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Ahoi (gesprochen [aËhÉiÌŻ]) ist ein Signalwort, um ein Schiff oder Boot anzurufen, und entstammt der deutschen Seemannssprache. Der Ruf galt als veraltet, ist aber mit zunehmender Beliebtheit des Segelsports wieder gebrĂ€uchlicher geworden. In Nebenbedeutungen dient ahoi als GruĂ, Warnung oder Abschiedsformel. Im deutschen Brauchtum wird ahoi als regionaler Karnevals- beziehungsweise FastnachtsgruĂ verwendet.
Ursprungswort ist das englische ahoy. Die maritime Bezeichnung kommt in Àhnlicher Aussprache und Schreibung in mehreren Sprachen vor. Als Gruà ist ahoj in Tschechien und der Slowakei alltÀglich. Im Telefonverkehr in den USA setzte sich das von Erfinder Alexander Graham Bell vorgeschlagene ahoy nicht gegen Thomas Alva Edisons hello durch.
Inhaltsverzeichnis |
Der Ausdruck ist aus den beiden Bestandteilen a und hoy zusammengewachsen.[1] Die Partikel a wurde vorangestellt, um mehr Aufmerksamkeit hervorzurufen. Sie tritt âin Ă€hnlichen Formen in verschiedenen indogermanischen Sprachen [auf], ohne dass unbedingt etymologische Verwandtschaft anzunehmen ist.â[2]
Hoy geht auf einen gleichnamigen Ruf zurĂŒck, der in England gebrĂ€uchlich war, um Vieh anzutreiben.[3] Der frĂŒheste bekannte Beleg stammt von William Langland, der um 1393 in seinem mittelenglischen Versepos Piers Plowman (âPiers der PflĂŒgerâ) schrieb: âAnd holpen to erie ĂŸis half acre with âhoy! troly! lolly!â,[4] auf Deutsch sinngemĂ€Ă: âUnd half, diesen halben Acre mit Juchhe, Tirili und Tirila zu pflĂŒgen.â[5]
Seeleute benutzten hoy in der Nebenform hoay. Der schottische Dichter William Falconer, Autor eines nautischen Wörterbuchs, schrieb 1769: âIf the master intends to give any order to the people in the main-top, he calls, Main-top, hoay! To which they answer, Holloa!â,[6] deutsch sinngemĂ€Ă: âWenn der KapitĂ€n den Matrosen oben im GroĂmast Befehle zu geben beabsichtigt, ruft er: âMain-top, hoay!â Worauf sie antworten: âHolloa!ââ Noch in zwei FachwörterbĂŒchern von 1805 wird wie bei Falconer als Ruf hoay, als Antwort holloa angefĂŒhrt.[7] Ahoy ist darin nicht erhalten.
FĂŒr die Ableitung des englischen Rufs ahoy vom an der Nordsee verbreiteten Schiffstyp Hoie, Heude (siehe unten) fehlen Nachweise.[8] Die einfachste Ansicht ĂŒber ahoi hat der deutsche Sprachforscher Gustav Goedel formuliert: âMan muss sich hĂŒten, tiefere Bedeutungen suchen zu wollen, wo keine sind. Das Wort ist eine einfache Interjektion, weiter nichts, gebildet und gewĂ€hlt von dem BedĂŒrfnis weithin gehört zu werden.â[9]
Funktional mit hoy verwandt ist eine Ă€hnlich lautende Gruppe von Ausrufen und GrĂŒĂen im germanischen Sprachraum: mittel- und neuenglisch hey, dessen Parallelform hi, deutsch und niederlĂ€ndisch hei, schwedisch hej,[10] ferner die niederlĂ€ndische GruĂform hoi[11] und die gleichlautende alemannische Anrede. Die Vorformen des deutschen ahoi sind ah und hoi. Dabei verleiht ah einem Wunsch oder einer Aufforderung Nachdruck. hei und hoia haben aufmunternde Bedeutung.[12]
Zwei Fundstellen in der mittelhochdeutschen Literatur zeigen ahoi-Ă€hnliche Interjektionen. Ihre Formen weisen keine Verbindung zum mittelenglischen hoy auf, ihre Bedeutungen bieten wenig Anschluss an einen Ruf zur Kontaktaufnahme.
Heinrich von Freiberg verwendete um 1290 in seiner Tristan-Bearbeitung zwei Mal ahiu zur BegrĂŒĂung: âahiu, Parmenois Tristan!â, etwa âahiu, Tristan von Parmenien!â, sowie âahiu, wie schĂŽne sie het sich Ă»z gefĂȘgetieretâ, neuhochdeutsch âahiu, wie schön sie sich herausgeputzt hatâ. Ahiu ist bedeutungsgleich mit den ebenfalls hier auftretenden Interjektionen ahiv, ahiw und hiu.[13] Als Teil einer Wortgruppe mit ahĂź, ay und ahei, die Schmerz, Verlangen und Bewunderung ausdrĂŒckt, steht ahiu vor Ausrufe- und WunschsĂ€tzen und in emphatischer Anrede.[14]
Zwischen 1331 und 1341[15] formulierte Nikolaus von Jeroschin in seiner Kronike von Pruzinlant, der Chronik des Preussenlandes: âĂą hui! sĂŽ wĂȘr ich hĂŽchgemĂ»t / sĂŽ ich ir stirne sĂȘhe blĂŽzâ,[16] neuhochdeutsch etwa âach, was wĂ€râ ich frohen Muts, sĂ€hâ ich ihre Stirne nacktâ. Ahui gehört mit aheia, ahi und ahu zu einer Gruppe von AusdrĂŒcken hochgemuter Freude, Hochachtung und Ă€hnlicher positiver Haltungen.[17]
Seeleute benutzten das Wort sicherlich lĂ€nger, als es gedruckt nachweisbar ist. MĂŒndliche Quellen sind nur als Liedertexte erhalten. Zu handschriftlichen Belegen etwa in Aufzeichnungen oder Briefen von Seefahrern fehlen Untersuchungen. Druckwerke haben deshalb hinsichtlich der zeitlichen und rĂ€umlichen Verbreitung der Ahoy-Wortfamilie nur begrenzte Aussagekraft.
