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Chaïm Perelman (* 20. Mai 1912 in Warschau, Generalgouvernement Warschau, Russisches Kaiserreich; †22. Januar 1984 in Uccle bei Brüssel, Belgien) war ein polnisch-belgischer Jurist, Moral- und Rechtsphilosoph jüdischer Herkunft. Der Denker arbeitete zudem zur Argumentations- und Rhetoriktheorie und gilt als Mitbegründer des akademischen Felds der so genannten New Rhetoric. Er war Professor für Logik, Ethik und Metaphysik an der Université Libre de Bruxelles und hat dort 1967 mit Henri Buch und Paul Foriers das Centre Perelman de Philosophie du Droit gegründet, das seit 1982 der Juristischen Fakultät angegliedert ist und als Gastprofessur für ein akademisches Jahr die Chaire Perelman vergibt.
Inhaltsverzeichnis |
Perelman emigrierte 1925 mit seiner Familie aus Warschau nach Antwerpen in Belgien. Er studierte an der Brüsseler Université Libre de Bruxelles und blieb ihr sein gesamtes Arbeitsleben hindurch treu. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte er zur Führung der Widerstandsgruppe C.D.J, während er zugleich einen Teilbereich der A.J.B., die während der deutschen Besatzung Belgiens das öffentliche jüdische Leben organisierte und mit den NS-Stellen kooperierte, führte. Die wissenschaftliche Rezeption, etwa Alan G. Gross und Ray D. Dearin, werten die A.J.B.-Mitarbeit als "Tarnung"[1] für pro-jüdische Aktivitäten und verneinen den Status eines Kollaborateurs. Die Auszeichnungen, die ihm nach dem Krieg für seine Tapferkeit angeboten wurden, lehnte er allesamt ab.
Das philosophische Hauptwerk Perelmans ist der Traité de l’argumentation : La nouvelle rhétorique (1958), den er zusammen mit seiner akademischen Partnerin Lucie Olbrechts-Tyteca verfasste. In dieser Abhandlung entwickelte er eine Theorie der Argumentation, die er in Ethik, Rechtsphilosophie und Rhetorik zu konkretisieren suchte. Das Werk steht oft stellvertretend für eine als Nouvelle Rhétorique (Neue Rhetorik, New Rhetoric) bekannte Richtung der Argumentationstheorie.
Über den Bereich der Ethik hinaus rezipiert wurde zudem die von Perelman eingeführte Unterscheidung von Gerechtigkeitskriterien („Jedem das Gleiche“, „Jedem gemäß seinen Verdiensten“, „Jedem gemäß seinen Werken“, „Jedem gemäß seinen Bedürfnissen“, „Jedem gemäß seinem Rang“, „Jedem gemäß dem ihm durch Gesetz Zugeteilten“) in seiner Abhandlung De la justice (1945). Indem er diese einzelnen Prinzipien zusammenfasst, kommt Perelman zu der abstrakt-allgemeinen Gerechtigkeitsmaxime: „Handlungen von Wesen derselben Kategorie müssen auf dieselbe Art behandelt werden." Da in der Praxis jedes Individuum mehreren Kategorien zugeordnet werden kann (z.B. Familienstand, Verdienste, Bildungsgrad, Abstammung etc.), verneint Perelman die Möglichkeit, durch allgemeines positives Recht zuverlässig Recht schaffen zu können. Es liegen in diesen Fällen sogenannte Antinomien der Gerechtigkeit vor; eine gerechte Behandlung nach Familienstand sieht z.B. anders aus als eine gerechte Behandlung, die sich an den Verdiensten des Behandelten orientiert. Vielmehr fordert er daher Entscheidungen im Einzelfall, bei denen nach der „Billigkeit" eines Vorgehens gefragt wird („Ist ein solches Vorgehen zu rechtfertigen/billigen?“). Da aber sowohl diese „Billigkeit" als auch die Gerechtigkeit selbst sogenannte rationale Tugenden seien, sind sie nach Perelman im Diskurs zu erörtern und zu verhandeln.
Zu seinen Schülern zählt etwa Leo Apostel.
Perelman wurde von der Universität Florenz und von der Hebräischen Universität Jerusalem zum Ehrendoktor ernannt. 1962 erhielt Perelman den Francqui-Preis.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Perelman, Chaim |
| ALTERNATIVNAMEN | Perelman, Chaïm |
| KURZBESCHREIBUNG | polnisch-belgischer Jurist, Moral- und Rechtsphilosoph |
| GEBURTSDATUM | 20. Mai 1912 |
| GEBURTSORT | Warschau |
| STERBEDATUM | 22. Januar 1984 |
| STERBEORT | Brüssel |