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African National Congress

Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter African National Congress (Begriffsklärung) aufgeführt.
Flagge des African National Congress

Der Afrikanische Nationalkongress (meist African National Congress, kurz ANC) ist eine 1912 gegründete südafrikanische Organisation. Von 1960 bis 1990 waren ihre Aktivitäten in Südafrika per Gesetz als „unrechtmäßig“ eingestuft und damit illegal, der ANC hatte jedoch als führende Bewegung gegen die Apartheid großen Einfluss auf das Geschehen in Südafrika. Seit 1994 stellt er die Regierung. Ihr bekanntester Politiker ist Nelson Mandela.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

GrĂĽndung und Etablierung als Protestbewegung

Repräsentanten des South African Native National Congress 1914 in England, wo sie eine Protestnote gegen das Landgesetz von 1913 einreichten

Am 8. Januar 1912, zwei Jahre nach der Errichtung der Südafrikanischen Union, wurde die ANC-Vorläuferorganisation South African Native National Congress (SANNC) in Bloemfontein gegründet.[1] Gründungsmitglieder waren der Anwalt Pixley ka Isaka Seme, die Geistlichen John Langalibalele Dube und W. Rubusana sowie der Autor Sol Plaatje. Obwohl von Männern aus der höheren Bildungsschicht gegründet, stand der SANNC grundsätzlich allen offen, egal welcher Hautfarbe, und akzeptierte sowohl das Christentum als auch die englische Sprache.

Im Mai 1923 benannte sich der SANNC in African National Congress um.[2] Er verstand sich als schwarze Widerstandspartei, die volle Bürgerrechte für alle Südafrikaner forderte. Lange Zeit opponierte er friedfertig durch Boykotte und Streiks. So organisierte er in den 1920er-Jahren Streiks der Minenarbeiter, um die schlechten Arbeitsbedingungen der Schwarzen zu verbessern. Der ANC wurde immer mehr zur Massenorganisation. Hunderttausende befolgten die Aufrufe zu Demonstrationen oder Streiks. Zwischen dem ANC, der South African Communist Party (SACP), dem South African Indian Congress (SAIC) und weiteren Partnern des In- und Auslandes entwickelten sich zahlreiche personelle Verknüpfungen und Aktivitäten. Am 16. Dezember 1943 forderte der ANC durch seine Erklärung Africans’ Claims in South Africa mit internationaler Wirkung die Herstellung gleicher Bürgerrechte im damaligen Südafrika ein und griff damit frühere reformerische Ansätze aufklärerisch handelnder Personen in Fort Hare auf. Diese Erklärung gilt als eine Wegmarke moderner Positionen zur Umsetzung universeller Menschenrechte, die 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von den Vereinten Nationen ihre Entsprechung fanden.

Im Jahr 1946, zwei Jahre vor dem Beginn der legislativen Apartheid, streikten rund 70.000 schwarze Minenarbeiter. 1952 bis 1953 organisierte der ANC die Defiance Campaign (deutsch etwa: Missachtungskampagne) gegen die diskriminierenden Gesetze des Apartheidsregimes. 1955 war der ANC an der Verabschiedung der Freiheitscharta beteiligt, die ein friedliches, gleichberechtigtes Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen erreichen sollte. 1956 wurden zahlreiche ranghohe ANC-Politiker und weitere Apartheidgegner, die an der Unterzeichnung der Freiheitscharta beteiligt gewesen waren, festgenommen. Das anschließende Treason Trial dauerte bis 1961 und endete mit dem Freispruch aller 156 Angeklagten. Gegen die so genannten Passgesetze, wonach die Schwarzen außerhalb der Homelands jederzeit einen Pass mit sich tragen mussten, um sich als registrierte Arbeitnehmer am zugewiesenen Ort ausweisen zu können, protestierte der ANC durch Demonstrationen und durch das Verbrennen der umstrittenen Pässe. Der damalige ANC-Vorsitzende, Albert Luthuli, wurde 1960 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, von der Apartheidregierung jedoch mehrfach nach dem Suppression of Communism Act mit den Restriktionen des Banns belegt.

Abspaltung des Pan Africanist Congress 1959 und Bannung 1960

Einigen Mitgliedern gingen die meist friedlichen Aktionen des ANC nicht weit genug. Sie grĂĽndeten 1959 eine weitere Widerstandsorganisation, den Pan Africanist Congress (PAC). Im Gegensatz zum ANC verwarf der PAC die offene Haltung gegenĂĽber allen Rassen. Er positionierte sich als reine Schwarzen-Organisation und lehnte jegliche Zusammenarbeit mit den WeiĂźen ab.

