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Dekadenz

Thomas Couture: Les Romains de la décadence, 1847

Dekadenz (frz. dĂ©cadence, ĂŒber mlat. decadentia, von lat. cadere „fallen“, „sinken“) ist ein ursprĂŒnglich geschichtsphilosophischer Begriff, mit dem VerĂ€nderungen in Gesellschaften und Kulturen als Verfall, Niedergang bzw. Verkommenheit gedeutet und kritisiert wurden. Der Begriff setzt damit voraus, es gĂ€be objektiv bessere oder wĂŒnschenswertere ZustĂ€nde. Er wurde in der französischen Historiographie zuerst fĂŒr den Niedergang Roms gezielt verwendet. Nur in der Dekadenzdichtung hat das Wort auch eine positive Bedeutung; im heutigen Sprachgebrauch ĂŒberwiegt der abwertende Charakter.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Der Begriff gehörte ursprĂŒnglich einer Weltsicht an, welche die Existenz von Menschen, Institutionen und Staatsgebilden als einem natĂŒrlichen Werde- und Untergangsprozess unterworfen betrachtet. Die ursprĂŒnglich zum Aufstieg der Familie, des Staates, der Institution fĂŒhrenden Eigenschaften verĂ€ndern sich danach zwangslĂ€ufig ins Feine, Sensible, kurz: Degenerierte.

Der Sache nach findet sich diese Lehre bereits bei Ibn Chaldun im 14. Jahrhundert.

Begriff und Bedeutung

Der französische Ausdruck dĂ©cadence wurde im 17. Jahrhundert in Nicolas Boileaus RĂ©flections critiques sur quelques passages du RhĂ©teur Longin als Ă€sthetischer Begriff eingefĂŒhrt. Neben seiner Ă€sthetischen wird zugleich seine ethische Bedeutung erkennbar, da der Verfall (dĂ©cadence) des Geschmacks (goĂ»t) fĂŒr einige Kritiker als ein wesentliches Moment der Auflösung der Kultur galt. So wurde die Entwicklung der Kunst und die Frage ĂŒber den Vorrang antiker oder moderner Dichtung in dem Querelle des Anciens et des Modernes heftig diskutiert. Boileau bezog sich auf den goĂ»t, um die Gegenwart zu kritisieren und den zeitlosen Wert der antiken Geschmacksnorm zu erweisen, wĂ€hrend die Gegner die AutoritĂ€t der Antike kritisch in Frage stellten.[1]

Seine prÀgende Bedeutung erhielt der Ausdruck durch Montesquieu und Edward Gibbon[2], die sich mit dem Untergang des Römischen Reiches beschÀftigten. Auch sie nutzten den Begriff mit doppelter Zielrichtung: Sie betrachteten décadence (decline) als historisches PhÀnomen und bewerteten zugleich ihre eigene Zeit.

Das Wort Dekadenz bezog sich spĂ€ter auch auf eine literarische Bewegung, die von Baudelaire (Die Blumen des Bösen) und Verlaine angestoßen wurde und sich einerseits durch ein bohĂšmienhaft ablehnendes VerhĂ€ltnis zur „bĂŒrgerlichen Welt“, andererseits durch Exotismus, Rausch und gesteigerte SensitivitĂ€t auszeichnet.

Dekadenz in der Philosophie- und Literaturgeschichte

Montesquieu deutet die Dekadenz Roms

Montesquieu

Montesquieu nutzte den Ausdruck in seinem ConsidĂ©rations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur dĂ©cadence. Dabei versuchte er das PhĂ€nomen der Dekadenz historisch zu deuten und gleichzeitig kritisch auf die Gegenwart anzuwenden. Er bewertete und analysierte den Untergang Roms aus unterschiedlichen Perspektiven und setzte sich dabei von Machiavellis Betrachtung ab, der die Unterwerfung anderer Völker durch einen mĂ€chtigen Herrscher noch gepriesen hatte. Die Ausdehnung Roms fĂŒhrte nach Montesquieu zu einer Erschöpfung, und der stĂ€ndige Aufschwung zerstörte gerade die Tugenden, die fĂŒr ein funktionierendes Staatswesen notwendig seien. Die Vermittlung eines einheitlichen „allgemeinen Geistes“ (esprit gĂ©nĂ©ral) sei unter dem Einfluss eroberter Kulturen unmöglich, der esprit gĂ©nĂ©ral verfalle und werde durch Partikularinteressen ersetzt.[3]

Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau klagt die Dekadenz seiner Zeit an
Jean-Jacques Rousseau verwandte den Begriff der Dekadenz in einer Weise, die fĂŒr die spĂ€tere Rezeption bestimmend wurde. In seiner Kulturkritik steht sie fĂŒr einen Gegensatz von Natur und Kultur (Zivilisation).[4]

Ausgehend von einer kulturphilosophisch begrĂŒndeten „Natursehnsucht“ stand er kulturellen Errungenschaften und Institutionen, Triebverzicht und Erziehungsidealen kritisch gegenĂŒber. Er pries das unmittelbare GefĂŒhl, die „Wahrheit des Herzens“. Der Mensch mĂŒsse zu seiner UrsprĂŒnglichkeit zurĂŒckkehren. Den Naturzustand deutete er als einen der ursprĂŒnglichen Harmonie. Hatte Thomas Hobbes, wie spĂ€ter Ă€hnlich Immanuel Kant, den Naturzustand negativ als eine vorgesellschaftliche Kriegssituation beschrieben, in der die Menschen ihren Trieben ĂŒberlassen seien und einander wie Wölfe gegenĂŒbertreten wĂŒrden – Homo homini lupus –, um mit diesem Modell den Gesellschaftsvertrag zu begrĂŒnden, so stand fĂŒr Rousseau der ursprĂŒngliche Mensch im Einklang mit der Natur. „Nehmt uns unsere unheilvollen Fortschritte, nehmt uns unsere IrrtĂŒmer und Laster, nehmt uns das Menschenwerk, und alles ist gut.“[5] FĂŒr Rousseau ist der Naturzustand von der ursprĂŒnglichen GĂŒte oder Lauterkeit des Menschen ein ideelles Konstrukt und kein historisches Postulat, er geht also nicht naiv-romantisch von der Lebensharmonie der Naturvölker aus, sondern stellt der Gesellschaft ein ideales Bild vor Augen, um ihren (dekadenten) Verfall anzuklagen[5].

Edward Gibbon beschrieb den Verfall des Römischen Reiches

Edward Gibbon

In seinem bekanntesten Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire beschrieb Edward Gibbon die allmÀhliche Auflösung des Imperium Romanum vom Tode Mark Aurels bis zum Untergang des Byzantinischen Reiches. Diese Zeitspanne teilte er in drei Phasen ein.[6]

  1. In der ersten, bis zum Beginn des sechsten Jahrhunderts reichenden Periode fĂŒhrten die Goten- und HunnenstĂŒrme zur SchwĂ€chung der Macht Roms und zu dessen Zerfall in Einzelreiche.
  2. Die zweite Periode begann mit Justinian I., der in seiner Regierungszeit durch Kriege und geschickte Außenpolitik sowie durch innenpolitische Maßnahmen die Herrschaft des römisch-byzantinischen Reiches noch einmal stabilisieren konnte. Diese bis zur Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahre 800 reichende Phase war u. a. durch die Invasion der Langobarden und die Islamische Expansion gekennzeichnet.
  3. In der dritten Phase schließlich verfielen die Sprache und die Sitten Roms vollends, und mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahre 1453 wurde die Reichsidee endgĂŒltig aufgegeben.[7]

Durch das ganze Werk Gibbons zieht sich leitmotivisch der Gedanke, dass die Geschichte seit dem 2. Jahrhundert. dem Niedergang (decline) unterworfen sei. Gibbons wollte mit seinem Werk den „Triumph der Unkultur und der Religion“ beschreiben.[8]

Gibbons Herangehensweise war fĂŒr die damalige Historiographie neu, indem er die KontinuitĂ€t der Geschichte ĂŒber einen sehr langen Zeitraum verfolgte. Ebenfalls neu und ĂŒberraschend war seine Bewertung des Christentums als mitverantwortlich fĂŒr den Verfall der Kultur. Vor allem von theologischer Seite wurden Kapitel seines Buches angegriffen, in denen Gibbon auf kriegerische Auseinandersetzungen der Christen mit Heiden und Aberglauben, auf seinen religiösen Fanatismus und auf die Massaker hinwies, die auf die Ausrottung hĂ€retischer Bestrebungen zielten.

In der neueren Forschung wird jedoch bezĂŒglich der SpĂ€tantike von Gibbons (wie auch Montesquieus) Theorien allgemein Abstand genommen und es werden neue, differenziertere ErklĂ€rungsmuster fĂŒr den Untergang Westroms und die Transformation des Ostreichs entwickelt.

Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche, Denker und BekÀmpfer der Dekadenz
Friedrich Nietzsche thematisierte vor allem in seinem SpÀtwerk die Dekadenz, die sich bei ihm auf den kulturphilosophisch-geschichtlichen wie den Àsthetischen Bereich bezog.

Die Geschichte seit der Antike – genauer: seit dem perikleischen Athen – betrachtete er als (dekadente) Verfallsentwicklung. FĂŒr den Niedergang sei der schwĂ€chliche, sich an falschen, lebensverneinenden Werten orientierende Geist des Abendlandes selbst verantwortlich. Dieser habe sich in Gestalt des von Nietzsche hĂ€misch als „ungriechisch“, „hĂ€sslich“, „verbrecherisch“ und „dekadent“ aufgefassten Sokrates ein falsches Ideal gesetzt[9] und gehe an den krĂ€nklichen Werten des Christentums zu Grunde.

Eine neue Philosophie solle den Pessimismus Schopenhauers ebenso wie die „Sklavenmoral“ des Christentums abschĂŒtteln und mit diesseitiger Lebens- und Schicksalsbejahung Kultur und Gesellschaft erneuern. Gehe der „Wille zur Macht“ zugrunde, so komme es auch zu einem physiologischen RĂŒckgang, einer dĂ©cadence.[10] Diese prĂ€ge sich dabei in individueller wie gesellschaftlicher Form aus, betreffe also den Menschen ebenso wie die Epoche und ihre Kunstwerke, die Nietzsche aus der Perspektive des UnzeitgemĂ€ĂŸen teilweise heftig kritisierte.

Richard Wagner, fĂŒr Nietzsche der „KĂŒnstler der dĂ©cadence“
WĂ€hrend er in seinem FrĂŒhwerk – der Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik und den UnzeitgemĂ€ĂŸen Betrachtungen – noch Richard Wagner gehuldigt hatte, distanzierte er sich zunehmend, ja lehnte ihn spĂ€ter ab als den KĂŒnstler der dĂ©cadence, dessen schweren, krankmachenden KlĂ€ngen er die helle, lebensbejahend-diesseitige Musik Georges Bizets mit seiner Oper Carmen entgegenstellte. „Woran ich leide, wenn ich am Schicksal der Musik leide? Daran, daß die Musik um ihren weltverklĂ€renden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, daß sie dĂ©cadence-Musik und nicht mehr die Flöte des Dionysos ist.“[11] Die Kritik an Wagner wurde hierbei mit der an Schopenhauer verknĂŒpft und die so entstandene Musik als krankmachend gedeutet: Erst der Philosoph der dĂ©cadence gab dem KĂŒnstler der dĂ©cadence sich selbst [
] Ich bin ferne davon, harmlos zuzuschauen, wenn dieser dĂ©cadent uns die Gesundheit verdirbt – und die Musik dazu! Ist Wagner ĂŒberhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit? Er macht alles krank, woran er rĂŒhrt – er hat die Musik krank gemacht.[12] An diese Analyse knĂŒpfte er seine Anflehung der „dekadenten“ europĂ€ischen Zivilisation: Wie verwandt muß Wagner der gesamten europĂ€ischen dĂ©cadence sein, daß er von ihr nicht als dĂ©cadent empfunden wird! Er gehört zu ihr: er ist ihr Protagonist, ihr grĂ¶ĂŸter Name 
 Denn daß man nicht gegen ihn sich wehrt, das ist selbst schon ein Zeichen von dĂ©cadence.[13]

Mag Nietzsche somit als Dekadenztheoretiker und -gegner betrachtet werden, zeigt sein Werk doch die doppelte Bedeutung von Verfall und Krankheit: Die Ă€sthetischen und moralischen Folgen, die er anprangert, auf der einen, Stimulus fĂŒr sein eigenes Schaffen auf der anderen Seite.

Fin de siĂšcle

Die von Nietzsche beschriebene und kritisierte „dekadente“ SensibilitĂ€t zeigte sich um die Jahrhundertwende in den Werken Rainer Maria Rilkes, Arthur Schnitzlers, Thomas Manns, und im FrĂŒhwerk Hugo von Hofmannsthals, der sich spĂ€ter davon distanzierte.[14]

Gautier und Baudelaire hatten die DĂ©cadence zu einer eigenstĂ€ndigen kĂŒnstlerischen Position aufgewertet. Die so verstandene Entwicklungslinie setzte sich von der negativen EinschĂ€tzung der Kulturkritik Montesquieus, Rousseaus und Nietzsches ab.[15] In der von unterschiedlichen Autoren getragenen Haltung bezog sich der Begriff nun auf eine antibĂŒrgerliche Auflehnung gegen die als mal du siĂšcle verstandene Langeweile des Zeitalters. Diese Einstellung war durch ĂŒberreizte, extravagante Sinnlichkeit, Lust am Untergang und eine postulierte, amoralische Verwandtschaft von Eros und Thanatos gekennzeichnet.

Thomas Mann betrachtete den „dekadenten“ Ästhetizismus aus kritisch-ironischer Distanz und charakterisierte ihn etwa in der Gestalt des feinsinnigen, aber bis zur LĂ€cherlichkeit lebensuntĂŒchtigen Detlev Spinell in seiner Novelle Tristan.

Thomas Mann, Chronist der Dekadenz
In seinem ersten Roman Buddenbrooks wurde das Zentralthema der Dekadenz schon im Untertitel deutlich: Verfall einer Familie. Der bei Nietzsche charakterisierte Doppelaspekt der Dekadenz – biologischer Verfall bei geistiger Verfeinerung – wird in der Figur des Knaben Hanno Buddenbrook ausgefĂŒhrt.[16] Er ist der letzte, krĂ€nkliche und kĂŒnstlerisch veranlagte Spross der Familie, deren Entwicklung ĂŒber vier Generationen geschildert wird: Die zunehmende SensibilitĂ€t wird mit dem Scheitern in der Lebenswirklichkeit erkauft. Schon sein Vater, der Senator Thomas Buddenbrook, der die Gefahr in der Natur Hannos erkennt und dem die Welt der dekadenten Musik Richard Wagners im Grunde fremd ist, wird am Ende des Romans vom rauschhaften Pessimismus Schopenhauers erschĂŒttert und stirbt etwas spĂ€ter.

In Manns konservativen und zivilisationskritischen Betrachtungen eines Unpolitischen bezog sich der Verehrer Nietzsches erneut auf dessen doppelte Perspektive: Aus dem LebensgefĂŒhl der dĂ©cadence zu kommen und diese gleichzeitig ĂŒberwinden zu wollen: „Ich gehöre geistig jenem ĂŒber ganz Europa verbreiteten Geschlecht von Schriftstellern an, die, aus der dĂ©cadence kommend, zu Chronisten und Analytikern der dĂ©cadence bestellt, gleichzeitig den emanzipatorischen Willen zur Absage an sie 
 mit der Überwindung von Dekadenz und Nihilismus wenigstens experimentieren.“[17]

Weitere literarische Strömungen, die sich wie der Symbolismus und Impressionismus vom Naturalismus abgrenzten und durch ĂŒberfeinerte SensibilitĂ€t und Ästhetizismus gekennzeichnet sind, werden im Artikel Dekadenzdichtung behandelt.

Oswald Spengler

Oswald Spengler beschrieb Wachstum und Verfall von Kulturen
„Macht“ und Dekadenz“ sind auch SchlĂŒsselbegriffe im Geschichtsdenken Oswald Spenglers. [18] Er beschĂ€ftigte sich in seinem kulturpessimistischen rezipierten [19] Untergang des Abendlandes mit dem als unausweichlich betrachteten Verfall von Kulturen.

Dabei griff er auch Vorstellungen von Nietzsche auf und verband sie mit auf die Historie bezogenem biologistischen Denken. [20] Ausgehend von der Lebensphilosophie und dem lebendigen „Natur“-Begriff Goethes[21], welche Leben als Dynamisches und Schöpferisches der starren RationalitĂ€t gegenĂŒber stellt, und mit dem Mittel der morphologischen Analogie [22] arbeitend, betrachtet er acht selbstĂ€ndige Hochkulturen und vergleicht ihre Entwicklung mit der von Organismen[23], etwa Pflanzen. Nach Spenglers Vorstellung wachsen diese aus dem Formenchaos der Vorzeit aus kulturspezifischen Ursymbolen [24] ĂŒber verschiedene organische Entwicklungsphasen, bis sie absterben mĂŒssen. In dieses Stadium sei das Abendland eingetreten.[25] Die Hochkulturen – Ägypten, Indien, Babylon, „apollinische“ Antike, „magische“ arabische Kultur[26], China, mexikanische Kultur und „ faustisches“ Abendland[27] – seien zwar eigenstĂ€ndig und voneinander getrennt gewesen, hĂ€tten jedoch alle einander entsprechende und mit Hilfe der Ästhetik vergleichbare Stufen von der knospenhaften FrĂŒhzeit (Dorik, Gotik), ĂŒber die BlĂŒte und die Reifungskrise bzw. Gegenbewegung (Renaissance) [28] bis zur Welke der (dekadenten) Zivilisation durchlaufen, welch letztere sich aber noch einige Jahrhunderte imperialistisch entfalten könne (CĂ€sarismus), ehe sie – sĂ€mtlich und unausweichlich – absterben mĂŒssten.[29] Allerdings verwendet Spengler im Gegensatz zu Nietzsche nicht explizit den Begriff „Dekadenz/dekadent“, sondern belegt z.B. die aktuelle Zivilisation mit anderen negativ empfundenen Begriffen wie „seelenlos“, „mumienhaft erstarrt“, „wurzellos“, oder „schöpferisch unproduktiv“. [30]

Arnold Gehlen

Ausgehend ebenfalls von Nietzsche, nĂ€mlich dessen kritischer Unterscheidung von „Sklaven- und Herdentiermoral“, kritisierte der Philosoph Arnold Gehlen in seinem SpĂ€twerk Moral und Hypermoral die Übersteigerung bestimmter gesellschaftlicher Verhaltensweisen zu Ungunsten anderer als Hypermoral.[31] Diese zeige sich als „Moralhypertrophie“, als „masseneudaimonistische Gesinnungsmoral“. Der Humanitarismus (der als negativ bewerteter Begriff schon bei Max Scheler aufgetaucht war und eine gefĂŒhlsgeleitete Ideologie undifferenzierter Menschenliebe bezeichnet hatte [32]) zersetze die politischen Tugenden, das Staats- und Institutionenethos. Der Humanitarismus sei als ethischer Impuls schon durch die Stoa in die Welt gesetzt worden[33] und ĂŒberdehne das Familienethos mit seinen humanitĂ€ren und pazifistischen Tugenden.

Gehlen bezog sich desgleichen auf den Sozialphilosophen Georges Sorel, der seinerseits die Dekadenz angeprangert und den Verfall der Sitten beklagt hatte. „Dekadenz“ sei ein unentbehrliches Wort, das den inneren und Ă€ußeren Kontaktverlust mit der Geschichte bezeichne.[34] Der ĂŒbersteigerte Subjektivismus sei handlungslos, da die entlastende Funktion der Institutionen, deren Bedeutung er in anderen Werken bereits herausgearbeitet habe, allmĂ€hlich fortfalle. Der Staat werde auf partikulare, gesellschaftliche Interessen hin funktionalisiert und verliere seine Funktion als Sicherheitsgarant nach außen und innen. Hinter der nur diesseitig orientierten Hypermoral wĂ€hnt Gehlen Dekadenz und Nihilismus gegenĂŒber höheren Werten.[35]

Als Indizien fĂŒr dekadente Gesellschaften nannte Gehlen ferner: „Wenn die Gaukler, Dilettanten, die leichtfĂŒĂŸigen Intellektuellen sich vordrĂ€ngen, wenn der Wind allgemeiner Hanswursterei sich erhebt[36], dann lockern sich auch die uralten Institutionen und strengen professionellen Körperschaften: das Recht wird elastisch, die Kunst nervös, die Religion sentimental. Dann erblickt unter dem Schaum das erfahrene Auge schon das Medusenhaupt, der Mensch wird natĂŒrlich und alles wird möglich.“[37]

Dekadenz im Marxismus

In Politik und Polemik, die sich auf den Marxismus berief, wurde die Bezeichnung eines KĂŒnstlers als „dekadent“ fĂŒr diesen oft hochgefĂ€hrlich.

„Formalismus“

In seiner Abhandlung Der Imperialismus als höchste Form des Kapitalismus (Kapitel VIII Parasitismus und FĂ€ulnis im Kapitalismus) hatte bereits Lenin biologistische Metaphern wie „FĂ€ulnis“ und „Parasitismus“ benutzt, um den Kapitalismus zu charakterisieren. Eine besondere Bedeutung erhielt der Dekadenzbegriff in der Sowjetunion. Dort bezog er sich zunĂ€chst auf den angenommenen Verfall der bĂŒrgerlichen Gesellschaft, um spĂ€ter – im Marxismus-Leninismus – auf die bĂŒrgerliche Kultur – Literatur und Musik – ĂŒbertragen zu werden.

Er wurde in die Diskussion des sozialistischen Realismus’ einbezogen. Dieser wurde 1932 von Iwan Gronskij verkĂŒndet und 1934 von Schdanow kodifiziert. Die wahrheitsgetreue und historisch konkrete Darstellung sollte dabei in der Kunst mit der Aufgabe verbunden werden, die Menschen im Sinne des Sozialismus ideologisch umzuformen und zu erziehen.[38] Der ideologische Grund fĂŒr diese Doktrin wird verstĂ€ndlich, wenn man einen Blick auf die (vulgĂ€r-)marxistische Kunstsoziologie wirft. Nach ihr ist die Kunst dem Überbau zuzurechnen; jede Klasse habe eine Kunst, die sie funktional befriedige. Dieser Ideologie gemĂ€ĂŸ ist der freie Selbstzweck der Kunst verboten. Auch Musik (selbst Musikkritik) diene ausschließlich der Durchsetzung des Sozialismus mit den Mitteln des Realismus, nicht des westlichen Formalismus.[39] Schdanow diktierte die Form der Kunstwerke. Indem er die bĂŒrgerliche Kultur auf Verfall, Mystizismus und Pornographie festlegte, trennte er die sowjetische Belletristik von der Moderne. Was zuviel Wirklichkeit zeigte, wurde als Naturalismus, was die Entwicklung zu durchsichtig machte, als Formalismus gebrandmarkt, beides galt dabei als Ausdruck der Dekadenz der bĂŒrgerlichen Gesellschaft.

Stalin kanonisierte das Verfahren 1936 in seiner Abhandlung Über dialektischen und historischen Materialismus, die sich auf das Basis-Überbau-VerhĂ€ltnis bezog und in der er das „geistige Leben der Gesellschaft“ als „Abbild der Bedingungen ihres materiellen Lebens“ erklĂ€rte.[40]

Im vielfĂ€ltig bis zur Beliebigkeit verwendeten politischen Kampfbegriff des Formalismus kulminiert diese Entwicklung, was sich sowohl in der Sowjetunion wie spĂ€ter in der DDR – etwa im Formalismusstreit zeigen sollte. Nach der Doktrin des von der KPdSU verkĂŒndeten Sozialistischen Realismus wurden avantgardistische Strömungen, die sich etwa an westlicher Zwölftonmusik orientierten, als dekadent abgelehnt. KĂŒnstler, die sich dem Gebot nicht fĂŒgen wollten, mussten in der Stalinzeit mit scharfen Sanktionen rechnen. Die Dekadenzvorbehalte richteten sich auch gegen andere Teile moderner Kunst, etwa den Expressionismus. Im Sinne Stalins Ă€ußerte etwa Otto Grotewohl 1953, dass eine Kunst zu bekĂ€mpfen sei, die „den Lebensinhalt raubt, das Volk entfremdet und die Entwicklung der Nation verhindert“. Der Kosmopolitismus sei in seiner „bis zur anarchischen Auflösung betriebenen Individualisierung der Kunst“ zersetzend und fĂŒhre zum Krieg. In der staatlichen Kunstzeitschrift Bildende Kunst wurde noch 1958 der Expressionismus als „PhĂ€nomen bĂŒrgerlicher Dekadenz“ abgetan und als zersetzende Entwicklung bezeichnet, die ĂŒberwunden werden mĂŒsse.[41]

In diesem Zusammenhang bekannt geworden ist das Schicksal des Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Nach einer AuffĂŒhrung seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk, die Stalin in der Pause wĂŒtend verließ, diffamierte die Prawda in einem hetzerischen Artikel („Chaos statt Musik“) vom 28. Januar 1936 den Komponisten und wĂŒrdigte sein Werk als chaotisch und formalistisch herab, als unfĂ€hig, die einfachen und starken GefĂŒhle auszudrĂŒcken. Es wurde ihm Entartung und die Loslösung von der „wahren Kunst“ vorgeworfen und BezĂŒge zur „nervösen“, „verkrampften“ Musik des Jazz hergestellt. Der grobe Naturalismus der Oper sei mit den Prinzipien des sozialistischen Realismus unvereinbar.[42]

LukĂĄcs und Adorno

Georg LukĂĄcs bezeichnete die westliche Moderne als dekadent
Der marxistische Literaturtheoretiker George LukĂĄcs verteidigte das Konzept des Sozialistischen Realismus und operierte mit dem Begriff der Dekadenz (und des Formalismus). In seiner philosophiehistorischen Studie Die Zerstörung der Vernunft, welche die Tendenz zum Irrationalismus von Schelling bis Hitler untersucht, polemisierte er gegen die als dekadent diagnostizierte westliche Literatur der Moderne. In diesem Sinne kam es seit 1948 zu etlichen Diktaten des Sozialistischen Realismus als Schreibmethode.[43] Gemessen am Werk des bĂŒrgerlichen, dem Realismus verpflichteten Thomas Mann[44] sei die westliche Moderne psychologistisch, formalistisch und dekadent. AusdrĂŒcklich bezog er sich auf Schriftsteller wie Franz Kafka, James Joyce und Marcel Proust.

Adorno, der LukĂĄcs’ berĂŒhmte Theorie des Romans gelobt hatte, reagierte mit einer ebenso sĂŒffisanten wie grundsĂ€tzlichen Kritik und unterzog das Wort Dekadenz zudem einer ideologiekritischen Analyse: „Die gesamte moderne Literatur, soweit sie nicht die Formel eines sei’s kritischen, sei’s sozialistischen Realismus passt, ist verworfen, und es wird ihr ohne Zögern das Odium der Dekadenz angehĂ€ngt, ein Schimpfwort, das nicht nur in Rußland alle Scheußlichkeiten von Verfolgung und Ausmerzung deckt. Der Gebrauch jenes konservativen Ausdrucks ist inkompatibel mit der Lehre [
] Die Rede von der Dekadenz ist vom positivem Gegenbild kraftstrotzender Natur kaum ablösbar, Naturkategorien werden auf gesellschaftlich Vermitteltes projiziert. Eben dagegen jedoch geht der Tenor der Ideologiekritik von Marx und Engels [
] Selbst Reminiszenzen an den Feuerbach der gesunden Sinnlichkeit hĂ€tten schwerlich dem sozialdarwinistischen Terminus Einlaß in ihre Texte verschafft.“[45]

Theodor W. Adorno (rechts) verwarf das Wort Dekadenz
Der Idee der Kunst nach sollten die WidersprĂŒche nicht ideologisch eingeebnet, sondern versöhnend so dargestellt werden, dass das Werk ĂŒber sich hinausweise. Adorno kritisiert bei LukĂĄcs nun die „erpresste Versöhnung“, der das Kunstwerk nur entgehen könne, wenn es das Leiden im GedĂ€chtnis bewahre und transzendiere, nicht aber ausklammere.[46]

Am Beispiel des „DekadenzkĂŒnstlers“ Richard Wagner sucht Adorno den Begriff der Dekadenz dialektisch zu retten, indem er die reflektierte „SchwĂ€che“ des Ichs, die „psychologischen Momente“, das AbgrĂŒndige und Zweideutige als Ă€sthetischen Wert des Kunstwerks betrachtet: „Das Ich differenziert sich unendlich, indem es die eigene SchwĂ€che reflektiert und zur Schau stellt, aber vermöge eben dieser SchwĂ€che fĂ€llt es zugleich auf die Schicht des Vor-Ichlichen zurĂŒck. So zeichnet im Überwiegen des psychologischen Moments bei Wagner, des zweideutig Interessanten, ein Geschichtliches sich ab. Die Bruchlinie jedoch, die Wagners Werk markiert, die Ohnmacht im Angesicht der technischen und der diese tragenden gesellschaftlichen WidersprĂŒche, kurz all das, was schon der Sprache seiner Zeitgenossen Dekadenz hieß, ist zugleich die Bahn des kĂŒnstlerischen Fortschritts.“[47] In einer 1952 verfassten Notiz zu diesem Versuch ĂŒber Wagner wiederholt er seine Bewertung und wendet sich gegen den instrumentellen, denunziatorischen Gebrauch des Wortes Dekadenz: „Wer das Wagnersche Werk als Abdankungsurkunde des liberalen Geistes interpretiert, muß sich hĂŒten, die Erkenntnis in Begriffen wie dem der Dekadenz stillzustellen, die im Vokabular der östlichen SphĂ€re lĂ€ngst von jeglicher Beziehung auf die Sache sich losgerissen haben und zu denunziatorischen Kennmarken verkamen. Was besser ist an Wagner als die Ordnung, zu deren finstersten Gewalten er sich schlug, verdankt sich eben der Dekadenz, der UnfĂ€higkeit eines von der Übermacht des Bestehenden schon bis ins Innerste beschĂ€digten Subjekts, den Spielregeln eben dieses Bestehenden noch GenĂŒge zu tun.“[48]

Frankfurter Schule

In der Frankfurter Schule wurde die Kritik am SchwĂ€chlichen und LĂŒsternen in der Dekadenz stĂ€rker auf das Substanzlose und Habgierige verschoben und somit der marxistischen Kapitalismuskritik angenĂ€hert.

Kurt Lenk nannte „Dekadenz“ eine WorthĂŒlse, wie IdentitĂ€t, Kommunikation, Information, Dynamik und viele andere alltagssprachliche Begriffe, die zwar hĂ€ufig gebraucht, aber keine Klarheit besitzen wĂŒrden. Umso stĂ€rker sei ihre projektive und scheinbar erklĂ€rende Wirkung fĂŒr beunruhigende gesellschaftliche Erscheinungen. Dabei sei Dekadenz ein zentraler Begriff in konservativen und faschistoiden Geschichtsbildern, dem so genannten zyklischen und kulturpessimistischen Geschichtsbild, von Universalhistorikern wie NiccolĂČ Machiavelli, Georges Sorel, Friedrich Nietzsche, Oswald Spengler und Henri Bergson. Nach Kurt Lenk haben eine Reihe „lebensphilosophisch orientierter Autoren“ wie Oswald Spengler, Ernst JĂŒnger, Gottfried Benn und andere Autoren der „Konservativen Revolution“ die „AttitĂŒde eines faustisch-heroischen Menschen als die einzig angemessene Antwort auf eine zu Dekadenz und Untergang tendierende Welt begreifen wollen“. Alle vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen wĂŒrden von diesen dabei als Schicksal bejaht. Kurt Lenk: „Zwar sind bei den einzelnen Autoren Ursachen, Symptome und Folgen der Dekadenz variantenreich beschrieben, doch gleichen sie sich in ihrer Dramaturgie. Stets geht es letztlich um eine Entscheidung zwischen Untergang oder Rettung durch irgendwelche heroische Taten.“ Im Zentrum der „faschismus-affinen Krisensemantik, fĂŒr deren Beginn Sorel steht,“ befinde sich nach Lenk „das Syndrom Dekadenz-Apokalypse-Heroismus, dem die Idee einer Art ‚Wiedergeburt‘ zugrunde“ liege.

Nationalsozialismus

In der Sprache des Nationalsozialismus bĂŒrgerte sich parallel und synonym zum Attribut "dekadent" der Begriff "entartet" zur Bezeichnung und Abwertung von der nationalsozialistischen Ideologie und Ästhetik widersprechenden gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vorstellungen sowie kĂŒnstlerischen Werken ein. Als Ursache fĂŒr eine "Dekadenz/Entartung" meinte man hĂ€ufig, eine vorgebliche rassische Fremdheit und damit Minderwertigkeit der Vertreter bzw. Schöpfer dieser Vorstellungen und Kunstwerke konstatieren zu mĂŒssen. Ein Beispiel fĂŒr die Verbindung des Dekadenzmotivs mit dem Rassismus ist folgender Text von 1933 aus einer lokalen Zeitung:

"Es ist das Zeichen der grauenhaften geistigen Dekadenz der vergangenen Zeit, daß sie von Stilen redete, ohne ihre rassische Bedingtheiten zu erkennen." [49]

Beliebt war es, die westlichen Demokratien als lebensuntĂŒchtig, schwach und dekadent darzustellen. Dieses Dekadenzargument gegen Pluralismus und Demokratie wurde auch von Hitler in Mein Kampf verwendet.[50]

Auch BĂŒcherverbrennungen wurden von formelhaften Kommentaren „gegen Dekadenz und moralischen Verfall“ begleitet.[51]

Aktuelle Fragestellungen

Im gegenwĂ€rtigen Sprachgebrauch wird der Begriff Dekadenz oder dekadentes Verhalten ĂŒberwiegend gleichgesetzt mit SchwĂ€chlichkeit und/oder Verschwendung und im Sinne eines sozial schĂ€dlichen Abweichens von einer gesund-natĂŒrlichen Lebensform verwandt. Oft wird der Begriff kritisch gegen das Verhalten von Personen mit angesonnener Vorbild-Aufgabe, also Personen des öffentlichen Lebens, Medienstars u. Ă€. gekehrt. Vor dem Hintergrund der Herausforderungen durch den islamischen Fundamentalismus oder dem postulierten Kampf der Kulturen war und ist erneut die Rede von (westlicher) Dekadenz.

Autoren verweisen darauf, dass der Fundamentalismus ein Bild des Westens zeichne, der durch Individualismus und Hedonismus moralisch dekadent sei.[52] Die fundamentalistischen Strömungen lehnen – bei möglichen Unterschieden in Einzelfragen (Islamismus) – die westliche Moderne und ihre weltanschaulichen Prinzipien ab, belassen es aber nicht bei einer Idealisierung der Vergangenheit. Sie stehen Demokratie, Pluralismus und der SĂ€kularisierung feindlich gegenĂŒber, wĂ€hrend sie die technischen Errungenschaften der Moderne fĂŒr ihre Zwecke nutzen. Ähnlich wie die konservativen Dekadenztheoretiker gehen islamistische Positionen von einer Krisensituation aus, wie etwa dem wirtschaftlichen Hintertreffen vieler muslimisch geprĂ€gter LĂ€nder. Als GrĂŒnde werden u.a. Abkehr vom „wahren Glauben“ oder eine VerfĂ€lschung des „göttlichen Willens“ angenommen; der westliche Kapitalismus wird abgelehnt, da er Dekadenz, Armut und Unglaube verursache. Statt wirtschaftlicher und kultureller Reformen wird die RĂŒckkehr zu den Grundlagen des Islam gefordert.[53]

Auch aktuell sprechen unterschiedliche, dem radikalen Spektrum zugeordnete Gruppen und Parteien von „Dekadenz“.

In rechtsextremen, rĂŒckschlĂ€gigen Argumentationsmustern wird mit dem Schlagwort die Gegenwart abgewertet, wĂ€hrend die Vergangenheit mythisch verklĂ€rt wird.[54] Das Schlagwort ist dann Teil der Agitation, die sich gegen den Rechtsstaat wendet, der als System pauschal in Frage gestellt wird. So sprach Holger Apfel von einem von „Dekadenz und KlĂŒngelwirtschaft geprĂ€gten Altparteienkartell“.[55]

Von Seiten marxistisch-leninistischer Kleinparteien ist von Dekadenz die Rede, um dem marktwirtschaftlichen System, dessen Überwindung man anstrebt, vorzuwerfen, dass das sogenannte „spekulative Finanzkapital“ die Macht ĂŒbernommen habe.[56].

Gegen diese EinschĂ€tzungen werden aus liberaler Perspektive EinwĂ€nde erhoben. So betont Ulrike Ackermann (in dem Merkur-Heft Kein Wille zur Macht – Dekadenz)[57], dass sich die Prophezeiungen vom Untergang des (dekadenten) Kapitalismus zwar nicht erfĂŒllt hĂ€tten, dieser und die Globalisierung von vielen allerdings noch immer abgelehnt wĂŒrden.[58] Eine radikale Kapitalismuskritik habe sich zu einer diffusen Verachtung der Globalisierung entwickelt, und Misstrauen gegenĂŒber der westlichen Zivilisation verwandele sich schnell in den Dekadenz-Vorwurf. Der westliche, zum Selbsthass neigende Selbstzweifel sei mit Hass auf die Dekadenz des Westen konfrontiert; die Toleranz des Westens dulde dabei die Intoleranz. Stattdessen solle man sich fĂŒr die „individuellen Freiheiten des Bourgeois und Citoyen“ engagieren und Skepsis haben gegenĂŒber „Sinnstiftern, die das gute Leben in neuen und alten Kollektiven verheißen“.[58]

Literatur

  • Christiane Barz: Weltflucht und Lebensglaube. Aspekte der Dekadenz in der skandinavischen und deutschen Literatur der Moderne um 1900; Kirchhof 7 Franke (Hgg.), Leipzig–Berlin 2003, ISBN 3-933816-20-3
  • Alexandra Beilharz: Die DĂ©cadence und Sade: Untersuchungen zu erzĂ€hlenden Texten des französischen Fin de SiĂšcle. M&P, Stuttgart 1996, ISBN 3-476-45161-5
  • Karl Heinz Bohrer / Kurt Scheel (Hgg.): Kein Wille zur Macht – Dekadenz, MERKUR Doppelheft 9/10, 2007, JubilĂ€umsheft Merkur 700. ISBN 3-60897-094-0
  • Wolfgang Drost (Hg.): Fortschrittsglaube und Dekadenzbewußtsein im Europa des 19. Jahrhunderts. Winter, Heidelberg 1986, ISBN 3-533-03662-6
  • Sabine Haupt / Stefan Bodo WĂŒrffel (Hgg.): Handbuch Fin de SiĂšcle. Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-83301-3
  • Kurt Lenk: Das Problem der Dekadenz seit Georges Sorel. In: Heiko Kauffmann / Helmut Kellershohn / Jobst Paul (Hgg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie. MĂŒnster, 2005, ISBN 3-89771-737-9
  • Henning Mehnert: Zur Bedeutung der Begriffe „symbolisme“, „dĂ©cadentisme“ und „dĂ©gĂ©nĂ©rescence“ im 19. Jahrhundert, in: Wolfgang Drost (Hg.): Fortschrittsglaube und Dekadenzbewußtsein im Europa des 19. Jahrhunderts, Winter, Heidelberg 1986, ISBN 3-533-03662-6, S. 75–84

Weblinks

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Historisches Wörterbuch der Philosophie, Geschmack, Bd. 3, S. 446
  2. ↑ Vgl. Edward Gibbons verwandtes decline-Konzept.
  3. ↑ Kindlers Neues Literatur-Lexikon. Bd. 11, S. 902, Montesquieu: ConsidĂ©rations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur dĂ©cadence
  4. ↑ Historisches Wörterbuch der Philosophie. Dekadenz, Bd. 2, S. 47
  5. ↑ a b Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe, Rousseau oder der unglĂŒckliche GefĂŒhlsdenker
  6. ↑ Siehe dazu auch: „Kindlers Neues Literatur-Lexikon“, Bd. 6, Edward Gibbon, The History of the Decline and Fall of the Roman Empire, S. 279, MĂŒnchen 199
  7. ↑ Vgl. jedoch das „Dritte Rom“.
  8. ↑ Zit. nach „Kindlers Neues Literatur-Lexikon“, a. a. O.
  9. ↑ "Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie hĂ€ĂŸlich er war [...] Die Anthropologen unter den Criminalisten sagen uns, dass der typische Verbrecher hĂ€sslich ist: monstrum in fronte, monstrum in animo. Aber der Verbrecher ist ein decadent." Friedrich Nietzsche in Götzen-DĂ€mmerung; in Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner, Götzen-DĂ€mmerung, Der Antichrist, Ecce homo, Kritische Studienausgabe, Bd. 6, Hrsg.: Giorgio Colli und Mazzino Montinari, dtv, S. 68 u. 69
  10. ↑ „Wo in irgendeiner Form der Wille zur Macht niedergeht, giebt es jedes Mal auch einen physiologischen RĂŒckgang, eine decadence. Die Gottheit der dĂ©cadence, beschnitten an ihren mĂ€nnlichsten Tugenden und Trieben, wird nunmehr nothwendig zum Gott der physiologisch-ZurĂŒckgegangenen, der Schwachen.“; Friedrich Nietzsche in Der Antichrist; in Friedrich Nietzsche a. a. O. S. 183
  11. ↑ Friedrich Nietzsche: Ecce homo, Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem, KSA 6, S. 357
  12. ↑ Friedrich Nietzsche: Ecce homo, Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem, a. a. O., S. 21
  13. ↑ Friedrich Nietzsche: Ecce homo, Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem, a .a. O., S. 21, 22
  14. ↑ Hans Schulz, Otto Basler, Gerhard Strauss: Deutsches Fremdwörterbuch, Institut fĂŒr Deutsche Sprache, de Gruyter, Der Begriff der Dekadenz, S. 138
  15. ↑ Metzler, Lexikon Literatur, DĂ©cadence, S. 143, Weimar, 2007
  16. ↑ Walther Killy: Literaturlexikon, Artikel Thomas Mann, Bd. 7, S. 449
  17. ↑ Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen, S. 201, Frankfurter Ausgabe, S.Fischer, Hg. Peter de Mendelssohn
  18. ↑ Massimo Ferrari Zumbini: UntergĂ€nge und Morgenröten - Nietzsche, Spengler, Antisemitismus, Königshausen & Neumann , 1999, Kapitel V: Macht und Dekadenz: Der "Streit um Spengler" und die Frage nach den Quellen des Untergangs des Abendlandes, S. 151 ff.
  19. ↑ Anm.: Spengler sah sich und sein Werk nicht als pessimistisch, sondern dem Idealismus entgegengesetzten Realismus (z.B. im Vorwort von 1922 aus Untergang des Abendlandes, Untergang des Abendlandes S. 63, oder in seiner Schrift Pessimismus? von 1921).
  20. ↑ Rainer Thurnher, Wolfgang Röd, Heinrich Schidinger: Geschichte der Philosophie, Band XIII, Die Philosophie des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts, Nr. 3, Lebensphilosophie und Existenzphilosophie, Beck, , S. 149 ff.
  21. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, 10. Aufl., dtv, MĂŒnchen 1991, S. 35 und Vorwort Spenglers zur Auflage von 1922
  22. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S. 4 ff. und 149
  23. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S. 140 ff., 596
  24. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S. 226 ff.
  25. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, ab S. 70
  26. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S. 840-880
  27. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S. 599 ff.
  28. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, 300 ff.
  29. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S. 51 ff. + 432 ff.
  30. ↑ Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, S. 450 ff. u. 677 ff,.
  31. ↑ Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik, AthenĂ€um Verlag, 1969.
  32. ↑ Anm.: Humanitarismus ist hier nach Scheler die Erweiterung des frĂŒher primĂ€r auf die ideale geistige Substanz des Menschen und dessen Beziehung zu Gott bzw. das Göttliche im Menschen bezogenen Begriffs der Liebe zu einer allumfassende Menschenliebe, welche sich bloß auf den Menschen an sich beziehe, damit gegen die Gottesliebe protestiere, und ihn letztendlich von Gott loslöse (siehe Max Scheler: Das Ressentiment im Aufbau der Moralen, Klostermann, 2004, S. 61 ff.).
  33. ↑ Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral Eine pluralistische Ethik, AthenĂ€um Verlag, 1969. S. 80
  34. ↑ Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral Eine pluralistische Ethik, AthenĂ€um Verlag, 1969. S. 82
  35. ↑ Historisches Wörterbuch der Philosophie, „Hypermoral“, Bd. 3, S. 1238
  36. ↑ Ein indirektes Zitat von Ortega y Gasset: Der Geist allgemeiner Hanswursterei weht durch Europa.
  37. ↑ Der Mensch im Lichte der modernen Anthropologie, in: ders: Philosophische Anthropologie und Handlungslehre, Gesamtausgabe Bd.4, hgg. von Karl-Siegbert Rehberg, S. 133. FĂŒr den Freyer-SchĂŒler Gehlen bedeutet „natĂŒrlich“ einen RĂŒckbezug auf Rousseau, und damit darauf, dass Rousseauisten wie Robespierre die Guillotine bedenkenlos gebrauchen wĂŒrden (alles wird möglich).
  38. ↑ Historisches Wörterbuch der Philosophie. Kunst/Kunstwerk, Bd. 4, S. 1407
  39. ↑ Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Soziologie der Musik S. 962–963, BĂ€renreiter, 1986
  40. ↑ Historisches Wörterbuch der Philosophie. Kunst/Kunstwerk, Bd. 4, S. 1408
  41. ↑ NZZ online: Kunst der Freiheit oder PhĂ€nomen spĂ€tbĂŒrgerlicher Dekadenz.
  42. ↑ Neue Musikzeitung „Ohne Komponieren kann ich doch nicht leben“
  43. ↑ Walther Killy, Literaturlexikon DDR-Literatur, Bd. 13, S. 164
  44. ↑ dem LukĂĄcs aus biographisch-persönlichen GrĂŒnden nahestand, obwohl dieser ihn in der Figur des hĂ€sslichen Naphta karikiert hatte
  45. ↑ Theodor W. Adorno: Noten zur Literatur, Erpreßte Versöhnung, S. 255. Suhrkamp, Frankfurt 1974.
  46. ↑ Historisches Wörterbuch der Philosophie, „Versöhnung“, Bd. 11, S. 902
  47. ↑ Theoder W. Adorno: Die musikalischen Monographien Versuch ĂŒber Wagner, Gesammelte Schriften, Band 13, S. 42
  48. ↑ Die musikalischen Monographien Versuch ĂŒber Wagner, Gesammelte Schriften, Band 13, S. 507
  49. ↑ Zitiert nach Hans Schulz/Otto Basler/Gerhard Strauss: Deutsches Fremdwörterbuch, Institut fĂŒr Deutsche Sprache, de Gruyter, Berlin/New York (Der Begriff der Dekadenz, S. 140)
  50. ↑ Wolfgang Durner: Antiparlamentarismus in Deutschland, Königshausen & Neumann, 1997, S. 115
  51. ↑ Beispielhaft etwa in Die Schriften von Erich KĂ€stner – verboten und verbrannt
  52. ↑ so etwa Karsten Fischer in Dekadenz als Exportschlager Semantiken und Strategien im Kampf der Kulturkritiken
  53. ↑ Islamismus in der Bundesrepublik Deutschland Ursachen, Organisationen, Gefahrenpotenzial
  54. ↑ Rechtsextreme Argumentationsmuster
  55. ↑ Verfassungsfeindliche Zielsetzungen
  56. ↑ So die MLPD (MLPD), die KAZ
  57. ↑ Dazu der Artikel Die letzte Rebellion in der taz
  58. ↑ a b Ulrike Ackermann: Verteidigung des dekadenten Europa (PDF)
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