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Antibiotika (von griech. áŒÎœÏÎŻ- anti- âanstelle, gegenâ und ÎČÎŻÎżÏ bios âLebenâ mit lateinischer Endung; Einzahl Antibiotikum) sind im ursprĂŒnglichen Sinne natĂŒrlich gebildete, niedermolekulare Stoffwechselprodukte von Pilzen oder Bakterien, die schon in geringer Konzentration das Wachstum von anderen Mikroorganismen hemmen oder diese abtöten. Heutzutage wird der Begriff âAntibiotikumâ weiter gefasst, siehe dazu Definition und Abgrenzung.
Antibiotika und ihre Derivate werden vielfach als Arzneistoffe in der Behandlung von Infektionskrankheiten verwendet. Im weiteren Sinne werden auch solche Substanzen mit antimikrobieller Wirkung als Antibiotika bezeichnet, die in der Natur nicht vorkommen und sowohl teilsynthetisch als auch vollsynthetisch oder gentechnisch gewonnen werden.[1][2][3]
Inhaltsverzeichnis |
Die Bezeichnung Antibiotikum leitet sich von Antibiose ab, einem von Paul Vuillemin 1889 geprÀgten Begriff, der einen Zustand beschreibt, wenn ein Lebewesen im völligen Gegensatz zu einem anderen steht.[4]
Obwohl Antibiose also schon lange bekannt ist, gilt als die erste therapeutisch antimikrobiell eingesetzte Substanz das synthetisch hergestellte Arsphenamin. Die Bezeichnung Chemotherapeutikum fĂŒr chemisch-synthetische antimikrobielle Stoffe stammt aus der Zeit der groĂtechnischen synthetischen Herstellung der Sulfonamide. Erst spĂ€ter wurde das Penicillin als erster natĂŒrlich vorkommender antimikrobieller Wirkstoff in die antibakterielle Therapie eingefĂŒhrt. Heute differenziert man allgemein nicht mehr in Substanzen biologischen Ursprungs (Antibiotika) oder synthetisch hergestellte Chemotherapeutika.[2] Allerdings sollte der Begriff âChemotherapeutikaâ nach Ăbereinkunft der entsprechenden Wissenschaftsdisziplinen den antineoplastischen (gegen Krebs u. Ă€. gerichteten) Medikamenten (beispielsweise Zytostatika) vorbehalten bleiben.
AuĂer im chemischen wird inzwischen auch im biologischen Sinn die Definition ebenfalls weiter gefasst. Sie beschrĂ€nkt den biogenen Ursprung der Antibiotika nicht nur auf Mikroorganismen wie Pilze und Bakterien, sondern umfasst auch Stoffe wie Phytoalexine und Defensine aus höher organisierten Lebewesen wie Pflanzen und Tieren; auch beim Menschen[5] ist das Vorhandensein körpereigener antibiotisch wirksamer Stoffe bekannt.
Im allgemeinen Sprachgebrauch bezieht sich der Begriff Antibiotika meistens auf Arzneistoffe oder Arzneimittel zur Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten. Zusammen mit Mitteln gegen Infektionskrankheiten durch Protozoen (Antiprotozoika), gegen Pilze (Antimykotika), gegen Viren (Virostatika) und WĂŒrmer (Antihelminthika) bilden sie die Gruppe der Therapeutika gegen Infektionskrankheiten (Antiinfektiva).[2]
Nicht zu den Antibiotika zÀhlen Desinfektionsmittel.
Entdeckung und Anwendung der Antibiotika gehören zu den bedeutendsten Entwicklungen der Medizingeschichte.
1893 isolierte Bartolomeo Gosio aus einem Schimmelpilz der Gattung Penicillium MycophenolsÀure, die er sogar kristallin darstellen konnte. Gosio beobachtete, dass er damit das Wachstum des Milzbranderregers behindern konnte. Er veröffentlichte diese Arbeiten 1893 und noch einmal 1896; sie wurden jedoch international nicht wahrgenommen, wohl weil er auf Italienisch schrieb.