Eine vom PAC organisierte Demonstration im Township Sharpeville endete in einem von der Polizei angerichteten Blutbad, dem Sharpeville-Massaker. 69 Afrikaner fanden dabei den Tod. Dieses Ereignis löste nationale Unruhen aus, welche die südafrikanische Regierung mit Härte bekämpfte. Rund 20.000 Demonstranten wurden verhaftet. Am 8. April 1960 wurden sowohl der PAC wie auch der ANC auf der Grundlage des Unlawful Organizations Act (Act No. 34 / 1960) von der südafrikanischen Regierung gebannt und damit jegliche legale Betätigung dieser Organisationen unterbunden.[3][4]

Exilarbeit und Untergrundaktivitäten 1961–1990

Porträt Nelson Mandelas aus den 1960er Jahren auf einer sowjetischen Briefmarke des Jahres 1988

Nach der Bannung des ANC begann man unter der Führung von Oliver Tambo mit dem Aufbau von politischen Strukturen im Ausland und mit militärischen Trainingsprogrammen. Die erste militärische Schulung erfolgte durch China. In Marokko unterhielt der ANC 1962 ein Trainingslager.[5]

1961 entschlossen sich führende Mitglieder des ANC gemeinsam mit Vertretern der SACP während eines konspirativen Treffens in Durban zur Gründung des bewaffneten Flügels.[6] Nelson Mandela leitete diese Organisation mit dem Namen Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation), die ihr erstes Trainingslager in Kongwa im damaligen Tanganjika hatte. Der ANC operierte fortan auf dem Gebiet von Südafrika aus dem Untergrund. Umkhonto we Sizwe tat sich in den folgenden Jahren insbesondere durch Sabotageakte gegen die Infrastruktur (beispielsweise Stromversorgung und Telekommunikation), militärische Einrichtungen und Polizeistationen hervor. Die Ausbildung seiner Soldaten erfolgte in anderen afrikanischen Staaten durch kubanische und sowjetische Militärs. Ausgewählte Kommandeure und Funktionäre erhielten in Moskau Schulungen. Die politische Schulung im militärischen Rahmen übernahmen Kuba, Bulgarien, die DDR und die Sowjetunion.[7]

Führende ANC-Aktivisten wie Nelson Mandela, Walter Sisulu und Govan Mbeki wurden 1964 im sogenannten Rivonia-Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht warf ihnen vor allem Beteiligung an Sabotageakten vor. Die ranghöchsten ANC-Mitglieder kamen nach dem Schuldspruch auf der Gefängnisinsel Robben Island in Haft. Viele weitere Aktivisten wurden verhaftet oder mussten ihre Aktivitäten ins Ausland verlagern. Die Regierung versuchte, auch die mit zivilen Mitteln arbeitenden Menschenrechtskämpfer und Unterstützer des ANC massiv zu behindern, indem sie viele von ihnen unter Bann stellte. Gebannte durften ein genau definiertes Territorium nicht verlassen und wurden dabei sozial und beruflich isoliert. Treffen von ANC-Mitgliedern waren zu unterbinden, wenn die Mitarbeiter der Nachrichtendienste, ab 1972 des State Security Council, davon Kenntnis erhielten. Der südafrikanische Staat versuchte auf der Basis des Parliamentary Internal Security Commission Act eine möglichst vollständige Kontrolle über oppositionelle Aktivitäten im Land und den benachbarten Staaten zu erlangen. Die Führung des ANC unter Oliver Tambo lebte inzwischen im Exil und unterhielt in London ein Hauptbüro. Für viele Aktivitäten bot Tansania eine Operationsbasis.

Zahlreiche ANC-Politiker waren an der Universität Fort Hare ausgebildet worden. Mit der Zunahme der staatlichen Repressionsmaßnahmen auf der Grundlage des Internal Security Act von 1976 schuf der ANC in Tansania eine Bildungseinrichtung, die außerhalb des Einflussbereiches des südafrikanischen Apartheidssystems lag. Dieses Solomon Mahlangu Freedom College ermöglichte eine unabhängige Ausbildung für ANC-Mitglieder und weitere aktive Personen sowie deren Kinder mit Hilfe eines international zusammengesetzten Lehrkörpers. Das College existierte von 1978 bis 1992.

