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Die weltweit verbreitete Religion der Bahai (bahÄ'Ä«)[1] beruft sich auf die Schriften ihres Religionsstifters Bahaâuâllah (1817â1892). Die Mehrheit ihrer etwa fĂŒnf bis acht Millionen AnhĂ€nger leben heute hauptsĂ€chlich in Indien, Afrika, SĂŒd- und Nordamerika. In ihrem Ursprungsland Iran bilden die Bahai die gröĂte religiöse Minderheit, sind aber starken Verfolgungen ausgesetzt. Die ursprĂŒnglich aus dem Babismus hervorgegangene Universalreligion lehrt einen abrahamitischen Monotheismus eigener PrĂ€gung, in dessen Mittelpunkt der Glaube an einen transzendenten Gott, die mystische Einheit der Religionen und der Glaube an die Einheit der Menschheit in ihrer Mannigfaltigkeit steht. Die Bahai vertreten eine handlungsorientierte Ethik, die sich einer humanitĂ€ren Vision der gesellschaftlichen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts verpflichtet fĂŒhlt.
Inhaltsverzeichnis |
Die Geschichte der Bahai-Gemeinde geht auf das Wirken zweier Stiftergestalten zurĂŒck: Sayyid Ali Muhammad (1819â1850), genannt âder Babâ (arabisch: âdas Torâ), und Mirza Husayn Ali Nuri (1817â1892), genannt âBahaâuâllahâ (arabisch: âHerrlichkeit Gottesâ). Der eigentliche Stifter ist Bahaâuâllah. Der Bab wird von den Bahai als dessen Wegbereiter und zugleich als eigenstĂ€ndiger Religionsstifter des Babismus betrachtet.
Der Bab wurde 1819 in Schiraz, Iran geboren. Am Abend des 22. Mai 1844 erhob er erstmals den Anspruch einer göttlichen Offenbarung. Als Titel greift er den schiitisch-eschatologischen Begriff des âBabâ auf. Er deutet ihn um als âTor zu Gottâ[2][3], d.h. als Anspruch einer nachislamischen Offenbarung und als Wegbereiter einer weiteren Offenbarungsgestalt. Der Babismus gewann schnell AnhĂ€nger aus dem schiitischen Umfeld.[4] Unter schiitischen Gelehrten und Geistlichen stieĂ der Offenbarungsanspruch des Bab und seine Interpretation des Islam auf Ablehnung; insbesondere stellte der Bab die Rolle der Religionsgelehrten in Frage und trat fĂŒr die Rechte der Frau und gröĂere gesellschaftliche Gleichheit ein. Anfang 1847 wurde er verhaftet.
Die formelle Trennung vom Islam erfolgte im Juli 1848 in Badascht[5] am Kaspischen Meer. Sie war das Ergebnis eines Konzils der einflussreichsten AnhĂ€nger des Bab. Eine der WortfĂŒhrerinnen, Qurrat al-ÊżAin, legte als Zeichen der Emanzipation der Frau erstmals in der Ăffentlichkeit ihren Schleier ab.[6]
Die zunehmende MissionstĂ€tigkeit der Babi fĂŒhrte rasch zum Widerstand schiitischer Gruppen, bald zu (auch staatlich) organisierter Verfolgung der Gemeinde. Als Gegenreaktion kam es vereinzelt zu Revolten gegen die iranische Regierung. Schiitische Vorstellungen des Dschihad blieben unter den Babi zunĂ€chst erhalten.[7] Am 9. Juli 1850 wurde der Bab in TĂ€bris öffentlich fĂŒsiliert. Die Verfolgungen dauerten bis 1853 an. Tausende AnhĂ€nger des Bab wurden getötet.[8]
Seit 1848 hatten vor allem zwei der AnhĂ€nger des Bab an Bedeutung gewonnen: die Söhne eines Staatsministers in Teheran, die HalbbrĂŒder Mirza Husayn Ali Nuri, spĂ€ter Bahaâuâllah genannt, und Mirza Yahya Nuri, spĂ€ter bekannt als Subh-i-Azal. Wie vom Bab vorgesehen, ĂŒbernahm nach dem Tod des Bab nominell der kaum neunzehnjĂ€hrige Subh-i-Azal die Leitung der Babi-Gemeinde, war dieser Aufgabe aber kaum gewachsen. Auf Anraten Bahaâuâllahs und anderer hatte ihn der Bab 1849 zum Sachwalter bestimmt fĂŒr die Ăbergangszeit bis zum Auftreten âDessen, den Gott offenbaren wirdâ, der im Babismus erwarteten messianischen Gestalt.[9]
Bahaâuâllah wurde im Zuge der Verfolgungen 1852 in Teheran im Siyah-Chal (âSchwarzes Lochâ), einem berĂŒchtigten Verlies, inhaftiert. Viele seiner MithĂ€ftlinge wurden hingerichtet. Von einer Hinrichtung Bahaâuâllahs wurde abgesehen, da er groĂes öffentliches Ansehen genoss und sich westliche Botschafter fĂŒr ihn einsetzten.[10] Bahaâuâllahs mystische Erlebnisse wĂ€hrend dieser Kerkerhaft sehen die Bahai als die ersten AnfĂ€nge seiner prophetischen Sendung.[11]
Nach den Monaten der Einkerkerung wurde der schwer erkrankte Bahaâuâllah ins Exil geschickt. Er wĂ€hlte Bagdad als Verbannungsort. Ihm folgten Subh-i-Azal und andere AnhĂ€nger des Bab. In Bagdad kam es zu ersten Spannungen zwischen den beiden HalbbrĂŒdern. In der Folge zog Bahaâuâllah fĂŒr rund zwei Jahre als Derwisch ins kurdische Bergland der Provinz SilĂȘmanĂź, wo er sich Gebet und Meditation widmete, ehe er 1856 nach Bagdad zurĂŒckkehrte. Aus dieser Zeit stammen wichtige mystische Werke Bahaâuâllahs, wie Die Sieben TĂ€ler oder die Verborgenen Worte. Sein erstes theologisches Werk ist das 1862 veröffentlichte Buch der Gewissheit (Kitab-i-Iqan), in dem Bahaâuâllah das Konzept der Fortschreitenden Offenbarung und die Rolle des Bab als Stifter einer neuen Religion nach dem Islam erlĂ€utert.[12] ZurĂŒck in Bagdad gewann Bahaâuâllah rasch an Ansehen und Einfluss. Der persische Konsul in Bagdad suchte dem entgegenzutreten und bewirkte schlieĂlich zusammen mit einigen Geistlichen vor Ort, dass Bahaâuâllah nach Istanbul beordert wurde.
Unmittelbar vor seiner erzwungenen Abreise, am 8. April 1863 im Garten Ridvan, erklĂ€rte er vor einem kleinen Kreis seiner AnhĂ€nger, dass er der vom Bab VerheiĂene sei, âden Gott offenbaren werdeâ. Subh-i-Azal war bei diesem Ereignis, dessen heute als Ridvanfest gedacht wird, nicht anwesend. Von der osmanischen Hauptstadt Istanbul wurde Bahaâuâllah nach vier Monaten nach Edirne weiterverbannt. Ăffentlich erhob Bahaâuâllah seinen Anspruch ab dem FrĂŒhjahr 1866, so in Sendschreiben an die einflussreichsten weltlichen und religiösen FĂŒhrer seiner Zeit.[13] Subhi-i-Azal beantwortete dies mit dem Gegenanspruch, selbst der vom Bab VerheiĂene zu sein. Nach und nach bekannte sich die ĂŒberwiegende Mehrheit der Babi zu Bahaâuâllah und verstand sich nun als Bahai. Die AnhĂ€nger Subh-i-Azals (Azali) versuchten, die Bahai gegenĂŒber der osmanischen Regierung als politisch subversiv darzustellen[14] und Bahaâuâllah zu beseitigen.[15] Als Folge der Auseinandersetzungen verbannte die osmanische Regierung Subh-i-Azal 1868 nach Zypern und Bahaâuâllah in die Festungsstadt Akkon im heutigen Israel. Der Babismus ist heute bis auf eine verschwindend kleine Gruppe mit etwa 2000 Mitgliedern (Azali-Babi) in der neuen Religion Bahaâuâllahs aufgegangen.[16]
WĂ€hrend der mehr als zwei Jahrzehnte in Akkon und Umgebung entstand der gröĂere Teil des umfangreichen Schrifttums Bahaâuâllahs in arabischer und persischer Sprache, worin die grundlegenden Lehren weiter ausgefĂŒhrt werden, insbesondere der Gedanke der Einheit der Menschheit und die Versöhnung der Religionen. Hinzu kommen Religionsgesetz und Gemeindeordnung. Der wichtigste Text der Bahai ist der Kitab-i-Aqdas, das Heiligste Buch, aus dem Jahr 1873.[17] Durch dieses Buch wurden die weltlichen Gesetze, die der Bab im Bayan festgelegt hatte, endgĂŒltig aufgehoben. Der arabische Text des Kitab-i-Aqdas Ă€hnelt stilistisch dem klassischen Stil des Koran. Am 29. Mai 1892 starb Bahaâuâllah in Bahji bei Akkon in WestgalilĂ€a. Sein Schrein ist heute der wichtigste Wallfahrtsort der Bahai und bestimmt die Gebetsrichtung fĂŒr die Pflichtgebete.
Die Leitung der Gemeinde ging testamentarisch[18] auf Bahaâuâllahs Ă€ltesten Sohn Abdul-Baha (1844-1921) ĂŒber. Dies impliziert auch die autoritative Auslegung seiner Schriften. Bis zur JungtĂŒrkischen Revolution 1908 blieb Abdul-Baha in Akkon interniert. Seit 1892 bildeten sich erste Bahai-Gemeinden in Nordamerika und Europa. Diese Gemeinden besuchte Abdul-Baha zwischen 1910 und 1913, um fĂŒr den Frieden unter den Religionen und Nationen zu werben.[19] Im FrĂŒhjahr 1913 besuchte er auch Deutschland. Durch sein humanitĂ€res Engagement, vor allem wĂ€hrend der Kriegsjahre (1914-1918) in Haifa, erlangte er groĂe öffentliche Anerkennung. Er starb 1921 in Haifa.
Testamentarisch ernannte Abdul-Baha seinen Enkel Shoghi Effendi (1897-1957) zum âHĂŒterâ der Bahai-Gemeinde. Shoghi Effendi ĂŒbersetzte einige der wichtigsten Schriften Bahaâuâllahs ins Englische. Unter seiner Leitung verbreitete sich die Bahai-Gemeinde in nahezu alle LĂ€nder der Erde.[20] Mit Shoghi Effendi wurde die autoritative (verbindliche) Auslegung der Schriften Bahaâuâllahs abgeschlossen.[21]
Seit 1963 fĂŒhrt das Haus der Gerechtigkeit die internationale Gemeinde. Es hat seinen Sitz in Haifa, wo sich auch der Schrein des Bab mit seiner 1953 fertiggestellten Goldkuppel befindet. Aufgrund ihrer Bedeutung als Wallfahrtsort gehören die GrabstĂ€tten beider Religionsstifter in Haifa und WestgalilĂ€a seit 2008 zum UNESCO-Welterbe.
Seit 1948 ist die BahĂĄâĂ International Community bei den Vereinten Nationen als Nichtregierungsorganisation anerkannt. Seit 1970 hat sie beratenden Status beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, seit 1976 beratenden Status beim Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Sie arbeitet mit der Weltgesundheitsorganisation, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen und dem Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen fĂŒr Frauen zusammen.[22][23] AuĂerdem hat die BahĂĄâĂ International Community 1992 in New York das weltweit tĂ€tige âBĂŒro fĂŒr Frauenförderungâ eingerichtet.
Die BahĂĄâĂ International Community betreut weltweit 1714 soziale und wirtschaftliche Entwicklungsprojekte, sowie 348 Schulen.[24]
Als Shoghi Effendi 1921 das Erbe seines GroĂvaters, Abdul-Baha, antrat, hatte der Bahai-Glaube bereits in 35 LĂ€ndern der Welt FuĂ gefasst: in zwei zu Lebzeiten des Bab, in 13 zu Lebzeiten Bahaâuâllahs und in 20 zu Lebzeiten Abdul-Bahas. Nach Shoghi Effendis Amtszeit war der Glaube in 219 LĂ€ndern verbreitet.[25]
In den letzten fĂŒnf Jahrzehnten hat die Bahai-Gemeinde einen signifikanten Zuwachs erlebt. 1954 gab es weltweit rund 213.000 Bahai, 94 Prozent davon im Iran und rund 10.000 in Europa und Nordamerika. Ab den sechziger Jahren kam es zu einer gröĂeren Verbreitung in einigen LĂ€ndern der dritten Welt. 1968 gab es rund 1,1 Millionen Bahai, wovon 22 Prozent im Iran und 26 Prozent in Indien lebten, in Europa und Nordamerika rund 30.000. 1988 gab es weltweit rund 4,5 Millionen Bahai, davon 6 Prozent im Iran und 40 Prozent in Indien, rund 200.000 in Europa und Nordamerika.[26] 2008 gab es rund 7,8 Millionen Bahai, davon 2,1 Millionen in Afrika, 3,7 Millionen in Asien, 148.000 in Europa, 851.000 in Lateinamerika, 857.000 in Nordamerika und 133.000 in Ozeanien.[27]
2009 bekannten sich etwa 7,8[27] bis 8,1[28] Millionen Menschen zum Bahai-Glauben. Sie leben vor allem in Indien, dem Iran, in Afrika sĂŒdlich der Sahara, Nord- und SĂŒdamerika. Die BahĂĄâĂ International Community gibt rund 5 Millionen Gemeindemitglieder an, welche aus ĂŒber 2100 ethnischen Gruppen stammen und in 189 Staaten leben.[29] Indien stellt mit rund 2,2 Millionen Mitgliedern die gröĂte Bahai-Gemeinde der Welt.[30] Die gröĂte Gemeinde der westlichen Industriestaaten ist mit rund 670.000 Mitgliedern jene der Vereinigten Staaten.[31] Eine SchĂ€tzung des Bevölkerungsanteils der Bahai in ihrem Ursprungsland Iran ist aufgrund ihrer Verfolgung schwierig. Seit 1979 ist vermutlich ĂŒber die HĂ€lfte ins Ausland geflohen. Heutige SchĂ€tzungen variieren zwischen 150.000 und 500.000, wobei meist 300.000 angegeben wird â eine Zahl die letztlich nicht belegbar ist.[32]
Im Jahr 2005 lebten in Deutschland etwa 5000 bis 6000 Bahai.[33] Das erste europĂ€ische Haus der Andacht befindet sich in Hofheim am Taunus (Ortsteil Langenhain) und ist seit 1987 hessisches Kulturdenkmal. Der ebenfalls dort angesiedelte BahĂĄâĂ-Verlag publiziert unter anderem die Offenbarungstexte im Original und in deutscher Ăbersetzung. Insgesamt wurden sie in mehr als 800 Sprachen ĂŒbersetzt.[29] Die AnfĂ€nge der deutschen Gemeinde gehen zurĂŒck auf das Jahr 1905. Durch eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, den Bahai-Beschluss, erlangte die Gemeinschaft in der deutschen Rechtswissenschaft einige Bekanntheit.
Die Bahai besitzen in den zahlreichen Originalschriften ihres Religionsstifters Bahaâuâllah eine eigene zentrale Offenbarungsquelle. Neben dem Heiligsten Buch und dem Buch der Gewissheit sind die mystischen Schriften (wie Die Sieben TĂ€ler oder die Verborgenen Worte) fĂŒr die GlĂ€ubigen von groĂer Bedeutung. Als âSumma der Lehren Bahaâuâllahsâ wird der Brief an den Sohn des Wolfes bezeichnet, worin der Religionsstifter auch auf sein Leben zurĂŒckblickt.
Nach dem Glauben der Bahai steht der Mensch von allen Schöpfungswerken Gott am nĂ€chsten, da er mit einem freien Willen, mit Vernunft, einer unsterblichen Seele und der FĂ€higkeit ausgestattet wurde, Gott zu erkennen und einen Bund mit ihm einzugehen. Das Leben im Diesseits wie im Jenseits wird als eine kontinuierliche mystische Reise zu Gott betrachtet. Himmel und Hölle sind fĂŒr die Bahai Symbole fĂŒr die NĂ€he oder Ferne zu Gott. Eine gewisse âEinheitâ mit Gott kann der Mensch bereits zu Lebzeiten erlangen.[34] Das Leben in dieser Welt ist dazu bestimmt, geistige FĂ€higkeiten zu entwickeln, die fĂŒr das Leben im Jenseits benötigt werden. Als geistige FĂ€higkeiten gelten Tugenden wie die NĂ€chstenliebe, Dankbarkeit, VertrauenswĂŒrdigkeit, Gottvertrauen, Demut und Geduld.[35] Selbstkasteiung, âEinsiedelei und harte Askeseâ[36] werden ebenso abgelehnt wie ein hedonistisches Leben im Ăberfluss. Bahaâuâllah empfiehlt, das ârechte MaĂâ zu halten, und sieht im âDienst am ganzen Menschengeschlechtâ das Kriterium wahren Menschseins.[37] Gesellschaftliches Engagement und soziale Verantwortung, die aktive Gestaltung der Welt, werden als natĂŒrliche Folge individueller SpiritualitĂ€t betrachtet und sind von dieser nicht zu trennen. Bettelei[38] und Beichte[39] sind den Bahai verboten; beides gilt als Erniedrigung des Menschen vor anderen Menschen.[40]
Der menschlichen Vernunft wird eine groĂe Bedeutung zugemessen, auch wenn sie allein in die Irre fĂŒhren kann. Das Wesen des Menschen ist seine unsterbliche Seele, die keine trennenden Merkmale der Rasse oder des Geschlechts trĂ€gt. Der Körper wird als der Tempel des Menschen[41] bezeichnet, dem ebenfalls WertschĂ€tzung entgegengebracht wird, was sich in den Reinheits- und Hygienegeboten Bahaâuâllahs, aber beispielsweise auch im Verbot der Feuerbestattung[42] zeigt.
Die Bahai-Religion hat ein monotheistisches Gottesbild und knĂŒpft damit an der islamischen Tradition an. Die Bahai glauben an âdie Existenz und die Einheit eines persönlichen Gottes, der unerkennbar, unerreichbar, Quell aller Offenbarung, ewig, allwissend, allgegenwĂ€rtig und allmĂ€chtig istâ.[43]
Sein Wesen bleibt fĂŒr den Menschen verborgen. Dieser kann Gott jedoch an seinen Eigenschaften erkennen, die durch die Manifestationen Gottes (also die Religionsstifter) und in der Schöpfung offenbar werden. Gott ist der Schöpfer und Erhalter aller Dinge, der Selbstbestehende. Neben Allmacht, Allwissen und Allbarmherzigkeit sind auch alle anderen positiven Eigenschaften bei Gott in Vollendung vorhanden.
Schöpferischer Antrieb und Ursache allen Seins ist die göttliche Liebe. Die Schöpfung geht aus Gott hervor. Das Wesen Gottes Àndert sich durch die Emanation nicht. Die Schöpfung ist ewig, wie Gott selbst auch ewig ist.[44]
Ein zentraler Grundsatz der Bahai ist, dass Religion nicht der Vernunft und der Wissenschaft widersprechen dĂŒrfe.[45] Als wichtigstes Element der Religion bezeichnete Abdul-Baha die NĂ€chstenliebe. Religion, die zu Zwietracht fĂŒhrt, verfehle ihren Zweck, und es sei besser, ohne sie zu leben.[46]
Im Mittelpunkt des ReligionsverstÀndnisses der Bahai steht eine dreifache Einheit: die Einheit Gottes, die mystische Einheit der göttlichen Offenbarer und die Einheit der Menschheit.[47]
Theologischer Angelpunkt der Bahai-Lehre ist das heilsgeschichtliche Paradigma der fortschreitenden Offenbarung: Gott offenbart sich der Menschheit nicht einmalig, sondern progressiv und zyklisch wiederkehrend. Da die Menschheit sich stĂ€ndig fortentwickelt, muss die Religion eine Erneuerung erfahren, um der Situation entsprechend göttliche FĂŒhrung leisten zu können. Dies geschieht, indem Gott der Menschheit in bestimmten ZeitrĂ€umen göttliche Offenbarer (Manifestation Gottes) schickt. Folglich sind die groĂen Religionen allesamt göttliche Stiftungen, die seine Botschaft in jeweils abgewandelter Ă€uĂerer Form wiedergeben.[48] Nach dem Glauben der Bahai brachte Bahaâuâllah die jĂŒngste dieser göttlichen Offenbarungen, aber nicht die letzte. Nach ihm werden im Abstand von etwa tausend Jahren weitere Offenbarer erwartet. Nach dem Glauben der Bahai wurde Bahaâuâllah von allen groĂen Religionen verheiĂen und verkörpert den Beginn eines neuen Abschnitts in der Entwicklung der Menschheit, der schlieĂlich in einen weltlichen und geistigen Frieden mĂŒnden werde.[49] Seine Gebote sollen die Grundlage fĂŒr eine solche Gesellschaft bilden und dazu fĂŒhren, dass âdem Körper dieser Welt eine lebendige Seele geschenkt wird und dieses zarte Kind, die Menschheit, zur Stufe der Reife gelangtâ.[50]
Im Jahr 1912 hob Abdul-Baha in seinen Ansprachen in Paris zwölf ethische GrundsĂ€tze aus den Lehren Bahaâuâllahs besonders hervor. Diese zentralen LehrsĂ€tze der Bahai dominierten bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts die Rezeption der Religion im Westen, die vor allem als humanitĂ€re Friedensbewegung wahrgenommen wurde. Die spirituellen und philosophischen Lehren Bahaâuâllahs erfuhren erst spĂ€ter ein gröĂeres Interesse.
Die Bahai-Religion schreibt kaum Riten vor, individueller Gestaltungsfreiraum ist gegeben und Inkulturation wird begrĂŒĂt. Adressat fast aller Gebote ist das Individuum, nicht die Gemeinde. Einen unmittelbar erlösenden oder heilsbringenden Charakter haben die Riten nicht. Was zĂ€hlt, ist die geistige Grundhaltung und nicht die Ă€uĂere Form. Eine Etablierung kultischer Traditionen jenseits der von Bahaâuâllah vorgeschriebenen Riten wird aufgrund der Gefahr der âVerkrustung der Religionâ abgelehnt.[51]
Das Haus der Andacht ist die vorgeschriebene AndachtsstĂ€tte der Bahai: ein neunseitiger Kuppelbau mit neun EingĂ€ngen. Der Tempel soll idealerweise von GĂ€rten und sozialen Einrichtungen umgeben sein. Die Gottesdienste sind reine Andachten ohne Liturgie oder Predigt. Neben den heiligen Schriften des Bab und Bahaâuâllahs werden Schriften aus allen Weltreligionen vorgetragen. Als musikalisches Element dienen gesungene Rezitationen und Gebete, Soloimprovisationen sowie Chorgesang. Musikinstrumente sind nicht vorgesehen, da die HĂ€user der Andacht allein dem Wort Gottes und der menschlichen Stimme vorbehalten sind.[51]
Eine zentrale Bedeutung haben die Fastenzeit und das Gebet, insbesondere die Pflichtgebete, die in drei unterschiedlichen LĂ€ngen und Formen zur Auswahl stehen.[52] Gefastet wird an 19 Tagen im Jahr (den letzten Monat des Bahai-Kalenders). Fasten bedeutet fĂŒr die Bahai völlige Enthaltung von Speise und Trank zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Vom Fasten ausgenommen sind Reisende und alle, die aus gesundheitlichen GrĂŒnden nicht fasten sollten. Weitere wichtige Gebote Bahaâuâllahs sind das tĂ€gliche Lesen in den Heiligen Schriften, sowie die tĂ€gliche 95malige Rezitation des GröĂten Namens.[51]
Bahaâuâllah verbietet den Bahai im Kitab-i-Aqdas, Dinge zu konsumieren, welche sie ihres Verstandes berauben, es sei denn, es ist medizinisch notwendig.[53] Wie an anderer Stelle erlĂ€utert wird, sind damit auch GlĂŒcksspiel, alkoholische GetrĂ€nke und Drogen gemeint.[54]
Die Heiratszeremonie, welche als Form nur eine einfache Trauformel kennt,[55] ist nur zwischen Frau und Mann möglich[56] und erfordert die Zustimmung aller noch lebenden Elternteile, was vor allem die Einheit innerhalb der Familie stĂ€rken soll.[57] Sexuelle Beziehungen auĂerhalb der Ehe werden abgelehnt.[58]
Die Bahai respektieren die Gesetze ihres jeweiligen Landes,[59] enthalten sich jedoch der Parteipolitik.[60] Engagement in Jugendgruppen, Friedensbewegungen, interreligiösen Initiativen und Umweltschutzbewegungen und dergleichen auĂerhalb der Bahai-Gemeinde, sofern parteipolitisch neutral, wird ausdrĂŒcklich gefördert.
Die wichtigsten Festtage der Bahai-Gemeinde sind Naw-Ruz (Neujahrsfest am 21. MĂ€rz), Ridvan (die VerkĂŒndigung Bahaâuâllahs vom 21. April bis zum 2. Mai), die VerkĂŒndigung des Bab und Geburtstag Abdul-Bahas (am 23. Mai), das Hinscheiden Bahaâuâllahs (am 29. Mai), der MĂ€rtyrertod des Bab (am 9. Juli), der Geburtstag des Bab (am 20. Oktober) und der Geburtstag Bahaâuâllahs (am 12. November).[61]
Die örtliche Gemeinde trifft sich alle 19 Tage zu ihrer monatlichen Versammlung, welche von den Bahai Neunzehntagefest genannt wird. Der Bahai-Kalender teilt das Jahr in 19 mal 19 Tage ein. Das Neunzehntagefest markiert den Monatsbeginn. Das Fest besteht aus drei Teilen: einem besinnlichen Andachtsteil, bei welchem aus den heiligen Schriften gelesen wird, einem Beratungsteil, bei welchem die Gemeinde ĂŒber ihre TĂ€tigkeiten berĂ€t, und einem geselligen Teil, welcher mit einem Festmahl einhergeht.[62][45]
Mancherorts werden öffentliche Andachten veranstaltet, welche gemeinsam mit den AnhÀngern anderer Religionsgemeinschaften gestaltet werden. Bei Gebeten der Weltreligionen rezitieren und singen die ReprÀsentanten der Religionen nacheinander Gebete ihrer heiligen Schriften. Als verbindendes Element dient die Musik. Weitere Veranstaltungen der Bahai sind u. a. Gebetsversammlungen, Lesungen aus religiösen Schriften, Studienkurse, Kinderklassen, VortrÀge oder Tagungen.
Einen Klerus gibt es nicht. Jeder offiziell erklĂ€rte Bahai kann ab dem 21. Lebensjahr grundsĂ€tzlich jedes Amt bekleiden. Bei VerstoĂ gegen eine administrative Regel oder bei offensichtlichem VerstoĂ gegen zentrale Glaubensgebote in der Ăffentlichkeit können allerdings die administrativen Rechte zeitlich begrenzt entzogen werden. Das bedeutet, dass man in dieser Zeit von der Teilnahme im Neunzehntagefest ausgeschlossen ist und sein aktives und passives Wahlrecht in der Gemeinde verliert. Spaltungsversuche und massive interne Angriffe, die das Gemeindeleben ernsthaft gefĂ€hrden wĂŒrden, können durch das internationale Haus der Gerechtigkeit als Bundesbruch festgestellt werden. Folge sind der vollstĂ€ndige Ausschluss aus der Gemeinde und der Abbruch aller Kontakte zum Bundesbrecher. FĂ€lle von Bundesbruch gab es in Europa sehr selten.
Die Struktur der Gemeindeordnung unterteilt sich in zwei Bereiche: In einen gewÀhlten und in einen ernannten Zweig. Die gesamte Ordnung basiert auf dem Beratungsprinzip und der freien, geheimen und unabhÀngigen Wahl.[63]
EntscheidungstrÀger sind die gewÀhlten Gremien mit neun Mitgliedern, welche die AktivitÀten der Gemeinde leiten und koordinieren.[64] Der ernannte Zweig besteht aus verschiedenen Stufen von Beratern, welche von den gewÀhlten Gremien ernannt werden, diese haben keine Entscheidungsgewalt.[63]
Die örtlichen Geistigen RĂ€te werden einmal im Jahr durch die ganze Gemeinde gewĂ€hlt. Jedes Land ist in bestimmte Wahleinheiten eingeteilt, wo Delegierte gewĂ€hlt werden, die ihrerseits bei einer jĂ€hrlichen Tagung die Geistigen RĂ€te auf nationaler Ebene wĂ€hlen. Der internationale Rat, das Universale Haus der Gerechtigkeit in Haifa, wird alle fĂŒnf Jahre durch die mĂ€nnlichen und weiblichen Mitglieder aller nationalen RĂ€te aus der Gesamtheit aller mĂ€nnlichen GlĂ€ubigen gewĂ€hlt.
Sowohl die Wahl der Gremien als auch das Prinzip der Beratung sind fĂŒr die Bahai ein Ideal. Eine Bahai-Wahl ist ein Akt demokratischer Willensbildung; sie ist allgemein, frei, gleich und geheim, enthĂ€lt aber auch einen spirituellen Charakter. QualitĂ€t des Charakters wird als wichtiger angesehen als intellektuelle Qualifikation. Dem Alter, Geschlecht oder gesellschaftlichem Stand soll keine Bedeutung zugemessen werden. Interessenvertretung, Empfehlungen, Kandidaten, Parteien und Wahlkampf sind untersagt.[63]
Das Beratungsprinzip soll sicherstellen, dass die Erfahrung und das Wissen aller fĂŒr die gemeinsame Willensbildung nutzbar wird. Freie und uneingeschrĂ€nkte MeinungsĂ€uĂerung sind dabei unerlĂ€sslich. âErst wenn die Meinungen aufeinanderprallenâ, so Abdul-Baha, âkann der Funke der Wahrheit sprĂŒhenâ. Bei Entscheidungen wird nicht publiziert, welches Mitglied wie gestimmt hat. Parteibildung und Lobbyarbeit sollen durch lösungsorientierte Arbeit ersetzt werden. Voraussetzung fĂŒr diese Form der Entscheidungsfindung ist, dass alle Ratsmitglieder als gleichberechtigt betrachtet werden. MeinungsbeitrĂ€ge fĂŒr eine Beratung werden nicht als persönliches âEigentumâ betrachtet, sondern werden in dem Moment, in welchem sie in die Diskussion eingebracht werden, zum Gemeingut, ĂŒber das alle gemeinsam befinden. Entscheidungsgrundlage ist die Heilige Schrift, die durch den Rat â je nach Beratungsgegenstand â stets neu anzuwenden ist. Jede Beratung im Geistigen Rat wird mit Gebeten begonnen.
Die Gemeinde finanziert sich ĂŒber freiwillige und anonyme Spenden, die ausschlieĂlich von Bahai angenommen werden.[65]
Eine Regel der Bahai in den Vereinigten Staaten, welche einige intellektuelle Bahai als interne Zensur kritisieren, ist, dass dort schriftliche Arbeiten ĂŒber den Bahai-Glauben vor der Publikation einer internen PrĂŒfung unterzogen werden. Diese Praxis, die noch aus der Zeit Shoghi Effendis stammt, wird heute kontrovers diskutiert.[66]
Die Beziehung der Bahai zu anderen Religionen ist geprĂ€gt von der Aufforderung ihres Religionsstifters: âVerkehret mit allen Religionen in Herzlichkeit und Eintracht, auf daĂ sie Gottes sĂŒĂe DĂŒfte von euch einatmen. HĂŒtet euch, daĂ euch im Umgang mit den Menschen nicht die Hitze törichter Unwissenheit ĂŒbermanne.â[67] Konflikte aus religiösen GrĂŒnden werden abgelehnt, denn das Ziel von Religion ist es âdas Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen zu pflegenâ[68] und sie soll ânicht zur Quelle der Uneinigkeit und der Zwietracht, des Hasses und der Feindschaft werdenâ.[68]
Zu anderen Religionen besteht von Seiten der Bahai nicht nur aufgrund dieser Gebote ein gutes VerhĂ€ltnis, sondern auch weil sie in Gott den âHerrn aller Religionenâ[69][70] sehen. So gelten etwa Adam, Abraham, Moses, Zarathustra, Krishna, Siddhartha Gautama, Jesus Christus, Mohammed, der Bab und Bahaâuâllah als Manifestationen Gottes.[71]
GemÀà dem Gebot Bahaâuâllahs âVerkehret mit den AnhĂ€ngern aller Religionen im Geiste des Wohlwollens und der BrĂŒderlichkeitâ[72] wirken Bahai beim interreligiösen[73] und am interkulturellen Dialog[74] mit. Dabei erlangten sie insbesondere durch den Ausschluss seitens der schiitischen Gemeinde vom interreligiösen Dialog in Hamburg einige Bekanntheit.[75] Dem gegenĂŒber steht die Förderung und UnterstĂŒtzung des Dialoges mit Bahai von muslimischen Vertretern wie dem Zentralrat der Muslime in Deutschland und der DITIB.[76]
Die Verfolgungsgeschichte der Bahai in ihrem Ursprungsland Iran beginnt mit den AnfĂ€ngen ihrer Religion. Bereits 1849/50 wurden in einem Religiozid zahlreiche AnhĂ€nger des Bab massakriert, einige Quellen sprechen von ĂŒber 20.000.[77] Der Bab selbst wurde 1850 öffentlich hingerichtet. Der Religionsstifter Bahaâuâllah war bis zu seinem Lebensende im heutigen Israel ein Verbannter und Gefangener. Theologisch betrachtet gelten Bahai im orthodoxen Islam als Abgefallene. Ihre Religion wurzelt im schiitischen Islam, hat sich aber von ihm gelöst. Die Bahai betrachten Mohammed, entgegen der Auffassung des islamischen Klerus, nicht als den letzten Propheten.[78] Im Gegensatz zu Christen, Juden und Zoroastriern sind die Bahai im Iran nicht als geschĂŒtzte religiöse Minderheit anerkannt. Damit werden Repressionen legitimiert und legalisiert.[79] Im Kampf um Einfluss und Macht innerhalb des Iran dienten und dienen die Bahai, zu Erzfeinden des Schiitentums und des Nationalstolzes stilisiert, immer wieder als SĂŒndenböcke, die instrumentalisiert werden, um die emotionale UnterstĂŒtzung der Massen zu gewinnen.[80][81] In der iranischen Ăffentlichkeit wird die Verfolgung mit angeblicher âGefĂ€hrdung der nationalen Sicherheitâ begrĂŒndet.[82] Dabei stellen die Bahai im Iran eine Religionsgemeinschaft dar, die sich gemÀà den Lehren ihres Glaubens nicht in die iranische Politik einmischt und das Prinzip der Gewaltlosigkeit praktiziert.[83]
Seit der Islamischen Revolution hat sich die Situation der Bahai im Iran wieder verschlechtert. Seit 1981 wurde den Bahai bis heute die Aufnahme in Bildungseinrichtungen verweigert, Angestellten im öffentlichen Dienst ohne Sozialversicherung und Rente gekĂŒndigt, GehĂ€lter und Ausbildungskosten mussten unter Androhung von GefĂ€ngnis zurĂŒckgezahlt werden. Bahai-Eigentum wurde enteignet, GeschĂ€ftsverkehr mit Bahai-Angehörigen verboten, LĂ€den und GeschĂ€fte geschlossen, GeschĂ€fts- und Privatkonten gesperrt. Immer wieder kam es zu Pogromen: GeschĂ€fte, BĂŒros und Fabriken wurden geplĂŒndert, Vieh abgeschlachtet, die Ernte enteignet oder gestohlen. WohnhĂ€user wurden ĂŒberfallen und in Brand gesteckt, die Bewohner massakriert, lebendig verbrannt oder gewaltsam gezwungen zum Islam zu konvertieren.[84] Bis 1985 war praktisch die gesamte gewĂ€hlte FĂŒhrung der Bahai in 210 Hinrichtungen getötet.[77] Vermutlich mindestens 10.000 GlĂ€ubige sind ins Exil geflohen.[85]
In den neunziger Jahren entspannte sich die Menschenrechtssituation etwas. Die iranische FĂŒhrung nahm zwar Abstand von der blutigen Verfolgung, verwehrte den Bahai aber weiterhin zentrale Menschen- und BĂŒrgerrechte.
