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Abstinenz (lat.: abstinere „sich enthalten, fernhalten“) bedeutet Enthaltsamkeit oder Verzicht im weiten Sinne. Der Begriff wird in der Alltagssprache und in verschiedenen Fachsprachen mit leicht abweichender Bedeutung verwendet. Seine Verwendung impliziert oft soziale Normen (z. B. Verhaltensregeln oder Tabus), die allgemein bekannt sind.
Inhaltsverzeichnis |
Sexuelle Abstinenz bezeichnet die Enthaltsamkeit von sexuellen Aktivitäten. Sie umfasst immer den Verzicht auf Geschlechtsverkehr und kann auch die Enthaltsamkeit von Masturbation einschließen.
Alltagssprachlich werden die Begriffe "Enthaltsamkeit" und "Keuschheit" manchmal synonym verwendet, obwohl sie nicht synonym sind.
Neben einer medizinisch gebotenen Abstinenz (z. B. infolge von Operationen oder bei bestimmten Erkrankungen) wird sexuelle Abstinenz von Angehörigen verschiedener Religionen geübt, unter anderem im Sinne von Enthaltsamkeit von Geschlechtsverkehr vor der Ehe oder in bestimmten Lebensformen (Zölibat, Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen). In modernen Jugendkulturen kann Abstinenz ein Verhalten sein, mit dem man seine Zugehörigkeit zu einer Gruppierung ausdrückt (siehe Straight Edge oder die religiös initiierte und motivierte Keuschheitsbewegung True Love Waits - deutsch Wahre Liebe Wartet, in der sich Jugendliche verpflichten, auf vorehelichen Geschlechtsverkehr zu verzichten).
Der Soziologe Karl Lenz schrieb 2004 dazu: "Ein tief greifender kultureller Wandel hat sich in der Sexualität ereignet. Das kulturelle Ideal, dass Sexualität nur in der Ehe gestattet ist, ist nahezu völlig verschwunden [...]. Sexualität ist nicht mehr länger nur auf die Ehe begrenzt, sondern hat sich in Zweierbeziehungen weit nach vorn verlagert. [...] Das in dem bürgerlichen inkorporierte Sexualmodell der Ehe war primär als soziale Kontrolle über die weibliche Sexualität wirksam."[1]
Besonders in den Vereinigten Staaten gibt es staatlich geförderte Enthaltsamkeitskampagnen, die Schwangerschaften Minderjähriger mit dem dazugehörigen Armutsrisiko verhindern sollen und eine Alternative zur AIDS-Prävention darstellen sollen. Einige Wissenschaftler konnten keine positive Wirkung auf die Häufigkeit ungewollter Teenager-Schwangerschaften oder HIV-Neuansteckungsraten feststellen,[2][3] während andere Studien zeigten, dass solche Kampagnen beim Rückgang von Teenager-Schwangerschaften eine ebenso große Rolle spielen wie Empfängnisverhütung.[4]
Die gesundheitlichen und psychosozialen Nachteile des Alkohols machen es manchmal erforderlich, darauf völlig zu verzichten. Wird der Alkoholgenuss nur eingeschränkt, spricht man nicht von Abstinenz. In der Behandlung der Alkoholkrankheit muss nach herrschender Meinung unbedingte Abstinenz angestrebt werden, weil eine einmal süchtige Person zeit ihres Lebens nicht mehr dazu im Stande sei, das Suchtmittel gemäßigt zu konsumieren; Sucht sei eine Krankheit, die zwar zum Stillstand gebracht, aber niemals völlig geheilt werden könne. Abstinent lebende Alkoholiker bezeichnet man umgangssprachlich als „trocken“ und abstinent lebende Drogen- oder Medikamentenabhängige als „clean“.[5]
Das Alte Testament erwähnt den nomadischen Stamm der Rechabiter, der aus religiösen Gründen auf den Konsum von Wein verzichtete. Vorläufer einer Abstinenzbewegung im modernen Sinne war der Orden des heiligen Christoph.
Die Anonymen Alkoholiker, das Blaue Kreuz und die Guttempler sind Bewegungen, die die Abstinenz von Alkohol als Mittel gegen Alkoholsucht vertreten und deren Mitglieder strikt abstinent leben. Auch christliche Konfessionen wie die Heilsarmee und Siebenten-Tags-Adventisten leben abstinent. All diese Gruppen praktizieren neben der Alkoholabstinenz auch Abstinenz vom Rauchen und von anderen Drogen.
Es gibt zahlreiche Hinweise, dass in der Türkei Islamisten den Kampf für Abstinenz als politischen Vorwand nutzen, um allgemein die Islamisierung der Türkei zu fördern und westlich lebende Türken in die Defensive zu drängen.[6][7]
Aus Protest gegen den Einfluss der Islamisten in der Türkei trinken einige junge Türken demonstrativ Alkohol, auch im Fastenmonat Ramadan.
Abstinenz wird in Bezug auf Speisen oft für Enthaltsamkeit gegenüber Fleischspeisen oder Süßigkeiten benutzt. Der Begriff spielt bei bestimmten Diäten sowie in verschiedenen Religionen eine Rolle, die ständige oder zeitweise Enthaltsamkeit (Fasten) fordern.
Mit dem freiwilligen Verzicht auf Konsum kann der Versuch unternommen werden, einen positiven Effekt auf das eigene Leben, beispielsweise die eigene Gesundheit, oder für die Gesellschaft, etwa durch Ressourcenschonung (Suffizienz), zu erzielen. In der Religion kann das erwünschte Ziel ein tieferes Empfinden des Glaubens sein oder zur persönlichen Reinheit im Sinne der jeweiligen religiösen Verhaltensregeln führen.
Eine Variante des Konsumverzichtes ist der zeitweilige oder dauernde freiwillige Verzicht auf den Fernsehkonsum. Manchmal ist das durch eine Protesthaltung motiviert, z. B. gegen Informationsüberflutung oder die Art und Weise der (heutigen) Berichterstattung, in anderen Fällen herrscht z. B. der Wunsch vor, mehr Zeit gemeinsam in der Familie zu verbringen. Manche Christen verzichten in der Fastenzeit auf Fernsehkonsum, um mehr Zeit zur Besinnung zu haben.
Im Sport wird oft von den Sportlern vor Wettkämpfen Abstinenz von Dingen gefordert, die möglicherweise die Leistung herabsetzen könnten. Sie dürfen dann bestimmte Speisen nicht essen, keine Trinkgelage veranstalten oder sich nicht sexuell betätigen. Letzteres dürfte als wissenschaftlich widerlegt gelten.
Unfreiwillige Abstinenz kann im Krankheitsfall entstehen, wenn dem Körper durch ausbleibende medikamentöse Versorgung Stoffe vorenthalten werden, die zum normalen Verlauf der Körperfunktionen notwendig sind.
Die Behandlung von Patienten mit Diabetes mellitus geht oft im Rahmen einer Diät mit Verhaltensmaßregeln einher, die als Abstinenz bezeichnet werden. Die Patienten dürfen bestimmte Nahrungsmittel dann nicht zu sich nehmen.
In der Psychotherapie bezeichnet der Begriff eine Grundhaltung des Therapeuten, keine persönlichen Interessen zu verfolgen. Es ist ihm dann untersagt, das Gespräch für die eigene Unterhaltung zu nutzen bzw. dem Patienten eigene Interessen mitzuteilen, wie etwa dass er selbst gern dies oder jenes tut oder welches Hobby der Therapeut hat. Abstinenz kann aber auch bedeuten, dem Patienten keine Ratschläge zu erteilen, weil dann dessen eigene Entscheidungsfindung beeinflusst wird. Insbesondere auch drastische Negativbeurteilungen verstoßen gegen das Prinzip der Abstinenz. Die Prinzipien der therapeutischen Abstinenz entsprechen denen der Wertfreiheit. In Notfällen kann sogar Einmischung erforderlich sein, sonst ist freundlich abwartendes Vorgehen wünschenswert.[8] Die Forderung nach therapeutischer Abstinenz leitet sich aus der Widerstandsanalyse ab. Vom Therapeuten muss dieselbe Haltung erwartet werden, wie er sie von seinem Patienten erwartet, nämlich die einer therapeutischen Ich-Spaltung. Das heißt, dass sich das Ich in einen beobachtenden und einen erlebenden Teil spalten soll.[9] Der beobachtende Teil dient der distanzierten Analyse von Sachverhalten, der erlebende der mitmenschlichen Anteilnahme. Das Einhalten der Abstinenzregel bedeutet also nicht, eine emotional ausschließlich kalte und distanzierte Haltung einzunehmen, sondern die einander entgegengesetzten Standpunkte nacheinander abwechselnd selbst einzunehmen und gegeneinander abzuwägen. Dies gilt auch für das Arbeitsbündnis mit dem Therapeuten, das nur durch eine emotional anteilnehmende Haltung auf beiden Seiten und durch gegenseitiges Interesse am Fortschritt der Therapie aufgebaut werden kann, aber auch gelegentlich kritischer und nüchtern distanzierter Betrachtung bedarf, um nicht hinreichend bewusste Fehler zu vermeiden. Abstinenz bedeutet somit auch, einander entgegengesetzte Standpunkte nicht zu vermischen, sondern sauber abzuwägen.
Abstinenz wird vor allem in der tiefenpsychologischen Psychotherapie gefordert. Andere psychologische Schulen verfolgen andere Herangehensweisen.
Ein Psychologischer Psychotherapeut, der sich über das Abstinenzgebot hinwegsetzt, kann nach § 174c Abs. 2 StGB bestraft werden und zivil- sowie berufsrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden.[10]
Unter „Abstinenzparadigma“ versteht man in der deutschen Drogendiskussion die Ausrichtung aller Bemühungen auf die totale Enthaltsamkeit von Drogen bei süchtigen Drogenkonsumenten.[11] Diese, vor allem innerhalb der deutschen Psychiatrie, vertretene Strategie befürwortet, notfalls zwangsweise, stationäre Abstinenztherapien und verwirft die Drogensubstitution. Eine Gegenposition hat sich vor allem unter dem Namen Akzeptanzparadigma herausgebildet und wird neuerdings auch unter den im Englischen üblichen, weiteren Begriff der „harm reduction“ gefasst. Sie befürwortet alle Maßnahmen, die zu einer Verringerung schädlicher Auswirkungen im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Drogen führen, z. B. Drogensubstitution, einschließlich der Verabreichung von Heroin, Spritzentausch etc.
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