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Als Bernsteinstraße werden verschiedene Handelswege des Altertums (Altstraßen) bezeichnet, auf denen (u.a.) Bernstein von der Nord- und Ostsee nach Süden in den Mittelmeerraum gelangte. Genau genommen handelt es sich also nicht um eine Bernsteinstraße, sondern um mehrere, unabhängig voneinander entstandene Handelswege, die im Laufe des Altertums für den Bernsteintransport genutzt wurden.
Inhaltsverzeichnis |
Baltischer Bernstein entstand in einem ausgedehnten Waldgebiet, das im Eozän große Teile des heutigen Skandinaviens, des Baltikums und Russlands bedeckte. Vom Ort seiner Entstehung wurde er durch überwiegend fluviatile Einflüsse in ein damals ungefähr südlich dieses Waldgebietes gelegenes Meeresgebiet geschwemmt. Die hieraus entstandene Bernsteinlagerstätte, bestehend aus marinen Sanden, vermischt mit Glaukonit, ist die so genannte "Blaue Erde", die im Samland zu Tage tritt (und vor dem Einsetzen der quartären Eiszeit möglicherweise auch an anderen Orten existierte[1]). Diese Bernsteinlagerstätte war schon lange vor der Antike bekannt. Unzweifelhaft ist, dass Bewohner der Küstenregion (z.B. Menschen der neolithischen Haffküsten-Kultur (Rzucewo-Kultur), die im Weichseldelta siedelten) aus dem an den Küsten des Samlandes angespülten Bernstein Schmuck- und Kultgegenstände gefertigt und bereits einen regen Handel mit Bernstein betrieben haben[2].
Im Zuge des Weichselglazials, das vor rund 12.000 Jahren zu Ende ging, wurden Schollen dieser Blauen Erde von zum Teil beachtlicher Größe losgerissen und mit dem Eis in das Binnenland verfrachtet. Aus diesem Grunde kann Bernstein bis zur Vereisungsgrenze des Weichselglazials und in den Ablagerungen der Schmelzwasserströme, die durch das Abtauen der Eismassen entstanden, vorkommen. Wo die Schollen der Blauen Erde einigermaßen zusammenhängend abgelagert wurden, können Bernsteinfunde im Binnenland lokal auch gehäuft auftreten, wenn auch der Umfang solcher Vorkommen mit dem der Blauen Erde im Samland nicht annähernd vergleichbar ist. Einige solche Fundgebiete sind weiter unten beschrieben.
Der gezielte Abbau solcher Vorkommen hat in geschichtlicher Zeit immer wieder stattgefunden, jedoch selten systematisch über einen längeren Zeitraum, da die Vorkommen selbst unter optimalen Bedingungen recht begrenzt sind und die in früherer Zeit zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten Grabungen in größerem Stil nicht zuließen. Ob, wann und gegebenenfalls in welchem Umfang diese binnenländischen Bernsteinvorkommen in frühgeschichtlicher Zeit genutzt wurden, ist daher umstritten. Eher ist anzunehmen, dass sich die Gewinnung von binnenländischem Bernstein zumeist auf das Auflesen oberflächlich zu Tage tretenden Bernsteins beschränkte. Gleichwohl schließen einige Archäologen einen systematischen Abbau durch Grabungen auch für die Zeit des Mittelalters und der Antike in Gestalt des so genannten Duckelbergbaus nicht völlig aus.
Vor diesem Hintergrund sind zumeist durch Hortfunde nachgewiesene Handelsplätze für Bernstein im Binnenland möglicherweise nicht nur den Verlauf der Handelswege markierende Umschlagplätze von Händlern gewesen, sondern auch Orte, an denen das Rohmaterial gefördert wurde.[3][4][5][6]
Beispiele für gehäuftes Bernsteinvorkommen im Binnenland:
Einer der in diesem Sachzusammenhang bedeutendsten archäologischen Entdeckungen ist der so genannte Bernsteinschatz von Wroclaw-Patrynice mit einem Gesamtgewicht von 2.750 kg, darunter rund 1.500 kg Rohbernstein. Dass es sich hierbei um Handelsware gehandelt hat, ist daran erkennbar, dass die Stücke der Größe nach sortiert waren. Die Fundstücke stammen vermutlich aus dem 1. oder 2. Jahrhundert v. Chr. und werden mit keltischen Stämmen in Verbindung gebracht.[8][9] Hortfunde sind indes auch aus anderen geschichtlichen Perioden bekannt. So wird beispielsweise ein aus rund 300 kg Rohbernstein und 30 kg verarbeiteten Stücken (in der Hauptsache gedrechselte Bernsteinperlen) bestehender Fund bei Basonia (Woiwodschaft Lublin, Südpolen) auf das fünfte nachchristliche Jahrhundert datiert.[10] Dieser Fundort deutlich östlich der sogenannten Ostroute der Bernsteinstraße zeigt aber auch, wie verästelt die Handelswege für Bernstein in früher geschichtlicher Zeit offensichtlich gewesen sind.
Am besten erforscht sind die zur Zeit des Römischen Reiches von der Ostsee und der westlichen Nordsee zur nördlichen Adria und nach Rom verlaufenden Handelswege, die zumeist auch gemeint sind, wenn allgemein von "der Bernsteinstraße" die Rede ist.
Es gab außerhalb des Römischen Reichs einige wenige Handelswege, über die seit der Vorzeit Bernstein in die Alpenregion und nach Italien gelangte. Durch die Ausweitung des Imperium Romanum bis an die Donau wurde wahrscheinlich bereits unter Augustus und Tiberius zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine derartige Handelsroute als Staatsstraße (Römerstraße) auf dem Gebiet des Römischen Reichs ausgebaut.
Die wintersichere Verbindung zwischen Carnuntum an der Donau und Aquileia in Italien wird römische Bernsteinstraße genannt und ist dem römischen Straßennetz zugehörig. Der Verlauf dieser römischen Bernsteinstraße ist in der Tabula Peutingeriana verzeichnet. Plinius der Ältere (23-79 n. Chr.) berichtet, dass auf dieser Straße Bernstein von der Ostseeküste nach Aquileia transportiert worden sei. Ihm verdankt sie ihren Namen.
Zur Römerzeit existierten außerhalb des Römischen Reiches praktisch keine Straßen. Wenn also hier von der "Bernsteinstraße" die Rede ist, so hat man sich eine Verbindung zwischen der Adria und der Nord- oder Ostsee vorzustellen, die im Wesentlichen aus einer Abfolge von Wegstrecken zwischen benachbarten Siedlungen bestand. Solche Wege folgten vermutlich ganz überwiegend Fließgewässern, die streckenweise auch befahren wurden. Reisende mussten sich das Wissen der ortsansässigen Bevölkerung über Furten und Pässe zunutze machen.[11] Im Prinzip trifft dies auch auf die anderen, weiter unten erwähnten Landwege der Griechen und Etrusker zu.
Der bereits in vorrömischer Zeit bedeutsame Handelsweg verlief von der Danziger Bucht sehr wahrscheinlich entlang der Weichsel und ihrer Nebenflüsse durch die Mährische Pforte, folgte in Niederösterreich der March und überquerte bei Carnuntum rund 50 km östlich von Wien die Donau. Plinius d. Ä. berichtet in seiner Historia naturalis, " [...] dass die Küste Germaniens von wo [der Bernstein] eingeführt wurde, etwa 600.000 Schritt [rund 900 km] von Carnuntum in Pannonien entfernt sei [...]"[12]. Die Küste des Samlandes liegt ziemlich in dieser Entfernung von Carnuntum. Daraus wird gefolgert, dass der Bernstein von dort stammt, die hier beschriebene Bernsteinstraße also in dieses Gebiet geführt haben muss. Unter Umgehung der Alpenpässe verlief die Straße von Carnuntum, Scarabantia (Sopron/Ödenburg), Savaria (Szombathely/Steinamanger) und Poetovio (Ptuj/Pettau) über Emona (Laibach, Ljubljana) nach Aquileia. Zwischen Sopron und Szombathely führte die Bernsteinstraße durch das Mittelburgenland (Bezirk Oberpullendorf), ein für Rom bedeutsames keltisches Eisenerzgebiet. Hier steht ein erhaltener Abschnitt der Straße unter Denkmalschutz. Der Ortsname Bernstein erinnert noch heute an den Verlauf der Bernsteinstraße in diesem Teil Österreichs.
Im 3./4. Jahrhundert n. Chr. verliert sie ihre Bedeutung als Verbindung zwischen Italien und Carnuntum. Soweit die römische Bernsteinstraße nicht durch Überbauung mit modernen Straßen verschwunden ist, ist sie noch auf Luftbildern durch Bewuchsmerkmale im Getreide oder als leichter Schotterwall in frisch gepflügten Äckern erkennbar.
Die Bernsteinhändler der Antike wählten mit ihrer kostbaren Fracht die vermeintlich sicherste Route. Dieser Weg änderte sich aufgrund von Überfällen und in den unruhigen Zeiten der Völkerwanderung mehrmals. Bei gleichwertigen Alternativen wählte man Flussläufe, an denen im Laufe der Zeit eine steigende Zahl Karawansereien Übernachtungsmöglichkeiten bot.
Man unterscheidet heute auf der Grundlage zeitgenössischer Berichte und archäologischer Befunde fünf Routen. Die vier Landrouten mit ihren Varianten orientieren sich weitgehend an großen Flussläufen[13] :
Die beiden letztgenannten Routen liefen in Treva (heute Hamburg) zusammen und führten von dort sehr wahrscheinlich an die Nordseeküste von Eiderstedt.[16] In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass vor mehr als 2000 Jahren im antiken Griechenland die Nord- und Ostfriesischen Inseln aufgrund der von dort bekannten Bernsteinfunde als "Elektriden" (von "elektron" = griechisches Wort für Bernstein) bezeichnet wurden, wodurch die mutmaßliche Bedeutung dieser Handelsroute unterstrichen wird.
Einige dieser Routen haben möglicherweise schon in der Bronzezeit bestanden. Allerdings wird über den Verlauf dieser Strecken in der Bronzezeit und der Frühen Eisenzeit (Hallstattzeit) sowie über die Bedeutung der Handelsware Bernstein auf diesen Handelsstraßen in vorrömischer Zeit kontrovers diskutiert[17] .
Das westlichste Bernsteinvorkommen wurde bei Cromer in der Grafschaft Norfolk an der englischen Ostküste entdeckt. Als Zeitraum für einen Tauschhandel wird 1600 - 600 vor Christus angegeben. [18].
Neue archäologische Funde und neue Interpretationen älterer Funde führen immer wieder zu Modifizierungen der Befunde über Alter, Dauer und genauen Verlauf der verschiedenen Routen.