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Ahimsa (Sanskrit, f., à€ à€čà€żà€à€žà€Ÿ, ahiáčsÄ, wörtlich das Nicht-Verletzen) bedeutet Gewaltlosigkeit â eines der wichtigsten Prinzipien im Hinduismus, Jainismus und Buddhismus. Es handelt sich um eine Verhaltensregel, die das Töten oder Verletzen von Lebewesen untersagt bzw. auf ein unumgĂ€ngliches Minimum beschrĂ€nkt. Damit ist die Vorstellung verbunden, dass jede GewaltausĂŒbung schlechtes Karma erzeugt und sich dadurch auf die Zukunft des TĂ€ters negativ auswirkt. Man soll sich also im eigenen Interesse möglichst gewaltlos verhalten.[1]
Sehr unterschiedlich sind die Ansichten darĂŒber, wie konsequent Gewaltlosigkeit im tĂ€glichen Umgang mit den verschiedenen Lebensformen umgesetzt werden kann und soll und inwieweit persönliche oder kollektive Selbstverteidigung zulĂ€ssig ist. DarĂŒber bestehen seit Jahrtausenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den Religionen und innerhalb von ihnen zwischen verschiedenen Traditionen und AutoritĂ€ten, die sich auf uralte Ăberlieferung berufen. Daher ist die Ahimsa nur vor dem Hintergrund der religionsgeschichtlichen Entwicklung in Indien zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis |
Der historische Ursprung der Ahimsa ist unbekannt. Manche Forscher vermuten, dass die Idee schon im dritten und frĂŒhen zweiten Jahrtausend v. Chr., also bevor die indoeuropĂ€ischen Arier in Erscheinung traten, unter den Völkern im Norden des indischen Subkontinents verbreitet war. Nach dieser Auffassung wurde Ahimsa spĂ€ter von den Ariern, denen diese Haltung ursprĂŒnglich fremd war, in einem langsamen Prozess ĂŒbernommen.[2] AuffĂ€llig ist, dass die zahlreichen archĂ€ologischen Funde aus den StĂ€dten der vorarischen Indus-Kultur kaum Anzeichen fĂŒr militĂ€rische Auseinandersetzungen erkennen lassen. Allerdings zeigen Belege aus vielen AusgrabungsstĂ€tten, dass damals gejagt wurde und dass Schlachttiere gehalten wurden.[3]
Als historische vedische Religion bezeichnet man den Glauben der Indoarier, die etwa seit der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. im Norden des Subkontinents dominierten. Dabei handelt es sich um einen VorlĂ€ufer oder die Ă€lteste Form der religiösen Richtungen, fĂŒr die heute der Sammelbegriff "Hinduismus" verwendet wird. Aus dieser Periode, deren Ende gewöhnlich um ca. 500 v. Chr. angesetzt wird, stammt das vedische Schrifttum, das fĂŒr den Hinduismus normsetzende AutoritĂ€t erlangte.
