Der Begriff Defätismus (französisch défaitisme, von défaite, „Niederlage“; veraltet bzw. schweizerisch auch Defaitismus) bezeichnet die Überzeugung oder das Gefühl, dass keine Aussicht auf Erfolg (z. B. auf Sieg) besteht, und eine daraus resultierende starke Neigung, aufzugeben.[1]
Der Ausdruck entstand während des Ersten Weltkrieges in Frankreich und bezeichnete ursprünglich den Vorwurf des systematischen Nährens von Mutlosigkeit, Resignation und Zweifel am militärischen Sieg in den eigenen Reihen. Als Mittel der gegnerischen psychologischen Kriegführung verdächtigt, wurde solches Verhalten von Militärtribunalen manchmal hart sanktioniert.
Heute wird der Begriff eher im Zusammenhang mit Zukunftspessimismus oder einem systematischen „Schlechtreden“ von gesellschaftlichen und politischen Umständen benutzt. Das Vorkommen des Worts in den deutschsprachigen Medien stieg kurzzeitig an, nachdem der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder im Oktober 2003 Kritik an seiner Agenda 2010 als Defätismus bezeichnet hatte.
Als moralischer Defätismus wird ein Defätismus bezeichnet, der nicht daran glaubt, dass (eigenes/fremdes) gutes Handeln möglich ist.[2]
Historische Beispiele staatlicher Sanktionen
Wegen Widerstands gegen die Regierungspolitik, zumal wenn es um die Durchsetzung der landeseigenen Kriegspläne ging, wurden von unterschiedlichen Regimen Andersdenkende mit Zuchthaus- und Todesstrafen belegt.
- Luigi Fabbri (1877–1935), ein italienischer Anarchist, wurde während des Ersten Weltkrieges wegen „Defätismus“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
- Elisabeth von Thadden (1890–1944), eine Lehrerin im Widerstand gegen das Nazi-Regime, wurde wegen „Defätismus“ und Landesverrats zum Tode verurteilt.
- Daniil Charms (1905–1942), ein russischer Autor, wurde während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht vom NKWD wegen „Defätismus“ angeklagt und inhaftiert. Er verhungerte im Gefängnis.
- Hans von Sponeck (1888–1944) wurde 1942 wegen „fahrlässigen Ungehorsams im Felde“ zum Tode verurteilt, weil er als Wehrmachtsoffizier seiner Division einen aus militärischer Perspektive sinnvollen, aber letztendlich nicht genehmigten Rückzugsbefehl gab. Sponecks Eigenmächtigkeit rettete seine Division vor Einkesselung und Vernichtung.
- Die Mitglieder der Weißen Rose wurden unter dem Vorwurf des Defätismus zum Tode verurteilt. Im Urteil gegen die Geschwister Scholl und ihren Kommilitonen Probst heißt es wörtlich: „Die Angeklagten haben im Kriege in Flugblättern zur Sabotage der Rüstung und zum Sturz der nationalsozialistischen Lebensform unseres Volkes aufgerufen, defaitistische Gedanken propagiert und den Führer aufs gemeinste beschimpft und dadurch den Feind des Reiches begünstigt und unsere Wehrkraft zersetzt. Sie werden deshalb mit dem Tode bestraft. Ihre Bürgerehre haben sie für immer verwirkt.“
- Wolfgang Borchert (1921–1947) wurde 1944 wegen Defätismus zu neun Monaten Gefängnis verurteilt und in Berlin Moabit inhaftiert. Er wurde vorzeitig zur „Feindbewährung“ an die Front entlassen.
- Ezra Pound (1885–1972) wurde wegen Propaganda-Tätigkeit für die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg in den USA wegen Landesverrates angeklagt und 12 Jahre psychiatrisiert. Aus den gleichen Gründen erhielten Douglas Chandler (1889 bis nach 1963) und Robert Best (1896–1952) lebenslange Freiheitsstrafen.
- Mildred Gillars (1900–1988) und Iva Ikuko Toguri D’Aquino (1916–2006) wurden in den USA ebenfalls wegen Landesverrates zu 10 Jahren Haft verurteilt.
- William Joyce (1906–1946) wurde wegen Förderung und Unterstützung der Feinde des Königs durch Ausstrahlung von Propaganda an die Untertanen des Königs zugunsten der Feinde des Königs im Vereinigten Königreich hingerichtet.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Nach Duden. Deutsches Universalwörterbuch.
- ↑ So bei Peter Schallenberg: Gott, das Gute und der Mensch. Grundlagen katholischer Moraltheologie. Bonifatius, Paderborn 2009, S. 74.