Mit dem Aufstand in Soweto 1976 und dem Aufkommen der Black-Consciousness-Bewegung im Folgejahr verschärfte sich die Situation in Südafrika. Der ANC wirkte im Untergrund und war für zahlreiche Gewaltakte, aber auch gewaltlose Boykott- und Streikmaßnahmen verantwortlich, so dass schließlich der Notstand ausgerufen wurde. Die Rolle der außerparlamentarischen Opposition übernahm die United Democratic Front (UDF), die dem ANC nahestand, sich aber stärker als Bündnis aller südafrikanischen Apartheidsgegner verstand.

Nach dem Ende der Apartheid

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre fanden Geheimgespräche zwischen Regierungs- und ANC-Vertretern im Ausland statt. Nelson Mandela wurde angeboten, das Gefängnis zu verlassen, falls der ANC fortan auf Gewalt verzichten würde. Mandela lehnte solch eine Begnadigung ohne Änderung des Systems ab. Der neugewählte Präsident Frederik Willem de Klerk ging weiter auf den ANC zu und ließ am 2. Februar 1990 das Verbot des ANC und weiterer Anti-Apartheid-Organisationen aufheben. Neun Tage später wurde Mandela ohne Bedingungen freigelassen. Die ANC-Führung einschließlich Oliver Tambo kehrte aus dem Exil zurück. Fortan gab es im Rahmen der Convention for a Democratic South Africa (Zusammenkunft für ein demokratisches Südafrika) Verhandlungen zwischen Regierung, ANC und weiteren Gruppierungen über ein Ende der Apartheid und die Verabschiedung einer vorläufigen neuen Verfassung. Am 10. April 1993 wurde der ranghohe ANC-Funktionär Chris Hani durch ein Mordkomplott rechter weißer Politiker getötet. Mandela gelang es aber trotz großer Spannungen, den Verhandlungsprozess fortzusetzen. De Klerk und Mandela wurden 1993 für ihre Rolle im Verhandlungsprozess mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die ersten freien Wahlen Südafrikas 1994 gewann der ANC mit rund 63 Prozent der Stimmen. Nelson Mandela wurde anschließend zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt. Der militärische Flügel des ANC wurde nach den gewonnenen Wahlen in die neu gegründete South African National Defence Force (SANDF) integriert und die Führung des neuen südafrikanischen Verteidigungsministeriums an zwei Umkhonto-we-Sizwe-Veteranen übertragen: Joe Modise wurde erster schwarzer südafrikanischer Verteidigungsminister und Ronnie Kasrils sein Stellvertreter. Mit der SACP und dem Gewerkschaftsdachverband Congress of South African Trade Unions bildete der ANC fortan eine „Drei-Parteien-Allianz“ (Tripartite Alliance).

Mandela übte das Präsidentenamt bis 1999 aus. Spitzenkandidat bei den Wahlen 1999 wurde sein vormaliger Stellvertreter Thabo Mbeki. Der ANC erhielt 66 Prozent der Stimmen, die er bei den Wahlen 2004 sogar zu einer Zwei-Drittel-Mehrheit ausbaute. Mbeki musste jedoch zurücktreten und wurde durch Kgalema Motlanthe ersetzt.

Jacob Zuma (2009)

Im Verlauf des Jahres 2008 nahm die Kritik an der Führung des ANC zu, so dass sich die Partei Congress of the People (COPE) abspaltete. Korruptionsvorwürfe und die Umstände von Mbekis Entmachtung wurden als Gründe für die Abspaltung genannt. Die Leitung der COPE übernahm der frühere Verteidigungsminister Mosiuoa Lekota.[8] Sie wurde bei den Parlamentswahlen 2009 drittstärkste Kraft und gewann 30 Sitze. Der ANC unter dem neuen Spitzenkandidaten Jacob Zuma errang jedoch mit fast 66 Prozent einen weiteren Wahlsieg. Damit führt erstmals ein Zulu den ANC und die Regierung an, nachdem der ANC lange Zeit von Xhosa dominiert worden war. 2011 wurde der radikale Vorsitzende der ANC Youth League, Julius Malema, für fünf Jahre aus der Partei ausgeschlossen, leitet aber weiterhin die Youth League.[9]

Der ANC ist heute Mitglied in der Sozialistischen Internationale, dem weltweiten Verbund sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien.