Die Erforschung dieser Quellen hat ergeben, dass in der vedischen Zeit rituelle Tieropfer mit anschlieĂendem Verzehr des Fleisches ĂŒblich waren. Es gibt keine Anhaltspunkte fĂŒr die Annahme, dass die Indoarier im 3. und frĂŒhen 2. Jahrtausend v. Chr. Gewaltlosigkeit gegenĂŒber der Tierwelt praktizierten. Insbesondere aĂ man gerne das spĂ€ter im Hinduismus streng verpönte Rindfleisch.[4] Im Sanskrit, der Sprache der Indoarier, wurde der Begriff goghna (Kuhtöter) als Synonym fĂŒr "Gast" verwendet. Dies bezog sich darauf, dass das Erscheinen eines vornehmen Gastes den Gastgeber nötigte, zu Ehren des Gastes ein Rind zu schlachten.[5] Die Verpflichtung zu solcher Bewirtung ist in einer Reihe von Quellen ausdrĂŒcklich bezeugt.[6] An den Höfen der Herrscher gab es das Amt des govikarta (Rind-Zerschneider, Fleischer).[7]
Der Begriff ahimsa erscheint in den Quellen erstmals in der Taittiriya Samhita des Schwarzen Yajurveda (TS 5.2.8.7), wo er sich darauf bezieht, dass der Opfernde selbst keine Verletzung erleidet. Die Ă€ltesten Belege fĂŒr das Wort bzw. fĂŒr abgeleitete Begriffe zeigen eine neutrale Verwendung als Gegenteil von himsa (Gewalt), ohne moralischen Bezug auf ein Gewaltlosigkeitsprinzip.[8] Die frĂŒheste Stelle, wo es in einem moralischen Sinne fĂŒr das Nicht-Töten von Tieren (beim Opfer) â pashu-ahimsa â verwendet wird, findet sich in der Kapisthala Katha Samhita des Schwarzen Yajurveda (KapS 31.11), die wohl um das 8. Jahrhundert v. Chr. verfasst wurde. Als Verhaltensregel in dem Sinne, der spĂ€ter im Hinduismus gelĂ€ufig wurde, ist Ahimsa erst in der Endphase der vedischen Epoche bezeugt. Erstmals taucht der Begriff in solcher Verwendung in der Chandogya-Upanishad auf, die zu den Ă€ltesten Upanishaden gehört und ins 8. oder 7. Jahrhundert datiert wird. Dort wird Gewaltlosigkeit gegenĂŒber allen Lebewesen (sarva-bhuta) verlangt, auĂer an den heiligen StĂ€tten (tÄ«rtha), d. h. den Orten der Opferung. Demjenigen, der sich an Ahimsa hĂ€lt, wird Befreiung vom Kreislauf der Reinkarnation in Aussicht gestellt.[9] In dieser Upanishad wird Ahimsa auch als eine der fĂŒnf wesentlichen Tugenden bezeichnet.[10]
In den heiligen Schriften des Hinduismus (Shruti und Smriti) werden die Fragen, die mit der Geltung und der Umsetzung des Ahimsa-Prinzips zusammenhĂ€ngen, ausfĂŒhrlich erörtert. Alle spĂ€teren Auseinandersetzungen mit dem Thema setzen die maĂgebliche AutoritĂ€t dieser Texte voraus.
Im Hinduismus geht man davon aus, dass zwischen der Seele, die einen menschlichen Körper bewohnt, und der Seele eines Tieres dem Wesen nach kein Unterschied besteht. Daher schĂŒtzt die Ahimsa als bindende Verhaltensregel im Prinzip Tiere ebenso wie Menschen. Daraus wird die UnzulĂ€ssigkeit von Jagd, Schlachtung und Fleischnahrung abgeleitet. Andererseits lĂ€sst jedoch das maĂgebliche religiöse Schrifttum keinen Zweifel daran, dass in vedischer Zeit das Töten von Tieren und der Fleischverzehr ĂŒblich waren; solche Gewalt war damals unter bestimmten formalen Voraussetzungen aus religiöser Sicht erlaubt oder sogar geboten. Insofern besteht ein Gegensatz zwischen der AutoritĂ€t der heiligen Schriften, die eine schlechthin vorbildliche, aber nicht gewaltfreie Vergangenheit darstellen, und den Forderungen konsequenter Ahimsa in Verbindung mit der Karma-Lehre. Die intensive Auseinandersetzung mit der Gewalt- und Karmaproblematik spiegelt sich in den Quellen.
