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Aktiv (TĂ€tigkeitsform) und Passiv (Leideform) sind die beiden Handlungsrichtungen oder Diathesen, die in der deutschen Grammatik eine Kategorie des Verbs bilden (Verbgeschlecht oder Genus Verbi).
Inhaltsverzeichnis |
Bildet die handelnde Person oder Sache das Subjekt des Satzes, steht das PrÀdikat (also das zugehörige Verb) im Aktiv.
Wird die handelnde Person oder Sache nicht genannt, bildet meist jene Person oder Sache das Subjekt des Satzes, an der die Handlung geschieht (die die Handlung âerleidetâ). Dann steht das PrĂ€dikat im Passiv.
Man kann die handelnde Person jedoch auch in einem Passivsatz unterbringen, etwa so:
Im Deutschen kann das Passiv auch von einem Verb gebildet werden, das kein Objekt hat. In diesem Fall entsteht ein sogenanntes unpersönliches Passiv, in dem das Verb ohne jede ErgÀnzung stehen kann:
Man bildet das Passiv, indem man zunĂ€chst die nach der Konjugation erforderliche Form des Verbes âwerdenâ als Hilfsverb (des GesamtprĂ€dikats) verwendet - die z. B. im Perfekt Passiv seinerseits aus Hilfs- und Vollverb besteht -, und dann das Partizip Perfekt des jeweiligen Vollverbes anschlieĂt.
Aktiv und Passiv sehen in den einzelnen Tempora am Beispiel des transitiven (Voll-)Verbs ârufenâ im Indikativ also wie folgt aus (jeweils 1. Person Singular):
| Tempus | Aktiv | Passiv |
|---|---|---|
| PrÀsens | Sie ruft mich. | Ich werde von ihr gerufen. |
| Perfekt | Sie hat mich gerufen. | Ich bin von ihr gerufen worden. |
| PrÀteritum | Sie rief mich. | Ich wurde von ihr gerufen. |
| Plusquamperfekt | Sie hatte mich gerufen. | Ich war von ihr gerufen worden. |
| Futur I | Sie wird mich rufen. | Ich werde von ihr gerufen werden. |
| Futur II | Sie wird mich gerufen haben. | Ich werde von ihr gerufen worden sein. |
Wenn ein und derselbe Bedeutungs-/Satzinhalt (vgl. Satzsemantik), der ursprĂŒnglich im Aktiv ausformuliert ist, ins Passiv ĂŒbertragen wird, dann findet ein syntaktischer Funktionswechsel der Referenten, und zwar wie folgt, statt: Das Agens, welches im Aktivsatz das Subjekt ist, erscheint im Passivsatz optional (!) (im Dativ stehend) unmittelbar nach der PrĂ€position "von". Das Patiens, welches im Aktivsatz das Akkusativobjekt ist, wird zum Subjekt des Passivsatzes. Ein im Aktivsatz vorhandenes Dativobjekt bleibt (ggf.) auch im Passivsatz Dativobjekt. Andere Satzglieder, natĂŒrlich ausgenommen das PrĂ€dikat - wobei Tempus und Modus tatsĂ€chlich beibehalten werden -, also u. a. Adverbialbestimmungen, bleiben ebenfalls bei dieser Ăbertragung unverĂ€ndert.
Beispiel: Aktiv: Ich gebe ihn ihr heute. / Passiv: Er wird ihr heute von mir gegeben.
Nicht nur konjugierte Verben sind entweder dem Aktiv oder dem Passiv zuzuordnen. Beispielsweise ist auch in InfinitivsÀtzen oder in auf ein Modalverb folgenden Infinitiven die Diathese eindeutig bestimmt.
Beispiel:
Ich soll (sie) abholen. (Aktiv) / Sie soll (von mir) abgeholt werden. (Passiv)
Ich freue mich, (sie) abzuholen. (Aktiv) / Sie freut sich, (von mir) abgeholt zu werden. (Passiv)
Auch die Partizipien drĂŒcken, wenn nicht als Element des PrĂ€dikats, sondern attributiv verwendet, immer das Geschlecht des Verbs, von dem sie abgeleitet sind, aus, wobei das Partizip I oder Partizip PrĂ€sens das Aktiv und das Partizip II oder Partizip Perfekt das Passiv reprĂ€sentiert.
