂ€nk, das traditionell aus Wermut, Anis, Fenchel sowie einer je nach Rezeptur unterschiedlichen Reihe weiterer KrĂ€uter hergestellt wird. Bei einer sehr groĂen Anzahl von Absinthmarken ist die Spirituose von grĂŒner Farbe. Deswegen wird Absinth gelegentlich auch âdie grĂŒne Feeâ (französisch la fĂ©e verte) genannt. Der Alkoholgehalt liegt ĂŒblicherweise etwa zwischen 45 und 85 Volumen-Prozent und ist demnach dem oberen Bereich der Spirituosen zuzuordnen. Aufgrund der Verwendung bitter schmeckender KrĂ€uter, insbesondere von Wermut, gilt Absinth als Bitterspirituose, obwohl er selbst nicht notwendigerweise bitter schmeckt.
Absinth wurde ursprĂŒnglich im 18. Jahrhundert im Val de Travers im heutigen Schweizer Kanton Neuenburg (frz. Canton de NeuchĂątel), als Heilelixier hergestellt. GroĂe PopularitĂ€t fand diese Spirituose, die traditionell mit Wasser vermengt getrunken wird, in der zweiten HĂ€lfte des 19. und dem frĂŒhen 20. Jahrhundert in Frankreich. Zu den berĂŒhmten Absinth-Trinkern zĂ€hlen unter anderen Charles Baudelaire, Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Ernest Hemingway, Edgar Allan Poe, Arthur Rimbaud, Henri de Toulouse-Lautrec, Brian Warner, Oscar Wilde.
Auf dem Höhepunkt seiner PopularitĂ€t stand das GetrĂ€nk in dem Ruf, aufgrund seines Thujon-Gehalts abhĂ€ngig zu machen und schwerwiegende gesundheitliche SchĂ€den nach sich zu ziehen. Bereits im Jahre 1915 war das GetrĂ€nk in einer Reihe europĂ€ischer Staaten und den USA verboten. Moderne Studien haben den Verdacht der SchĂ€digung durch Absinthkonsum nicht nachweisen können; die damals festgestellten gesundheitlichen SchĂ€den werden heute auf die schlechte QualitĂ€t des Alkohols und die hohen konsumierten Alkoholmengen zurĂŒckgefĂŒhrt. Seit 1998 ist Absinth in den meisten europĂ€ischen Staaten wieder erhĂ€ltlich. Auch in der Schweiz sind seit 2005 die Herstellung und der Verkauf von Absinth wieder erlaubt.
AuĂer Wermut (Artemisia absinthium) enthĂ€lt in Frankreich und der Schweiz hergestellter Absinth noch Anis, teilweise ersetzt durch den billigeren Sternanis, sowie Fenchel, Ysop, Zitronenmelisse und pontischen Wermut. Andere Rezeptvarianten verwenden auch Angelika, Kalmus, Origanum dictamnus, Koriander, Veronica, Wacholder, Muskat und verschiedene weitere KrĂ€uter. Wermut, Anis und Fenchel sind dabei die KrĂ€uter, die den typischen Geschmack des Absinths ausmachen. Die ĂŒbrigen GewĂŒrze dienen der geschmacklichen Abrundung. Die grĂŒne Farbe, die viele Absinthsorten aufweisen, stammt vom Chlorophyll der typischen FĂ€rbekrĂ€uter wie pontischem Wermut, Ysop, Melisse und Minze.
Thujon ist ein Bestandteil des Ă€therischen Ăls des Wermuts, das fĂŒr die Absinthherstellung verwendet wird. Die unbestreitbar schĂ€dlichen Auswirkungen, die wĂ€hrend des Höhepunkts der Absinth-PopularitĂ€t im 19. Jahrhundert in Frankreich zu beobachten waren und zu denen unter anderem Schwindel, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Depressionen, KrĂ€mpfe, Blindheit sowie geistiger und körperlicher Verfall gehörten, wurden insbesondere auf diese Substanz zurĂŒckgefĂŒhrt. Thujon ist als ein Nervengift bekannt, das in höherer Dosierung Verwirrtheit und epileptische KrĂ€mpfe (Konvulsionen) hervorrufen kann. Aus diesem Grund wurde in der EuropĂ€ischen Union der Thujongehalt in alkoholischen GetrĂ€nken begrenzt (5 mg/kg in alkoholischen GetrĂ€nken mit einem Alkoholgehalt von bis zu 25 % vol und bis zu 10 mg/kg in alkoholischen GetrĂ€nken mit einem Alkoholgehalt von mehr als 25 % vol, sowie bis zu 35 mg/kg in Bitter-Spirituosen.[1])
Die insbesondere in Tierexperimenten des 19. Jahrhunderts beobachtete konvulsive Wirkung des Absinths wird heute auf eine Blockierung von GABAA-Rezeptoren[2] und eine Desensibilisierung von Serotonin-5-HT3-Rezeptoren[3] durch Thujon zurĂŒckgefĂŒhrt. Es ist jedoch inzwischen widerlegt, dass die im Absinth enthaltene Thujonmenge ausreicht, um in diesem MaĂe toxisch zu wirken.[4] Als Ursache oder wesentlicher Faktor eher wahrscheinlich ist der im Absinth enthaltene Alkohol.[5] Auch ein möglicher gemeinsamer Wirkmechanismus mit dem Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol ĂŒber eine Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren konnte nicht bestĂ€tigt werden.[6] Eine in der Clubszene und in den Medien proklamierte euphorisierende und aphrodisierende Wirkung heutiger Absinthe kann nicht anhand dieser experimentellen Daten auf die in diesen GetrĂ€nken enthaltene Thujondosis zurĂŒckgefĂŒhrt werden.
