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Augustinus von Hippo, auch: Augustinus von Thagaste, Augustin oder (allerdings nicht korrekt) Aurelius Augustinus (* 13. November 354 in Tagaste, auch: Thagaste, in Numidien, heute Souk Ahras in Algerien; â 28. August 430 in Hippo Regius in Numidien, heute Annaba in Algerien) war einer der vier lateinischen Kirchenlehrer der SpĂ€tantike und ein wichtiger Philosoph an der Epochenschwelle zwischen Antike und Mittelalter. Er war zunĂ€chst Rhetor in Thagaste, Karthago, Rom und Mailand. ZunĂ€chst Heide lieĂ er sich 387 taufen; von 395 bis zu seinem Tod war er Bischof von Hippo Regius.
Augustinus hat viele theologische Schriften verfasst, die zu einem groĂen Teil erhalten sind.[1] Diese Schriften bilden fĂŒr Augustinus eine Einheit; der christliche Glaube ist ihm Grundlage der Erkenntnis (crede, ut intelligas: âglaube, damit du erkennstâ). Seine âBekenntnisseâ (Confessiones) gehören zu den einflussreichsten autobiographischen Texten der Weltliteratur. Augustinus' Philosophie enthĂ€lt von Platon stammende, jedoch im christlichen Sinn modifizierte Elemente. Hierzu gehören insbesondere die Dreiteilung der Wirklichkeit in die Welt des höchsten Seins, die nur dem Geist zugĂ€nglich ist, die Geist-Seele des Menschen und die niedere Welt des Werdens, die den Sinnen zugĂ€nglich ist. Die erste Biographie des Augustinus stammt von Possidius von Calama, der ihn als SchĂŒler noch gut gekannt hat.
Als einer der einflussreichsten Theologen und Philosophen der christlichen SpĂ€tantike bzw. der Patristik hat er das Denken des Abendlandes wesentlich geprĂ€gt. In der Orthodoxen Kirche dagegen blieb er praktisch unbekannt; als seine Lehre im 14. Jahrhundert durch griechische Ăbersetzungen auch in Konstantinopel bekannt wurde, stieĂ sie auf Ablehnung, soweit sie nicht ohnehin dem Konsens anderer KirchenvĂ€ter entsprach. Seine Theologie beeinflusste die Lehre fast aller westlichen Kirchen, ob katholisch oder protestantisch. Auch die theologischen Schriften des heutigen Papstes, Benedikt XVI., sind wesentlich von seiner Lehre durchdrungen.[2]
Augustinus wird in den Westkirchen als Heiliger verehrt. Der allgemeine Gedenktag in der römisch-katholischen und den anglikanischen Kirchen ist der 28. August. In den Orthodoxen Kirchen, wo er trotz der Ablehnung mancher seiner Lehren wegen seines Lebenswandels als Seliger Augustinus benannt ist, ist sein Gedenktag der 15. Juni. Weitere besondere katholische Gedenktage sind Augustinus' Bekehrung am 5. Mai und die ĂberfĂŒhrung der Gebeine (des Augustinus) am 11. Oktober (in BrĂŒgge). Er gilt als der Vater und Schöpfer der theologischen und philosophischen Wissenschaft des christlichen Abendlandes und wird deshalb als âKirchenvaterâ bezeichnet.
Inhaltsverzeichnis |
Das 4. Jahrhundert, in dem Augustinus geboren wurde, war fĂŒr das Römische Reich eine unruhige Zeit. Kaiser Konstantin der GroĂe hatte das Christentum privilegiert und den Einfluss der traditionellen Götterkulte zurĂŒckgedrĂ€ngt (âKonstantinische Wendeâ). Konstantins Söhne, die seine Nachfolge gemeinsam im Jahr 337 antraten, mussten sich sowohl der Ă€uĂeren Bedrohung durch die Germanen und das neupersische Sassanidenreich an den Grenzen erwehren als auch im Inneren fĂŒr Ruhe sorgen. Zum Zeitpunkt von Augustinusâ Geburt regierte Constantius II., der als einziger von Konstantins Söhnen die MachtkĂ€mpfe ĂŒberlebt hatte, das Imperium. StĂ€rker als sein Vater und seine BrĂŒder hatte Constantius den Weg beschritten, die christliche Kirche in eine Reichskirche umzuwandeln. Gleichzeitig kam es zu heftigen theologischen Auseinandersetzungen, da Constantius dem sogenannten âArianismusâ (in seiner homöischen AusprĂ€gung) anhing, der besonders im Westen eher abgelehnt wurde. Am Ende hatte Constantius sein Ziel, ein einheitliches Glaubensbekenntnis fĂŒr die gesamte Reichskirche zu verabschieden, nicht erreicht.[3]
In Augustinusâ Jugendzeit fiel die kurze, aber bemerkenswerte Regierungszeit Julians (361â363), der als letzter Kaiser AnhĂ€nger des alten Götterglaubens war und vergeblich um dessen Erneuerung bemĂŒht war. Die nachfolgenden Kaiser waren alle Christen, und Theodosius I. sollte das Christentum schlieĂlich per Gesetz zur Staatsreligion erklĂ€ren (380) und die heidnischen Götterkulte verbieten (391/92).[4] Als um 375 die groĂe Völkerwanderung einsetzte, bedrĂ€ngten die von den Hunnen abgedrĂ€ngten GermanenstĂ€mme stĂ€rker als zuvor die Grenzen des Imperiums. 406/07 brach die Rheingrenze zusammen (siehe RheinĂŒbergang von 406), nun stand der Westen des Reiches den Germanen offen. An seinem Lebensende sollte Augustinus noch erleben mĂŒssen, wie die Vandalen nach Africa ĂŒbersetzten und Stadt um Stadt eroberten. Im Jahr 476 ging das Weströmische Reich endgĂŒltig unter (siehe auch SpĂ€tantike). Das römische Africa sollte bis zur âReconquistaâ durch den oströmischen Feldherrn Belisar in den 30er Jahren des 6. Jahrhunderts fĂŒr das Imperium verloren sein.[5]
Augustinus wurde 354 in der nordafrikanischen Stadt Thagaste in der römischen Provinz Numidien geboren. Die Provinz erfreute sich einer relativen Sicherheit und eines gewissen Wohlstands, auch wenn der donatistische Streit fĂŒr Unruhe sorgte.
Augustinusâ Vater Patricius, ein kleiner LandeigentĂŒmer, war Heide; erst kurz vor seinem Tod (372) trat er zum Christentum ĂŒber und lieĂ sich taufen. Die Mutter Monica[6] war Christin aus einer christlichen Berber-Familie. Sie hat Augustinus christlich erzogen, aber nicht taufen lassen â die Kindertaufe war damals noch nicht ĂŒblich, da die Vorstellung einer ErbsĂŒnde, von der die Taufe befreit, erst durch und nach Augustinus entwickelt wurde. Augustinus hatte einen Bruder, Navigius, und eine Schwester heute unbekannten Namens, die als Witwe Vorsteherin eines Frauenklosters wurde. Seine Muttersprache war das Lateinische; spĂ€ter erwarb er Grundkenntnisse des Griechischen, die er erst in spĂ€teren Jahren als Presbyter durch intensives Studium der griechischen Bibel vertiefte. Auch schien er in seiner Jugend eine Abneigung gegen griechische Autoren gehabt zu haben (vgl. Confessiones 1,13f), wobei er, wie Cicero, ihre philosophische Spitzfindigkeit bemĂ€ngelte.[7]
Augustins Vorname âAureliusâ ist zeitgenössisch oder in seinen Schriften nicht belegt. Er geht wahrscheinlich auf eine spĂ€tere Verwechslung zurĂŒck.[8]
Bis 370 besuchte Augustinus die Schule in Thagaste und die UniversitĂ€t der Nachbarstadt Madauros (heute M'Daourouch). Schon hier wurde, vor allem anhand Vergils, die Wort(-fĂŒr-Wort)-Exegese betrieben. Ab 371 studierte er Rhetorik in Karthago.[9] In seinen spĂ€teren Texten berichtet er von jugendlichen Ausschweifungen in dieser Zeit. Er ging frĂŒh eine uneheliche Verbindung ein mit einer Frau unbekannten Namens aus Karthago (Jostein Gaarder nennt sie in seinem Buch âVita brevisâ mit fiktiven Briefen an Augustinus âFloria Aemiliaâ), die 15 Jahre lang dauern sollte. Diese LebensgefĂ€hrtin gebar 372 einen gemeinsamen Sohn, der den Namen Adeodatus (âDer von Gott Gegebeneâ) erhielt.[9]
In dieser Zeit war die BeschĂ€ftigung mit Ciceros Buch Hortensius fĂŒr Augustinus bestimmend, einer (heute fast ganz verloren gegangenen) EinfĂŒhrung in die Philosophie. Das Buch, heute nur in Fragmenten rekonstruierbar, ermahnte im Stil des aristotelischen Protreptikos zur Philosophie. Es ergriff Augustinus beim ersten Lesen, und es blieb auf lange Zeit wirksam. Noch 386 sah er in ihm das grundlegende Buch. Cicero galt ihm als der Mann, der die Philosophie in lateinischer Sprache begrĂŒndet und sogleich vollendet hatte. Es waren nicht die skeptischen Neigungen Ciceros, die ihn aufrĂŒttelten; sie waren Augustinus, vor allem dem spĂ€ten Augustinus, eher Anlass zur Kritik. Es war auch nicht der Staatsphilosoph Cicero, der den jungen Augustinus bewegte. Das Buch Ciceros erschĂŒtterte den 19-JĂ€hrigen moralisch. Augustinus formulierte, Cicero habe in ihm die Liebe zur Philosophie erweckt.
Die Bibel hingegen fand er enttĂ€uschend; insbesondere das Alte Testament stieĂ ihn ab, aber auch das widersprĂŒchliche Geschlechterregister Christi befremdete ihn.
373 wandte Augustinus sich dem ManichĂ€ismus zu[9], einer gnostischen Glaubensgemeinschaft, die sich selbst als eine radikale Form des Christentums begriff und die staatlich verboten war. Er wirkte hier als Auditor (als âHörerâ) mit, d. h. als einfaches Gemeindemitglied mit eingeschrĂ€nkten Verpflichtungen. Ab 382 begann er, sich vom ManichĂ€ismus mehr und mehr abzuwenden; 383 kam es zu einer fĂŒr ihn intellektuell enttĂ€uschenden Begegnung mit dem manichĂ€ischen Bischof Faustus von Mileve.
Ab 375 lebte Augustinus als Lehrer fĂŒr Rhetorik in Thagaste. Dort kam es zu Konflikten innerhalb der Familie, als Augustinus seine Mutter zum ManichĂ€ismus zu bekehren versuchte. Im folgenden Jahr ging er als Rhetoriklehrer nach Karthago, 383 zog er nach Rom.
384 wurde er (durch UnterstĂŒtzung manichĂ€ischer Freunde in Rom und auf Empfehlung des römischen StadtprĂ€fekten Quintus Aurelius Symmachus) als Rhetoriklehrer nach Mailand berufen, wo Kaiser Valentinian II. residierte.[9] Eine seiner Aufgaben bestand jetzt darin, die öffentlichen Ehrenreden auf Kaiser und Konsuln zu halten.
Philosophisch orientierte sich Augustinus in seiner MailĂ€nder Zeit zunĂ€chst erneut an Cicero. Durch dessen Schriften machte er sich mit dem Skeptizismus der Neuen Akademie vertraut, um von hier aus den ManichĂ€ismus zu kritisieren. 385 traf seine Mutter in Mailand ein, vermutlich zu dieser Zeit entschied er sich, Katechumene der Kirche zu werden (das Christentum war seit 380 âStaatsreligionâ). Auf DrĂ€ngen seiner Mutter, die fĂŒr ihn eine standesgemĂ€Ăe Verlobung mit einem christlichen MĂ€dchen aus wohlhabender Familie arrangiert hatte, trennte er sich im selben Jahr von seiner LebensgefĂ€hrtin, die nach Nordafrika zurĂŒckkehrte. Der gemeinsame Sohn blieb bei Augustinus. Bis zur HeiratsfĂ€higkeit der Verlobten lebte Augustinus zwei Jahre lang mit einer anderen Frau zusammen.
In Mailand lernte er durch den dortigen Bischof Ambrosius die platonisierende Bibelauslegung kennen. Er begann, sich wieder fĂŒr die Religion seiner Kindheit zu interessieren, das Christentum, und studierte die Schriften der Neuplatoniker (vermutlich ab 386), darunter wahrscheinlich Abhandlungen von Plotin und Porphyrius. Augustinus gab den Skeptizismus auf und begriff sich von nun an als Philosoph, nicht mehr als Rhetoriker; die neuplatonische Philosophie wurde fĂŒr sein Denken grundlegend. Parallel hierzu studierte er die Schriften des Paulus, dessen Gnadenlehre ein ZentralstĂŒck seiner Theologie bilden sollte.
Im selben Jahr geriet Augustinus in eine intellektuelle, psychische und körperliche Krise; er gab seinen Beruf auf (Conf. VIII 2,2â4). Den Wendepunkt bildete, am 15. August 386, ein religiöses Erlebnis, das meist als âBekehrungserlebnisâ bezeichnet wird. In der Folge beschloss er, keinen Geschlechtsverkehr mehr zu praktizieren, auf Ehe und Beruf zu verzichten und ein kontemplatives Leben zu fĂŒhren.
Augustinus hat diese Erfahrung mehrfach beschrieben. Am berĂŒhmtesten wurde die Schilderung in den âBekenntnissenâ, am Ende des achten Buches (Conf. VIII 12,29). Sie hat in Malerei, Literatur und biographischem Schrifttum ein starkes Echo gefunden. In einem Zustand religiöser Unruhe und Ungewissheit, so schreibt er dort, verlieĂ er das Haus, in dem er in Mailand zu Gast war, und ging, gefolgt von seinem Freund Alypius, in den Garten. Als ihm sein religiöses Elend klar wurde, brach er in TrĂ€nen aus. Er entfernte sich von Alypius, legte sich unter einen Feigenbaum, weinte und sprach zu Gott. Plötzlich hörte er eine Kinderstimme, die immer wieder rief: âNimm und lies!â (Tolle lege). Da er etwas Ăhnliches ĂŒber den WĂŒstenheiligen Antonius gelesen hatte, verstand er, was gemeint war: Gott gab ihm den Befehl, ein Buch aufzuschlagen und die Stelle zu lesen, auf die sein Blick als erste fallen wĂŒrde. Er ging zu Alypius zurĂŒck, schlug die Paulusbriefe auf, die er bei ihm hatte liegen lassen, und las: âNicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer LĂŒste.â (Römer 13, 13â14) Nach dem Lesen dieser Stelle strömte das Licht der Gewissheit in sein Herz. Alypius las den darauf folgenden Vers: âDes Schwachen im Glauben aber nehmt euch an.â (Römer 14,1) Alypius bezog das auf sich und schloss sich Augustinus an. Beide gingen ins Haus zu Augustinus' Mutter und berichteten ihr, was geschehen war. Die ErzĂ€hlung ist, entsprechend den literarischen Gepflogenheiten der Zeit, stark stilisiert; der Rhetorikprofessor Augustinus hat in sie und andere die Lebensbeschreibung des Antonius und den Feigenbaum des Jesus-JĂŒngers Nathanael (Johannes 1, 48) eingearbeitet.
Mit einigen Verwandten und Freunden zog Augustinus sich danach auf das Landgut eines Freundes in Cassiciacum zurĂŒck (möglicherweise das heutige Cassiago in der NĂ€he des Comer Sees); hier verfasste er zahlreiche Schriften. In der Osternacht 387 (24./25. April) lieĂ er sich gemeinsam mit seinem Sohn Adeodatus und seinem Freund Alypius in Mailand von Ambrosius taufen, wobei der Legende nach das gregorianische Te Deum entstanden sein soll. Die Taufe bedeutete fĂŒr ihn wie fĂŒr viele Christen dieser Zeit den Bruch mit der Welt. Zusammen mit Verwandten und Freunden bereitete er seine RĂŒckkehr nach Nordafrika vor. Da der Usurpator Magnus Maximus, der mit dem im Osten regierenden Kaiser Theodosius I. im Krieg lag, mit seiner Flotte die römischen HĂ€fen blockiert hatte, blieb die Reisegruppe in der römischen Hafenstadt Ostia hĂ€ngen. Augustinus' Mutter Monica starb hier 387. Erst gegen Ende 388 erreichte Augustinus Karthago.
Bereits bei der Ankunft gehörten er und Alypius zur Gruppe der âGottesdienerâ (servi Dei), getaufte Laien, die beschlossen hatten, ein Leben in Vollkommenheit zu fĂŒhren. Die Gruppe lieĂ sich auf Augustins Familienbesitz in Thagaste nieder, wo Augustinus weitere zwei Jahre lang sein kontemplatives Leben fĂŒhrte; in dieser Zeit starb sein Sohn Adeodatus, an den sich seine Schrift Ăber den Lehrer (De magistro) von 389 gewendet hatte. Augustin verfasste hier die erste seiner zahlreichen dogmatischen Streitschriften gegen konkurrierende christliche Strömungen, den Genesiskommentar gegen die ManichĂ€er.
391 ging er nach Hippo, um fĂŒr die âGottesdienerâ ein Kloster zu grĂŒnden; er besuchte eine Predigt des Bischofs Valerius von Hippo und wurde bei dieser Gelegenheit von der anwesenden Gemeinde gedrĂ€ngt, dem Bischof zu versprechen, sich zum Priester weihen zu lassen; die Weihe wurde noch im selben Jahr vollzogen. Valerius stellte Augustinus ein GrundstĂŒck zur VerfĂŒgung, auf dem dieser das erste Kloster auf afrikanischem Boden grĂŒndete. 394 weihte Valerius ihn zum Auxiliarbischof, der den Bischof zunehmend als designierter Nachfolger vertrat. Nach dem Tode des Valerius wurde Augustinus 396 Bischof von Hippo, eine Position, die er bis zu seinem Lebensende innehatte. Mit dem kontemplativen Leben war es vorbei, als Bischof musste er predigen und sich mit Fragen des Rechts und der Verwaltung beschĂ€ftigen. Er fĂŒhrte weiterhin ein Leben in Armut und warf sich mit Eifer auf die BekĂ€mpfung der konkurrierenden christlichen Strömungen: des ManichĂ€ismus, des Donatismus und des Pelagianismus. Und er diktierte Buch auf Buch; am Ende seines Lebens waren es mehr als 100 Werke. 396/397 entwickelte er erstmals seine Gnadentheologie; die autobiographischen Bekenntnisse (Confessiones) schrieb er 397/398; an der Schrift Ăber die Dreieinigkeit (De trinitate), einem seiner Hauptwerke, arbeitete er von 399 bis 419.
Durch seine VorkĂ€mpferstellung im Konflikt mit den Donatisten, zu deren Verfolgung und Bekehrung er sich auch staatlicher Gewalt bediente, wurde Augustinus zur wichtigsten FĂŒhrungsfigur der Kirche in Nordafrika. Auch den römischen Bischöfen gegenĂŒber betonte Augustinus die EigenstĂ€ndigkeit der nordafrikanischen Kirche. Unter anderem als Reaktion auf die Eroberung Roms durch die Westgoten 410 verfasste er die Schrift Ăber den Gottesstaat (De civitate Dei), an der er von 413 bis 426 arbeitete; er entwickelt hier die fĂŒr Jahrhunderte gĂŒltige Unterscheidung zwischen irdischem Staat und Gottesstaat (civitas terrena und civitas Dei) und widersprach der verbreiteten Auffassung, dass der Fall Roms auch den göttlichen Heilsplan in Frage stelle.
Augustinus starb 430 wÀhrend der Belagerung Hippos durch die Vandalen (zum geschichtlichen Zusammenhang vgl. den Feldherrn Bonifatius, der auch mit Augustinus bekannt war, und SpÀtantike). Seine Gebeine befinden sich heute in der Kirche San Pietro in Ciel d'Oro in Pavia/Norditalien.
Augustinus' Philosophie hat auch im Mittelalter nachgewirkt. Besonders erwÀhnenswert sind die folgenden Themen:
Der zunÀchst vom Skeptizismus geprÀgte Augustinus beschÀftigte sich zeitlebens mit dem Problem der Wahrheit. Bei der Lösung nimmt er René Descartes' cogito ergo sum voraus, indem er die Unzweifelhaftigkeit der Existenz des Denkenden feststellt:
âwird jemand darĂŒber zweifeln, dass er lebt, sich erinnert, Einsichten hat, will, denkt, weiĂ und urteilt? [âŠ] Mag einer auch sonst zweifeln, ĂŒber was er will, ĂŒber diese Zweifel selbst kann er nicht zweifelnâ
â De trinitate X, 10
Er fasst es kurz zusammen mit si enim fallor, sum: âDenn (selbst) wenn ich irre, so bin ich (doch).â
Wahrheit ist fĂŒr ihn immer notwendig und ewig. Als Vorbild dienen ihm die idealen Wahrheiten der Mathematik, da die Sinneswahrnehmungen wegen ihrer UnzuverlĂ€ssigkeit und der Wandelbarkeit der Ă€uĂeren Welt diese Eigenschaften nicht aufweisen. Da die Quellen der Wahrheit also nicht dort liegen können, sucht Augustinus sie im menschlichen Geist selbst:
âSuche nicht drauĂen! Kehre in dich selbst zurĂŒck! Im Innern des Menschen wohnt die Wahrheit. [âŠ] [D]er Verstand schafft die Wahrheit nicht, sondern findet sie vor.â
â De vera religione 39, 72f.
Der Grund aller Wahrheit sind bei Augustinus die ewigen Ideen in Gottes Geist. Gott selbst ist die Wahrheit. Wie bei Platon haben auch bei Augustinus die Urbilder den ontologisch höchsten Status. VerfĂŒgbar wird die Wahrheit fĂŒr den Menschen nun in der vermittelten Erleuchtung des Geistes durch Gott (Illuminations- bzw. Irradationstheorie). Der göttliche Geist (mundus intelligibilis) âstrahltâ diese Ideen und Regeln direkt in den menschlichen Geist âeinâ; die Wahrheit findet sich also nicht auĂerhalb des Menschen, sondern im Menschen selbst vor. Die genaue Deutung dieser Theorie bleibt umstritten, doch scheint Augustinus einen gemĂ€Ăigten erkenntnistheoretischen Apriorismus zu vertreten.
âWas also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiĂ ich's, will ich's aber einem Fragenden erklĂ€ren, weiĂ ich's nicht.â
â Confessiones lib. 11; ebenso die folgenden Zitate
Augustinus spricht ĂŒber drei Zeiten: Gegenwart des Vergangenen, Gegenwart des GegenwĂ€rtigen und Gegenwart des ZukĂŒnftigen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als solche existieren nach Augustinus nicht:
âWie kann man sagen, dass [die vergangenen und zukĂŒnftigen Zeiten] sind, da doch die vergangene schon nicht mehr und die zukĂŒnftige noch nicht ist? Die gegenwĂ€rtige aber, wenn sie immer gegenwĂ€rtig wĂ€re und nicht in Vergangenheit ĂŒberginge, wĂ€re nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit.â
Vielmehr ist die Vergangenheit eine Erinnerung in der Gegenwart, und die Zukunft eine Erwartung in der Gegenwart, wĂ€hrend die Gegenwart selbst, ein aus der Zukunft in die Vergangenheit an unserem Geiste vorĂŒberziehender Moment ist. Wir messen die Zeit anhand eines
âEindruck[s], den die vorĂŒbergehenden Dinge [in unserem Geiste] hervorbringen und der bleibt, wenn sie vorĂŒbergegangen sind, ihn, den gegenwĂ€rtigen, [messen wir], nicht was vorĂŒbergegangen ist und ihn hervorgebracht hat.â
Das augustinische ZeitverstĂ€ndnis enthĂ€lt damit eine subjektive Komponente der Zeit, da wir die vergangene Zeit als Eindruck nur in unserem Geiste messen können, wir also in uns verschiedene erlebte ZeitrĂ€ume miteinander vergleichen und dadurch immer zu subjektiven Aussagen gelangen mĂŒssen, so kam uns zum Beispiel jene Zeit lĂ€nger vor, als eine andere. ZukĂŒnftige Dinge können wir nicht messen, da wir noch nichts ĂŒber sie aussagen können, erst wenn sie an uns vorĂŒberziehen und wir dadurch einen Eindruck gewonnen haben, können wir fĂŒr uns entscheiden, ob jener Eindruck lĂ€nger oder kĂŒrzer war.
Dennoch ist Augustinus kein reiner Zeitsubjektivist, da fĂŒr ihn die Zeit immer noch untrennbar mit den Dingen und der Welt verbunden sind:
âGinge nichts vorĂŒber, gĂ€be es keine vergangene Zeit; kĂ€me nichts auf uns zu gĂ€be es keine zukĂŒnftige Zeit; wĂ€re ĂŒberhaupt nichts, gĂ€be es keine gegenwĂ€rtige Zeit.â
Auch ist fĂŒr Augustinus Zeit real und keine reine Ichzeit, da Gott sie geschaffen hat. Augustinus Zeitbegriff ist also subjektimmanent aber nicht rein subjektiv.
Trotzdem steht dieses VerstĂ€ndnis im krassen Gegensatz zu der platonischen objektiven Zeitauffassung, in der die Zeit die Bewegung von Himmelskörpern ist, so ist zum Beispiel die Vollendung eines Tages die Bewegung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Dagegen fĂŒhrt Augustinus an, dass
âwenn sich ein Körper bewegt, [wir mit der Zeit messen], wie lange er sich bewegt, und zwar vom Anfang bis zum Ende seiner Bewegung, [âŠ] denn ein Körper bewegt sich nur in der Zeitâ
und stellt diese selbst nicht dar. Und auch wenn sich ein Körper nicht bewegt, sind wir doch in der Lage seinen Stillstand zu messen und etwas ĂŒber die Dauer seines Stillstandes auszusagen, genau deshalb kann Bewegung nicht gleich Zeit sein.
Sein dogmatisches Hauptwerk sind die 15 BĂŒcher De trinitate (Ăber die Dreieinigkeit). Einen Unterschied zwischen den einzelnen Personen, die er gleich ewig, gleich vollkommen und gleich allmĂ€chtig sieht, verneint Augustinus nicht; er will zwar nicht Modalist sein, nĂ€hert sich dem Modalismus aber stark an. Die Personen betrachtet er vor allem als âRelationenâ innerhalb des göttlichen Wesens.
Die Lehre des Ausgangs des Geistes aus Vater und Sohn hat er erstmalig vorgetragen. SpĂ€ter fĂŒhrte diese Aussage zum Filioque-Streit.[10]
Seine Lehre lieferte noch nach seinem Tod einen entscheidenden Beitrag zum Konzil von Chalcedon (451), da Papst Leo der GroĂe in seinem Tomus an die Versammlung eine christologische SchlĂŒsselaussage machte, die von Augustinus stammte: âzwei Naturen in einer Personâ, Jesus sei also Gott und Mensch zugleich.
Augustinus ist ein Vertreter des Amillenarismus und sprach sich gegen den bis dahin weit verbreiteten PrĂ€millenarismus aus, der die frĂŒhe Eschatologie prĂ€gte.
ZunĂ€chst dachte er in damaliger dispensationalistischer Sicht von 5000 Jahren von Adam bis zur Fleischwerdung Christi,[11] an der sich das 1000-jĂ€hrige Reich anschlieĂt. Dann argumentierte er, unter Einfluss der aufkommenden allegorischen Auslegung, es gebe doch kein irdisches 1000-jĂ€hriges Reich fĂŒr Israel, sondern dass dies âsymbolischâ als himmlische âEwigkeitâ betrachtet werden mĂŒsse, weil die Aussicht auf fleischliche GenĂŒsse und Schlemmereien, in einem irdischen Reich, von einem ernsthaften Einhalten der kirchlichen Gebote abhalte. Die 1000 Jahre bezog er stattdessen auf den Zeitraum zwischen Jesu erstem und zweitem Kommen,[12]
Die VerheiĂungen des Reiches dĂŒrften nicht mehr auf Israel angewendet werden, sondern wĂŒrden sich schon jetzt innerhalb der Kirche erfĂŒllen (Substitutionstheologie).
Durch Augustinus verbreitete sich der Amillenarismus in der westlichen Kirche, musste aber neu (allegorisch) interpretiert werden, als 1000 n. Chr. Jesus Christus nicht erschien. (Mehr dazu in Millenarismus).
Augustinus ist als ein Vertreter der PrĂ€destination bekannt, in der der Mensch zum ewigen Leben von Gott vorherbestimmt ist. In seinem SpĂ€twerk Vom Gottesstaat (De civitate Dei) geht er vor der Schaffung des Menschen von zwei Engelsstaaten aus, dem Staat der bösen Engel (civitas diaboli) und dem Staat der guten Engel (civitas dei), einige der Engel haben sich âgrundlosâ von Gott âabgekehrtâ und sind böse geworden. Nach Schaffung des Menschen wurden diese beiden Staaten in den irdischen Staat (civitas terrena) und den Gottesstaat (civitas coelestis) ĂŒbergeleitet, wiederum in dualistischer Ausrichtung. Nach dem jĂŒngsten Gericht schlieĂt sich der Kreis; am Ende gibt es wieder zwei Staaten: Civitas Mortalis, d. h. die Höllenstrafe in Ewigkeit und auf der anderen Seite Civitas Immortalis, die ewige Herrschaft mit Gott (Himmel). Die Anzahl der Menschen, die in den Himmel kommen, entspreche dabei genau der Anzahl der abgefallenen Engel, so dass der Ausgangszustand wieder hergestellt ist:
âDas andere vernunftbegabte Geschöpf, der Mensch, der durch ererbte und eigene SĂŒnden und Strafen ganz verlorengegangen war, sollte aus seinem wiederhergestellten Teil ergĂ€nzen, was der Fall der DĂ€monen der Gemeinschaft der Engel genommen hatte.â[13]
Sein Begriff des Gottesstaates wurde spĂ€ter lange Zeit in dem Sinne interpretiert, dass der GlĂ€ubige nur durch Gehorsam gegenĂŒber der Kirche der Hölle entfliehen könne und trug so zur groĂen Macht der Kirche im Mittelalter bei. Die doppelte PrĂ€destination mit ihrer impliziten Ablehnung des freien Willens zur Entscheidung fĂŒr Gott oder gegen ihn durch den Menschen und die SouverĂ€nitĂ€t des nicht rechenschaftspflichtigen Gottes hat einen sehr groĂen Einfluss auf Johannes Calvin und die Abfassung der so genannten 5 Punkte der calvinischen Kirchen (englisch TULIP) ausgeĂŒbt. Katholiken und Arminianer lehren dagegen ungeachtet der unterschiedlichen Auffassungen zur Rechtfertigung des Menschen fĂŒr das ewige Leben (Werke, durch Glaube bewirkte Werke, Glauben) freien Willen des Menschen und Ablehnung zumindest der doppelten PrĂ€destination.
Die Auffassung der beiden civitates hatte einen bedeutenden Einfluss auf die mittelalterliche Zwei-Schwerter-Theorie und auf die Zwei-Reiche-und-Regimenten-Lehre der lutherischen Reformation.
Augustin fĂŒhrte eine groĂe Auseinandersetzung mit Pelagius, der die Theorie des freien Willens vertrat und Augustinus vorwarf, noch in den Schlingen des ManichĂ€ismus verfangen zu sein. Pelagius wurde zwar 418 im Sinne von Augustinus verurteilt, fand aber seinen Nachfolger in Julianus von Eclanum. In dieser noch heftigeren Auseinandersetzung entwickelte Augustinus die Lehre der ErbsĂŒnde. Augustinus hat dabei die Interpretation von Römer 5,12 (áŒÏáŸż ៧ ÏÎŹÎœÏÎ”Ï áŒ„ÎŒÎ±ÏÏÎżÎœ) ĂŒbernommen, die Hilarius eingefĂŒhrt hat: âIn ihm [Adam] haben alle gesĂŒndigtâ, so als wĂ€ren alle in Adam enthalten gewesen (quasi in massa). Diese augustinische Interpretation des Pronomens áŒÏÎŻ ist philologisch fraglich (denn es heiĂt dort tatsĂ€chlich: âausâ (=weil) ihm sĂŒndigten alle) und auch theologisch umstritten. Seine Interpretation wird darauf zurĂŒckgefĂŒhrt, dass er das biblische Griechisch nur wenig beherrschte. Im Gegensatz zu Pelagius meinte Augustinus, dass die ErbsĂŒnde physisch ĂŒbertragen werde (Concupiscentia carnalis = fleischliche Begierde, Fleischeslust). Augustinus argumentierte, dass nur diejenigen, die völlig unverdient die Gnade Gottes erhielten, dieser Erblast entkommen können und ewiges Leben erhalten wĂŒrden. FĂŒr Augustinus war klar, dass
âGott im Herzen der Menschen wirkt, um ihren Willen dahin geneigt zu machen, wohin immer er will: entweder zum Guten gemÀà seiner Gnade oder zum Bösen nach ihren bösen Verdiensten.â
Und er lehrte, dass von der Minderheit, die der Hölle entgehe, nur wenige einer schmerzlichen LĂ€uterung nach dem Tod entrinnen wĂŒrden.
Augustinus war daher der bedeutendste Vertreter der Ansicht, dass man in einer Hölle endlose Qualen leiden muss. Stellen wie Mt 25,46 EU legte er so aus, dass das Ă€onische (aeternam) Leben wie auch die Ă€onische Strafe endlos sein mĂŒsse:
âIst beides ewig, so ist unweigerlich auch beides entweder langwĂ€hrend, aber endlich, oder beides ist immerwĂ€hrend und endlos.â
Auch auf die Frage der UnverhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit einer endlosen Strafe fĂŒr eine einzige falsche Entscheidung fand er eine Antwort. Er hielt dafĂŒr, dass der Mensch durch die ErbsĂŒnde âewiges Ăbelâ verdiene fĂŒr den gröĂten Frevel durch Adam, der im Garten Eden passiert sei (andere Theologen sagten dazu, dass Gott die SĂŒnde zur Erkenntnis des Guten wollte). Augustinus stritt auch ab, dass ein Gericht reinigenden Charakter haben könne, sondern dass es allein strafend sei. Er lehrte, dass jemand, der vor seinem Tode Gott abgewiesen habe, dies auch nach dem Tod tun werde, da er sich nicht bessern könne (andere Theologen sagten dazu, dass Gott alles bewirken könne, auch das).
Damit grenzte sich Augustin ebenso wie Johannes Chrysostomos und Ă€ltere Kirchenlehrer wie Ambrosius von Mailand oder Hieronymus oder Hippolyt von Rom, der Zeitgenosse von Origenes, stark von Origenesâ Lehre der Apokatastasis ab. Augustinus Argumentationsmuster hatte einen groĂen Einfluss auf die westliche Theologie bis zur Gegenwart.
Neben Gregor dem GroĂen wird vor allem Augustinus zugeschrieben, die Lehre vom Fegefeuer systematisiert und ihr einen Platz in der katholischen Kirche verschafft zu haben. Er entfaltete sie in seinem Werk Vom Gottesstaat [14] und stellt in seinen Bekenntnissen [15] einen Bezug zwischen ihr und den Gebeten fĂŒr die Toten her. Sowohl er, als auch Gregor interpretieren die âFlammenâ in 1 Kor 3,11-15 LUT so, dass sie zĂŒchtigen und somit zur Besserung dienen,[16] was in einem merkwĂŒrdigen Widerspruch zu seiner Annahme steht, dass seine âFlammen der Hölleâ nicht reinigend sein können. Mt 12,31 LUT legt er so aus, dass Gott ĂŒber den Tod hinaus SĂŒnden vergibt.
Augustinus richtete gegen die Juden jahrzehntelang heftige Angriffe. In der gegen Ende seines Lebens[17] verfassten Predigt Gegen die Juden, einer Anleitung zu ihrer Bekehrung, legte er noch den Juden seiner Zeit Jesu Tod zur Last: âIn euren VĂ€tern habt ihr Christus getötet.â[18] Er nannte die Juden bösartig, wild und grausam.[19] In den VortrĂ€gen ĂŒber das Johannesevangelium von 414-17[20] vergleicht er sie mit Wölfen[21], schimpft sie âSĂŒnderâ[22], âMörderâ[23], âzu Essig ausgearteter Wein der Prophetenâ[24], âeine triefĂ€ugige Scharâ, âaufgerĂŒhrter Schmutzâ[25]. Sie seien des âungeheuren Vergehens der Gottlosigkeitâ[26] schuldig. Bereits in einer Karfreitagspredigt von 397 hatte er ihnen das Alte Testament abgesprochen: âSie lesen es als Blinde und singen es als Taube.â[27] Er formulierte auĂerdem den Gedanken der âKnechtschaftâ der Juden, ihrer âservitusâ[28], die 1205 von Papst Innozenz III. zu einer âewigenâ (âperpetuaâ) erklĂ€rt und 1234 in der Dekretensammlung Gregors IX. kodifiziert wurde, wĂ€hrend auf kaiserlicher Seite gleichzeitig, von denselben Vorstellungen ausgehend, die sogenannte Kammerknechtschaft der Juden eingerichtet wurde.
Die Juden hatten in Augustinusâ Augen eine positive Funktion fĂŒr das Christentum, weil sie, indem sie nicht an die biblischen Prophezeiungen ĂŒber Jesus glaubten, gerade deren Echtheit bezeugten; âund eben wegen dieses Zeugnisses, das sie uns wider Willen leisten dadurch, dass sie die Texte besitzen und bewahren, sind sie selbst ĂŒber alle Völker hin verstreut, soweit sich die Kirche erstreckt.â [29] Weil sie als Zeugen fĂŒr die Kirche nötig und von Gott vorgesehen seien, dĂŒrfe man sie nicht töten, sie trĂŒgen ein Kainsmal auf der Stirn.[30]
Pascal plante Augustinusâ Argumentation im Kapitel Beweise fĂŒr Jesus Christus seiner Apologie der christlichen Religion heranzuziehen, er notiert in den PensĂ©es: â(âŠ) und es (das jĂŒdische Volk) muĂ weiterbestehen, um ihn zu beweisen, und es muĂ im Elend sein, weil sie ihn gekreuzigt habenâ.[31]
Augustinus verurteilte scharf die Abspaltung der Donatisten von der römischen Kirche. In seinen Augen hatten sie damit das âVerbrechen des Schismasâ begangen, sie seien daher nichts als âUnkrautâ, âTiereâ:
âDiese Frösche sitzen im Sumpf und quaken: âWir sind die einzigen Christen!â [âŠ] Mit offenen Augen fahren sie zur Hölle hinab.â
Im Jahr 411 kam es zu einem âReligionsgesprĂ€châ, der sogenannten collatio, in deren Folge der Einfluss der Donatisten abnahm. Da die Gewaltbereitschaft der Donatisten zunahm, befĂŒrwortete er, diesem Ăbel durch harte Strafen, striktes polizeiliches Durchgreifen und Verbot des Zugangs zu Gerichten ein Ende zu machen.
Augustinus verwendete als Rechtfertigung einen Satz aus dem Gleichnis Jesu: âNötige die Leute hereinzukommenâ (Lk 14,23 LUT), was in der lateinischen Ăbersetzung Vulgata mit âzwingt sie einzutretenâ (compelle intrare) ĂŒbersetzt ist (Lk 14,23 VUL). âDuldungâ bezeichnete Augustinus in diesem Zusammenhang nur als âunergiebig und nichtigâ (infructuosa et vana) und begrĂŒĂte die âBekehrungâ vieler âdurch heilsamen Zwangâ (terrore perculsi). In jahrelangen Pogromen wurden die Donatisten durch den römischen Staat durch Enteignung, Verlust des Erbrechts und Verbannungen des Klerus aus Afrika âgenötigtâ. 411 belegte Honorius die Donatisten mit GeldbuĂen, die 414 fĂŒr hochrangige Römer erhöht wurden, und lieĂ ihre Bischöfe und Priester aus Afrika verbannen. 420 erscheint Augustinusâ letzte antidonatische Schrift Contra Gaudentium.
Diese BefĂŒrwortung der Gewalt HĂ€retikern und Schismatikern gegenĂŒber wurde bei der EinfĂŒhrung der Inquisition im Mittelalter als willkommene Rechtfertigung ihrer Vorgangsweise angesehen.
Nachdem die Stadt Rom Im Jahre 410 von den Westgoten (danach wieder 455 von den Vandalen und 472 von den Burgunden) geplĂŒndert wurde, kamen viele FlĂŒchtlinge aus Rom in die nordafrikanischen Provinzen, die damals als sicher vor EinfĂ€llen von germanischen âBarbarenâ galt. Seit der Christianisierung Roms hatten sich aber immer weniger römische StaatsbĂŒrger zur Verteidigung Roms bereit erklĂ€rt und im Heer mussten germanische Söldner aufgenommen werden. Zugleich gab es nach wie vor eine kulminierende Skepsis von Teilen der Elite gegen die Verchristlichung des Reiches. Noch um 410 bekannte sich ein (allerdings abnehmender) Teil der gesellschaftlichen Elite zum traditionellen Götterglauben, wenngleich dies nicht selten auf eine konservative Grundhaltung und weniger aus religiöser Ăberzeugung geschah.[32] Gegen diese Reaktion auf die ZeitumstĂ€nde schrieb Augustinus sein Buch De civitate Dei, in dem er seine damals fĂŒr unpassend gehaltene Friedenstheorie, eingebaut in philosophische und theologische Ăberlegungen, rechtfertigte, wonach nicht der Krieg, sondern der Friede das eigentliche Gesetz der Natur sei. BedrĂ€ngt durch weitere bedrohliche ZeitumstĂ€nde, die auch die Sicherheit Nordafrikas in Frage stellten (kurz nach seinem Tod wurde auch Hippo von den Vandalen erreicht), versuchte Augustinus daneben, diese Lehre mit der Rechtfertigung von Verteidigungskriegen zu verknĂŒpfen, so dass er jene Thesen formulierte, auf welchen aufbauend die bekannte, von Thomas von Aquin und anderen weiterentwickelte Lehre vom âgerechten Kriegâ (lat. bellum iustum) entstanden ist. AnknĂŒpfend an die schon bei Cicero bestehenden AnsĂ€tze hob er deutlich hervor, dass ein gerechter Krieg, der von einer legalen Obrigkeit erklĂ€rt werden mĂŒsse, nur die Verteidigung der legitimen, vom Angreifer verletzten Rechte zum Ziel haben und kein gröĂeres Elend hervorrufen dĂŒrfe, als er beseitige. Augustinus, der betonte, jeder Krieg entstehe durch einen ungerechten und inhumanen Angriff, wer aber einen gerechten Krieg fĂŒhren mĂŒsse, solle darĂŒber trauern, ihn fĂŒhren zu mĂŒssen, versuchte dennoch folgenden (folgenschweren) Kompromiss:
âKrieg zu fĂŒhren und durch Unterwerfung der Völker das Reich zu erweitern, erscheint den Bösen als GlĂŒck, den Guten als Zwang. Aber weil es schlimmer wĂ€re, wenn die Ungerechten ĂŒber die Gerechten herrschten, so nennt man nicht unpassend auch jenes ein GlĂŒck.â
Diese Aussage wurde â hĂ€ufig unberechtigt â aufgrund der weiten Interpretationsmöglichkeit in der Folge zur Rechtfertigung von Kriegen verschiedener Art verwendet.
Schon vor der Zeit des Augustinus begann die Kirche, sich neu zu organisieren, nachdem sie unter Kaiser Konstantin im Oktober 312 zunĂ€chst anerkannt worden und nach der âKonstantinische Wendeâ zur Staatsreligion aufgestiegen war. Daher wurde es auch wichtig, eine diesen neuen VerhĂ€ltnissen gemĂ€Ăe Kirchenlehre (Ekklesiologie) zu entwickeln. So schrieb Augustinus:
âIch wĂŒrde nicht einmal dem Evangelium trauen, wenn mich die AutoritĂ€t der Kirche nicht dazu bewegen wĂŒrde.â[33]
âNichts Heilsameres geschieht in der Kirche, als dass die AutoritĂ€t den Vorrang hat.â[34]
Augustinusâ Ekklesiologie kam zu dem Schluss, dass der Kirche Interpretationshoheit und Mittlercharakter zukommen mĂŒsse. Ausgeschlossen ist fĂŒr ihn, dass der Mensch durch das glaubende Aufnehmen von Bibelworten allein als Individuum ohne die Organisation Kirche selig und glĂ€ubig werden kann. Zudem war durch die von Augustinus angewandte allegorische Bibelauslegung eine normierende Instanz nötig, die festlegt, welche der vielen möglichen Auslegungen die offizielle ist. Lehren, die in Konzilen unter Hoheit der Kirche festgelegt wurden, nehmen daher den gleichen Stellenwert wie die Glaubenstradition und der Bibeltext ein und vertreten den Anspruch, die allein richtige Sicht des Glaubens wiederzugeben. Will man ârechtâ glauben, mĂŒsse man den Lehren der Kirche glauben.
Mit diesem dogmatischen Ansatz wurde Jesus Christus als alleiniger Mittler zwischen Gott und dem einzelnen Menschen zwar theoretisch beibehalten, jedoch die Kirche als âHeilsorganisationâ als ebenso unverzichtbar fĂŒr das persönliche Heil des Einzelnen danebengestellt.
GegenĂŒber der Lehre der Donatisten, die von einer reinen bilderstĂŒrmerischen Kirche der Heiligen ausgehen, sieht Augustinus die Kirche als eine Gemeinschaft, die voll von SĂŒndern ist. Er stellt sie als den Acker, auf dem Weizen und Unkraut wachsen, als die Traube, die Schale und Saft vereint, als Tenne, auf der Weizen und Spreu noch nicht gesondert sind, als Menschen, der noch des sterblichen Leibes Schwachheit trĂ€gt, um nur einige Bilder aus der reichen FĂŒlle herauszugreifen, die hier zu nennen wĂ€re. DarĂŒber hinaus meldet er der donatistischen Heiligkeitsforderung gegenĂŒber an, dass auch die Heiligen, solange sie im Leibe leben, der SĂŒnde unterworfen bleiben, auch wenn es sich nur um geringe VerstöĂe handelte.[35]
Augustinus war neben seiner Theologie auch als Bischof maĂgeblich an der inneren Reorganisation der Kirche beteiligt. So hat er eine Regel fĂŒr Frauen und MĂ€nner aufgestellt, die bis heute, in einer ĂŒberarbeiteten Version, von verschiedenen Orden als Augustinusregel verwendet wird.
Augustinus hat auch eine Gruppe von Klerikern (Priester, Diakone âŠ) um sich versammelt, die ein gemeinsames Leben fĂŒhrten und so zu den ersten Kanonikern wurden. Die Kanoniker des Augustinus waren, wie damals ĂŒblich, zum Enthaltsamkeitszölibat angehalten, was durch das gemeinsame Leben unterstĂŒtzt wurde.
Nachdem im FrĂŒhmittelalter die Regel des Benedikt von Nursia weite Verbreitung gefunden hatte, und die augustinische Ordnung kaum bekannt war, wurden im Hochmittelalter, vor allem zur Zeit der Gregorianischen Reformen (Papst Gregor VII.) und des Investiturstreits, Ideen und Vorstellungen des Augustinus wieder verwendet. Diese beeinflussten nicht nur das Leben der Regularkanoniker (siehe auch Augustiner-Chorherren), sondern insbesondere auch Teile der in jener Zeit entstehenden Bettelorden (zum Beispiel Augustiner-Eremiten, Dominikaner, Mercedarier).
Augustinus' frĂŒhe Schrift De musica, deren Hauptteil (Buch I-V) er noch wĂ€hrend seiner TĂ€tigkeit als Rhetoriklehrer verfasste, ist ein herausragendes musiktheoretisches Werk ĂŒber den Rhythmus. Es ist in Dialogform geschrieben und entwickelt eine originelle deduktive Rhythmustheorie in einer neu-pythagoreischen Methode. Seine Schrift geht weit ĂŒber die Vorlagen der lateinischen Metriker hinaus und steht in der lateinischen Antike singulĂ€r da. Sie enthĂ€lt unter anderem die frĂŒheste Theorie ĂŒber Takt, Pausen und Synkopen. Einen angekĂŒndigten zweiten Teil ĂŒber die Harmonik fĂŒhrte er nicht aus.
Folgende jĂŒngere Werke beziehen sich direkt auf Augustinus oder seine Texte:
Augustinus und seine Lehre war bis zur Reformationszeit in der Kirche unumstritten. Erst der aufkommende Individualismus, Subjektivismus und Biblizismus der Reformationszeit und die nachfolgende evangelische Theologie nahm AnstoĂ an verschiedenen Aussagen (ErbsĂŒndenlehre, Fegefeuerlehre u.a.). In der Folge vertraten einige Historiker und Theologen wie Alfred Adam und Wilhelm Windelband die Ansicht, dass Augustinus bei der Entwicklung seiner Lehren stark vom ManichĂ€ismus und Neuplatonismus beeinflusst war und viele seiner Ideen daher biblisch nicht haltbar seien. Sie fĂŒhren Lehren wie den starken Dualismus an, der auch im ManichĂ€ismus vorherrscht (Staaten des Guten und Bösen im Gottesstaat), die Fegefeuerlehre (Inkarnation der âHörerâ), die Höllenlehre, die ErbsĂŒndenlehre, die Lehre der doppelten PrĂ€destination (electi, auditores und SĂŒnder), den Kreislauf (zwei Staaten zu Anfang und zum Ende) und die Körper- und Sexualfeindlichkeit. Insgesamt hĂ€tte Augustinus nach Ansicht dieser Kritiker die Ăberzeugungen des Urchristentums fast bis zur Unkenntlichkeit deformiert.
Der Theologe David Edwards bezweifelt, dass Augustinus dem Gottesbild Jesu Christi gerecht werde, da seine (im Alter zunehmend negative) EinschĂ€tzung der ĂŒberwiegenden Zahl der Menschen als âmassa damnataâ nicht erklĂ€re, wie dann der Erlöser, der doch einen von Mitleid erfĂŒllten Vater-Gott reprĂ€sentiere, âFreund der SĂŒnderâ genannt werden könne.
In einer Polemik [37] deutet der Psychoanalytiker Tilmann Moser die teilweise leibfeindlichen, der ErbsĂŒndenlehre verpflichteten Jugenderinnerungen in den âBekenntnissenâ als Ausdruck eines neurotischen SchuldgefĂŒhls und einer damit zusammenhĂ€ngenden Verschmelzungssehnsucht mit Gott, die bis heute bei unzĂ€hligen GlĂ€ubigen belastend fortwirken.
Die Wirkungsgeschichte von Augustinus wird insbesondere in der Geschichtswissenschaft und Philosophie unter dem Stichwort Augustinismus beschrieben.
Der Legende nach sollen Augustinus und Ambrosius von Mailand gemeinsam das Te Deum getextet und komponiert haben. Als Augustinus als Erwachsener das Sakrament der Taufe empfing, soll Ambrosius diesen Hymnus angestimmt haben. Augustinus soll versweise darauf geantwortet haben.
PrimÀrtexte
Philosophiebibliographie: Augustinus â ZusĂ€tzliche Literaturhinweise zum Thema
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Augustinus von Hippo |
| ALTERNATIVNAMEN | Augustinus von Tagaste; Heiliger Augustinus; Augustin (Deutsch) |
| KURZBESCHREIBUNG | Kirchenlehrer, christlicher Theologe und Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 13. November 354 |
| GEBURTSORT | Tagaste, Numidien |
| STERBEDATUM | 28. August 430 |
| STERBEORT | Hippo Regius im heutigen Algerien |