Beispiel:
Das lobende Kind sitzt. also: Das Kind, welches lobt, sitzt. (Aktiv) / Das gelobte Kind sitzt. also: Das Kind, welches gelobt wird, sitzt. (Passiv)
Bisher haben wir die beiden Partizipien ausschlieĂlich als ReprĂ€sentanten der beiden Genera Verbi betrachtet. Sie stehen aber noch mit einem anderen Aspekt als dem diathetischen in Verbindung. Dies lĂ€sst sich schon an den Bezeichnungen ablesen: Das 'Aktiv-Partizip' heiĂt Partizip I oder Partizip PrĂ€sens, das 'Passiv-Partizip' Partizip II oder Partizip Perfekt. Der zweite, nicht-diathetische Aspekt ist zeitlicher, temporaler Natur, wenn man so will. Alte Sprachen (Latein, Altgriechisch) hatten mehr als 2 Partizipien und darĂŒber hinaus weitere, sozusagen partizipienĂ€hnliche Verbaladjektive. Der "temporale Aspekt" umfasst Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeit; wenn eine Sprache also zwei Genera Verbi (Aktiv und Passiv) besitzt, verfĂŒgt sie maximal ĂŒber sechs Partizipien: ein Partizip Perfekt Aktiv (im Folgenden PPerA), ein Partizip Perfekt Passiv (i. F. PPerP), ein Partizip PrĂ€sens Aktiv (i. F. PPrĂ€A), ein Partizip PrĂ€sens Passiv (i. F. PPrĂ€P), ein Partizip Futur Aktiv (i. F. PFA) und ein Partizip Futur Passiv (i. F. PFP). Statt das rufende Kind und das gerufene Kind lieĂe sich dann differenzierter formulieren:
Das {PPerA von rufen} Kind = Das Kind, das gerufen hat.
Das {PPerP von rufen} Kind = Das Kind, das gerufen worden ist.
Das {PPrÀA von rufen} Kind = Das Kind, das ruft.
Das {PPrÀP von rufen} Kind = Das Kind, das gerufen wird.
Das {PFA von rufen} Kind = Das Kind, das rufen wird.
Das {PFP von rufen} Kind = Das Kind, das gerufen werden wird.
Dem oben jeweils zweitgenannten Namen nach sind die deutschen Partizipien 'eigentlich' diathetisch ungebunden, wie wir aber im vorangegangenen Abschnitt gesehen haben, sind sie zwar sehr wohl, aber nicht nur diathetisch gebunden. Was den diathetischen Aspekt betrifft, dĂŒrfte man kein Partizip Perfekt eines intransitiven Verbs attributiv (adjektivisch) verwenden können, dies ist aber (wider Erwarten) möglich, wenn auch nur bedingt: Wir sagten, ein gelobtes Kind sei ein Kind, das gelobt wird/worden ist(/werden wird). Es ist im Deutschen ebenso möglich, von einer eingegangenen Pflanze zu sprechen, obwohl doch eingehen ein intransitives Verb ist. Hier nĂ€mlich macht das Partizip Aktiv diesem Namen sozusagen Ehre: Eine eingegangene Pflanze ist eine Pflanze, die eingegangen ist (nicht etwa wird). Das Partizip Perfekt intransitiver Verben lĂ€sst also das, dem es als Attribut dient, nicht Patiens - denn intransitive Verben sind ja ausnahmslos patienslos -, sonders Agens der im Partizip ausgedrĂŒckten Handlung sein und gibt dabei eindeutig den Vorzeitigkeitsaspekt wieder.
Reflexive Verben und intransitive Verben können kein Passiv bilden. Bei letzteren wird das Perfekt meistens mit dem Hilfsverb "sein" gebildet. Dies ist im ersten Beispielsatz der Fall: Susanne ging zur Arbeit. â Susanne ist zur Arbeit gegangen. Man kann allerdings unpersönliche PassivsĂ€tze (also SĂ€tze mit unbestimmtem Agens) mit "es" bilden: Es wird zur Arbeit gegangen.
In einigen ZusammenhĂ€ngen (so auch auf der Seite, auf die der unten aufgefĂŒhrte Weblink verweist) spricht man vom "Vorgangspassiv" und vom "Zustandspassiv", und zwar oft auch - dann jedoch (erzwungenermaĂen) fĂ€lschlicherweise - als Unterscheidung zweier Erscheinungsformen des Genus Verbi Passiv. Im PrĂ€sens Indikativ wĂ€ren die beiden Formen beim Subjekt "Susanne" und dem Partizip "enttĂ€uscht" folgende:
Vorgangspassiv: Susanne wird enttÀuscht.
Zustandspassiv: Susanne ist enttÀuscht.
Wir sehen: Das "Vorgangspassiv" ist das Passiv (so, wie es hier bisher behandelt worden ist). Beim sogenannten Zustandspassiv ist Vorsicht geboten, denn es ist de facto kein Passiv; tatsĂ€chlich ist es ein (vollkommen normales) Aktiv. Beim Vorgangspassiv, welches tatsĂ€chlich ein (vollkommen normales) Passiv ist, ist das Subjekt "Susanne" Patiens, das "wird" ist das das Passiv hervorrufende und anzeigende Hilfsverb (konjugiert) und das vom Verb "enttĂ€uschen" abgeleitete Partizip II "enttĂ€uscht" ist das die (semantische) TĂ€tigkeit beinhaltende und ausdrĂŒckende Vollverb (infinit). Bei diesem "Zustandspassiv" jedoch ist das Subjekt "Susanne" Agens, das "ist" ist das vollstĂ€ndige PrĂ€dikat des Satzes, es ist aktivisches Vollverb, und das vom Verb "enttĂ€uschen" abgeleitete Partizip II "enttĂ€uscht" ist nicht Teil des SatzprĂ€dikats, sondern es ist ein Adjektiv (also in diesem Fall das dem Subjekt prĂ€dikativ zugeschriebene Attribut). Der dennoch (auch im Deutschen) bestehende Zusammenhang zwischen dem Vorgangs- und dem Zustandspassiv ist der, dass (auf semantischer Ebene) bei gleichem Subjekt und Partizip II die Aussage des "Vorgangspassiv" die des "Zustandspassivs" zur Folge hat, was auch an diesem Beispiel deutlich wird: Denn, wird Susanne enttĂ€uscht, so ist sie auch anschlieĂend und deshalb enttĂ€uscht. Ein weiterer und noch gravierenderer Zusammenhang zwischen den beiden "Passivformen" besteht darin, dass sie u. a. im Englischen syntaktisch gar nicht zu unterscheiden sind. Beide Formen lauteten bei Beibehaltung unserers Beispiels:
Susanne is disappointed.
Dies liegt daran, dass das Englische anders als das Deutsche das Passiv mit dem Hilfsverb "be" (dt. "sein") bildet. NatĂŒrlich ist fĂŒr diese ganze Problematik ebenfalls die sowohl im Deutschen als auch im Englischen vorherrschende Tatsache Voraussetzung, dass das Partizip II zumindest eines jeden transitiven Verbs sowohl die syntaktische Funktion eines Attributs (Adjektiv oder Adverb) als auch die eines Vollverbs haben kann. Jene Vielfalt in der syntaktischen Verwendbarkeit besitzt im Englischen auĂerdem auch das Partizip I (present participle) eines jeden transitiven Verbs, weshalb es sogar abgesehen von derjenigen bezĂŒglich der beiden "Passivformen" noch zu einer weiteren Doppeldeutigkeit kommt:
Susanne is disappointing. ("disappointing" ist das present participle (Partizip I) von "disappoint" ("enttÀuschen"), entspricht also im Deutschen "enttÀuschend".)
Dieser Satz steht zwar definitiv im Aktiv, aber sein Tempus ist entweder das present simple (entspricht etwa dem deutschen PrÀsens) oder das present progressive (besitzt keine deutsche Entsprechung).
Simple Present: Das "is" (dt. "ist") ist Vollverb, das "disappointing" (dt. "enttĂ€uschend") ist Attribut (Adjektiv). Ăbersetzung: Susanne ist enttĂ€uschend.
Present progressive: Das "is" ist hier Hilfsverb, das "disappointing" ist Vollverb. Ăbersetzung: Susanne enttĂ€uscht gerade. / Susanne ist gerade dabei, zu enttĂ€uschen. / Susanne ist gerade am EnttĂ€uschen.
Wir sehen auch hier einen auĂergrammatikalischen Zusammenhang, denn auch wenn die beiden "syntaktischen Interpretationsmöglichkeiten" eben nicht bloĂ Interpretationsmöglichkeiten, sondern klar (syntaktisch) voneinander abzugrenzen wĂ€ren, d. h., sichtbar voneinander zu unterscheiden wĂ€ren (abgrenzbar sind sie ja im Grunde sehr wohl), was im Deutschen ja auch der Fall ist, sagt der "Present-Progressive-Satz" das aus, was der "Present-Simple-Satz" - bis auf den "gerade"-Aspekt - sowieso auch impliziert: nĂ€mlich, dass das Subjekt enttĂ€uschendes Agens bzw. Agens des EnttĂ€uschens ist, also, dass es enttĂ€uscht. In Anbetracht dessen ist die Begebenheit, dass sich die beiden semantischen Aussagen syntaktisch ĂŒberschneiden bzw. dass sie sogar syntaktisch kongruieren, nicht mehr allzu dramatisch.
Kommen wir noch einmal zurĂŒck zu den beiden "Passivformen", die ja aus genannten GrĂŒnden z. B. im Englischen und Französischen kongruieren, obwohl es sich bei der einen Variante um einen Passiv-, bei der anderen um einen Aktiv-Satz handelt. Im Deutschen besteht diese Kongruenz deshalb nicht, da das "Passiv-Hilfsverb" "werden" und nicht "sein" ist. Es gibt interessanterweise noch andere Möglichkeiten, durch die dieser Kongruenz aus dem Weg zu gehen ist: So benutzt das Spanische zwar nicht ein anderes Hilfsverb als "sein", kennt aber von einigen transitiven Verben zwei verschiedene Varianten des Partizip II, wobei die eine ausschlieĂlich als Vollverb (fĂŒr zusammengesetzte Zeiten und das Passiv) und die andere ausschlieĂlich als Attribut (Adjektiv) verwendet wird.
Stilistisch haben Passivkonstruktionen Ă€hnliche Wirkungen wie ein Nominalstil. AktivsĂ€tze sind in der Regel lebendiger, beweglicher und verstĂ€ndlicher. Das Passiv sollte daher zurĂŒckhaltend verwandt werden.
Durch das Passiv wird das Agens (die handelnde Person, der konkrete Akteur) nicht genannt. Eine Aussage kann dadurch objektiver, neutraler oder bedeutender erscheinen. Das Passiv lĂ€sst den Autor in den Hintergrund treten und begĂŒnstigt - kritisch betrachtet - eine Entpersönlichung und Anonymisierung. Eine Passivierung kann (im Deutschen) der Betonung von Ereignissen dienen, da die erste Stelle im Satz vor dem Verb (Thema) betont ist.
PassivsĂ€tze sind vor allem in der Amtssprache, aber auch in der Wissenschaftssprache ĂŒblich. In der gesprochenen Umgangssprache ĂŒberwiegen die AktivsĂ€tze bei weitem.
WĂ€hrend im Deutschen PassivsĂ€tze in der gesprochenen Sprache recht selten auftreten, ist dies z. B. im Englischen nicht der Fall, dort sorgen sie ggf. regelrecht fĂŒr stilistische Abwechslung.