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Eberhard Wolfgang Möller (* 6. Januar 1906 in Berlin; †1. Januar 1972 in Bietigheim) war ein deutscher Schriftsteller und Dramatiker. Er gehörte zu den bekanntesten Autoren der NS-Zeit.
Inhaltsverzeichnis |
Geboren als Sohn eines Bildhauers, studierte Möller in Berlin Philosophie, Geschichte sowie Literatur-, Theater- und Musikwissenschaft. Bereits mit 17 Jahren schrieb er sein erstes Theaterstück. Von Anfang an berief er sich bei seiner literarischen Arbeit auf den Neuklassiker Paul Ernst, den er schon als Kind in seinem Elternhaus kennengelernt hatte. Dessen Vorstellungen von bürgerlicher „hoher“ Kunst und einer geistig getragenen nationalen Gemeinschaft verband Möller in seinen Stücken geschickt mit den Mitteln avantgardistischer Zeitstücke der 1920er Jahre und Bertolt Brechts Lehrstücken. Thematisch bediente er sich gern der „historischen Einkleidung“ von modernen Problemstellungen.
Mit dem spätexpressionistischen Weltkriegsdrama „Douaumont oder Die Heimkehr des Soldaten Odysseus“ erzielte Möller 1929 seinen ersten großen Theatererfolg. In dem Stück bediente er sich modernster Theatermittel: So zerreißt im letzten Akt der Hauptdarsteller eine Kinoleinwand, auf der ein Kriegsfilm zu sehen ist, und bietet stattdessen seinen Körper als Projektionsfläche für die Kampfszenen an. In „Panamaskandal“ (1930) denunzierte Möller mit der Beschreibung eines „jüdisches Systems“ von Korruption und Missbrauch politischer Macht die Weimarer Republik und betonte die Notwendigkeit einer nationalen Erneuerung.
Seit 1930 SA-Mitglied, trat Möller 1932 in die NSDAP ein.
Möller wurde zu einem der bedeutendsten jungen nationalsozialistischen Autoren und war als Kulturfunktionär tätig. 1933 wurde er Chefdramaturg am Königsberger Theater, ab 1934 Theaterreferent im Propagandaministerium, 1935 „Reichskultursenator“ und Mitglied der „Reichsjugendführung der HJ“. Ebenfalls 1935 erhielt er von Joseph Goebbels, der ihn als „wahres Sprachgenie“[2] lobte, den von ihm gestifteten „Nationalen Buchpreis“, 1938 den „Staatspreis für Literatur“.
Mit „Rothschild siegt bei Waterloo“ schrieb Möller 1934 eine judenfeindliche „Komödie“, die sich aber geschickt jeder offenen antisemitischen Propaganda enthielt und zu seinem größten Bühnenerfolg wurde. Im Auftrag von Goebbels verfasste er 1936 das im Begleitprogramm der Olympischen Spiele uraufgeführte Frankenburger Würfelspiel, Höhepunkt und „Modellstück“ der kurzlebigen NS-Thingspielbewegung. Daneben setzte ihn Goebbels für zwei antisemitische Spielfilme ein: Sein Rothschild-Stück war eine der Vorlagen für Erich Waschnecks Film Die Rothschilds (1940). Und Möller war Mitverfasser des Drehbuchs zu Veit Harlans Hetzfilm Jud Süß (1940). In einem Interview im September 1939 sagte Möller, der Film solle zeigen, „daß der Jude ein ganz anderer Mensch ist als wir, und daß ihm die uns angeborene sittliche Kontrolle über sein Handeln überhaupt fehlt.“[3]
1938 war Möllers Drama „Der Untergang Karthagos“ auf Veranlassung des NSDAP-Chefideologen Alfred Rosenbergs aus den Spielplänen gestrichen worden, weil es von einigen Parteigenossen als Beleidigung empfunden wurde. Zu Weihnachten 1938 verfasste Möller im Auftrag von Reichsjugendführer Baldur von Schirach das Buch „Der Führer“, in dem er Adolf Hitler mit Martin Luther verglich und ihm gottgleiche Fähigkeiten zuschrieb. Das Buch, von dem bereits eine halbe Million Exemplare ausgeliefert waren, stieß wegen seiner „frühchristlichen“ Tonart und „Verkitschung des großen Kampfes“[4] auf Widerstand innerhalb der NSDAP und wurde aus dem Vertrieb genommen.[5] Möller war als Spielball in den kulturpolitischen Kampf zwischen Rosenberg und Goebbels/Schirach geraten.