Das englische ahoy stellt die Ursprungsform dar und ist, in maritimer Verwendung zuerst fĂŒr 1751 nachgewiesen, als Wort der Seemannssprache recht jung. Im Nord- und Ostseeraum ist die Gruppe um ahoy dicht belegt. Semantisch drĂŒckt sie eine DistanzĂ€nderung aus oder setzt sie voraus. Im ganzen Verbreitungsgebiet als Interjektion benutzt, kommen in einzelnen Sprachen auĂerdem Verwendungen als Verb (z. B. englisch âto ahoyâ, deutsch âahoi sagenâ)[18] und als Substantiv (z. B. schwedisch âohojâ, deutsch âdas Ahoiâ)[19] vor. Unklar ist, wie sich das Wort in HafenstĂ€dten und auf Schiffen mit internationaler Besatzung ausgebreitet hat, insbesondere wie Ă€hnlich lautende Interjektionen in einer Nachbarsprache die Ăbernahme dorthin behindert oder begĂŒnstigt haben.
Im Deutschen wird der Adressat vor- oder nachgestellt, z. B. ââPfeilâ ahoi!â oder âAhoi âPfeilâ!â Im schriftlichen Deutsch steht zwischen Anruf und Angerufenem kein Komma.[20] In anderen Sprachen ist dies uneinheitlich.[21]
Der Begriff war deutschen Lesern in den 1840er Jahren noch weitgehend unbekannt. 1843 lautete die deutsche Ăbersetzung fĂŒr das Wort Ă„-hoj in einem schwedischen Roman noch âhiahoâ (siehe unten). 1847 wurden englisch ahoy mit âholla!â ins Deutsche ĂŒbersetzt und die Wendungen all hands ahoy!, all hands (a-)hoay! mit âAlles aufâs Verdeck! Ăberall! Ăberall!â[22]
Die frĂŒhesten Belege in deutscher Sprache stammen nicht aus seemĂ€nnischen Sachtexten, sondern aus der maritimen Prosa. Zuerst ist das Wort 1837 im Roman Das GlĂŒckskind des Schriftstellers Carl Bernhard bezeugt, einer Ăbersetzung aus dem DĂ€nischen durch den Autor selbst, die in Kopenhagen erschien: ââAhoi, ein Segler!â rief der Matrose vom Mers.â[23] Als in Deutschland gedruckt ist das Wort erstmals 1846 in Heinrich Smidts Roman Michael de Ruiter. Bilder aus Hollandâs Marine belegt: â⊠bestieg herr van W. mit dem sprachrohr die galerie und rief mit starker stimme: âschiff ahoi!â nicht lange darauf erschien auf der hĂŒtte jenes schiffes ein mann.â[24] 1847 wurde in der deutschen Ăbersetzung eines Romanes aus dem Schwedischen, in Emilie Flygare-CarlĂ©ns Der Einsiedler auf der Johannis-Klippe, die Textvorlage âBĂ„t, ohoj â hvarifrĂ„n, hvathĂ€n?â mit âBoot, ohoi! Woher, wohin?â wiedergegeben.[25] In Die FluĂpiraten des Mississippi, 1848 erschienen, schrieb Friedrich GerstĂ€cker: âBoot ahoi! schrie da plötzlich der gebundene Steuermann.â[26]
Der DĂ€ne Carl Bernhard sorgte 1837 fĂŒr den mutmaĂlichen Erstdruck des deutschen Wortes ahoi
Heinrich Smidt war 1846 wohl der deutsche Erstautor des gedruckten deutschen Wortes ahoi
Auf die Schwedin Emilie Flygare-CarlĂ©n geht der Erstdruck von deutsch ohoi 1847 zurĂŒck
1848 verbreitete Friedrich GerstÀcker ahoi in seinem Bestseller Die Flusspiraten des Mississippi
FĂŒr den Weltreisenden Wilhelm Heine war der Ruf 1859 âĂŒblichâ.[27] Heine war allerdings mit amerikanischen Seeleuten unterwegs, die die bereits gebrĂ€uchliche englische Form benutzten. FĂŒr Deutsche in Livland an der Ostsee erklĂ€rte 1864 ein Wörterbuch noch den Gebrauch: âahoi [âŠ], zweisylbig, und die zweite betontâ.[28] In Deutschland im 19. Jahrhundert âinsgesamt noch seltenâ,[29] um 1910 eine âmoderne Nachahmungâ[26] des englischen ahoy, ist der Begriff dann ungebrĂ€uchlich geworden.[30] Im nichtmaritimen Bereich wird ahoi auch zur Verabschiedung gebraucht.[29] In literarischer Verwendung, meist mit maritimer Thematik, erscheint ahoi etwa bei:
In Liedern, die nach der GroĂseglerzeit komponiert wurden, stellte das Wort maritime AtmosphĂ€re her, ohne noch dem traditionellen Gebrauch zu folgen. Wir lagen vor Madagaskar mit dem Refrainbeginn âAhoi Kameradenâ entstand 1934 und kann als Fahrtenlied gelten. Der Schlager Schön ist die Liebe im Hafen mit den Ausgangszeilen im Refrain âAuch nicht mit FĂŒrsten und Grafen / Tauschen wir Jungens, ahoi!â beruht auf einem Walzerlied, ebenfalls von 1934.[39] Bei den Edelweisspiraten wurde ahoi wohl von tschechischen Jugendlichen ĂŒbernommen[40] und auch nach ihrem Verbot 1933 als GruĂ gebraucht.[41]
Paul Heyse lieĂ im Jahr 1900 mit ahoi die Naturgewalten anrufen
Friedrich DĂŒrrenmatt fand 1951 die Interjektion ahoi hörspieltauglich
GĂŒnter Grass ironisierte 1959 den Gebrauch von ahoi durch Landratten
Hermann Kant setzte ahoi 1972 als Wort der Verabschiedung ein
Hobbysegler haben ahoi von den Berufsschiffern ĂŒbernommen. Von 1884 bis 1887 erschien das Blatt Ahoi!, zunĂ€chst als Zeitschrift fĂŒr deutsche Segler, dann fĂŒr den Wassersport.[42] Als âRuf der Seglerâ ist ahoi in den 1920er Jahren fĂŒr den Bodensee belegt.[43] Mit zunehmender Beliebtheit des Wassersports kam er seit den 1960er Jahren wieder auf. Seither wird ahoi! auch als FormelgruĂ an einen FunktionstrĂ€ger an Bord benutzt, z. B. âKĂ€ptn ahoi!â, oder ganz ohne Zusatz. Die Verwendung gilt unter Professionellen als unseemĂ€nnisch, und âdiesen Aufschrei [âahoi!â] vermeiden Sie lieber ganz. Sein Gebrauch wird an Bord ĂŒbel vermerkt und kann die ganze SphĂ€re des mĂŒhsam geschaffenen Vertrauens zerstören. Dieses schon gestorbene Wort haben die Schlagerdichter wieder aufpoliert.â[44] Eine Schlauchbootwerft verbreitete von 1964 bis 1992 ihre Kundenzeitschrift Wiking ahoi.