Auch der Absinth des 19. Jahrhunderts hatte entgegen frĂŒheren Berichten, die von bis zu 350 Milligramm je Liter sprachen, im Wesentlichen keinen höheren Thujongehalt als die heutigen reglementierten Absinthe. In einer Untersuchung von Absinthen auf Basis historischer Rezepte und Prozesse und von 1930 hergestelltem Absinth konnten nur geringe Thujonmengen von unter 10 mg/kg nachgewiesen werden.[7] Der Thujongehalt kann jedoch höher liegen, wenn WermutauszĂŒge oder Wermutöle zugesetzt werden. Die Absinthe werden auf diese Weise jedoch sehr bitter.
Der Alkoholgehalt historischer Absinthe lag zwischen 45 % und 78 %. In diesem Bereich befinden sich mit wenigen Ausnahmen auch die heute erhĂ€ltlichen Absinthsorten. Absinth ist aber auch mit einem Alkoholgehalt von bis zu 90 % erhĂ€ltlich. Wegen des hohen Alkoholgehalts wird Absinth in der Regel verdĂŒnnt getrunken.
Historisch belegt sind fĂŒnf QualitĂ€tsgrade: Absinthe des essences (dt. Absinth-AuszĂŒge), Absinthe ordinaire (dt. gewöhnlicher Absinth), Absinthe demi-fine (dt. Absinth halb-fein), Absinthe fine (dt. Absinth fein) und Absinthe Suisse, (dt. Absinth Schweiz) wobei Absinthe des essences den geringsten Alkoholgehalt und die niedrigste QualitĂ€t reprĂ€sentiert. Absinthe Suisse verweist nicht auf das Herstellungsland, sondern auf einen besonders hohen Alkoholgehalt und hohe QualitĂ€t.[8]
RĂŒckblickend wird heute nicht mehr Thujon, sondern der Alkoholgehalt des Absinths als die vorrangige Ursache des im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verbreiteten Absinthismus angesehen. 1914 lag die von erwachsenen Franzosen pro Kopf konsumierte reine Alkoholmenge bei jĂ€hrlich 30 Litern. Im Vergleich dazu fĂŒhren heute die Iren mit 14,2 Litern reinem Alkohol pro Erwachsenem weltweit die Statistiken des Alkoholkonsums an.[9] Die Symptome des Absinthismus unterscheiden sich nicht von denen eines chronischen Alkoholmissbrauchs (Alkoholismus).[10]
Ein zusĂ€tzliches Problem des Absinths des 19. Jahrhunderts war, dass der verwendete Alkohol oft minderwertig war und viel Amylalkohol und andere Fuselölbestandteile enthielt. Auch Methanol, das Schwindel, Kopfschmerzen und Ăbelkeit bewirkt und als SpĂ€tfolge Erblindung, SchĂŒttellĂ€hmung oder bei einer Ăberdosis sogar den Tod nach sich zieht, war im damaligen Absinth enthalten.[11] Um dem Absinth eine charakteristische Farbe zu verleihen, wurden bisweilen bedenkliche Zusatzstoffe, wie z. B. AnilingrĂŒn, Kupfersulfat, Kupferacetat und Indigo zugesetzt. Ebenso wurde Antimontrichlorid hinzugefĂŒgt, um den Louche-Effekt (die milchige TrĂŒbung des sonst klaren GetrĂ€nks, wenn es mit Wasser verdĂŒnnt oder sehr stark gekĂŒhlt wird) kĂŒnstlich hervorzurufen.[10] Jedoch lagen die in historischen Proben gefundenen Konzentrationen potenzieller Schadstoffe wie Pinocamphon, Fenchon, Alkoholverunreinigungen, Kupfer- und Antimon-Ionen in einem fĂŒr den RĂŒckschluss auf Absinthismus unverdĂ€chtigen Bereich.[12][13]
Bei der Herstellung werden Wermut und ein Teil der Zutaten wie Anis und Fenchel in Neutralalkohol oder Weinalkohol mazeriert (eingeweicht) und anschlieĂend destilliert. Die Destillation trĂ€gt dazu bei, die starken Bitterstoffe des Wermuts abzutrennen. Diese sind weniger flĂŒchtig als die Aromastoffe und bleiben bei der Destillation zurĂŒck. Andernfalls wĂ€re das Ergebnis unangenehm bis ungenieĂbar bitter. Eine unverhĂ€ltnismĂ€Ăige Bitterkeit bei Absinth kann ein Indiz dafĂŒr sein, dass bei der Produktion auf die Destillation ganz oder teilweise verzichtet wurde, bei der Herstellung Wermutextrakte verwendet wurden und es sich also um minderwertigen beziehungsweise unechten Absinth handeln könnte.
