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Albert Friedrich Benno Dulk (* 17. Juni 1819 in Königsberg; † 29. Oktober 1884 in Stuttgart) war ein deutscher Schriftsteller, Revolutionär, Sozialdemokrat und Freidenker.
Inhaltsverzeichnis |
Albert Dulks Vater Friedrich Philipp Dulk war Apotheker und Professor der Chemie, seine früh verstorbene Mutter Emilie entstammte der Königsberger Verlegerfamilie Hartung. Dulk besuchte bis 1837 das Kneiphöfsche Gymnasium in Königsberg, absolvierte beim Vater parallel eine Apothekerlehre und entschied sich nach dem Abitur für ein Chemiestudium. 1838 wurde er Mitglied der Burschenschaft Hochhemia Königsberg.[1] Während seines einjährigen Freiwilligendienstes 1841/42 als Lazarettapotheker in Breslau pflegte er Umgang mit Nees von Esenbeck, Hoffmann von Fallersleben und Friedrich von Sallet. Während seiner Studienzeit unterhielt er Kontakte zum Kreis der sogenannten „Freien“ um Bruno Bauer, Edgar Bauer, Louise Aston und Max Stirner in Berlin.[2] In Leipzig schloss er sich den demokratisch gesinnten Studenten an. In dieser Zeit entstand sein Vormärz-Drama Orla, das Dulk 1844 im Verlag Literarisches Comptoir Zürich und Winterthur von Julius Fröbel wegen der Zensur anonym veröffentlichte.
Im August 1845 hielt er neben Robert Blum und Wilhelm Jordan eine Begräbnisrede für die Gefallenen der Leipziger Unruhen, woraufhin seine Ausweisung aus Sachsen verfügt wurde. Um trotzdem sein Studium fortsetzen zu können, versteckte er sich mit Hilfe seiner Freundin Pauline Butter, Tochter eines Leipziger Bankiers. Angeregt durch seinen Freund, den jüdischen Arzt, Schriftsteller und Politiker Johann Jacoby, begann Dulk die Arbeit an einem nie vollendeten Drama über das Attentat auf König Friedrich Wilhelm IV. durch den märkischen Bürgermeister Heinrich Ludwig Tschech. Dadurch zog Dulk die Aufmerksamkeit der preußischen „Geheimpolizei“ auf sich, was 1846 zu einer vierwöchigen Untersuchungshaft in Halle führte.
Nach seiner Promotion im August 1846 in Breslau, heiratete Dulk seine Cousine Johanna am 26. Oktober in Königsberg. Seine Habilitationsversuche im folgenden Jahr an der Albertus-Universität scheiterten aufgrund seiner politischen Vergangenheit.
Das ganze Jahr 1847 arbeitete Dulk an seinem Theaterstück Lea, das am 23. Februar 1848 in Königsberg uraufgeführt und später zu seinem meistaufgeführten wurde. Das Drama über den Hofjuden Joseph Süß Oppenheimer „bezieht tiefverwurzelte antijüdische Topoi und Klischees ein, um sie zu hinterfragen und zu entlarven“.[3] Zugleich aber steht es für Dulks Vorstellung von einer politisch-gesellschaftlichen und religiösen Erneuerung jenseits aller Konfessionen.[4]
An der Deutschen Revolution 1848/49 nahm Dulk in Königsberg aktiv teil. Zusammen mit einem Kaufmann, zwei Handwerkermeistern und dem Studenten Robert Schweichel gründete er im April einen Arbeiterverein. Nachdem er im Juli die Leitung abgeben musste,[5] gab er im November die fünf Nummern umfassende Zeitschrift Der Handwerker heraus. Mit ihr wollte er dazu beitragen, dass die soziale Frage einer „gründlichen Prüfung“ und dem „besonnenen Handeln denkender Arbeiter“ anheimfalle.[6] Unter dem Motto „Assoziation, Vereinigung, das ist der neue Heilandsgedanke und das Evangelium der Zeit“ berichtete er über Meister- und Gesellenkongresse, berufsständische Arbeitervereine und Arbeitervereinigungen. Später leitete er eine Sonntagsschule für Lehrlinge. Mit Otto Seemann verfasste er die einaktige politische Komödie Die Wände.
Der Misserfolg seines Engagements, der Sieg der Reaktion in Preußen, sowie seine privaten Verhältnisse veranlassten ihn im Juni 1849, ausgestattet mit preußischen Papieren, nach Udine zu reisen, wo seine Freundin ein Kind erwartete. Von dort aus durchquerte er zu Fuß die Alpen, Ober- und Mittelitalien und erreichte nach mehreren Monaten Neapel. Er beschloss sich „zu vereinsamen, freiwillig dem Lebensglück zu entsagen, in einsamer Stille noch einmal meinen Gott, in mir, zu suchen“[7] und organisierte eine Reise nach Ägypten. Von den acht Monaten, die er dort zubrachte, lebte er drei Monate auf der Sinai-Halbinsel alleine in einer Felsenhöhle unweit des Katharinenklosters, dabei in ständigem Kontakt zu Beduinen. Dulks Ägyptentagebuch, kulturhistorisch und literarisch bedeutsam, ist bisher nur in Auszügen veröffentlicht worden.
Zurück in Europa ließ er sich mit seiner Frau Johanna, seinen Freundinnen Pauline Butter und später Else Bußler, sowie den gemeinsamen Kindern bei Vevey am Genfersee nieder. Im November 1858 zog Dulk nach Stuttgart, wo er als Theaterkritiker und Literaturtheoretiker lebte. Insbesondere entdeckte er die Bedeutung Heinrich von Kleists für seine eigene Dramentheorie.[8] 1865 nahm er die württembergische Staatsbürgerschaft an.
Neben Dramen, -bearbeitungen und Opernlibretti, verfasste er zunächst in Stuttgart - ab 1871 in Untertürkheim und später in den Sommermonaten in einem Forsthäuschen oberhalb von Esslingen - kirchenkritische Texte, insbesondere Der Irrgang des Lebens Jesu. Im Zusammenhang mit dem Deutsch-Französischen Krieg veröffentlichte er mehrere Schriften, darunter Patriotismus und Frömmigkeit, in der er leidenschaftlich gegen die Bismarcksche Blut-und-Eisen-Politik polemisierte.
Nach der Reichseinigung unter Preußens Führung schloss sich Dulk nach anfänglichem Zögern der Arbeiterbewegung an und vertrat 1875 als Stuttgarter Delegierter den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein auf dem Vereinigungskongress der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Gotha. Als Kandidat bei Reichstags- und Landtagswahlen errang er Achtungserfolge.
Unter dem Eindruck der Attentatshysterie des Jahres 1878, die zum restriktiven Sozialistengesetz führte, wurde Dulk wegen eines Wahlflugblattes in Esslingen zu einem Jahr Gefängnis wegen Volksverhetzung und in Ulm zu weiteren zwei Monaten wegen Kirchenschmähung verurteilt. Die Haft saß er in Heilbronn ab. Fortan galt er unter den württembergischen Sozialdemokraten als Märtyrer der politischen Verfolgung. Am 2. April 1882 gründete Albert Dulk in Stuttgart die erste Freidenkergemeinde innerhalb des seit 1881 bestehenden Deutschen Freidenkerbundes.
Auch als Mitglied des MTV Stuttgart erregte Dulk Aufsehen. Am 17. Juli 1865, mit 46 Jahren, durchschwamm er als erster Mann den Bodensee zwischen Romanshorn und Friedrichshafen in sechseinhalb Stunden.
Am 29. Oktober 1884 erlag Albert Dulk im Stuttgarter Bahnhof einem Herzversagen. Der Trauerzug durch Stuttgart am 2. November wuchs sich mit geschätzten 5000 bis 10000 Teilnehmern zur größten Massendemonstration während des Sozialistengesetzes aus. Die Feuerbestattung erfolgte in Gotha.
Dulk war Vorbild und Modell für Wilhelm Raabes Figur des Leonhard Hagebucher, Protagonist seines Romans Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge. Raabe war mit Dulk während seiner Stuttgarter Zeit befreundet. Ebenso benutzte Dulks Jugendfreund Rudolf Gottschall in dem Roman Welke Blätter und in der Novelle Romeo und Julia vom Pregel Charakterzüge Dulks. Sein Drama Jesus der Christ, für dessen passionsspielähnliche Inszenierung er eine moderne Volksbühne gefordert hatte, sowie Der Irrgang des Lebens Jesu waren auch von Einfluss auf Gerhart Hauptmanns Der Narr in Christo. Emanuel Quint.[9] Über seine Anhängerin, die Schriftstellerin und Freidenkerin Hedwig Henrich-Wilhelmi und den mit ihr bekannten Begründer der Freien Volksbühne Bruno Wille vermittelt,[10] lässt sich die Verwendung von Motiven aus Dulks Leben bei dem Naturalismus nahestehenden Schriftstellern nachweisen, so unter anderem bei Wille selbst und John Henry Mackay. Von Dulk angezogen fühlten sich auch literarische Einzelgänger wie Heinrich Schäff-Zerweck und sein Freund, der später radikalvölkische Ernst Emanuel Krauss (Pseudonym Georg Stammler), sowie Peter Hille.[11]
Am Dulkhäuschen oberhalb von Wiflingshausen wurde bei einer Gedenkveranstaltung am 20. September 1885 vor etwa 2000 Teilnehmern eine von Arbeitern und Freunden gestiftete Büste enthüllt. Die Festrede hielt der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bruno Geiser. Bis zum Ersten Weltkrieg folgten weitere sozialdemokratische Treffen. In Königsberg trug 1930 eine Straße nördlich des Maraunenhofs seinen Namen, die 1938 umbenannt wurde.[12] Neben dem 1966 auf Initiative des konservativen und kirchenkritischen Kulturphilosophen Kurt Port benannten Dulkweg in Esslingen existiert seit 2002 in Stuttgart-Untertürkheim eine Dulkstraße. Dort wurde eine erste, 1920 aufgeführte Dulkstraße, bereits 1933 umbenannt.
Das Dulkhäuschen, ein literarisches wie politisches Denkmal, verlor 1951 bis auf die bronzene Büste wesentliche Attribute seiner äußeren Erscheinung. Dulk galt als „Fremdling auf schwäbischem Boden“[13], als „anarchistisch-atheistischer Heißkopf“, der „mit den Eßlingern nicht viel zu tun hatte“.[14] Entsprechend notdürftig fielen die grundlegenden Instandsetzungsarbeiten der wenigstens als „idyllisches Schmuckstück“ geschätzten Hütte aus. 2010 verlor das Dulkhäusle seinen Status als Denkmal, nachdem festgestellt worden war, dass seit den 1950er Jahren kaum noch originale Bausubstanz vorhanden war. Daraufhin wurde das Dulkhäusle abgerissen und mit der unentgeltlichen Hilfe einiger Handwerkerfirmen, begleitet durch eine Spendenaktion, komplett neu aufgebaut. Die renovierte Bronzebüste wurde wieder an der Fassade angebracht. Am 25. September 2011 fand die Einweihung des Neubaus statt. Das abgebrochene Dulkhäuschen war mutmaßlich die älteste sozialdemokratische Erinnerungsstätte in Deutschland.[15]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Dulk, Albert |
| ALTERNATIVNAMEN | Dulk, Albert Friedrich Benno |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Sozialist und Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 17. Juni 1819 |
| GEBURTSORT | Königsberg |
| STERBEDATUM | 29. Oktober 1884 |
| STERBEORT | Stuttgart |