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Der Begriff Bildungsbürgertum bezeichnet eine Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa entstandene einflussreiche Gesellschaftsschicht, die sich durch humanistische Bildung, Literatur, Wissenschaft und Engagement in Staat und Gemeinwesen auszeichnete.
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Im Bildungsbürgertum waren akademische und freie Berufe besonders stark vertreten: Professoren, Pastoren, Lehrer, Apotheker, Ärzte, Rechtsanwälte, Richter, Kaufleute, Musiker, Künstler, Ingenieure, leitende Beamte usw. Diese Berufsgruppen verband ein neuartiges Merkmal: Sie alle waren (zumindest ihrer Definition nach) in ihre beruflichen (und damit auch gesellschaftlichen) Positionen nicht aufgrund eines geburtsständischen Anrechts, sondern aufgrund eigener Leistung gelangt.
Ursache für die Herausbildung dieser Schicht war der spätabsolutistische Verwaltungsstaat, der für seine Reformtätigkeit eine große Zahl gut ausgebildeter Beamter benötigte, die das alte System nicht hervorzubringen vermochte. Im Rahmen dieser Politik richtete der Staat Bildungsanstalten ein, deren Zahl besonders in den größeren deutschen Staaten im Verhältnis zum übrigen Europa beachtlich war. Die jeweiligen Staaten wussten sich die Loyalität dieses entstehenden Bildungsbürgertums dadurch zu sichern, dass die zu besetzenden Verwaltungspositionen zusätzlich durch Steuerprivilegien, Befreiung vom Kriegsdienst und Bevorzugung vor Gericht aufgewertet wurden. Auf diese Weise entstand eine neue außerständisch-bürgerliche Schicht, die sich weder politisch noch wirtschaftlich, sondern administrativ-kulturell definierte und somit entscheidend zur Entwicklung einer gesamtdeutschen Nationalidee auf kultureller Basis beitrug.
Das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderters zeichnet sich (nach K. Vondung; s. Lit.) durch folgende Charakteristika aus:
In Deutschland entwickelte sich zuerst das Beamten- und Bildungsbürgertum, erst mit dem Beginn der Industrialisierung in Deutschland (ab 1850) gewann das Wirtschaftsbürgertum an Einfluss. Damit entwickelte sich das deutsche Bürgertum grundsätzlich anders als in den Nachbarstaaten Frankreich und England – für das Bürgertum dieser Länder war die Teilhabe an wirtschaftlicher Macht der zentrale Punkt. Über diese konnten sie als Vertreter der Allgemeinheit die Teilhabe an politischer Macht fordern. Das deutsche Beamten- sowie Bildungsbürgertum begann erst im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, politisch aktiv zu werden. Die von ihm initiierte 1848er Revolution scheiterte allerdings, das Bildungsbürgertum trat noch zu uneinig auf. Nach dem Scheitern der Revolution zog es sich aus der Politik zurück, erst in den 1860er Jahren kehrte diese Schicht in das öffentliche Leben zurück. Der sich daraus ergebene Unterschied in der innenpolitischen Entwicklung Deutschlands und z. B. Frankreichs (und das Verharren Russlands im Absolutismus andererseits) wird oftmals als Ursache für die Logik eines „deutschen Sonderweges“ (Wehler) gesehen, und damit einen der ideologischen Faktoren für den Ersten Weltkrieg.
Signifikant ist die Unterscheidung zwischen den französischen Begriffen Citoyen (etwa: Staatsbürger, Bildungsbürger) und Bourgeois (etwa: Besitzbürger, Herrschaftsbürger). Der gebildete Citoyen denkt im Gegensatz zum typischen Besitzbürger nicht nur an sich selbst und das Geld, wobei ein überdurchschnittliches Einkommen bzw. Vermögen in diesen Kreisen meist vorausgesetzt wird. Als Kapital wird in diesen Kreisen das Vorhandensein von Wissen, Beziehungen und Verbindungen verstanden, was sie als das ursprünglichere und bedeutendere Kapitalvermögen begreifen als das Geldkapital. Kaufleute oder gar Handwerker finden nur schwer Anerkennung in diesen intellektuellen Kreisen.
Insbesondere die gesellschaftliche Relevanz, die dem Bildungsbürgertum als Deutungselite kultureller Erscheinungen zukam, ist sehr hoch zu bewerten. Dies hängt in großem Maße mit der dominanten Stellung sowohl in Universität und den Schulen, wie auch in der Produktion und Verbreitung einer öffentlichen Meinung zusammen. Dadurch baute das Bildungsbürgertum Bildungs- und Sprachbarrieren auf, die es zu einer elitären Schicht werden ließ, zu der Ungebildete nur schwer Zutritt gewannen. Andererseits übernahmen Bildungsbürger oft auch Verantwortung für die Gemeinschaft und die Erziehung.
Als exponierte Bildungsbürger des 20. Jahrhunderts werden gelegentlich die Schriftsteller Thomas Mann, Jochen Klepper oder die Familie Weizsäcker genannt.
Zudem ist mittlerweile in der Unterhaltungs- und Trivialkultur ein pauschalisierter Begriff von Bildungsbürgertum und bildungsbürgerlich gebräuchlich, der sich abwertend gegen (nach Ansicht der Sprecher) übertrieben kulturell interessierte und gebildete Menschen richtet.