Das Destillat kann danach mit den anderen KrĂ€utern wie Pontischem Wermut, Melisse und Ysop eingefĂ€rbt werden. Die FĂ€rbung durch KrĂ€uter trĂ€gt durchaus zum geschmacklichen Gesamtbild des Endprodukts bei. Sie stellt hohe AnsprĂŒche an die Fertigkeiten des Herstellers bei der Auswahl der FĂ€rbekrĂ€uter, ihrem quantitativen VerhĂ€ltnis und der Dauer der FĂ€rbung. Bei altem Absinth kann sich die FĂ€rbung des GetrĂ€nks von einem ursprĂŒnglich leuchtenden GrĂŒn in ein gelbliches GrĂŒn oder Braun wandeln, da sich das Chlorophyll zersetzt. Sehr alte Absinthe sind gelegentlich bernsteinfarben. Klarer Absinth, auch âBlancheâ oder âLa Bleueâ genannt, ist typisch fĂŒr den in illegalen Distillerien in der Schweiz hergestellten Absinth. Der Verzicht auf die normalerweise fĂŒr Absinth typische FĂ€rbung erleichterte den heimlichen Verkauf in Zeiten, in denen Absinth in der Schweiz verboten war.
Einige der heute hergestellten Absinthe werden mit Lebensmittelfarbe kĂŒnstlich eingefĂ€rbt. Es handelt sich dabei meist um minderwertige Absinthe mit einem vereinfachten Produktionsprozess, der den Absinth aber auch wichtiger geschmacklicher Nuancen beraubt. Neben der âGrĂŒnen Feeâ gibt es auch rot, schwarz oder blau eingefĂ€rbten Absinth. Diese fĂŒr Absinth ungewöhnliche FĂ€rbung geschieht vor allem aus MarketinggrĂŒnden.
âAbsinthâ ist die Eindeutschung des französischen absinthe, das ursprĂŒnglich nur âWermutâ bedeutete. Es geht zurĂŒck auf die lateinische und die griechische Bezeichnung fĂŒr Wermut, absinthium und áŒÏÎŻÎœÎžÎčÎżÎœ (apsinthion).
Wermut gehört zur Gattung der Artemisia-KrĂ€uter (BeifuĂ), die in den gemĂ€Ăigten Klimazonen der nördlichen HemisphĂ€re wachsen. Viele Arten dieser duftenden und hĂ€ufig insektenabwehrenden Pflanzen haben eine lange Tradition als Heilpflanze. Hinweise auf die Verwendung von BeifuĂ-Arten zu Heilzwecken finden sich bereits im Papyrus Ebers, der Texte aus der Zeit von 3550 bis 1550 vor Christus enthĂ€lt. Auch das Alte Testament nimmt an mehreren Stellen Bezug auf die Bitterkeit der Artemisia-KrĂ€uter. In deutschen Ausgaben werden die Pflanzen meist mit âWermutâ ĂŒbersetzt, obwohl es sich hier nicht um Artemisia absinthium handeln kann, sondern um andere Arten der Gattung Artemisia. 2007 haben deutsche Forscher in einer Doppelblind-Studie herausgefunden, dass Wermut eine âsignifikante Verbesserungâ bei Patienten mit Morbus Crohn bringe.[14]
FĂŒr die Entstehung des Absinths ist die Verwendung von Artemisia-KrĂ€utern in Tinkturen und Extrakten von Bedeutung. Sie wird schon von Theophrast und Hippokrates erwĂ€hnt. Wermutabkochungen in Wein werden von Hildegard von Bingen als Entwurmungsmittel verwendet. Wermutweine, bei denen WermutblĂ€tter gemeinsam mit Trauben vergoren werden, sind fĂŒr das 16. Jahrhundert belegt. Sie standen in dem Ruf, besonders wirksame Magenmittel zu sein.
Das Rezept fĂŒr Absinth ist in der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts im Val-de-Travers des heutigen schweizerischen Kanton Neuenburg (NeuchĂątel) entstanden. FĂŒr diese Gegend ist der Konsum von Wein, der mit Wermut versetzt wurde, ab 1737 belegt. WĂ€hrend der ursprĂŒngliche Herstellungsort gesichert ist, werden je nach Quelle unterschiedliche Personen als Urheber der ursprĂŒnglichen Rezeptur genannt. Der aus politischen GrĂŒnden in das preuĂische FĂŒrstentum geflohene französische Arzt Dr. Pierre Ordinaire, der in Couvet als Landarzt praktizierte, soll einen selbst hergestellten âĂ©lixir dâabsintheâ bei seinen Patienten verwendet haben. Nach seinem Tod gelangte das Rezept an die gleichfalls in Couvet ansĂ€ssige Familie Henriod, die es als Heilmittel deklarierte und ĂŒber Apotheken verkaufte. Nach anderen Quellen wurde ein Absinthelixir in der Familie Henriod bereits lĂ€nger hergestellt â ein Wermutelixier sei schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts von einer Henriette Henriod destilliert worden. Auch die mit dem Gastwirt Henry-Francois Henriod verheiratete heilkundige Suzanne-Marguerite Motta, auch âMutter Henriodâ genannt, wird als Urheberin der Originalrezeptur genannt. Helmut Werner hat deshalb in seiner Geschichte des Absinths die These aufgestellt, dass Pierre Ordinaire auf Basis seiner medizinischen Erfahrung lediglich den Herstellungsprozess eines Familienrezeptes der Henriod-Familie optimierte und auf gröĂere Mengen auslegte.
Gesichert ist, dass 1797 ein Major Dubied die Rezeptur von einem Mitglied der Familie Henriod erwarb und gemeinsam mit seinem Sohn Marcellin und seinem Schwiegersohn Henri Louis Pernod eine Absinth-Brennerei grĂŒndete. AnfĂ€nglich wurden tĂ€glich nur 16 Liter produziert und der gröĂte Teil der Produktion ging ins nahe gelegene Frankreich. Um die umstĂ€ndlichen ZollformalitĂ€ten zu umgehen, verlegte Henri Louis Pernod im Jahre 1805 die Destillerie ins französische Pontarlier und produzierte dort anfangs tĂ€glich 400 Liter.[15] Sein Erfolg zog das Entstehen einer Reihe weiterer Absinthbrennereien sowohl in Frankreich als auch im FĂŒrstentum Neuenburg nach sich.
1830 besetzte Frankreich Algerien, welches auch in den folgenden Jahrzehnten von französischen Truppen besetzt blieb. Die unzureichenden sanitĂ€ren Einrichtungen fĂŒhrten regelmĂ€Ăig zu Krankheitsepidemien unter den französischen Soldaten, die von MilitĂ€rĂ€rzten unter anderem mit einer Mischung aus Wein, Wasser und Absinth bekĂ€mpft wurden. Bereits die ersten Schiffe, die nach Algerien ĂŒbersetzten, hatten FĂ€sser mit Absinth an Bord. Die Soldaten erhielten vorbeugend tĂ€gliche Absinthrationen, weil man hoffte, auf diese Weise sowohl die Auswirkungen von schlechtem Trinkwasser als auch die Malaria bekĂ€mpfen zu können. Auf die Absinthproduktion zeigte dies deutliche Auswirkungen. Die Firma Pernod steigerte ihre Produktion auf tĂ€glich 20.000 Liter[15] und ihr Konkurrent Berger grĂŒndete eine weitere Absinthbrennerei in der NĂ€he von Marseille, um die Transportwege nach Algerien zu verkĂŒrzen.[16]
Aus Algerien zurĂŒckkehrende Soldaten, die die Spirituose nicht nur als Heilmittel schĂ€tzten, machten Absinth in ganz Frankreich bekannt. PopulĂ€r wurde das GetrĂ€nk insbesondere in Paris, wo die Kriegsheimkehrer Absinth regelmĂ€Ăig in den spĂ€ten Nachmittagsstunden in den CafĂ©s genossen.
Bereits um 1860 war die sogenannte âgrĂŒne Stundeâ, die âheure verteâ im Alltagsleben französischer Metropolen etabliert. Absinthtrinken zwischen 17 und 19 Uhr galt als chic und zu seinem Ruf als zeitgemĂ€Ăes GetrĂ€nk der spĂ€ten Nachmittagsstunden trugen auch die zahlreichen Trinkrituale bei, die sich rund um das GetrĂ€nk etablierten. Auf den Tischen der Bars und CafĂ©s der Pariser Boulevards standen hĂ€ufig hohe WasserbehĂ€lter mit mehreren HĂ€hnen. Ein Absinthtrinker platzierte einen der spatelförmigen und gelochten oder geschlitzten Absinthlöffel auf sein Glas und legte darauf ein StĂŒck Zucker. Dann drehte er einen der HĂ€hne des WasserbehĂ€lters auf, wodurch mit etwa einem Tropfen pro Sekunde Wasser auf den Löffel herabtropfte. Jeder Tropfen gezuckerten Wassers, der in das darunter stehende Absinthglas fiel, hinterlieĂ im Absinth eine milchige Spur, bis schlieĂlich ein MischungsverhĂ€ltnis erreicht war, das dem GetrĂ€nk insgesamt eine milchig-grĂŒnliche FĂ€rbung verlieh.
Marie-Claude Delahaye gilt in Frankreich als die Historikerin, die sich am intensivsten mit der Geschichte des Absinths auseinandergesetzt hat. In einem Interview mit Taras Grescoe wies sie darauf hin, dass Absinth in mehrfacher Hinsicht eine Neuerung in den französischen Trinkgewohnheiten darstellte.[17] Erstmals tranken Franzosen ein alkoholhaltiges GetrĂ€nk in gröĂeren Mengen, dessen Geschmack wesentlich von KrĂ€utern bestimmt war und das mit Wasser verdĂŒnnt wurde. Absinth war gleichzeitig die erste hochprozentige Spirituose, bei der die sozialen Konventionen der damaligen Zeit es gestatteten, dass Frauen, die nicht zur Halbwelt gehörten, sie in der Ăffentlichkeit zu sich nahmen. Bereits zu Beginn der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts hatte Absinth sich als GetrĂ€nk der BohĂšme etabliert.
Absinth war darĂŒber hinaus ein verhĂ€ltnismĂ€Ăig preisgĂŒnstiges GetrĂ€nk, das selbst nach der Besteuerung durch die französische Regierung preisgĂŒnstiger blieb als Wein. Es lieĂ sich auĂerdem mit billigem Alkohol aus ZuckerrĂŒben oder Getreide produzieren und ein einzelnes Glas Absinth konnte wegen seiner VerdĂŒnnung mit Wasser ĂŒber Stunden die Berechtigung erkaufen, in einer der Bars auszuharren. Mit etwa drei Sous pro Glas konnten sich nicht nur KĂŒnstler dieses GetrĂ€nk finanziell erlauben, sondern auch Arbeiter. FĂŒr viele von ihnen wurde es zur Gewohnheit, nach Beendigung ihrer Arbeit in eine der Bars einzukehren und Absinth zu trinken. Angesichts beengter WohnverhĂ€ltnisse und eines sehr geringen Freizeitangebots war die Einkehr in eine Bar eine der wenigen Unterhaltungsmöglichkeiten, die sich ihnen bot. Daher erklĂ€rt sich auch, dass es in Paris zur Wende des 20. Jahrhunderts 11,5 Kneipen je 1000 Einwohner gab. 1912 betrug der Jahreskonsum von Absinth in Frankreich 221,9 Mio. Liter.[18]
Absinthgenuss wird bis heute mit der französischen Kunstszene dieser Zeit verbunden.
âEs scheint, als sei die gesamte europĂ€ische Elite der Literatur und der bildenden KĂŒnste im Absinthrausch durch das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert getorkelt.â
schreiben dazu Hannes Bertschi und Marcus Reckewitz.[19] Vereinsamte, heruntergekommene Absinthtrinker waren immer wieder Motive der damaligen Malerei und der Literatur. Ădouard Manets GemĂ€lde âDer Absinthtrinkerâ, das um 1859 entstand, erregte mit seinem Sujet eines verwahrlosten Alkoholikers groĂen AnstoĂ und wurde vom Auswahlkomitee des Pariser Salons abgelehnt. Die literarische Vorlage zu dem GemĂ€lde war ein Gedicht von Charles Baudelaire, der selbst Absinth in groĂen Mengen konsumierte und hiermit versuchte, durch Syphilis verursachte Schmerzen und SchwindelgefĂŒhle zu bekĂ€mpfen. Weitere frĂŒhe bildliche Darstellungen sind die Karikaturen âLe premier verre, le sixiĂšme verreâ von HonorĂ© Daumier und âLâĂclipseâ von AndrĂ© Gill. Edgar Degas GemĂ€lde âDer Absinthâ von 1876 zeigt ein sich nicht mehr wahrnehmendes, apathisch nebeneinander sitzendes Paar in einer der französischen Bars. Neben Camille Pissarro und Alfred Sisley gehörte auch Henri Toulouse-Lautrec zu den bekannten Absinthtrinkern, der seinen Malerkollegen Vincent van Gogh 1887 in einem CafĂ© mit einem Glas Absinth portrĂ€tierte. Im selben Jahr entstand dessen âStillleben mit Absinthâ. Ein Beleg fĂŒr die Verbreitung des GetrĂ€nkes auĂerhalb von Paris ist sein in Arles entstandenes GemĂ€lde âNachtcafĂ© an der Place Lamartineâ, das ebenso wie Paul Gauguins âDans un cafĂ© Ă Arlesâ Barbesucher beim Absinthkonsum zeigt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wĂ€hlte Pablo Picasso wiederholt Absinthtrinker als Motiv. Neben verschiedenen Bildern seiner Blauen Periode, wie zum Beispiel âBuveuse assoupieâ aus dem Jahr 1902, entstand 1911 das kubistische GemĂ€lde âDas Glas Absinthâ und 1914 eine Skulptur mit gleichem Titel. Ebenfalls aus dieser Zeit stammen die Bilder âDer Absinthtrinkerâ des tschechischen Malers Viktor Oliva sowie âThe Absinthe Drinkerâ des irischen KĂŒnstlers William Orpen.
Beispiele fĂŒr Absinth in der Literatur sind âĂ Reboursâ von Joris-Karl Huysmans, âLendemainâ von Charles Cros und âComĂ©die de la Soifâ von Arthur Rimbaud. Dieser wurde am 1873 von seinem betrunkenen Liebhaber Paul Verlaine angeschossen, was möglicherweise auf ĂŒbermĂ€Ăigen Absinthkonsum zurĂŒckzufĂŒhren ist. Oscar Wilde beschrieb Absinth mit den poetischen Worten:[20]
âAbsinthe has a wonderful color, green. A glass of absinthe is as poetical as anything in the world.â
Auch wenn die Darstellungen in Kunst und Literatur hĂ€ufig explizit Absinth nennen, spiegeln sich in den GemĂ€lden und Romanen die alkoholbedingten Probleme einer Gesellschaft, in der traditionell Wein konsumiert wurde und hochprozentige Alkoholika bis zur EinfĂŒhrung von Absinth verhĂ€ltnismĂ€Ăig selten genossen wurden. Rund 100 Jahre zuvor hatte ein sprunghaft angestiegener Branntweinkonsum in GroĂbritannien vergleichbare soziale Probleme geschaffen und war nur durch gesetzliche MaĂnahmen wieder auf vertrĂ€glichere MaĂe rĂŒckfĂŒhrbar gewesen.[21]
Bereits um das Jahr 1850 wurden Sorgen ĂŒber die Folgen des Langzeit-Absinth-Konsums laut. Dieser fĂŒhre zu Absinthismus. Als Symptome galten AbhĂ€ngigkeit, Ăbererregbarkeit und Halluzinationen. Nachdem Ămile Zolas 1877 veröffentlichter Roman âLâassommoirâ (dt. âDer TotschlĂ€gerâ) auf die gravierenden sozialen Folgen eines weitverbreiteten Alkoholismus aufmerksam gemacht hatte, hatten eine Reihe von antialkoholischen Vereinigungen Versuche unternommen, Absinth verbieten zu lassen â verschiedentlich sogar gemeinsam mit den Weinproduzenten. 1907 gingen 4.000 Demonstranten in Paris unter dem Slogan âTous pour le vin, contre lâabsintheâ (Alle fĂŒr Wein und gegen Absinth) auf die StraĂe. Wein wurde im Frankreich jener Zeit als gesundes GetrĂ€nk wahrgenommen und galt nach damaligem VerstĂ€ndnis als Grundnahrungsmittel. âAbsinth macht kriminell, fĂŒhrt zu Wahnsinn, Epilepsie und Tuberkulose und ist verantwortlich fĂŒr den Tod tausender Franzosen. Aus dem Mann macht Absinth ein wildes Biest, aus Frauen MĂ€rtyrerinnen und aus Kindern Debile, er ruiniert und zerstört Familien und bedroht die Zukunft dieses Landesâ, zitiert Barnaby Conrad in seiner Geschichte des Absinth die damaligen Kritiker. Auch Zola beschrieb in seinem einflussreichen Roman Schnaps als ein menschenverderbendes GetrĂ€nk, Wein dagegen als das Recht des Arbeiters. UnterstĂŒtzung fand diese Sichtweise auch bei Medizinern. Alkoholismus war in Frankreich erstmals in den 1850er Jahren wissenschaftlich beschrieben worden. Französische Mediziner hatten um 1900 bei den billigen Absinthmarken, die im kalten Auszugsverfahren hergestellt wurden, besonders viele Schadstoffe festgestellt. Auch aus ihrer Sicht war Absinth das erste GetrĂ€nk, das verboten werden sollte.
