|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Dekadenz (frz. dĂ©cadence, ĂŒber mlat. decadentia, von lat. cadere âfallenâ, âsinkenâ) ist ein ursprĂŒnglich geschichtsphilosophischer Begriff, mit dem VerĂ€nderungen in Gesellschaften und Kulturen als Verfall, Niedergang bzw. Verkommenheit gedeutet und kritisiert wurden. Der Begriff setzt damit voraus, es gĂ€be objektiv bessere oder wĂŒnschenswertere ZustĂ€nde. Er wurde in der französischen Historiographie zuerst fĂŒr den Niedergang Roms gezielt verwendet. Nur in der Dekadenzdichtung hat das Wort auch eine positive Bedeutung; im heutigen Sprachgebrauch ĂŒberwiegt der abwertende Charakter.
Inhaltsverzeichnis |
Der Begriff gehörte ursprĂŒnglich einer Weltsicht an, welche die Existenz von Menschen, Institutionen und Staatsgebilden als einem natĂŒrlichen Werde- und Untergangsprozess unterworfen betrachtet. Die ursprĂŒnglich zum Aufstieg der Familie, des Staates, der Institution fĂŒhrenden Eigenschaften verĂ€ndern sich danach zwangslĂ€ufig ins Feine, Sensible, kurz: Degenerierte.
Der Sache nach findet sich diese Lehre bereits bei Ibn Chaldun im 14. Jahrhundert.
Der französische Ausdruck dĂ©cadence wurde im 17. Jahrhundert in Nicolas Boileaus RĂ©flections critiques sur quelques passages du RhĂ©teur Longin als Ă€sthetischer Begriff eingefĂŒhrt. Neben seiner Ă€sthetischen wird zugleich seine ethische Bedeutung erkennbar, da der Verfall (dĂ©cadence) des Geschmacks (goĂ»t) fĂŒr einige Kritiker als ein wesentliches Moment der Auflösung der Kultur galt. So wurde die Entwicklung der Kunst und die Frage ĂŒber den Vorrang antiker oder moderner Dichtung in dem Querelle des Anciens et des Modernes heftig diskutiert. Boileau bezog sich auf den goĂ»t, um die Gegenwart zu kritisieren und den zeitlosen Wert der antiken Geschmacksnorm zu erweisen, wĂ€hrend die Gegner die AutoritĂ€t der Antike kritisch in Frage stellten.[1]
Seine prÀgende Bedeutung erhielt der Ausdruck durch Montesquieu und Edward Gibbon[2], die sich mit dem Untergang des Römischen Reiches beschÀftigten. Auch sie nutzten den Begriff mit doppelter Zielrichtung: Sie betrachteten décadence (decline) als historisches PhÀnomen und bewerteten zugleich ihre eigene Zeit.
Das Wort Dekadenz bezog sich spĂ€ter auch auf eine literarische Bewegung, die von Baudelaire (Die Blumen des Bösen) und Verlaine angestoĂen wurde und sich einerseits durch ein bohĂšmienhaft ablehnendes VerhĂ€ltnis zur âbĂŒrgerlichen Weltâ, andererseits durch Exotismus, Rausch und gesteigerte SensitivitĂ€t auszeichnet.
Montesquieu nutzte den Ausdruck in seinem ConsidĂ©rations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur dĂ©cadence. Dabei versuchte er das PhĂ€nomen der Dekadenz historisch zu deuten und gleichzeitig kritisch auf die Gegenwart anzuwenden. Er bewertete und analysierte den Untergang Roms aus unterschiedlichen Perspektiven und setzte sich dabei von Machiavellis Betrachtung ab, der die Unterwerfung anderer Völker durch einen mĂ€chtigen Herrscher noch gepriesen hatte. Die Ausdehnung Roms fĂŒhrte nach Montesquieu zu einer Erschöpfung, und der stĂ€ndige Aufschwung zerstörte gerade die Tugenden, die fĂŒr ein funktionierendes Staatswesen notwendig seien. Die Vermittlung eines einheitlichen âallgemeinen Geistesâ (esprit gĂ©nĂ©ral) sei unter dem Einfluss eroberter Kulturen unmöglich, der esprit gĂ©nĂ©ral verfalle und werde durch Partikularinteressen ersetzt.[3]
Ausgehend von einer kulturphilosophisch begrĂŒndeten âNatursehnsuchtâ stand er kulturellen Errungenschaften und Institutionen, Triebverzicht und Erziehungsidealen kritisch gegenĂŒber. Er pries das unmittelbare GefĂŒhl, die âWahrheit des Herzensâ. Der Mensch mĂŒsse zu seiner UrsprĂŒnglichkeit zurĂŒckkehren. Den Naturzustand deutete er als einen der ursprĂŒnglichen Harmonie. Hatte Thomas Hobbes, wie spĂ€ter Ă€hnlich Immanuel Kant, den Naturzustand negativ als eine vorgesellschaftliche Kriegssituation beschrieben, in der die Menschen ihren Trieben ĂŒberlassen seien und einander wie Wölfe gegenĂŒbertreten wĂŒrden â Homo homini lupus â, um mit diesem Modell den Gesellschaftsvertrag zu begrĂŒnden, so stand fĂŒr Rousseau der ursprĂŒngliche Mensch im Einklang mit der Natur. âNehmt uns unsere unheilvollen Fortschritte, nehmt uns unsere IrrtĂŒmer und Laster, nehmt uns das Menschenwerk, und alles ist gut.â[5] FĂŒr Rousseau ist der Naturzustand von der ursprĂŒnglichen GĂŒte oder Lauterkeit des Menschen ein ideelles Konstrukt und kein historisches Postulat, er geht also nicht naiv-romantisch von der Lebensharmonie der Naturvölker aus, sondern stellt der Gesellschaft ein ideales Bild vor Augen, um ihren (dekadenten) Verfall anzuklagen[5].
In seinem bekanntesten Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire beschrieb Edward Gibbon die allmÀhliche Auflösung des Imperium Romanum vom Tode Mark Aurels bis zum Untergang des Byzantinischen Reiches. Diese Zeitspanne teilte er in drei Phasen ein.[6]
Durch das ganze Werk Gibbons zieht sich leitmotivisch der Gedanke, dass die Geschichte seit dem 2. Jahrhundert. dem Niedergang (decline) unterworfen sei. Gibbons wollte mit seinem Werk den âTriumph der Unkultur und der Religionâ beschreiben.[8]
Gibbons Herangehensweise war fĂŒr die damalige Historiographie neu, indem er die KontinuitĂ€t der Geschichte ĂŒber einen sehr langen Zeitraum verfolgte. Ebenfalls neu und ĂŒberraschend war seine Bewertung des Christentums als mitverantwortlich fĂŒr den Verfall der Kultur. Vor allem von theologischer Seite wurden Kapitel seines Buches angegriffen, in denen Gibbon auf kriegerische Auseinandersetzungen der Christen mit Heiden und Aberglauben, auf seinen religiösen Fanatismus und auf die Massaker hinwies, die auf die Ausrottung hĂ€retischer Bestrebungen zielten.
In der neueren Forschung wird jedoch bezĂŒglich der SpĂ€tantike von Gibbons (wie auch Montesquieus) Theorien allgemein Abstand genommen und es werden neue, differenziertere ErklĂ€rungsmuster fĂŒr den Untergang Westroms und die Transformation des Ostreichs entwickelt.
Die Geschichte seit der Antike â genauer: seit dem perikleischen Athen â betrachtete er als (dekadente) Verfallsentwicklung. FĂŒr den Niedergang sei der schwĂ€chliche, sich an falschen, lebensverneinenden Werten orientierende Geist des Abendlandes selbst verantwortlich. Dieser habe sich in Gestalt des von Nietzsche hĂ€misch als âungriechischâ, âhĂ€sslichâ, âverbrecherischâ und âdekadentâ aufgefassten Sokrates ein falsches Ideal gesetzt[9] und gehe an den krĂ€nklichen Werten des Christentums zu Grunde.
Eine neue Philosophie solle den Pessimismus Schopenhauers ebenso wie die âSklavenmoralâ des Christentums abschĂŒtteln und mit diesseitiger Lebens- und Schicksalsbejahung Kultur und Gesellschaft erneuern. Gehe der âWille zur Machtâ zugrunde, so komme es auch zu einem physiologischen RĂŒckgang, einer dĂ©cadence.[10] Diese prĂ€ge sich dabei in individueller wie gesellschaftlicher Form aus, betreffe also den Menschen ebenso wie die Epoche und ihre Kunstwerke, die Nietzsche aus der Perspektive des UnzeitgemĂ€Ăen teilweise heftig kritisierte.
Mag Nietzsche somit als Dekadenztheoretiker und -gegner betrachtet werden, zeigt sein Werk doch die doppelte Bedeutung von Verfall und Krankheit: Die Ă€sthetischen und moralischen Folgen, die er anprangert, auf der einen, Stimulus fĂŒr sein eigenes Schaffen auf der anderen Seite.
Die von Nietzsche beschriebene und kritisierte âdekadenteâ SensibilitĂ€t zeigte sich um die Jahrhundertwende in den Werken Rainer Maria Rilkes, Arthur Schnitzlers, Thomas Manns, und im FrĂŒhwerk Hugo von Hofmannsthals, der sich spĂ€ter davon distanzierte.[14]
Gautier und Baudelaire hatten die DĂ©cadence zu einer eigenstĂ€ndigen kĂŒnstlerischen Position aufgewertet. Die so verstandene Entwicklungslinie setzte sich von der negativen EinschĂ€tzung der Kulturkritik Montesquieus, Rousseaus und Nietzsches ab.[15] In der von unterschiedlichen Autoren getragenen Haltung bezog sich der Begriff nun auf eine antibĂŒrgerliche Auflehnung gegen die als mal du siĂšcle verstandene Langeweile des Zeitalters. Diese Einstellung war durch ĂŒberreizte, extravagante Sinnlichkeit, Lust am Untergang und eine postulierte, amoralische Verwandtschaft von Eros und Thanatos gekennzeichnet.
Thomas Mann betrachtete den âdekadentenâ Ăsthetizismus aus kritisch-ironischer Distanz und charakterisierte ihn etwa in der Gestalt des feinsinnigen, aber bis zur LĂ€cherlichkeit lebensuntĂŒchtigen Detlev Spinell in seiner Novelle Tristan.
In Manns konservativen und zivilisationskritischen Betrachtungen eines Unpolitischen bezog sich der Verehrer Nietzsches erneut auf dessen doppelte Perspektive: Aus dem LebensgefĂŒhl der dĂ©cadence zu kommen und diese gleichzeitig ĂŒberwinden zu wollen: âIch gehöre geistig jenem ĂŒber ganz Europa verbreiteten Geschlecht von Schriftstellern an, die, aus der dĂ©cadence kommend, zu Chronisten und Analytikern der dĂ©cadence bestellt, gleichzeitig den emanzipatorischen Willen zur Absage an sie ⊠mit der Ăberwindung von Dekadenz und Nihilismus wenigstens experimentieren.â[17]
Weitere literarische Strömungen, die sich wie der Symbolismus und Impressionismus vom Naturalismus abgrenzten und durch ĂŒberfeinerte SensibilitĂ€t und Ăsthetizismus gekennzeichnet sind, werden im Artikel Dekadenzdichtung behandelt.
Dabei griff er auch Vorstellungen von Nietzsche auf und verband sie mit auf die Historie bezogenem biologistischen Denken. [20] Ausgehend von der Lebensphilosophie und dem lebendigen âNaturâ-Begriff Goethes[21], welche Leben als Dynamisches und Schöpferisches der starren RationalitĂ€t gegenĂŒber stellt, und mit dem Mittel der morphologischen Analogie [22] arbeitend, betrachtet er acht selbstĂ€ndige Hochkulturen und vergleicht ihre Entwicklung mit der von Organismen[23], etwa Pflanzen. Nach Spenglers Vorstellung wachsen diese aus dem Formenchaos der Vorzeit aus kulturspezifischen Ursymbolen [24] ĂŒber verschiedene organische Entwicklungsphasen, bis sie absterben mĂŒssen. In dieses Stadium sei das Abendland eingetreten.[25] Die Hochkulturen â Ăgypten, Indien, Babylon, âapollinischeâ Antike, âmagischeâ arabische Kultur[26], China, mexikanische Kultur und â faustischesâ Abendland[27] â seien zwar eigenstĂ€ndig und voneinander getrennt gewesen, hĂ€tten jedoch alle einander entsprechende und mit Hilfe der Ăsthetik vergleichbare Stufen von der knospenhaften FrĂŒhzeit (Dorik, Gotik), ĂŒber die BlĂŒte und die Reifungskrise bzw. Gegenbewegung (Renaissance) [28] bis zur Welke der (dekadenten) Zivilisation durchlaufen, welch letztere sich aber noch einige Jahrhunderte imperialistisch entfalten könne (CĂ€sarismus), ehe sie â sĂ€mtlich und unausweichlich â absterben mĂŒssten.[29] Allerdings verwendet Spengler im Gegensatz zu Nietzsche nicht explizit den Begriff âDekadenz/dekadentâ, sondern belegt z.B. die aktuelle Zivilisation mit anderen negativ empfundenen Begriffen wie âseelenlosâ, âmumienhaft erstarrtâ, âwurzellosâ, oder âschöpferisch unproduktivâ. [30]
Ausgehend ebenfalls von Nietzsche, nĂ€mlich dessen kritischer Unterscheidung von âSklaven- und Herdentiermoralâ, kritisierte der Philosoph Arnold Gehlen in seinem SpĂ€twerk Moral und Hypermoral die Ăbersteigerung bestimmter gesellschaftlicher Verhaltensweisen zu Ungunsten anderer als Hypermoral.[31] Diese zeige sich als âMoralhypertrophieâ, als âmasseneudaimonistische Gesinnungsmoralâ. Der Humanitarismus (der als negativ bewerteter Begriff schon bei Max Scheler aufgetaucht war und eine gefĂŒhlsgeleitete Ideologie undifferenzierter Menschenliebe bezeichnet hatte [32]) zersetze die politischen Tugenden, das Staats- und Institutionenethos. Der Humanitarismus sei als ethischer Impuls schon durch die Stoa in die Welt gesetzt worden[33] und ĂŒberdehne das Familienethos mit seinen humanitĂ€ren und pazifistischen Tugenden.
Gehlen bezog sich desgleichen auf den Sozialphilosophen Georges Sorel, der seinerseits die Dekadenz angeprangert und den Verfall der Sitten beklagt hatte. âDekadenzâ sei ein unentbehrliches Wort, das den inneren und Ă€uĂeren Kontaktverlust mit der Geschichte bezeichne.[34] Der ĂŒbersteigerte Subjektivismus sei handlungslos, da die entlastende Funktion der Institutionen, deren Bedeutung er in anderen Werken bereits herausgearbeitet habe, allmĂ€hlich fortfalle. Der Staat werde auf partikulare, gesellschaftliche Interessen hin funktionalisiert und verliere seine Funktion als Sicherheitsgarant nach auĂen und innen. Hinter der nur diesseitig orientierten Hypermoral wĂ€hnt Gehlen Dekadenz und Nihilismus gegenĂŒber höheren Werten.[35]
Als Indizien fĂŒr dekadente Gesellschaften nannte Gehlen ferner: âWenn die Gaukler, Dilettanten, die leichtfĂŒĂigen Intellektuellen sich vordrĂ€ngen, wenn der Wind allgemeiner Hanswursterei sich erhebt[36], dann lockern sich auch die uralten Institutionen und strengen professionellen Körperschaften: das Recht wird elastisch, die Kunst nervös, die Religion sentimental. Dann erblickt unter dem Schaum das erfahrene Auge schon das Medusenhaupt, der Mensch wird natĂŒrlich und alles wird möglich.â[37]
In Politik und Polemik, die sich auf den Marxismus berief, wurde die Bezeichnung eines KĂŒnstlers als âdekadentâ fĂŒr diesen oft hochgefĂ€hrlich.
In seiner Abhandlung Der Imperialismus als höchste Form des Kapitalismus (Kapitel VIII Parasitismus und FĂ€ulnis im Kapitalismus) hatte bereits Lenin biologistische Metaphern wie âFĂ€ulnisâ und âParasitismusâ benutzt, um den Kapitalismus zu charakterisieren. Eine besondere Bedeutung erhielt der Dekadenzbegriff in der Sowjetunion. Dort bezog er sich zunĂ€chst auf den angenommenen Verfall der bĂŒrgerlichen Gesellschaft, um spĂ€ter â im Marxismus-Leninismus â auf die bĂŒrgerliche Kultur â Literatur und Musik â ĂŒbertragen zu werden.
Er wurde in die Diskussion des sozialistischen Realismusâ einbezogen. Dieser wurde 1932 von Iwan Gronskij verkĂŒndet und 1934 von Schdanow kodifiziert. Die wahrheitsgetreue und historisch konkrete Darstellung sollte dabei in der Kunst mit der Aufgabe verbunden werden, die Menschen im Sinne des Sozialismus ideologisch umzuformen und zu erziehen.[38] Der ideologische Grund fĂŒr diese Doktrin wird verstĂ€ndlich, wenn man einen Blick auf die (vulgĂ€r-)marxistische Kunstsoziologie wirft. Nach ihr ist die Kunst dem Ăberbau zuzurechnen; jede Klasse habe eine Kunst, die sie funktional befriedige. Dieser Ideologie gemÀà ist der freie Selbstzweck der Kunst verboten. Auch Musik (selbst Musikkritik) diene ausschlieĂlich der Durchsetzung des Sozialismus mit den Mitteln des Realismus, nicht des westlichen Formalismus.[39] Schdanow diktierte die Form der Kunstwerke. Indem er die bĂŒrgerliche Kultur auf Verfall, Mystizismus und Pornographie festlegte, trennte er die sowjetische Belletristik von der Moderne. Was zuviel Wirklichkeit zeigte, wurde als Naturalismus, was die Entwicklung zu durchsichtig machte, als Formalismus gebrandmarkt, beides galt dabei als Ausdruck der Dekadenz der bĂŒrgerlichen Gesellschaft.
Stalin kanonisierte das Verfahren 1936 in seiner Abhandlung Ăber dialektischen und historischen Materialismus, die sich auf das Basis-Ăberbau-VerhĂ€ltnis bezog und in der er das âgeistige Leben der Gesellschaftâ als âAbbild der Bedingungen ihres materiellen Lebensâ erklĂ€rte.[40]
Im vielfĂ€ltig bis zur Beliebigkeit verwendeten politischen Kampfbegriff des Formalismus kulminiert diese Entwicklung, was sich sowohl in der Sowjetunion wie spĂ€ter in der DDR â etwa im Formalismusstreit zeigen sollte. Nach der Doktrin des von der KPdSU verkĂŒndeten Sozialistischen Realismus wurden avantgardistische Strömungen, die sich etwa an westlicher Zwölftonmusik orientierten, als dekadent abgelehnt. KĂŒnstler, die sich dem Gebot nicht fĂŒgen wollten, mussten in der Stalinzeit mit scharfen Sanktionen rechnen. Die Dekadenzvorbehalte richteten sich auch gegen andere Teile moderner Kunst, etwa den Expressionismus. Im Sinne Stalins Ă€uĂerte etwa Otto Grotewohl 1953, dass eine Kunst zu bekĂ€mpfen sei, die âden Lebensinhalt raubt, das Volk entfremdet und die Entwicklung der Nation verhindertâ. Der Kosmopolitismus sei in seiner âbis zur anarchischen Auflösung betriebenen Individualisierung der Kunstâ zersetzend und fĂŒhre zum Krieg. In der staatlichen Kunstzeitschrift Bildende Kunst wurde noch 1958 der Expressionismus als âPhĂ€nomen bĂŒrgerlicher Dekadenzâ abgetan und als zersetzende Entwicklung bezeichnet, die ĂŒberwunden werden mĂŒsse.[41]
In diesem Zusammenhang bekannt geworden ist das Schicksal des Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Nach einer AuffĂŒhrung seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk, die Stalin in der Pause wĂŒtend verlieĂ, diffamierte die Prawda in einem hetzerischen Artikel (âChaos statt Musikâ) vom 28. Januar 1936 den Komponisten und wĂŒrdigte sein Werk als chaotisch und formalistisch herab, als unfĂ€hig, die einfachen und starken GefĂŒhle auszudrĂŒcken. Es wurde ihm Entartung und die Loslösung von der âwahren Kunstâ vorgeworfen und BezĂŒge zur ânervösenâ, âverkrampftenâ Musik des Jazz hergestellt. Der grobe Naturalismus der Oper sei mit den Prinzipien des sozialistischen Realismus unvereinbar.[42]
Adorno, der LukĂĄcsâ berĂŒhmte Theorie des Romans gelobt hatte, reagierte mit einer ebenso sĂŒffisanten wie grundsĂ€tzlichen Kritik und unterzog das Wort Dekadenz zudem einer ideologiekritischen Analyse: âDie gesamte moderne Literatur, soweit sie nicht die Formel eines seiâs kritischen, seiâs sozialistischen Realismus passt, ist verworfen, und es wird ihr ohne Zögern das Odium der Dekadenz angehĂ€ngt, ein Schimpfwort, das nicht nur in RuĂland alle ScheuĂlichkeiten von Verfolgung und Ausmerzung deckt. Der Gebrauch jenes konservativen Ausdrucks ist inkompatibel mit der Lehre [âŠ] Die Rede von der Dekadenz ist vom positivem Gegenbild kraftstrotzender Natur kaum ablösbar, Naturkategorien werden auf gesellschaftlich Vermitteltes projiziert. Eben dagegen jedoch geht der Tenor der Ideologiekritik von Marx und Engels [âŠ] Selbst Reminiszenzen an den Feuerbach der gesunden Sinnlichkeit hĂ€tten schwerlich dem sozialdarwinistischen Terminus EinlaĂ in ihre Texte verschafft.â[45]
Am Beispiel des âDekadenzkĂŒnstlersâ Richard Wagner sucht Adorno den Begriff der Dekadenz dialektisch zu retten, indem er die reflektierte âSchwĂ€cheâ des Ichs, die âpsychologischen Momenteâ, das AbgrĂŒndige und Zweideutige als Ă€sthetischen Wert des Kunstwerks betrachtet: âDas Ich differenziert sich unendlich, indem es die eigene SchwĂ€che reflektiert und zur Schau stellt, aber vermöge eben dieser SchwĂ€che fĂ€llt es zugleich auf die Schicht des Vor-Ichlichen zurĂŒck. So zeichnet im Ăberwiegen des psychologischen Moments bei Wagner, des zweideutig Interessanten, ein Geschichtliches sich ab. Die Bruchlinie jedoch, die Wagners Werk markiert, die Ohnmacht im Angesicht der technischen und der diese tragenden gesellschaftlichen WidersprĂŒche, kurz all das, was schon der Sprache seiner Zeitgenossen Dekadenz hieĂ, ist zugleich die Bahn des kĂŒnstlerischen Fortschritts.â[47] In einer 1952 verfassten Notiz zu diesem Versuch ĂŒber Wagner wiederholt er seine Bewertung und wendet sich gegen den instrumentellen, denunziatorischen Gebrauch des Wortes Dekadenz: âWer das Wagnersche Werk als Abdankungsurkunde des liberalen Geistes interpretiert, muĂ sich hĂŒten, die Erkenntnis in Begriffen wie dem der Dekadenz stillzustellen, die im Vokabular der östlichen SphĂ€re lĂ€ngst von jeglicher Beziehung auf die Sache sich losgerissen haben und zu denunziatorischen Kennmarken verkamen. Was besser ist an Wagner als die Ordnung, zu deren finstersten Gewalten er sich schlug, verdankt sich eben der Dekadenz, der UnfĂ€higkeit eines von der Ăbermacht des Bestehenden schon bis ins Innerste beschĂ€digten Subjekts, den Spielregeln eben dieses Bestehenden noch GenĂŒge zu tun.â[48]
In der Frankfurter Schule wurde die Kritik am SchwĂ€chlichen und LĂŒsternen in der Dekadenz stĂ€rker auf das Substanzlose und Habgierige verschoben und somit der marxistischen Kapitalismuskritik angenĂ€hert.
Kurt Lenk nannte âDekadenzâ eine WorthĂŒlse, wie IdentitĂ€t, Kommunikation, Information, Dynamik und viele andere alltagssprachliche Begriffe, die zwar hĂ€ufig gebraucht, aber keine Klarheit besitzen wĂŒrden. Umso stĂ€rker sei ihre projektive und scheinbar erklĂ€rende Wirkung fĂŒr beunruhigende gesellschaftliche Erscheinungen. Dabei sei Dekadenz ein zentraler Begriff in konservativen und faschistoiden Geschichtsbildern, dem so genannten zyklischen und kulturpessimistischen Geschichtsbild, von Universalhistorikern wie NiccolĂČ Machiavelli, Georges Sorel, Friedrich Nietzsche, Oswald Spengler und Henri Bergson. Nach Kurt Lenk haben eine Reihe âlebensphilosophisch orientierter Autorenâ wie Oswald Spengler, Ernst JĂŒnger, Gottfried Benn und andere Autoren der âKonservativen Revolutionâ die âAttitĂŒde eines faustisch-heroischen Menschen als die einzig angemessene Antwort auf eine zu Dekadenz und Untergang tendierende Welt begreifen wollenâ. Alle vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen wĂŒrden von diesen dabei als Schicksal bejaht. Kurt Lenk: âZwar sind bei den einzelnen Autoren Ursachen, Symptome und Folgen der Dekadenz variantenreich beschrieben, doch gleichen sie sich in ihrer Dramaturgie. Stets geht es letztlich um eine Entscheidung zwischen Untergang oder Rettung durch irgendwelche heroische Taten.â Im Zentrum der âfaschismus-affinen Krisensemantik, fĂŒr deren Beginn Sorel steht,â befinde sich nach Lenk âdas Syndrom Dekadenz-Apokalypse-Heroismus, dem die Idee einer Art âWiedergeburtâ zugrundeâ liege.
In der Sprache des Nationalsozialismus bĂŒrgerte sich parallel und synonym zum Attribut "dekadent" der Begriff "entartet" zur Bezeichnung und Abwertung von der nationalsozialistischen Ideologie und Ăsthetik widersprechenden gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vorstellungen sowie kĂŒnstlerischen Werken ein. Als Ursache fĂŒr eine "Dekadenz/Entartung" meinte man hĂ€ufig, eine vorgebliche rassische Fremdheit und damit Minderwertigkeit der Vertreter bzw. Schöpfer dieser Vorstellungen und Kunstwerke konstatieren zu mĂŒssen. Ein Beispiel fĂŒr die Verbindung des Dekadenzmotivs mit dem Rassismus ist folgender Text von 1933 aus einer lokalen Zeitung:
Beliebt war es, die westlichen Demokratien als lebensuntĂŒchtig, schwach und dekadent darzustellen. Dieses Dekadenzargument gegen Pluralismus und Demokratie wurde auch von Hitler in Mein Kampf verwendet.[50]
Auch BĂŒcherverbrennungen wurden von formelhaften Kommentaren âgegen Dekadenz und moralischen Verfallâ begleitet.[51]
Im gegenwĂ€rtigen Sprachgebrauch wird der Begriff Dekadenz oder dekadentes Verhalten ĂŒberwiegend gleichgesetzt mit SchwĂ€chlichkeit und/oder Verschwendung und im Sinne eines sozial schĂ€dlichen Abweichens von einer gesund-natĂŒrlichen Lebensform verwandt. Oft wird der Begriff kritisch gegen das Verhalten von Personen mit angesonnener Vorbild-Aufgabe, also Personen des öffentlichen Lebens, Medienstars u. Ă€. gekehrt. Vor dem Hintergrund der Herausforderungen durch den islamischen Fundamentalismus oder dem postulierten Kampf der Kulturen war und ist erneut die Rede von (westlicher) Dekadenz.
Autoren verweisen darauf, dass der Fundamentalismus ein Bild des Westens zeichne, der durch Individualismus und Hedonismus moralisch dekadent sei.[52] Die fundamentalistischen Strömungen lehnen â bei möglichen Unterschieden in Einzelfragen (Islamismus) â die westliche Moderne und ihre weltanschaulichen Prinzipien ab, belassen es aber nicht bei einer Idealisierung der Vergangenheit. Sie stehen Demokratie, Pluralismus und der SĂ€kularisierung feindlich gegenĂŒber, wĂ€hrend sie die technischen Errungenschaften der Moderne fĂŒr ihre Zwecke nutzen. Ăhnlich wie die konservativen Dekadenztheoretiker gehen islamistische Positionen von einer Krisensituation aus, wie etwa dem wirtschaftlichen Hintertreffen vieler muslimisch geprĂ€gter LĂ€nder. Als GrĂŒnde werden u.a. Abkehr vom âwahren Glaubenâ oder eine VerfĂ€lschung des âgöttlichen Willensâ angenommen; der westliche Kapitalismus wird abgelehnt, da er Dekadenz, Armut und Unglaube verursache. Statt wirtschaftlicher und kultureller Reformen wird die RĂŒckkehr zu den Grundlagen des Islam gefordert.[53]
Auch aktuell sprechen unterschiedliche, dem radikalen Spektrum zugeordnete Gruppen und Parteien von âDekadenzâ.
In rechtsextremen, rĂŒckschlĂ€gigen Argumentationsmustern wird mit dem Schlagwort die Gegenwart abgewertet, wĂ€hrend die Vergangenheit mythisch verklĂ€rt wird.[54] Das Schlagwort ist dann Teil der Agitation, die sich gegen den Rechtsstaat wendet, der als System pauschal in Frage gestellt wird. So sprach Holger Apfel von einem von âDekadenz und KlĂŒngelwirtschaft geprĂ€gten Altparteienkartellâ.[55]
Von Seiten marxistisch-leninistischer Kleinparteien ist von Dekadenz die Rede, um dem marktwirtschaftlichen System, dessen Ăberwindung man anstrebt, vorzuwerfen, dass das sogenannte âspekulative Finanzkapitalâ die Macht ĂŒbernommen habe.[56].
Gegen diese EinschĂ€tzungen werden aus liberaler Perspektive EinwĂ€nde erhoben. So betont Ulrike Ackermann (in dem Merkur-Heft Kein Wille zur Macht â Dekadenz)[57], dass sich die Prophezeiungen vom Untergang des (dekadenten) Kapitalismus zwar nicht erfĂŒllt hĂ€tten, dieser und die Globalisierung von vielen allerdings noch immer abgelehnt wĂŒrden.[58] Eine radikale Kapitalismuskritik habe sich zu einer diffusen Verachtung der Globalisierung entwickelt, und Misstrauen gegenĂŒber der westlichen Zivilisation verwandele sich schnell in den Dekadenz-Vorwurf. Der westliche, zum Selbsthass neigende Selbstzweifel sei mit Hass auf die Dekadenz des Westen konfrontiert; die Toleranz des Westens dulde dabei die Intoleranz. Stattdessen solle man sich fĂŒr die âindividuellen Freiheiten des Bourgeois und Citoyenâ engagieren und Skepsis haben gegenĂŒber âSinnstiftern, die das gute Leben in neuen und alten Kollektiven verheiĂenâ.[58]
| |
Dieser Artikel wurde in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |