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Buster Keaton [ËbÉstÉr Ëki:tn] (eigentlich Joseph Francis Keaton; * 4. Oktober 1895 in Piqua, Kansas; â 1. Februar 1966 in Woodland Hills, Kalifornien) war ein amerikanischer Schauspieler, Komiker und Regisseur.
Keaton zÀhlte neben Charles Chaplin und Harold Lloyd zu den erfolgreichsten Komikern der Stummfilmzeit. Wegen seines bewusst ernsten, stoischen Gesichtsausdrucks wurde er The Great Stoneface und Der Mann, der niemals lachte genannt. Ein weiteres Markenzeichen ist sein pork pie hat, ein runder, flacher Hut aus Filz.
Durch sein akrobatisches Talent machte er schon als Kind Karriere im Vaudeville, ehe er mit einundzwanzig Jahren in den Filmen von Roscoe Arbuckle auftrat. Drei Jahre spÀter begann er mit der Produktion eigener, sehr erfolgreicher Komödien. Mit The Navigator gelang ihm 1924 der Durchbruch und der Anschluss zu den beliebtesten Komikern seiner Zeit, Chaplin und Lloyd.
Im Zuge des finanziellen Misserfolgs seines aufwendigen Films The General wurde Keaton 1928 Schauspieler bei MGM. 1933 wurde ihm, der mittlerweile alkoholkrank war, aufgrund anhaltender Konflikte mit dem Firmenvorstand gekĂŒndigt und er geriet in Vergessenheit. In den 1950er Jahren setzte die Wiederentdeckung und WĂŒrdigung seiner technisch innovativen Stummfilmkomödien ein, die heute zu den bedeutendsten Werken der Filmgeschichte gezĂ€hlt werden.
Inhaltsverzeichnis |
Joseph Frank (spĂ€ter: Francis) Keaton wurde als erstes Kind von Joseph (Joe) Hallie Keaton und Myra Keaton, geb. Cutler, in Piqua, einem kleinen Ort im Mittleren Westen der USA, geboren. Der Familientradition entsprechend, wurde der Sohn nach seinem Vater, aber auch nach seinem GroĂvater mĂŒtterlicherseits benannt. Den Namen Buster gaben ihm seine Eltern angeblich, nachdem er unverletzt einen gefĂ€hrlichen Sturz die Treppe hinunter ĂŒberstand. Dies soll den EntfesselungskĂŒnstler Harry Houdini zur Bemerkung veranlasst haben: âThatâs sure some buster your baby took!â (etwa: âDas war ein ganz schöner Sturz, den euer Baby da hingelegt hatâ).[1] Marion Meade Ă€uĂerte in ihrer Keaton-Biographie jedoch die Vermutung, dass der legendĂ€re Houdini erst nachtrĂ€glich in die Anekdote Einzug fand. Als gesichert gilt, dass Keaton der Erste war, der den spĂ€ter hĂ€ufiger auftauchenden Vornamen Buster trug.
Seine Eltern waren zum Zeitpunkt seiner Geburt auf Tournee mit der Mohawk Indian Medicine Show, einer damals ĂŒblichen Mischung aus Wunderheilung und Unterhaltung. Ab 1899 suchten Myra und Joe Keaton ihr GlĂŒck in den Vaudeville-Shows von New York. Nach einem enttĂ€uschenden Start nutzten die beiden ab Oktober 1900 das Talent ihres Sohnes, StĂŒrze unbeschadet wie klaglos zu ĂŒberstehen, und nahmen ihn mit auf die BĂŒhne. Als âmenschlicher Mopâ wurde er vom Vater rĂŒcksichtslos, aber zum Gaudium des Publikums in die Kulissen geschleudert. Inhalt dieser burlesken, slapstickartigen Nummern war die harsche Erziehung des Sohnes. Dabei lernte Buster frĂŒh, dass die Zuschauer um so mehr lachten, desto weniger er es tat. Die auĂergewöhnlich brutal anmutenden Darbietungen entwickelten sich zu einem Publikumserfolg. Aus den Two Keatons wurden bald The Three Keatons mit Buster als Star.
Doch auch die New York Society for the Prevention of Cruelty to Children (NYSPCC oder, nach einem ihrer GrĂŒnder, Gerry Society) interessierte sich fĂŒr das Kind. Diese gemeinnĂŒtzige Organisation zeigte Misshandlung und Ausbeutung von Kindern an. Die Eltern versuchten dem zu begegnen, indem sie Buster als kleinwĂŒchsigen Erwachsenen oder um einige Jahre Ă€lter ausgaben. Mit nur einem Auftrittsverbot, im Staat New York von 1907 bis 1909, kamen die Keatons glimpflich davon. Joe Keaton musste jedoch seine PlĂ€ne fallen lassen, die ganze â mittlerweile um die Kinder Harry (Spitzname âJinglesâ) und Louise erweiterte â Familie auf die BĂŒhne zu bringen. Buster Keaton selbst verwahrte sich auch spĂ€ter gegen die Sichtweise, die von ihm auf der BĂŒhne erlittenen SchlĂ€ge und StĂŒrze seien eine Form von Kindesmisshandlung gewesen.
Da er nahezu seine ganze Kindheit und Jugend im Vaudeville verbrachte, erfuhr Keaton nie eine geregelte schulische Ausbildung. Im Alter von 21 Jahren beschloss er, sich auch kĂŒnstlerisch von seinen Eltern zu lösen und ein eigenes Engagement zu suchen. Er war nun zu groĂ fĂŒr den Jungen, den er spielen sollte; zudem litt die Nummer unter dem bereits ausgeprĂ€gten Alkoholismus seines Vaters.
Keaton sollte ab MĂ€rz 1917 in New York in einer extravaganten Musik-Revue auftreten. ZufĂ€llig traf er einen alten Freund aus seiner Jugend, der nun in einem Filmstudio arbeitete. Dieser lud Keaton ein, das StudiogelĂ€nde zu besuchen und stellte ihm Roscoe Arbuckle vor, der seinerzeit als der beliebteste Filmkomiker neben Charles Chaplin galt. Als Keaton sich durch das Studio fĂŒhren lieĂ, arbeitete Arbuckle gerade an seinem ersten Film unter seinem neuen Produzenten Joseph Schenck.
Keaton war Arbuckle gegenĂŒber zunĂ€chst eher skeptisch eingestellt, da er ungefragt BĂŒhnenroutinen der Keatons in einem Film ĂŒbernommen hatte.[2] AuĂerdem galten die âbewegten Bilderâ als Konkurrenz des Vaudeville. Die Technik des Filmens aber faszinierte Keaton. Das Angebot Arbuckles, stante pede in dessen Film aufzutreten, schlug er daher nicht aus: The Butcher Boy (1917) gilt als Keatons LeinwanddebĂŒt. In der von Buster Keaton improvisierten Sequenz ist er bereits mit seinen spĂ€teren Markenzeichen, dem fast unbewegtem Gesichtsausdruck und dem flachen pork pie hat, zu sehen. Eine Anekdote besagt, dass er sich am selben Tag eine Kamera vom Set auslieh, um sie zu Hause neugierig auseinanderzunehmen. Begeistert lieĂ Keaton seinen eintrĂ€glichen BĂŒhnenvertrag auflösen, um fĂŒr weit weniger Geld bei den Filmen von Arbuckle mitzuwirken.[3]
Bis 1920 drehte Keaton 15 Two-Reeler (Kurzfilme von etwa 20 bis 25 Minuten LĂ€nge) als Partner von Arbuckle und wurde so mit jeder Facette des Filmemachens vertraut gemacht.[4] Auch wenn er sich von Kindheit an das âPoker-Faceâ fĂŒr seine BĂŒhnenauftritte angewöhnt hatte, ist Buster in den Filmen dieser Phase seiner Karriere teilweise hysterisch lachend zu sehen. Doch Keatons subtiles HumorverstĂ€ndnis und seine Erfahrungen aus dem Vaudeville prĂ€gten im Lauf der Zeit den Stil der Filme Arbuckles immer stĂ€rker. Er entwarf nicht nur den GroĂteil der Gags und der Handlung, sondern fĂŒhrte bald neben Arbuckle Regie.
Nach seinem Kriegsdienst von Juli 1918 bis MĂ€rz 1919 in Frankreich kehrte Buster Keaton trotz besserer Angebote zu Arbuckles Comique Studio zurĂŒck. Seit 1917 war das Studio im noch jungen Hollywood beheimatet, das besseres Klima und damit mehr AuĂendrehtage bot als New York. Nach nur drei weiteren gemeinsamen Filmen nahm Arbuckle allerdings Ende 1919 das Angebot an, mit der Produktionsfirma Famous Players-Lasky (spĂ€ter Paramount Pictures) Filme in SpielfilmlĂ€nge (damals 60â70 Minuten) zu drehen. Arbuckles bisheriger Produzent Joseph Schenck bot daraufhin Keaton an, Arbuckles Stelle einzunehmen und eigene Filme in kreativer Freiheit zu drehen. Das neue Filmstudio Metro (spĂ€ter aufgegangen in Metro-Goldwyn-Mayer) sollte den Vertrieb sĂ€mtlicher Keaton-Filme ĂŒbernehmen.
FĂŒr die von Metro produzierte Komödie The Saphead in SpielfilmlĂ€nge wurde Keaton daher noch im selben Jahr als Hauptdarsteller verpflichtet. Die Kritik zu Keatons erstem groĂen Filmauftritt war wohlwollend, aber nicht enthusiastisch: âBuster ist ein natĂŒrlicher, gefĂ€lliger Komiker.â[5]
Buster Keaton drehte seine Filme im alten Studio von Charlie Chaplin. Seinen gelungenen, aber nicht umwerfenden Erstling The High Sign (1920) hielt er vorerst zurĂŒck. Keatons erste Veröffentlichung One Week (âFlitterwochen im Fertighausâ) von 1920 hingegen gilt heute als Klassiker des Genres. Der originelle, aufwĂ€ndige und klug konstruierte Kurzfilm handelt von dem letztlich desaströsen Versuch eines frischvermĂ€hlten PĂ€rchens, sich ein Fertigteil-Haus nach Anleitung zu zimmern.
Von den insgesamt 19 Kurzfilmen aus den Keaton-Studios zĂ€hlt heute Cops (1922) zu den bekanntesten: Am Höhepunkt jagen hunderte Polizisten Buster durch die StraĂen von New York. Dieses Motiv findet sich variiert wieder in seinen abendfĂŒllenden Komödien Seven Chances (hier sind es erst hunderte heiratswillige BrĂ€ute, schlieĂlich unzĂ€hlige Felsbrocken) und Go West (mit einer Rinderherde in Los Angeles).
Erst relativ spĂ€t â verglichen mit den anderen groĂen Stummfilmkomikern der Zeit, Charlie Chaplin und Harold Lloyd â verlegte sich Keaton auf abendfĂŒllende Komödien. WĂ€hrend sein erster Versuch The Three Ages (1923) im Prinzip aus drei Kurzfilmen bestand und den typischen, comic-artigen Humor der Kurzfilme aufwies, Ă€nderte Keaton seinen Stil grundlegend mit Our Hospitality. Ab jetzt legte er höheren Wert auf GlaubwĂŒrdigkeit der Gags, aus der Ăberzeugung, das Publikum sonst nicht an die Geschichte fesseln zu können.
In Our Hospitality ist neben seinem Vater Joe Keaton das einzige Mal seine damalige Ehefrau in einem seiner Filme zu sehen. Natalie Talmadge war die SchwÀgerin seines Produzenten Joseph Schenck. Keaton heiratete sie 1921. Ihr erster gemeinsamer Sohn James ist im Alter von einem Jahr ebenfalls in dem Film zu sehen.
Mit The Navigator schloss Keaton endgĂŒltig zu den beiden populĂ€rsten Filmkomikern der Zeit, Chaplin und Lloyd, auf. Es blieb eine seiner finanziell erfolgreichsten Produktionen. In dem 1924 gedrehten Film verschlĂ€gt es ihn und seine Partnerin Kathryn McGuire auf ein verlassenes, riesiges Schiff, das ziellos im Ozean treibt.
Die nĂ€chsten Filme (Seven Chances, Go West und â als sein gröĂter kommerzieller Erfolg â Battling Butler) bestĂ€tigten die auĂergewöhnliche PopularitĂ€t Keatons, dessen Ruhm auch darauf grĂŒndete, dass er spektakulĂ€re Stunts erfand und selbst ausfĂŒhrte. Die Dreharbeiten waren so stets mit groĂem Risiko verbunden: Bei einer Szene am Höhepunkt von Our Hospitality (einem Stunt an einem Wasserfall) schluckte er zu viel Wasser; sein Magen musste ausgepumpt werden. Bei Sherlock Jr. (1924) wurde sein Kopf mit Wucht gegen Gleise geschleudert. Keaton litt danach unter schweren Kopfschmerzen, die nach einigen Tagen verschwunden waren. Der Bruch eines Nackenwirbels, den er sich dabei offenbar zugezogen hatte, wurde zufĂ€llig und erst Jahre spĂ€ter bei Röntgenaufnahmen entdeckt.
Mit The General, einer 1926 gedrehten, epischen Komödie, die zur Zeit des Amerikanischen BĂŒrgerkriegs spielt, trieb Keaton seinen Anspruch in Sachen GlaubwĂŒrdigkeit und AuthentizitĂ€t auf die Spitze: Er lieĂ eine historische Dampflokomotive in die Tiefe stĂŒrzen. Diese einzelne Szene zĂ€hlt zu den teuersten der ganzen Stummfilm-Epoche. Das zeitgenössische Publikum konnte sich fĂŒr den Film jedoch nicht begeistern, und auch von den meisten Kritikern wurde das Werk meist als langweilig abgetan.
Nach diesem Flop ĂŒbernahm sein Produzent Joseph Schenck verstĂ€rkt die Kontrolle ĂŒber die Produktionen Keatons und stellte diesem â gegen Keatons Willen â Drehbuchautoren und Regisseure zur Seite. Vor allem achtete er strenger auf das Budget. Der folgende Film College (1927) litt deutlich unter den neuen BeschrĂ€nkungen, wenn auch Keatons Handschrift unverkennbar ist. Letztlich spielte die eher konventionelle Komödie an den Kinokassen nicht mehr Geld ein als The General.
In Steamboat Bill Jr. (1928) realisierte Keaton den vielleicht gefĂ€hrlichsten und legendĂ€rsten Stunt seiner Karriere, indem er eine Hausfassade auf sich kippen lieĂ und nur durch ein kleines Giebelfenster verschont bleibt. Es sollte seine letzte unabhĂ€ngige Produktion werden. Die Kosten wurden noch einmal in die Höhe getrieben, als das Finale des Films samt bestehender Bauten geĂ€ndert werden musste, weil kurz zuvor eine verheerende Ăberschwemmung in Amerika Schlagzeilen gemacht hatte und deshalb aus der ursprĂŒnglich geplanten Flut ein Hurrikan werden sollte. Die Einnahmen des Films blieben hinter denen von The General und College zurĂŒck.
Noch wĂ€hrend der Dreharbeiten löste Produzent Joseph M. Schenck, inzwischen PrĂ€sident der United Artists, seinen Vertrag mit Keaton. Diesem legte er nahe, einen Vertrag mit MGM, dem mittlerweile gröĂten Filmstudio, zu unterzeichnen. Sowohl Chaplin als auch Lloyd warnten Keaton vor dem kontraproduktiven Studiosystem. Doch Keaton lieĂ sich von Joseph Schenck ĂŒberzeugen. SpĂ€ter bezeichnete er diesen Schritt als den gröĂten Fehler seines Lebens.[6]
Bei MGM sollte sich Keaton dem rigiden Studio-System unterwerfen. So wurde etwa verlangt, strikt nach einem vorliegenden Drehbuch zu arbeiten. Das widersprach Keatons bisherigem Arbeitsstil, der â Ă€hnlich wie andere Stummfilmkomiker â den GroĂteil seiner Ideen aus der Improvisation schöpfte und niemals nach einem Drehbuch arbeitete. Es kam zu ernsthaften Spannungen zwischen dem mĂ€chtigen Produzenten Louis B. Mayer und Keaton, der sich vorerst einen gewissen Freiraum erkĂ€mpfen konnte. Sein erster Film bei MGM The Cameraman (1928) gilt als der letzte im Stile Keatons. Den groĂen Erfolg der Komödie verbuchte das Studio fĂŒr sich und entzog Keaton nicht nur langjĂ€hrige Mitarbeiter, die mit ihm zu MGM gewechselt waren, sondern auch kĂŒnstlerischen Einfluss. Stattdessen bekam er Berater zur Seite gestellt, die lenkend in die Entwicklung des Films eingreifen sollten. Seinem letzten Stummfilm Spite Marriage (1929) ist das deutlich anzumerken. Obwohl diesmal streng nach einem genauen Drehbuch entstanden, wirkt der Film nach Meinung von Kritikern viel weniger stringent als die klassischen Keaton-Komödien.
Schon Spite Marriage, der in der Zeit des aufstrebenden Tonfilms entstand, wollte Keaton als Tonfilm produzieren. Wegen seiner Stimme oder Aussprache machte er sich keine Sorgen. Doch als Angestellter hatte er auf Entscheidungen des Studios keinen Einfluss. Als er dann in Tonfilmen besetzt wurde, bemĂ€ngelte Keaton zudem die aufkommende Mode, auf visuelle Komik zugunsten alberner Dialoge zu verzichten. Jede der von Keaton nur unwillig gedrehten Komödien hatte er drei- oder viermal zu drehen, jedes Mal in einer anderen Sprache: Auf diese Weise wurden Tonfilme aus Hollywood Anfang der 1930er Jahre weltweit vermarktet. Zu Keatons erstem Tonfilm Free and Easy (1930, MGM) vermerkt Jim Kline in seinem Buch The Complete Films of Buster Keaton: âBuster talks! Buster sings! Buster dances! Buster looks depressed!â Heute fast vergessen, spielten dieser und die folgenden Filme mehr Geld ein als die Stummfilme der Keaton-Studios, insbesondere Sidewalks of New York (1931), eine Komödie, die Keaton von Anfang an stark missfiel.[7] 1932 startete MGM den Versuch, Keaton und Jimmy Durante als Komikerduo zu etablieren. Ăber den bewusst lauten und schnellredenden Durante als Partner zeigte sich der eher stille Keaton sehr unglĂŒcklich.[8]
In dieser Zeit verstĂ€rkte sich Keatons Alkoholismus, der bereits mit Ende seiner UnabhĂ€ngigkeit eingesetzt hatte. Zu Drehterminen erschien er meist angetrunken oder gar nicht. Seine Frau Natalie Talmadge reichte 1932 die Scheidung ein â lange Auseinandersetzungen ĂŒber Aufteilung des Vermögens und Sorgerecht der beiden Kinder folgten. 1933 wurde sein Anstellungsvertrag bei MGM nach mehreren Streitigkeiten mit Louis B. Mayer gekĂŒndigt. Im selben Jahr verstarb mit Roscoe âFattyâ Arbuckle sein vielleicht engster Freund. Dessen Ruf und Karriere waren inzwischen, trotz Freispruch nach einer Mordanklage, ruiniert. Keaton selbst machte negative Schlagzeilen. Die privaten, beruflichen und finanziellen Probleme verstĂ€rkten seine Alkoholsucht. Er heiratete seine private Krankenschwester Mae Scibbens, die ihm wĂ€hrend des Entzugs helfen sollte. Die Ehe wurde nach weniger als drei Jahren wieder geschieden. Mit der UnterstĂŒtzung seines Arztes und seiner Familie gelang es Keaton, sich von der Sucht weitestgehend zu befreien und mit kleinen Engagements sich und seine Familie ĂŒber Wasser zu halten.