Möller entzog sich dem Druck, indem er sich im Winter 1939/40 freiwillig als Kriegsberichterstatter zur SS-Panzerdivision „Wiking“ meldete und sich von da an als unpolitischer „reiner Künstler“ stilisierte, der als Ästhet hoch über den Alltäglichkeiten des NS-Staates stehe. Obwohl die parteiinternen Angriffe gegen ihn nicht nachließen, konnte er in der SS-Zeitschrift „Das Schwarze Korps“ und in der HJ-Zeitschrift „Wille und Macht“ ungehindert weiter veröffentlichen. Dort erschien im Juni 1941 sein Gedicht „Der Tote“, in dem er einen gefallenen Soldaten beschrieb:
<poem style="margin-left:2em;"> „Ich habe Erde über meinen Lippen. In meinem Munde ist ein großer Stein. Der sanfte Maulwurf geht in meinen Rippen und ist mein Freund. Ich bin nicht mehr allein.“ </poem>
Diesmal warf man ihm „ästhetisierende Leichenschändung“ und „Verhöhnung des gefallenen Soldaten“ vor.[6] Auch sein Buch „Die Maske des Krieges“ (1941) wurde als geschmacklos kritisiert. Möller, mittlerweile SS-Offizier, bekam „Frontbewährung“ bei der Waffen-SS. Seine Bücher wurden aber ungehindert weiter vertrieben.
Nach Kriegsende wurde Möller als Angehöriger einer „verbrecherischen Organisation“ automatisch interniert. 1948 entlassen, fuhr Möller in seiner literarischen Tätigkeit fort, eine Auseinandersetzung mit seinem Wirken nach 1933 hielt er nicht für nötig. Die von ihm als Zurückweisung empfundene Behandlung durch Teile des NS-Kulturapparats bot ihm jetzt die Möglichkeit, seine Rolle im NS-Staat als reines Künstlertum zu definieren und damit – zumindest für sich selbst – die psychologische Grundlage für eine künstlerische Existenz in der Nachkriegszeit zu schaffen. Ideologisch geändert hatte Möller sich nicht: „Demokratie“ blieb für ihn „die Brutstätte für jede Art von Verlogenheit, Zuchtlosigkeit und Formlosigkeit. Wahre Kultur ist aristokratisch.“[7] Ab 1955 nahm er auch wieder an den 1934 von Hans Grimm gegründeten „Lippoldsberger Dichtertreffen“ teil.
Da seine Stücke nach 1945 nicht mehr aufgeführt werden konnten, trat Möller zunächst mit drei auf den ersten Blick harmlosen Geschichtsromanen an die Öffentlichkeit: „Die Frauen von Ragusa“ (1952), in der das Idealbild einer Adelsrepublik entworfen wurde, „Die Geliebte des Herrn Beaujou“ (1954) sowie einer überarbeiteten Neuauflage des schon 1935 erschienen Buchs „Das Schloß in Ungarn“ (1953), aus dem die übelsten antisemitischen Ausfälle der Erstausgabe entfernt worden waren. 1963 erschien der Roman „Chicago“, in dem sich die Beschreibung der jüdische Spekulantenfamilie Leiter mit Kapitalismuskritik am Beispiel von Börse und Schlachthäusern mischt. Die Formlosigkeit des überlangen und aus zahllosen Quellen mehr schlecht als recht kompilierten Werkes zeigt die intellektuelle Hilflosigkeit, in der sich Möller Anfang der 1960er Jahre befand. Für ihn selbst aber war dies Buch sein wichtigstes Werk der letzten Jahre. Die mangelnde öffentliche Resonanz interpretierte er als Beweis einer „kulturpolitischen Verschwörung“.
Daraufhin scheint Möller jede Art von „Anpassung“ an die Kulturszene der Bundesrepublik aufgegeben zu haben. Seine literarische Texte wurden ab Mitte der 1960er Jahre offen neonazistisch, ergingen sich in der sinnlosen Vorführung von Bildungssplittern und spielten, so Stefan Busch, mit „fiktiven Identitätskonstruktionen mit deutlichen Zügen von Paranoia“.[8] Der Roman „Doppelkopf“, den Möller 1966 unter dem Pseudonym Anatol Textor veröffentlichte, handelt von Zwillingsschwestern in den Niederlanden zur Zeit der deutschen Besetzung. In einer eigenartigen Umwertung der Realität sind hier in einigen Szenen die Deutschen die Verfolgten, tritt eine Schrecken verbreitende holländische Polizei-Sondereinheit in an die Gestapo erinnernden Ledermänteln auf und mutiert Möllers Held und alter ego zum tragisch scheiternden Widerstandskämpfer. 1971, in Möllers letztem Lebensjahr, erschienen ein Buch über seine Zeit als SS-Offizier („Russisches Tagebuch“) und eine Sammlung von vermeintlich satirischen Gedichten, das „Frozzel-Brevier“, in dem Möllers künstlerischer Niedergang besonders deutlich wird: <poem style="margin-left:2em;">„Ich zieh im gleichen Schritt und Tritt Mit Mätzen und mit Motzen; ich teufle, dutschkle, beatle mit und bin mir selbst zum Kotzen.“[9] </poem>
Sein Tod in der Neujahrsnacht 1972 fand nur in rechtsextremen Publikationen Erwähnung.
Eberhard Wolfgang Möller ist Vater des MDR-Hörfunkdirektors Johann Michael Möller.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Möller, Eberhard Wolfgang |
| ALTERNATIVNAMEN | Textor, Anatol |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Schriftsteller und Dramatiker |
| GEBURTSDATUM | 6. Januar 1906 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 1. Januar 1972 |
| STERBEORT | Bietigheim (Württemberg) |