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Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, auch Hitler-Stalin-Pakt oder Molotow-Ribbentrop-Pakt, war ein auf zehn Jahre befristeter Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, der am 24. August 1939 (mit Datum vom 23. August 1939) in Moskau vom deutschen ReichsauĂenminister Joachim von Ribbentrop und dem sowjetischen Volkskommissar fĂŒr AuswĂ€rtige Angelegenheiten Wjatscheslaw Molotow in Anwesenheit Josef Stalins und des deutschen Botschafters Friedrich Schulenburg unterzeichnet wurde. Er knĂŒpfte an den Berliner Vertrag von 1926 und damit an den Vertrag von Rapallo an. Der Pakt garantierte dem Deutschen Reich die sowjetische NeutralitĂ€t bei einer Auseinandersetzung mit Polen und den WestmĂ€chten und rĂ€umte andererseits der Sowjetunion die Möglichkeit ein, die im Ersten Weltkrieg verlorenen Territorien Russlands ohne ein militĂ€risches Eingreifen von deutscher Seite zu okkupieren. Vor allem aber erhoffte man sich auf sowjetischer Seite einen Zeitgewinn, denn das Land war noch nicht so weit, einem drohenden Angriff Deutschlands widerstehen zu können.[1]
Mit einem geheimen Zusatzprotokoll wurden die InteressensphĂ€ren in Ostmitteleuropa abgegrenzt: Finnland, Estland, Lettland sowie Polen östlich von Narew, Weichsel und San fielen in das sowjetische Interessengebiet. FĂŒr SĂŒdosteuropa gab es keine klaren Demarkationslinien, nur an dem fĂŒr Deutschland unwichtigen Bessarabien erklĂ€rte die Sowjetunion ihr Interesse. Mit dem Ăberfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 brach das Deutsche Reich den Vertrag.
Inhaltsverzeichnis |
Adolf Hitler hatte mehrfach versucht, die Staaten des Cordon Sanitaire aus ihrer Bindung an Frankreich zu lösen. Ăhnlich wie im Friedensvertrag von Brest-Litowsk sollten die Staaten dieses LĂ€ndergĂŒrtels wieder von Deutschland abhĂ€ngig und in eine offensive Frontstellung gegen die Sowjetunion gebracht werden. Trotz des Deutsch-polnischen Nichtangriffspakts von 1934 und der AnnĂ€herung Deutschlands 1936 an RumĂ€nien war diese Politik 1939 gescheitert. Polen hatte Hitlers Vorschlag einer gemeinsamen Ostexpansion, wobei Polen groĂe Teile der Ukraine erhalten sollte, im Oktober 1938 abgelehnt. Damit lag fĂŒr Hitler eine Lösung nahe, den âCordonâ unter Ausschaltung der WestmĂ€chte gewaltsam in eine deutsche und eine sowjetische InteressensphĂ€re aufzuteilen. Am 28. April 1939 wurde der deutsch-polnische Nichtangriffspakt einseitig von Deutschland aufgekĂŒndigt.
Als Deutschland am 15. MĂ€rz 1939 unter Bruch des MĂŒnchner Abkommens von 1938 die sogenannte âRest-Tschecheiâ besetzte, wurde offenkundig, dass die anglo-französische Politik des Appeasements gescheitert war. Adolf Hitler hatte die Duldung seiner Revisionen des Versailler Vertrages als SchwĂ€che ausgelegt, nicht als Versuch, Deutschland friedlich in die europĂ€ische Staatengemeinschaft einzugliedern. In GroĂbritannien forderten die oppositionellen KrĂ€fte innerhalb der regierenden konservativen Partei unter FĂŒhrung Winston Churchills das Ende aller ZugestĂ€ndnisse gegenĂŒber dem Deutschen Reich. Der britische Premierminister Arthur Chamberlain war zwar bereit gewesen, Hitlers gemÀà dem Selbstbestimmungsrecht der Völker berechtigten Revisionsforderungen nachzukommen, sah aber in diesem gewaltsamen Ausbruch nach Osten eine GefĂ€hrdung der Machtbalance, auf der GroĂbritanniens Weltstellung beruhte. Die britisch-französische GarantieerklĂ€rung fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit Polens vom 31. MĂ€rz 1939 signalisierte, dass GroĂbritannien und Frankreich ein unabhĂ€ngiges Polen als vitales eigenes Interesse betrachteten.
Anders als in Frankreich, das 1935 einen Beistandspakt mit der Sowjetunion geschlossen hatte, herrschte in GroĂbritannien nach wie vor eine starke Abneigung gegen ein solches BĂŒndnis. Aufgrund der Ereignisse in der Tschechoslowakei verstĂ€rkte sich aber die Einsicht, dass ohne die Sowjetunion in Europa keine wirksame Position gegen Hitler aufgebaut werden konnte. Drei MĂ€chte, GroĂbritannien, Deutschland und die Sowjetunion, bestimmten nun die strategische Lage in Ostmitteleuropa, und jede suchte Absicherung. Die Sowjetunion suchte eine Absicherung gegen Deutschland, ergriff die Initiative und schlug GroĂbritannien am 18. April 1939 eine Allianz vor. Es sollte ein gegenseitiger Beistandspakt gegen jeden Angreifer sein, verbunden mit einer Beistandszusage fĂŒr die baltischen Staaten, Finnland und Polen. Am 27. April 1939 kĂŒndigte Deutschland daraufhin das Deutsch-britische Flottenabkommen.
Die Verhandlungen zwischen GroĂbritannien, Frankreich und der Sowjetunion waren von Beginn an von gegenseitigem Misstrauen getragen. Chamberlain stand der Sowjetunion grundsĂ€tzlich skeptisch gegenĂŒber und hielt die Schlagkraft der Roten Armee fĂŒr gering.[2] Die Sowjetunion wiederum war nicht ĂŒberzeugt, dass die WestmĂ€chte tatsĂ€chlich zu ihren Verpflichtungen stehen wĂŒrden. Am 15. und 16. April 1939 fĂŒhrten der AuĂenminister der Sowjetunion Maxim Litwinow und der britische Botschafter in Moskau GesprĂ€che ĂŒber âdie Schaffung einer gemeinsamen Front zu gegenseitigen Hilfeleistung zwischen GroĂbritannien, Frankreich und der UdSSRâ.[3] Die Verhandlungen verzögerten sich zusĂ€tzlich durch die Notwendigkeit, die Verhandlungsschritte untereinander und mit den betroffenen LĂ€ndern abzustimmen, die der Aufgabe von SouverĂ€nitĂ€tsrechten gegenĂŒber der Sowjetunion misstrauisch gegenĂŒberstanden.
Am 3. Mai wurde der bisherige AuĂenminister Litwinow â bisher Zielscheibe fortgesetzter deutscher Angriffe â abgelöst und der Vorsitzendes des Rats der Volkskommissare Molotow ĂŒbernahm zusĂ€tzlich die Aufgaben der AuĂenpolitik. Hiermit wurde ein genereller Kurswechsel der Sowjetunion eingeleitet.
âDie russisch-britischen Verhandlungenâ, so Churchill, âschleppten sich hin.â Am 11. August 1939 begannen zwar in Moskau weitere Verhandlungen auf militĂ€rischer Ebene (Admiral Reginald Drax, General AimĂ© Doumenc und Marschall Woroschilow), die jedoch bald ins Stocken gerieten. Die sowjetische FĂŒhrung bot dabei eine Million Soldaten, 5000 StĂŒck schwere Artillerie, 9500 Panzer und bis zu 5500 Kampfflugzeuge und Bomber an, um die polnische Westgrenze gegen eine Aggression Deutschlands zu schĂŒtzen.[4] Vor allem in der Frage des sowjetischen Durchmarschrechts in Polen fehlte die Zustimmung der polnischen Regierung. In Warschau wollte man die sowjetische Forderung, auch ohne eine deutsche Aggression jederzeit und ohne VorankĂŒndigung polnisches Territorium betreten zu dĂŒrfen, nicht akzeptieren. Am 21. August wurden die Verhandlungen vorerst vertagt, um dann am 27. August, nach dem Abschluss des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts endgĂŒltig abgebrochen zu werden.
âVom ersten Augenblick an, da Molotow AuĂenkommissar geworden war, verfolgte er die Politik einer Vereinbarung mit Deutschland auf Kosten Polens.â[5] Von nun an fĂŒhrte die sowjetische Regierung â parallel zu den Verhandlungen mit GroĂbritannien und Frankreich â GesprĂ€che mit dem Deutschen Reich. Diese deutsch-sowjetischen Verhandlungen kamen zĂŒgig voran. So hatte Mitte Juni 1939 Georgi Astachow, der sowjetische Botschaftsrat in Berlin, gegenĂŒber dem bulgarischen Botschafter Parvan Dragonoff erklĂ€rt:
Deutschland reagierte auf diese Information Dragonoffs. Am 26. Juli 1939 eröffnet der deutsche Legationsrat Karl Schnurre dem sowjetischen Botschaftsrat Astachow, die Deutschen seien bereit alle Garantien zu liefern. Nach GesprĂ€chen ĂŒber Details ĂŒberbrachte Botschafter Schulenburg AuĂenminister Molotow am 17. August eine Note, in der die Deutschen ihre Bereitschaft zum Nichtangriffspakt schriftlich zum Ausdruck brachten, dem ein vertrauliches Sonderprotokoll bezĂŒglich der InteressensphĂ€ren beigelegt werden solle. In Anlehnung an die mĂŒndlichen Vereinbarungen Molotows und Schulenburgs fertigte Friedrich Gaus, der Leiter der Rechtsabteilung im AuswĂ€rtigen Amt, den Text des spĂ€teren Vertragswerkes an, den Ribbentrop am 23. August 1939 mit nach Moskau brachte.[7]
ZunĂ€chst wurde allerdings noch in Berlin am 19. August, der bereits seit Monaten vorverhandelte Deutsch-Sowjetische Wirtschaftsvertrag ĂŒber sowjetische Rohstofflieferungen fĂŒr das Deutsche Reich abgeschlossen. In diesem rĂ€umte das Reich der Sowjetunion einen Kreditrahmen von 200 Millionen Reichsmark (sieben Jahre Laufzeit) im Gegenzug fĂŒr Rohstofflieferungen in der Höhe von 180 Millionen Reichsmark (innerhalb von zwei Jahren) ein. Erst diese Rohstoff- und Nahrungslieferungen aus dem Osten ermöglichten es, einen Krieg beginnen zu können, ohne sich Sorgen um die Folgen einer möglichen Seeblockade durch die britische Marine machen zu mĂŒssen, die nun kaum jene weitreichenden Wirkungen auf die deutsche Versorgungslage zeigen wĂŒrde, die im Ersten Weltkrieg mit zur Niederlage beigetragen hatten.
Am gleichen Tag noch teilte Molotow Berlin mit, die sowjetische Regierung sei nun bereit, AuĂenminister Ribbentrop am 26. und 27. August zur Ratifizierung eines Nichtangriffspaktes zu empfangen. Am 21. August ĂŒberbrachte Schulenburg Molotow eine Eilbotschaft Hitlers an Stalin, Ribbentrop könnte sich bereits in den nĂ€chsten beiden Tagen zur AbklĂ€rung letzter Details und zur Ratifizierung nach Moskau begeben, worauf Ribbentrops Ankunft von Stalin auf den 23. August festgelegt wurde.[8] Die deutsche Delegation wurde um 18 Uhr von der sowjetischen Seite empfangen. Letzte Vertragsdetails wurden auf der Basis eines Entwurfes noch verhandelt. Das geheime Zusatzprotokoll beanspruchte den gröĂten Zeitanteil. Eine Detailfrage, die Ribbentrop mit Hitler abklĂ€ren wollte, fĂŒhrte um 22 Uhr zu einer Unterbrechung. Der das Datum 23. August tragende deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt wurde anschlieĂend nach Mitternacht am 24. August 1939 durch Ribbentrop und Molotow in Moskau unterzeichnet.[9] Ăber den Vertragsschluss unterrichtete der deutsche AuĂenminister telefonisch gegen 2 Uhr Adolf Hitler.[10]
Der Pakt sah neben den Nichtangriffsklauseln auch die gegenseitige NeutralitĂ€t im Kriegsfalle der anderen Partei vor. In einem geheimen Zusatzprotokoll legten die LĂ€nder die Aufteilung Nordost- und SĂŒdosteuropas in InteressensphĂ€ren fĂŒr den Fall fest, dass es zu einer âterritorial-politischen Umgestaltungâ Osteuropas kommen sollte. Die vier Punkte des Zusatzprotokolls sahen dabei Folgendes vor:
Nach dem ĂŒberraschend schnellen Vordringen der deutschen Wehrmacht nach ihrem Angriff auf Polen am 1. September 1939 sowie der sowjetischen Besetzung Ostpolens am 17. September 1939 vollzogen beide Seiten am 28. September 1939 (dem Tag, an dem Warschau gegenĂŒber den Deutschen kapitulierte) im Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag â wiederum bestehend aus einem öffentlichen und einem geheimen Teil â die Aufteilung des ehemaligen polnischen Staatsgebiets.
FĂŒr Hitler bot der Pakt die Möglichkeit der Eroberung Westpolens und diente auch als Voraussetzung fĂŒr einen Krieg gegen die Sowjetunion zur Beseitigung einer als gefĂ€hrlich angesehenen, weltumspannenden Ideologie und der Verwirklichung seiner âLebensraumâ-Idee.[13] Dieser Generalplan beruhte auf der Annahme, dass es zu keinem Eingreifen der WestmĂ€chte beim Angriff auf Polen wie auch der nationalsozialistischen âWiedervereinigung der Freien Stadt Danzig mit dem Deutschen Reichâ kommen werde. FĂŒhrerbefehl im WehrmachtfĂŒhrungsstab:[14]
Mit dem britischen Ultimatum war â an rationalen MaĂstĂ€ben gemessen â Hitlers âGeneralplanâ obsolet, da der drohende europĂ€ische Krieg mit den materiellen und personellen Ressourcen des Landes nicht mehr in Einklang zu bringen war. Was der ZurĂŒckweisung des Ultimatums folgte, war eine weitgehend von den UmstĂ€nden diktierte Abfolge von Operationen, die nach anfĂ€nglichen Ăberraschungserfolgen spĂ€testens nach dem Angriff auf die Sowjetunion zwangslĂ€ufig zum Desaster fĂŒhren musste.
FĂŒr die Sowjetunion bedeutete der Abschluss des Paktes, sich eine Atempause vor einem möglichen deutschen Angriff zu verschaffen, um die sowjetische AufrĂŒstung abschlieĂen zu können. Der Pakt bot die Möglichkeit, sich die ehemaligen Gebiete des russischen Zarenreichs (Finnland, Baltikum, Ostpolen, Bukowina, Bessarabien) einzuverleiben.[15] Der Pakt verhinderte darĂŒber hinaus eine eventuelle antisowjetische Allianz der WestmĂ€chte mit Deutschland und wendete einen möglichen Zweifrontenkrieg mit Deutschland und Japan ab.
Nach der Abwendung der befĂŒrchteten Einkreisung, die ein BĂŒndnis zwischen den drei MĂ€chten Frankreich, GroĂbritannien und Sowjetunion bedeutet hĂ€tte, bot sich fĂŒr Hitler die Möglichkeit, gegen Polen loszuschlagen, ohne die direkte Intervention der Westalliierten fĂŒrchten zu mĂŒssen. Da diese aber zu ihren Verpflichtungen gegenĂŒber Polen standen, war es nun fĂŒr Deutschland wichtig, nicht nur die NeutralitĂ€t der Sowjetunion erreicht zu haben, sondern das Riesenreich als wirtschaftlichen VerbĂŒndeten gewonnen zu haben. DarĂŒber hinaus stand die Sowjetunion als Handelspartner und Lieferant sowie als Transitland fĂŒr wichtige Rohstoffe zur VerfĂŒgung. Durch die Abwendung der ernsten Folgen einer britischen Seeblockade, die den Ersten Weltkrieg durch Hunger und Mangel kriegswichtiger GĂŒter mitentschieden hatte, war der wirtschaftliche Weg zum Krieg frei.
In einer Reihe von Wirtschaftsabkommen wurden konkrete Vereinbarungen ĂŒber Menge und Art der Lieferungen getroffen. Deutschland lieferte im Wesentlichen Technologie und Maschinen, wĂ€hrend die Sowjetunion groĂe Mengen an Getreide und Nahrungsmitteln, dazu unverzichtbare Erdölprodukte sowie Nichteisenmetalle lieferte, die fĂŒr die deutsche KriegsfĂŒhrung unentbehrlich waren.
Nach mehrfacher deutscher Aufforderung, das im Zusatzprotokoll der sowjetischen InteressensphĂ€re zugewiesene polnische Gebiet militĂ€risch zu besetzen, um der polnischen Armee den RĂŒckzug abzuschneiden, ĂŒberquerten am 17. September 1939 rasch zusammengestellte VerbĂ€nde der beiden westlichen sowjetischen MilitĂ€rbezirke die Grenze zu Polen.[16] Gegen zum Teil nicht unerheblichen Widerstand polnischer VerbĂ€nde besetzten sie das vorwiegend von Ukrainern und WeiĂruthenen bewohnte Gebiet. Die Sowjetunion begrĂŒndete diesen Schritt als Intervention zum Schutz der âslawischen Brudervölkerâ, die in Ostpolen die Mehrheit stellten, der durch den Zusammenbruch des polnischen Staates erforderlich gewesen sei. Binnen weniger Wochen wurden Wahlen organisiert und die betroffenen Gebiete in die WeiĂrussische und die Ukrainische SSR eingegliedert.
Noch im Laufe des Septembers wurden mit Estland und Lettland ebenfalls Nichtangriffspakte abgeschlossen, wobei massiver militĂ€rischer Druck auf die Regierungen dieser LĂ€nder ausgeĂŒbt worden war, sowjetische StĂŒtzpunkte in ihren LĂ€ndern zu dulden. Wenig spĂ€ter folgte Litauen, das zwar Gebiete an Deutschland abtreten musste, dafĂŒr aber mit dem vormals polnischen Wilnaer Gebiet entschĂ€digt werden sollte. Als die Sowjetunion im Oktober 1939 versuchte, Finnland einen Ă€hnlichen Vertrag aufzuzwingen, widersetzte sich die finnische Regierung, weshalb es im November 1939 zum sogenannten Winterkrieg kam, an dessen Ende Finnland Gebiete an die Sowjetunion abtreten und der Einrichtung eines StĂŒtzpunktes auf Hangö zustimmen musste, seine UnabhĂ€ngigkeit aber lĂ€ngerfristig erhalten konnte. Als Reaktion auf das aggressive sowjetische Vorgehen wurde die Sowjetunion aus dem Völkerbund ausgeschlossen.
Eine gemeinsame deutsch-sowjetische Friedensinitiative am 28. September 1939 wurde von GroĂbritannien und Frankreich abgelehnt, woraufhin die sowjetische AuĂenpolitik auf einen prodeutschen Kurs einschwenkte. Auf der fĂŒnften Sitzung des Obersten Sowjets der UdSSR am 31. Oktober 1939 analysierte Molotow die internationale Lage und gab damit die Linie der kommunistischen Propaganda vor. Demzufolge hĂ€tte Deutschland ein legitimes Interesse an der Wiederherstellung seiner GroĂmachtstellung und die Alliierten seien die Aggressoren, da sie zur Aufrechterhaltung des Versailler Systems einen imperialistischen Krieg begonnen hĂ€tten.[17]
â[âŠ] ihr Ziel im Krieg gegen Deutschland nicht mehr und nicht weniger ist als die âVernichtung des Hitlerismusâ. [âŠ] Es gibt absolut keine Rechtfertigung fĂŒr solch einen Krieg. Wie bei jedem anderen ideologischen System kann man die Ideologie des Hitlerismus annehmen oder verwerfen â das ist eine Frage der politischen Ansichten. Aber jeder wird begreifen, dass eine Ideologie nicht durch Gewalt vernichtet, sie durch Krieg nicht ausgemerzt werden kann.â
â Dokumente zur Berlin-Frage, 1944â1966 (= Schriften des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik e.V., Bonn; Bd. 52/I), 4. Aufl., Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1987, S. 347
Nach Ende des deutschen Westfeldzuges besetzte und reannektierte die Sowjetunion am 26. Juni 1940 das nach dem Ersten Weltkrieg an RumÀnien verlorene Bessarabien und zusÀtzlich auch den Nordteil der Bukowina. Diese Gebiete wurden der Ukrainischen SSR eingegliedert. Bereits vorher waren die drei baltischen Staaten Litauen (15. Juni), Estland (17. Juni) und Lettland (17. Juni) besetzt und nach verfÀlschten Parlamentswahlen als Sowjetrepubliken in die Sowjetunion eingegliedert worden.
In der Folge des Vertragsabschlusses brach die Sowjetunion auch die Beziehungen zur tschechoslowakischen Exilregierung ab und nahm dafĂŒr diplomatische Beziehungen zur Slowakischen Republik auf. Im Mai 1941 wurde den Exilregierungen Belgiens, Norwegens und der Niederlande die Anerkennung mit der BegrĂŒndung entzogen, dass diese keine SouverĂ€nitĂ€t mehr ĂŒber ihre LĂ€nder ausĂŒbten. Der Bruch mit Griechenland und Jugoslawien folgte aus Ă€hnlichen GrĂŒnden bald danach.
Die polnische Regierung hatte am 17. September 1939, dem Tag des sowjetischen Einmarsches, das Land verlassen, um ins Exil zu gehen und den Kampf gegen Deutschland vom Ausland aus weiter zu fĂŒhren. General WĆadysĆaw Sikorski, Chef der polnischen Exilregierung, hatte aus exilierten Polen mehrere Divisionen unter britischer Flagge rekrutiert. Weitere polnische VerbĂ€nde in der StĂ€rke von 25.000 Mann wurden auf sowjetischer Seite formiert und bildeten im Zuge des Sikorski-Majski-Abkommens mit den bereits vorhandenen polnischen Einheiten das II. Polnische Korps der Britischen Armee. Die Forderung der Exilregierung, Polen in seinen alten Grenzen wieder erstehen zu lassen, wurde von der britischen Regierung unterstĂŒtzt, stieĂ jedoch auf massive Ablehnung der sowjetischen Regierung. Nach Bekanntwerden des Massakers von Katyn forderte Sikorski die AufklĂ€rung der VorgĂ€nge um die Ermordung mehrerer Tausend polnischer Offiziere, die 1939 in sowjetische Gefangenschaft geraten waren, woraufhin die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden. Am 6. Juli 1945 gab GroĂbritannien schlieĂlich dem Druck Moskaus auf DrĂ€ngen der USA nach und entzog der Londoner Exilregierung die Anerkennung.
Nach der Eingliederung der baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen im Juni 1940 kam es zu Massendeportationen vor allem von Angehörigen der bĂŒrgerlichen Elite in die Lager des Gulag. Nach der Eroberung des Baltikums durch deutsche Truppen kollaborierten viele Balten mit der Besatzungsmacht in der Hoffnung, dadurch die UnabhĂ€ngigkeit ihrer LĂ€nder wiederherstellen zu können. Sie erhielten jedoch im Reichskommissariat Ostland keine Mitbestimmungsrechte. In den Jahren 1944/45 drĂ€ngte die Rote Armee die deutschen Truppen zurĂŒck, weshalb viele Esten, Letten und Litauer nach Westen flohen, wo sie als Displaced Persons eingestuft wurden.
In den Jahren 1945 und 1949 kam es zu neuen Massendeportationen im Baltikum sowie zur Ansiedlung Hunderttausender russischsprachiger SowjetbĂŒrger mit dem Ziel die neuen Teilrepubliken zu russifizieren.[18][19]
Nicht weniger betroffen waren die Regierungen GroĂbritanniens und Frankreichs, da der Pakt die Kriegsgefahr wesentlich erhöhte. Um gegenĂŒber Deutschland Entschlossenheit zu demonstrieren, wurde am 25. August 1939 ein Britisch-Polnischer-Beistandspakt abgeschlossen, der die bereits am 31. MĂ€rz 1939 im britischen Unterhaus abgegebene Beistandsverpflichtung Chamberlains bekrĂ€ftigte.[20] Das VerhĂ€ltnis zur Sowjetunion verschlechterte sich angesichts der sowjetischen Expansion in Osteuropa drastisch. Insbesondere das sowjetische Vorgehen gegen Finnland löste Ăberlegungen ĂŒber ein militĂ€risches Vorgehen gegen die Erdölproduktion im Raum Baku aus. Der erfolgreiche Widerstand der finnischen StreitkrĂ€fte veranlasste die Vorbereitungen einer militĂ€rischen UnterstĂŒtzung, die fĂŒr das FrĂŒhjahr 1940 geplant war und die Besetzung von StĂŒtzpunkten in Norwegen einschloss. Diese teilweise sehr weit vorangeschrittenen PlĂ€ne lösten mittelbar den deutschen Ăberfall auf Norwegen im April 1940 aus. Erst nach dem Fall Frankreichs im Juni 1940, als GroĂbritannien allein Deutschland gegenĂŒber stand, wurden konkrete Schritte zu einer VerstĂ€ndigung mit der Sowjetunion eingeleitet, die nach dem deutschen Ăberfall auf die Sowjetunion zu einem formellen BĂŒndnis der beiden Staaten fĂŒhrten.
Bei vielen Kommunisten in Westeuropa (aber nicht nur bei diesen) löste die Nachricht vom Abschluss des Paktes und der Wende in der sowjetischen AuĂenpolitik Entsetzen und Verunsicherung aus. Der Kurswechsel der Kommunistischen Internationale, die nun die Kommunistischen Parteien anwies, sich gegen den âimperialistischenâ Krieg zu stellen und alle Bindungen zu sozialistischen und anderen progressiven Parteien zu lösen, verstĂ€rkten das Unbehagen, fĂŒhrten zu Kritik, Protesten und zahlreichen Parteiaustritten.[21]
In Frankreich bot der Pakt und der damit verbundene Kurswechsel einen willkommenen Vorwand fĂŒr die Verfolgung der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF), die am 26. September 1939 in deren Verbot gipfelten. Hatten die Kommunisten zunĂ€chst die Kriegsanstrengungen unterstĂŒtzt und etwa am 2. September in der Nationalversammlung fĂŒr die Kriegskredite gestimmt, erfolgte nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit ab Mitte September die Agitation gegen den Krieg, der als âimperialistischer, ungerechter Krieg, an dem die Bourgeoisie aller kriegsfĂŒhrenden Staaten gleich schuldigâ sei,[22] denunziert wurde. Die PCF verurteilte auch den Schulterschluss mit GroĂbritannien und den âreaktionĂ€ren polnischen Obristenâ. Der Agitation dienten Flugzettel, Kettenbriefe und eine Untergrundausgabe der Parteizeitung LâHumanitĂ©, die unter dem Titel âLes soldats contre la guerreâ verbreitet wurde.[23]
Die tiefe politische Spaltung der französischen Gesellschaft und eine tief verwurzelte pazifistische Strömung verstĂ€rkten die Wirkung der defĂ€tistischen Kampagne der PCF unter dem Motto: âMourir pour Dantzig [dt.: Sterben fĂŒr Danzig]?â Aus Furcht vor Unterwanderung und Sabotage wurden drastische MaĂnahmen ergriffen, die zu einer zusĂ€tzlichen Entfremdung zwischen Regierung und Bevölkerung fĂŒhrten. Zumal sich im weiteren Verlauf des Sitzkrieges die Arbeitsbedingungen, vor allem in der RĂŒstungsindustrie, zunehmend verschlechterten. Vereinzelte FĂ€lle von Sabotage[24] dienten zur Rechtfertigung einer massiven Repression kommunistischer oder kommunistischer Sympathien verdĂ€chtiger Arbeiterinnen und Arbeiter und zur Diskreditierung aller Versuche, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen. Dem tatsĂ€chlichen Schwund der Mitgliedschaft der PCF stand ein von den Behörden behaupteter Anstieg von Akten kommunistischer Subversion und Sabotage gegenĂŒber. Als im Mai 1940 der deutsche Angriff erfolgte und die alliierte Streitmacht vernichtende Niederlagen erlitt, mussten die Kommunisten auch als SĂŒndenbock fĂŒr die Fehler von Regierung und MilitĂ€r herhalten.[25]
Japan hatte mit Deutschland am 25. November 1936 den Antikominternpakt abgeschlossen, der neben laufenden Konsultationen bezĂŒglich der AktivitĂ€ten der Kommunistischen Internationale eine geheime NeutralitĂ€tsverpflichtung im Falle eines Angriffes der Sowjetunion enthielt. Der Abschluss des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes erfolgte ohne vorherige Konsultationen mit Japan und verstieĂ damit sowohl gegen den Buchstaben als auch gegen den Geist dieses Vertrages. Da man in Japan ĂŒberdies einen Zusammenhang zwischen dem Pakt und der schweren Niederlage der Kwantung-Armee gegen den spĂ€teren Marschall Schukow in der Schlacht am Chalchin Gol sah, musste das prodeutsche Hiranuma-Kabinett am 27. August 1939 demissionieren.[26] Damit erlitten die seit 1938 laufenden Verhandlungen ĂŒber ein MilitĂ€rbĂŒndnis mit Deutschland einen herben RĂŒckschlag.
Die Existenz der Zusatzprotokolle zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt wurde von der Sowjetunion 50 Jahre lang geleugnet. Als Michail Gorbatschow im Jahr 1989 einen Untersuchungsausschuss unter der Leitung seines Vertrauten Alexander Jakowlew einsetzte, wurde das entsprechende Dokument veröffentlicht. Am 24. Dezember 1989 erklĂ€rte der Volksdeputiertenkongress der UdSSR durch ein Mehrheitsvotum den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt und seine Zusatzprotokolle ex tunc fĂŒr nichtig.
Einzelne Historiker vertreten bis heute die Auffassung, dass die Sowjetunion ein âberechtigtesâ Interesse an einer Westverschiebung ihrer westlichen Grenze bis auf die Curzon-Linie (polnisch-russische Demarkationslinie von 1919) hatte, da unter anderem ihre beiden Metropolen Moskau und Leningrad in relativer NĂ€he zu dieser Grenze lagen. Im Falle einer Besetzung ganz Polens und des Baltikums hĂ€tten die deutschen Truppen âvor den Torenâ insbesondere Leningrads gestanden.[27] Nach ĂŒberwiegender Meinung rechnete Stalin jedoch nicht mit einem deutschen Angriff, so dass die Verbesserung der Verteidigungslage als vorrangiges Motiv ausscheidet. Vielmehr ging es dem sowjetischen Diktator in erster Linie um eine Ausweitung des bolschewistischen Herrschaftssystems auf diejenigen Gebiete, die bereits zum zaristischen Russland gehört hatten und noch 1919 mehrheitlich nicht-polnische Bevölkerung lebte. Nach der Besetzung der Gebiete begannen die sowjetischen Behörden mit der Deportation und der Ermordung von âKlassenfeindenâ. In diesen historischen Kontext gehören beispielsweise das Massaker von Katyn und die Massenmorde in Lemberg im Sommer 1941.
Polen wurde am 17. September 1939 auch von der Sowjetunion angegriffen. Dies geschah analog zur deutschen Aggression unter dem Bruch eines Nichtangriffspaktes. Da Polen die heute in der westlichen Ukraine und im westlichen WeiĂrussland gelegenen Gebiete nach dem Krieg nicht zurĂŒckerhielt und die polnische Untergrundarmee Armia Krajowa auch von sowjetischen Truppen bekĂ€mpft wurde, wird der 8. Mai in Polen im Gegensatz zu anderen Staaten nicht als Tag der Befreiung durch die Sowjetunion, sondern als Tag des Friedens begangen.
Einer mitunter einseitigen Darstellung in Russland, die den Pakt nicht als Teil einer Expansionspolitik sieht, sondern Polen vorwirft, durch die Verweigerung einer Zusammenarbeit mit der Sowjetunion den Pakt selbst provoziert zu haben, tritt Polen vehement entgegen. In Russland fĂ€llt es nach wie vor schwer einzugestehen, dass die eigenen Truppen bereits Okkupanten gewesen waren, bevor sie zu âBefreiernâ erklĂ€rt wurden.
In Litauen wird der Einmarsch der Roten Armee im Juni 1940 und der Beginn der ersten sowjetischen Besatzungszeit, die bis zum Sommer 1941 andauerte, ebenfalls als Auswirkung des Paktes betrachtet.[28] Auch hier wurden repressive MaĂnahmen durch die sowjetischen Besatzer vorgenommen. Diese konnten jedoch nicht mehr ihre volle Wirkung entfalten, da das Land nach weniger als einem Jahr von der deutschen Wehrmacht nach dem Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges besetzt wurde.