FĂŒr die breite Ăffentlichkeit war er praktisch von der BildflĂ€che und aus dem Bewusstsein verschwunden. Er trat zunĂ€chst in billig produzierten Kurzfilmen der kleinen Educational Studios auf. Die vielversprechende französische Produktion Le Roi des Champs-ĂlysĂ©e (1934) mit Keaton in der Hauptrolle fand nicht die erhoffte Aufmerksamkeit. Ab 1937 arbeitete Keaton erneut bei MGM â vornehmlich als Gagman hinter den Kulissen, fĂŒr einen Bruchteil seines letzten Gehalts. Unter anderem ersann er Gags fĂŒr Filme mit Red Skelton, den Marx Brothers und Laurel und Hardy. WĂ€hrend er sowohl mit Red Skelton befreundet war und Laurel und Hardy sehr schĂ€tzte, Ă€uĂerte er sich spĂ€ter negativ ĂŒber den Arbeitsstil der Marx-Brothers: Sie nĂ€hmen die Komik nicht ernst.[9] Von 1939 bis 1941 drehte er fĂŒr Columbia zehn Kurzfilmkomödien. Diese waren zwar billig produziert und wenig originell, doch zeigte sich Keatons nach der Alkoholkrankheit wiederhergestellte ArbeitsfĂ€higkeit. Durch Freunde erhielt er auĂerdem gelegentlich die Möglichkeit, in groĂen Studioproduktionen mitzuwirken: FĂŒr die Komödie Hollywood Cavalcade (20th Century Fox, 1939) ĂŒbernahm er etwa die Regie fĂŒr ein kurzes Film-im-Film-Segment, in dem er auch mitspielte. Nach einem Jahr ohne Filmengagement war er ab 1943 wieder sporadisch in einigen Komödien von Universal und anderer, kleinerer Studios zu sehen. In San Diego, I Love You (Universal, 1944) findet sich ein in Keatons Filmen seltener Moment: Buster lĂ€chelt herzlich.[10]
Aufgrund der spĂ€rlichen Filmarbeit nahm Keaton in den 1940er Jahren einige BĂŒhnen- und VarietĂ©engagements an, sowohl in den USA, als auch in Europa, und kehrte damit zu seinen Wurzeln zurĂŒck. Unter anderem absolvierte er im prestigetrĂ€chtigen Cirque Medrano in Paris ab 1947 einige erfolgreiche Gastauftritte â zusammen mit seiner Ehefrau: Schon 1940 heiratete Keaton die um dreiundzwanzig Jahre jĂŒngere Eleanor Norris, die bei MGM als TĂ€nzerin unter Vertrag stand. Die glĂŒckliche Ehe hielt bis zum Ende seines Lebens.
1949 erinnerte der einflussreiche Filmkritiker James Agee in einem Artikel im Life Magazine tief beeindruckt an den ââstummstenâ aller Stummfilmkomikerâ (Keaton).[11] Amerikanische Filmclubs begannen, seine Filme â soweit noch vorhanden â wieder zu zeigen: Bis auf The General, The Navigator und einige seiner Kurzfilme galten Keatons Stummfilme als zerstört oder verschollen.
Auch das noch junge Medium Fernsehen begann sich nun fĂŒr Keaton zu interessieren: FĂŒr The Buster Keaton Comedy Show (aufgezeichnet vor Live-Publikum, 1949) und The Buster Keaton Show (1950â51) spielte Keaton in neuen Sketchen â meist mit seiner Frau. Keaton beendete jedoch diese Reihen nach kurzer Zeit. Es folgten Gastauftritte in Talkshows, Serien und anderen Sendungen (unter anderem in Candid Camera, der Originalversion von Versteckte Kamera). Im Bereich der Werbung taten sich ebenfalls fĂŒr Buster Keaton neue BetĂ€tigungsfelder auf. So wurde er Star einiger Industriefilme und drehte zwischen 1956 und 1964 Fernseh-Werbespots fĂŒr Colgate, Alka-Seltzer, 7 Up, Ford, Milky Way, Budweiser und andere.
Von seinen wieder zahlreichen Cameo-Auftritten in Filmen verschiedenster Studios ist besonders Billy Wilders Sunset Boulevard (1950) hervorzuheben: Er stellt quasi sich selbst in einer makaber anmutenden Bridgerunde vergessener Stummfilmstars dar. Zwei Jahre spĂ€ter kam es zu einem Ă€hnlichen denkwĂŒrdigen, wenn auch kurzen Auftritt in Charlie Chaplins Limelight: Erstmals sind die beiden gröĂten Komiker der Stummfilmzeit gemeinsam in einem Film zu sehen, bezeichnenderweise als alternde Vaudeville-Komiker am Ende ihrer Karriere.
Paramount produzierte 1957 die Filmbiografie The Buster Keaton Story (Drehbuch und Regie: Sidney Sheldon). Keaton wurde offiziell als Berater herangezogen, seine EinwĂ€nde wurden jedoch selten beachtet. Auch Hauptdarsteller Donald OâConnor distanzierte sich spĂ€ter von dem Film, der Keatons Leben teils unwahr wiedergibt. Seine eigenen Erinnerungen erschienen 1960 unter dem Titel My Wonderful World of Slapstick.
Mit dem Geld, das ihm der Film mit seinem Namen brachte, erwarb Keaton ein Haus â von ihm âRanchâ genannt â in Kalifornien, das er mit seiner Frau fĂŒr den Rest seines Lebens bewohnte. Seine luxuriöse âItalian Villaâ in Beverly Hills, die er am Höhepunkt seines Ruhmes besaĂ, musste er in den 1930er-Jahren aufgeben. 1952 sorgte James Mason als neuer Besitzer der einstigen Villa Keatons fĂŒr eine Ăberraschung: In einer versteckten Abstellkammer entdeckte Mason lĂ€ngst vergessene Kopien von Keatons Filmklassikern. Durch den chemischen Zerfall des Filmmaterials, das frĂŒher auf Nitrat basierte, war dieses teilweise schwer beschĂ€digt und höchst feuergefĂ€hrlich.
Der obsessive Filmsammler Raymond Rohauer, den Keaton 1954 bei einer der WiederauffĂŒhrungen von The General kennenlernte, investierte in die Rettung der Filme. Nach einer Vereinbarung mit Keaton sicherte sich Rohauer die Rechte an den noch existierenden Klassikern und ĂŒbernahm den Vertrieb an Programmkinos und Festivals. So organisierte Rohauer 1962 aufsehenerregende WiederauffĂŒhrungen der restaurierten Fassung von The General in 20 StĂ€dten Deutschlands, angefangen in MĂŒnchen. Keaton, der die Tour begleitete und den Film ausgesucht hatte, wartete wĂ€hrend der Vorstellungen vor dem Kino: Er sĂ€he sich nie seine eigenen Filme mit Publikum an.[12]
Bereits 1959 wurde Keaton ein Ehrenoscar fĂŒr seine Verdienste um die Filmkomödie verliehen.
Als lebende Legende griff er fĂŒr seine Filmauftritte öfter auf sein typisches Outfit aus der Stummfilmzeit zurĂŒck. Der kanadische Kurzfilm The Railrodder (1965, Drehbuch und Regie: Gerald Potterton) ist eine Hommage an Keatons Stummfilme, vor allem aber an die Landschaft Kanadas. WĂ€hrend der Dreharbeiten zu The Railrodder entstand die Dokumentation Buster Keaton Rides Again. Neben biographischen Stationen gibt sie Einblicke in die Persönlichkeit und Arbeitsweise des alternden Keaton.
Im selben Jahr verwirklichte Samuel Beckett mit Keaton in der Hauptrolle seinen experimentellen Stummfilm Film (Regie: Alan Schneider), der zum Filmfestival von Venedig eingeladen wurde. Das Premierenpublikum empfing den Stargast Keaton fĂŒnf Minuten lang[13] mit stehenden Ovationen.[14]
Als letzte Kinoproduktion drehte Keaton unter der Regie von Richard Lester A Funny Thing Happened on the Way to the Forum (1966). Zu der Zeit war er gesundheitlich bereits sehr angeschlagen, bei gefÀhrlichen Stunts wurde er diesmal gedoubelt. Mit dem Kopf gegen einen Baum zu rennen lieà er sich dennoch nicht nehmen.
Bereits seit mehreren Jahren verschlechterte sich Keatons Gesundheitszustand zusehends, was sich teilweise in starken HustenanfĂ€llen Ă€uĂerte. Die Diagnose Lungenkrebs, erst im weit fortgeschrittenen Stadium gestellt, wurde ihm von seiner Frau und dem Arzt allerdings verschwiegen.[15] Buster Keaton starb am 1. Februar 1966 im Alter von 70 Jahren in seinem Haus an den Folgen seiner Krankheit.
Erst Monate danach kam A Funny Thing Happened on the Way to the Forum in die Kinos. Ein knappes Jahr nach seinem Tod fand schlieĂlich in den USA die letzte Premiere eines Films mit Keaton in einer Nebenrolle statt. In der 1965 gedrehten amerikanisch-italienischen Co-Produktion War Italian Style spielte er einen Nazi-General. In der letzten Szene lassen zwei Marines den gefangenen General (Buster Keaton) frei und ĂŒbergeben ihm Zivilisten-Kleidung, die sich als das typische Buster-Outfit entpuppt. Mit seinem ausgebeulten Frack und flachen Hut blickt er ein letztes Mal auf die Soldaten, wendet sich von der Kamera ab und wandert davon.
Ein GroĂteil der Filme der StummfilmĂ€ra ist zerfallen oder verloren, darunter auch einige Filme, die Keaton mit Arbuckle drehte.[16] Die Filme, fĂŒr die Keaton verantwortlich zeichnet, sind aber erhalten worden, wenn auch einige nur in schwer beschĂ€digter Fassung oder in Fragmenten. So fehlen in den Kurzfilmen Hard Luck, nach einem Interview Keatons liebster Film, und Daydreams ganze Sequenzen. Bei den restaurierten Fassungen behalf man sich mit Standbildern, welche die fehlenden Szenen ersetzen. Auch in Convict 13 fehlen einige Momente, was in der restaurierten Fassung zu starken SprĂŒngen innerhalb einzelner Szenen fĂŒhrt. Der Langfilm The Three Ages hat nur in einer optisch lĂ€dierten Version ĂŒberlebt, da das erst in den 1950er Jahren wiederentdeckte und bis heute einzige Negativ vom Nitratzerfall stark angegriffen war. Gleiches gilt fĂŒr den Kurzfilm The Boat.[17]
Im ĂŒberwiegenden Teil seiner Filme, die in der Zeit seiner kĂŒnstlerischen UnabhĂ€ngigkeit entstanden, spielte Keaton den naiven, ungeschickten jungen Mann â oft auch einen weltfremden MillionĂ€r â, der von seiner geliebten Frau abgelehnt wird, weil er offenbar gewissen Anforderungen nicht entspricht. In Cops will sie mit ihm nichts zu tun haben, bis er ein erfolgreicher GeschĂ€ftsmann ist. In The General verlĂ€sst ihn seine Geliebte, weil er sich nicht wie die anderen MĂ€nner freiwillig zum Kriegsdienst meldet. WĂ€hrend des Films versucht er meist vergeblich, die Geliebte von seinen QualitĂ€ten zu ĂŒberzeugen, ehe er angesichts einer groĂen Krise ĂŒber sich hinauswĂ€chst. Am Ende von College etwa rettet er durch sportliche Höchstleistungen seine bedrohte Angebetete, nachdem er zuvor in sĂ€mtlichen Sportarten klĂ€glich scheiterte. In The Navigator muss er sich als verwöhnter MillionĂ€r auf einem riesigen, verlassenen Schiff mitten im Ozean zurechtfinden und rettet schlieĂlich seine Geliebte vor wilden Kannibalen.
Der romantische Plot lieferte aber nur die Rahmenhandlung. Nichts inspirierte Keaton mehr in seinem filmischen Schaffen als technische GerĂ€te und mechanisierte VorgĂ€nge. Dementsprechend sind sie sowohl thematisch als auch stilistisch der eigentliche Mittelpunkt seiner Geschichten und Gags, etwa Dampflokomotiven in The General und Our Hospitality, Schiffe in The Navigator und Steamboat Bill Jr., oder Filmkameras und das Kino an sich in The Cameraman und Sherlock Jr.. Der Kurzfilm The Electric House handelt praktisch nur von dem Traum eines vollkommen mechanisierten Haushalts: Die Stiege wird per Knopfdruck zur Rolltreppe, die StĂŒhle beim Esstisch bewegen sich per Schalter, und das Essen wird mit einer Spielzeugeisenbahn von der KĂŒche direkt auf den Esstisch serviert. Freilich entwickelt sich durch Fehlfunktionen der Traum bald zum Albtraum.
Das fĂŒr das Kino prĂ€destinierte Thema der Verfolgungsjagden ist ebenfalls wichtiger Teil der Filme Keatons. Seine aufwĂ€ndigen wie spannend konstruierten Sequenzen zĂ€hlen zu den Klassikern der Filmgeschichte. Als herausragendes Beispiel sei die turbulente Verfolgungsjagd am Höhepunkt von Sherlock Jr. genannt: Sherlock jr. (Buster Keaton) flĂŒchtet vor den Gangstern erst zu FuĂ, dann als Beifahrer auf einem Motorrad â allerdings ohne zu merken, dass der Fahrer abhanden gekommen ist â, und nach einem betont kurzen Intermezzo (die Befreiung des MĂ€dchens) dann mit dem Automobil der Gangster, die ihm mit einem weiteren Auto bald wiederum dicht auf den Fersen sind. Auch sein als Meisterwerk gefeierter Film The General besteht zum GroĂteil aus der Verfolgungsjagd zweier Dampflokomotiven. Andere einprĂ€gsame Variationen des Motivs Verfolgung finden sich prominent in Cops, Seven Chances und Go West: Hier sind es keine Fahrzeuge, sondern eine schier unĂŒberschaubare Masse an uniformierten Polizisten, BrĂ€uten in Hochzeitskleidern, oder Rindern, vor der Buster verzweifelt flĂŒchten muss.
Stummfilmkomiker etablierten meist bestimmte Hutmodelle als Markenzeichen. Keaton kreierte mit dem âpork pie hatâ eine eigene Hutform. Als Basis diente ein Fedora, den er knapp ĂŒber dem Hutband abflachte.[18] Ebenfalls als innerhalb der StummfilmĂ€ra einzigartig gilt Keatons zitiertes Pokerface (auch âStonefaceâ, âDeadpanâ oder âFrozen Faceâ). Schon wĂ€hrend seiner Kindheit bei den Auftritten im Vaudeville antrainiert, blieb dies bis zuletzt sein kĂŒnstlerisches Markenzeichen. Als Ausnahme gelten lediglich einige seiner frĂŒhen Filme mit Fatty Arbuckle, in denen man einen lachenden Buster Keaton sehen kann.
Der Vergleich zwischen seinem Stoneface und den emotionslosen Objekten und Maschinen, mit denen er sich umgibt, drÀngt sich auf. Doch bedeutete dieser unbewegte Gesichtsausdruck nicht, dass Keaton als Schauspieler ausdruckslos war. Im Gegenteil schwÀrmte etwa James Agee in seinem Artikel im Life Magazine genau aus diesem Grund von der AusdrucksstÀrke Keatons.[19]
Neben seinen markanten, fast unbewegten GesichtszĂŒgen ist Keaton fĂŒr seine aufwĂ€ndigen Stunts berĂŒhmt, die einen groĂen Teil seiner visuellen Komik ausmachen: Beispielsweise seine prat falls, slapstickartige StĂŒrze, bei denen Keaton, kaum kommt er mit dem Kopf am Boden an, praktisch nochmals um sich selbst wirbelt. Diese akrobatische Art des Aufprallens demonstriert und variiert Keaton in so gut wie allen seinen Komödien. Als er auf Langfilme wechselte, wurden seine Stunts anspruchsvoller und entsprechend risikoreicher. LegendĂ€r wurde die Wirbelsturm-Sequenz in Steamboat Bill Jr., wĂ€hrend der eine Hausfassade auf Buster kippt und dieser nur durch ein kleines Giebelfenster gerettet wird, in dessen Aussparung er zu stehen kommt. Eine Abweichung Keatons um Zentimeter von der markierten Position hĂ€tte verheerende Folgen gehabt.
Nicht nur in seinen oftmals lebensgefĂ€hrlichen Stunts, auch in seinen Gags spielte Keaton zuweilen offen mit dem Tod, sehr deutlich im Kurzfilm Convict 13, seiner zweiten Veröffentlichung: Durch eine Verwechslung wird Buster fĂŒr einen zum Tode verurteilten Verbrecher gehalten. Alle Mitgefangenen versammeln sich auf der TribĂŒne, als erwarte sie ein Unterhaltungsprogramm. Heimlich wurde der Galgenstrick jedoch zuvor mit einem elastischen Gummiseil ausgetauscht. Als Buster mit der Schlinge um den Hals durch die FalltĂŒr des Galgens fĂ€llt, schwingt er gut ein dutzend Mal wie ein Jo-Jo rauf und runter. Der verblĂŒffte WĂ€rter wendet sich mit der Bitte um Entschuldigung an die verĂ€rgerten HĂ€ftlinge und verspricht: âUm das wiedergutzumachen, hĂ€ngen wir morgen zwei von euch.â Abgesehen von diesem todesnahen Humor sprechen Kritiker von einer allgegenwĂ€rtigen Melancholie, die Keatons Filme auszustrahlen scheinen.
Im Gegensatz zu Chaplin, der gern romantische Liebesgeschichten erzĂ€hlte und Frauen bewusst als idealisiertes Sehnsuchtsobjekt in Szene setzte, sind die Frauen in Keatons Filmen dem mĂ€nnlichen Helden ebenbĂŒrtig.[20] Sein Zugang zum Thema âRomantikâ ist betont trocken und unsentimental, in einigen FĂ€llen zynisch. In Our Hospitality sieht Buster, wie ein Mann seine Frau schlĂ€gt und brutal misshandelt. Couragiert tritt er dazwischen â und wird von der Frau empört weggestoĂen, die sich daraufhin wieder bereitwillig vom Gatten misshandeln lĂ€sst. Romantik, so scheint es, ist nur fĂŒr sehr naive Seelen. Etwas ĂŒberdrehter geht es in seinem Kurzfilm The Frozen North zu: Er muss sehen, wie seine Frau verliebt einen anderen Mann kĂŒsst. Theatralisch kullert ihm eine TrĂ€ne ĂŒber die Wange; aufgewĂŒhlt erschieĂt er beide. Beim genauen Blick auf die Leichen stellt er fest: Es war nicht seine Frau â er hat sich im Haus geirrt. Anders als Chaplin setzt Keaton Pathos nur zur Parodie ein.
Die technischen Möglichkeiten des Mediums nutzte und erweiterte Keaton wie kein anderer der groĂen Stummfilmkomiker. Als Pionierleistung in diesem Zusammenhang gilt wiederum The General: Der ĂŒberwiegende Teil des Films wurde mit fahrenden Kameras gedreht. DarĂŒber hinaus kam in seinen Filmen ausgefeilte Tricktechnik zum Einsatz, deren Ergebnisse gerade wegen der damals vergleichsweise primitiven Technik auch noch heute ĂŒberraschen. Eine der herausragendsten Spezialeffekt-Sequenzen der Filmgeschichte findet sich in Sherlock Jr.: Buster betritt aus dem Zuschauerraum die Kinoleinwand. Durch eine rasche Schnittfolge Ă€ndert sich stĂ€ndig die Umgebung â von einem Hausportal zu WĂŒste, Brandung, Schneelandschaft bis Dschungel mit Löwen â und der im Film gefangene Buster muss sich diesen plötzlichen VerĂ€nderungen stetig anpassen.
Bezeichnend ist allerdings, dass Keaton derartige optische Filmtricks, wie sie etwa auch in The Playhouse verblĂŒffend eingesetzt werden (Buster erscheint bis zu neun Mal im selben Bild), nur in Ausnahmen zur TĂ€uschung benutzte: Sie wurden meist dort verwendet, wo sie als Tricks offenkundig sind. Er legte groĂen Wert auf AuthentizitĂ€t; die Stunts sollten zweifellos als so gefĂ€hrlich und real wahrgenommen werden, wie sie es waren. Als fĂŒr The General eine brennende BrĂŒcke unter der Last einer Dampflok zusammenbrechen und die Lok mit in die Tiefe reiĂen sollte, verzichtete er auf die Verwendung eines Modells, wie dies schon damals ĂŒblich war. Stattdessen lieĂ er eine BrĂŒcke bauen und diese samt einer echten (allerdings unbesetzten) Dampflok einstĂŒrzen. Auch die zwölfminĂŒtige Wirbelsturm-Sequenz in Steamboat Bill Jr. wurde ohne filmische Tricks, sondern mittels Kran, aufwĂ€ndigen Kulissen und krĂ€ftigen Flugzeugmotoren realisiert.
GlaubwĂŒrdigkeit war ihm nach dem Wechsel zum abendfĂŒllenden Format bei seinen Komödien besonders wichtig. Sein Werk zeigt hier eine deutliche Bruchlinie, war er doch ĂŒberzeugt, das Publikum nicht an eine lĂ€ngere Geschichte binden zu können, wĂ€ren die Gags zu ĂŒbertrieben. So gab es in seinen verspielten, bewusst an die Ăsthetik des Zeichentrickfilms angelegten Kurzfilmen weit mehr tricktechnische Effekte zu sehen, als in seinen spĂ€teren Langfilmen, die ihr Augenmerk auf das Drama der Rahmenhandlung legten. Besonders sein erster narrativer Langfilm Our Hospitality (The Three Ages davor bestand praktisch und stilistisch aus drei Kurzfilmen) macht im Prolog den Eindruck eines noch heute wirkungsvollen Melodrams. FĂŒr The Navigator engagierte er eigens einen drama-erfahrenen Regisseur. Als dieser sich jedoch mehr und mehr fĂŒr komische Ideen und burleske Darstellung begeisterte, trennte sich Keaton von ihm und drehte alle Szenen ernsthaft und unter eigener Regie nach. Keaton: âIch mag kein ĂŒbertriebenes Spiel.â[21]
Die Geschichten und Gags seiner Filme entwickelte Buster Keaton auf einfache, aber effektive Weise: Nachdem eine zĂŒndende Idee fĂŒr den Anfang gefunden wurde, arbeitete das Team am Schluss â â⊠und wenn wir einen Schluss hatten, mit dem wir alle zufrieden waren, dann gingen wir zurĂŒck und arbeiteten den Mittelteil aus. Aus irgendwelchen GrĂŒnden kam die Mitte immer von alleine zustande.â[22]
Zu Keatons Truppe hinter der Kamera, die er teilweise von Arbuckle ĂŒbernommen hatte, zĂ€hlten insbesondere der Regisseur Eddie Cline, die Gagmen Jean Havez und Clyde Bruckman sowie der Chef-Techniker Fred Gabourie, der sich um die vielbeachteten Spezialeffekte kĂŒmmerte. Vor der Kamera war Joe Roberts, mit seiner imposanten Statur ein kontrastreicher Widerpart zu dem eher kleinen Keaton, der einzige regelmĂ€Ăig wiederkehrende Schauspieler in Keatons Filmen â bis er nach den Dreharbeiten zu Our Hospitality 1923 in Folge eines Herzinfarkts verstarb. Aber auch Keatons Vater Joe ist sporadisch in Nebenrollen zu sehen.
Die Besetzung der weiblichen Hauptrolle gestaltete sich meist auch sehr unkompliziert. âWenn mein Studiomanager eine Hauptdarstellerin billig bekommen konnte, dann nahm er sie. Er hielt sie einfach nicht fĂŒr wichtig.â[22] Als Keatons Partnerinnen sind hĂ€ufig Sybil Seely und Kathryn McGuire zu sehen. Damals bekannte Namen wie Phyllis Haver im Kurzfilm The Balloonatic sind selten. Unzufrieden war Keaton jedoch nur mit seiner Partnerin in seinem ersten Langfilm The Three Ages: Er drehte mit einer schauspielerisch untalentierten Schönheitskönigin.
Da Handlung und Gags im Vorfeld ausgiebig besprochen wurden, fanden die Dreharbeiten stets ohne Drehbuch statt.[23] Das Team nutzte unter anderem die Stadtdekorationen, die Chaplin â der Vorbesitzer des Studios â am StudiogelĂ€nde errichten lieĂ. Aber auch AuĂenaufnahmen in der Stadt beschrieb Keaton als Ă€uĂert unkompliziert: Sowohl Polizei als auch Feuerwehr oder die Verantwortlichen der örtlichen Eisenbahnlinie stellten ihre Hilfe fĂŒr die Dreharbeiten gratis zur VerfĂŒgung.[24] Keaton trug dabei als Regisseur die Hauptverantwortung, auch wenn beispielsweise Eddie Cline als Co-Regisseur im Vorspann genannt wird.