Ebenfalls bereits dreiĂig Jahre vor Alexander Fleming, dem âoffiziellenâ Entdecker des Penicillins, schrieb der französische MilitĂ€rarzt Ernest Duchesne seine Doktorarbeit ĂŒber die Beobachtung, dass bestimmte Schimmelpilze ĂŒber antibiotische â also Bakterien abtötende â Eigenschaften verfĂŒgen. Er gilt heute als erster Entdecker der antimikrobiellen Wirksamkeit von Schimmelpilzen. Angeregt wurden seine Forschungen durch die Beobachtung, dass die im MilitĂ€rhospital beschĂ€ftigten arabischen Stallknechte die SĂ€ttel fĂŒr die Pferde in einem dunklen, feuchten Raum aufbewahrten, um die Bildung von Schimmelpilzen zu fördern. Auf Duchesnes Frage, warum sie das tĂ€ten, antworteten die Stallburschen, dadurch wĂŒrden die Wunden, die durch das Scheuern der Sattel entstĂŒnden, schneller abheilen. Daraufhin bereitete Duchesne eine Lösung aus diesen Schimmelpilzen zu und injizierte sie mehreren erkrankten Meerschweinchen. Wie sich herausstellte, genasen alle Versuchstiere nach verabfolgter Injektion.
AnschlieĂend studierte Duchesne die Wechselwirkung zwischen Escherichia coli und Penicillium glaucum in einer Reihe penibel durchgefĂŒhrter Experimente. Dabei stellte sich heraus, dass in einer Kultur, die lediglich diese beiden Spezies enthielt, der Pilz in der Lage war, das Bakterium zu eliminieren. Des Weiteren zeigte sich, dass ein Versuchstier, das mit einem Typhusbazillus in einer normalerweise tödlichen Dosis beimpft wurde, keinerlei Anzeichen einer Erkrankung zeigte, mithin also völlig gesund war â sofern es zuvor ebenfalls mit Penicillium glaucum beimpft worden war (in dieser Hinsicht weichen die Ergebnisse von Duchesne von den Ergebnissen von Fleming ab: der von Fleming entdeckte Stamm Penicillium notatum zeigte bei Typhus keinerlei Effekte).
Seine Doktorarbeit mit dem Titel âContribution Ă lâĂ©tude de la concurrence vitale chez les micro-organismes: antagonisme entre les moisissures et les microbesâ (âUntersuchungen zum Ăberlebenskampf der Mikroorganismen: Der Antagonismus von Schimmelpilzen und Mikrobenâ), die er im Jahre 1897 zur Erlangung der DoktorwĂŒrde einreichte, war die erste wissenschaftliche Arbeit, die sich mit den Möglichkeiten eines therapeutischen Einsatzes von Schimmelpilzen aufgrund deren antimikrobieller Eigenschaften auseinandersetzte. Seinerzeit lehnte das Institut Pasteur die Doktorarbeit des damals völlig Unbekannten und gerade erst 23-JĂ€hrigen ab. Duchesne drĂ€ngte auf mehr Forschungen, aber der MilitĂ€rdienst hinderte ihn daran, auf diesem Gebiet weitere AktivitĂ€ten zu entfalten. Erst 1949, fĂŒnf Jahre, nachdem Alexander Fleming den Nobelpreis erhalten hatte, wurde Duchesne von der französischen AcadĂ©mie de MĂ©decine posthum fĂŒr seine Verdienste geehrt.
Vielfach wird heute noch das 1910 von Paul Ehrlich eingefĂŒhrte Arsphenamin als das zuerst entdeckte Antibiotikum der Geschichte angesehen. Sein Wirkungsspektrum war auf SpirochĂ€ten begrenzt (Schmalspektrum-Antibiotikum); es ermöglichte dadurch erstmals eine wirksame und relativ ungefĂ€hrliche Therapie der damals weit verbreiteten Syphilis. Arsphenamin ist in der modernen Medizin inzwischen von neueren Wirkstoffen abgelöst worden. Als nĂ€chstes Antibiotikum wurde dann 1935 das von Gerhard Domagk entdeckte Sulfonamid auf den Markt gebracht.
Penicillin als das nĂ€chste medizinisch eingesetzte Antibiotikum konnte im Gegensatz zu den vorher genannten Antibiotika nicht chemisch synthetisiert werden, sondern musste durch Mikroorganismen (Pilze) hergestellt werden. Obwohl die antibiotische Wirkung des Schimmelpilzes Penicillium notatum (heute Penicillium chrysogenum) bereits viele Jahre bekannt war, konnte erst 1942 der erste Patient mit Penicillin behandelt werden, da es Schwierigkeiten gab, den Stoff in nennenswerter Menge zu isolieren. Mit dem Penicillin begann der eigentliche Siegeszug der Antibiotika in der Medizin. Die Erfolge des Penicillins fĂŒhrten zur Suche und Entdeckung vieler weiterer Antibiotika: Streptomycin, Chloramphenicol, Aureomycin, Tetracyclin und viele andere. Die meisten heute bekannten Antibiotika leiten sich von Naturstoffen ab.[6]
Der bekannteste âProduzentâ von Antibiotika ist der Schimmelpilz Penicillium chrysogenum (frĂŒher P. notatum). Sein Produkt, das Penicillin, ist heute in der Laiensprache ein Synonym fĂŒr Antibiotika. Auch heute noch werden die zahlreichen, medizinisch verwendeten Antibiotika biotechnologisch durch Bakterien wie die Streptomyceten produziert. Eine ebenfalls sehr groĂe Gruppe von Antibiotika sind Semisyntheseprodukte, die also chemisch verĂ€ndert wurden, sich aber auch von natĂŒrlichen Produzenten ableiten. Nicht selten werden solche Substanzen aber heute mit modernen chemischen Methoden auch vollsynthetisch hergestellt, d. h. man verzichtet vollstĂ€ndig auf einen biotechnologischen Verfahrenschritt.
In den 1970er und 1980er Jahren wurde verstĂ€rkt auf dem Gebiet der Antibiotika geforscht. Heute zĂ€hlen Antibiotika zu den weltweit am hĂ€ufigsten verschriebenen Medikamenten, mit dreizehn Prozent Marktanteil bilden sie den gröĂten Einzelbereich nach der gesamten Erfassung unseres Arzneimittelverbrauchs. Von den heute etwa 8.000 bekannten antibiotischen Substanzen werden nur etwa 80 therapeutisch angewendet. In Deutschland sind 2005 laut BfArM insgesamt 2.775 AntibiotikaprĂ€parate zugelassen. 1987 hatten 10 bis 15 dieser PrĂ€parate einen Marktanteil von etwa vier FĂŒnftel des Gesamtumsatzes. Im Jahr 1997 betrug der Anteil des Penicillins 9 %.
Man unterscheidet folgende Wirkmechanismen:
Ansatzpunkt fĂŒr die gewĂŒnschte Wirkung sind Strukturen oder Mechanismen der Bakterienzellen, die in tierischen bzw. menschlichen Zellen nicht vorkommen. So kann die Wirkung beispielsweise durch eine Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese, der Proteinsynthese am Ribosom, der DNA-Replikation oder der FolsĂ€uresynthese erfolgen. Bakterien sind die einzigen bekannten Organismen, deren Zellwand aus Murein besteht. Dieser Zucker kommt ausschlieĂlich in Bakterien vor â kein anderes bekanntes Lebewesen kann Murein produzieren. Ferner besitzen Bakterien andere Ribosomen zur Proteinbiosynthese und andere Enzyme zur DNA-Replikation als der Mensch. Menschliche Zellen bilden auch keine FolsĂ€ure wie Bakterien, sondern nehmen sie mit der Nahrung auf. Nur so ist es möglich, dass Antibiotika fĂŒr den Menschen vergleichsweise gut vertrĂ€glich sind.
Man unterscheidet je nach Angriffsort bzw. Wirkungsmechanismus verschiedene Antibiotikagruppen:
ÎČ-Lactam-Antibiotika (kurz ÎČ-Lactame) binden fest (kovalent) und irreversibel und an bestimmte Penicillin-Binde-Proteine (PBP), die zustĂ€ndig fĂŒr das Entstehen von Peptidbindungen in dem bakteriellen Zellwandbestandteil Murein sind. Es sind verschiedene solcher PBP, wie etwa die D-Alanin-Transpeptidasen, als Angriffspunkte fĂŒr ÎČ-Lactam-Antibiotika bekannt. Durch die Blockade dieser Enzyme kommt es zur Störung der Mureinbiosynthese, so dass wĂ€hrend des Bakterienwachstums LĂ€sionen (âLöcherâ) in der Zellwand entstehen. Die Bakterienzellwand verliert ihre selektive DurchlĂ€ssigkeit (PermeabilitĂ€t) und kann die Zytoplasmakonzentration nicht mehr regulieren â NĂ€hrstoffe und andere Cytoplasmabestandteile werden osmotisch verdĂŒnnt. Nach einer gewissen Zeit stirbt das Bakterium ab. Unter extremen Bedingungen (Labor) lassen sich regelrecht âplatzendeâ Bakterienzellen beobachten.
ÎČ-Lactam-Antibiotika wirken im Prinzip bakterizid. Typische Vertreter sind Penicilline, Cephalosporine, Monobactame und Carbapeneme. FĂŒr eine feinere Unterteilung sei auf den Artikel ÎČ-Lactam-Antibiotika verwiesen.
ÎČ-Lactam-Antibiotika werden fĂŒr bestimmte Anwendungen mit ÎČ-Lactamase-Inhibitoren kombiniert. ÎČ-Lactamase-Inhibitoren blockieren die von manchen Bakterien gebildeten ÎČ-Lactamasen, welche ÎČ-Lactam-Antibiotika durch Spaltung unwirksam machen wĂŒrden. Feste Kombinationen sind ClavulansĂ€ure + Amoxicillin, Sulbactam + Ampicillin, Tazobactam + Piperacillin.
Glykopeptide gehören ebenfalls zu den bakteriolytisch wirkenden Antibiotika. Sie wirken ausschlieĂlich auf gram-positive Bakterien. Ăhnlich wie ÎČ-Lactame hemmen sie die Biosynthese des bakteriellen Zellwandbestandteils Murein (Peptidoglycan), jedoch ist der Wirkungsmechanismus ein anderer. Glykopeptide verhindern durch Komplexierung von endstĂ€ndigen D-Alanyl-D-Alanin-Sequenzen der Peptidoglykane deren VerlĂ€ngerung und Quervernetzung, indem so die Transglycosylase gehemmt wird.[7] In der wachsenden Bakterienzellwand entstehen Perforationen (Löcher), durch die aufgrund des hohen osmotischen Druckunterschiedes unkontrolliert Wasser in die Bakterienzelle einströmt (diffundiert), weswegen diese schlieĂlich platzt. Arzneistoffe aus der Gruppe der Glykopeptide sind beispielsweise Vancomycin und Teicoplanin.
Tetracycline wirken gegen gram-positive und gram-negative Bakterien. Tetracycline hemmen die bakterielle Proteinsynthese, indem sie sich an die 30 S-Ribosomenuntereinheit anlagern und dadurch die Anlagerung der tRNA verhindern. Die Wirkungsweise ist also bakteriostatisch. Die AffinitĂ€t der Tetracycline zu Bakterienribosomen ist wesentlich gröĂer als zu SĂ€ugetierribosomen. Mit mehrwertigen Kationen wie beispielsweise Calciumionen, wie sie insbesondere in Milch und Milchprodukten vorkommen, bilden Tetracycline Komplexverbindungen und werden schlechter resorbiert.
Makrolid-Antibiotika binden sich an die 50 S-Ribosomenuntereinheiten. Sie blockieren den Tunnel, durch den neu gebildete Polypeptidketten das Ribosom verlassen. Infolgedessen kann die Proteinbiosynthese nur bei wenigen Zyklen (etwa vier) stattfinden und steht dann still, weshalb man Makrolid-Antibiotika auch Translationshemmer nennt. Diese Antibiotika wirken bakteriostatisch. Ein Beispiel hierfĂŒr ist Erythromycin.
Aminoglycosid-Antibiotika stören ebenfalls die bakterielle Proteinsynthese. Sie lagern sich an die 30 S-Ribosomen an, wÀhrend die Proteinbiosynthese noch stattfindet. Es entstehen Nonsensproteine, die das Bakterium nicht nutzen kann und die sogar den Aufbau der Zellwand behindern. Diese Antibiotika wirken bakterizid.
Polypeptid-Antibiotika wirken in der Zellmembran. Die Transportmechanismen werden hier gestört, weshalb fĂŒr die Zellfunktion schĂ€dliche Stoffe nicht mehr ausgefiltert werden. Zu den Polypeptid-Antibiotika gehören die Polymyxine, Bacitracin und Tyrothricin.
Chinolone werden ausschlieĂlich synthetisch hergestellt. Sie gehören hinsichtlich ihres Wirkungsprinzips zu den Gyrasehemmern. Das Enzym DNA-Gyrase ist im Bakterium fĂŒr das Verdrillen der DNA-StrĂ€nge unverzichtbar und fĂŒhrt wĂ€hrend der DNA-Replikation zur Verringerung auftretender innermolekularer Spannungen. Durch die Verabreichung von Gyrasehemmern wird dieses Enzym inaktiviert. Auch von einigen Chinolonen (Ciprofloxacin, Norfloxacin) ist bekannt, dass sie in Gegenwart von Milch bzw. Milchprodukten schlechter vom Körper aufgenommen werden und schwĂ€cher wirken.
Sulfonamide werden auch als Wachstumsfaktoranaloga bezeichnet. Sie stören die NucleinsÀuresynthese mittels eines Eingriffs in den FolsÀurezyklus. Die Wirkungsweise ist bakteriostatisch.
In der Regel sind Antibiotika gut vertrĂ€glich und haben eine groĂe therapeutische Breite. Hauptnebenwirkungen sind Allergien, die Störung der Darmflora (Antibiotika-assoziierte Diarrhoe) und das Auftreten von Pilzinfektionen, selten pseudomembranöse Colitis. Bei der Behandlung mit Breitbandantibiotika kann durch die Störung bzw. Zerstörung der Darmflora die lebensbedrohliche Infektion mit Clostridium difficile ausgelöst werden.[8]
Selten verursachen Antibiotika auch organtoxische Wirkungen, so etwa Gentamicin Nieren- und HörschĂ€den. Manche Antibiotika wie Bacitracin oder Colistin zeigen bei systemischer (innerlicher) Verabreichung so starke Nebenwirkungen, dass sie nur örtlich angewendet werden. Man spricht in diesem Falle von Lokalantibiotika. Bei manchen Infektionen wie Syphilis oder Borreliose können Antibiotika eine so genannte Herxheimer-Reaktion auslösen, bei der der Organismus mit Giftstoffen aus abgetöteten Bakterien ĂŒberschwemmt wird.
Manche Antibiotika verstÀrken die Wirkung von Koffein erheblich (bis hin zu Herzflattern, Kopfschmerz und Schwindel).[9]
Unter Antibiotika-Resistenz versteht man die erworbene WiderstandsfĂ€higkeit von BakterienstĂ€mmen gegen ein Antibiotikum, gegen welches sie normalerweise empfindlich wĂ€ren. Bei resistenten Bakterien fĂŒhrt die Behandlung mit einem bestimmten oder gar mehreren Antibiotika nicht mehr zu ihrem Absterben oder ihrer Wachstumshemmung. Antibiotikaresistenz ist ein wachsendes Problem. Im Jahr 2005 infizierten sich rund drei Millionen EuropĂ€er mit Bakterien, die gegen bekannte Antibiotika resistent sind â 50.000 von ihnen starben daran.[10] Siehe auch Multiresistenter Staphylococcus Aureus.
Die Forschung konzentriert sich daher intensiv auch auf die Entwicklung von Therapeutika gegen resistente Bakterien.
â siehe Abschnitt: Forschung
Antibiotika werden besonders in der Tierhaltung eingesetzt. Zu unterscheiden sind dabei zwei verschiedene Verwendungen: einerseits als Arzneimittel, die gezielt im Rahmen einer veterinĂ€rmedizinischen Behandlung eingesetzt werden; andererseits als Futtermittelzusatzstoffe, um Leistung (Milchbildung) und Wachstum (Fleischansatz) zu steigern.[11] Umstritten ist besonders der Einsatz von Antibiotika als Wachstums- und Leistungsförderer. Diese Einsatzart ist in der EU Anfang 2006 verboten worden, nachdem sie bereits 1995 in DĂ€nemark, seit 1997 in Vorarlberg und 1999 in der Schweiz aufgrund einzelstaatlicher SelbstbeschrĂ€nkungen nicht mehr eingesetzt werden dĂŒrfen.[12]
Wenn ein einzelnes Tier an einem bakteriellen Infekt erkrankt ist, kann die veterinĂ€rmedizinische Behandlung unter UmstĂ€nden die antibiotische Behandlung des gesamten Bestandes erfordern. Bei dieser Metaphylaxe genannten Anwendung wird ein besonders hoher Selektionsdruck auf die in der Stallung vorhandenen BakterienstĂ€mme hervorgerufen, der nur die wenigen (durch natĂŒrliche Mutation normalerweise vorhandenen) resistenten Erreger ĂŒberleben lĂ€sst. Alle empfindlichen Mikroorganismen werden aber abgetötet. Die verbleibenden Erreger bilden dann den resistenten Stamm, wenn sie nicht als Restinfektion durch die Immunreaktion des Tieres oder Menschen abgetötet werden. Dadurch kann das Antibiotikum gegen die bekannten Infektionen unwirksam werden. Resistente Bakterien können dann andere Organismen erreichen und zu erschwerten KrankheitsverlĂ€ufen bis hin zu Therapieversagen fĂŒhren. Dadurch haben sich in der Vergangenheit bereits erhöhte Resistenzen gegen Antibiotika bei Tieren und Menschen ereignet. HauptsĂ€chlich gefĂ€hrdet sind Arbeiter in Schweine- und GeflĂŒgelbetrieben.[13] In den USA wird schĂ€tzungsweise mindestens dieselbe Menge Antibiotika an Tiere verabreicht, wie an Menschen. Antibiotika resistente Salmonella-, Campylobacter- und Escherichia coli-StĂ€mme, die humanpathogen sind, werden mit steigender HĂ€ufigkeit in groĂen GeflĂŒgel- und Rinderproduktionsbetrieben nachgewiesen.[14]
Antibiotika werden auch als Selektionsmittel in der Molekularbiologie verwendet. Beim Klonieren wird die Eigenschaft der Resistenz gegen ein bestimmtes Antibiotikum als Erkennungszeichen benutzt, ob ein Stamm ein bestimmtes Gen trÀgt, das man dem Bakterium einbauen möchte. Sowohl das neue Gen als auch die Resistenzinformationen sind auf einem Plasmid lokalisiert. Das Bakterium wird auf einem Medium vermehrt, welches das entsprechende Antibiotikum enthÀlt. Dadurch wird auch ein spÀterer Verlust des Plasmids signalisiert, da bei dessen Verlust auch die Resistenz verloren geht und das Bakterium auf dem Medium stirbt.
Die Zahl der jĂ€hrlich neu auf den Markt kommenden Antibiotika geht kontinuierlich zurĂŒck. Dies ist als bedenklich anzusehen vor dem Hintergrund, dass andererseits Antibiotikaresistenzen stĂ€ndig zunehmen. ZusĂ€tzlich zu den bereits seit etlichen Jahren bekannten Resistenzen von gram-positiven Bakterien (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus, MRSA, Vancomycin-resistenter Staphylococcus aureus, VRSA, Vancomycin-resistente Enterokokken, VRE) werden jĂŒngst auch zunehmend Resistenzen bei gram-negativen Erregern gegen etwa ÎČ-Lactam-Antibiotika (NDM-1-bildende Bakterien) beobachtet.[15] Problematisch sind ferner Multiresistenzen (multi drug resistance, MDR) bei Mykobakterien, den Erregern der immer noch weit verbreitet auftretenden Tuberkulose. Durch die weltweite MobilitĂ€t von Menschen und Tieren wird die Verbreitung von Resistenzen gefördert.
Neben der Weiterentwicklung bekannter Substanzklassen mit bekannten Wirkprinzipien, die den GroĂteil der in den letzten Jahrzehnten erfolgten MarkteinfĂŒhrungen ausmachen, wird daher auch die Entwicklung von Substanzen mit neuartigen Angriffspunkten als erforderlich angesehen. Neben den bisher vorherrschendem Targets (Zellwandsynthese, ribosomale Proteinsynthese, DNA-Replikation, FolsĂ€uresynthese) könnten etwa
als zusĂ€tzliche Angriffspunkte verstĂ€rkt von Bedeutung werden. Ebenso gewinnt die Ausweitung der Suche nach neuen MolekĂŒlen auf ökologische Nischen und die Genome von Mikroorganismen, insbesondere auch nicht kultivierter (Metagenom), an Bedeutung. Eine innovative Strategie stellt die Hemmung pathogener Erreger dar, ohne sie abzutöten. Dadurch entfĂ€llt der Selektionsdruck, der zur Verbreitung einer Resistenz beitrĂ€gt.
Einige neue Stoffe bzw. Stoffgruppen und Wirkprinzipien wurden in der jĂŒngeren Vergangenheit aus der prĂ€klinischen Forschung beschrieben: Plectasin beispielsweise, das aus der Gruppe der bei Pilzen, Tieren und Pflanzen verbreiteten sogenannten Defensine stammt und nicht nur die bakterielle Zellwandsynthese stört, sondern auch das Immunsystem des Wirts stimulieren soll;[16][17][18] Platensimycin und Platencin, zwei aus dem Bodenbakterium Streptomyces platensis isolierte Stoffe, die selektiv die bakterielle Lipid-Biosynthese inhibieren; die neuartigen RNA-Polymerase-Hemmer Myxopyronin, Corallopyronin und Ripostatin;[19] die MTAN-Inhibitoren, die in das Quorum sensing eingreifen und die FĂ€higkeit bestimmter Bakterien unterdrĂŒcken schĂŒtzende Biofilme zu bilden;[20] Closthioamid, ein strukturell ungewöhnliches MolekĂŒl mit zahlreiche Schwefelatomen, das vom anaeroben Bodenbakterium Clostridium cellulolyticum gebildet wird und gegen multiresistente Krankheitserreger aktiv ist;[21] das Triclosan-Derivat PT70, das die MykolsĂ€uresynthese der Mykobakterien hemmt.[22]
Hilfe bei Infektionen mit resistenten Bakterien verspricht ferner die Therapie mit Bakteriophagen â hochspezialisierten Viren, welche Bakterien als Wirtszellen nutzen. Derzeit arbeiten verschiedene Pharmaunternehmen an der Zulassung der Phagentherapie.[23]
Noch in der Phase der Grundlagenforschung befinden sich erst vor kurzem entdeckte und antibiotisch wirksame Acyldepsipeptide (ADEPs). Im Gegensatz zu bisherigen Antibiotika hemmen die ADEPs nicht bestimmte Reaktionen in Bakterienzellen, sondern setzen dort eine spezielle Kontrollfunktion auĂer Kraft. Die neuartigen Wirkstoffe haben als ZielmolekĂŒl eine ClpP-Protease, ein Proteine-zerschneidendes Enzym. Normalerweise bewirkt diese spezielle Protease ĂŒber einen strikt kontrollierten Prozess das Recycling von defekten Bakterienproteinen. Wird dieser Kontrollprozess durch die ADEPs unterbunden, baut die ClpP-Protease auch gesunde und fĂŒr den Stoffwechsel des Bakteriums lebenswichtige Proteine ab, zu denen auch das fĂŒr die Zellteilung wichtige FtsZ-Protein gehört. Die Bakterien können sich somit nicht mehr teilen und sterben ab. Mit der neuen Wirkstoffgruppe der ADEPs erhoffen sich die Forscher ein neuartiges, breit wirksames Antibiotikum, das auch in der Lage wĂ€re, selbst bei multiresistenten Bakterien deren Resistenzen zu umgehen. [24]
Die Wirksamkeit von Antibiotika steht auĂer Frage und ist in vielen FĂ€llen lebensrettend. Der organisierte Einsatz von Antibiotika zur Krankheitsvorbeugung und Leistungssteigerung in der Tiermast wird von Medizinern abgelehnt. Der unkritische Einsatz von Antibiotika bei viral bedingten Infektionen und EntzĂŒndungen der oberen Atemwege oder beispielsweise der Nasennebenhöhlen ist aufgrund der Wirkungslosigkeit von Antibiotika gegenĂŒber Viren in der Regel sinnlos und kann verstĂ€rkt zur Resistenzentwicklung von Bakterien beitragen. Aus diesen und weiteren GrĂŒnden muss die Indikation fĂŒr jede Antibiotikatherapie individuell entschieden und verantwortungsvoll gestellt werden. Dies wird im englischen Sprachraum auch als âantibiotic stewardshipâ bezeichnet.
Antibiotika-resistente Bakterien werden in groĂen Mengen ĂŒber GĂŒlle und Mistausbringung aus der Intensivtierhaltung direkt in der Umwelt freigesetzt. Daneben werden auch durch direkten Stoffeintrag Antibiotika selbst in die Umwelt eingetragen. Dort entfalten sie eine biologische Wirkung und könnten auch dort noch eine Zunahme Antibiotika-resistenter Bakterien bewirken. Neuere Studien belegen einen starken Anstieg multiresistenter Bakterien in der Umwelt. Der Weg der resistenten Erreger zurĂŒck zum Menschen ist ĂŒberall dort möglich, wo Kontakt zu fĂ€kal verunreinigten Wasser wie BadegewĂ€sser besteht. Wissenschaftler fordern, den Eintrag von Antibiotika aus der Tierhaltung zu verringern.[25]
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