Ahoi ist wie helau und alaaf ein Narrenruf zu Karneval beziehungsweise Fastnacht. Nachdem Schiffer, Hafenarbeiter und Fischer des Binnenlandes den Ausdruck von der KĂŒste ĂŒbernommen hatten, popularisierten ihn die Karnevalsvereine.[45] In den UmzĂŒgen grĂŒĂt die Besatzung eines Narrenschiffs das Volk am StraĂenrand mit Ahoi! und erhĂ€lt denselben GruĂ zurĂŒck. Traditionell ist er in der Kurpfalz verbreitet,[46] etwa in Mannheim mit âMonnem ahoiâ oder âMannem ahoi!â[47] und in Ludwigshafen,[48] aber auch in angrenzenden Gebieten wie dem nordbadischen AltluĂheim[49] sowie im sĂŒdthĂŒringischen Wasungen, dort mit âWoesinge ahoi!â[50] Auf dem Backfischfest der Fischerzunft in Worms wird ebenfalls mit âahoiâ gegrĂŒĂt.[51] Auch jĂŒngere KarnevalsaktivitĂ€ten, etwa in einem norddeutschen Verein[52] oder in einer Kölner NeugrĂŒndung,[53] verweisen auf den Ruf.
In der deutschen und der österreichischen Marine wurden vor dem Ersten Weltkrieg Boote, die sich einem vor Anker liegenden Kriegsschiff nĂ€herten, mit âBoot ahoi!â angerufen, um festzustellen, wer darin ist. Die Antworten von den Kriegsschiffbooten hingen von der höchstgestellten Person an Bord ab: âStandarte!â beim Herannahen mit einer âFĂŒrstlichkeitâ an Bord, âFlagge!â mit einem Admiral, âJa, ja!â mit Offizier und âNein, nein!â ohne Offizier.[54] Ăhnliches galt mit âboat ahoyâ in der U.S. Navy, wo das Verfahren 1893 erstmals geregelt wurde,[55] und in der Royal Navy.[56]
Von den deutschen Kriegsschiffen zwischen 1815 und 1945 hieĂ nur ein Motorboot der Kriegsmarine Ahoi. Es wurde 1940 ĂŒbernommen, trug den Namen also vermutlich bereits vorher, und fuhr auf dem Kaiser-Wilhelm-Kanal. Im Juni 1945 erhielt es der Eigner J. Pieper & Co. zurĂŒck.[57] Das 1942 in Dienst gestellte deutsche Schleuderschiff Bussard wurde als Kriegsbeute der USA 1947 an die belgische Reederei Heygen in Gent verkauft und in Ahoy umbenannt.