Ein spektakulĂ€rer Mordfall im August des Jahres 1905 in der WaadtlĂ€nder Gemeinde Commugny, der europaweit ausfĂŒhrlich in den Medien dargestellt wurde, war der letzte AnstoĂ, Herstellung und Verkauf von thujonhaltigen GetrĂ€nken in den meisten europĂ€ischen LĂ€ndern und den USA gesetzlich zu verbieten.
Der Weinbergarbeiter Jean Lanfray war starker Alkoholiker, der bis zu fĂŒnf Liter Wein pro Tag trank. An dem Tag, an dem er neben seiner schwangeren Frau seine zweijĂ€hrige Tochter Blanche und seine vierjĂ€hrige Tochter Rose in einem Wutanfall ermordete, hatte er neben Wein auch Branntwein sowie zwei GlĂ€ser Absinth zu sich genommen. In der Verbotsdebatte, an der sich auch Weinproduzenten lebhaft beteiligten, konzentrierte man sich auf den Absinthgenuss, der dem Mord vorausgegangen war.[22] In Belgien nahm man den Vorfall zum Anlass, noch im selben Jahr Absinth zu verbieten. In der Schweiz wurde das Absinth-Verbot im Jahre 1910 aufgrund einer Volksinitiative, bei der sich am 5. Juli 1908 63,5 Prozent der abstimmenden mĂ€nnlichen Bevölkerung dafĂŒr aussprachen, in die Verfassung aufgenommen.[23] Das Verbot trat am 7. Oktober 1910 in Kraft. In Frankreich lieĂ man sich mit dem Verbot bis 1914 Zeit. Ob sich das Verbot von Absinth positiv auf die französische Volksgesundheit auswirkte, lĂ€sst sich nicht mehr feststellen. Mangelnde Gesundheitsstatistiken und die ZĂ€sur des Ersten Weltkriegs verhindern entsprechende Analysen.
Zu den heutigen EU-LĂ€ndern, die sich dem Absinth-Verbot zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht anschlossen, zĂ€hlten lediglich Spanien und Portugal. Auch in GroĂbritannien, wo Absinth im 19. Jahrhundert nur ein Nischendasein fristete, blieb zumindest der Verkauf erlaubt. Das Verbot des Absinth fĂŒhrte in Frankreich zu einer wachsenden PopularitĂ€t des Absinthsubstituts Pastis, fĂŒr dessen Herstellung kein Wermut verwendet wird, das aber ebenfalls mit Wasser verdĂŒnnt in den Nachmittagsstunden genossen wird.
Nach dem französischen Verbot verlegte die Firma Pernod, einer der gröĂten französischen Absinth-Hersteller, ihre Absinth-Produktion zunĂ€chst nach Spanien, konzentrierte sich aber dann auf die Herstellung von Anis-SchnĂ€psen. Das Val-de-Travers dagegen, das ursprĂŒngliche Herstellungsgebiet, litt stĂ€rker unter dem Verbot. Ăber ein Jahrhundert hatte man in dem eher Ă€rmlichen Tal vom Wermutanbau, dem Verkauf des getrockneten Krauts sowie der Absinth-Destillation gelebt. Nach dem Verbot lieĂ die Schweizer Regierung die Absinth-Felder unterpflĂŒgen.[24] Die Destillation wurde jedoch heimlich weitergefĂŒhrt â die Einwohner des Tales legen Wert darauf, auf eine 250-jĂ€hrige, ununterbrochene Geschichte der Absinth-Produktion verweisen zu können.