Religionsgeschichtlich lassen sich drei Phasen (mit langen Ăbergangsperioden) unterscheiden. In der frĂŒhen vedischen Zeit wurde Ahimsa noch nicht thematisiert. In der letzten Phase des vedischen Zeitalters begann man die Tötung von Tieren zu missbilligen und beschrĂ€nkte sie auf die rituellen Tieropfer und die Jagd. In einer dritten Phase setzte sich die Ahimsa immer stĂ€rker durch, die Ausnahmen wurden zunehmend verpönt, doch ohne ausdrĂŒcklichen Bruch mit der weiterhin geheiligten vedischen Tradition. Dennoch gab es noch im ersten Jahrtausend n. Chr. unbekĂŒmmerte Fleischesser.[11]
In manchen Schriften wird Fleischnahrung nicht problematisiert, sondern als normal vorausgesetzt. In den Dharmasutras (HandbĂŒchern der religiösen Vorschriften), die ungefĂ€hr im 5. oder 4. Jahrhundert v. Chr. aufgezeichnet wurden, finden sich unter den Vorschriften ĂŒber erlaubte und verbotene Speisen Listen essbarer und nicht essbarer Tiere nebst Sonderregelungen fĂŒr Asketen und Einsiedler.[12] Medizinische Abhandlungen des Ayurveda erörtern und empfehlen Fleischgenuss unter rein gesundheitlichem Gesichtspunkt, ohne die Ahimsa ĂŒberhaupt zu erwĂ€hnen. [13] Beispielsweise empfiehlt die Sushruta Samhita (3. oder 4. Jahrhundert n. Chr.) Rindfleisch fĂŒr eine Reihe von Beschwerden und in der Schwangerschaft,[14] und die Charaka Samhita behauptet, in der Rekonvaleszenz seien Fleischspeisen jeder anderen Nahrung vorzuziehen.[15]
Andererseits verbietet eine Reihe von heiligen Schriften sehr hohen Ranges die Schlachtung (auĂer im Opferritual). Dieser Standpunkt findet sich im Mahabharata[16] und im Bhagavatapurana (11.5.13â14) sowie auch in der Manusmriti (5.27â44), einer besonders einflussreichen Sammlung religiöser Vorschriften (Dharmashastra), die allerdings widersprĂŒchliche Angaben enthĂ€lt. Diese Schriften vertreten den Ahimsa-Standpunkt, indem sie Schlachtung und Fleischessen im Prinzip streng verurteilen. Sie lassen aber als Ausnahme den Verzehr von Opferfleisch zu, da sonst ein Widerspruch zum absolut verbindlichen, höchstrangigen vedischen Schrifttum (Shruti) entstĂŒnde. Im Mahabharata ist die Jagd den Kriegern (Kshatriyas) gestattet,[17] nicht aber den Waldeinsiedlern, die zu strikter Ahimsa verpflichtet sind; fĂŒr sie ist schon der bloĂe Wunsch, ein Tier zu erlegen, ein Vergehen.[18]
Die Quellen lassen somit Kompromisse zwischen Ahimsa-BefĂŒrwortern und Fleischessern erkennen: Jagd und Schlachtung waren nicht verboten, wurden aber beschrĂ€nkt und reglementiert. BefĂŒrworter einer radikalen, ausnahmslosen Ahimsa gaben sich damit nicht zufrieden, sondern wollten alle Schlupflöcher schlieĂen.[19] Das Mahabharata[20] und die Manusmriti (5.27â55) enthalten lange Erörterungen ĂŒber die traditionellen Tieropfer und die Frage ihrer Vereinbarkeit mit der Ahimsa. Im Mahabharata begrĂŒnden beide Seiten ihre Standpunkte ausfĂŒhrlich. AuĂerdem verteidigt ein JĂ€ger und WildbrethĂ€ndler seinen Beruf mit vielen Argumenten; eine Erwiderung der Gegenseite fehlt.[21]
Ein GroĂteil der Argumente der Ahimsa-AnhĂ€nger bezieht sich auf schreckliche karmische Konsequenzen des Tötens fĂŒr den TĂ€ter vor oder nach seinem eigenen Tod.[22] Dazu gehört die Behauptung, wer vorsĂ€tzlich ein Tier töte, werde in einem kĂŒnftigen Dasein von einem Tier gefressen werden.[23] AuĂerdem wird als Lohn fĂŒr Ahimsa die Erlangung ĂŒbernatĂŒrlicher FĂ€higkeiten, spirituelle GlĂŒckseligkeit, Erlösung vom Kreislauf der Wiedergeburt und Sicherheit vor der Hölle in Aussicht gestellt.[24] Es wird sogar behauptet, wer Ahimsa praktiziere, sei dadurch vor jeder Art von Gefahr sicher.[25]
