|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Descartes gilt als der BegrĂŒnder des modernen frĂŒhneuzeitlichen Rationalismus, den Baruch de Spinoza, Nicolas Malebranche und Gottfried Wilhelm Leibniz kritisch-konstruktiv weitergefĂŒhrt haben. Sein rationalistisches Denken wird auch Cartesianismus genannt. Von ihm stammt das berĂŒhmte Dictum âcogito ergo sumâ (âich denke, also bin ichâ), welches die Grundlage seiner Metaphysik bildet, aber auch das Selbstbewusstsein als genuin philosophisches Thema eingefĂŒhrt hat. Seine Auffassung bezĂŒglich der Existenz zweier miteinander wechselwirkender, voneinander verschiedener âSubstanzenâ â Geist und Materie â ist heute als Cartesianischer Dualismus bekannt und steht im Gegensatz zu den verschiedenen Varianten des Monismus sowie zur dualistischen Naturphilosophie Isaac Newtons, der die Wechselwirkung aktiver immaterieller âKrĂ€fte der Naturâ mit der absolut passiven Materie lehrt (siehe dazu newtonsche Gesetze, Erstes Gesetz der Bewegung).
Descartes ist der Erfinder der sogenannten analytischen Geometrie, welche Algebra und Geometrie verbindet.
Seine naturwissenschaftlichen Arbeiten sind zwar frĂŒh durch die newtonsche Physik widerlegt worden[1] â sei es seine Ablehnung des Gravitationsprinzips oder seine Wirbel-Theorie â, Descartesâ Leistungen im naturwissenschaftlichen Bereich dĂŒrfen aber nicht unterschĂ€tzt werden, da er einer der wichtigsten und strengsten Vertreter des Mechanizismus ist, der die Ă€ltere aristotelische Physik abgelöst hat.
Sein Ethos der Pflicht und der SelbstĂŒberwindung hat die Literatur der französischen Klassik des 17. Jahrhunderts, insbesondere Pierre Corneille, Nicolas Boileau, Jacques BĂ©nigne Bossuet und Jean de La BruyĂšre, beeinflusst.
Inhaltsverzeichnis |
Descartes wurde als drittes Kind einer kleinadeligen Familie der Touraine geboren. Sein Vater, Joachim Descartes (1563â1640), war Gerichtsrat (Conseiller) am Obersten Gerichtshof der Bretagne in Rennes. Seine Mutter, Jeanne Brochard, starb am 16. Mai 1597 nach der Geburt ihres letzten Kindes, das nicht ĂŒberlebte. Da der Vater rasch wieder heiratete, verbrachte Descartes seine Kindheit bei seiner GroĂmutter mĂŒtterlicherseits und einer Amme, die ihn ĂŒberlebte und die er liebevoll in seinem Testament bedachte (siehe Adrien Baillet, La Vie de Monsieur Descartes, 2 vol. 1691). Mit acht Jahren kam er als InternatsschĂŒler auf das Jesuitenkolleg von La FlĂšche, das er acht Jahre spĂ€ter mit einer klassischen sowie mathematischen Ausbildung verlieĂ.[2]
AnschlieĂend studierte Descartes Jura in Poitiers und legte dort 1616 ein juristisches Examen ab. Statt jedoch eine juristische Karriere einzuschlagen, absolvierte er an einer Pariser AcadĂ©mie fĂŒr junge Adelige einen Lehrgang in Fechten, Reiten, Tanzen und gutem Benehmen und verdingte sich noch im selben Jahr 1616 bei dem Feldherrn Moritz von Nassau im hollĂ€ndischen Breda. Dort begegnete er dem sechs Jahre Ă€lteren Arzt und Naturforscher Isaac Beeckman, der ihn fĂŒr die Physik begeisterte und dem er sein erstes naturwissenschaftliches Werk widmete, das mathematisch-physikalisch orientierte MusicĂŠ compendium (1618).
Nach Reisen durch DĂ€nemark und Deutschland verdingte sich Descartes 1619 erneut als Soldat, nun bei Herzog Maximilian von Bayern, unter dem er auf kaiserlich-katholischer Seite an den ersten KĂ€mpfen des DreiĂigjĂ€hrigen Krieges und so auch an der Eroberung Prags teilnahm.
Im November 1619, kurz nachdem er in Prag die ArbeitsstĂ€tte des Astronomen Tycho Brahe (1546â1601) und in Regensburg die des Johannes Kepler (1571â1630) besichtigt hatte, entwickelte Descartes die Idee, dass es âeine universale Methode zur Erforschung der Wahrheitâ geben mĂŒsse und dass er berufen sei, sie zu finden, wobei er keine Erkenntnis akzeptieren dĂŒrfe auĂer der, die er in sich selbst oder dem âgroĂen Buch der Weltâ entdeckt und auf ihre PlausibilitĂ€t und Logik hin ĂŒberprĂŒft habe. Descartes begann die Arbeit an den Regulae ad directionem ingenii (Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft). In seiner Descartes-Biographie berichtet Adrien Baillet (1691) von drei TrĂ€umen, die Descartes angeblich in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1619 hatte, als er in Neuburg an der Donau war. In den fragmentarischen Olympica aus Descartes' eigenem Notizbuch, deren Inhalt aufgrund von Exzerpten von Gottfried Wilhelm Leibniz teilweise erhalten geblieben ist, findet sich jedoch keine zusammenhĂ€ngende Beschreibung dieser TrĂ€ume.
1620 hĂ€ngte Descartes den Soldatenrock an den Nagel, machte eine Pilgerfahrt nach Loreto, die er der Jungfrau Maria zum Dank fĂŒr die âVisionâ gelobt hatte. In den Jahren darauf unternahm er mehrmonatige Reisen durch Deutschland, Holland, die Schweiz und Italien, wobei er Einblicke jeglicher Art zu gewinnen und mit den unterschiedlichsten Personen, vor allem Gelehrten, ins GesprĂ€ch zu kommen suchte.
1625 lieĂ er sich in Paris nieder. Hier verkehrte er mit Intellektuellen und bewegte sich in den Kreisen der gehobenen Gesellschaft, wobei er auch siegreich ein Duell bestand. Er las viel, schrieb bis 1628 weiter an den Regulae ad directionem ingenii und gewann zunehmend an Ansehen als scharfsinniger Kopf. Insbesondere beeindruckte er auf einer Abendgesellschaft Kardinal Pierre de BĂ©rulle, den Vorsitzenden des Staatsrats und Gegenspieler von Kardinal Richelieu so sehr, dass er von ihm zu einer Privataudienz eingeladen und danach aufgefordert wurde, seine Theorien ausfĂŒhrlicher darzustellen und damit die Philosophie zu reformieren.
1629 zog es Descartes in die Niederlande, vermutlich wegen der gröĂeren geistigen Freiheit, die dort herrschte. Hier verbrachte er, zwar im Austausch mit Intellektuellen unterschiedlichster Ausrichtung und Herkunft, aber dennoch relativ zurĂŒckgezogen, die nĂ€chsten 18 Jahre, wobei er hĂ€ufig Wohnungen und Wohnorte wechselte und mit einer seiner DienstmĂ€gde, Helene Jans, 1635 eine Tochter bekam, Francine, die fĂŒnfjĂ€hrig am 7. September 1640 starb. Descartes bezeichnete Francines Tod als âden gröĂten Schmerz seines Lebensâ (Adrien Baillet). Am 13. Oktober 1642 schrieb er an seinen Freund Constantijn Huygens, Vater des berĂŒhmten hollĂ€ndischen Astronomen Christiaan Huygens, wir Menschen seien geboren âfĂŒr viel gröĂere Freuden und ein viel gröĂeres GlĂŒck, als wir sie auf dieser Erde erleben können. Wir werden die Toten dereinst wiederfinden, und zwar mit der Erinnerung an das Vergangene, denn in uns befindet sich ein intellektuelles GedĂ€chtnis, das ganz zweifellos unabhĂ€ngig von unserem Körper istâ. Er sei, so Descartes, von diesem Leben nach dem Tod âĂŒberzeugt durch natĂŒrliche und ganz offensichtliche GrĂŒndeâ.
Vor allem korrespondierte Descartes intensiv mit seinem Pariser Freund Marin Mersenne und ĂŒber diesen, der allein seine jeweilige Adresse kannte, mit Gelehrten aus ganz Europa sowie mit einigen geistig interessierten, hochstehenden Damen.
WĂ€hrend seiner ersten Zeit in Holland arbeitete Descartes an einem Traktat zur Metaphysik, in dem er einen klaren und zwingenden Gottesbeweis zu fĂŒhren hoffte. Er legte ihn jedoch beiseite zugunsten eines groĂangelegten naturwissenschaftlichen Werks, das in französischer Sprache verfasst werden sollte und nicht mehr, wie seine bisherigen Texte, in Latein. Diesen TraitĂ© du Monde â(Abhandlung ĂŒber die Welt)â, wie er heiĂen sollte, lieĂ er jedoch unvollendet, als er vom Schicksal Galileo Galileis erfuhr, der 1633 von der Inquisition zum Widerruf seiner die Forschungen von Nicolaus Copernicus und Johannes Kepler bestĂ€tigenden Theorien gezwungen worden war. 1637 publizierte Descartes im hollĂ€ndischen Leiden anonym seinen Discours de la mĂ©thode pour bien conduire sa raison et chercher la vĂ©ritĂ© dans les sciences, plus la Dioptrique, les MĂ©tĂ©ores et la GĂ©omĂ©trie qui sont des essais de cette mĂ©thode (dt. Titel: Abhandlung ĂŒber die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung: wörtlich: âAbhandlung ĂŒber die Methode, seine Vernunft gut zu gebrauchen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen, dazu die Lichtbrechung, die Meteore und die Geometrie als Versuchsanwendungen dieser Methodeâ). Der als populĂ€rwissenschaftliches Werk auf hohem Niveau angelegte Discours de la mĂ©thode, den auch Damen lesen können sollten, wurde langfristig Descartesâ wirksamstes Buch.
Kernpunkte des Discours sind:
Langfristig wirksam und in Fachkreisen intensive Diskussion auslösend waren auch die nÀchsten Werke von Descartes: Dies waren
Sie stieĂen bei den Theologen in Utrecht und Leiden auf so heftige Ablehnung, dass Descartes 1645 einen Umzug nach England erwog und in den Folgejahren Holland mehrmals fluchtartig zu Reisen nach Frankreich verlieĂ. In den Principia behandelt Descartes nicht nur die direkten emotionalen Reflexe, z. B. Angst, sondern auch die spontanen GefĂŒhlsregungen, z. B. Liebe oder Hass. 1649 erschien der Traktat Les passions de lâĂąme (âDie Leidenschaften der Seeleâ, 1649), den Descartes fĂŒr seine Briefpartnerin, die pfĂ€lzische Prinzessin Elisabeth verfasst hatte.
Er interpretiert die Leidenschaften als nur allzu natĂŒrliche mentale AusflĂŒsse der kreatĂŒrlichen Körperlichkeit des Menschen, verpflichtet diesen aber â als ein zugleich mit einer Seele begabtes Wesen â zu ihrer Kontrolle durch den Willen und zu ihrer Ăberwindung durch vernunftgelenkte Regungen wie z. B. selbstlosen Verzicht oder groĂmĂŒtige Vergebung.
Im SpĂ€tsommer 1649 folgte er einer Einladung der jungen Königin Christina von Schweden, mit der er seit ca. 1645 Briefe wechselte, und reiste nach Stockholm. Hier musste er jedoch mehrere Wochen auf die abwesende Königin warten und bekam erst in der zweiten JanuarhĂ€lfte einige Audienzen (morgens um fĂŒnf), um der Königin seine Philosophie zu erklĂ€ren. Anfang Februar 1650 erkrankte er und starb zehn Tage spĂ€ter im Haus seines Gastgebers, des französischen Botschafters. Es wird ĂŒberwiegend angenommen, er sei an einer LungenentzĂŒndung gestorben.
Nach mehreren Umbettungen findet sich das Grab Descartes' seit dem 26. Februar 1819 in der Abtei Saint-Germain-des-Prés in Paris. Dort liegt sein Leichnam bis auf den SchÀdel, der seit 1878 im Pariser Musée de l'Homme aufbewahrt wird.
1663 wurden die Schriften Descartesâ vom Heiliger Stuhl auf den Index Librorum Prohibitorum gesetzt.
Descartesâ Methode ist geprĂ€gt von seiner Praxis als Mathematiker. Die vier Grundregeln der Methode sind in seinen Augen eine Anwendung der in der Mathematik ĂŒblichen Verfahren und Arbeitsmethoden. Die im Discours de la mĂ©thode von Descartes ausfĂŒhrlich formulierte philosophische Methode wird in vier Regeln (II.7â10) zusammengefasst:
Dieser stark komprimierten und verkĂŒrzten Darstellung stehen die posthum veröffentlichten Regulae ad directionem ingenii gegenĂŒber â ein Werk, das unvollendet blieb und daher lediglich 21 der ursprĂŒnglich geplanten 36 Regeln darlegt. Descartesâ frĂŒhe Methodologie stĂŒtzt sich mehrfach auf das Vermögen der Intuition; mit ihrer Hilfe, so Descartes, erfasst der Mensch die Wahrheit einfachster Aussagen (wie z. B.: ein Dreieck hat drei Seiten) â die Methode selbst besteht im Wesentlichen darin, komplexe Probleme derart zu zerlegen, dass ihre einzelnen Elemente qua intuition als wahr erkannt werden können. Erst spĂ€ter erweitert Descartes seine Konzeption um eine metaphysische Dimension, indem er hinterfragt, wie die Intuition fĂŒr die Wahrheit des Erkannten bĂŒrgen könne (man könnte ja, so Descartes, auch in den einfachsten Dingen stets irren). Die Suche nach einem archimedischen Punkt fĂŒhrt schlieĂlich zum berĂŒhmten cogito ergo sum oder auch âego sum, ego existo ⊠quamdio cogitâ â âIch bin, ich existiere ⊠im Vollzug des Denkensâ, widerspricht aber der frĂŒhen Methodologie in ihren GrundsĂ€tzen, so dass Descartes schlieĂlich die Arbeit an den Regulae einstellte.
Eine neue Erkenntnistheorie fĂŒhrt Descartes unter anderen in seinen sechs Meditationes de prima philosophia von 1641 aus.
Entsprechend seiner Methode handelt der erste Abschnitt von âdem, woran man zweifeln kannâ: Die gĂ€ngige Annahme, dass wissenschaftliche Erkenntnis aus sinnlicher Wahrnehmung und Denken entspringt, muss hinterfragt werden. Keiner der beiden Quellen darf man ungeprĂŒft vertrauen. Unsere Sinne tĂ€uschen uns oft, da wir nicht einfach wahrnehmen, sondern frĂŒhere Wahrnehmungen, die unseren Körper konstituieren, unsere aktuellen Wahrnehmungen bedingen â wir projizieren. Aber auch dem Denken darf man nicht ungeprĂŒft vertrauen, denn ein böser DĂ€mon könnte so auf den Verstand einwirken, dass man falsche SchlĂŒsse zieht und sich tĂ€uscht. Deshalb ist zunĂ€chst einmal an Allem zu zweifeln.
2. Meditation: Doch woher weiĂ ich, ob das, was mit mir geschieht, Zweifeln ist, ob ich mich tĂ€usche, dass ich âichâ bin und dass ich âbinâ? Wenn ich aber zweifle, so kann ich selbst dann, wenn ich mich tĂ€usche, nicht daran zweifeln, dass ich zweifle und dass ich es bin, der zweifelt, d. h. ich bin als Denkender in jedem Fall existent. Der erste unbezweifelbare Satz heiĂt also: âIch bin, ich existiereâ (Original lat.: ego sum, ego existo[3]). Er ist, so Descartes, ânotwendig wahr, so oft ich ihn ausspreche oder denkeâ. Descartes analysiert dann dieses zweifelnde Ich und bestimmt es als ein urteilendes, denkendes Ding: Als res cogitans.
Aurelius Augustinus (354â430) hatte diese Argumentation schon Ă€hnlich formuliert: âsi enim fallor, sum. nam qui non est, utique nec falli potestâ (âSelbst wenn ich mich tĂ€usche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht tĂ€uschen.â Vom Gottesstaat 11,26).
In der dritten Meditation geht Descartes zu einer Theorie des Absoluten ĂŒber. Eine Ursache könne nicht weniger vollkommen sein als ihre Wirkung. Da die eigene Vorstellung von Gott weit vollkommener sei als die eigene Vollkommenheit und RealitĂ€t, könne daraus geschlossen werden, dass Gott existiere.
Danach wird die InkompatibilitĂ€t von âbetrĂŒgerischâ und göttlicher Vollkommenheit aufzuzeigen versucht: ersteres wĂ€re ein Mangel, letzteres schlieĂt jeden Mangel aus. Gott könne also kein genius malignus sein, wie es argumentationshalber in der 1. Meditation noch in Betracht gezogen worden war.
Das hieĂe, so die vierte Meditation weiter, aber auch, dass wir auf die (in der 1. Meditation noch angezweifelten) Richtigkeit unserer empirischen Erfahrungen vertrauen können, weil es Gott gebe und er kein BetrĂŒger sei. Den Grund, warum der Mensch dennoch in seinem Urteil zu fehlerhaften SchlĂŒssen kommen kann, sieht Descartes darin, dass die gottgegebene Wahlfreiheit des Menschen sich auch auf Dinge erstreckt, die der Verstand nicht klar einsieht und trotzdem darĂŒber urteilt. Obgleich die Vernunft die Ăberlegungen leiten möge, besiegele der Wille letztendlich alle Urteile. Nicht durch den Willen selbst, sondern dadurch, dass er nicht richtig gebraucht werde, wĂŒrden wir zu falschen Urteilen verfĂŒhrt. Wir mĂŒssten uns zwar weiterhin vor Irrtum hĂŒten, könnten aber immerhin auf alles vertrauen, was wir klar und deutlich (âclare et distincteâ) eingesehen hĂ€tten.
In der Mathematik ist er vor allem fĂŒr seine BeitrĂ€ge zur Geometrie bekannt: Er verknĂŒpfte Geometrie und Algebra und gehört damit zu den Wegbereitern der analytischen Geometrie, die die rechnerische Lösung geometrischer Probleme ermöglicht. Allerdings taucht nirgendwo in seinem Werk das heute nach ihm benannte, rechtwinklige kartesische Koordinatensystem auf, als dessen Erfinder mit gröĂerem Recht Apollonios von Perge, Nikolaus von Oresme, Pierre de Fermat und Jan de Witt gelten können[4]. Der Begriff kartesisch oder kartesianisch bedeutet allgemein von Cartesius eingefĂŒhrt und tritt an verschiedenen Stellen der Mathematik auf, neben dem Koordinatensystem beispielsweise beim kartesischen Produkt.
Um 1640 leistete er einen Beitrag zur Lösung des Tangentenproblems der Differentialrechnung. Descartes wĂ€hlte einen algebraischen Zugang, indem er an eine Kurve einen Kreis anlegte. Dieser schneidet die Kurve in zwei Punkten, es sei denn, der Kreis berĂŒhrt die Kurve. Damit war es ihm fĂŒr spezielle Kurven möglich, die Steigung der Tangente zu bestimmen. Dieser Ansatz fand unter seinen Zeitgenossen groĂe Beachtung, trug allerdings kaum zur tatsĂ€chlichen Lösung des Problems bei, da man auf diese Weise dem Ableitungsbegriff nicht nĂ€her kam.
Es sind auch zwei SĂ€tze nach Descartes benannt. Mit der Vorzeichenregel von Descartes kann man eine Obergrenze fĂŒr die Anzahl der positiven und negativen Nullstellen eines Polynoms in den reellen Zahlen bestimmen. Der Vier-Kreise-Satz aus dem Jahre 1643 löst ein schon in der Antike betrachtetes BerĂŒhrkreisproblem, zu drei sich gegenseitig berĂŒhrenden Kreisen einen vierten zu finden, der wiederum die drei anderen berĂŒhrt.
Das teleologische Weltbild des Aristoteles wird ersetzt durch ein kausalistisches, in dem sich innerhalb der Objektwelt (der Welt der res extensa also) alles notwendig durch Druck und StoĂ ergibt. Diese Annahme ist im weiteren Voraussetzung fĂŒr die Theoriebildung in vielen Erfahrungswissenschaften geworden und allgemein Kennzeichen mechanistischen Denkens.
Die aristotelische Hervorhebung des Organischen negiert Descartes. Selbst der menschliche Körper wird einmal als bloĂe âGliedermaschineâ, dann wieder als âLeichnamâ beschrieben. Diese Betrachtung hat eine Fortsetzung in der Denkweise, den Menschen körperlich als mechanischen Apparat, also als Maschine zu betrachten und sein Denken heute beispielsweise mit dem Funktionieren von Computern zu vergleichen, wenn nicht gleichzusetzen.
Kurioserweise erklĂ€rt Descartes in der zweiten Meditation indirekt â ganz aristotelisch â die Seele als das, was den Unterschied zwischen einem Leichnam und einem lebenden Menschen ausmacht. Descartes hat Aristoteles selbst allerdings kaum rezipiert, sehr wohl aber die Schriften der Scholastik, in denen man sich vielfach auf Aristoteles bezog.
In der Physik gehen der erste Hauptsatz der Thermodynamik und die Ăthertheorie auf Descartes zurĂŒck.
FĂŒr Descartes waren physiologische Modellvorstellungen integraler Bestandteil seiner Philosophie. Er reduzierte den lebenden Organismus des Menschen auf dessen Mechanik und wurde damit zum BegrĂŒnder der neuzeitlichen Iatrophysik, in der Menschenmodelle und (versuchte oder gedachte) Konstruktionen von Menschenautomaten eine wichtige Rolle spielten. Aus Furcht vor der Inquisition veröffentlichte Descartes seine Schrift TraitĂ© de lâhomme (âAbhandlung ĂŒber den Menschenâ, 1632) zeitlebens nicht; sie erschien erst 1662 unter dem Titel De homine. RenĂ© Descartes war allerdings durchaus religiös; seine Aufteilung des Menschen in einen mechanisch funktionierenden Organismus und eine Seele ist wohl sein bekanntester und auch meistkritisierter Denkansatz geblieben.
Descartes hat die Philosophie bis in die Gegenwart hinein stark beeinflusst, und zwar vorwiegend dadurch, dass er Klarheit und Differenziertheit des Denkens zur Maxime erhob. Auch die Geisteshaltung des Szientismus geht zum Teil auf ihn zurĂŒck.
Arnold Geulincx entwickelt Descartes Thesen fort und begrĂŒndete den Okkasionalismus. Danach sind fĂŒr Geulincx Körper und Geist getrennte Bereiche, zwischen denen Gott vermittelt.
Blaise Pascal lehnt die Gottesbeweise als rational unentscheidbar ab und kritisiert, dass Gott bei Descartes zum bloĂen âLĂŒckenbĂŒĂerâ verkommt, der die Verbindung zwischen res cogitans und res extensa herstellen mĂŒsse: âDer Gott Abrahams ist nicht der Gott der Philosophenâ, schreibt Pascal in seinen PensĂ©es. Pascal wandelt Descartes' Dualismus in eine dreiteilige Systematik ab: An die Seite von res extensa (Körperliches) und res cogitans (Gedankliches) stellt er das âHerzâ oder den âGeist des Feinsinnesâ.
Kant kritisiert in der Kritik der reinen Vernunft den âproblematische[n] Idealism des Cartesiusâ (Immanuel Kant: AA III, 190[5]): Nach Kant setzt die Sicherheit des Ich denke, bei der Descartes ansetzt, eine innere Erfahrung (Zeitwahrnehmung) voraus. FĂŒr die Bestimmung des Subjekts in der Zeit sei aber wiederum eine Ă€uĂere (rĂ€umliche) Erfahrung Grundbedingung. Daher könne die eigene Existenz nicht gewisser sein als die der Ă€uĂeren Erfahrung.
In seinen Geschichtsvorlesungen lobt Georg Wilhelm Friedrich Hegel Descartes ausdrĂŒcklich fĂŒr seine philosophische Innovationskraft: Bei Descartes fange das neuzeitliche Denken ĂŒberhaupt erst an, seine Wirkung könne nicht breit genug dargestellt werden. Hegel kritisiert allerdings, dass Descartes die Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft noch nicht mache. In Descartes' archimedischem Denkpunkt des âcogito ergo sumâ sieht Hegel einen Beleg dafĂŒr, dass Denken und Sein eine âunzertrennliche Einheitâ bilden (vgl. Parmenides), weil an diesem Punkt Verschiedenheit und IdentitĂ€t zusammenfallen. Hegel ĂŒbernimmt dieses âAnfangen im reinen Denkenâ fĂŒr seine idealistische Systematik. Descartesâ Gottesbeweis suchte er in Kritik der Ăberlegungen Kants dagegen weiter zu entwickeln (1831).
Franz von Baader formte das Cogito ergo sum um in Cogitor ergo sum (âIch werde gedacht (vom Absoluten), also bin ich.â).
Auch Friedrich Nietzsche findet zunĂ€chst lobende Worte fĂŒr Descartes, weil dessen Hinwendung zum Subjekt ein âAttentat auf den alten Seelenbegriffâ und somit ein âAttentat auf das Christentumâ sei. Descartes und die Philosophie nach ihm seien also âantichristlich, keineswegs aber antireligiösâ. Er nennt Descartes den âGroĂvater der Revolution, welche der Vernunft allein die AutoritĂ€t zuerkannteâ (Jenseits von Gut und Böse). Andererseits lehnt Nietzsche aber Descartesâ Dualismus ab und stellt ihm seine eigene Theorie vom âWillen zur Machtâ gegenĂŒber. Er wehrt sich darĂŒber hinaus gegen die âdogmatische Leichtfertigkeit des Zweifelnsâ, und deutet damit an, dass der radikale Zweifel nicht voraussetzungsfrei stattfinden kann (siehe weiter unten die EinwĂ€nde von Peirce und Wittgenstein).
Charles Peirce hĂ€lt Descartesâ radikalen Zweifelsansatz in einem Punkt fĂŒr ĂŒbertrieben: Jeder formulierte Zweifel setze nĂ€mlich eine âhinlĂ€nglich funktionierende Alltagsspracheâ voraus. Auch Schelling schlug bereits in diese Kerbe: Sprache lasse sich nicht aus einer ersten vorsprachlichen Gewissheit heraus erst neu konstruieren, denn âwo wĂŒrden wir beginnen?â
Der frĂŒhanalytische Philosoph Bertrand Russell nennt Descartes in seiner History of Western Philosophy den âBegrĂŒnder der modernen Philosophieâ, wendet aber wie Heidegger ein, dass er noch vielen scholastischen Ideen (z. B. Anselms Gottesbeweis) verschrieben sei. Russell schĂ€tzt allerdings seinen zugĂ€nglichen Schreibstil und wĂŒrdigt, dass Descartes als erster Philosoph seit Aristoteles ein völlig neues Denksystem errichtet habe. Er hebt dabei v. a. seinen radikalen Zweifelsansatz hervor. Russell hĂ€lt Descartes' Erkenntnis fĂŒr wesentlich, dass alle Objekte bzw. ĂŒberhaupt jede Art von Gewissheit gedanklich vermittelt seien. Dieser Gedanke werde eine zentrale Stellung bei den Rationalisten einnehmen. WĂ€hrend die Idealisten diese Einsicht âtriumphalistischâ ĂŒbernĂ€hmen, wĂŒrden die britischen Empiristen sie bedauernd zur Kenntnis nehmen. Russell kritisiert auch, dass das âIch denkeâ als PrĂ€misse ungĂŒltig sei. In Wirklichkeit mĂŒsste Descartes sagen: âThere are thoughts.â (âEs gibt Gedankenâ). SchlieĂlich sei das âIchâ ja nicht gegeben.
In den Cartesianischen Meditationen (CM) ĂŒbernimmt Edmund Husserl von Descartes das ego cogito als apodiktisch gewissen Urteilsboden, auf dem die Philosophie zu begrĂŒnden sei (CM § 8). Entgegen der Descartschen Zweifelsmethode fĂŒhrt die von Husserl inaugurierte Methode der EpochĂ© jedoch nicht zu einer innerweltlichen SubjektivitĂ€t, sondern zu einem extramundanen, transzendentalen Bewusstsein. Descartes verfehlt nach Husserl also die transzendentale Wende, weil er in dem apodiktischen Ego immer noch ein âkleines Endchen der Weltâ gerettet zu haben glaube (CM § 10).
Martin Heidegger sieht in Descartes den SchlĂŒssel zur Wissenschaftsgenese der Neuzeit. Durch die (anti-aristotelische) Einklammerung der QualitĂ€ten des Organischen und durch Fixierung auf die Quantifizierung der Objektwelt stelle seine Philosophie den Beginn der unheilvollen technischen Beherrschung der Welt dar. FĂŒr Heidegger ist der Zweifelsansatz nur scheinbar neu, denn Descartes sei noch fest in der Scholastik verankert. Im âcogito ergo sumâ sieht Heidegger die âPflanzung eines verhĂ€ngnisvollen Vorurteilsâ, denn Descartes erkunde zwar die cogitatio, nicht aber die âOntologie des sumâ.
Auch Ludwig Wittgenstein wendet ein, dass ein absolut sicher gewusstes (vorsprachliches) Fundament gedanklich nicht vollstÀndig einholbar sei, denn alles geschehe immer schon innerhalb eines prÀsupponierten (vorausgesetzten) Systems.
Von dem Historiker und Philosophen Wilhelm Kamlah wurde Descartes als erster herausragender ReprĂ€sentant der in der oberitalienischen WerkstĂ€ttentradition der Renaissance entwickelten âNeuen Wissenschaft"(-sauffassung) mit ihrer spezifischen methodisch durchgeklĂ€rten Verbindung von mathematischer Theorie und technischer Empirie gewĂŒrdigt, die zur Grundlage des modernen Szientismus wurde. Deswegen werde er als âerster philosophischer Dogmatiker der Mechanik ... sachlich und historisch umfassenderâ verstanden denn als âPhilosoph des cogito sum, der Entdeckung des Selbst aus dem Zweifelâ.[6]
Der Soziologe Norbert Elias sieht in seiner wissenssoziologischen Analyse Descartes als einen prototypischen Vertreter der durch den westeuropĂ€ischen Integrations- und Staatsbildungsprozess verursachten Individualisierung. Descartes' Philosophie sieht Elias als unreflektierten Ausfluss der damals noch seltenen und seit dem 19. Jahrhundert in Europa weit verbreiteten menschlichen Selbsterfahrung als isoliertem Individuum, als âhomo claususâ, als âwir-losem Ichâ, die seitdem die klassische Erkenntnistheorie prĂ€gte und begrenzte.
FĂŒr Foucault zeigt sich bei Descartes Bild der Maschine âMenschâ die erste neuzeitlich-philosophische Grundlage fĂŒr die Herausbildung der technokratischen und disziplinierenden Prozesse, die im 18. Jahrhundert eine neue Politik des Körpers und einer neuen Ăkonomie der Macht (Biomacht) einlĂ€uteten.
Die Theologin Uta Ranke-Heinemann greift die religionsphilosophischen Gedanken von Descartes zum Beweis der Existenz Gottes und zum Leben nach dem Tod auf. Descartes unterscheidet zwischen hartem und sanftem Beweisen, d.h. zwischen convaincre von lat.vincere = (mit schlagendem Beweis) besiegen und persuader von lat.suavis = sĂŒĂ, lieblich, sweet. Die Liebe Gottes lĂ€sst sich â wie alle Liebe â nicht hart beweisen. (Vgl. dagegen Blaise Pascal: âDer Gott Abrahams ist nicht der Gott der Philosophenâ). Erkenntnisleitendes Interesse der Theologin ist die Frage nach einem Leben nach dem Tod. Denn âGott ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebendigenâ (Mk 12,27). Nach dem Verlust ihres Glaubens sei ihr âder Anfang und der Schluss des christlichen Glaubensbekenntnisses: Gott und ewiges Lebenâ geblieben: âdie Hoffnung und die Liebeâ (Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum, MĂŒnchen, 7. Aufl. 2007, S. 413 ff.).
Nach Descartes ist der Cartesische Taucher benannt, ein Objekt, das auftauchen, abtauchen oder im Wasser schweben kann.
Im Jahre 1802 wurde im französischen Département Indre-et-Loire die Stadt La Haye en Touraine in La Haye Descartes zu Ehren des Philosophen umbenannt, da diese dessen Geburtsort war. Seit 1967 trÀgt sie nur noch den Namen Descartes.
Im Jahr 1935 benannte die Internationale Astronomische Union den Mondkrater âDescartesâ nach ihm.
Philosophiebibliographie: RenĂ© Descartes â ZusĂ€tzliche Literaturhinweise zum Thema
| |
Dieser Artikel wurde am 2. September 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Descartes, René |
| ALTERNATIVNAMEN | Cartesius, Renatus |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler |
| GEBURTSDATUM | 31. MĂ€rz 1596 |
| GEBURTSORT | La Haye, Frankreich |
| STERBEDATUM | 11. Februar 1650 |
| STERBEORT | Stockholm, Schweden |