|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Carl Peters (Vorname auch: Karl[1]; * 27. September 1856 in Neuhaus/Elbe, Königreich Hannover; † 10. September 1918 in Bad Harzburg, Herzogtum Braunschweig, Deutsches Reich)[2] war ein deutscher Politiker, Publizist, Kolonialist und Afrikaforscher mit stark ausgeprägter rassistischer Einstellung. Er gilt als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika.
Peters entstammte einer evangelischen Pastorenfamilie und studierte u. a. bei dem nationalliberalen und für seine sozialdarwinistischen und antisemitischen Ideen bekannten Historiker Heinrich von Treitschke. Er promovierte 1879 zum Doktor der Philosophie an der Berliner Universität und habilitierte mit einer Arbeit über Arthur Schopenhauers Philosophie, strebte aber keine Karriere im Schul- oder Universitätsdienst an.
Peters ging nach London zu seinem Onkel und trat in dessen Importgeschäft ein. In England kam er nach eigener Angabe erstmalig in Berührung mit Kolonialismus und Weltmachtpolitik, die von nun an sein Weltbild beherrschten.
Von 1882 bis 1883 beschäftigte Carl Peters sich in London intensiv mit der Politik Englands in Übersee und entwarf ähnliche Pläne für Deutschland. Dabei verband sich sein ausgesprochenes kolonialpolitisches Interesse mit einer geradezu schwärmerischen Anglophilie und einer grenzenlosen Bewunderung für den imperialen „Lehrmeister“ eines künftigen deutschen Kolonialreiches. Seine Gedankenwelt war vom Sozialdarwinismus geprägt. Die so genannten „nicht-weißen Rassen“ pflegte er in der von ihm herausgegebenen Kolonialpolitischen Correspondenz als minderwertig zu bezeichnen. Als einzige Existenzberechtigung billigte er ihnen ein Dasein als Arbeitskräfte unter der Herrschaft weißer Pflanzer zu. Unter den Rassenideologen des Wilhelminischen Zeitalters gehörte er zum radikalen Flügel.
Nach seiner Rückkehr aus England gründete Peters im März 1884 die „Gesellschaft für Deutsche Kolonisation“ (GfdK) und ließ sich von dieser zusammen mit Karl Ludwig Jühlke und Joachim Graf von Pfeil einen Auftrag zum Gebietserwerb in Ostafrika erteilen. Seinen ursprünglichen Plan, in Südwestafrika Land zu erwerben, gab Peters somit auf, da ihm Adolf Lüderitz zuvorkam.[4] Am 10. November 1884 kam Peters stattdessen in Sansibar an. Die Reichsregierung hatte es abgelehnt, seine Expedition unter den Schutz des Reiches zu stellen, was Peters bei Ankunft in Sansibar vom deutschen Konsul eröffnet wurde. [5]
Auf dem Festland gegenüber der Insel Sansibar begann er dann, „Schutzverträge“ abzuschließen. Das Ziel seiner Reise war die Region Usagara, mit dessen Herrscher Muini-Sagara am 4. Dezember 1884 ein Vertrag geschlossen wurde.[6] Auf dem Hinweg wurden in der Küstenlandschaft Useguha und auf dem Rückweg in den Regionen Nguru und Ukami ebenfalls Verträge abgeschlossen.[7] Die Vertragsabschlüsse bestanden darin, dass Peters örtliche Häuptlinge aufsuchte und ihnen – oft nach reichlichem Alkoholgenuss – deutschsprachige Schriftstücke vorlegte, auf die sie dann Kreuze als Unterschrift zeichneten. Darin wurde ihnen Schutz vor Feinden zugesagt, umgekehrt wurden die Rechte der Kolonisationsgesellschaft so beschrieben: das alleinige und uneingeschränkte Recht, Zölle und Steuern zu erheben, eine Justiz und Verwaltung einzurichten, bewaffnete Truppen ins Land zu bringen und Siedlern die „Berge, Flüsse, Seen und Forsten“ zur beliebigen Nutzung zu überlassen. Eine Prüfung daraufhin, ob die afrikanischen Vertragspartner verstanden, was sie vorgelegt bekamen, oder ob sie überhaupt eine Vollmacht hatten, über die angesprochenen Befugnisse zu verfügen, wurde nicht vorgenommen.
Peters wollte jetzt Schutzbriefe des Reiches für die „erworbenen“ Gebiete. Reichskanzler Bismarck äußerte sich abschätzig über das, was Peters nach Rückkehr der Reichsregierung vorlegte: „ein Stück Papier mit Neger-Kreuzen drunter“. Peters drohte damit, dass auch König Leopold von Belgien an Ostafrika Interesse hätte, der nach der Kongokonferenz gerade sein Reich in Zentralafrika ausbaute. Bismarck lenkte ein, auch aus innenpolitischer Rücksicht gegenüber seinen nationalliberalen Verbündeten im Reichstag, und ließ der neu gegründeten Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) einen kaiserlichen Schutzbrief nach Vorbild britischer Charters über die Landschaften Usagara, Nguru, Useguha und Ukami ausstellen.[8] Damit hatte Peters' in „Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft“ umbenannte Kolonialvereinigung den nötigen Rückhalt zur weiteren Ausdehnung.
1887 erreichte er ein Abkommen mit dem Sultan von Sansibar, das den sansibarischen Küstenstreifen von Umba bis zum Rovuma der Verwaltung der Gesellschaft unterstellte. 1889/90 machte sich Peters auf eine Expedition, die ihn bis nach Uganda führte. Sein Ziel war die Einbeziehung von Uganda sowie der ehemals ägyptischen Äquatoria-Provinz in sein Kolonialreich. König Mwanga II. von Buganda konnte durch Peters zu einem Freundschafts- und Wirtschaftsabkommen bewogen werden, dem sogenannten Uganda-Vertrag. Durch den Abschluss des Helgoland-Sansibar-Vertrags wurden seine diesbezüglichen Bestrebungen jedoch zunichte gemacht. Aus Protest gegen dieses von ihm als Verzicht empfundene Abkommen engagierte sich Peters von nun an für den Alldeutschen Verband, der auf seine Initiative hin gegründet wurde.
Der Versuch, Ostafrika durch die private „Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft“ zu beherrschen, brach im Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung 1888/89 zusammen. Das Deutsche Reich übernahm die unmittelbare Kontrolle. Ab 1891 wurde Peters zum Reichskommissar für das Kilimandscharogebiet ernannt. Hier kümmerte er sich um die Festlegung der Grenze gegenüber dem britischen Ostafrika (Kenia). Durch sein brutales Vorgehen gegen die afrikanische Bevölkerung kam es dann zu einem Aufstand, der Peters sein Amt kostete. Peters hatte sich afrikanische Mädchen als Geliebte gehalten. Als er entdeckte, dass seine Konkubine Jagodia ein Verhältnis mit seinem Diener hatte, ließ er beide öffentlich aufhängen und ihre Heimatdörfer zerstören. Dies führte zu bewaffneter Gegenwehr der Tschagga, die über Monate niedergekämpft wurde.
Peters wurde 1892 nach Deutschland zurückbeordert, wo man ihn von 1893 bis 1895 im Kolonialministerium beschäftigte, während gegen ihn Ermittlungen durchgeführt wurden. Die Ermittlungen des kaiserlichen Disziplinargerichts endeten 1897 mit der unehrenhaften Entlassung aus dem Reichsdienst unter Verlust seines Titels und seiner Pensionsansprüche. Diese Verurteilung wurde 1937 durch persönlichen Erlass von Adolf Hitler postum aufgehoben; bereits 1914 hatte Kaiser Wilhelm II. ihm aus seinem persönlichen Fonds eine Pension ausgesetzt.
Peters wich dem Verfahren durch erneuten Umzug nach London aus; er lebte von 1896 bis 1914 in England. Peters gründete in London die Dr. Carl Peters Estates and Exploration Co., die spätere South East Africa Ltd., die den Goldbergbau in Südafrika betrieb. In mehreren Reisen erkundete er weitere Goldlagerstätten in Südrhodesien und Angola.
1899 führte er eine Forschungsreise an den Sambesi. Er wollte beweisen, dass das biblische Goldland Ophir in Südostafrika gelegen hatte. Aufgrund seiner rassistischen Einstellung konnte Peters sich nicht vorstellen, dass die Ruinen von Groß-Simbabwe (sowie anderer alter Orte in Rhodesien, die er selber aufspürte) afrikanischen Ursprungs waren, und suchte deshalb nach Baumeistern aus dem Nahen Osten, wobei die Phönizier eine zentrale Rolle spielten. In erster Linie ging es Peters darum, mit Hilfe seiner Theorie Aktionäre für seine Kapitalgesellschaft zu gewinnen, die Land in Portugiesisch-Moçambique erwerben und dort nach Gold schürfen sollte. Seine Ophir-Theorie reicherte Peters mit heftigen Diffamierungen gegenüber den Schwarzafrikanern an und forderte die Einführung der allgemeinen Zwangsarbeit in den Kolonien.
Zu Beginn des 1. Weltkrieges kehrte Peters nach Deutschland zurück, wo er 1918 starb. Sein Grab befindet sich auf dem Stadtfriedhof Engesohde in Hannover.
Vertreter des Kolonialwesens feierten Peters als weitblickendes Genie, als tatkräftigen Helden, als um sein Vaterland hochverdienten Kolonialpolitiker. „Der ebenso geniale wie tatkräftige Carl Peters trat in schärfster Weise gegen jene weltfremde Kreise, die in der Kolonialfrage immer nur theoretisch herumreden, aber nie praktisch handeln wollten.“ Während des „Dritten Reichs“ wurde Peters als geistiger Vater des Nationalsozialismus „wiederentdeckt“ und in zahlreichen Büchern, auf einer Briefmarke sowie in dem gleichnamigen Spielfilm mit Hans Albers in der Titelrolle geehrt. In zahlreichen Städten wurden Straßen nach ihm benannt. Auch ein Kriegsschiff trug seinen Namen. Hitler hob die Verurteilung des Jahres 1897 postum wieder auf. Die „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ lobte 1938, dass Peters „den Gedankengängen des Dritten Reiches bereits vor fünfzig Jahren“ nahestand. Sein zeitweiliger Mitarbeiter Oscar Baumann schrieb 1892: „Übrigens ist Peters halb verrückt. Alles um ihn herum geht krumm vor Hieben. 100 bis 150 sind an der Tagesordnung. Es ist kaum zu glauben, welche Angst die Leute vor Peters und seinen Leuten haben“.
Das sozialdemokratische Zentralorgan Vorwärts nannte Peters einen „grimmigen Arier, der alle Juden vertilgen will und in Ermangelung von Juden drüben in Afrika Neger totschießt wie Spatzen und zum Vergnügen Negermädchen aufhängt, nachdem sie seinen Lüsten gedient.“ 1899 schrieb es:
„Peters ist der Typus eines renommistischen Scheusals. Seine Schändlichkeiten sind freilich schlimm genug, aber noch nicht so schlimm, wie er sie selbst reklamehaft übertreibt. Er will vor allem der interessante Ueberkerl sein, der frei von jeglichem moralischem Skrupel nur seine große Persönlichkeit auslebt.“
– Vorwärts, 2. Februar 1899
Unter Afrikanern war einer seiner Spitznamen mkono wa damu („blutige Hand“). Die kolonialkritische Presse Deutschlands verlieh ihm den Beinamen „Hänge-Peters“.
Vor allem zwischen 1935 und 1943 erschienen in Deutschland eine Reihe von Büchern (einschl. eines Theaterstücks), in denen Carl Peters' Rolle als ideologischer Vorläufer des Dritten Reichs gefeiert wurde. Eine Veröffentlichung, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen würde, liegt aus dieser Zeit nicht vor. Die auf acht Bände konzipierte Gesamtausgabe von Peters' Gesammelten Schriften durch den NS-Parteihistoriker Walter Frank ist nicht vollendet worden.
1941 wurde ein Propagandafilm „Carl Peters“ gedreht, der nach 1945 lange als so genannter Vorbehaltsfilm verboten war. Die Regie führte Herbert Selpin. Hans Albers, der auch als Produzent auftrat, spielte einen direkten, tatendurstigen Patrioten mit norddeutschem Zungenschlag. Der Film entfernt sich – basierend auf Peters' Erinnerungen – teilweise deutlich von der historischen Wahrheit. Nachdem er bei der etablierten Kolonialbewegung mit seinem Tatendrang auf taube Ohren stieß und Erfahrungen in England gesammelt hatte, macht sich Peters auf eigene Rechnung nach Afrika auf. Dort rettet er mit seinen beiden Jugendfreunden einen afrikanischen Stamm vor arabischen Sklavenhändlern und schließt daraufhin mit diesem und mit weiteren Stämmen „Schutzverträge“ ab. Als Peters' Widersacher treten die Briten und auch der jüdischstämmige kaiserliche Beamte Leo Kayser auf, dessen angeblicher Bruder Journalist und Mitglied des Reichstags für die SPD ist. Kaiser Wilhelm I. und Bismarck hingegen zeigen sich im Film von Peters' Leistungen beeindruckt, wenngleich Bismarck seine rüde Art rügt.
Die Hinrichtung zweier Schwarzer durch den Strang wird im Film als Reaktion auf einen von England gelenkten Aufstand dargestellt, bei dem angeblich einer seiner Jugendfreunde ermordet worden sei; vom tatsächlichen Zusammenhang, der Ermordung seiner Geliebten und deren Liebhabers aus Eifersucht, ist im Film nicht die Rede. Am Ende des Films rechtfertigt Peters die ungesetzliche Hinrichtung im Reichstag als notwendige Maßnahme, um weitere Aufständische zu entmutigen. Die Abgeordneten des Reichstags, vor allem der angebliche Bruder Kaysers, verlangen jedoch über alle Fraktionsgrenzen hinweg seinen Rücktritt und lehnen überhaupt den Kolonialismus ab, was zu Tumulten unter den Anwesenden führte. Entsprechend der nationalsozialistischen Feindschaft gegenüber demokratischen Institutionen und Verfahren wird ein völlig verzerrtes Bild des Reichstags und des Parlamentarismus gezeichnet. Tatsächlich hat Peters, der weder Mitglied des Parlaments noch der Regierung war, niemals vor dem Reichstag gesprochen, sondern war vom Disziplinarhof für die Schutzgebiete abgeurteilt worden.
Nach Peters wurden in verschiedenen deutschen Städten Plätze und Straßen benannt, meist zur Zeit des Nationalsozialismus. Seit den 1980er Jahren wurden sie allerdings teilweise wegen Peters' rassistischer Haltung wieder umbenannt, so in Karlsruhe,[9] Hannover,[10] Hildesheim,[11] Albstadt-Ebingen,[12] Köln-Nippes,[13] München,[14] Bietigheim-Bissingen,[15]Mannheim,[16] Korntal,[17] Lüneburg und Soltau. In manchen Fällen wurde der bisherige Straßenname lediglich durch Zuschreibung zu einer anderen Person mit Namen Peters umgewidmet, so in Berlin-Wedding[18], Bremen[19], Neustadt an der Weinstraße[20]. Anderenorts wie in Bad Hersfeld,[21] Ravensburg und Ludwigshafen[22] gibt es fortgesetzte Debatten.[23]
Hermann von Wissmann (Reichskommissar) | Julius von Soden | Friedrich von Schele | Hermann von Wissmann | Eduard von Liebert | Gustav Adolf von Götzen | Albrecht von Rechenberg | Heinrich Schnee
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Peters, Carl |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politiker, Publizist, Kolonialist und Afrikaforscher |
| GEBURTSDATUM | 27. September 1856 |
| GEBURTSORT | Neuhaus/Elbe |
| STERBEDATUM | 10. September 1918 |
| STERBEORT | Bad Harzburg |