In Zittau stellten die PhĂ€nomen-Werke Gustav Hiller von 1940 bis 1943 unter der Bezeichnung PhĂ€nomen Ahoi 125-Kubikzentimeter-MotorrĂ€der fĂŒr die deutsche Wehrmacht her.[58]
âNebel â ahoi!â ist der Ruf der ABC-Abwehrtruppe der Bundeswehr und gehört offiziell zum militĂ€rischen Brauchtum des Heeres.[59] Der Ruf geht auf die Nebeltruppe zurĂŒck, eine Kampfgruppe der Wehrmacht ab 1935, die das Gefechtsfeld chemisch einzunebeln und schlagartig mit Massenfeuer FlĂ€chenziele zu vernichten hatte,[60] und âentstand aus Freude ĂŒber einen gelungenen Nebeleinsatz, wenn also der Nebel âgut im Ziel lagâ.â[61]
Ahoj heiĂt ein 1925 in Stuttgart entwickeltes Brausepulver. Nach dem Ruf ahoi benannt, wird es seit 1930 mit der Abbildung eines Matrosen und einer mit âAhojâ beschrifteten Flagge beworben. Zu dieser Zeit waren MatrosenanzĂŒge als Kinderkleidung in Mode.[62] Auch in den USA ist die Markenbezeichnung im SĂŒĂwarensegment bekannt. Chips Ahoy! ist dort eine populĂ€re Keksmarke des Lebensmittelkonzerns Nabisco, deren Name mit dem Anruf âships ahoy!â spielt.[63]
Einen Einzelfall stellt Ă„hoi als Ruf an das Zugvieh zum Langsamgehen an. Er ist vor dem Ersten Weltkrieg fĂŒr das Erzgebirge bezeugt und wurde wie eha und oha, ooha(a) verwendet.[64] Hier kann eine Kombination aus zwei Interjektionen wie im Mittelenglischen vorliegen, jedoch stammt die erste möglicherweise von erzgebirgisch eh âein, inneâ wie ee halten âan-, ein-, innehaltenâ.[65] Ein Lemma Ă„hoi, ahoi oder ohoi fehlt im neuen Standard-Wörterbuch fĂŒr diese Sprachregion.[66] In einem Tal des Triglav-Gebirges in Slowenien unterhielten sich Hirten mit Ohoi!-Rufen ĂŒber weitere Strecken, wie ein Bericht von 1838 erwĂ€hnt.[67]
Als frĂŒhester englischer Beleg gilt ein Ausruf in Tobias Smolletts The Adventures of Peregrine Pickle (1751): âHo! the house a hoy!â,[68] deutsch zeitgenössisch mit âHolla, he da, Wirtshaus!â ĂŒbersetzt.[69] Der Rufer war Seemann. Eine frĂŒhe fachsprachliche ErwĂ€hnung stammt aus William Falconers Marine-Wörterbuch von 1780: âThe usual expression is, Hoa, the ship ahoay!â,[70] deutsch: âDer ĂŒbliche Ausdruck ist: âHoa, Schiff ahoi!â Die Erstausgabe des Wörterbuchs hatte 1769 noch die Vorform hoay genannt.[71]
In den 1780er Jahren wurde ahoy in London bereits auf der BĂŒhne als Kolorit fĂŒr maritime Themen eingesetzt und erreichte damit ein breiteres Publikum. In der Komödie The Walloons, deutsch: Die Wallonen, 1782 vom Dramatiker Richard Cumberland inszeniert, leitete der Ruf eine Anrede ein: âAhoy! you Bumboat, bring yourself this wayâ,[72] deutsch etwa: âAhoi! Du Bumboat, komm einmal her.â Der Text wurde 1813 posthum veröffentlicht.
In einer anderen, ebenfalls spĂ€ter belegten frĂŒhen Quelle drĂŒckte ahoy ein Heranrufen aus. Im Text eines Shantys, eines Arbeitsliedes der Matrosen, war ahoy wahrscheinlich 1789 öffentlich zu hören, als der englische Komponist und Schriftsteller Charles Dibdin (1745â1814) sein VarietĂ©-Programm The Oddities in London auffĂŒhrte.[73] Es enthielt sein Lied Ben Backstay ĂŒber einen Bootsmann mit der Beschreibung: âAnd none as he so merrily / Could pipe all hands ahoyâ,[74] deutsch sinngemĂ€Ă: âUnd niemand sonst konnte so fröhlich alle Matrosen an die Arbeit pfeifen.â Gedruckt erschien der Text erst 1826.[75]
Tobias Smollett verwendete erstmals 1751 die Wortform a hoy, noch nicht maritim
Richard Cumberland benutzte wohl 1782 die heutige Wortform ahoy
Charles Dibdin lieà 1789 wahrscheinlich ahoy in einem Varieté-Lied singen
Samuel Johnson etablierte 1824 ahoy im englischen Wortschatz
Im Wörterbuch von Samuel Johnson, Ausgabe von 1799, fehlt ahoy (gesprochen [ÉËhÉi]) noch, wurde aber in der Ausgabe von 1824 als âfast so wichtig wie hollaâ bezeichnet und mit dem Zitat von Cumberland 1813 belegt.[76] Der erste Eintrag in dieses weit verbreitete Nachschlagewerk kann als Aufnahme in den etablierten Wortschatz des Englischen gelten. Noch in der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts begann das Wort in viele Nachbarsprachen abzustrahlen. Eine Spekulation von 1835 ĂŒber die Herkunft aus französisch oyez, deutsch âhört!â bedeutet eine frĂŒhe philologische BeschĂ€ftigung mit dem Wort.[77]
Schon zuvor trat es in metaphorischem Zusammenhang auf. In der US-amerikanischen Handelsstadt Philadelphia begann 1819 ein Prediger, eine Seemannskirche aufzubauen. Seinen Memoiren zufolge grĂŒĂten ihn die Matrosen mit âSchiff ahoiâ und fragten, wohin die Fahrt gehe. Der Prediger antwortete: âZum Hafen von Neu-Jerusalem. Wir segeln unter dem Admiral Jesus, einem guten Kommandanten. Wir brauchen MĂ€nner.â Wie bei einem HeuergesprĂ€ch sagten die Matrosen: âNun, wir kommen herein und hören uns Eure Bedingungen an.â[78]
Als Synonym fĂŒr ahoy ist die Nebenform ohoy frĂŒh bezeugt.[79] In einer Anekdote, abgedruckt 1791, lautete der ironische GruĂ eines KapitĂ€ns, der seinen neu eingekleideten und nun wie ein stĂ€mmiges Romney-Schaf[80] aussehenden Bootsmann im Theater traf: âOhoa, the boatswain, the Romney, Ohoy!â Der antwortete âHolloaâ und verschwand.[81] Der schottische Dichter Thomas Campbell veröffentlichte 1821 ein Spottgedicht, in dem ein Reiter rief: âMurderer, stop, ohoy, oh!â[82] 1836 schrieb der schottische Romancier Allan Cunningham: âOhoy, Johnnie Martin! Ohoy, Tom Dempster! be busy my merry lads, and take me on boardâ,[83] deutsch etwa: â⊠eilt euch, gute Kerls, und nehmt mich an Bord.â
Die Form âohoyâ wurde in mehrere nordische Sprachen entlehnt.
