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Bei dem Attentat auf John F. Kennedy, den 35. PrĂ€sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, am 22. November 1963 in Dallas wurde Kennedy von zwei GewehrschĂŒssen tödlich getroffen. Als TatverdĂ€chtiger wurde Lee Harvey Oswald verhaftet und zwei Tage spĂ€ter in Polizeigewahrsam von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby getötet. Die UmstĂ€nde des Attentats, ob Oswald der TĂ€ter war und ob er MittĂ€ter oder HintermĂ€nner hatte, sind bis heute umstritten. Zwei staatliche Kommissionen kamen zu dem Ergebnis, dass Oswald der TĂ€ter war. Die öffentliche Meinung war von Anfang an polarisiert. Viele Kritiker der offiziellen Version vertreten die Ansicht, dass der PrĂ€sident das Opfer einer Verschwörung wurde, wovon laut Umfrageergebnissen auch die Mehrheit der amerikanischen BĂŒrger ĂŒberzeugt ist. Die akademischen Darstellungen ĂŒber Kennedy jedoch sowie ânahezu der gesamte Mainstream von Medien und MeinungsfĂŒhrernâ[1] gehen von einer AlleintĂ€terschaft Oswalds aus.
Kennedys Texas-Reise, die ihn nach San Antonio, Houston, Fort Worth und Dallas fĂŒhren sollte, war im September 1963 angekĂŒndigt worden. Der PrĂ€sident hatte drei Ziele im Auge:
Neben Kennedys klarem Bekenntnis zu einer Gleichberechtigung der Afroamerikaner hatte diese Kontroverse dazu beigetragen, dass er 1960 im sĂŒdlichsten Bundesstaat der USA nur eine Ă€uĂerst knappe Mehrheit gewonnen hatte, obwohl VizeprĂ€sident Lyndon B. Johnson aus Texas kam.
Der PrĂ€sident wurde von seiner Frau Jacqueline Bouvier-Kennedy begleitet, die bislang nie auf eine Wahlkampfreise mitgekommen war. Auch aufgrund ihrer Anwesenheit war die Stimmung der Bevölkerung sehr herzlich, als das PrĂ€sidentenpaar im offenen Wagen durch San Antonio und Houston fuhr. Die Ăffentlichkeit in Dallas, einer Stadt, die als âBrutstĂ€tte rechtsgerichteten Konservatismusâ bekannt war, stand dem Besuch des PrĂ€sidenten aber skeptisch gegenĂŒber. Ein Verband, der sich âErmittlungsausschuss frei und amerikanisch denkender BĂŒrgerâ nannte, schaltete am Tag seines Besuchs eine Anzeige, in der Kennedy unter anderem vorgeworfen wurde, er hĂ€tte âdie Monroe-Doktrin zugunsten des âGeistes von Moskauâ verschrottetâ. Damit wurde auf die Kuba-Politik des PrĂ€sidenten angespielt, die nach dem Debakel in der Schweinebucht und der Kubakrise, in der der Dritte Weltkrieg nur knapp hatte vermieden werden können, deutlich vorsichtiger geworden war. Auch kursierte ein Flugblatt in Form eines Steckbriefs, auf dem Kennedy wegen Hochverrat gesucht wurde.[2]
Anlass zu Besorgnis gab obendrein, dass Adlai Stevenson, der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, einen Monat zuvor in Texas von wĂŒtenden Demonstranten bespuckt und mit Protestschildern geschlagen worden war. Am 18. November 1963 hatte zudem ein geplanter Autokorso Kennedys durch Miami abgesagt werden mĂŒssen, als der Polizei AttentatsplĂ€ne bekannt geworden waren. Kennedy sah die Gefahr eines Anschlags, blieb aber gelassen. Zu seinem Assistenten Kenneth OâDonnell sagte er:
âWenn jemand wirklich den PrĂ€sidenten der Vereinigten Staaten erschieĂen wollte, wĂ€re das keine schwierige Arbeit: Man mĂŒsste nur eines Tages mit einem Gewehr mit Zielfernrohr auf ein hohes GebĂ€ude hinauf, niemand könnte etwas gegen einen solchen Anschlag unternehmen.â[3]
Hintergrund dieses Fatalismus war die Tatsache, dass es noch keine Amtslimousinen mit kugelsicherem Dach gab. Die Fahrtroute durch Dallas, die am 18. November offiziell bekannt gegeben worden war, fĂŒhrte vom Flughafen Dallas Love Field durch die Innenstadt zum Dallas Trade Mart, wo Kennedy eine Rede halten wollte. Er stieg in einen Wagen mit offenem Verdeck, einen dunkelblauen 1961er Lincoln Continental X-100, der eigens aus Washington eingeflogen worden war. Im Wagen saĂen auĂer ihm seine Frau, der Gouverneur John Connally, dessen Frau Nellie Connally sowie die Secret-Service-Agenten William Greer, als Chauffeur, und Roy Kellerman. 350 Polizisten der Stadt Dallas â ein Drittel ihrer GesamtstĂ€rke â wachten ĂŒber den PrĂ€sidenten, auĂerdem vierzig Angehörige der Staatspolizei und fĂŒnfzehn Deputy Sheriffs aus Dallas County. Die dichte Menschenmenge, die die StraĂen sĂ€umte, jubelte dem Ehepaar Kennedy begeistert zu.
Als die Autokolonne des PrĂ€sidenten nur noch fĂŒnf Minuten vom Veranstaltungsort entfernt war, fuhr sie auf der Houston Street, die den GebĂ€udekomplex der Dealey Plaza nach Westen begrenzt, auf das Schulbuchdepot des Staates Texas zu. Hier bogen die Wagen in einer 120°-Kurve in westlicher Richtung in die Elm Street ein. Etwa auf halber Höhe zwischen dem Schulbuchdepot und einem hinter einem Bretterzaun gelegenen GrashĂŒgel stand Abraham Zapruder, ein Amateurfilmer aus Dallas, und filmte den vorbeifahrenden Wagen des PrĂ€sidenten auf Normal-8-mm-Farbfilm.