Organisationsstruktur

Der ANC wird von einer Chairperson (Vorsitzenden) angeführt. Ehemals hieß die Leitungsfunktion President (Präsident). Daneben gibt es auf der nationalen Ebene einen Stellvertreter des Vorsitzenden, einen Secretary General (Generalsekretär) und dessen Stellvertreter sowie einen Treasurer General (Schatzmeister). Wichtigstes Organ ist das National Executive Committee (kurz NEC; Nationales Exekutivkomitee), das aus 81 Personen besteht, von denen laut Satzung mehr als die Hälfte weiblich sein müssen. Als weiteres Gremium besteht das 31 Personen umfassende National Working Committee (Arbeitskomitee), das die Entscheidungen des NEC umsetzen soll und ebenfalls zu mehr als der Hälfte aus Frauen besteht.[10] Als landesweite Untergruppierungen gibt es die ANC Youth League (Jugendliga), die 1948 gegründete ANC Women’s League (Frauenliga) sowie die ANC Veterans League (Veteranenliga). Das Parteizentrum ist das Luthuli House im Johannesburger Stadtteil Marshalltown. Parteitage werden als National Conference abgehalten.

In den neun südafrikanischen Provinzen gibt es Verbände, die ebenfalls von einer Chairperson angeführt werden. In den Provinzen gibt es jeweils mehrere regionale Verbände, die ihrerseits in Branches (Zweigstellen) aufgeteilt sind.[11]

Präsidenten und Vorsitzende des ANC

  • 1912–1917 John Langalibalele Dube
  • 1917–1924 Sefako Mapogo Makgatho
  • 1924–1927 Zacharias Richard Mahabane
  • 1927–1930 Josiah Tshangana Gumede
  • 1930–1936 Pixley ka Isaka Seme
  • 1937–1940 Zacharias Richard Mahabane
  • 1940–1949 Alfred Bitini Xuma
  • 1949–1952 James Moroka
  • 1952–1967 Albert Luthuli
  • 1967–1991 Oliver Tambo
  • 1991–1997 Nelson Mandela
  • 1997–2007 Thabo Mbeki
  • seit 2007 Jacob Zuma

Weitere bekannte Mitglieder des ANC

Sonstiges

  • Mitglieder des ANC, einschlieĂźlich Nelson Mandela, wurden von der US-Regierung bis zum Juli 2008 als Mitglieder einer terroristischen Organisation eingestuft, während der ANC seit 1988 von der Liste der Terrororganisationen gestrichen worden war.[12]
  • 2008 befanden sich im National Executive Committee von 80 Mitgliedern sieben vorbestrafte Mitglieder, die ihre Strafe nach dem Ende der Apartheid erhalten hatten; gegen weitere sieben liefen Ermittlungen.[13]

Literatur

  • Sheridan Johns, R. Hunt Davis, Jr. R. Hunt Davis: Mandela, Tambo and the African National Congress. The Struggle against Apartheid 1948–1990. A Documentary Survey. Oxford University Press, New York 1991, ISBN 0-19-505784-8.
  • Susan Booysen: The African National Congress and the Regeneration of Power: People, Party, Policy. Wits University Press, Johannesburg 2011, ISBN 978-1-86814-542-3.
  • Saul Dubow: The African National Congress. Sutton Publishers, Stroud 2000, ISBN 0-7509-2193-5.

Weblinks

 Commons: African National Congress â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Website des ANC zur Geschichte des ANC (englisch), abgerufen am 26. November 2011
  2. ↑ Geschichte des ANC auf einer Zeitleiste bei sahistory.org.za (englisch), abgerufen am 26. November 2011
  3. ↑ Anthony S. Mathews: Law, order and liberty in South Africa. Juta, Kapstadt 1971, S. 69.
  4. ↑ Timeline: ANC decade by decade 1800s-1990s. Eintrag: 1960 8. April. auf www.sahistory.org.za
  5. ↑ Camps In Exile (ANC). auf www.nelsonmandela.org
  6. ↑ Timeline: African National Congress 1960-1969. Eintrag: 1961. auf www.sahistory.org.za
  7. ↑ Tsepe Motumi: Umkhonto we Sizwe - Structure, Training and Force Levels (1984 to 1994). In: African Defence Review, Issue No 18, 1994
  8. ↑ Thomas Knemeyer: ANC-Rebellen-spalten-die-Regierungspartei. Welt Online Artikel November 2008
  9. ↑ Tötet die Bauern, tötet die Buren. In: Der Tagesspiegel. 10. November 2011, abgerufen am 6. Januar 2012. (Bericht über Julius Malema)
  10. ↑ Website des ANC zum NWC (englisch), abgerufen am 26. November 2011
  11. ↑ Website des ANC zur Struktur der Partei (englisch), abgerufen am 26. November 2011
  12. ↑ Artikel in Der Standard vom 2. Juli 2008
  13. ↑ Adriaan Basson: Liste von NEC-Mitgliedern mit Vorstrafen oder Korruptionsskandalen. Mail and Guardian Online Artikel Januar 2008
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