Seit dem Amtsantritt des derzeitigen PrĂ€sidenten Mahmud Ahmadinedschad werden alle Bahai wieder systematisch vom iranischen Geheimdienst ĂŒberwacht.[86] Die Internationale Bahai-Gemeinde meldete eine deutliche Zunahme an willkĂŒrlichen Inhaftierungen, horrende Kautionszahlungen, Folter, Beschlagnahmungen, Schikanen und Drangsalierungen von Kindern und Jugendlichen.[87] Ăbergriffe auf Bahai, welche unbestraft bleiben, werden durch gezielte Hetzkampagnen geschĂŒrt.[88] Im Jahr 2004 wurden mehrere mit der frĂŒhen Bahai-Geschichte im Iran verbundene heilige StĂ€tten, darunter das Geburtshaus Bahaâuâllahs, zerstört.[89] Am 9. September 2008 verabschiedete das iranische Parlament ein Gesetz, welches die Abkehr vom Islam unter Androhung der Todesstrafe verbietet, das aber vom WĂ€chterrat vorerst nicht ratifiziert wurde.[90] Mitte 2010 wurden sieben im Mai 2008 vom iranischen Geheimdienst inhaftierte Bahai zu jeweils 20 Jahren GefĂ€ngnis verurteilt.[91] Sie wurden u.a. der Spionage fĂŒr Israel und der Propaganda gegen das islamische System beschuldigt â Anklagepunkte, die das vierköpfige Verteidigerteam[92] von Schirin Ebadi zurĂŒckwies. Eine spĂ€tere Entscheidung der Berufungsinstanz, die Haftstrafe auf zehn Jahre zu halbieren, wurde auf Betreiben des iranischen Generalstaatsanwalts wieder rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Der Beauftragte der Bundesregierung fĂŒr Menschenrechtspolitik im AuswĂ€rtigen Amt, Markus Löning, wies im April 2011 darauf hin, dass diese im Verborgenen gefallene Entscheidung zeige, dass âIran nicht bereit ist, Transparenz herzustellen und grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien zu respektierenâ. Die iranische FĂŒhrung rief er dazu auf, das Menschenrecht auf Religionsfreiheit zu gewĂ€hrleisten, die Urteile offenzulegen, die SchuldsprĂŒche aufzuheben und die Inhaftierten freizulassen.[93]
In der religionswissenschaftlichen Forschung wird die Bahai-Religion als abrahamitischer Monotheismus eigener PrÀgung und als eigenstÀndige Universalreligion betrachtet.[94]
In der Ă€lteren Forschung sah dieses Bild teilweise noch anders aus, da die frĂŒhen Darstellungen ĂŒber die Bahai-Religion im deutschsprachigen Raum ĂŒberwiegend von christlichen Apologeten verfasst wurden.[95] Zu den gĂ€ngigsten FehleinschĂ€tzungen zĂ€hlte die Einordnung als âislamische Sekteâ, die darauf zurĂŒckzufĂŒhren ist, dass die Bahai-Religion in einem islamischen Kulturraum entstand. Dies wurde durch den unkritischen, unwissenschaftlichen und zum Teil apologetischen Gebrauch des Wortes Sekte begĂŒnstigt. Verkannt wurde, dass sich die Bahai-Religion auf eigene heilige Texte stĂŒtzt, einen eigenen universalen Anspruch hat und das islamische Religionsgesetz bereits 1848 aufgehoben wurde.[95] In den Jahren der Sektendebatte in Deutschland (etwa ab 1990) trug auch eine Publikation[96] der Evangelischen Zentralstelle fĂŒr Weltanschauungsfragen zeitweilig dazu bei, dass der deutschen Bahai-Gemeinde ein Sektenimage anhaftete. Dem trat die Bahai-Gemeinde mit der Veröffentlichung einer umfassenden Erwiderung[97] entgegen, womit eine sachgerechte GesprĂ€chsbasis wiederhergestellt wurde.[98]
MaĂgeblich fĂŒr die neuere Forschung im deutschen Sprachraum sind vor allem das âHandbuch BahÄÊŸÄ«â[99] des Bonner Religionswissenschaftlers Manfred Hutter und sein Beitrag zur Vorlesungsreihe âWeltreligionen: Verstehen. VerstĂ€ndigung. Verantwortungâ[100] der 10. Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur an der UniversitĂ€t Mainz, ferner eine umfassende Einleitung[101] zu Bahaâuâllahs Brief an den Sohn des Wolfes in der kommentierten Ăbersetzung des Frankfurter Orientalisten Armin Eschraghi.
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