Die Zahl der Destillerien, die im Val-de-Travers illegal Absinth herstellten, schĂ€tzen Interviewpartner des Autors Taras Grescoe zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf etwa sechzig bis achtzig.[25] Ăhnlich wie den illegal gebrannten Moonshine der USA, den norwegischen Hjemmebrent oder den irischen Poteen, umgibt auch den illegalen Schweizer Absinth eine reiche Folklore. Berthe Zurbuchen, eine BerĂŒhmtheit des Val-de-Travers, die achtzig Jahre lang illegal Absinth brannte und in einem Schauprozess in den 1960er Jahren zu 3.000 Franken Strafzahlung verurteilt wurde, soll ihren Richter nach dem Urteilsspruch gefragt haben, ob sie sofort zahlen solle oder erst, wenn er das nĂ€chste Mal vorbeikĂ€me, um sich seine wöchentliche Flasche abzuholen. Nach der Verurteilung strich sie ihr Haus demonstrativ absinthgrĂŒn.[26] Anfang der 1980er Jahre servierte man anlĂ€sslich eines Staatsbesuchs dem französischen PrĂ€sidenten François Mitterrand ein mit Absinth glasiertes SoufflĂ©. FĂŒr den Restaurantbesitzer fĂŒhrte die demonstrative Verwendung des illegalen Absinths zu einer Hausdurchsuchung und einer viertĂ€gigen GefĂ€ngnisstrafe auf BewĂ€hrung.[27] Der Vertreter des Kantons, Pierre-AndrĂ© Delachaux, der das absinthglasierte SoufflĂ© angeregt hatte, entging nur knapp einem erzwungenem RĂŒcktritt von seinem Amt und dem Ende seiner politischen Karriere.[25]
Ab 2001 wurde im Val-de-Travers neben illegalem Absinth auch eine legale Absinth-Variante produziert. Dies war möglich, weil der Alkohol- und Thujongehalt soweit reduziert wurde, dass dieses Produkt laut Gesetz kein Absinth mehr war. Noch vor der Absinth-Legalisierung in der Schweiz am 1. MĂ€rz 2005[28] bemĂŒhte man sich, Absinth als intellektuelles Gut des Val-de-Travers unter dem IGP, dem âindication gĂ©ographique protĂ©gĂ©eâ schĂŒtzen zu lassen. Man ist dabei in direkter Konkurrenz zu den Nachbarn auf der französischen Seite der Grenze, die gleichermaĂen versuchen, eine âappellation dâorigine rĂ©glementĂ©eâ zu erhalten. UnabhĂ€ngig davon, wer in diesem Wettstreit erfolgreich sein wird, könnten nach einer Verleihung nur noch solche Produkte die Bezeichnung Absinth tragen, die aus dieser Region des Jura stammen und bei deren Herstellung bestimmte QualitĂ€tsstandards eingehalten wurden.
âHĂ€tte man Gin und Vermouth anstatt des Absinth verboten ⊠dann wĂŒrden Sammler heute ein Vermögen fĂŒr alte, konische GlĂ€ser zahlen und ehrfurchtsvoll Dorothy Parker und Dashiell Hammett ĂŒber die narkotischen QualitĂ€ten des berĂŒchtigten Martinis zitieren.â
schreibt Grescoe in seinem Essay âAbsinthe Suisse â One glass and You are Deadâ. Auch die im Internet verfĂŒgbaren Rezepte fĂŒr die Heimherstellung von Absinth können als Indiz dafĂŒr gewertet werden, dass das Verbot zum Mythos dieses GetrĂ€nks beigetragen hat. FĂŒr andere, einst populĂ€re GetrĂ€nke wie etwa Veilchen- oder Vanillelikör lĂ€sst sich keine auch nur annĂ€hernd vergleichbare FĂŒlle an Rezepturen finden.
Eine breite öffentliche Wahrnehmung der Spirituose Absinth setzte ein, als ein auf alkoholische GetrĂ€nke spezialisierter Importeur in den 1990er Jahren bemerkte, dass es in GroĂbritannien keine spezifische Gesetzgebung gab, die den Verkauf von Absinth untersagte. Hillâs Liquere, eine tschechische Brennerei, begann fĂŒr den britischen Markt Hillâs Absinth herzustellen â ein GetrĂ€nk, von dem Taras Grescoe behauptet, es wĂ€re nichts anderes als ein hochprozentiger Wodka, den man mit Lebensmittelfarbe eingefĂ€rbt habe.[29] Der beginnende Wiederausschank von Absinth wurde von einer Reihe von Artikeln in Lifestyle-Magazinen begleitet, die sich ĂŒber seine gern kolportierte halluzinogene und erotisierende Wirkung, das in vielen LĂ€ndern geltende Absinth-Verbot, van Goghs angeblich absinthinduzierte SelbstverstĂŒmmelung und die elaborierten Trinkrituale auslieĂen. Diese breite Medienabdeckung lĂ€sst sich auch in allen anderen europĂ€ischen LĂ€ndern beobachten, die in den Folgejahren den Ausschank von Absinth wieder erlaubten. Selbst Filme griffen Absinth als epochentypisches Ausstattungsmerkmal auf, so 1992 in Bram Stoker's Dracula. 2001 berauscht sich Johnny Depp im Film From Hell auf seiner Jagd nach Jack the Ripper an Opium und smaragdgrĂŒnem Absinth. Beides gemeinsam schuf eine neue Nachfrage nach diesem GetrĂ€nk, die Importeure und Brennereien lĂ€nderspezifische Gesetzgebungen ĂŒberprĂŒfen lieĂ. In den Niederlanden ist der Verkauf von Absinth beispielsweise seit Juli 2004 wieder erlaubt, nachdem der Amsterdamer WeinhĂ€ndler Menno Boorsma erfolgreich gegen das Verbot geklagt hatte.
HĂ€ufig wird Absinth auf billigste Art und Weise hergestellt, wobei Absinthessenz in hochprozentigen Alkohol gegeben wird. Erst ab der gehobenen Mittelklasse werden klassische Produktionsmethoden wie die Mazeration angewandt.
Klagen gegen ein Absinth-Verbot hatten in der EU generell groĂe Aussicht auf Erfolg, da sowohl Spanien als auch Portugal die Absinth-Herstellung und den Verkauf erlaubten. Einige LĂ€nder wie etwa Belgien hoben ihr Absinthverbot mit dem Hinweis auf eine ausreichende EU-Gesetzgebung auf, ohne durch Klagen dazu gezwungen worden zu sein. In Deutschland, wo seit 1923 nicht nur die Herstellung von Absinth, sondern sogar die Verbreitung von Rezepten zur Herstellung verboten waren, war bereits 1981 das Verbot in der Bundesrepublik Deutschland wegen bestehender EWG-Regelungen soweit gelockert worden, dass ein Thujongehalt von bis zu 10 mg/l erlaubt war. Am 29. Januar 1998 wurden die gesetzlichen Bestimmungen an das EU-Recht angeglichen. Seitdem ist in Deutschland wie den meisten EU-LĂ€ndern und in der Schweiz Absinth mit einem Thujonanteil erlaubt, der je nach Alkoholgehalt bei bis zu 10 mg/kg liegen kann. Zu den wenigen LĂ€ndern, in denen Herstellung und Verkauf nach wie vor untersagt waren, zĂ€hlten bis vor kurzem noch die USA â dort fiel das Verbot schlieĂlich 2007 mit diversen Auflagen.
Ăhnlich den Anis-Spirituosen Pastis, Rakı oder Ouzo wird Absinth grundsĂ€tzlich nicht pur getrunken, sondern mit Wasser verdĂŒnnt. Die klare, grĂŒne FlĂŒssigkeit opalisiert dabei, das heiĂt, sie trĂŒbt sich milchig ein. Dieses PhĂ€nomen wird Louche-Effekt genannt. Ursache des Effekts ist die schlechte Wasserlöslichkeit des im Absinth enthaltenen Ă€therischen Ăls Anethol. Die verschiedenen Trinkrituale, die sich rund um den Absinth entwickelt haben, werden Französisches Trinkritual, Schweizer Trinkweise und Tschechisches oder Feuerritual genannt. Ihnen allen ist eigen, dass der Absinth im VerhĂ€ltnis zwischen 1:1 bis 1:5 mit Eiswasser vermischt wird. Die meisten Absinthtrinker wĂ€hlen ein MischungsverhĂ€ltnis von mindestens 1:3.
Die Schweizer Trinkweise ist dabei die am wenigsten etablierte. Bei ihr werden lediglich zwei bis vier cl Absinth mit kaltem Wasser vermischt. Auf Zucker wird verzichtet, da die in der Schweiz getrunkenen Absinthe grundsÀtzlich weniger bitter waren als die französischen.
Das Feuerritual, auch tschechische Trinkweise genannt, ist historisch nicht mit dem Absinthkonsum verbunden. Es wurde in den 1990er Jahren von tschechischen Absinthproduzenten entwickelt, um den Genuss des GetrĂ€nks attraktiver zu machen. Dazu werden ein bis zwei mit Absinth getrĂ€nkte WĂŒrfelzucker auf einen Absinthlöffel gelegt und angezĂŒndet. Sobald der Zucker karamellisiert und Blasen wirft, werden die Flammen gelöscht und der Zucker erst dann in den Absinth gegeben. Geraten noch brennende ZuckerstĂŒcke in das Glas, besteht die Gefahr, dass sich der darin befindliche Absinth entzĂŒndet. Auch hier wird der Absinth in einem VerhĂ€ltnis von 1:3 bis 1:5 mit Eiswasser vermischt.
Das französische Trinkritual besitzt dagegen eine historisch belegbare Tradition. Absinth wurde im 19. Jahrhundert bis hin zum Verbot zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Frankreich auf diese Weise genossen. Ăhnlich wie beim Feuerritual wird der Absinth mit Zucker getrunken. Dazu werden ein oder zwei StĂŒck WĂŒrfelzucker auf einem Absinthlöffel platziert und sehr langsam kaltes Wasser ĂŒber den Zucker gegossen oder getrĂ€ufelt. Das MischungsverhĂ€ltnis liegt bei 1:3 bis 1:5.
FĂŒr das Hinzugeben des Wassers kann auch auf eine AbsinthfontĂ€ne oder einen speziellen Glasaufsatz â das Brouille â zurĂŒckgegriffen werden. Bei einer FontĂ€ne wird der Zucker auf dem Absinthlöffel durch einen dĂŒnnen Strahl aus den FontĂ€nenhĂ€hnen aufgelöst. Das Brouille wird hingegen direkt auf das Absinthglas gesetzt, so dass der Absinth ohne Absinthlöffel zubereitet wird. Durch ein kleines Loch im Glasaufsatz strömt das Wasser in das darunter befindliche Absinthglas.
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Dieser Artikel wurde am 14. Januar 2007 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. |