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Basilika San Francesco

Basilika und Kloster vom Tal aus gesehen
Die Basilika San Francesco mit den EingÀngen zur Unter- und Oberkirche
Die Oberkirche San Francesco

Die Basilika San Francesco ist eine Basilika in Assisi, Italien.[1] Sie ist die Grablegungskirche des Heiligen Franziskus von Assisi. Als Basilica maior gehört sie seit 1756 zu den sieben ranghöchsten katholischen GotteshÀusern.

Die Basilika ist in Ober- und Unterkirche mit bedeutenden Malereien der Renaissance, unter anderem des Giotto di Bondone, geschmĂŒckt. Sie wurde am 26. September 1997 bei einem Erdbeben schwerst beschĂ€digt und mit enormem Aufwand wiederhergestellt.

Inhaltsverzeichnis

Historischer Überblick

Geschichte der Grablegung

Die Basilika San Francesco liegt am westlichen Ende der Ortschaft Assisi, direkt am Hang des Gebirgszuges Monte Subasio. Dieser etwas abseits gelegene Bereich war einstmals der Ort, wo Hinrichtungen stattgefunden haben, im Volksmund auch Colle d’inferno (‚HöllenhĂŒgel‘) genannt. Hier wollte Franziskus begraben werden, in Erinnerung an Jesus, der ebenfalls an einer HinrichtungsstĂ€tte (Golgota) außerhalb der Stadtmauer von Jerusalem den Tod fand.

Mit dem Bau der Basilika wurde im Juli 1228 begonnen, im Jahr der Heiligsprechung von Franziskus durch Papst Gregor IX., der den Bau der Grabeskirche des Heiligen angeregt hatte und am 17. Juli 1228 selbst den Grundstein legte. Der Hl. Franziskus, der schon am 3. Oktober 1226 in Portiunkula verstorben war, wurde zunĂ€chst in der Kirche San Giorgio (an der Stelle der heutigen Grabeskirche Santa Chiara fĂŒr die heilige Klara) beigesetzt.

Baugeschichte

Grab des Hl. Franziskus in der Krypta

Der Kirchen-Komplex der Basilica San Francesco ist als Doppelkirche ausgefĂŒhrt, mit der Oberkirche Basilica Superiore und einer Etage tiefer der Unterkirche Basilica Inferiore. Ob die Kirche mit Ober- und Unterkirche bereits von Anfang an so geplant war, oder ob sie einer PlanĂ€nderung wĂ€hrend des Baues oder gar in zeitlich unterschiedlichen Bauphasen errichtet wurde, wird in der Literatur noch diskutiert. Untrennbar mit diesen Kirchen verbunden ist das benachbarte Kloster, genannt Sacro Convento, das Mutterhaus aller Franziskanerklöster.

Die Idee zu diesem Komplex mit Unter- und Oberkirche wird auf Bruder Elias von Assisi zurĂŒckgefĂŒhrt, der zunĂ€chst Generalvikar und ab 1232 Generalminister des Franziskanerordens war. Ihm oblag bis 1239 die Bauleitung. Schon nach zwei Jahren Bauzeit, im Jahre 1230 also, war die Unterkirche soweit fertiggestellt, dass der Leichnam von Franziskus aus San Giorgio nach hier ĂŒberfĂŒhrt werden konnte. Aus Angst vor GrabschĂ€ndung und Reliquienhandel wurde jedoch die GrabstĂ€tte geheim gehalten und erst bei Grabungen im Jahre 1818 wurde sie genau unter dem Altar der Unterkirche wiederentdeckt. Heute ist dieser Ort ein viel besuchter Wallfahrtsort.

In der Basilika San Francesco dokumentiert sich der Wechsel im Baustil von romanisch zu gotisch, der sich regional sehr unterschiedlich von der 2. HĂ€lfte des 12. Jahrhunderts bis etwa Mitte des 13. Jahrhunderts hinzog, exemplarisch. Die Unterkirche ist noch im romanischen Stil errichtet, wĂ€hrend die Oberkirche bereits im gotischen Stil erbaut ist. Sie gilt als GrĂŒndungsbau der Bettelordensarchitektur (oder Bettelordensgotik) und ist die erste speziell fĂŒr diesen Orden gebaute Kirche.[2] Als Wallfahrtskirche mit ordensinternem Sonderstatus (caput mater) wurde der Bautyp von San Francesco (doppelgeschossige Saalkirche mit Querschiff) nur sehr selten in der Bettelordensarchitektur aufgegriffen. Wichtigstes und bekanntestes Beispiel ist Santa Chiara in Assisi; bereits hier ohne Unterkirche, nur mit kleiner Grablege fĂŒr die Heilige Klara.[3] Allerdings verbreitete sich der Bautyp der schlichten Saalkirche in Folge fast flĂ€chendeckend in Europa als mittelalterlicher GrĂŒndungsbau zahlreicher Franziskanerkonvente.[4] Wie der Petersdom in Rom liegt sie am „falschen“ Stadtrand und musste gewestet werden, damit die Fassade der Stadt zugewandt ist.

An der Unterkirche wurde wahrscheinlich ab 1227 gebaut. Vermutlich erforderte der Bau aufgrund der Hanglage umfangreiche Erdarbeiten, die vor der Grundsteinlegung erfolgen mussten. Papst Gregor IX. legte dann am 17. Juli 1228 den Grundstein fĂŒr die Kirche, einen Tag nach der Heiligsprechung des Franziskus. Die Nachricht von einer weitgehenden Fertigstellung im Jahr 1239 bezog sich wohl nur auf die Unterkirche. Angaben, dass möglicherweise bereits Unter- und Oberkirche in diesem Jahr fertiggestellt waren, sind zweifelhaft, weil die Baustile von Unter- und Oberkirche doch sehr unterschiedlich sind und eher auf eine Bauunterbrechung hindeuten, oder zumindest auf eine PlanĂ€nderung. Die jetzige Form der Kirche entspricht wohl kaum einer einheitlichen Planung, obwohl in der Vergangenheit auch schon diese Meinung vertreten wurde[5].

Nach einer neueren Vorstellung war zunĂ€chst nicht eine Doppelkirche geplant worden, sondern lediglich eine einfache Kirche (die Unterkirche) mit einem Spitzdach und einem offenen Dachstuhl. Das hieße, man hĂ€tte anfangs nicht an eine darauf aufsitzende Oberkirche gedacht, bei dieser Lage am Berghang ja auch verstĂ€ndlich. WĂ€re sie nur als Krypta gedacht gewesen, hĂ€tte sie nicht die gleiche GrĂ¶ĂŸe wie die Oberkirche haben mĂŒssen. Die Einwölbung soll erst spĂ€ter erfolgt sein [6] und um 1300 soll die Oberkirche hinzugekommen sein, die als Papstkapelle gedacht war. Bauherr war Papst Gregor IX. Der Vorstellung, dass zunĂ€chst nur eine einfache Kirche geplant war, widerspricht allerdings die Hanglange, denn die Kirche hĂ€tte den Vorplatz der Kirche gerade mal mit dem Dach ĂŒberragt. Eine reprĂ€sentative Westfassade wĂ€re kaum möglich gewesen, es sei denn die (Unter-)Kirche hĂ€tte eine ungewöhnliche Höhe gehabt.

Vielleicht wurde die Oberkirche auch erst ab 1244 geplant oder stilistisch umgeplant, als in Paris die Sainte-Chapelle begonnen wurde, auch eine Doppelkirche, die möglicherweise das Vorbild fĂŒr die Anlage in Assisi war. Die Kirchweihe der Basilica San Francesco fand 1253 fĂŒr beide Teilkirchen zusammen statt.[7]. ‚Weihe’ heißt aber nicht, dass die Bauwerke auch tatsĂ€chlich fertig waren. ‚Weihe’ heißt lediglich, dass der Hauptaltar von einem hohen kirchlichen WĂŒrdentrĂ€ger, wenn möglich dem Papst selbst, „geweiht“ wurde. Auf keinen Fall war damals das Freskenprogramm fertig.

Die ganze Anlage wurde im 15. Jahrhundert (1472-74) von Papst Sixtus IV., der aus dem Franziskanerorden hervorgegangen war, umgestaltet und erweitert, was sich aber vor allem auf die KlostergebĂ€ude bezog. Das Grundkonzept fĂŒr die Kirche blieb erhalten (Die Renaissance-Vorhalle stammt von Francesco da Pietrasanta, 1487). Und dieses Grundkonzept bestand - zumindest nach einer anderen Theorie - von Anfang an nicht nur aus den beiden Kirchenteilen, sondern auch aus einem umfassenden Bildprogramm, das von vorneherein feststand. Das ist vor allem daran zu erkennen, dass die Treppenanlagen von der Unter- zur Oberkirche hinauf kein einziges Fresko beeintrĂ€chtigen oder zerstört haben, was sie sicher getan hĂ€tten, wenn es keine vorherige Gesamtplanung inklusive der Malerei gegeben hĂ€tte.[8]

Unterkirche

Seiteneingang zur Unterkirche

Die Unterkirche betritt man durch den Seiteneingang in gotischem Stil (2. HĂ€lfte des 13. Jahrhunderts) durch zwei HolztĂŒren (umbrische Handwerkskunst des 16. Jahrhundert). GegenĂŒberliegend sieht man ins VestibĂŒl der Kapelle von Kardinal Egidio Albornoz, einem pĂ€pstlichen Legaten (von 1350 bis 1367). Die Kapelle ist der heiligen Katharina von Alexandrien geweiht. Die Fresken mit acht Episoden aus dem Leben der Heiligen wurden 1368–1369 von Andreas pictor de Bononia (Andrea genannt – wahrscheinlich Andrea de’ Bartoli (1349–1369), der HofkĂŒnstler von Albornoz – und nicht, wie gewöhnlich fĂ€lschlicherweise angenommen, Andrea da Bologna) geschaffen. Die Heiligen in dieser Kapelle wurden von Pace di Bartolo d’Assisi (1344–1368) gemalt.

Auf der linken Seite befindet sich eine kleine Kapelle, die dem heiligen Sebastian geweiht ist mit GemĂ€lden, die Szenen aus dem Leben des Heiligen darstellen von G. Martelli. Auf der rechten Seite sind die GrabstĂ€tten von Giovanni de’ Cerchi und die von Johann von Brienne, dem König von Jerusalem und Kaiser von Konstantinopel, zu sehen.

Die Unterkirche besteht aus einem Hauptschiff mit einigen Seitenkapellen. Das Hauptschiff ist mit den Ă€ltesten Fresken eines unbekannten KĂŒnstlers bemalt, den man Meister des Heiligen Franziskus (Maestro di San Francesco) nannte. Sie stellen rechts Szenen aus der Passionsgeschichte Christi und links fĂŒnf Szenen aus dem Leben des hl. Franziskus dar. Die niedrige Decke ist blau mit Sternen ausgemalt.

St. Martin kehrt sich ab vom Leben als Ritter (Fresco von Simone Martini)

Die Bilder an den unteren WÀnden sind zerstört, nur Reste von Cimabues Jungfrau mit Kind und Engeln sind erkennbar.

Die erste Seitenkapelle links ist dem heiligen Martin von Tours geweiht. Sie wurde fĂŒr Kardinal da Montefiore gebaut und wurde zwischen 1317 und 1319 mit zehn Fresken von Simone Martini ausgemalt, die Szenen aus dem Leben des Heiligen darstellen. Diese zĂ€hlen zu den wichtigsten Arbeiten von Simone Martini und bieten beste Beispiele fĂŒr die Malerei des 14. Jahrhunderts.

Die zweite Seitenkapelle links ist dem hl. Petrus von Alcantara geweiht.

Die Seitenkapellen rechts sind folgenden Heiligen geweiht:

Die Maesta thront mit Engeln und dem hl. Franziskus (Fresco von Cimabue)

Diese Kapelle von Teobaldo Pontano erbaut (Bischof von Assisi von 1296 bis 1329), enthĂ€lt GemĂ€lde aus der Werkstatt von Giotto di Bondone (um 1320) (von Vasari fĂ€lschlicherweise Puccio Capanna zugeschrieben). An den SeitenwĂ€nden sind Szenen aus dem Leben der hl. Maria Magdalena dargestellt (ĂŒber dem PortrĂ€t von Teobaldo Pontano), außerdem stehen vorne BĂŒsten von Christus, der Jungfrau Maria, Maria Magdalena und Lazarus.

Die Fresken im rechten Querschiff zeigen die Kindheit Jesu. Sie stammen zum Teil von Giotto di Bondone und seiner Werkstatt, die Weihnachtsszene wurde von dem anonymen Maestro di San Nicola gemalt. Unten werden auf drei Fresken Szenen dargestellt, in denen der hl. Franziskus nach seinem Tod zwei Kindern beisteht. Diese Fresken von Giotto waren zu seiner Zeit revolutionÀr, da sie Menschen mit Emotionen in realistisch dargestellter Landschaft zeigten.

Madonna dei Tramonti (von Pietro Lorenzetti)

An die Wand des Querschiffs malte Cimabue 1280 sein berĂŒhmtes Werk Die Jungfrau Maria mit Engeln und dem hl. Franziskus auf dem Thron. Das Bild des Franziskus gilt als eine der authentischsten und ursprĂŒnglichsten Darstellungen des Heiligen.

Am rechten Querschiff ist auch die Kapelle des hl. Nikolaus von Myra zu finden, wahrscheinlich im Auftrag des pĂ€pstlichen Legaten Kardinal Napoleone Orsini Frangipani entstanden. Sie ist mit einem Freskenzyklus von zehn Fresken des anonymen Meisters des St. Nikolauskapelle ausgeschmĂŒckt (zwischen 1295 und 1305), die Szenen aus dem Leben des Heiligen zeigen. Diese Szenen haben den Freskenzyklus in der Oberkirche beeinflusst, die Szenen aus dem Leben des hl. Franziskus darstellen. Vasari schrieb die Fresken daher fĂ€lschlicherweise einem KĂŒnstler Giottino zu. Derselbe KĂŒnstler malte auch die VerkĂŒndigung ĂŒber dem Eingang der Kapelle.