Seine meist technischen Gags realisierte er mit viel Geduld und Hingabe. In dem Kurzfilm The Boat (1921) etwa sollte das von Buster gebaute Schiff beim Stapellauf im Wasser versinken. Doch trotz sĂ€mtlicher Vorkehrungen (eine Ladung Eisenbarren, Löcher im Bug, etc.) glitt es nicht so schnurgerade unter die WasseroberflĂ€che, wie es Keatons Vorstellung vom komischen Timing entsprach. Drei Tage tĂŒftelten Keaton und seine Mitarbeiter, bis die Lösung fĂŒr die nur wenige Sekunden lange Szene gefunden wurde: â[Wir] versenken einen Anker, von dem wir ein Kabel ĂŒber eine Rolle am Heck des Schiffes fĂŒhren, das andere Ende hĂ€ngt an einem Schlepper. Wir machten alle Luftblasen aus dem Boot, wir haben sichergestellt, dass das Heck genĂŒgend Wasser ĂŒbernimmt, und mit dem Schlepper auĂerhalb des Bildes zogen wir das Boot unter Wasser.â[25]
Das gedrehte Filmmaterial wurde vom Cutter J. Shermann Kell nach Szenen und Einstellungen in Regalen geordnet. Daraus montierte Keaton mit seinem GespĂŒr fĂŒr Timing den Film.[26] Durch das eigene Studio mit seinem festen Mitarbeiterstab konnte Keaton aber auch bereits fertig geschnittene Filme nach TestvorfĂŒhrungen problemlos durch neu gedrehtes Material verbessern, ohne dass hohe Zusatzkosten entstanden.[27]
Zu Beginn und auch am Höhepunkt seiner Karriere wurde er als erfolgreicher, versierter Komiker zwar positiv wahrgenommen, sein auĂergewöhnlicher Stil, festgemacht an seinem âunbewegtenâ Gesichtsausdruck, stieĂ jedoch auch auf Irritation. Kritiker beschrieben seine Figur als emotionslos oder gar als mechanisches Utensil, zu der man als Zuschauer â im Gegensatz zu den Leinwandpersönlichkeiten etwa Chaplins oder Lloyds â keine persönliche Bindung aufbauen könne. Siegfried Kracauer meinte 1926: âDieser schmale, kleine Mann [âŠ] hat durchaus die Beziehung zum Leben verloren. [âŠ] Die vielen GegenstĂ€nde: Apparate, BaumstĂ€mme, TrambahnwĂ€nde und Menschenkörper veranstalten ein Kesseltreiben mit ihm, er kennt sich nicht mehr aus, er ist unter dem sinnlosen Druck der zufĂ€lligen Dinge apathisch geworden.â[28] Zu Keatons trockenem Humor stellte James Agee 1949 im Life Magazine fest: âEs gibt Leute, die sich nie besonders fĂŒr Keaton interessierten. Alle anderen fasziniert er umso mehr.â[29]
Die Darstellung Keatons als âMaschinenmenschâ hat sich im Laufe der Jahrzehnte deutlich gewandelt: die poetische QualitĂ€t seiner Filme nimmt in Besprechungen einen wesentlichen Platz ein. Robert Benayoun konzentrierte sich in seinem 1982 erschienen Buch Der Augenblick des Schweigens ganz auf die visuelle Ausdruckskraft Keatons und zieht Parallelen zu surrealistischen Kunstwerken. Indem er Technik zum selbstverstĂ€ndlichen Mittelpunkt seiner Filme machte, gilt Keaton darĂŒber hinaus auch noch heute als Stummfilmkomiker der Jetztzeit â im Gegensatz zu Chaplin, der eher das Viktorianische Zeitalter reprĂ€sentiere.
Schon in den zeitgenössischen Medien wurden Chaplin und Keaton gerne als Rivalen beschrieben, wobei Keaton nach Meinung der Kritiker Chaplins Meisterschaft bestenfalls knapp unterlag. Seit Keatons Werk von Kritikern und der breiten Ăffentlichkeit in den 1960er Jahren neu entdeckt wurde, gibt es Tendenzen, die Bedeutung seiner Filme ĂŒber jene Chaplins zu stellen. Der amerikanische Kritiker Walter Kerr kam 1975 in seinem vielbeachteten Buch The Silent Clowns zu dem Schluss: âLasst Chaplin König sein und Keaton Hofnarr. Der König herrscht ĂŒber alles, der Narr sagt die Wahrheit. [âŠ] WĂ€hrend andere den Film benutzten, um sich und ihre tollkĂŒhnen KunststĂŒcke zu zeigen, zeigte Keaton in die entgegengesetzte Richtung: auf das Wesen des Films selbst.â[30]
Im New York Review of Books (Juni 2011) steht ein umfassender Essay ĂŒber Keaton, der viele aktuelle Veröffentlichungen ĂŒber ihn einbezieht.[31]
1987 legten die Filmhistoriker Kevin Brownlow und David Gill die dreiteilige Dokumentation Buster Keaton: Lachen verboten! (auch: Buster Keaton â Sein Leben, sein Werk; Originaltitel: Buster Keaton: A Hard Act to Follow) vor. Die insgesamt etwa 150 Minuten umfassende Fernseh-Dokumentation beinhaltet, neben Interviews mit Buster Keaton aus dem Archiv, GesprĂ€che mit Freunden und ehemaligen Mitarbeitern sowie seiner Witwe Eleanor. Dank ihres umfangreichen Materials zĂ€hlt sie zu den informativsten PortrĂ€ts von Keatons Leben und Werk.
Als Hauptquellen dienten die BĂŒcher The Complete Films of Buster Keaton von Jim Kline, Buster Keaton: Cut to the Chase von Marion Meade und Pioniere des Films: vom Stummfilm bis Hollywood von Kevin Brownlow, auĂerdem die Biographie auf der Website der Internationalen Buster-Keaton-Gesellschaft sowie die mit dem Emmy-Award ausgezeichnete, dreiteilige Fernsehdokumentation Buster Keaton: A Hard Act to Follow von Kevin Brownlow und David Gill fĂŒr Thames Television in Zusammenarbeit mit Raymond Rohauer.
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Dieser Artikel wurde am 15. September 2007 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
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| NAME | Keaton, Buster |
| ALTERNATIVNAMEN | Keaton, Joseph Francis (wirklicher Name); Keaton, Joseph Frank (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Schauspieler und Filmregisseur |
| GEBURTSDATUM | 4. Oktober 1895 |
| GEBURTSORT | Piqua, Kansas |
| STERBEDATUM | 1. Februar 1966 |
| STERBEORT | Woodland Hills, Kalifornien |