Kurz zuvor hatte sich Gouverneur Connally angesichts der vielen freundlich winkenden Menschen am StraĂenrand an den hinter ihm sitzenden PrĂ€sidenten mit den Worten gewandt: âMr. President, man kann nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebtâ, und Kennedy hatte zugestimmt: âNein, das kann man ganz sicher nicht sagen.â[4] Das waren seine letzten Worte. Kurz darauf fielen gegen 12:30 Uhr mehrere SchĂŒsse. Der erste durchschlug Kennedys Hals, gleichzeitig erlitt Connally einen Durchschuss durch die Brust und wurde am Handgelenk und am Oberschenkel verletzt. Connally sank auf den SchoĂ seiner neben ihm sitzenden Frau, die ihn an sich drĂŒckte und so den Kollaps seiner Lunge verhinderte. Da Kennedy aus gesundheitlichen GrĂŒnden ein Korsett trug,[5] blieb er aufrecht sitzen, sodass ein weiterer Schuss ihn in den Kopf traf, dessen rechte HĂ€lfte explodierte. Jackie Kennedy versuchte in Panik, die Limousine ĂŒber das Heck zu verlassen. Offenbar versuchte sie, ein StĂŒck vom SchĂ€del ihres Mannes zurĂŒckzuhalten, das auf die StraĂe geflogen war. Der Secret-Service-Mann Clint Hill, der inzwischen auf den Wagen aufgesprungen war, drĂ€ngte sie in ihren Sitz zurĂŒck, und der Chauffeur, der nach dem zweiten Schuss abgebremst hatte, um sich nach dem PrĂ€sidenten umzusehen, beschleunigte nun den Wagen zur Flucht. Mehrere Augenzeugen sahen den Gewehrlauf aus dem fĂŒnften Stock des Schulbuchlagers.[6]
Kennedy wurde in die Notaufnahme des Parkland Memorial Hospital gebracht, wo sich vierzehn Ărzte gleichzeitig um den sterbenden PrĂ€sidenten bemĂŒhten. Unter anderem wurden eine Tracheotomie und eine Herzdruckmassage durchgefĂŒhrt, was angesichts der schweren Hirnverletzung aber wirkungslos blieb. Um 13 Uhr wurde Kennedy fĂŒr tot erklĂ€rt. Kurz darauf traf ein katholischer Priester ein und spendete ihm die Sterbesakramente.[7]
Secret-Service-Agenten setzten nach einer Auseinandersetzung mit den Ărzten des Parkland-Hospitals durch, dass der Leichnam an Bord der Air Force One geschafft und zur Obduktion ins Bethesda Naval Hospital nach Washington geflogen wurde. Vor dem Start des Fluges legte Lyndon B. Johnson an Bord des Flugzeuges den Amtseid als 36. PrĂ€sident der Vereinigten Staaten von Amerika ab.[8]
Unmittelbar nach dem Mord stĂŒrmten die zahlreich anwesenden SicherheitskrĂ€fte zu dem Schulbuchlager. Einige rannten auch in die entgegengesetzte Richtung zu dem GrashĂŒgel, ĂŒberstiegen den Zaun und suchten auf dem Parkplatz und dem EisenbahngelĂ€nde, das dahinter lag, nach dem Mörder. Weil es dort aber keine Möglichkeit gab, sich zu verstecken, stellten sie die Suche bald ein. Im zweiten Stock des Schulbuchlagers wurde Lee Harvey Oswald, ein fĂŒnfundzwanzigjĂ€hriger Marxist, der mehrere Jahre in der Sowjetunion gelebt hatte und seit dem 15. Oktober 1963 im Schulbuchlager jobbte, von einem Polizisten mit vorgehaltener Waffe aufgehalten. Der Manager des Lagers bezeugte aber, dass Oswald zur Belegschaft gehörte, und so konnte er das GebĂ€ude verlassen, bevor es von den SicherheitskrĂ€ften abgeriegelt wurde. Er lief mehrere Blocks zu FuĂ, fuhr dann mit einem Omnibus, der wegen des durch die Ereignisse bedingten Verkehrstaus nicht vorankam, und wechselte in ein Taxi, das ihn in der NĂ€he seines Wohnsitzes in Oak Cliff, einem Wohngebiet von Dallas, absetzte.[9]
Wenige Minuten nach dem Mord gab die Polizei eine Personenbeschreibung des mutmaĂlichen AttentĂ€ters durch, der von mehreren Zeugen am Fenster des Schulbuchlagers gesehen worden war. Gegen 13:15 Uhr sah der Polizist J. D. Tippit Oswald, der zu FuĂ unterwegs war. Weil die Beschreibung des AttentĂ€ters auf ihn zutraf, hielt er ihn an und wurde nach einem kurzen Wortwechsel von ihm mit drei SchĂŒssen aus einem Revolver der Firma Smith & Wesson, Kaliber .38, getötet. AnschlieĂend schoss Oswald dem auf dem Boden liegenden Tippit in den Kopf. Mehrere BĂŒrger beobachteten seine weitere Flucht, einige verfolgten ihn sogar und konnten die Polizei auf ein Kino aufmerksam machen, in das er sich geflĂŒchtet hatte. Das GebĂ€ude wurde umstellt, die Vorstellung unterbrochen und Oswald festgenommen. Weil er sich seiner Festnahme widersetzte, kam es zu einer Rangelei, bei der ein Polizist an der Hand und Oswald im Gesicht verletzt wurde. Weitere SchĂŒsse konnte er nicht abgeben. Vor dem Kino hatte sich ein wĂŒtender Mob von ĂŒber hundert Menschen versammelt, die Oswald lynchen wollten, in der irrigen Annahme, die Polizei hĂ€tte ihn wegen des Kennedy-Attentats und nicht wegen des Mordes an Tippit festgenommen.[10]
In der Zwischenzeit hatte die Polizei das Schulbuchdepot durchsucht. Im fĂŒnften Stock fand sie hinter Stapeln aus Buchkisten an einem Fenster ein Repetiergewehr mit Zielfernrohr, das von den SicherheitskrĂ€ften zunĂ€chst als eine Mauser beschrieben wurde. SpĂ€ter wurde erkannt, dass es sich um ein italienisches Fabrikat der Firma Mannlicher-Carcano aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs handelte. Daneben lagen drei leere PatronenhĂŒlsen. Ein Handabdruck Oswalds auf der Waffe konnte nachgewiesen werden, auch passte die Kugel, die Connallys Oberschenkel verletzt hatte, zu ihrem ballistischen Profil. Das Gewehr und den Revolver hatte Oswald in den Monaten zuvor unter dem falschen Namen Alek Hidell auf PostfĂ€cher in New Orleans und Dallas bestellt. Es war, wie sich spĂ€ter herausstellte, dieselbe Waffe, mit der er bereits am 10. April 1963 ein missglĂŒcktes Attentat auf Edwin Walker verĂŒbt hatte, einen rechtsgerichteten General a.D., der Mitglied der John Birch Society war und im Jahr zuvor vergeblich bei den texanischen Gouverneurswahlen kandidiert hatte.[11]
Oswald wurde durch das FBI und die Polizei von Dallas in deren Hauptquartier unter etwas chaotischen UmstĂ€nden vernommen. RegulĂ€re Protokolle wurden nicht angefertigt, auĂerdem hatte die Presse weitgehend freien Zutritt, denn Polizeichef Jesse Curry befĂŒrchtete, dass die Ăffentlichkeit andernfalls vermuten wĂŒrde, man habe etwas zu vertuschen.[12] Nicht nur die Beamten, auch Oswald hatte die Gelegenheit, vor der Presse zu sprechen. Hier wie auch bei den Vernehmungen stritt er jede Verwicklung in den Mord an Kennedy ab und erklĂ€rte, er solle zum âSĂŒndenbockâ (engl.: patsy) gemacht werden.