Das linke Querschiff wurde zwischen 1315 und 1330 von dem Sieneser Maler Pietro Lorenzetti und seiner Werkstatt ausgemalt (von Vasari fĂ€lschlicherweise ebenfalls Giotto und Puccio Capanna zugeschrieben). Diese sechs Fresken mit Szenen der Passionsgeschichte Christi bilden seine Meisterwerke, insbesondere das Fresko der Kreuzabnahme ist sehr gefĂŒhlsstark. Zum ersten Mal seit der Antike wird hier Schatten dargestellt.

PĂ€pstlicher Altar mit Fresken

Der Zyklus wurde in 330 Arbeitsschritten fertiggestellt, dafĂŒr brauchte man mehrere Jahre. Auch in der angrenzenden Kapelle, die dem hl. Johannes dem TĂ€ufer geweiht ist, ist ein Fresko von Pietro Lorenzetti zu sehen, die Madonna dei Tramonti.

Der pĂ€pstliche Altar in der Apsis wurde aus einem einzigen Felsblock aus Como (1230) gehauen. Um den Altar ranken sich Bögen in gotischem Stil mit SĂ€ulen in verschiedenen Stilen. Das hölzerne ChorgestĂŒhl wurde 1471 von Apollonio Petrocchi aus Ripatransone mit Hilfe von Tommaso di Antonio Fiorentino und Andrea da Montefalco gefertigt. Die WĂ€nde der Apsis sind heute mit der Darstellung des JĂŒngsten Gerichts von Cesare Sermei di Orvieto (1609-1668) ausgeschmĂŒckt.

Die GemĂ€lde an der Decke (1315-1320) zeigen den Triumph des hl. Franziskus und drei allegorische Figuren (die drei franziskanischen Ordenstugenden): den Gehorsam, die Armut und die Keuschheit vom so genannten anonymen Maestro delle Vele, einem SchĂŒler Giottos (um 1330).

Oberkirche

Die Oberkirche von San Francesco gilt als einer der schönsten RĂ€ume der italienischen Kunstgeschichte. Die Kirche ist vom Stil her gotisch, doch entspricht dieser Stil nicht der nordeuropĂ€ischen Gotik. Die Oberkirche ist ein farblich reich ausgestatteter, in moderaten Maßen sich bescheidender Raum, der nicht die extreme Höhensteigerung der deutschen oder französischen Gotik zeigt, sondern ein Einheitsraum mit gotischen Elementen ist.

Die Bettelorden bevorzugen solche Kirchenformen gegenĂŒber der traditionellen Einteilung in Mittelschiff und Seitenschiffe. Sie verzichten auch auf den Kapellenkranz im Chor. Dies hat seinen Grund darin, dass es in den Bettelorden nur wenige Priester gab, so dass die zusĂ€tzlichen AltĂ€re fĂŒr die tĂ€gliche Zelebration der Priester nicht gebraucht wurden.[9]

FĂŒr einen Bettelorden ist dieser Raum architektonisch zu aufwĂ€ndig, denn das Armutsgebot der Franziskaner verbot solche aufwĂ€ndigen Gewölbebauten.[10] Die Franziskaner haben hier also schon zu Beginn ihrer Ordensentwicklung klar gegen ihr eigenes Armutsgebot verstoßen, indem sie einen dermaßen prĂ€chtigen Innenraum zuließen.[11] FĂŒr diese Entwicklung ist vor allem der Generalminister Elias von Cortona verantwortlich, dessen Handeln als Bauherr von San Francesco den Orden in verschiedene Gruppierungen spaltete.

Der Freskenzyklus der Oberkirche

Hauptschiff der Oberkirche mit Fresken von Giotto

Der Grund, warum dieser Raum in der italienischen Kunstgeschichte eine solche Rolle spielt, ist in dem großen Freskenzyklus zu sehen von - wahrscheinlich - Giotto di Bondone, kurz Giotto genannt, der von 1266 bis 1337 lebte und als eines seiner frĂŒhesten Werke diese Fresken der Franziskuslegende ab 1296 malte.

Es gab und gibt in der Kunstgeschichte einen langen Streit ĂŒber die wahre Zuschreibung dieser Fresken. Besonders in Teilen der deutschen Forschung wird die Autorenschaft Giottos an den Franziskus-Fresken bestritten. Die italienische Kunstgeschichte war hier aber lange Zeit weitgehend eindeutig fĂŒr Giotto. In neuester Zeit hat der italienische Restaurator Bruno Zanardi seine Zweifel an der Autorenschaft Giottos geĂ€ußert [12]. Er hĂ€lt den römischen Maler Pietro Cavallini (um 1250 - 1330) fĂŒr den Schöpfer der Francesco-Fresken.

In der Oberkirche sollte Giotto Szenen aus dem Leben des Hl. Franziskus darstellen, und zwar nach der „Legenda Maior“ des Bonaventura. Diese Lebensbeschreibung hatte zum Ziel, Franziskus als Evangelisten und Apostel der Endzeit darzustellen, sein Leben als gelebtes Evangelium zu glorifizieren und ihn in einer fortschreitenden Ähnlichkeit zu Christus zu sehen. Entsprechend dieser Funktion der Fresken, eine enge Beziehung zwischen Franziskus und Christus herzustellen, sind die lebensgroßen Bilder der Sockelzone, die Franziskus gewidmet sind, von Giotto auf entsprechende Szenen in der Fensterzone darĂŒber bezogen, wo in zwei weiteren ĂŒbereinander liegenden Bildstreifen Szenen aus dem Alten Testament und solche aus dem Leben Jesu dargestellt sind. Die Bildstreifen bilden eine thematische Einheit. Franziskus und Christus werden im gesamten Raum aufeinander bezogen, ja quasi gleichgesetzt. Dies entspricht der Interpretation, die in der Amtskirche der damaligen Zeit erwĂŒnscht war.[13]

An jeder Seite des Langhauses befinden sich 14 Freskenszenen. 14 ist die Symbolzahl des heiligen Franziskus, und zwar als Verdoppelung der Sieben, der Symbolzahl fĂŒr Christus.[14] Die Verdoppelung der Sieben zur 14 als der Symbolzahl des heiligen Franziskus weist also auf seine ChristusĂ€hnlichkeit hin.

Ekstase des Heiligen Franziskus (Fresco von Giotto di Bondone)

Als zweiter Aspekt kommt hinzu, dass die Figuren in diesen Bildern Vorlagen fĂŒr die Gestaltung einer Theaterrolle sind [15]. Die zu Ende des 13. und dann im 14. Jahrhundert mĂ€chtig werdende neue Volksfrömmigkeit liebte Mysterienspiele, die des Lesens unkundigen Menschen verstanden Bilder leichter als Texte. Giotto hat es verstanden, den Raum in aufeinander folgenden Akten eines Mysterienspiels zu schmĂŒcken, so dass den Menschen eine Identifikation mit dem Vorbild des Franziskus' ermöglicht wurde.[16] Es werden hier an den InnenwĂ€nden von S. Francesco also nicht nur Entsprechungen zwischen dem Leben Franz von Assisis zum Leben Jesu betont, sondern auch solche zwischen dem privaten Leben eines jeden GlĂ€ubigen zum Leben der Heiligen ermöglicht und ĂŒber diese BrĂŒcke hinweg eine Verbindung zu Christus selber gefunden. Das ist der persönliche Zugang zum Heilsgeschehen, der im 14. Jahrhundert eine neue Bedeutung erlebte.

Über dem Eingang zur Oberkirche ist eine Fensterrose zu sehen, die vier Figuren umgeben. Diese sind die Symbole fĂŒr die vier Evangelisten (der geflĂŒgelte Mensch (nicht Engel) ist Symbol fĂŒr den Evangelisten MatthĂ€us, der Adler ist Symbol fĂŒr den Evangelisten Johannes, der Löwe ist Symbol fĂŒr den Evangelisten Markus, und der Stier ist Symbol fĂŒr den Evangelisten Lukas).

Isaak weist Esau zurĂŒck (Fresco dem Giotto oder dem 'Isaak Meister' zugeschrieben)

Im einschiffigen Raum der Oberkirche sind neben den Fresken von Giotto mit Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus auch 32 Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament ausgefĂŒhrt von der Cimabue - Schule und im Querschiff, in der Vierung und in der Apsis Cimabue - Fresken, die bis 1277 zurĂŒckreichen. Werke anderer Meister wie die von Pietro Cavallini und Jacopo Torriti reichen auch bis ins Jahr 1277 zurĂŒck. Die Bilder wurden durch das Erdbeben von 1997 schwer beschĂ€digt.

Die Glasfenster der Oberkirche sind von deutschen und französischen KĂŒnstlern des 13. Jahrhunderts gefertigt.

Der Chor enthĂ€lt ChorgestĂŒhl aus 102 Sitzen geschnitzt und dekoriert von Domenico Indovini (1501). Im Zentrum des Chors steht der erhöhte Papstsitz.

Neben der Oberkirche steht ein Glockenturm, der 1239 fertig gestellt worden ist.

Zahlensymbolik der Rosette

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Rosette an der Stirnseite der Oberkirche

Anhand der beiden Rosetten an der Fassade kann man auf die latenten Beziehungen zwischen kĂŒnstlerischer Form und Zahlensymbolik hinweisen.

Das so genannte Rosenfenster ist ein bekanntes Symbol der mittelalterlichen Architektur: Seine Sonnenform – mit den Stegen als Strahlen – verweist auf Christus. Der Aspekt der Rose verweist auf Maria – die Rose war im Mittelalter das Symbol der Liebe und der JungfrĂ€ulichkeit; siehe die Bildform „Maria im Rosenhag“ usw. – und das Rund des Fensters als Form spielt auf die mittelalterliche Kosmologie an, in der der Kreis – als geometrisches Gebilde mit nur einem einzigen Zentrum – als allgemeines Bild der Welt galt. Das Zentrum war natĂŒrlich Gott, bzw. Christus, die ausstrahlende Sonne der Welt.

Bei dieser Kirche kommen aber noch spezielle Bedeutungshinweise hinzu: Die untere kleinere Rosette ist in 12 Felder geteilt, womit natĂŒrlich eine Beziehung zu den 12 Aposteln hergestellt ist, wenn man das Bildprogramm auf der Innenseite mit berĂŒcksichtigt.

Die Rosette beinhaltet eine ganze Reihe verschlĂŒsselter Informationen oder Botschaften. Sie besteht aus vier Ringen, die in sich reich differenziert sind. Vom Innenraum aus sind nur die drei inneren Ringe zu sehen. Der Ă€ußere ist auf die Wand aufgeblendet. Hier gibt es wieder die GegenĂŒberstellung von der Drei als himmlischer Zahl im Kircheninneren und der Vier als irdischer Zahl am Außenbau. Von außen nach innen gezĂ€hlt enthalten die einzelnen Ringe jeweils 44, 46, 14 und 12 Elemente.

  1. Im Ă€ußeren Ring sind 44 kleinere und grĂ¶ĂŸere Kreisformen durch ein Endlosband verbunden. Franz von Assisi lebte 1182–1226, das sind 44 Jahre – entsprechend sind hier 44 Kreise durch ein Lebensband ineinander verschlungen.
  2. Im nĂ€chsten Ring sind die 46 Einzelformen ursprĂŒnglich durch verschiedene Farbigkeit deutlich in zwei Gruppen aufgeteilt gewesen, also 2 mal 23. Die zweite Fassung der Ordensregeln des hl. Franziskus hatte 23 Kapitel.
  3. Im dritten Ring sind 14 Kreise aneinandergereiht. Die 14, die Symbolzahl des Franziskus, gab es bereits im Innenraum als doppelte Sieben, der Symbolzahl von Christus.
  4. Im Zentrum der Rosette sind wiederum 12 Elemente zu sehen. Hier sind nicht nur die 12 Apostel angesprochen wie bei der unteren Rosette, sondern hier wird wieder Bezug genommen zur Ordensregel, und zwar diesmal auf die letzte und endgĂŒltige Version von 1223, die 12 Kapitel hatte.[17]

Restaurierungsgeschichte

Die mehrmaligen Restaurierungen der Fresken

Bei Betrachtung der Kirchenanlage von der Oberstadt aus lÀsst sich gut verstehen, warum die Giotto-Fresken mehrmals restauriert werden mussten. Bei dieser Lage der Kirche strömt das gesamte Regenwasser am Berghang auf den Bau zu, durchfeuchtet im Laufe der Zeit die Grundmauern, zieht dann die WÀnde hoch und greift die Fresken an. Inzwischen hat man ein aufwÀndiges Drainage-System im Boden des Berghanges verlegt, welches das ganze Regenwasser um die Kirche herumleitet.

Giotto war ein SchĂŒler Cimabues und hat von ihm auch die starken zeichnerischen Konturen ĂŒbernommen, die auch hier zu sehen sind. FĂŒr die Restaurierung ist eine solche Malweise von großem Vorteil, weil die schwarzen Umrisslinien sehr einfach nachgezogen werden können, ohne das Original in irgendeinem wichtigen Aspekt verĂ€ndern zu mĂŒssen. Eine Theorie besagt, Giotto habe nur die Vorzeichnungen besorgt und die Farben bestimmt. Die Ausmalung habe in den HĂ€nden der SchĂŒler gelegen.[18]

1798 versuchte Carlo Fea, die zunehmende Salzverkrustung aufzuhalten.

Wegen der Feuchtigkeit sind auch die Tituli der Fresken im Lauf der Zeit verschwunden, die lateinischen Inschriften unter den Bildern, die den Inhalt erklÀrten.

Das Erdbeben vom 26. September 1997

Das Erdbeben vom 26. September 1997 in Umbrien (5,7 auf der Richterskala) ließ in Assisi zahlreiche HĂ€user einstĂŒrzen. ZufĂ€llig war in San Francesco gerade ein Fotograf damit beschĂ€ftigt, die Kirche zu fotografieren, so dass der Verlauf des Erdbebens in der Kirche dokumentiert wurde. Zwei Techniker und zwei BrĂŒder, die mit Ausbesserungsarbeiten von einem frĂŒheren Erdstoß beschĂ€ftigt waren, fanden bei diesem Beben den Tod.

Nur wenige Tage spĂ€ter haben bereits die Restaurierungsarbeiten begonnen. Der Staub hatte sich gelegt und die herabgestĂŒrzten Steine wurden sortiert. Vor der Fassade wurden große Zelte aufgestellt, in denen in den folgenden Jahren die einzelnen Teile wieder in ihre ursprĂŒngliche Anordnung gebracht wurden, soweit das möglich war, bevor sie wieder im Gewölbe verankert wurden. Nach dem Erdbeben wurden 1276 Tonnen Schutt aus dem GebĂ€ude geschafft und vorsichtig gesiebt. Es mussten insgesamt ungefĂ€hr 300.000 Einzelteile wieder an ihre richtige Position gebracht werden – das gelang bei 120.000. Der deutsche Pater Gerhard Ruf, der seit vielen Jahrzehnten in Assisi lebte und 2008 starb, meinte damals, dass 60-70 % der Fresken wieder hergestellt werden können.

Die Gesamtkosten der Restaurierung beliefen sich auf (umgerechnet seinerzeit) 35 Mio. â‚Ź. Am 28. November 1999 konnte die Oberkirche wieder der Öffentlichkeit zugĂ€nglich gemacht werden. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings noch nicht alle Rekonstruktionsarbeiten abgeschlossen. Damit hat man in Rekordzeit das Ziel erreicht, wenigstens die Oberkirche bis zum Beginn des Heiligen Jahres 2000 wieder zugĂ€nglich zu machen. Die Unterkirche, die relativ wenig beschĂ€digt war, konnte bereits zwei Monate nach dem Erdbeben wieder geöffnet werden.

Literatur

  • Gerd Althoff, Hans-Werner Goetz, Ernst Schubert: Menschen im Schatten der Kathedrale. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998
  • Saskia Esser: Die Ausmalung der Unterkirche von San Francesco in Assisi durch den Franziskusmeister. Bonn 1983
  • Engelbert Grau, OFM: Der heilige Franz von Assisi und die GrĂŒndung seines Ordens. In: Gabriele Atanassiu u.a.: Franz von Assisi. Stuttgart 1990
  • Beda Kleinschmidt: Die Basilika San Francesco in Assisi. Berlin 1915
  • P. Gerhard Ruf: Franziskus und Bonaventura. Assisi 1974.
  • P. Gerhard Ruf: Das Grab des Hl. Franziskus. Die Fresken der Unterkirche von Assisi. Freiburg 1981.

Weblinks

 Commons: Basilica di San Francesco â€“ Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
 Commons: Giotto di Bondone â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Der Titel Basilika ist bei San Francesco eine kirchliche Rangbezeichnung und nicht zu verwechseln mit dem architektonischen Bautyp Basilika. San Francesco ist bautypologisch eine kreuzförmige Saalkirche mit Unter- und Oberkirche.
  2. ↑ Zuletzt Todenhöfer, Achim: Apostolisches Ideal im sozialen Kontext. Zur Genese der Bettelordensarchitektur im 13. Jahrhundert. In: Marburger Jahrbuch fĂŒr Kunstwissenschaft, 34 (2007), S. 43-75, hier S. 47.
  3. ↑ Mit Grablege ist nicht die Krypta des 19. Jahrhunderts gemeint, sondern ein schlichter mittelalterlicher VorgĂ€nger.
  4. ↑ Todenhöfer, Achim: Kirchen der Bettelorden. Die Baukunst der Dominikaner und Franziskaner in Sachsen-Anhalt, Berlin 2010, S. 229-235.
  5. ↑ Kleinschmidt, Beda: Die Basilika San Francesco in Assisi, Berlin 1915. Zit. nach FUSA Nr. 14/15: Die offenbar durchgehend einheitliche Planung scheint dafĂŒr zu sprechen. Der Baubeginn der Oberkirche lag - nach Ansicht anderer Autoren - vielleicht nach 1239 oder nach 1244. Möglicherweise war die Ste-Chapelle in Paris vorbildlich fĂŒr eine so malerisch ausgestaltete Kirche und auch fĂŒr die Anlage einer Doppelkirche.
  6. ↑ Engelbert Grau OFM: Der heilige Franz von Assisi und die GrĂŒndung seines Ordens. In: Atanassiu, S. 94: in der zweiten HĂ€lfte des 13. Jahrhunderts wurden die Strebebögen gebaut. Die Kirche selbst war zunĂ€chst als einfacher Saal mit offenem Dachstuhl gedacht.
  7. ↑ Zimmermanns, Klaus: Umbrien. Köln 1987, S. 137
  8. ↑ Harald KĂŒmmerling: Praecedentia - Consequentia - Consequentia. Literatur, Malerei, Architektur, Musik aus franziskanischem Geist. In: FUSA 14/15. 1984, S. 71: „Die Verklammerung der beiden Bauteile ĂŒber dem Grab des Heiligen ist aber durch das Bildprogramm der Freskenfolgen des Querhauses der Unterkirche unbezweifelbar, weil die Bilder, die noch im Jahrhundert der Errichtung der Architektur, also im 13. Jahrhundert, begonnen wurden, auf den Verlauf der Treppen RĂŒcksicht nehmen. Kein Fresko musste abgeschlagen werden, um etwa nachtrĂ€glich Treppen an der Wand entlang nach oben fĂŒhren zu können.“
  9. ↑ Pevsner, S. 221: „Da viele Bettelmönche nicht die Priesterweihe besaßen, bestand nur wenig Anreiz zur Anlage eines Kapellenkranzes [in dem ansonsten die vielen AltĂ€re untergebracht waren, an denen die Priester tĂ€glich ihre Messen lesen mussten]. Umso dringender war das BedĂŒrfnis nach sehr gerĂ€umigen Schiffen, die den gewaltigen Menschenmassen, welche sich zu den volkstĂŒmlichen Predigten der Fratres einfanden, ausreichend Platz bieten konnten.“
  10. ↑ In den Statuten von Narbonne 1260 wird kurze Zeit spĂ€ter ausdrĂŒcklich formuliert: „Die Kirchen sind auf keinen Fall einzuwölben außer in der Hauptchorkapelle. Einen Campanile in Turmform sollen die Kirchen niemals erhalten, desgleichen keine figĂŒrlichen beziehungsweise gemalten Glasscheiben außer im Hauptfenster hinter dem Hauptaltar des Chores“ - wo lediglich Bilder des Kruzifixus und der Seligen Jungfrau sowie der Heiligen Johannes, Franziskus und Antonius zugelassen sind. (zitiert nach Zimmermanns, S. 153)
  11. ↑ „Unmittelbar nach dem Tode des Hl. Franz brach der Gegensatz zwischen den Prinzipien seiner Lehre und LebensfĂŒhrung und den RealitĂ€ten der Ordensverwaltung auf.“ (Braunfels, S. 181)
  12. ↑ DER SPIEGEL 33/1997, S. 153
  13. ↑ „Und mittels der Beherrschung des Bildes ist es der Kirche schließlich auch möglich, die groben Formen der Gottesfurcht, die sich an den Nebenfiguren des heiligen Dramas festmachten, unter Kontrolle zu behalten. Das figurative Programm von Assisi zielte darauf ab, ein Bild vom heiligen Franziskus zu liefern, das sich vollkommen in das geordnete GebĂ€ude der Papstkirche integrierte.“ (Duby, S. 414)
  14. ↑ Die Sieben kommt zustande als Addition von Drei und Vier, Drei als Symbol fĂŒr den Geist, fĂŒr die Dreieinigkeit Gottes, und Vier als Symbol fĂŒr das Fleisch, fĂŒr die irdische Seite. „Christus war fĂŒr den mittelalterlichen Menschen der fleischgewordene Geist und somit durch Sieben symbolisierbar“ (KĂŒmmerling, S. 73).
  15. ↑ Althoff, S. 284
  16. ↑ Er bot all denen, die den heiligen Franz von Assisi nachahmen wollten, die sich in die Tiefen dieser Persönlichkeit hineinversetzen wollten, Modelle fĂŒr ihre Haltungen an, Vorbilder fĂŒr eine theaterhafte Wiederholung (Duby, S. 407)
  17. ↑ Engelbert Grau OFM: Der heilige Franz von Assisi und die GrĂŒndung seines Ordens. In: Atanassiu, Gabriele u. a.: Franz von Assisi. Mit BeitrĂ€gen versch. Autoren. Stuttgart 1990, S. 196
  18. ↑ Grau, S. 152 und 174

43.074722222212.6054388889Koordinaten: 43° 4â€Č 29″ N, 12° 36â€Č 20″ O

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