Die Manusmriti (10.63), das Arthashastra (1.3.13) und das Vasishtha-Dharmasutra (4.4) legen fest, dass Ahimsa fĂŒr Angehörige aller Kasten verbindlich ist. AnhĂ€nger der Jagd und der rituellen Schlachtungen konnten dem nicht direkt widersprechen. Sie sahen sich gezwungen, ihre TĂ€tigkeiten als mit Ahimsa vereinbar darzustellen. Sie versicherten, dass die von den heiligen Schriften erlaubte Gewalt in Wirklichkeit keine Gewalt sei; die Schlachtung von Opfertieren sei in Wirklichkeit kein Töten, sondern diene dem Wohlergehen der ganzen Welt.[26] Die Opferung sei sogar eine Wohltat fĂŒr das Opfertier, das dadurch eine hohe Wiedergeburt erlangen werde;[27] es sei die natĂŒrliche Bestimmung mancher Tierarten, vom Menschen geopfert und verspeist zu werden;[28] unter den Tieren sei es auch ĂŒblich, dass die einen die anderen fressen;[29] auch der Ackerbau fĂŒhre notwendigerweise zum Tod vieler Tiere, die dem Pflug zum Opfer fielen;[30] Pflanzen seien ebenso wie Tiere Lebewesen und mĂŒssten doch getötet werden;[31] jeder Mensch vernichte unwissentlich bestĂ€ndig Lebewesen, was nicht zu vermeiden sei;[32] auĂerdem sei die Jagd ein fairer Kampf, in dem das Tier die Chance habe, seinerseits den JĂ€ger zu töten.[33]
Im Prinzip gilt Ahimsa fĂŒr alle Lebewesen (sarva-bhuta), da nach hinduistischer Auffassung auch zwischen Tieren und Pflanzen kein prinzipieller Wesensunterschied besteht. Dennoch wird im hinduistischen Schrifttum der Schonung von Pflanzen wenig Beachtung geschenkt. Immerhin untersagt die Manusmriti (11.145) die willkĂŒrliche, unnötige Zerstörung von Wild- und Nutzpflanzen. Asketische Einsiedler (Sannyasins) ernĂ€hren sich ihren Regeln zufolge nur frutarisch, d.h. von pflanzlichen Produkten wie FrĂŒchten, deren Gewinnung ohne Zerstörung der Pflanze möglich ist.[34]
Die heiligen Schriften und religiösen Gesetze des Hinduismus befĂŒrworten Gewaltanwendung zur Selbstverteidigung gegen einen bewaffneten Angreifer.[35] Sie stellen klar, dass Ahimsa nicht auf Kriminelle anzuwenden ist.[36] Gegen die Todesstrafe bestehen keine grundsĂ€tzlichen Bedenken; vielmehr wird festgestellt, ein ĂbeltĂ€ter solle getötet werden, wenn er den Tod verdient habe. Der König ist verpflichtet, Verbrecher zu bestrafen und nötigenfalls zu töten; dabei soll er auch seine eigenen Geschwister und Kinder nicht verschonen.[37]
Ahimsa in dem Sinne, wie sie in den maĂgeblichen Schriften des Hinduismus aufgefasst ist, fordert keinen Pazifismus. Der Krieg wird als normaler Bestandteil des menschlichen Daseins und als Berufspflicht der Krieger betrachtet.[38] Im zweiten Kapitel der Bhagavad Gita weist Krishna die pazifistischen Ideen von Arjuna zurĂŒck und trĂ€gt verschiedene Argumente fĂŒr seinen Standpunkt vor, dass es Arjunas Pflicht sei, in der bevorstehenden Schlacht zu kĂ€mpfen und zu töten. Nach den heiligen Schriften ist der Kampf Mann gegen Mann sehr verdienstlich, und KĂ€mpfer, die in der Schlacht fallen, kommen in den Himmel.[39]
Im neuzeitlichen Hinduismus kommen die in den vedischen Schriften gutgeheiĂenen rituellen Schlachtungen kaum noch vor. Im 19. und 20. Jahrhundert haben prominente Persönlichkeiten der indischen SpiritualitĂ€t wie Swami Vivekananda,[40] Ramana Maharshi,[41] Swami Sivananda[42] und A. C. Bhaktivedanta Swami[43] die Bedeutung der Ahimsa betont.
