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Carnuntum

Carnuntum: schematisierter Gesamtplan
Lage von Carnuntum am oberpannonischen Limes
Verlauf der Bernsteinstraße, die bei Carnuntum die Donau ĂŒberquert

Carnuntum war ein römisches MilitÀrlager zum Schutz des pannonischen Limes und spÀter Hauptstadt der römischen Provinz (Ober-) Pannonien.

Carnuntum lag etwa 40 Kilometer östlich von Wien unmittelbar am SĂŒdufer der Donau im heutigen Gemeindegebiet von Petronell-Carnuntum und Bad Deutsch-Altenburg (Niederösterreich). Carnuntum liegt an der Stelle, an der bereits in der Antike die Bernsteinstraße die Donau ĂŒberquerte.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

In den antiken Schriftquellen wird Carnuntum zum ersten Mal in Zusammenhang mit Ereignissen des Jahres 6 n. Chr. genannt, der Regierungszeit von Kaiser Augustus (27 v. Chr.–14 n. Chr.). Damals errichtete ein römisches Heer unter dem Kommando von Tiberius ein Winterlager, um den germanischen Stammesverband der Markomannen zu bekĂ€mpfen, der nördlich der Donau im Bereich des heutigen Böhmen und MĂ€hren siedelte. Der genaue Standort dieses augusteischen Lagers ist unbekannt.

Die Ă€ltesten römischen Siedlungsspuren in Carnuntum wurden fĂŒr die Zeit von etwa 40/50 n. Chr. nachgewiesen, als die Legio XV Apollinaris an die Donau verlegt wurde und in Carnuntum ihr Standlager errichtete. Um das Legionslager entwickelte sich in der Folge eine ausgedehnte Lagerstadt (canabae legionis), in der die Familien der Soldaten wohnten. Obwohl römische MilitĂ€rangehörige erst nach 25-jĂ€hriger Dienstzeit heiraten durften, grĂŒndeten viele MĂ€dchen aus der ansĂ€ssigen keltischen Bevölkerung eine Familie. Etwa 1,2 Kilometer sĂŒdwestlich des Lagers wurde vermutlich im ausgehenden 1. Jahrhundert n. Chr. ein weiteres MilitĂ€rlager fĂŒr eine 500 Mann starke Reitereinheit angelegt.

Nordwest-Pannonien im 1. Jahrhundert n. Chr.

Im Westen entlang der Limesstraße Richtung Vindobona (Wien) entstand parallel dazu eine Zivilstadt. Sie wurde unter Kaiser Hadrian (117–138 n. Chr.) in den Rang eines Munizipiums erhoben (Municipium Aelium Carnuntum). SpĂ€testens bei der Teilung der Provinz Pannonien in Pannonia superior (Oberpannonien) und Pannonia inferior (Unterpannonien) unter Kaiser Trajan (98–117 n. Chr.) war Carnuntum auch Sitz des Statthalters von Oberpannonien. Auf dem topographisch markanten Pfaffenberg am Ostrand Carnuntums wurden Tempel fĂŒr Jupiter Optimus Maximus und heilige StĂ€tten fĂŒr den Kaiserkult errichtet.

Im Laufe des 2. Jahrhunderts vergrĂ¶ĂŸerte sich Carnuntum kontinuierlich. Selbst die Wirren der Markomannenkriege in den 60er- und 70er-Jahren hatten fĂŒr die gedeihliche Entwicklung der Siedlung keine nachhaltigen Auswirkungen. Im Zuge der römischen Offensive gegen die germanischen StĂ€mme nördlich der Donau, die den Limes bildete, hielt sich der römische Kaiser Mark Aurel (161–180) fĂŒr drei Jahre (171-173) in Carnuntum auf und verfasste hier einige seiner Selbstbetrachtungen. Im Jahre 193 wurde der oberpannonische Statthalter Septimius Severus (193–211) in Carnuntum von den Carnuntinern zum Parallelkaiser ausgerufen. WĂ€hrend der Severerdynastie (193–235) erlebte Carnuntum eine wirtschaftliche BlĂŒtezeit und dĂŒrfte zu dieser Zeit auch seine maximale Ausdehnung von etwa 10 kmÂČ und 50.000 Bewohnern erreicht haben. Damals bekam die Zivilstadt auch den Ehrentitel einer Colonia verliehen (Colonia Septimia Aurelia Antoniniana Carnuntum).

Etwa in der Mitte des 3. Jahrhunderts, wĂ€hrend der Regentschaft von Gallienus (253–268), erhob das pannonische Heer Regalianus zum Parallelkaiser, der aber nur sechs Monate spĂ€ter von seinen eigenen Soldaten ermordet wurde. In dieser kurzen Zeit ließ er aber MĂŒnzen mit seinem Abbild und das seiner Frau Sulpicia Dryantilla prĂ€gen, die in Carnuntum gefunden wurden. Im Jahre 308 war Carnuntum Schauplatz einer Kaiserkonferenz von historischer Bedeutung unter der Leitung des bereits zurĂŒckgetretenen Diokletian (284–305), bei der die MachtverhĂ€ltnisse im Römischen Reich mit vier Kaisern neu geregelt wurden und das Christentum - spĂ€ter auch andere Religionen - im Reich toleriert wurden.

In der Mitte des 4. Jahrhunderts dĂŒrfte Carnuntum von einem schweren Erdbeben erschĂŒttert worden sein, was große Zerstörungen hinterließ. AnlĂ€sslich des Aufenthalts von Kaiser Valentinian I. (364–375) in Carnuntum beschreibt der römische Schriftsteller Ammianus Marcellinus die einstige Provinzhauptstadt als verfallenes und schmutziges Nest (Amm. 30, 5, 1–2). In den letzten Jahrzehnten des 4. Jahrhunderts lassen sich allerdings sowohl in der Zivilstadt als auch in dem – nun nicht mehr ausschließlich militĂ€risch genutzten – Legionslager noch eine Reihe von Bauvorhaben nachweisen. Dazu gehört ein vierseitiges Triumphmonument sĂŒdwestlich des Siedlungsgebiets, das spĂ€ter Heidentor genannt wurde. Zu dieser Zeit waren große Teile des einstigen Siedlungsareals bereits unbewohnt und wurden als Friedhof genutzt. Die Steine der GebĂ€ude wurden nach und nach als Baumaterial fĂŒr neue Bauvorhaben in der ganzen Umgebung abtransportiert.

Verlagerung des Siedlungsschwerpunkts von Carnuntum (Petronell/Bad Deutsch-Altenburg) nach Hainburg an der Donau im FrĂŒhmittelalter

Antike Siedlungsspuren lassen sich noch bis in die erste HĂ€lfte des 5. Jahrhunderts nachweisen. Sie lassen sich besonders gut im Inneren des einstigen Legionslagers nachweisen, wohin sich wohl der Großteil der Zivilbevölkerung zurĂŒckgezogen hatte.

Der Großraum Carnuntum blieb zwar in der Völkerwanderungszeit weiter besiedelt, das Legionslager, das in der SpĂ€tantike den Siedlungskern Carnuntums gebildet hatte, verödete aber ab der zweiten HĂ€lfte des 5. Jahrhunderts zusehends und wurde schließlich ganz aufgegeben. Weder aus der Langobardenzeit noch aus der Zeit der Awarenherrschaft liegt Fundmaterial aus dem Lagerinneren vor.

Zur selben Zeit wie die große frĂŒhmittelalterliche Wallanlage auf dem Kirchenberg bei Bad Deutsch-Altenburg bestand auch wĂ€hrend des 9./10. Jahrhunderts im Inneren des ehemaligen Legionslagers kurzfristig wieder eine kleinere Siedlung. Der Siedlungsschwerpunkt verlagerte sich aber um die Mitte des 11. Jahrhunderts weiter ostwĂ€rts nach Hainburg an der Donau.

Legionslager

Zusammen mit dem Auxiliarlager von Arrabona (GyƑr) zĂ€hlte das von der 15. Legion errichtete Legionslager in Carnuntum zu den Ă€ltesten bekannten militĂ€rischen Anlagen am pannonischen Limes. Beide Lager markierten jeweils den Endpunkt von wichtigen Straßenverbindungen, die sich im Inneren der Provinz, in Claudia Savaria, der Ă€ltesten Kolonie Pannoniens, trafen und weiter ĂŒber die Bernsteinstraße nach Poetovio und von dort nach Italien fĂŒhrten.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Legionsstandorten am Rhein- und Donaulimes handelt es sich bei dem etwa in der Mitte zwischen Bad Deutsch-Altenburg und Petronell gelegenen Carnuntiner Lager um ein vollkommen unverbautes GelĂ€ndedenkmal. Nicht nur das Legionslager, sondern weite Teile des antiken Siedlungsareals werden heute landwirtschaftlich genutzt und bieten hervorragende Möglichkeiten fĂŒr großflĂ€chige archĂ€ologische Prospektionsvorhaben, wie geophysikalische Messungen und insbesondere auch luftbildarchĂ€ologische Untersuchungen. FĂŒhrt man Grabungs- und Prospektionsergebnisse zusammen, erhĂ€lt man mittlerweile einen sehr detaillierten Gesamtplan vom Carnuntiner Legionslager und den canabae legionis. Der unregelmĂ€ĂŸige Grundriss des Lagers hebt sich mit den umlaufenden Vertiefungen der BefestigungsgrĂ€ben deutlich als Plateau von seiner Umgebung ab. Die exponierte Nordfront des Lagers ist bereits zur Donau hin abgerutscht.

Bei den zwischen 1877 und 1914 durchgefĂŒhrten Grabungen konnte ein Großteil des ursprĂŒnglich knapp 18 Hektar großen Legionslagers freigelegt werden, sodass zumindest der Aufbau des Standlagers der seit trajanischer Zeit hier stationierten 14. Legion rekonstruiert werden kann. Zu großen Teilen ergraben wurden die Kasernen, die ZentralgebĂ€ude (principia/StabsgebĂ€ude und praetorium/Unterkunft des Legionslegaten), das Valetudinarium (Lagerlazarett), drei der sechs TribunenhĂ€user (OffiziersunterkĂŒnfte) sowie drei grĂ¶ĂŸere WirtschaftsgebĂ€ude in der östlichen LagerhĂ€lfte.

Legionslager Carnuntum: Übersichtsplan

Die letzten Ausgrabungen im Legionslager wurden zwischen 1968 und 1977 von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit dem Österreichischen ArchĂ€ologischen Institut durchgefĂŒhrt.

Canabae legionis (Lagerstadt)

Die Carnuntiner Lagerstadt umschloss das Legionslager an drei Seiten und hatte eine stadtĂ€hnliche Struktur. Die canabae wurden durch drei wichtige HauptstraßenzĂŒge erschlossen:

  • Die so genannte Limesstraße, die als via principalis das Legionslager querte und weiter der Donau entlang Richtung Westen zur Zivilstadt fĂŒhrte.
  • Die Straßenverbindung zum Nachbarkastell Gerulata (Rusovce, Slowakei), die das Legionslager durch das SĂŒdtor (porta decumana) verließ und Richtung SĂŒdosten fĂŒhrte.
  • Die so genannte Bernsteinstraße, die vom Westtor des Legionslagers (porta principalis sinistra) ausgehend nach SĂŒdwesten verlief und ĂŒber Scarbantia, Savaria und Poetovio nach Italien fĂŒhrte. Insbesondere in der frĂŒhen Kaiserzeit dĂŒrfte diese Straße eine besondere Bedeutung besessen haben, denn außerhalb des Siedlungsbereichs wurden hier bevorzugt Grabanlagen angelegt („GrĂ€berstraße“).
Überreste einer Therme im ArchĂ€ologiepark Carnuntum.

Das wirtschaftliche Zentrum der canabae bildete das Forum, eine große von SĂ€ulenhallen eingefasste Platzanlage, die nahe der SĂŒdwestecke des Lagers angelegt wurde. Das in der zweiten Bauperiode etwa 225,60 mal 182 Meter große Forum der Lagerstadt war offenbar auf den Statthalterpalast (praetorium) ausgerichtet, der nördlich der Limesstraße unmittelbar am Donauufer lag, von dem sich aber aufgrund von Hangrutschungen nur mehr geringe Reste erhalten haben. Das 97,55 mal 76,40 Meter große MilitĂ€ramphitheater (Amphitheater I) lag in rund 110 Meter Entfernung gegenĂŒber der Nordostseite des Legionslagers, knapp nördlich der Limesstraße, in einer Bodensenke, wobei der Haupteingang mit dem vorgelagerten Nemesis-Heiligtum nach Westen Richtung Lager zeigte. Am Ostrand der Carnuntiner canabae befanden sich eine ausgedehnte Thermenanlage, ein Heiligtum fĂŒr Liber und Libera sowie ein Tempelbezirk fĂŒr die heliopolitanischen Gottheiten.

Auxiliarkastell (Reiterlager)

Grabstein eines Zenturios der XV. Legion, Titus Calidius Severus, der sein Pferd und seine RĂŒstung zeigt, gefunden in Carnuntum

Vermutlich unter Kaiser Domitian (81–96 n. Chr.) wurde am Westrand der Lagerstadt ein ursprĂŒnglich 225 mal 178 Meter großes Hilfstruppenlager fĂŒr eine 500 Mann starke Reitereinheit, in einer ersten Bauperiode in Holz-Erde-Bauweise, danach in Stein, angelegt. ZunĂ€chst dĂŒrften hier die ala I Tungrorum Frontoniana und danach die ala I Pannoniorum Tampiana stationiert gewesen sein. Als Besatzung des Steinlagers ist die ala I Thracum victrix nachgewiesen. Die Aufgabe des Auxiliarkastells um die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. wird mit den MilitĂ€rreformen des Gallienus (259–268) in Zusammenhang gebracht.

Zivilstadt

Außerhalb des um das Legionslager sich erstreckenden militĂ€rischen Territoriums entstand im Laufe der zweiten HĂ€lfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine Straßensiedlung, die anfangs noch keine Stadtrechte besaß (vicus). Die Siedlung dĂŒrfte eine gĂŒnstige wirtschaftliche und demographische Entwicklung genommen haben, sodass sie unter Kaiser Hadrian (117–138) in den Rang eines Munizipiums (Municipium Aelium Carnuntum) und unter Septimius Severus (193–211) in den Rang einer Colonia erhoben wurde (Colonia Septimia). Die 142 mal 65 Meter große Forumsanlage im Zentrum der Zivilstadt lag sĂŒdlich des West-Ost verlaufenden decumanus maximus, der mit der Limesstraße gleichzusetzen ist. Der Grundriss des Forums kann mit Hilfe von geophysikalischen Messungen (Geomagnetik, Bodenradar) sehr genau rekonstruiert werden. Nördlich davon erstreckte sich eine ergrabene, große Thermenanlage, die wegen ihrer monumentalen Bauweise und der reprĂ€sentativen Innenausstattung frĂŒher fĂ€lschlicherweise mit dem Begriff „Palastruine“ bezeichnet wurde. Das hadrianische Munizipium wurde von einer Stadtmauer umgeben, die eine FlĂ€che von rund 1100 mal 550 Meter einschloss.

Amphitheater der Zivilstadt

Das zweite etwa 127,5 mal 111 Meter große Amphitheater Carnuntums lag knapp 300 Meter sĂŒdlich der Zivilstadt. Es fasst etwa 13.000 Zuschauer. SĂŒdlich des Amphitheaters II wird eine frĂŒhchristliche Kirche vermutet, die man auf Luftbildern zu erkennen glaubt.

Die aktuellen Grabungen, die einen Querschnitt durch die gesamte Geschichte der Siedlung bieten, konzentrieren sich auf ein Wohnviertel und eine weitere Thermenanlage im SĂŒdostbereich der Zivilstadt. Diese im so genannten Spaziergarten des Petroneller Schlosses gelegenen römischen GebĂ€ude bilden heute den Kern des Freilichtmuseums Carnuntum.
auf den alten Fundamenten rekonstruiertes Wohn- und Wirtschaftshaus eines TuchhĂ€ndlers, Blickrichtung SĂŒden (rechts davon Nachbau eines Ziegelbrennofens)
rekonstruierte Stadtvilla im Freilichtmuseum , Blickrichtung Norden (Ausbauphase um 295 n.Chr.)

Heidentor

Heidentor in Carnuntum
Rekonstruktion der ursprĂŒnglichen Bauform am SchaugelĂ€nde
Museum Carnuntinum in Bad Deutsch Altenburg
Das Wohn- und Wirtschaftshaus des TuchhÀndlers Lucius wÀhrend der Rekonstruktionsphase (2006)
Großer Saal mit Apsis und originalen Wandmalereien in der Villa Urbana (2008)

→ Hauptartikel: Heidentor (Carnuntum)

Knapp 900 Meter sĂŒdlich der Carnuntiner Zivilstadt sind die Überreste des sog. Heidentors zu sehen, ein Vierbogenmonument und heute das Wahrzeichen der archĂ€ologischen Region Carnuntum. Der Zweck des Quadrifrons) ist heute geklĂ€rt. Die Funktion eines Denkmals an die historische Kaiserkonferenz von 308 wird nach den neuesten Forschungen ausgeschlossen, es wurde zweifelsfrei nachgewiesen, dass es erst ca. 50 Jahre spĂ€ter, in der Regierungszeit von Constantius II., als Triumphmonument zur Verherrlichung seiner Siege gegen die Barbaren errichtet wurde.

Pfaffenberg

Der durch moderne Steinbrucharbeiten teilweise abgetragene Pfaffenberg liegt im Osten Carnuntums. Auf ihm befand sich ein Heiligtum, das eine Reihe von Kultbauten und sogar ein kleines Amphitheater umfasste und dem Jupiter- und dem Kaiserkult vorbehalten war. Die Ă€ltesten Weiheinschriften reichen bis in die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. zurĂŒck, die jĂŒngste erhaltene Weihung datiert in das Jahr 313 n. Chr. Die Kulthandlungen dĂŒrften aber noch im weiteren Verlauf des 4. Jahrhunderts n. Chr. fortgefĂŒhrt worden sein.

Neuere Entwicklungen

Bis in das spĂ€te 18. Jahrhundert wurden die alten Ruinen noch bewusst abgetragen, da sie die landwirtschaftliche Nutzung behinderten. Der Marmor wurde zu Kalk gebrannt. Erst um 1850 setzten Ausgrabungen ein, die sich jedoch hauptsĂ€chlich auf das Aufsammeln wertvoller Funde beschrĂ€nkten, wĂ€hrend man die freigelegten Siedlungsstrukturen wieder zuschĂŒttete. Ab 1877 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges begannen großflĂ€chige archĂ€ologische Untersuchungen, die sich zunĂ€chst auf das Legionslager und in geringerem Umfang auf die canabae konzentrierten. Ab den 1950er-Jahren wurde die archĂ€ologische Erforschung der Zivilstadt forciert.

ArchÀologiepark Carnuntum

Der ArchĂ€ologiepark Carnuntum umfasst ein ca. 10 kmÂČ großes Areal in der Umgebung der Ortschaften Petronell und Deutsch-Altenburg in Niederösterreich, auf dem allerdings erst 0,5 Prozent der Bausubstanz der einstigen Römersiedlung Carnuntum ausgegraben sind. Über dem Rest breitet sich Ackerland aus. Die Umrisse der antiken Fundamente zeichnen sich bei Luftaufnahmen als VerfĂ€rbungen ab. Weitere Grabungen gestalten sich aber nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus juristischen GrĂŒnden bei der Ablöse des in Privatbesitz befindlichen Ackerlands als schwierig. Man setzte daher seit etwa 1970 auf QualitĂ€t und Anschaulichkeit anstatt auf QuantitĂ€t. Im Sinne einer experimentellen ArchĂ€ologie wird die die antike Lebenswelt fĂŒr das zeitgenössische Publikum einerseits durch Veranstaltungen wie Reiter- oder Gladiatorenspiele und andererseits durch den weltweit einzigartigen Wiederaufbau von GebĂ€uden und die durchgehend wissenschaftlich belegte Gestaltung von InnenrĂ€umen und VorgĂ€rten in einem Freilichtmuseum erlebbar gemacht.

Als Vorlage fĂŒr die baulichen Rekonstruktionen wurde das vierte Jahrhundert, die sogenannte Bauperiode fĂŒnf, gewĂ€hlt. Das Freilichtmuseum befindet sich in einem freigelegten Teil der frĂŒheren Zivilstadt im sog. Spaziergarten des Schlosses Petronell. 10 bzw. 20 Gehminuten entfernt liegt das Amphitheater der Zivilstand und das Wahrzeichen der Region, das Heidentor, ein Triumphmonument aus dem 4. Jahrhundert.

Östlich davon, in Deutsch-Altenburg, wo sich frĂŒher das MilitĂ€rlager befand, ist ein zweites, besser erhaltenes Amphitheater und ein Museum mit den schönsten FundstĂŒcken zu besichtigen. Im Zuge der Ausgrabungen wurden auch Reste vor- und frĂŒhchristlicher KultstĂ€tten freigelegt.

Im Zeitraum von 2006 bis 2011 wurde der Park mit Investitionen von insgesamt 26 Mio. Euro fĂŒr die Niederösterreichische Landesausstellung neu gestaltet. Ein Stadtteil aus dem 3. Jahrhundert bestehend aus mehreren Straßen, zwei HĂ€usern und einer Badeanstalt wurden auf den freigelegten Fundamenten mit Hilfe fachĂŒbergreifender wissenschaftlicher Erkenntnisse und historischer Quellen originalgetreu rekonstruiert und bis zur Inneneinrichtung detailgetreu neu aufgebaut, sodass der Besucher einen unmittelbaren Eindruck vom damaligen Alltagsleben bekommt. Bis zu 120 Personen wurden fĂŒr Grabungen, Bauarbeiten, den Betrieb des Freilichtmuseums und die Betreuung der zuletzt 250.000 Besucher pro Jahr eingesetzt. Fertiggestellt wurden drei GebĂ€udekomplexe:

  • das Haus des TuchhĂ€ndlers Lucius,
  • das Patrizierhaus Villa Urbana (eröffnet im Juni 2008)
  • die benachbarte öffentliche Badeanstalt (Thermen).

Der Bau der rekonstruierten GebĂ€ude erfolgte nicht mit moderner Bautechnik, sondern mit original nachgebauten römischen Kellen, Meißeln, HĂ€mmern. FĂŒr den Mörtel verwendete man wie zur Römerzeit Flusssand und Kalk, fĂŒr die Dachkonstruktionen wurden möglichst alte, wie zur Römerzeit mit der Axt behauene Balken aus AbbruchhĂ€usern und Scheunen der Umgebung verwendet. Diese experimentelle ArchĂ€ologie ist zwar kostenintensiv, gibt aber zugleich wertvolle AufschlĂŒsse ĂŒber Bauzeiten und Baukosten zur damaligen Zeit. Auch die fĂŒr die Römerzeit typische Fußbodenheizung (Hypocaustum) wurde nachgebaut und wird in der Therme von April bis November wie zu Zeiten der Römer mit Holzscheiten befeuert.

Das Museum Carnuntinum mit den Funden aus Carnuntum (z.B. BernsteinbestĂ€nde) befindet sich in Bad Deutsch-Altenburg. Es wurde als „Schatzhaus“ von Friedrich Ohmann im Stil einer römischen Villa erbaut und im Jahre 1904 von Kaiser Franz Josef I. eröffnet.

Im Jahre 2006 fanden anlÀsslich des 2000-jÀhrigen Bestehens der römischen Siedlung zahlreiche Veranstaltungen (SchaukÀmpfe, Schaukochen usw.) statt.

Im Jahr 2011 wurde durch Luftaufnahmen und Messungen mit dem Bodenradar durch das Ludwig-Boltzmann-Institut fĂŒr ArchĂ€ologie die typischen Umrisse einer römischen Gladiatorenschule entdeckt, die in ihren Ausmaßen mit jener neben dem Kolosseum in Rom vergleichbar ist. Ihre Ausgrabung gestaltet sich jedoch schwierig, da ein Großteil des GelĂ€ndes in privater Hand ist.[1] Die Entdeckung dieser GrĂ¶ĂŸe hat das ArchĂ€ologische Institut von Amerika zu den zehn bedeutendsten Entdeckungen des Jahres 2011 gerechnet.[2]

Literatur

Statue des Iuppiter Dolichenus im Museum Carnuntum
LegionÀrshelm

EinfĂŒhrende Werke:

  • Franz Humer (Hrsg.): Marc Aurel und Carnuntum. Amt der NÖ Landesregierung – Abteilung Kultur und Wissenschaft, Horn 2004, ISBN 3-85460-217-0 (Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums NF 450), (Ausstellungskatalog, ArchĂ€ologisches Museum Carnuntinum, Bad Deutsch-Altenburg, 20. MĂ€rz – 15. Dezember 2004).
  • Franz Humer (Hrsg.): Legionsadler und Druidenstab. Vom Legionslager zur Donaumetropole. 2 BĂ€nde. Amt der NÖ Landesregierung – Abteilung Kultur und Wissenschaft, St. Pölten 2006, ISBN 3-85460-229-4 (Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums NF 462), (Ausstellungskatalog, ArchĂ€ologisches Museum Carnuntinum, Bad Deutsch-Altenburg, 21. MĂ€rz 2006 – 11. November 2007).
  • Werner Jobst: Provinzhauptstadt Carnuntum. Österreichs grĂ¶ĂŸte archĂ€ologische Landschaft. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1983, ISBN 3-215-04441-2.
  • Werner Jobst: Der römische Tempelbezirk auf dem Pfaffenberg. Ausgrabungen - Funde - Forschungen. = The roman temple district of Pfaffenberg, Carnuntum. JobstMedia, Klagenfurt 2006, ISBN 3-9502039-0-7.
  • Manfred Kandler: 100 Jahre Österreichisches ArchĂ€ologisches Institut 1898–1998. Forschungen in Carnuntum. Bilddokumentation 100 Jahre Österreichisches ArchĂ€ologisches Institut 1898–1998. Österreichisches ArchĂ€ologisches Institut, Wien 1998, ISBN 3-900305-25-0 (Begleitband zur Bilddokumentation, Bad Deutsch-Altenburg, Museum Carnuntinum, 20. Mai – 26. Oktober 1998).
  • Manfred Kandler: Carnuntum. In: Herwig Friesinger, Friedrich Krinzinger (Hrsg.): Der römische Limes in Österreich. FĂŒhrer zu archĂ€ologischen DenkmĂ€lern. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1997, ISBN 3-7001-2618-2, S. 258–272.

WeiterfĂŒhrende Werke:

  • Michael Alram, Franziska Schmidt-Dick (Hrsg.): Numismata Carnuntina. Forschungen und Material. 3 BĂ€nde. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1997, ISBN 978-3-7001-3821-1 (Die FundmĂŒnzen der römischen Zeit in Österreich. Abteilung 3: Niederösterreich. Band: Die antiken FundmĂŒnzen im Museum Carnuntinum.), (ArchĂ€ologischer Park Carnuntum 4), (Veröffentlichungen der Numismatischen Kommission 44), (Österreichische Akademie der Wissenschaften – Philosophisch-Historische Klasse Denkschriften 353).
  • Kurt Genser: Der österreichische Donaulimes in der Römerzeit. Ein Forschungsbericht. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1986, ISBN 3-7001-0783-8 (Der Römische Limes in Österreich 33), S. 574–684.
  • Christian Gugl, Raimund Kastler (Hrsg.): Legionslager Carnuntum – Ausgrabungen 1968–1977. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2007, ISBN 978-3-7001-3726-9 (Der Römische Limes in Österreich 45).
  • Werner Jobst: Das Heidentor von Carnuntum. Ein spĂ€tantikes Triumphalmonument am Donaulimes. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2001, ISBN 3-7001-2973-4.
  • Manfred Kandler (Hrsg.): Das Auxiliarkastell Carnuntum. Band 1: Herma Stiglitz (Hrsg.): Forschungen 1977–1988. Phoibos-Verlag, Wien 1997, ISBN 3-900305-21-8 (Österreichisches ArchĂ€ologisches Institut Sonderschriften 29).
  • Manfred Kandler (Hrsg.): Das Auxiliarkastell Carnuntum. Band 2: Manfred Kandler (Hrsg.): Forschungen seit 1989. Phoibos-Verlag, Wien 1997, ISBN 3-900305-22-6 (Österreichisches ArchĂ€ologisches Institut Sonderschriften 30).
  • Manfred Kandler u. a.: Carnuntum. In: Marjeta Ć aĆĄel Kos, Peter Scherrer (Hrsg.): The Autonomous Towns of Noricum and Pannonia. = Die autonomen StĂ€dte in Noricum und Pannonien. Band 2: Pannonia. Teil 2. Narodni Muzej Slovenija, Ljubljana 2004, ISBN 961-6169-30-0, S. 11–66 (Situla 42).

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Gladiatorenschule in Carnuntum entdeckt auf ORF vom 30. August 2011, abgerufen am 30. August 2011
  2. ↑ US-ArchĂ€ologen zĂ€hlen Carnuntum zu den Top 10 in den NÖN vom 11. JĂ€nner 2012 abgerufen am 11. JĂ€nner 2012

Weblinks

 Commons: Carnuntum â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien


48.116111111116.8583333333Koordinaten: 48° 6â€Č 58″ N, 16° 51â€Č 30″ O

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