|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
| Neues Testament |
|---|
| Evangelien |
| Apostelgeschichte |
| Paulusbriefe |
| Katholische Briefe |
| Offenbarung |
Der Brief des Paulus an die Kolosser (lat. Pauli epistula ad Colossenses) ist ein Buch des Neuen Testaments der christlichen Bibel. Er wird seit dem Mittelalter in vier Kapitel unterteilt.
Inhaltsverzeichnis |
In Kol 1,1 EU stellt sich Paulus gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Timotheus als Verfasser vor. Unterstrichen wird der Anspruch durch den eigenhändigen Gruß (Kol 4,18 ELB): „Der Gruß mit meiner, des Paulus, Hand. Gedenkt meiner Fesseln! Die Gnade sei mit euch!“ Dennoch wurde in der neueren kontinentaleuropäischen Forschung der Kolosserbrief vielfach als pseudepigraphische Schrift angesehen. So wurde mehrfach Timotheus oder ein anderer Paulusschüler als Sekretär („Sekretärshypothese“, Eduard Schweizer) oder als Verfasser angenommen. Der Brief wird dann zu den Deuteropaulinischen Briefen gezählt, aber mit großer Nähe zu Paulus, geschrieben etwa um 70 n.Chr.[1] Andere halten an der Verfasserschaft des Paulus fest und datieren auf etwa 58-60 n.Chr.[2][3][4]
Der Brief zeigt sowohl Übereinstimmungen als auch Besonderheiten gegenüber den eindeutig Paulus zugeschriebenen Briefen. Bestreiter seiner Verfasserschaft weisen besonders auf 37 sogenannte Hapaxlegomena hin, also Begriffe, die nur einmal im Neuen Testament auftauchen (wenn auch zum Teil in dem Verfasser vorgegebenem Textmaterial).[5] Es fehlen für Paulus sonst typische Formulierungen, während sich für ihn untypische Genitivverbindungen häufen; zudem wurde auf assoziative Gedankenführung aufmerksam gemacht. Andererseits bestehen in der Struktur und der Theologie weitläufige Übereinstimmungen, die zumindest auf gute Kenntnis der paulinischen Theologie bzw. einen engen Paulusschüler schließen lassen. Die Vertreter der paulinischen Verfasserschaft beziehen die Besonderheiten auf eine Fronststellung gegenüber einer Häresie in der Gemeinde in Kolossä; diese Konstellation habe eine andere Formulierung seiner Theologie erfordert (Werner Georg Kümmel). "Der wohl überzeugendste Beweis für die Echtheit ist die enge Verbindung zum Philemonbrief, dessen Echtheit niemand anzweifelt" (William MacDonald).[6]
Empfänger ist die Gemeinde in Kolossai, einer Kleinstadt 170 km östlich von Ephesus mit bedeutender jüdischer Minderheit, die Paulus aber persönlich nicht kennt (2,1 EU). Wie die paulinische Verfasserschaft bezweifelt wird, so wirft auch die Adressangabe Fragen auf: Kolossai wurde 60/61 n. Chr. von einem Erdbeben zerstört. Gerade diese „Ortlosigkeit“ vermochte wohl den Wirkungsbereich des Kolosserbriefes auf das kleinasiatische Missionsgebiet des Paulus zu erweitern, zumal der Verfasser Kol 4,16 EU seine Empfänger an die Gemeinde in Laodicea verweist und einen wechselseitigen Austausch der Briefe anordnet (derjenige an Laodicea ist jedoch nicht überliefert).
Wahrscheinlich wurden die frühchristlichen Gemeinden Kleinasiens durch esoterische Irrlehren bedroht, vor denen nun Paulus die Christen in Kolossä warnt (2,4-9 EU). Diese Irrlehrer verkündeten wohl die Verehrung von Engelsmächten (2,18 EU) und minderten durch ihre Lehre die Bedeutung von Jesus als Heilsbringer (2,19 EU). Den asketischen Reinheitsforderungen der Häretiker hält der Autor die volle Anteilhabe an der „Fülle der Gottheit“ in Jesus Christus durch die Taufe entgegen.
Die Christologie des Kolosserbriefes hebt sich durch ihre kosmologische Interpretation von den übrigen Briefen ab. Das Heilswerk Christi hat hier Bedeutung für den gesamten Kosmos. In Kol 1,15-20 EU zitiert der Verfasser einen Christushymnus, der die Grundlage seines Christusverständnisses bildet und in zwei Strophen gegliedert ist. Die erste Strophe (Verse 15-16) hat die Schöpfung zum Thema. Dann folgt ein Zwischenstück (Verse 17-18a), das die Hauptaussage des Hymnus trägt, nämlich dass Christus „vor allem“ ist, und „alles durch ihn besteht“. Darauf folgt die dritte Strophe (Verse 18b-20), die die Erlösung zum Thema hat.
„15 Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. 16 Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. 17 Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand. 18 Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. 19 Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. 20 Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.“
Entsprechend bestimmt der Brief das Verhältnis nicht nur zwischen Christus und der Kirche, sondern dem ganzen Kosmos wie das eines Hauptes zum Leib (Vielhauer).[7] Er ist als der Schöpfungsmittler das Haupt aller Mächte (Kol 2,10 EU), triumphiert über die kosmischen Gewalten (Kol 2,15 EU), weist den Mächten ihre Bedeutung zu und gibt der Gemeinde an dieser seiner Herrschaft Anteil, in dem er sie mit Gott versöhnt (Kol 1,22 EU), ihren Schuldbrief tilgt (Kol 2,14 EU) und der Heidenwelt seine Herrschaft verkündigen lässt (Kol 1,27 EU). Christus als Schöpfungsmittler und als Welterlöser ist in den Paulusbriefen durchaus ein Nebenmotiv, taucht hier aber als ausgeführte christologische Basis auf.
Der Kolosserbrief bietet eine kosmologisch orientierte Gegenwartseschatologie. Die Christen sind durch die Taufe bereits mit Christus gestorben und auferstanden; andere Mächte können nicht mehr über sie herrschen (Kol 2,12-13 EU). Die Christen sind darum aufgerufen, sich nicht an den durch die Mächte negativ qualifizierten Bereich („nach unten“), sondern „nach oben hin“ zu Christus auszurichten. Der für Paulus sonst typische „eschatologische Vorbehalt“ eines „schon jetzt - noch nicht“ (Röm 6,3f. EU) ist hier zugunsten einer vollen Anteilnahme der Glaubenden am Tod und an der Auferstehung Christi aufgelöst.
Gemeinsam mit 1 Kor 12 EU und Röm 12 EU ist die Kirche im Kolosserbrief der Leib Christi (griechisch σῶμα Χριστοῦ); allerdings ist Christus selbst nicht der Leib, sondern das Haupt des Leibes, so wie er auch das Haupt des Kosmos ist. Die Kirche ist der „von Jesus Christus ermöglichte und durchwaltete universale Heilsraum“ (Schnelle mit Kol 1,18.24; 2.17.19; 3,5)[8], dessen Glieder auf mystische Weise in die Auferstehung, aber - so sagt es der Verfasser von sich selbst - auch in das noch unvollendete Leiden Christi mit hineingenommen sind (Kol 1,24 EU). Dieser der paulinischen Kreuzestheologie widersprechende Gedanke wird oftmals als Indiz gegen eine paulinische Verfasserschaft gewertet.