Weil zu befĂŒrchten stand, dass man bei weiterer intensiver Berichterstattung der Presse ĂŒber Oswald keine unvoreingenommenen Geschworenen mehr finden könne, die noch nichts ĂŒber den Fall wussten, wurde beschlossen, Oswald ins BezirksgefĂ€ngnis von Dallas zu ĂŒberstellen. Obwohl es bereits Morddrohungen gegen Oswald gegeben hatte, wurde der Termin mit der gleichen GroĂzĂŒgigkeit gegenĂŒber der Presse bekannt gegeben wie die ersten Verhöre. Der Transfer verzögert sich jedoch, weil das ursprĂŒnglich dafĂŒr vorgesehene Fahrzeug zu klein war, um auch die Wachen aufzunehmen. Eine weitere Verzögerung ergab sich, weil Oswald gebeten hatte, seinen Pullover mitnehmen zu können. Am 24. November 1963 um 11:21 Uhr betrat Oswald mit seinen Wachen schlieĂlich die Garage im Tiefgeschoss des Polizeihauptquartiers, fast genau gleichzeitig mit Jack Ruby, einem Nachtclubbesitzer aus Dallas mit Verbindungen zur Mafia, der wenige Augenblicke zuvor ins GebĂ€ude gelangt war. Mit den Worten: âDu hast meinen PrĂ€sidenten getötet, du Ratteâ, feuerte Ruby vor laufenden Fernsehkameras auf ihn.[13] Oswald wurde mit Bauchschuss ins Parkland Memorial Hospital gebracht, wo er kurz darauf an inneren Blutungen starb.
Jack Ruby wurde im MĂ€rz 1964 wegen Mordes zum Tode verurteilt. Er starb im Januar 1967 an einer Lungenembolie. Ruby selbst machte ĂŒber seine Motive unterschiedliche Angaben. Kurz nach seinen SchĂŒssen auf Oswald soll er nach Zeugenaussagen erklĂ€rt haben, er habe geschossen, um der von ihm verehrten Jackie Kennedy eine Zeugenaussage im Prozess zu ersparen, und weil er den Verdacht, hinter der Ermordung des PrĂ€sidenten stecke eine jĂŒdische Verschwörung, entkrĂ€ften wollte: Die hetzerische Anzeige des selbst ernannten âErmittlungsausschussesâ hatte nĂ€mlich unter anderem einen jĂŒdischen Namen getragen.[14] Ein Jahr nach seiner Verurteilung deutete Ruby in einem Fernsehinterview dagegen an, dass er selbst das Opfer einer Verschwörung sei:
âDie Welt wird niemals die wahren Tatsachen erfahren: mit anderen Worten, meine wahren Motive. [âŠ] UnglĂŒcklicherweise werden diese Leute, die so viel zu gewinnen haben und ein starkes Motiv hatten, mich in diese Lage zu bringen, in der ich bin, niemals zulassen, dass die wahren Tatsachen ans Tageslicht der Welt kommen.â[15]
Der Tod des charismatischen PrĂ€sidenten traf die amerikanische Ăffentlichkeit wie ein Schock. Als Walter Cronkite, der Nachrichtensprecher des Fernsehsenders CBS um 14.38 Uhr New Yorker Zeit landesweit den Tod des PrĂ€sidenten bekanntgab, kĂ€mpfte er mit den TrĂ€nen. Ăberall weinten Menschen in der Ăffentlichkeit, Fremde begannen auf der StraĂe miteinander zu sprechen und sich zu berĂŒhren. Kirchenglocken lĂ€uteten im ganzen Land, die Spiele im American Football, die wie an jedem Samstag ĂŒberall stattfanden, wurden abgebrochen. Das Boston Symphony Orchestra Ă€nderte mitten in einem Konzert das Programm und spielte einen Trauermarsch. Alle Theater-Vostellungen am Broadway wurden abgesagt, abends erloschen die Reklamelichter am Times Square in New York. Nur vereinzelt kam es zu Freudenbekundungen von politischen Gegnern Kennedys und Rassisten.[16] Fast jeder Zeitgenosse erinnerte sich spĂ€ter noch genau, wo er war, als er von den Ereignissen in Dallas hörte. Mehr als die HĂ€lfte der Bevölkerung litt an physischen Trauersymptomen wie Appetit- oder Schlafmangel, NervositĂ€t oder Ăbelkeit.[17]
Im Ausland Ă€uĂerten Politiker ihre tiefe Betroffenheit. Winston Churchill sprach von einem unbezifferbaren Verlust fĂŒr die USA und die Welt, der PrĂ€sident von Venezuela, RĂłmulo Betancourt, musste wegen eines Weinkrampfs eine Pressekonferenz abbrechen. In Chile und Brasilien wurde eine mehrtĂ€gige Staatstrauer ausgerufen. Menschenscharen strömten zu den amerikanischen Botschaften, um sich in das Kondolenzbuch einzutragen. Besonders groĂ war die Trauer in West-Berlin: Am 25. November strömten 250.000 Menschen zum Rathaus Schöneberg, auf den Platz, wo Kennedy wenige Monate zuvor seine groĂe Rede gehalten hatte.[18] Der Regierende BĂŒrgermeister Willy Brandt sagte:
âEine Flamme ist erloschen fĂŒr alle Menschen, die auf einen gerechten Frieden und auf ein besseres Leben hoffen. Die Welt ist an diesem Abend sehr viel Ă€rmer geworden.â[19]
Eine noch im November 1963 durchgefĂŒhrte Studie ergab, dass die Bevölkerung der USA vor allem MitgefĂŒhl fĂŒr die Witwe und die Kinder fĂŒhlte, beklagte, dass ein junger, dynamischer Politiker auf der Höhe seiner Macht ermordet worden war, und groĂe Scham darĂŒber empfand, dass âso etwas in unserem Land geschehenâ konnte. Als relativ unbedeutend folgten mit Abstand die Bewertung der politischen Auswirkungen im Inland und auf die Beziehungen zum Ausland; man hatte Vertrauen in die neue Regierung.[20] Besonders hervorgehoben wurde, dass die Bevölkerung sich im GroĂen und Ganzen rasch wieder fasste. Dies wurde vor allem auf die Tatsache zurĂŒckgefĂŒhrt, dass etwa 90% einen Fernseher besaĂen und tagelang fast ununterbrochen am Geschehen nach dem Attentat sowie an den gut organisierten und beeindruckenden BegrĂ€bnisfeierlichkeiten gleichsam teilnehmen konnten, was es ihnen ermöglichte, sich in einem mehrere Tage wĂ€hrenden Prozess innerlich von Kennedy zu verabschieden.[21]
Die Umfragen ergaben auch, dass zunĂ€chst nur 29% der Amerikaner an die AlleintĂ€terschaft Oswalds glaubten.[22] Die Mainstream-Presse vertrat groĂenteils die AlleintĂ€tertheorie. In Leserbriefen und vereinzelt auch in Leitartikeln wurde diese Vorverurteilung Oswalds kritisiert.[23] Die Zweifel beruhten auf den zum Teil irrigen und widersprĂŒchlichen Presseberichten der hektischen ersten Tage, den Verlautbarungen der Ărzte des Parkland-Hospitals, die auf einer Pressekonferenz von einer Einschusswunde in der Kehle sprachen, und auf der Ermordung Rubys, die den Verdacht erregte, Oswald hĂ€tte mundtot gemacht werden sollen[24]
Die Zweifel an der AlleintĂ€terthese kamen zunĂ€chst angeblich vor allem aus Europa: In Frankreich erschien eine Artikelserie in der Zeitschrift LâExpress, in Deutschland erschienen Ă€hnliche Artikel in der Berliner Morgenpost und in der Welt.[25] Im Juni 1964 bildete sich in GroĂbritannien ein Who Killed Kennedy Committee, dem prominente Linksintellektuelle wie der Philosoph Bertrand Russell, der Verleger Victor Gollancz und der Historiker Hugh Trevor-Roper angehörten. Das Komitee stĂŒtzte sich vor allem auf einen Fragenkatalog, den der amerikanische Anwalt Mark Lane am 19. Dezember 1963 in der kleinen, linksradikalen New Yorker Wochenzeitung National Guardian veröffentlicht hatte (keine andere Zeitung fand sich zum Abdruck bereit). Darin fragte er unter anderem: Wie hatte der PrĂ€sident von einem schlechten SchĂŒtzen mit einem billigen und defekten Gewehr erschossen werden können? Warum fanden Ermittler vier PatronenhĂŒlsen, wenn nur drei SchĂŒsse abgefeuert wurden? Wie konnte Kennedy hinterrĂŒcks von vorn erschossen worden sein?[26][27]
Der Mord an Kennedy wurde als historische ZĂ€sur empfunden. Nach 1963 begannen sich die negativen Seiten der amerikanischen Politik immer deutlicher zu zeigen, beginnend mit den Rassenunruhen ĂŒber die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy, den Vietnamkrieg bis hin zur Watergate-AffĂ€re. In kontrafaktischer Spekulation wurde vielfach der Schluss gezogen, dass diese unerfreulichen Entwicklungen hĂ€tten vermieden werden können, wenn Kennedy nicht ermordet worden wĂ€re.[28] Auch Oliver Stone ging in seinem Film JFK - Tatort Dallas davon aus, dass Kennedy den Vietnam-Krieg verhindert hĂ€tte, wenn er nicht ermordet worden wĂ€re.[29][30]
Es entstand ein Kennedy-Mythos, der den PrĂ€sidenten zu einer Heilsgestalt vergröĂerte.[31] Hierzu habe auch seine Witwe beigetragen, die in einem Interview das Leben und Regieren ihres Mannes mit Camelot umschrieb, dem mythischen Schloss von König Artus und seiner Tafelrunde. Dadurch sei das Attentat nachgerade als Königsmord, als schweres Sakrileg erschienen.[32] Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2003 wurde Kennedy als gröĂter amerikanischer PrĂ€sident neben Abraham Lincoln[33] betrachtet. Umso mehr sei mit der Zeit das dringende BedĂŒrfnis gestiegen, fĂŒr dieses als traumatisch empfundene Ereignis eine Ursache von entsprechender GröĂe namhaft machen zu können. Jackie Kennedy sei es bereits als eine unbefriedigende ErklĂ€rung erschienen, dass lediglich ein âdummer, kleiner Kommunistâ ihren Mann ermordet haben könnte: âEr hatte noch nicht einmal die Befriedigung, wegen der BĂŒrgerrechte ermordet zu werden.â[34] Der im September 1964 vorgelegte Bericht der staatlichen Untersuchungskommission lieferte kein plausibles Tatmotiv des angeblichen EinzeltĂ€ters Oswald. Der Berliner Historiker Knud Krakau glaubt daher, dass das verbreitete Verlangen nach einer â»heilenden« ErklĂ€rungâ, das durch die offizielle ErklĂ€rung nicht befriedigt worden sei, sich seine eigenen Entlastungsmechanismen geschaffen habe, indem es Verschwörungstheorien produzierte:âIn immer wildere, verzweigtere, verschlungenere Richtungen gehend, lieferten sie die verlangten »ErklĂ€rungen«. Dieses BedĂŒrfnis traf auf einen gut funktionierenden Marktmechanismus. So entstand eine blĂŒhende Verschwörungstheorienindustrie.â[35]
Die Zeitschrift âEsquireâ hatte (1966/67) sechzig verschiedene Verschwörungs- und Mordvarianten aufgelistet.[36]
Als die Staatsanwaltschaft von Dallas am Tag der Tat bekannt gab, Oswald habe den PrĂ€sidenten erschossen, begann die CIA sofort mit einer ĂberprĂŒfung ihrer Erkenntnisse ĂŒber den VerdĂ€chtigen, der 1959 die sowjetische StaatsbĂŒrgerschaft angenommen hatte, 1962 repatriiert worden war und kĂŒrzlich beim Betreten der kubanischen und sowjetischen Botschaften in Mexiko beobachtet worden sein sollte. Kompetenzstreitigkeiten behinderten die Ermittlungen, dem ursprĂŒnglichen Leiter des 30-köpfigen CIA-Ermittlerteams John Moss Whitten wurde die Untersuchung durch den Chef der Gegenspionageabteilung James Jesus Angleton aus der Hand genommen. Der anfĂ€ngliche Verdacht, Oswald sei ein KGB-Agent, erhĂ€rtete sich nicht.
Nach dem Attentat auf Kennedy schaltet sich das FBI in die Ermittlungen der Polizei von Dallas ein. Am 24. November 1963, wenige Stunden nachdem Oswald erschossen worden war, verlangte FBI-Direktor J. Edgar Hoover etwas, âdas die Ăffentlichkeit davon ĂŒberzeugt, dass Oswald der wahre AttentĂ€terâ sei.[37] Am 9. Dezember 1963, nur 17 Tage nach dem Attentat, wurde der FBI-Bericht veröffentlicht und der Warren-Kommission ĂŒbergeben. Darin wurde festgestellt, dass drei SchĂŒsse abgefeuert worden seien. Die Warren-Kommission akzeptierte dies, wich jedoch in ihrer Version bezĂŒglich der Frage, welche Kugeln Kennedy bzw. Connally getroffen hatten, ab.[37]
Die Ermittlungsergebnisse des FBI wurden vom House Select Committee on Assassinations (HSCA) 1979 ĂŒberprĂŒft. Das Komitee kam zu dem Schluss, dass das FBI das Vorleben und die TĂ€terschaft Oswalds adĂ€quat ermittelt, die Ermittlungsergebnisse den zustĂ€ndigen Stellen jedoch nur unzureichend weitergegeben und die Möglichkeit einer Verschwörung nicht sachgerecht verfolgt habe.[37]
Die Warren-Kommission (offizieller Name: Kommission des PrĂ€sidenten ĂŒber die Ermordung von PrĂ€sident Kennedy) wurde von Kennedys Amtsnachfolger Johnson am 29. November 1963 einberufen, um die UmstĂ€nde des Attentats zu untersuchen. Sie ist nach ihrem Vorsitzenden Earl Warren benannt, der damals Oberster Richter am Supreme Court war.
Die Kommission umfasste neben Warren sechs Mitglieder:
Nach zehnmonatiger Arbeit, die sich auf die Ermittlungsergebnisse der Polizei von Dallas und des FBI stĂŒtzte, wurde im September 1964 das Ergebnis zunĂ€chst den Medien mitgeteilt, danach erfolgte die Veröffentlichung des ĂŒber 850 Seiten starken Abschlussberichts, des so genannten Warren-Reports (offiziell: Report of the President's Commission on the Assassination of President John F. Kennedy), und einige Zeit darauf erschienen die 26 BĂ€nde mit Anhörungsprotokollen und Beweismaterial. Mehr als 600 Zeugen waren befragt, etwa 3.000 BeweisstĂŒcke sichergestellt worden.
Der Warren-Report kam zu dem Ergebnis, dass Oswald der alleinige TĂ€ter war und es keine Verschwörung gegeben habe. Oswald habe drei SchĂŒsse aus dem fĂŒnften Stock des Schulbuchdepots auf die PrĂ€sidentenlimousine abgegeben und John F. Kennedy getötet. AuĂerdem sei er fĂŒr den Tod des Streifenpolizisten Tippit verantwortlich. Am Morgen des 22. November habe er seine Arbeit um 8:00 Uhr im Schulbuchlager aufgenommen und eine lĂ€ngliche braune TĂŒte dabeigehabt, in der er angeblich Gardinenstangen transportiert habe. Oswald sei nach dem Attentat unter anderem dadurch aufgefallen, dass er bereits nach drei Minuten den Tatort verlassen habe. Auch habe es keines MeisterschĂŒtzen bedurft, um innerhalb von 4,8 bis maximal sieben Sekunden drei SchĂŒsse durch eine Baumgruppe hindurch auf ein fahrendes Ziel abzugeben. Der erste Schuss sei fehlgegangen, der zweite habe Kennedys Halswunde und sĂ€mtliche Verletzungen des vor ihm sitzenden Connally verursacht, der dritte sei der tödliche Kopftreffer gewesen. Hinter der Ermordung Oswalds konnte die Kommission ebenfalls keine Verschwörung erkennen, Ruby habe spontan und allein gehandelt. DarĂŒber hinaus kritisierte der Warren-Bericht die offenkundigen Schwachstellen im Personenschutz des PrĂ€sidenten, was in der Folge zu dessen deutlicher Verbesserung fĂŒhrte.
Der Warren-Report lieĂ viele Zeitgenossen unbefriedigt. Vor allem die Geschichte der von Kritikern so genannten âmagischen Kugelâ (engl.: magic bullet), die zu sieben Verletzungen an Kennedy und Connally gefĂŒhrt haben soll, ohne dabei nennenswert verformt worden zu sein, stieĂ auf verbreiteten Unglauben. Es wurde auch bald bekannt, dass die Kommission Indizien, die auf mehr als nur einen TĂ€ter deuteten, gar nicht nĂ€her verfolgt hatte. Warren war von PrĂ€sident Johnson, der an eine kubanische Verschwörung gegen Kennedy glaubte, angewiesen worden, lediglich die AlleintĂ€terschaft Oswalds zu belegen. WĂŒrde diese Verschwörung publik, könne ein Krieg unvermeidlich werden: âWenn gewisse GerĂŒchte nicht zum Verstummen gebracht werden, könnten sie die Vereinigten Staaten in einen Krieg hineinziehen, der das Leben von vierzig Millionen kosten könnteâ, soll der PrĂ€sident zu Warren gesagt haben. Und kurz vor seinem Tod Ă€uĂerte er gegenĂŒber dem Journalisten Howard K. Smith: âKennedy versuchte, Castro zu erwischen, aber Castro erwischte ihn zuerstâ.[38]
In den zahlreichen Verschwörungstheorien, die auf Grund dieser Einseitigkeiten der Warren-Kommission rasch um sich griffen, wurde auch die persönliche IntegritÀt der Kommissionsmitglieder und des PrÀsidenten Lyndon B. Johnson selbst öffentlich in Zweifel gezogen. Daraufhin gab die CIA im Januar 1967 Hinweise zum Umgang mit der Kritik am Warren-Report an ihre Mitarbeiter mit dem Ziel, die um sich greifenden Verschwörungstheorien zu diskreditieren und zu widerlegen.[39] Heute ist die Ansicht weit verbreitet, dass die Kommission keine unvoreingenommene und ergebnisoffene Untersuchung des Falles leistete. Die Möglichkeit, dass es auch andere TÀter gegeben habe oder Oswald unschuldig sein könnte, zog die Kommission nicht in Betracht.[40]
Ausgehend von diesen Unstimmigkeiten strengte der Staatsanwalt Jim Garrison aus New Orleans im MĂ€rz 1967 eine gerichtliche Untersuchung an, mit der er nachweisen wollte, dass das Kennedy-Attentat Ergebnis einer Verschwörung der CIA gewesen sei, in der Oswald, der Pilot David Ferrie, bei dem Oswald in seiner Jugend eine vormilitĂ€rische Ausbildung absolviert hatte, und Clay Shaw verwickelt seien, ein undurchsichtiger GeschĂ€ftsmann, von dem er â wie sich 1979 herausstellte, zu Recht â vermutete, er arbeite fĂŒr die CIA. Garrison lieĂ Shaw verhaften und brachte im Prozess zahlreiche Indizien vor, die gegen die AlleintĂ€terschaft Oswalds sprachen. Eine Reihe der von Garrison gesammelten Indizien lieĂen die Vermutung zu, Oswald sei indirekt im Auftrag der CIA tĂ€tig gewesen, in einer inoffiziellen Gruppe, der auch sein Mörder Ruby angehörte.
Er fĂŒhrte zum Beispiel zum ersten Mal öffentlich den Zapruder-Film vor, der zwar der Warren-Kommission vorgelegen hatte, der Ăffentlichkeit aber nur in einigen Einzelbildern bekannt war, die die Zeitschrift LIFE veröffentlicht hatte. Im Film sieht man, dass Kennedys Kopf beim tödlichen Schuss nach hinten zu fliegen scheint, obwohl der angebliche SchĂŒtze doch hinter ihm im Schulbuchdepot und nicht vor ihm auf dem GrashĂŒgel gesessen haben soll. Auch stellte Garrison die âTheorie der magischen Kugelâ der Warren-Kommission als völlig unglaubwĂŒrdig hin. Mehrere Zeugen sagten aus, Oswald zusammen mit Shaw oder Ferrie gesehen zu haben oder gar gehört zu haben, wie sie bei einer Party ĂŒber den geplanten Mord sprachen.
Garrisons Argumentation brach jedoch zusammen, weil Ferrie am 22. Februar 1967 an einem geplatzten Hirn-Aneurysma verstorben war und bekannt wurde, dass der zweite Hauptzeuge seine Aussagen unter Einfluss von Hypnose und dem Schlafmittel Thiopental gemacht hatte. Innerhalb nur einer Stunde kamen die Geschworenen am 29. Januar 1969 zu dem einstimmigen Ergebnis, dass Shaw unschuldig war, was der amerikanische Publizist Gerald Posner als Garrisons âFiaskoâ bezeichnete.[41]
Auf Garrisons Ermittlungen und dem Prozess basiert Oliver Stones Film JFK â Tatort Dallas.
1968 befasste sich ein Ausschuss unter dem Vorsitz des damaligen Justizministers Ramsey Clark mit den medizinischen Befunden des toten PrĂ€sidenten. Der Ausschuss kam zu dem Ergebnis, dass Aufbewahrung und Herkunft der ihm vorgelegten BeweisstĂŒcke nicht immer lĂŒckenlos dokumentiert waren, bestĂ€tigte aber dennoch auf ihrer Grundlage die Ergebnisse der Warren-Kommission, wonach Kennedy von zwei Kugeln getötet wurde, die von einem hinter und oberhalb von ihm gelegenen Standpunkt aus abgefeuert worden sein mussten.[42]
Das Church-Komitee des US-Senats untersuchte 1975 nach dem Watergate-Skandal im Rahmen der Untersuchung illegaler Informationsbeschaffung von CIA und FBI auch deren Verhalten beim Kennedy-Attentat. Es kam zu dem Schluss, dass das FBI, die primĂ€re Ermittlungsbehörde des Kennedy-Attentats, von Direktor Hoover und ungenannten âhöheren Regierungsbeamtenâ genötigt wurden, die Ermittlungen in aller Eile durchzufĂŒhren.[43]
Der Church-Bericht wies darauf hin, dass hochrangige Mitglieder beider Behörden möglicherweise vorsÀtzlich entschieden, potentiell wichtige Informationen nicht offenzulegen.[44]
Weil die Verschwörungstheorien ĂŒber MordanschlĂ€ge gegen Kennedy, seinen Bruder Robert und gegen Martin Luther King nicht zum Schweigen gebracht worden waren, wurde 1976 ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des ReprĂ€sentantenhauses mit weiteren Nachforschungen betraut, das House Select Committee on Assassinations (HSCA). Nach dreijĂ€hriger Arbeit legte es 1979 einen Bericht vor, der die Ermittlungen des FBI und den auf ihnen basierenden Warren-Report als âgrob fehlerhaftâ (engl.: seriously flawed) kritisierte.[45] Als Ursache fĂŒr diese Fehler benannte der Bericht die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Geheimdienste sowie âZeitdruck und der Wunsch der nationalen FĂŒhrer, die BefĂŒrchtungen der Ăffentlichkeit zu beschwichtigen, es habe eine Verschwörung gegebenâ.
Das Komitee bestĂ€tigte zwar die Ergebnisse der Warren-Kommission, wonach Oswald dreimal auf Kennedy geschossen und ihn mit dem dritten Schuss getötet habe. Es erklĂ€rte es aber fĂŒr hoch wahrscheinlich, dass es noch einen weiteren, unidentifizierten SchĂŒtzen gegeben habe, der einen vierten Schuss vom GrashĂŒgel an der Dealey Plaza abgegeben, aber daneben geschossen habe. Hinter dem Kennedy-Attentat stecke also eine âVerschwörungâ (das englische Wort conspiracy ist in diesem Zusammenhang gleichbedeutend mit der kriminellen Vereinigung des deutschen Strafrechts). Die Komitee-Mitglieder konnten aber nicht angeben, wer darin verwickelt war. Auf Grundlage der ihnen vorliegenden Indizien kamen sie zu dem Schluss, dass weder die sowjetische noch die kubanische Regierung noch das FBI in den Mord verwickelt waren. Eine Verwicklung der Mafia oder von Castro-feindlichen Exilkubanern sei allerdings nicht auszuschlieĂen.
Grundlage fĂŒr die Annahme eines zweiten SchĂŒtzen waren Aufzeichnungen des Funkkontaktes eines Motorradpolizisten in Kennedys Eskorte mit einer Polizeistation, die mit einem DictaBelt-Kunststoffband gemacht worden waren. Auf der Aufzeichnung sind keine unmittelbaren SchĂŒsse zu hören, die Ermittler verglichen vielmehr die Impulsmuster der Aufzeichnung mit solchen, die mit einem typgleichen Gewehr gemacht worden waren, und kamen zu dem Schluss, dass mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein vierter Schuss zu hören sei.
Im August 1992 fĂŒhrte die American Bar Association, eine Vereinigung von amerikanischen RechtsanwĂ€lten, Richtern und Jura-Studenten einen âmock trialâ (Quasi-Prozess) gegen Oswald durch. Ein echtes Strafverfahren hatte wegen der Ermordung Oswalds nicht stattfinden können. Der Prozess dauerte zwei Tage und kam zu keinem klaren Ergebnis. Innerhalb der Jury gab es zwar mit sieben zu fĂŒnf Stimmen eine Mehrheit dafĂŒr, dass Oswald des Mordes an PrĂ€sident Kennedy schuldig war; da jedoch die amerikanische Gerichtsverfassung fĂŒr Strafprozesse Einstimmigkeit unter den Geschworenen verlangt, hĂ€tte dies Ergebnis in einem echten Prozess einen Freispruch bedeutet. Alle sieben Richter, die an dem mock trial teilgenommen oder ihn beobachtet hatten, gaben an, sie hĂ€tten Oswald fĂŒr schuldig befunden.[46]
Im Herbst 1964 hatte PrĂ€sident Johnson angeordnet, dass die Akten der Warren-Kommission fĂŒr 75 Jahre (d. h. bis 2039) gesperrt werden sollten. 1992 beschloss dagegen der Kongress, wohl im Zusammenhang mit den zahlreichen Verschwörungstheorien, die nach Oliver Stones Verfilmung des Garrison-Prozesses vermehrt aufkamen und sich gerade an der Geheimhaltung dieser Akten stieĂen, ein Gesetz, wonach alle Akten mit Bezug auf das Attentat auf Kennedy spĂ€testens 2017 der Ăffentlichkeit zugĂ€nglich gemacht werden mĂŒssen. Bis 1998 sammelte und veröffentlichte ein âAusschuss zur Sichtung der Morddokumenteâ (engl.: Assassination Records Review Board; kurz: ARRB) etwa 400 000 Blatt Dokumente. Ein Gutteil der Akten vor allem des HSCA, der Polizeibehörden, der Geheimdienste und des MilitĂ€rs gelten aber weiterhin als geheim und bleiben fĂŒr die Ăffentlichkeit gesperrt. Das ARRB, dessen Aufgabe lediglich die ZugĂ€nglichmachung der Akten war, fĂŒhrte dennoch mehrere Untersuchungen durch und kritisierte in einem Bericht Ă€hnlich wie der Clark-Ausschuss vor allem den schlampigen Umgang mit Dokumenten und BeweisstĂŒcken aus der Obduktion des PrĂ€sidenten, die als regelrechte âTragödieâ bezeichnet wurde.
An der offiziellen Darstellung des Mordes an Kennedy, an der AlleintĂ€terschaft Oswalds, an dessen Motiven sowie an den Motiven von dessen Mörder Ruby wurden immer wieder Zweifel geĂ€uĂert. Daraus wurden auch eine Reihe von Theorien entwickelt, wie eine Verschwörung aufgebaut und motiviert gewesen sein könnte.
In den Ermittlungen kamen wenig Zweifel auf, dass Oswald auf den PrĂ€sidenten geschossen hatte, um ihn zu töten. Intensiv verfolgt wurde dagegen die Frage, ob er allein handelte oder ob weitere SchĂŒtzen beteiligt waren.
Zeugenaussagen und Indizien, die auf das Vorhandensein mindestens eines weiteren SchĂŒtzen hindeuten:
Trotz zahlreicher Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung werden auch zahlreiche Argumente genannt, die die Zweifel entkrĂ€ften oder plausible GrĂŒnde fĂŒr die MerkwĂŒrdigkeiten finden:[56]
Wer wirklich hinter der Verschwörung gegen Kennedy steckte, wenn es denn eine gab, ist auch unter den Kritikern der AlleintÀterthese umstritten.
Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson wird von verschiedenen Autoren nachgesagt, hinter dem Attentat zu stecken, da er von Kennedys Tod profitierte: Er wurde nun selbst PrĂ€sident. Zuletzt verbreitete diese These der Rechtsanwalt Barr McClellan in einem 2003 erschienenen Buch. Dabei stĂŒtzt er sich unter anderem auf Angaben von Evelyn Lincoln, der persönlichen SekretĂ€rin Kennedys. Danach habe Kennedy ihr drei Tage vor seiner Ermordung mitgeteilt, dass er Johnson als VizeprĂ€sident ablösen wolle.[67] Nach Ted Sorenson, Kennedys Sonderassistent, hat Kennedy die Wahl Johnsons als VizeprĂ€sidenten aber nie bereut.[68] McClellan fĂŒhrt auch die Aussagen von Madeleine Duncan Brown an, einer Texanerin, die behauptet, von 1949 bis 1969 Johnsons Geliebte gewesen zu sein. Auf einer Party am 21. November 1963 habe Johnson zu ihr gesagt: âAfter tomorrow those goddamn Kennedys will never embarrass me again. Thatâs no threat â thatâs a promise.â - Ăbermorgen werden mich diese gottverdammten Kennedys nie wieder in Verlegenheit bringen. Das ist keine Drohung - das ist ein Versprechen.)[69]
Weder fĂŒr diese Aussage noch fĂŒr ihr LiebesverhĂ€ltnis mit Johnson gibt es weitere Quellen. McLellan verbreitete seinen Verdacht auch in der Fernsehsendung The Guilty Men, (Teil 9 der Reihe The Men Who Killed Kennedy), die der History Channel am 18. November 2003 ausstrahlte. Daraufhin protestierten die ehemaligen PrĂ€sidenten Gerald Ford und Jimmy Carter sowie einige ehemalige Mitarbeiter. Der Sender lieĂ McClellans Angaben ĂŒberprĂŒfen und veröffentlichte das Ergebnnis am 2. April 2004 in einer Pressemitteilung, die die Behauptungen, Johnson sei in den Kennedy-Mord verwickelt, fĂŒr unbegrĂŒndet erklĂ€rte, und sich bei Johnsons Witwe Lady Bird Johnson fĂŒr die Ausstrahlung entschuldigte.[70]
Einige Theoretiker behaupten, ein unindentifizierter Fingerabdruck, der auf einem Pappkarton im fĂŒnften Stockwerk des Schulbuchdepots gefunden wurde, habe zu einem Mann namens Malcom Wallace gehört, einem verurteilten Mörder, den Johnson gekannt haben soll. Im Jahre 1998 unterschrieb der Fingerabdruck-Experte A. Nathan Darby eine beglaubigte ErklĂ€rung, in der eine 14-Punkt-Ăbereinstimmung in den AbdrĂŒcken festgestellt wurde. Allerdings wurde eine solche Ăbereinstimmung nicht von FBI-Experten oder unabhĂ€ngigen Untersuchern festgestellt.[71]
Der so genannte militĂ€risch-industrielle Komplex der USA, der sich angeblich auf eine Eskalation des Vietnamkrieges vorbereitete, nachdem sich Frankreich 1954 aus Indochina zurĂŒckgezogen hatte, soll gewusst haben, dass Kennedy bereits einen RĂŒckzugsplan ab dem Jahr 1965 erwog. ZusĂ€tzlich habe es starke VerĂ€rgerung im amerikanischen MilitĂ€r- und Geheimdienstapparat ĂŒber den Umstand gegeben, dass Kennedy keine offene MilitĂ€runterstĂŒtzung fĂŒr das Scheitern der Schweinebucht-Invasion auf Kuba gewĂ€hrt hatte, die von der CIA mit organisiert worden war. Im Gegenteil hatten die USA im Rahmen der Kuba-Krise der Sowjetunion zugesagt, von weiteren Versuchen der Invasion Kubas abzusehen. Vor dem gestiegenen Einfluss des militĂ€risch-industriellen Komplexes in den USA hatte bereits Kennedys VorgĂ€nger Dwight D. Eisenhower gewarnt.
In fast allen Verschwörungstheorien um die Ermordung Kennedys wird die Central Intelligence Agency (CIA) genannt. WĂ€hrend der 1960er und 1970er Jahre waren GerĂŒchte aufgekommen, dass die CIA an Planungen zur Ausschaltung auslĂ€ndischer Staatschefs beteiligt gewesen sein solle. Wenn auslĂ€ndische Staatschefs Gegenstand von Mordkomplotten waren, so könne sich, meinten die Verschwörungstheoretiker, auch ein Komplott gegen die eigene Regierung gewendet haben. GrĂŒnde, Kennedy zu beseitigen, habe die CIA genug gehabt. Dessen Drohung nach dem Schweinebucht-Fiasko, er werde die CIA âin tausend StĂŒcke zerschlagenâ, wird als Hauptgrund fĂŒr eine Gegnerschaft gesehen. SpĂ€tere Versuche, die Macht der Agency einzuschrĂ€nken, waren am Widerstand der BĂŒrokratie gescheitert.[72]
Ein nahe liegender Gegenstand fĂŒr Verschwörungsspekulationen waren die Mafia und verwandte Kreise des organisierten Verbrechens. Das Attentat könnte in dieser Perspektive eine VergeltungsmaĂnahme fĂŒr eine steigende Zahl von Razzien gewesen sein. Dokumente, die die Warren-Kommission nie zu Gesicht bekommen habe, hĂ€tten aufgedeckt, dass die Mafia unter dem CIA-Decknamen Operation Mongoose eng mit der Agency bei verschiedenen Anschlagsversuchen auf Castro zusammengearbeitet habe. Hintergrund sei eine Interessenskonvergenz. Kennedy wollte Castro aus politischen GrĂŒnden beseitigen, die Mafia wollte ihre Milliardenverluste kompensieren, die dadurch entstanden waren, dass Castro 1959 die Drogeninfrastruktur der Mafia beschlagnahmt hatte.[73] Angeblich soll die Mafia J. Edgar Hoover, den langjĂ€hrigen Direktor des FBIs, erpresst haben, weil dieser homosexuell gewesen sei. Zudem habe Hoover selbst mehrfach seine Verachtung fĂŒr die Kennedys zum Ausdruck gebracht. Aus diesen GrĂŒnden habe er auch bei der Verschleierung der wahren HintergrĂŒnde geholfen.
Es ist dokumentiert, dass Hoover, bevor Kennedy PrĂ€sident wurde, die Existenz der Mafia in den USA nicht anerkennen wollte. Als Kennedy PrĂ€sident wurde, verelffachten sich die Anklagen gegen die Mafia unter dem von Robert F. Kennedy gefĂŒhrten Justizministerium, zu der auch das FBI gehört. Nach der Ermordung von Kennedy fiel die Rate der Anklagen wieder auf das MaĂ vor der Wahl von Kennedy zurĂŒck.
Hoover bewegte sich auf die damals bestehende Altersgrenze fĂŒr sein Amt zu. Er wollte sich jedoch keineswegs zurĂŒckziehen. 1964, einige Tage vor seiner Aussage in der Warren-Commission, wurde er von Kennedys Nachfolger zum FBI-Direktor auf Lebenszeit ernannt. Eine Entscheidung, die laut Gesetz jedes Jahr vom PrĂ€sidenten bestĂ€tigt werden musste. Seit Hoovers Tod im Mai 1972 ist die Amtszeit des FBI-Direktors per Gesetz auf 10 Jahre begrenzt. Nach seinem Tod wurden Hoovers Akten von seiner SekretĂ€rin vernichtet.
Nach einigen Verschwörungstheoretikern habe Fidel Castro Kennedy ermorden lassen, als Vergeltung fĂŒr die zahlreichen Mordversuche, die CIA und Mafia gemeinsam gegen seine Person zu verantworten hĂ€tten. Im September 1963 warnte Castro öffentlich, dass fĂŒhrende Politiker der USA nicht sicher wĂŒrden leben können, wenn sie glaubten, ihn töten lassen zu können. Am 22. November soll ein CIA-Agent beauftragt worden sein, Castro mit einer vergifteten FĂŒllfederhalterwaffe zu ermorden. Allerdings hatten John und Robert Kennedy der CIA 1962 befohlen, keine weiteren MordanschlĂ€ge auf Castro mehr zu versuchen. Seit der zweiten JahreshĂ€lfte 1963 hatte Kennedy ĂŒber HintergrundkanĂ€le Castro angeboten, die diplomatischen und auch die Handels-Beziehungen zwischen den USA und Kuba zu normalisieren. Die CIA habe diese Anweisung allerdings ignoriert, ohne dass der PrĂ€sident oder sein Bruder davon wussten.
2006 wurde der deutsche Dokumentarfilm âRendezvous mit dem Todâ veröffentlicht. Der Journalist Wilfried Huismann erhob darin den Anspruch zu beweisen, Oswald selbst habe sich bei seiner Mexiko-Reise im September 1963 freiwillig in der kubanischen Botschaft dafĂŒr gemeldet, Kennedy umzubringen. DafĂŒr seien ihm 6.500 US-$ gegeben worden. Der Film erklĂ€rt weiterhin, die US-Regierung habe diese Spur absichtlich nicht weiter verfolgt, um keinen Krieg heraufzubeschwören, wie ihn ein GroĂteil der Ăffentlichkeit bei Bekanntwerden eines kubanischen Attentats mit Sicherheit gefordert hĂ€tte. In den deutschen Medien wurde Huismanns These jedoch mit erheblicher Skepsis aufgenommen, unter anderem, weil die angebliche Ăbergabe des Mordlohns in der kubanischen Botschaft in Mexiko-Stadt stattgefunden haben soll, die aber, wie die Kubaner sehr wohl wussten, von den Amerikanern abgehört wurde.[74] AuĂerdem fand die Reise Oswalds erst vier Tage nach dem angeblichen Treffen statt.
TĂ€terschaft und HintergrĂŒnde des Kennedy-Attentats sind bis heute umstritten. Umfragen zeigen, dass eine groĂe Mehrheit der Amerikaner nicht an eine AlleintĂ€terschaft Oswalds glaubt.[75] Nach einer Gallup-Umfrage aus dem Jahr 2003 kommen fĂŒr diejenigen, die glauben, dass eine Verschwörung hinter dem Attentat steckt, Kuba oder die Sowjetunion am wenigsten als Drahtzieher des Attentats in Betracht (jeweils 15 %); als verdĂ€chtig gelten an erster Stelle die Mafia (37 %), an zweiter Stelle die CIA (34 %), an dritter Stelle Kennedys Nachfolger Johnson (18 %).[76]
Die Zahl der Buchveröffentlichungen zum Kennedy-Mord, die die offizielle Version anzweifeln, wird heute auf der Grundlage einer Spezialbibliographie auf mehrere tausend geschÀtzt.[77][78] Von wenigen Ausnahmen abgesehen,[79] stammen sie aber allesamt nicht von ausgebildeten Historikern. Der britische Historiker Peter Knight schreibt in seiner Geschichte der Darstellungsweisen des Attentats:
âAkademische Historiker und Kennedy-Biographen weisen einen auffallenden Mangel an Konzentration auf die spezifischen Einzelheiten des Attentats auf ⊠Seit den 1960er Jahren ist die ReprĂ€sentation des Kennedy-Mordes ein Feld entweder von Darstellungen ĂŒber Verschwörungen geworden, die von nichtprofessionellen Geschichtsschreibern ohne Verankerung im Establishment stammen, oder von Romanciers, KĂŒnstlern und Filmemachern. Jedoch haben Mainstream-Journalisten und Biographien sowie Geschichtswerke implizit Licht auf das Attentat geworfen, als die Diskussionen ĂŒber Kennedys Tod sich auch in Debatten ĂŒber das Erbe seiner Regierung und das Jahrzehnt, das er reprĂ€sentierte, ergingen.â[80]
Die seriöse Presse verbreitet zumeist die EinzeltĂ€ter-Version.[81] In den öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland kommen in den letzten Jahren auch Stimmen zu Wort, die die AlleintĂ€terschaft Oswalds bezweifeln.[82] Auch die meisten historischen oder politikwissenschaftlichen Darstellungen ĂŒber Leben und Politik Kennedys folgen, sofern sie auf Kennedys Tod ĂŒberhaupt eingehen, der AlleintĂ€terthese. Der Berliner Geschichtsprofessor Knud Krakau schĂ€tzt:
âDie Historiographie und seriöse Publizistik neigen im Ergebnis dazu, die AlleintĂ€terschaft Oswalds anzunehmen â und sei es auch nur, weil alle Alternativen noch weniger ĂŒberzeugen.â[83]
32.7791666667-96.8080555556Koordinaten: 32° 46âČ 45âł N, 96° 48âČ 29âł W