Mahatma Gandhi (1869â1948) erreichte eine Erneuerung und Wiederbelebung des Ahimsa-Ideals. Er wandte sein Konzept von Gewaltlosigkeit auf alle Lebensbereiche und besonders auf die Politik an und popularisierte es durch sein Vorbild und seine Schriften.[44] Seine gewaltfreie Widerstandsbewegung gegen die britische Kolonialherrschaft nannte er Satyagraha ("Festhalten an der Wahrheit"). Mit ihr machte er tiefen Eindruck auf die öffentliche Meinung in Indien und in westlichen LĂ€ndern. So wurde er der international bekannteste Vertreter der Ahimsa und ein Vorbild fĂŒr verschiedene BĂŒrgerrechtsbewegungen. Nach Gandhis Auffassung schlieĂt das Konzept Ahimsa nicht nur physische Gewalt aus, sondern auch geistige. Dazu zĂ€hlte er ĂŒble Gedanken und Hass ebenso wie verletzende Worte, Unredlichkeit und LĂŒge.[45] Er war ĂŒberzeugt, dass Verzicht auf Gewalt nicht schwĂ€cht, sondern im Menschen eine Kraft entwickelt, durch die der Gegner ĂŒberwunden werden kann.
Sri Aurobindo kritisierte Gandhis Ahimsa-Konzept als einseitig, begrenzt und nicht allgemein anwendbar. Er vertrat einen pragmatischen, nichtpazifistischen Standpunkt, wonach es von den besonderen UmstÀnden der jeweiligen Situation abhÀngt, ob Gewaltanwendung gerechtfertigt ist oder nicht.[46]
Albert Schweitzer hat die Ahimsa-Idee unter philosophischem und kulturhistorischem Gesichtspunkt grĂŒndlich studiert. Indem er sich mit der indischen Auffassung von Gewaltlosigkeit auseinandersetzte, entwickelte er sein Alternativkonzept der "Ehrfurcht vor dem Leben". Er kritisierte die religiösen und philosophischen Hauptströmungen Indiens, an denen er bemĂ€ngelte, sie hĂ€tten Ahimsa nur oder hauptsĂ€chlich als negatives Prinzip der bloĂen Unterlassung von Ăbeltaten gelehrt, statt positives Handeln (Hilfeleistung) in den Vordergrund zu stellen.[47]
Ahimsa ist fĂŒr die Praktizierenden des "klassischen" Yoga (Raja Yoga) nach Patanjali eine verbindliche Verhaltensnorm. Sie steht an erster Stelle unter den fĂŒnf Yamas (Enthaltungen), welche die erste Stufe des achtgliedrigen Yoga-Weges ausmachen.[48] In den Schulen des Bhakti-Yoga sind die SchĂŒler, die Verehrer von Vishnu oder Krishna sind, zu gewissenhafter Einhaltung der Ahimsa verpflichtet.[49] Auch im Hatha Yoga ist nach dem klassischen Handbuch Hatha Yoga Pradipika (1.1.17) Ahimsa eine bindende Vorschrift. Ahimsa schlieĂt seelisches Nicht-Verletzen ein.
Im Jainismus ist die Umsetzung der Ahimsa besonders konsequent und umfassend.[50] Jains betrachten die Gewaltlosigkeit als die wichtigste Tugend (ahiáčsÄ paramo dharmaáž„). Das gilt nicht nur fĂŒr Mönche und Nonnen, sondern fĂŒr jeden.[51] Wie im Hinduismus geht es um das Ziel, die Ansammlung von schĂ€dlichem Karma zu verhindern.[52]
Als Mahavira im 6. oder 5. Jahrhundert v. Chr. die Jain-Bewegung reformierte und neu organisierte,[53] war die Ahimsa bereits eine etablierte, gewissenhaft befolgte Regel.[54] Parshva, der erste AnfĂŒhrer der Jains (Tirthankara), den moderne westliche Historiker als geschichtliche Gestalt betrachten,[55] lebte etwa im 8. Jahrhundert v. Chr.[56] Er begrĂŒndete die Gemeinschaft, der Mahaviras Eltern angehörten.[57] Ahimsa war bereits ein Bestandteil der GelĂŒbde der "Vierfachen BeschrĂ€nkung" (Caujjama), die Parshvas AnhĂ€nger ablegten.[58] In Mahaviras Epoche und in den folgenden Jahrhunderten betonten die Jains ihren Gegensatz sowohl zu den Buddhisten als auch zu den Hindus, denen sie NachlĂ€ssigkeit und Inkonsequenz bei der Umsetzung der Ahimsa vorwarfen.[59] Allerdings spricht einiges fĂŒr die Annahme, dass die Jain-Asketen ebenso wie ihre Zeitgenossen, die frĂŒhen Buddhisten, Fleischspeisen als Almosen akzeptierten, sofern das Tier nicht eigens ihretwegen geschlachtet worden war.[60] Einer ĂŒberlieferten ErzĂ€hlung zufolge verfuhr sogar Mahavira selbst so, zumindest bei schwerer Erkrankung.[61] Das wird von heutigen Jains allerdings vehement bestritten.[62] Jedenfalls lĂ€sst die heute allgemein befolgte Regelung fĂŒr alle Jains nur Lacto-Vegetarismus oder Veganismus zu.[63]
Das Ahimsa-VerstÀndnis der Jains unterscheidet sich von demjenigen der vedischen Religion und des Hinduismus in folgenden Punkten:
Diese GrundsĂ€tze sind auch im Hinduismus und im Buddhismus bekannt. Dort werden sie aber nur von manchen Asketen bzw. Mönchen beachtet, im Jainismus hingegen gelten sie fĂŒr jeden.
Ungeachtet ihres strengen VerstĂ€ndnisses von Ahimsa sind die Jains ebenso wie die Hindus der Auffassung, dass Gewalt bei der Selbstverteidigung zulĂ€ssig ist[71] und dass ein Soldat, der im Kampf Feinde tötet, eine legitime Pflicht erfĂŒllt.[72] Jain-Gemeinschaften hielten MilitĂ€r zu ihrem Schutz fĂŒr notwendig. Es gab unter den Jains Herrscher, militĂ€rische Befehlshaber und Soldaten.[73]
Obwohl im Jainismus theoretisch allen Lebensformen gleichermaĂen voller Schutz vor jeder Art von Verletzung zusteht, geben Jains zu, dass es unmöglich ist, dieses Ideal im Alltag uneingeschrĂ€nkt zu verwirklichen. Daher anerkennen sie das Bestehen einer Rangordnung der Lebewesen. Bewegliche Wesen genieĂen stĂ€rkeren Schutz als unbewegliche. Unter den beweglichen unterscheiden sie solche mit nur einem Sinn (dem Tastsinn) und solche mit zwei, drei, vier oder fĂŒnf Sinnen. Je mehr Sinne ein Wesen besitzt, desto besserer Schutz gebĂŒhrt ihm. Unter den Wesen mit fĂŒnf Sinnen haben die mit Vernunft ausgestatteten, die Menschen, Vorrang.[74]
In der Alltagspraxis sind Jain-Laien, welche die "Kleinen GelĂŒbde" (anuvrata) abgelegt haben, hinsichtlich der Ahimsa geringeren Anforderungen unterworfen als Mönche und Nonnen, die durch ihre "GroĂen GelĂŒbde" (mahavrata) gebunden sind.[75]
Im Gegensatz zu den hinduistischen und den Jain-Quellen wird im frĂŒhen buddhistischen Schrifttum ahimsa nicht als technischer Begriff verwendet.[76] Das herkömmliche buddhistische VerstĂ€ndnis von Gewaltlosigkeit ist weniger strikt als dasjenige der Jains. Seine Hauptmerkmale sind: