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Dezimalsystem

Ein Dezimalsystem (von mittellateinisch decimalis, zu lateinisch decem „zehn“), auch als Zehnersystem oder dekadisches System bezeichnet, ist ein Zahlensystem, das als Basis die Zahl 10 verwendet.

In der Regel wird darunter speziell das Dezimalsystem mit Stellenwertsystem verstanden, das in der indischen Zahlschrift entwickelt, durch arabische Vermittlung an die europÀischen LÀnder weitergegeben wurde und heute weltweit als ein internationaler Standard etabliert ist.

Als Dezimalsysteme bezeichnet man jedoch auch Zahlensysteme auf der Basis 10 ohne Stellenwertsystem, wie sie, zum Teil in Verbindung mit quinĂ€ren, vigesimalen oder anders basierten Zahlensystemen, den Zahlwörtern vieler natĂŒrlicher Sprachen und Ă€lteren Zahlschriften zugrunde liegen.

Die Entstehung von Dezimalsystemen ebenso wie die von QuinĂ€rsystemen wird anthropologisch mit der Zahl der Finger als ZĂ€hl- und Rechenhilfe in Verbindung gebracht, eine ErklĂ€rung, die auch dadurch gestĂŒtzt wird, dass in einigen Sprachen als Zahlwörter fĂŒr 5 und 10 AusdrĂŒcke mit der Bedeutung "Hand" (5) bzw. "zwei HĂ€nde" (10) gebraucht werden.[1]

Inhaltsverzeichnis

Dezimalsystem mit Stellenwertsystem

Ziffern

Im Dezimalsystem verwendet man die zehn Ziffern

0 (Null), 1 (Eins), 2 (Zwei), 3 (Drei), 4 (Vier), 5 (FĂŒnf), 6 (Sechs), 7 (Sieben), 8 (Acht), 9 (Neun),

die als Dezimalziffern bezeichnet werden.

Diese Ziffern werden jedoch in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedlich geschrieben. Siehe dazu die Artikel Arabische und Indische Ziffern.

Indische Zifferzeichen werden auch heute noch in den verschiedenen indischen Schriften (Devanagari, Bengalische Schrift, Tamilische Schrift usw.) verwendet. Sie unterscheiden sich stark voneinander.

Arabic numerals-de.svg

Definition

Eine Dezimalzahl wird im deutschen Sprachraum meistens in der Form

<math>\pm z_m \, z_{m-1} \, \ldots \, z_0\, \operatorname{,}\, z_{-1}\, z_{-2} \, \ldots \, z_{-n}

\qquad \left(m,n\in\mathbb{N} \quad z_i\in\{0,\ldots,9\}\right) </math>

aufgeschrieben; daneben existieren je nach Verwendungszweck und Ort noch weitere Schreibweisen. Dabei ist jedes zi eine der oben genannten Ziffern. Der Index i beschreibt den Stellenwert der jeweiligen Ziffer, die Wertigkeit einer Ziffer ist die Zehnerpotenz 10i. Die Ziffern werden ohne Trennzeichen hintereinander geschrieben, wobei die höchstwertige Stelle mit der Ziffer zm ganz links und die niederwertigeren Stellen mit den Ziffern zm-1 bis z0 in absteigender Reihenfolge rechts davon stehen. Zur Darstellung von rationalen Zahlen mit nicht-periodischer Entwicklung folgen dann, nach einem trennenden Komma, die Ziffern z -1 bis z -n. Im englischen Sprachraum wird statt des Kommas meist ein Punkt verwendet.

Ziffern vor dem Komma werden mit einer Zehnerpotenz mit einem positiven Exponenten multipliziert (Ausnahme: zur ersten Stelle links vom Komma gehört der Exponent Null), die Ziffern nach dem Komma dagegen mit einer Zehnerpotenz mit einem negativen Exponenten. Der Wert Z der Dezimalzahl ergibt sich also durch Summierung dieser Ziffern, welche vorher jeweils mit ihrem Stellenwert 10i multipliziert werden; zusÀtzlich ist (zumindest bei negativen Zahlen) das Vorzeichen voranzustellen:

<math>Z = \pm \sum_{i=-n}^m z_i \cdot 10^i</math>.

Diese Darstellung nennt man auch Dezimalbruch-Entwicklung.

Beispiel

<math>

[723{,}48]_{10} = 7 \cdot 10^2 + 2 \cdot 10^1 + 3 \cdot 10^0 + 4 \cdot 10^{-1} + 8 \cdot 10^{-2} = [723{,}48]_{10} </math>

Löst man die Potenzen auf, ist die Formel ĂŒbersichtlicher:

<math>

[723{,}48]_{10} = 7 \cdot 100 + 2 \cdot 10 + 3 \cdot 1 + 4 \cdot 0{,}1 + 8 \cdot 0{,}01 = [723{,}48]_{10} </math>

Dezimalbruchentwicklung (periodische Dezimalzahlen in BrĂŒche umformen)

Mit Hilfe der Dezimalbruchentwicklung kann man jeder reellen Zahl eine Folge von Ziffern zuordnen. Jeder endliche Teil dieser Folge definiert einen Dezimalbruch, der eine NĂ€herung der reellen Zahl ist. Man erhĂ€lt die reelle Zahl selbst, wenn man von den endlichen Summen der Teile zur unendlichen Reihe ĂŒber alle Ziffern ĂŒbergeht. Diese Darstellung ist ein Beispiel einer Reihenentwicklung.

Formal wird mit <math>z = 0,a_1 a_2 a_3 \ldots\;</math> also der Wert der Reihe <math> \sum_{i=1}^{\infty} a_i 10^{-i}</math> bezeichnet.

Man sagt, dass die Dezimalbruchentwicklung abbricht, wenn die Ziffernfolge ab einer Stelle n nur noch aus Nullen besteht, die dargestellte reelle Zahl also selbst schon ein Dezimalbruch ist. Insbesondere bei allen irrationalen Zahlen bricht die Ziffernfolge nicht ab; es liegt eine unendliche Dezimalbruch-Entwicklung vor.

Zur Umformung periodischer Dezimalbruchentwicklungen (siehe weiter unten) verwendet man die Beziehungen:

<math>0{,}\overline{1} = \frac{1}{9}; \quad

0{,}\overline{01} = \frac{1}{99}; \quad 0{,}\overline{001} = \frac{1}{999}; \quad \ldots</math>.

Diese IdentitĂ€ten ergeben sich aus den Rechenregeln fĂŒr geometrische Reihen, wonach <math>\sum_{i=0}^{\infty} q^{i} = \frac{1}{1-q}</math> fĂŒr <math>q < 1\;</math> gilt. Im ersten Beispiel wĂ€hlt man <math>q = 10^{-1}</math> und beginnt die Summation erst beim ersten Folgenglied.

Beispiele:

<math>0{,}55555\ldots = 0{,}\overline{5} = \frac{5}{9}</math>
<math>0{,}33333\ldots = 0{,}\overline{3} = \frac{3}{9} = \frac{1}{3}</math>
<math>0{,}424242\ldots = 0{,}\overline{42} = \frac{42}{99} = \frac{14}{33}</math>
<math>0{,}081081081\ldots = 0{,}\overline{081} = \frac{81}{999} = \frac{3}{37}</math>

Die Periode wird jeweils in den ZĂ€hler ĂŒbernommen. Im Nenner stehen so viele Neunen, wie die Periode Stellen hat. Gegebenenfalls sollte der entstandene Bruch noch gekĂŒrzt werden.

Etwas komplizierter ist die Rechnung, wenn die Periode nicht unmittelbar auf das Komma folgt:

Beispiele:

<math>0{,}83333\ldots = 0{,}8\overline{3} = 8{,}\overline{3} : 10 = 8\frac{3}{9} : 10 = 8\frac{1}{3} : 10 = \frac{25}{3} : 10 = \frac{25}{30} = \frac{5}{6}</math>
<math>0{,}492363636\ldots = 0{,}492\overline{36} = 492{,}\overline{36} : 1000 = 492\frac{36}{99} : 1000 = 492\frac{4}{11} : 1000 = \frac{5416}{11} : 1000 = \frac{5416}{11000} = \frac{677}{1375}</math>
<math>13{,}54323232\ldots = 13{,}54\overline{32}</math>
1. Schritt: man multipliziere die Ausgangszahl mit einer Zehnerpotenz so, dass genau eine Periode (im Beispiel die 32) vor dem Komma steht:
<math>x = 13{,}543232\ldots | \cdot 10{.}000 </math>
<math>10{.}000 \cdot x = 135{.}432{,}3232\ldots </math>
2. Schritt: dann multipliziert man die Ausgangszahl mit einer Zehnerpotenz so, dass die Perioden genau hinter dem Komma beginnen:
<math>x = 13{,}543232\ldots | \cdot 100 </math>
<math>100 \cdot x = 1{.}354{,}323232\ldots </math>
3. Schritt: man subtrahiere die beiden durch Schritt 1 und 2 entstandenen Zeilen voneinander: (die Perioden hinter dem Komma fallen dadurch weg)
<math>10{.}000 \cdot x = 135{.}432{,}323232\ldots </math> (Zeile 1)
<math>100 \cdot x = 1354{,}323232\ldots </math> (Zeile 2)
<math>9{.}900 \cdot x = 135{.}432 - 1{.}354 = 134{.}078 \!</math> (Zeile 1 minus Zeile 2)
4. Schritt: umstellen
<math> 9{.}900 \cdot x = 134{.}078 | : 9{.}900</math>
Ergebnis: <math> x = \frac {134{.}078} {9{.}900} = 13{,}54\overline{32}</math>

Doppeldeutigkeit der Darstellung

Eine besondere Eigenschaft bei der Dezimalbruchentwicklung ist, dass viele rationale Zahlen zwei unterschiedliche Dezimalbruchentwicklungen besitzen. Wie oben beschrieben, kann man <math>0{,}\overline{9}</math> umformen und zu der Aussage

<math>0{,}\overline{9}= \frac{9}{9} = 1</math>

gelangen.

Diese IdentitĂ€t ist sinnvoll, da zwei reelle Zahlen <math>x</math> und <math>y</math> nur dann verschieden sind, wenn es eine reelle Zahl <math>z</math> gibt, die zwischen ihnen liegt, fĂŒr die also <math>x < z < y</math> oder <math>y < z < x</math> gilt. Offensichtlich kann im Fall <math>x=1</math> und <math>y=0{,}\overline{9}</math> kein solches <math>z</math> existieren.

Aus dieser IdentitĂ€t kann man weiter folgern, dass viele rationale Zahlen (nĂ€mlich alle mit endlicher Dezimalbruchentwicklung mit Ausnahme der 0) auf zwei verschiedene Weisen darstellbar sind: entweder eben als endlicher Dezimalbruch mit Periode 0, oder als unendlicher mit Periode 9. Um die Darstellung eindeutig zu machen, kann man die Periode 9 (oder seltener die Periode 0) jedoch schlicht verbieten und sich auf endliche DezimalbrĂŒche beschrĂ€nken.

Formel

FĂŒr periodische DezimalbrĂŒche mit einer Null vor dem Komma lĂ€sst sich folgende Formel aufstellen:

<math>p = \frac{x \cdot \left(10^n-1\right) + y}{10^m \cdot \left(10^n - 1\right)}</math>

Dabei sind p die Zahl, x die Zahl vor Beginn der Periode (als Ganzzahl), m die Anzahl der Ziffern vor Beginn der Periode, y die Ziffernfolge der Periode (als Ganzzahl) und n die LĂ€nge der Periode.

Die Anwendung dieser Formel soll anhand des letzten Beispiels demonstriert werden:

<math>p = 0{,}492363636\ldots = 0{,}492\overline{36}</math>
<math>x = 492; \quad m = 3; \quad y = 36; \quad n = 2</math>


<math>p = \frac{x \cdot \left(10^n-1\right) + y}{10^m \cdot \left(10^n - 1\right)} = \frac{492 \cdot \left(10^2-1\right) + 36}{10^3 \cdot \left(10^2 - 1\right)} = \frac{492 \cdot 99 + 36}{1000 \cdot 99} = \frac{48744}{99000} = \frac{677}{1375}</math>

Periode

In der Mathematik bezeichnet man als Periode eines Dezimalbruchs eine Ziffer oder Ziffernfolge, die sich nach dem Komma immer wieder wiederholt. Alle rationalen Zahlen, und nur diese, haben eine periodische Dezimalbruchentwicklung.

Beispiele:

Rein periodische: (nach dem Komma beginnt sofort die Periode)
1/3 = 0,33333...
1/7 = 0,142857142857...
1/9 = 0,11111...
Gemischt periodische: (nach dem Komma kommt erst noch eine Vorperiode, bevor die Periode beginnt)
2/55 = 0,036363636... (Vorperiode 0; PeriodenlÀnge 2)
1/30 = 0,03333... (Vorperiode 0; PeriodenlÀnge 1)
1/6 = 0,16666... (Vorperiode 1; PeriodenlÀnge 1)
134078/9900 = 13,543232... (die Vorperiode ist 54; PeriodenlÀnge ist 2)

Auch endliche DezimalbrĂŒche zĂ€hlen zu den periodischen DezimalbrĂŒchen; nach EinfĂŒgung unendlich vieler Nullen ist zum Beispiel 0,12 = 0,12000...

Echte Perioden (also keine endlichen DezimalbrĂŒche) treten im Dezimalsystem genau dann auf, wenn sich der Nenner des zugrunde liegenden Bruches nicht ausschließlich durch die Primfaktoren 2 und 5 erzeugen lĂ€sst. 2 und 5 sind die Primfaktoren der Zahl 10, der Basis des Dezimalsystems. Ist der Nenner eine Primzahl <math>P</math> (außer 2 und 5), so hat die Periode höchstens eine LĂ€nge, die um eins niedriger ist als der Wert des Nenners (in den Beispielen fett dargestellt).

Die genaue LĂ€nge der Periode von <math>1/P</math> (falls die Primzahl weder 2 noch 5 ist) entspricht der natĂŒrlichen Zahl <math>n</math>, bei der <math>P</math> das erste Mal in der Primfaktorzerlegung von <math>R_n={10^n-1}</math> vorkommt.

Beispiel zur PeriodenlĂ€nge 6: (106 − 1) = 999.999:

999.999 = 3 · 3 · 3 · 7 · 11 · 13 · 37, 1/7 = 0,142857142857... bzw. 1/13 = 0,076923076923


Sowohl 1/7 als auch 1/13 haben eine PeriodenlĂ€nge von 6, weil 7 und 13 das erste Mal in der Primfaktorzerlegung von Rn = 106 − 1 auftauchen. 1/37 hat jedoch eine PeriodenlĂ€nge von nur 3, weil bereits (103 − 1) = 999 = 3 · 3 · 3 · 37.

Ist der Nenner keine Primzahl, so ergibt sich die PeriodenlĂ€nge entsprechend als die Zahl <math>n</math>, bei der der Nenner das erste Mal ein Teiler von <math>R_n={10^n-1}</math> ist; die Primfaktoren 2 und 5 des Nenners bleiben dabei unberĂŒcksichtigt.

Beispiele: 1/185 = 1/(5·37) hat die gleiche PeriodenlÀnge wie 1/37, nÀmlich 3.

1/143 = 1/(11·13) hat die PeriodenlÀnge 6, weil 999.999 = 3 · 3 · 3 · 7 · 143 · 37 (siehe oben)

1/260 = 1/(2·2·5·13) hat die gleiche PeriodenlÀnge wie 1/13, also 6.

Notation

FĂŒr periodische Dezimalbruchentwicklungen ist eine Schreibweise ĂŒblich, bei der der sich periodisch wiederholende Teil der Nachkommastellen durch einen Überstrich markiert wird. Beispiele sind

  • <math>1/6 = 0{,}1\bar{6}</math>,
  • <math>1/7 = 0{,}\overline{142857}</math>.

Aufgrund technischer EinschrĂ€nkungen existieren auch andere Konventionen. So kann der Überstrich vorangestellt, eine typografische Hervorhebung (fett, kursiv, unterstrichen) des periodischen Teils gewĂ€hlt oder dieser in Klammern gesetzt werden:

  • 1/6 = 0,1ÂŻ6 = 0,16 = 0,16 = 0,16 = 0,1(6)
  • 1/7 = 0,ÂŻ142857 = 0,142857 = 0,142857 = 0,142857 = 0,(142857)

Nicht periodische Nachkommaziffern-Folge

Wie im Artikel Stellenwertsystem erlĂ€utert, besitzen irrationale Zahlen (auch) im Dezimalsystem eine unendliche, nichtperiodische Nachkommaziffern-Folge. Irrationale Zahlen können also nicht durch eine endliche und nicht durch eine periodische Ziffernfolge dargestellt werden. Man kann sich zwar mit endlichen (oder periodischen) DezimalbrĂŒchen beliebig annĂ€hern, jedoch ist eine solche endliche Darstellung niemals exakt. Es ist also nur mithilfe zusĂ€tzlicher Symbole möglich, irrationale Zahlen durch endliche Darstellungen anzugeben.

Beispiele solcher Symbole sind Wurzelzeichen, wie fĂŒr <math>\sqrt 2</math>, Buchstaben wie π oder e, sowie mathematische AusdrĂŒcke wie unendliche Reihen oder Grenzwerte.

Umrechnung in andere Stellenwertsysteme

Methoden zur Umrechnung von und in das Dezimalsystem werden in den Artikeln zu anderen Stellenwertsystemen und unter Zahlbasiswechsel und Stellenwertsystem beschrieben.

Geschichte

Dezimale Zahlensysteme ohne Stellenwertsystem und ohne Darstellung der Null lagen im Altertum unter anderem den Zahlschriften der Ägypter, Griechen und Römer zugrunde. Es handelte sich dabei um additive Zahlschriften, mit denen beim Rechnen Zahlen zwar als GedĂ€chtnisstĂŒtze niedergeschrieben, aber arithmetische Operationen im Wesentlichen nicht schriftlich durchgefĂŒhrt werden konnten: diese waren vielmehr im Kopf oder mit anderen Hilfsmitteln wie den Rechensteinen (griech. psephoi, lat. calculi, im SpĂ€tmittelalter auch Rechenpfennige oder franz. jetons genannt) auf dem Rechenbrett (Abacus) und möglicherweise mit den Fingerzahlen zu leisten.

Fingerzahlen nach Beda Venerabilis, linke Hand
Fingerzahlen nach Beda Venerabilis, linke Hand

Den in römischer und mittelalterlicher Zeit verbreiteten, in etwas anderer Form auch in der arabischen Welt gebrauchten Fingerzahlen lag ein dezimales System fĂŒr die Darstellung der Zahlen 1 bis 9999 zugrunde, ohne Zeichen fĂŒr Null, und mit einem Positionssystem eigener Art. Hierbei wurden durch genau festgelegte Fingerstellungen auf der linken Hand mit kleinem, Ring- und Mittelfinger die Einer 1 bis 9 und mit Zeigefinger und Daumen die Zehner 10 bis 90 dargestellt, wĂ€hrend auf der rechten Hand die Hunderter mit Daumen und Zeigefinger spiegelbildlich zu den Zehnern und die Tausender mit den drei ĂŒbrigen Fingern spiegelbildlich zu den Einern dargestellt wurden.[2] Diese Fingerzahlen sollen nicht nur zum ZĂ€hlen und zum Merken von Zahlen, sondern auch zum Rechnen verwendet worden sein; die zeitgenössischen Schriftquellen beschrĂ€nken sich jedoch auf die Beschreibung der Fingerhaltungen und geben keine nĂ€here Auskunft ĂŒber die damit durchfĂŒhrbaren rechnerischen Operationen.

Römischer Handabacus (Rekonstruktion)

Auf den Rechenbrettern des griechisch-römischen Altertums und des christlichen Mittelalters stand demgegenĂŒber fĂŒr die Darstellung ganzer Zahlen ein vollwertiges dezimales Stellenwertsystem zur VerfĂŒgung, indem fĂŒr eine gegebene Zahl die Anzahl ihrer Einer, Zehner, Hunderter usw. durch Rechensteine in entsprechenden vertikalen Dezimalspalten dargestellt wurde. Auf dem antiken Abacus geschah dies durch Ablegen oder Anschieben einer entsprechenden Anzahl von calculi in der jeweiligen Dezimalspalte, wobei zusĂ€tzlich eine FĂŒnferbĂŒndelung praktiziert wurde, indem je fĂŒnf Einheiten durch einen einzelnen calculus in einem seitlichen oder oberen Sonderbereich der Dezimalspalte reprĂ€sentiert wurden.[3] Auf dem Klosterabacus des FrĂŒhmittelalters, der heute meist mit dem Namen Gerberts verbunden wird und vom 10. bis 12. Jahrhundert in Gebrauch war, wurde stattdessen die Anzahl der Einheiten in der jeweiligen Dezimalspalte nur durch einen einzelnen Stein dargestellt, der mit einer Zahl von 1 bis 9 beziffert war,[4] wĂ€hrend das spĂ€tere Mittelalter und die FrĂŒhe Neuzeit wieder zur Verwendung unbezifferter Rechensteine zurĂŒckkehrten und die Spalten bzw. nunmehr horizontal gezogenen Linien entweder fĂŒr dezimales Rechnen mit ganzen Zahlen an der Basizahl 10 (mit FĂŒnferbĂŒnduelung),[5] oder fĂŒr das Finanzrechnen an den aus dem karolingischen MĂŒnzwesen (1 libra = 20 solidi = 240 denarii) ererbten monetĂ€ren Grundeinheiten nicht-dezimal ausrichteten.[6] Auf den antiken wie auf den mittelalterlichen Varianten dieses Hilfsmittels erfolgte die Darstellung des Wertes Null jeweils durch Freilassen der betreffenden Dezimalspalte bzw. Linie, auch auf dem Klosterabacus, auf dem zwar ein Rechenstein mit einer aus dem Arabischen stammenden Ziffer (cifra) fĂŒr Null zur VerfĂŒgung stand, aber fĂŒr andere Zwecke bei den abazistischen Rechenoperationen verwendet wurde. Mithilfe der antiken und mittelalterlichen Rechenbretter ließen sich Addition und Subtraktion erheblich vereinfachen, wĂ€hrend sie fĂŒr Multiplikation und Division wenig geeignet waren oder verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig komplizierte Operationen erforderten, die besonders fĂŒr den Klosterabacus in mittelalterlichen Traktaten beschrieben wurden und in ihrer Schwierigkeit berĂŒchtigt waren.

Eine Zahlschrift mit vollwertigem Stellenwertsystem, bei dem auch die Position des Zahlzeichens dessen Wert bestimmt, entwickelten zuerst die Babylonier auf der Basis 60 und ergĂ€nzten es vermutlich schon vor dem 4. Jahrhundert vor Chr. auch um ein eigenes Zeichen fĂŒr Null.[7] Eine Zahlschrift mit Stellenwertsystem auf der Basis 10, aber noch ohne Zeichen fĂŒr die Null, entstand in China vermutlich bereits einige Jahrhunderte vor der Zeitenwende (in Einzelheiten bezeugt seit dem 2. Jahrhundert vor Chr.), wahrscheinlich mithilfe von RechenstĂ€bchen auf einer schachbrettartig eingeteilten chinesischen Variante des Abacus, und wurde erst unter indischem Einfluss seit dem 8. Jahrhundert auch um ein Zeichen fĂŒr Null ergĂ€nzt.[8]

In Indien selbst sind die AnfĂ€nge des positionellen Dezimalsystems mit Zeichen fĂŒr die Null nicht sicher zu bestimmen. Die Ă€ltere Brahmi-Zahlschrift, die vom 3. bis zum 8. Jahrhundert in Gebrauch war, verwendete ein dezimales System mit AnsĂ€tzen zu positioneller Schreibung, aber noch ohne Zeichen fĂŒr Null.[9]. Die Ă€lteste indische Form der heutigen indo-arabischen Ziffern, mit aus der Brahmi-Zahlschrift herzuleitenden Zeichen fĂŒr 1 bis 9 und einem Punkt oder kleinen Kreis fĂŒr Null, ist durch sicher datierbare epigraphische Zeugnisse zuerst außerhalb Indiens seit dem 7. Jh. in SĂŒdostasien als indischer Export und in Indien selbst seit dem 9. Jahrhundert zu belegen[10]; man nimmt jedoch an, dass die Verwendung dieses Ziffernsystems in Indien bereits im 5. Jahrhundert begann.[11] Das gleiche positionelle Dezimalsystem mit Zeichen fĂŒr Null lag auch dem in etwa gleichzeitigen gelehrten Zahlwortsystem indischer Astronomen zugrunde, in dem umschreibende AusdrĂŒcke wie „Anfang“ (1), „Augen“ (2), „die drei Zeitstufen“ (3) fĂŒr die Zahlen 1 bis 9 und „Himmel“, „Leere“, „Punkt“ oder andere Wörter fĂŒr Null gemĂ€ĂŸ ihrem dezimalen Stellenwert als sprachliche Umschreibung mehrstelliger Zahlen gereiht wurden.[12] Als frĂŒhes Zeugnis einer solchen positionellen Setzung von in diesem Fall weitgehend unmetaphorischen sprachlichen Zahlenbezeichnungen gilt bereits das 458 in Prakrit verfasste Lokavibhaga[13], das allerdings nur in einer spĂ€teren SanskritĂŒbersetzung erhalten ist. Voll ausgebildet findet sich das umschreibende Zahlwortsystem dann bei Bhaskara I. (7. Jh.).

Von den Arabern und den von ihnen arabisierten Völkern wurde fĂŒr die Schreibung von Zahlen zunĂ€chst das dezimale additive System der alphabetischen griechischen Zahlschrift, anfangs vermittelt durch hebrĂ€isches und syrisches Vorbild, ĂŒbernommen und auf die 28 Buchstaben des arabischen Alphabets ĂŒbertragen [14]. SpĂ€testens seit dem 8. Jahrhundert wurden jedoch zuerst im arabischen Orient und im Verlauf des 9. Jahrhunderts dann auch in Nordafrika und Al-Andalus die indischen Ziffern und darauf beruhenden Rechenmethoden bekannt. Die frĂŒheste ErwĂ€hnung findet sich im 7. Jahrhundert durch den syrischen Bischof Severus Sebokht, der das indische System ausdrĂŒcklich lobt. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung in der arabischen und der westlichen Welt spielte Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi, der die neuen Ziffern nicht nur in seinen mathematischen Werken verwendete, sondern um 825 auch eine nur in lateinischer Übertragung erhaltene EinfĂŒhrung Kitāb al-DschamÊż wa-l-tafrÄ«q bi-áž„isāb al-Hind („Über das Rechnen mit indischen Ziffern“) mit einer fĂŒr den AnfĂ€nger geeigneten Beschreibung des Ziffernsystems und der darauf beruhenden schriftlichen Grundrechenarten verfasste.

Nachdem im 10./11. Jahrhundert im lateinischen Westen bereits westarabische oder daraus abgeleitete Ziffern (apices genannt) auf den Rechensteinen des Klosterabacus aufgetaucht waren, aber nicht auch darĂŒber hinaus als Zahlschrift oder sogar fĂŒr schriftliches Rechnen verwendet worden und zusammen mit dem Klosterabacus wieder in Vergessenheit geraten waren, war es die EinfĂŒhrung Al-Chwarizmis, die seit dem 12. Jahrhundert in lateinischen Bearbeitungen und daran anknĂŒpfenden volkssprachlichen Traktaten dem indischen Ziffernrechnen zum Durchbruch verhalf und durch ihre Anfangsworte „Dixit Algorismi“ auch bewirkte, dass „Algorismus“, die lateinische Wiedergabe seines Namens, sich weithin als Name dieser neuen Rechenkunst etablierte.[15] Besonders in Italien, wo Leonardo da Pisa es in seinem Liber abbaci auch aus eigener, in Nordafrika erworbener Kenntnis bekannt machte, konnte das indische Ziffernrechnen seit dem 13. Jahrhundert den Abacus (mit unbezifferten Rechensteinen) im Finanzwesen und kaufmĂ€nnischen Bereich nahezu vollstĂ€ndig verdrĂ€ngen und sogar dessen Namen (abbaco) annehmen, wĂ€hrend es in ĂŒbrigen LĂ€ndern zwar zum Gegenstand des wissenschaftlichen und kaufmĂ€nnischen Unterrichts wurde, bis zur FrĂŒhen Neuzeit aber im Linienrechnen auf dem Rechenbrett einen ĂŒbermĂ€chtigen Konkurrenten besaß. Auch als einfache Zahlschrift fĂŒr die praktischen Zwecke des Niederschreiben von Zahlen und des Nummerierens, fĂŒr die das Stellenwertsystem keine Notwendigkeit besitzt, konnten sich die indo-arabischen Ziffern erst seit der frĂŒhen Neuzeit allmĂ€hlich gegen die römischen Zahlen durchsetzen.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Harald Haarmann, Weltgeschichte der Zahlen (2008), S. 29
  2. ↑ Menninger, Zahlwort und Ziffer (1958), II, S. 3ff.; Karl-August Wirth, Art. Fingerzahlen, in: Otto Schmidt (Hrsg.), Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, Band VIII, Metzler Verlag, Stuttgart 1987, Sp. 1229-1310; Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 87
  3. ↑ Menninger, Zahlwort und Ziffer (1958), II, S. 104ff.; Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 136ff.; Pullan, History of the Abacus (1968), S. 16ff.
  4. ↑ Menninger, Zahlwort und Ziffer (1958), S. 131ff; Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 530ff.; Werner Bergmann, Innovationen im Quadrivium des 10. und 11. Jahrhunderts. Studien zur EinfĂŒhrung von Astrolab und Abacus im lateinischen Mittelalter, Steiner Verlag, Stuttgart 1985 (= Sudhoffs Archiv, Beiheft 26), S. 57ff., S. 174ff.
  5. ↑ Alfred Nagl, Die Rechenpfennige und die operative Arithmetik, in: Numismatische Zeitschrift 19 (1887), S. 309-368; Menninger, Zahlwort und Ziffer (1958), II, S. 140ff.; Pullan, History of the Abacus (1968), passim
  6. ↑ Francis P. Barnard, The Casting-Counter and the Counting-Board. A Chapter in the History of Numismatics and Early Arithmetic, Clarendon Press, Oxford 1916; Menninger, Zahlwort und Ziffer (1958), II, S. 152ff., S. 165, S. 178, S. 182f.; Pullan, History of the Abacus (1968), S. 52ff.; Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 146ff.
  7. ↑ Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 411ff., S. 420
  8. ↑ Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 428ff., S. 511ff.
  9. ↑ Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 504ff.
  10. ↑ Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 486ff.
  11. ↑ Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 498ff.
  12. ↑ Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 493ff.
  13. ↑ Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 499f.
  14. ↑ Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 307ff.
  15. ↑ Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen (1998), S. 533ff.

Literatur

  • John D. Barrow: Warum die Welt mathematisch ist. Campus-Verlag, Frankfurt/Main 1993, ISBN 3-593-34956-6
  • Harald Haarmann: Weltgeschichte der Zahlen. C. H. Beck, MĂŒnchen 2008, ISBN 978-3-406-56250-1
  • Georges Ifrah: Universalgeschichte der Zahlen, Übersetzung aus dem Französischen von Alexander von Plasen, Redaktion Peter Wanner, Sonderausgabe der 2. Aufl. [von 1991], Parkland Verlag, Köln 1998, ISBN 3-880-59-956-4
  • Karl Menninger: Zahlwort und Ziffer. Eine Kulturgeschichte der Zahl. 2. neubearb. Aufl., Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 1958, 2 Bde.
  • John M. Pullan: The History of the Abacus. Hutchinson, London 1968

Weblinks

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