Wenn der Ursprung von ahoi im NiederlĂ€ndischen liegen sollte,[45] kommt hoy von hoie, dem Namen eines Seglers, der heute unter der Bezeichnung Hoie oder Heude bekannt ist.[84] Dieser verbreitete Schiffstyp beförderte Passagiere und Fracht lĂ€ngs der NordseekĂŒste und ĂŒber den Ărmelkanal. âAn Hoye of Dorderyghtâ, aus der hollĂ€ndischen Handelsstadt Dordrecht, wird 1495 in einem Brief erwĂ€hnt; zwei Jahre spĂ€ter taucht âan hoye of Andwarpeâ, in den Akten des englischen Königs Heinrich VII. auf. In einer Reisebeschreibung von 1624 kommt der allerdings zu Ăbertreibungen neigende KapitĂ€n John Smith fĂŒr die Region zwischen Vlissingen und dem IJsselmeer auf eine gewaltige Zahl von Segeln: âHolland and Zeeland hath twenty thousand saile of Ships and Hoies.â[85]
Direkte Belege fĂŒr eine Herkunft von ahoi aus der Partikel a und dem Substantiv hoie fehlen jedoch. Der Ruf gilt in der niederlĂ€ndischen[86] und deutschen[1] Sprachforschung als Ăbernahme aus dem Englischen. DafĂŒr sprechen die Dichte der Belege im Englischen und deren Fehlen im NiederlĂ€ndischen sowie Zweifel an der Vermutung, dass in der FrĂŒhneuzeit eine einzelne Schiffsbezeichnung wortbildend sein konnte, selbst wenn sie verbreitet war.
Der Zusammenhang von ahoi und hoi, einer im NiederlÀndischen verbreiteten Anredeform, ist unklar. Hoi, bereits 1552 als Jauchzer belegt, kann eine Kurzform von ahoi sein oder ahoi eine Erweiterung von hoi. Wahrscheinlich gehört hoi aber zu einer Gruppe von Rufen wie hó, hé und ist mit ahoi nicht enger verwandt.[11]
Im NiederlĂ€ndischen kommen aho(o)i, ahoy und ehoi[87] eher selten vor und sind in zahlreiche FachwörterbĂŒcher nicht aufgenommen.[88] Möglicherweise liegt dies an der Verbreitung des Ă€hnlichen, schnelleren Anrufs hoi.
Die Quellenlage zur frĂŒhen Verwendung des Wortes ist mangelhaft, weil ahoi im Woordenboek der Nederlandsche Taal (WNT) kein eigenes Lemma erhielt, obwohl dieses GroĂwörterbuch auch Interjektionen erfasst.[89] Auch in den ErgĂ€nzungslieferungen der letzten Jahrzehnte zum WNT fehlt dieser Eintrag.[90] Innerhalb der EintrĂ€ge im WNT stammen die frĂŒhesten Belege, die Formen von ahoi enthalten, aus der Zeit um 1900. In einem 1897 erschienenen MĂ€dchenbuch schrieb die Schriftstellerin Tine van Berken: âA-hoi! A-hoi! riep Beer onvermoeid, de hand trechters gewijze aan de mondâ, deutsch â⊠rief Beer unermĂŒdlich, die Hand trichterförmig am Mund.â[91] 1908 lieĂ der Schriftsteller George Frans Haspels Sturmgewalten âmet donderend ahoeiâ, deutsch âmit donnerndem Ahoiâ, auf die KĂŒste prallen.[92] Hier ist die Bedeutung zu LĂ€rm oder BegrĂŒĂung erweitert.[86] Die Schreibung ahoei, [a ËhuËi] gesprochen, enthĂ€lt zudem ein lautmalerisches Element, falls Haspels mit [huËi] auf das GerĂ€usch des Windes anspielte.
In den 1950er Jahren galt ahoi als âveraltetâ.[93] Der Ausdruck ist aber noch allgemein bekannt.[86] Belege fĂŒr einen Gebrauch von ahoy im Friesischen fehlen in GroĂwörterbĂŒchern fĂŒr diese Sprache.[94]
Ahoy lautet die Kurzform fĂŒr das Ahoy Rotterdam, ein groĂes Veranstaltungszentrum in den Niederlanden.[95] Es bestand zunĂ€chst aus einer Halle der 1950 veranstalteten Ausstellung Rotterdam Ahoy! zum Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt und hieĂ anfangs Ahoy'; der Akzent sollte an das Ausrufezeichen der Ausstellung erinnern.[96] 1968 siedelte es in den Stadtteil Charlois um, wo mit der Zeit ein ausgedehnter Baukomplex entstand.[97]
Aus Charlois stammte das 1955 gegrĂŒndete Tamboer- en Trompetterkorps Ahoy, deutsch Tambour- und Trompeterkorps Ahoy. Ob es so benannt wurde, weil das maritim inzwischen als veraltet geltende ahoy in Rotterdam seinerzeit Aufbaugeist ausdrĂŒckte, ist nicht erforscht. Der Spielmannszug trat erstmals am Koninginnedag 1956 auf und wurde mit seinem innovativen Figurenlaufen, zuvor unĂŒblichen WechselgesĂ€ngen und schneller Marschmusik bekannt. 1962 gewann er einen 1. Preis im Wereld Muziek Concours in Kerkrade und spielte spĂ€ter auf dem Sanremo-Festival. Aus Mangel an Nachwuchs löste sich das Korps 2003 auf.[98] In Hamburg entstand 1975 das Show-Musikkorps Ahoy-Hamburg.[99]
Skandinavische Sprachen haben Abkömmlinge der englischen Formen ahoy und ohoy in vielen Schreibungen aufgenommen. Im DÀnischen sind es ahoj[100] und ohoj,[101] im Norwegischen ohoi,[102] im Schwedischen ohoj und Ä-hoj.[19] Im IslÀndischen kann ohoj mit vorgestelltem englisch ship kombiniert sein;[103] als Anrufung tritt die Form Sjipp og hoj auf.[104]
Erstmals benutzte der dĂ€nische Romancier Andreas Nikolai de Saint-Aubain, der unter dem Pseudonym Carl Bernhard veröffentlichte, 1837 die Wendung: ââAhoi, en Sejler!â raabte Matrosen fra MĂŠrsetâ.[105] Saint-Aubins Ăbersetzung ins Deutsche aus demselben Jahr, ââAhoi, ein Segler!â, rief der Matrose vom Mersâ, ist zugleich die frĂŒheste belegte Nennung im Deutschen. Die schwedische Autorin Emilie Flygare-CarlĂ©n schrieb 1842: âĂrnungen reddes till en ny fĂ€rd pĂ„ den klarnade böljan; manskabet skrek sitt muntra âĂ„-hoj!ââ[106] Der deutsche Ăbersetzer von 1843 vermied Ă„-hoj und formulierte: âDer junge Adler ward zu einer neuen Fahrt durch die klaren Wellen in Bereitschaft gesetzt; die Mannschaft lieĂ ihr munteres Hiaho erschallen.â[107] In der englischen Ăbersetzung von 1844 heiĂt es hingegen: âThe crew of the young Eagle [âŠ] shouted their cheerful ahoys.â[108] 1846 schrieb Flygare-CarlĂ©n: âBĂ„t, ohoj â hvarifrĂ„n, hvathĂ€n?â, deutsch âBoot, ohoi â woher, wohin?â[109]
Noch in zwei englisch-dĂ€nischen WörterbĂŒchern von 1863 ist ahoy mit âHey! Holla!â[110] und âholla! heida!â[111] ĂŒbersetzt.
Im nicht zur germanischen Sprachfamilie gehörenden Finnischen ist die Interjektion aus schwedisch ohoj zur Form ohoi entlehnt. In einem deutsch-finnischen Wörterbuch wurde deutsch ahoi mit finnisch hoi angegeben.[112] Eine Ăbersetzung von englisch ahoy ins verwandte Estnische nennt ahoi.[113]
In den beiden BinnenlĂ€ndern Tschechien und Slowakei, 1918 zur Tschechoslowakei vereint und 1992 verselbstĂ€ndigt, ist ahoj (gesprochen [aÉŠÉj],
ahoj?/i) als GruĂ alltĂ€glich. Zu den vielen im Verbreitungsgebiet kursierenden ErklĂ€rungen dafĂŒr[114] gehört:
Ein Fake ist die RĂŒckfĂŒhrung des internationalen Rufs auf einen böhmischen Seemann des 17. Jahrhunderts.[116]
TatsĂ€chlich geht die Verbreitung von ahoj auf die 1920er Jahre zurĂŒck, als tschechische Jugendliche und Studenten das Kanufahren auf den sĂŒdmĂ€hrischen und -böhmischen FlĂŒssen popularisierten.[45] Die Kanuten bildeten eine Art Wandervogelbewegung; manche nannten sich trampovĂ©, Tramps, oder skauti, Scouts, Pfadfinder. Schon in den 1930er Jahren sahen tschechische Sprachforscher in diesen skauti TrĂ€ger und Verbreiter des ahoj.[117]
Die Gruppen bildeten eine romantische Opposition gegen das als nationalistisch empfundene tschechische BĂŒrgertum. Dessen Sokol-Sportvereine mit ihrer Vorliebe fĂŒr die traditionelle Gymnastik passten nicht zur Aufbruchstimmung der Jugendlichen, die deswegen einen als international und schick empfundenen Sport mit eigenem GruĂ kultivierten. Sie stellten ihr aus der Seemannssprache stammendes ahoj, möglicherweise aus dem Niederdeutschen ĂŒbernommen,[118] gegen den Sokol-Ruf nazdar, deutsch etwa Heil wie in Ski Heil. Nazdar war in der tschechischen und tschechoslowakischen Gesellschaft allgemein gebrĂ€uchlich, doch innerhalb weniger Jahrzehnte legte sich das modernere ahoj ĂŒber den dadurch Ă€ltlich werdenden Ausdruck.
Zur Verbreitung des ahoj hat die ironisierende tschechische und slowakische Sprachlust beigetragen. In der Slowakei kursieren ahoj-Abkömmlinge wie das verniedlichende âahojÄekâ, deutsch etwa âAhoichenâ, das zum TrinkergruĂ taugende âahojkaâ, âPrösterchenâ, ferner die Plural-Anrede âahojĆ„eâ, âahoi, Ihr!â sowie die grammatisch korrekte Wir-Form âahojme saâ, âwir ahoien, wir sagen ahoiâ.[119] Im Tschechischen wie im Slowakischen wird ahoj langsam vom wiederum als moderner empfundenen âÄauâ verdrĂ€ngt, das vom italienischen GruĂ ciao stammt. Dies soll bemerkbar gewesen sein, seit die tschechoslowakische Regierung in den 1960er Jahren die AuffĂŒhrung von italienischen Kinofilmen zulieĂ.[120]
Die zum Verlag Melantrich in Prag gehörende Tageszeitung ÄeskĂ© slovo (deutsch Tschechisches Wort) nannte eine von 1933 bis 1943 erschienene humoristische Beilage Ahoj na nedÄli (deutsch Ahoi am Sonntag). Sie wurde freitags verbreitet, âum die Tramps rechtzeitig mit ihrer WochenendlektĂŒre zu versehen.â[121] Von 1969 bis 1997 erschien im ÄeskĂ© slovo-Nachfolger SvobodnĂ© slovo (deutsch: Freies Wort) die Freizeitbeilage Ahoj na sobotu, deutsch Ahoj am Samstag.[122]
Mit amtlichem Namen Ahoj heiĂt ein Distrikt im Stadtteil NovĂ© Mesto der slowakischen Hauptstadt Bratislava.[123] Dort trafen sich vor dem Zweiten Weltkrieg, als die Gegend noch kaum bebaut war, Jugendliche.[124]
Der Autohersteller Ć koda benannte 2001 seine Konzeptstudie fĂŒr einen Kleinwagen Ć koda Ahoj![125]
Im Konzentrationslager Theresienstadt nannten tschechisch sprechende Juden einen an die tschechische Gesellschaft assimilierten, nicht mehr glĂ€ubigen Insassen spöttisch Ahojista, deutsch etwa âAhojistâ. Ein jĂŒdisch-tschechischer Assimilant, der sich gegenĂŒber den jĂŒdischen Verwaltungsstellen im Lager aus Opportunismus als Zionist ausgab, hieĂ Ć ahojista, das aus den GrĂŒĂen Schalom und Ahoj zusammengesetzt war.[126]
Im von Deutschland besetzten Tschechien, dem Reichsprotektorat Böhmen und MĂ€hren, konnte ahoj als Akronym fĂŒr die Parole âAdolfa Hitlera obÄsĂme jistÄâ, deutsch: âKlar, wir hĂ€ngen Adolf Hitlerâ, verstanden werden.[127] Unter kommunistischer Regierung entwickelte sich ahoj auch im slowakischen Landesteil zum Initialwort. Seit dem Kirchenkampf von 1950 galt es als AbkĂŒrzung fĂŒr die Trostformel Aj hrieĆĄnych ochraĆuje jeĆŸiĆĄ, deutsch Jesus schĂŒtzt auch die SĂŒndigen, oder fĂŒr das lateinische ad honorem jesu, deutsch Jesus zur Ehre.[128] Demonstrativ benutzten es katholische Jugendliche untereinander. Selbst Pfarrer sprachen die GlĂ€ubigen von der Kanzel herab damit an.[129]
In den USA konkurrierten die beiden Erfinder Alexander Graham Bell und Thomas Alva Edison nicht nur um die Technik der Telefonie, sondern auch um das Wort, mit dem ein Telefonat eröffnet werden sollte. Bell favorisierte ahoy, benutzte den Ruf bis an sein Lebensende[130] und gab an, niemals âhelloâ gesagt zu haben.[131] Edison forderte hello und entschied diese Auseinandersetzung innerhalb weniger Jahre fĂŒr sich. Angaben ĂŒber die Dichotomie von ahoy und hello in der FrĂŒhphase der Telefongeschichte sind widersprĂŒchlich.
Die nach Bells Tod verbreitete Ăberlieferung, dass Ahoy! Ahoy! die ersten Worte gewesen seien, die durch ein Telefon gesprochen wurden,[132] trifft nicht zu. Eine Ăbertragung von Sprache gelang bereits frĂŒheren Erfindern von Telefonen. Zudem waren Bells erste Worte, am 10. MĂ€rz 1876 ĂŒber Draht an seinen Mechaniker Thomas A. Watson im Nebenraum gerichtet: âMr. Watson â Come here â I want to see you.â[133]
Belegt ist Bells Wortgebrauch, seit das frĂŒhe Telefon Wechselsprache und nicht nur Einwegnachrichten ĂŒbertragen konnte. Beim ersten öffentlich gefĂŒhrten Telefonat in beide Richtungen, mit einer Leitung zwischen Boston und dem zwei Meilen entfernten East Cambridge am 9. Oktober 1876, benutzte er die maritime Anrufung. Watson, den ein technisches Problem aufgehalten hatte, erinnerte sich: âLauter und vernehmlicher, als ich sie je zwischen zwei RĂ€umen vernommen hatte, vibrierte Bells Stimme [vom Relais] und rief: âAhoy! Ahoy! Sind Sie da? Was ist los?â Ich konnte sogar hören, dass er heiser wurde, weil er die ganze Zeit gerufen hatte, wĂ€hrend ich durch das FabrikgebĂ€ude lief. Ich ahoite zurĂŒck und konnte seinen StoĂseufzer hören, als er mich fragte: âWo waren Sie denn die ganze Zeit?ââ[134]
Ende Oktober 1876 eröffnete Bell regelmĂ€Ăig seine Telefonate mit Watson innerhalb Cambridges mit der Frage: âAhoy, Watson, are you there?â[135] Am 3. Dezember 1876 benutzte Bell den vertrauten[136] Ausdruck wieder, als er mit Watson vor Publikum ein FerngesprĂ€ch ĂŒber 143 Meilen Telegrafendraht der Eastern Railroad nach North Conway in New Hampshire mit den Worten eröffnete: âAhoy! Ahoy! Watson, are you there?â[136] Am 12. Februar 1877, als sich Watson in Salem aufhielt und Bell in Boston, begann Watson das öffentliche GesprĂ€ch mit âAhoy! Ahoy!â[130] FĂŒr eine von Bell verwendete Form ahoy-hoy[137] als Verschleifung seines ĂŒblich gewordenen doppelten ahoy ahoy[138] fehlen Belege.
Ahoy-ahoy soll ferner der erste Testruf eines Telefonisten gewesen sein und datiert dann vermutlich aus dem Jahr 1878. Als Sprecher in Betracht kommen George Willard Coy, der am 28. Januar 1878 in New Haven, Connecticut eine kommerzielle Telefonvermittlung eröffnete und zum ersten hauptberuflich arbeitenden operator wurde, oder der junge Louis Herrick Frost, der erste regulÀr angestellte boy operator.[139]
Edison befĂŒrwortete die Verwendung des Rufs hello. Am 18. Juli 1877, als ihm die erste Tonaufzeichnung glĂŒckte, rief er noch das verbreitete[140] halloo in das MundstĂŒck seines Phonographen.[141] FrĂŒhester Beleg fĂŒr die Verwendung von hello am Telefon ist ein Brief Edisons vom 5. August 1877 an einen GeschĂ€ftsfreund: âI do not think we shall need a call bell as Hello! can be heard 10 to 20 feet awayâ, deutsch: âIch glaube nicht, dass wir eine Rufglocke brauchen werden, weil Hello! 10 bis 20 FuĂ weit gehört werden kann.â[141]
SpĂ€teren Erinnerungen zufolge war der Gebrauch von hello 1878 in Edisons Laboratorium ĂŒblich,[142] wenngleich Edison entgegen ersten Nachforschungen[141] hello nicht entwickelt hatte. Die Anrede ist in den USA bereits in der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts nachweisbar[143] und geht mit Formen wie hullo, hallo und halloa auf das seit dem 16. Jahrhundert belegte hollo zurĂŒck.[144] Dessen im maritimen Bereich gebrĂ€uchliche Nebenform holloa wurde ab etwa 1800 teilweise von ahoy ersetzt.[145]
Wie sich Edison gegen Bell durchsetzte, ist bisher nicht untersucht. In der Literatur werden soziale und technische GrĂŒnde genannt.
Der gesellschaftliche Bedarf nach einem Kurzwort war groĂ, denn zunĂ€chst wurden Anreden wie âWhat is wanted?â[146] oder âAre you ready to talk?â, deutsch: âWas wird gewĂŒnscht?, Sind Sie gesprĂ€chsbereit?â benutzt. Eines Tages soll Edison einfach âhelloâ gerufen haben, anstatt das Telefonat mit âunamerikanischenâ UmstĂ€ndlichkeiten zu beginnen.[147] Hello, noch nicht mit Konventionen belegt, erlaubte, schnell zur Sache zu kommen.[138] Zudem verlangte ahoy traditionell die BeifĂŒgung eines Namens, was zu Beginn eines anonym eingehenden Telefonats nicht möglich war. Als Seemannsausdruck galt es zudem als zu mĂ€nnlich, seit Frauen als Telefonvermittlerinnen eingestellt wurden. Ahoy war, wie der US-Kolumnist William Safire zusammenfasste, âfĂŒr Land- und Telefonrattenâ zu maritim und als Formel zu wenig auf Konversation ausgerichtet.[148]
Technisch verfolgten Bell und Edison bei ihren Entwicklungsarbeiten verschiedene Konzepte. WĂ€hrend Bell den Kunden bei GesprĂ€chsbedarf je neue GesprĂ€chsverbindungen anzubieten plante, favorisierte Edison zunĂ€chst Standleitungen, die zwischen den Teilnehmern stĂ€ndig offen blieben. Um einen Angerufenen ans Telefon zu bekommen, hielt Edison 1877 ein lautes Rufwort, das ĂŒber lĂ€ngere Distanz gehört werden konnte, fĂŒr nötig. In Betracht kam eine durch die Telefonleitung hörbare Glocke, deren englische Bezeichnung bell Edison aber an seinen Konkurrenten erinnerte. Als sich Bells Konzept der Einzelverbindungen durchsetzte, begann Edison zwar die dafĂŒr nötigen VermittlungsschrĂ€nke zu bauen, soll in der Gebrauchsanleitung fĂŒr die Vermittlerinnen aber seine Meldung hello vorgeschrieben haben.[149]
Hello setzte sich in New York schon 1880 durch.[150] Die Teilnehmer der ersten Konferenz der Telefongesellschaften im November 1880 in Niagara Falls trugen eine Plakette mit dem Aufdruck Hello zur BegrĂŒĂung.[141] Hello girl als Bezeichnung fĂŒr die jungen Frauen in den Rufvermittlungen ist seit 1883 belegt[151] und vom US-amerikanischen Schriftsteller Mark Twain 1889 popularisiert.[152]
William Safire formulierte, auf die Zerlegung des US-Telefonmonopolisten AT&T im Jahr 1984 anspielend: â⊠thus, Ahoy! became A.T.&T.âs first divestitureâ, deutsch etwa: âSo fĂŒhrte Ahoy! zur ersten Entflechtung bei AT&Tâ.[148] AT&T war aus Bells 1877 gegrĂŒndeter Telefongesellschaft hervorgegangen.
Das Spannungsfeld von ahoy und hello wurde in verschiedenen Medien genutzt und literaturtheoretisch betrachtet:
Ahoi, Ahoy und Ahoj werden als Akronyme verwendet. Dazu gehören
Ahoi, Ahoy und Ahoj sind populĂ€re Bestandteile in Titeln von Filmen, BĂŒchern, BĂŒhnenstĂŒcken, Kunst- und musikalischen Werken.
AuĂer EintrĂ€gen in WörterbĂŒchern und anderen Nachschlagewerken sind als Literatur drei AufsĂ€tze zur Wortgruppe um ahoy nachweisbar:
Um Belegstellen schneller zu finden, WörterbĂŒcher mit verschiedenen Ausgaben heranziehen zu können oder den Kontext der Stelle zu verdeutlichen, ist bei einigen alphabetisch geordneten Werken an Stelle oder neben der Seitenzahl das Stichwort mit der AbkĂŒrzung s.v. angegeben. AbgekĂŒrzt zitiert sind hier:
| KĂŒrzel | Volltitel |
|---|---|
| OED | John A. Simpson: Oxford English Dictionary. 20 BĂ€nde, 2. Aufl. Oxford 1989. Deren Revisionen, de facto die dritte Auflage des OED, sind auf einer gebĂŒhrenpflichtigen Webseite abzufragen und in wissenschaftlichen Bibliotheken zugĂ€nglich. |
| WNT | Matthias de Vries: Woordenboek der Nederlandsche Taal. 40 BĂ€nde, sâGravenhage (=Den Haag) 1882â1998. Wegen des langen Erscheinungszeitraums sind die Erscheinungsjahre angegeben. Die ErgĂ€nzungsbĂ€nde sind im Volltitel zitiert. Online-PrĂ€senz. |
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