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Bernd Becher (* 20. August 1931 in Siegen; †22. Juni 2007 in Rostock) und Hilla Becher, geb. Wobeser (* 2. September 1934 in Potsdam) erwarben als Künstlerpaar mit ihren Schwarz-Weiß-Fotografien von Fachwerkhäusern und Industriebauten (wie Fördertürmen, Hochöfen, Kohlebunkern, Fabrikhallen, Gasometern, Getreidesilos und komplexen Industrielandschaften) internationales Renommee als Fotografen. Sie begründeten die bekannte Düsseldorfer Photoschule. Nach dem Tod von Bernd Becher führt Hilla Becher die fotokünstlerische Arbeit auch mit neuen Arbeiten fort.
Inhaltsverzeichnis |
Bernd Becher studierte von 1953 bis 1956 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Malerei bei Karl Rössing und 1959 bis 1961 an der Düsseldorfer Kunstakademie Typographie. Hilla Becher absolvierte in Potsdam eine Ausbildung als Fotografin. Sie hatte schon als Kind mit dem Fotografieren begonnen. Als einflussreich für ihre Entwicklung nennt sie August Sander. Hilla Becher studierte von 1958 bis 1961 an der Düsseldorfer Kunstakademie Fotografie. Hilla und Bernd Becher heirateten 1961.
Bernd Becher hatte schon vor dem Studium damit begonnen, Industriedenkmäler zu zeichnen und zu malen. Parallel dazu sammelte er Kontaktabzüge von Industriebauten. Zur Dokumentation und als Vorlage für Zeichnungen und Gemälde fertigte er ab 1957 Fotografien an. Über Collagen aus Fotografien und Zeichnungen gelangte er gemeinsam mit Hilla zur rein fotografischen Dokumentation.
Bernd und Hilla Becher nahmen ihre gemeinsame fotografische Praxis während des Studiums auf. Sie verfolgten das Ziel, Industriebauten zu dokumentieren, die typisch für ihren Entstehungszeitraum und vielfach vom Abriss bedroht waren. Ihnen ging es, mit Ausnahme ihrer Dokumentation von Siegerländer Fachwerkbauten, immer um industrielle Produktionsanlagen und solche Industriegebäude, die im Zusammenhang mit der Produktion von Gütern standen. Kennzeichnend für ihr Vorgehen sind häufig „Abwicklungen“, sechs, neun, zwölf oder mehr Fotografien desselben Objekts in festgelegten differierenden Winkeln. Dadurch entstanden „Typologien“ industrieller Bauten.
Die Fotografien wurden betont sachlich konzipiert. In ihrer Aufnahmetechnik bevorzugten Bernd und Hilla Becher Zentralperspektiven, Verzerrungsfreiheit, Menschenleere und ein wolkenverhangenes weiches Sonnenlicht. Damit auch Einzelheiten präzise wiedergegeben werden, benutzten sie Großformatkameras mit dem Format 13 x 18 cm. Die Komposition der Bilder lässt die Oberflächenstrukturen und den Aufbau der grundsätzlich mittig platzierten Bauten stark hervortreten.
Bernd und Hilla Becher dokumentierten in ihrem Stil Fachwerkhäuser des Siegerlandes, Industrieanlagen im Ruhrgebiet, den Niederlanden, Belgien, Frankreich (insbesondere Lothringen), Großbritannien (vor allem Wales) und den USA, aber auch Wassertürme und Gasbehälter. Angesichts der Stahl- und Kohlekrisen der 1970er und 1980er Jahre fotografierten sie viele Bauwerke, die kurz darauf für immer verschwanden. So entstand mit ihrem Werk eine einmalige Sammlung von Industriebauten in ihrer Vielfalt, wie sie nur noch in wenigen Einzelbeispielen überliefert sind. Bernd und Hilla Becher prägten für die industrielle Architektur den Begriff der „nomadischen Architektur“, folgen die Errichtung und der Abriss dieser Gebäude doch den Interessen von Kapitalverwertung und Profitgewinnung (Zitat: „Nomadenvölker hinterlassen keine Ruinen.“). In diesem Sinne verstehen sich die Bechers auch als Archäologen der Industriearchitektur. Ihre Arbeit ist Spurensuche und kulturelle Anthropologie zugleich.
Das fotografische Werk von Bernd und Hilla Becher ist ein Serienkonzept im Sinne der Neuen Sachlichkeit. Aus Sicht der bildenden Kunst wurde es bald der Konzeptkunst zugeordnet. Hieraus ergaben sich Anerkennung und Bekanntheit weit ĂĽber die Fotografie hinaus. Durch gemeinsame Ausstellung mit KĂĽnstlern der Konzeptkunst und des Minimalismus, zuerst in der Ausstellung Prospect in DĂĽsseldorf, wurde das Werk kĂĽnstlerisch anerkannt und bald international gewĂĽrdigt. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als besonders in Europa die Fotografie als kĂĽnstlerisches Medium noch keine Anerkennung fand (im Unterschied zu den USA, z.B. Stephen Shore oder William Eggleston). Ileana Sonnabend entdeckte das Bechersche Werk fĂĽr die USA und richtete in ihrer New Yorker Galerie 1973 eine erste Ausstellung ein. 1973 wurden Fotografien von Bernd und Hilla Becher in Paris vorgestellt.
Bernd Becher übernahm 1976 an der Kunstakademie Düsseldorf eine Professur für Fotografie, doch verstand sich das Ehepaar gemeinsam als lehrend und kooperierte in der Ausbildung der Studenten eng. Sie bildeten viele fotografische Persönlichkeiten aus, die als "Becher-Schule"[1] heute aus internationaler Sicht herausragende Vertreter der deutschen Fotografie sind. Dazu gehören u.a. Andreas Gursky, Thomas Struth, Candida Höfer, Thomas Ruff, Jörg Sasse, Axel Hütte, Elger Esser, Götz Diergarten, Petra Wunderlich und Tata Ronkholz.
1984 waren die Bechers bei der von Kasper König kuratierten Ausstellung „Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf“ ausschließlich mit einem Katalogbeitrag vertreten. ('Reine' Fotografie war zu dieser Zeit in der deutschen zeitgenössischen Kunst eher selten anzutreffen, was sich jedoch wenige Jahre später mit der vermehrten Präsenz der "Becher-Schüler" in Galerie- und Museumsausstellungen ändern sollte.)
Außer durch ihre fotografische Arbeit wurden Bernd und Hilla Becher auch für ihren Einsatz gegen den Abriss der Zeche Zollern II in Dortmund bekannt. Sie gaben damit einen Anstoß für ein anderes Verhältnis zu Industriebauten, als diese noch nicht als Denkmäler der Industriekultur verstanden wurden und die Erklärung von Schacht- und Hochofenanlagen zum Bestandteil des Weltkulturerbes kaum vorstellbar schien. Hierauf aufbauend dokumentierte der Becher-Schüler Martin Rosswog 1985/1987 Leben und Arbeiten der Bergleute auf Zollern II/IV.
Bernd und Hilla Becher nahmen an der Documenta 5 (1972), der Documenta 6 (1977), der Documenta 7 (1982) und der Documenta 11 (2002) in Kassel teil. Sie sind mit ihren Werken in den führenden europäischen wie amerikanischen Museen und in vielen privaten Sammlungen vertreten.
Nachdem beide lange Jahre in der Einbrunger MĂĽhle im Norden DĂĽsseldorfs ihr Atelier hatten, verlagerten sie Anfang des 21. Jahrhunderts Wohnung und Atelier in eine zum Kunstarchiv Kaiserswerth umgebaute ehemalige Schule im Zentrum von DĂĽsseldorf-Kaiserswerth.[2]
Am 22. Juni 2007 starb Bernd Becher im Alter von 75 Jahren bei einer schwierigen Operation in einem Rostocker Krankenhaus.
Literatur von und ĂĽber Bernd Becher im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Literatur von und ĂĽber Hilla Becher im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Nachrufe zum Tod von Bernd Becher