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Edgar Degas

Degas ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Weitere Bedeutungen sind unter Degas (BegriffsklĂ€rung) aufgefĂŒhrt.
SelbstportrĂ€t mit Bleistifthalter (ca. 1855), Öl auf Leinwand, 81 × 64,5 cm

Edgar Degas, eigentlich Hilaire Germain Edgar de Gas (* 19. Juli 1834 in Paris; † 27. September 1917 ebenda), war ein französischer Maler und Bildhauer. Er wird hĂ€ufig zu den Impressionisten gezĂ€hlt, mit denen er gemeinsam ausstellte. Jedoch unterscheiden sich seine GemĂ€lde von denen des Impressionismus unter anderem durch die exakte LinienfĂŒhrung und die klar strukturierte Bildkomposition. Degas schuf zahlreiche PortrĂ€ts; daneben konzentrierte er sich auf einige wenige Bildthemen, die er immer wieder variierte: das Ballett, Jockeys und Pferde, das Pariser Nachtleben sowie Frauen bei der Körperpflege. Neben der Ölmalerei und grafischen Techniken widmete er sich der Pastellmalerei, in der er es zu außergewöhnlicher Meisterschaft brachte. Seine Plastiken zeigen eine neue Auffassung von Skulptur.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Edgar Degas (wozu er seinen Namen spĂ€ter ‚verbĂŒrgerlichen‘ sollte) wurde am 19. Juli 1834 als erstes der fĂŒnf Kinder von Auguste de Gas und dessen Frau CĂ©lestine Musson in Paris geboren. Der Vater, ein gebĂŒrtiger Neapolitaner, leitete die Pariser Niederlassung der familieneigenen Bank in Neapel. Die Mutter war kreolischer Abstammung und kam aus New Orleans; sie starb, als der Sohn 13 Jahre alt war. Degas wuchs in einem großbĂŒrgerlichen, den KĂŒnsten aufgeschlossenen Umfeld auf. Nach dem Besuch des CollĂšge Louis-Le-Grand begann er auf Wunsch des Vaters ein Jura-Studium, das er jedoch schon bald wieder aufgab, um die KĂŒnstlerlaufbahn einzuschlagen. Der Vater unterstĂŒtzte ihn dabei unter anderem, indem er ihm ein geeignetes Atelier zur VerfĂŒgung stellte. Ab 1853 nahm Degas Unterricht bei dem Ingres-SchĂŒler Louis Lamothe. 1855 besuchte er fĂŒr kurze Zeit die École des Beaux-Arts. Danach zog er es vor, seine kĂŒnstlerische Ausbildung auf eigene Faust weiterzufĂŒhren.[1] In den Pariser Museen zeichnete er nach antiken Reliefs sowie nach den Vorlagen alter Meister.

Die Familie Bellelli (1858–1867), Öl auf Leinwand, 200 × 250 cm
Das BaumwollbĂŒro in New Orleans (1873), Öl auf Leinwand, 73 × 92 cm

1856 brach Degas zu der fĂŒr bildende KĂŒnstler damals ĂŒblichen Studienreise nach Italien auf. Er besuchte zunĂ€chst die Verwandten in Neapel und verbrachte darauf rund eineinhalb Jahre in Rom, wo er eifrig zeichnete. Im Juli 1858 setzte er seine Reise fort nach Florenz; hier wohnte er wiederum bei Verwandten, der Familie Bellelli. Er fertigte von den Angehörigen zahlreiche Studien an, die als Grundlage fĂŒr ein geplantes Gruppenbild dienen sollten.

Im April 1859 kehrte Degas nach Paris zurĂŒck. Er hielt nun seine Studienzeit fĂŒr abgeschlossen und sich selbst fĂŒr fĂ€hig, anspruchsvollere Projekte zu meistern. Mit dem großformatigen GruppenportrĂ€t Die Familie Bellelli stellte er sein Können unter Beweis. Wenn der junge KĂŒnstler sich auch in erster Linie als PortrĂ€tist verstand, hielt er es doch fĂŒr unerlĂ€sslich, sich auch auf dem Gebiet der Historienmalerei zu bewĂ€hren, die in der damaligen Hierarchie der Bildgattungen an erster Stelle stand. Bis 1865 schuf er fĂŒnf HistoriengemĂ€lde; eins davon, die Mittelalterliche Kriegszene, stellte er 1865 im Salon aus, wo es bei Publikum und Kritik wenig Resonanz fand. Dies sowie die Zweifel, die ihm zuvor schon am Wert der Historienmalerei gekommen waren, veranlassten ihn, sich fortan ganz auf Themen des zeitgenössischen Pariser Lebens zu konzentrieren. Hilfreich war ihm dabei der erfahrenere Kollege Édouard Manet, den er bereits Jahre zuvor beim gemeinsamen Kopieren im Louvre kennengelernt hatte. DarĂŒber hinaus kam er in Kontakt mit weiteren modernen KĂŒnstlern und Schriftstellern wie Paul CĂ©zanne, Pierre-Auguste Renoir und Émile Zola. Von Bedeutung fĂŒr seine weitere kĂŒnstlerische Entwicklung wurde vor allem die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller und Kunstkritiker Edmond Duranty. Von 1866 bis 1870 stellte er weiterhin alljĂ€hrlich im Salon aus.

WĂ€hrend des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 diente Degas als Artillerist in Paris; aus dieser Zeit sind die ersten Klagen ĂŒber sein Augenleiden ĂŒberliefert.[2] Die Wochen der blutigen Pariser Kommune verbrachte er bei Freunden auf dem Land.

1872/73 reiste der Maler nach New Orleans, wo seine zahlreichen Verwandten mĂŒtterlicherseits lebten. Auch zwei BrĂŒder hatten sich mittlerweile dort niedergelassen; Mitglieder der Familie waren im BaumwollgeschĂ€ft tĂ€tig. WĂ€hrend des fĂŒnfmonatigen Aufenthalts entstand eine Reihe von PortrĂ€ts der Angehörigen. Im nĂ€chsten Jahr starb der Vater. In der Folge wurde offenbar, dass die Pariser Bank nur durch Kredite ĂŒber Wasser gehalten worden war und zudem Degas' Bruder RenĂ© hohe GeschĂ€ftsschulden aufgehĂ€uft hatte.[3] Die Bank wurde zwei Jahre spĂ€ter liquidiert, und Degas fĂŒhlte sich verpflichtet, fĂŒr die Schulden des Bruders aufzukommen. Er musste dafĂŒr Teile seiner Kunstsammlung verkaufen und seinen Lebensstil einschrĂ€nken. Seine finanzielle Situation verbesserte sich jedoch in spĂ€teren Jahren wieder deutlich, da seine Werke immense Preissteigerungen verzeichneten. Dies war auch auf die Förderung durch seinen KunsthĂ€ndler Paul Durand-Ruel zurĂŒckzufĂŒhren.

1874 organisierte Degas gemeinsam mit einer Gruppe fortschrittlicher KĂŒnstler die erste einer Reihe von Ausstellungen, die spĂ€ter als ‚Impressionisten-Ausstellungen‘ bekannt werden sollten. Sie wurden in der Absicht ins Leben gerufen, das Ausstellungs-Monopol des etablierten ‚Salon‘ zu brechen. Degas nahm mit einer Ausnahme an allen acht Ausstellungen, die bis 1886 stattfanden, teil. Dabei machte er sich um die Vorbereitung und Organisation verdient, verursachte aber andererseits mit seiner Kompromisslosigkeit und seinem mangelnden VerstĂ€ndnis fĂŒr die Belange der ĂŒbrigen Teilnehmer vielerlei Spannungen und Streitereien.[4]

SelbstportrÀt (1895), Fotografie

In den 1890er Jahren entwickelte sich Degas zu einem begeisterten Fotografen; vorzugsweise portrÀtierte er Menschen aus seinem Umfeld. Die Ergebnisse stellte er 1895 aus.[5]

Degas blieb unverheiratet. Über Beziehungen zu Frauen ist nichts bekannt, was den Zeitgenossen zu mancherlei GerĂŒchten Anlass gab.[6] In seinen spĂ€teren Jahren bewirkte seine oft schroffe und boshafte Art, verbunden mit eigener Empfindlichkeit, dass sich Bekannte von ihm abwandten. Degas war ein heftiger Antisemit. In der Dreyfus-AffĂ€re, die ab 1894 die Nation polarisierte, nahm er Partei gegen den beschuldigten jĂŒdischen Offizier, was ihn viele Freundschaften kostete, darunter die zu dem Malerkollegen Camille Pissarro. Auch veranlassten ihn die Geschehnisse um die AffĂ€re, mit besonders engen Freunden, einer Familie jĂŒdischer Herkunft, zu brechen.[7]

Die Sehkraft des Malers ließ mit den Jahren immer mehr nach. Deshalb war er um 1892 gezwungen, die Ölmalerei einzustellen. Gegen 1908 fertigte Degas seine letzten Pastelle und Zeichnungen an, beschĂ€ftigte sich jedoch noch einige Zeit mit Skulpturen.[8] Seine letzten Lebensjahre verbrachte er, vereinsamt und fast blind, in der Obhut einer Nichte. Edgar Degas starb am 27. September 1917 an einer Gehirnblutung.[9]

Werk

Malerei

Themen

Eine Bildgattung, die Degas sein Leben lang begleitete, war das PortrĂ€t. Er nahm nur selten PortrĂ€tauftrĂ€ge an, sondern bevorzugte als Modelle Familienmitglieder oder Menschen aus seinem Bekanntenkreis; die GemĂ€lde behielt er zumeist in seinem Besitz. Damit war er frei von Ă€ußeren Anforderungen. Degas' PortrĂ€ts zeichnen sich durch eine hohe psychologische Beobachtungs- und Darstellungsgabe aus. Seine Darstellungen von Familien und Paaren zeigen hĂ€ufig „diskrete BrĂŒche, in denen sich Entfremdung ankĂŒndigt“. [10] Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind die PortrĂ€tierten nicht vor neutralem Hintergrund, sondern in einer ihnen angemessenen Umgebung dargestellt.

In den 1860er Jahren schuf Degas fĂŒnf großformatige HistoriengemĂ€lde; die Historienmalerei galt als diejenige Bildgattung, mit der ein KĂŒnstler sich die höchste Anerkennung verdienen konnte. Alle fĂŒnf GemĂ€lde handeln von Frauen: Die Tochter Jephthas (1861 - 1864), Semiramis, das von ihr erbaute Babylon betrachtend (1860 - 1862), Mittelalterliche Kriegszene, (1861 - 1865), Junge Spartanerinnen fordern JĂŒnglinge heraus (ca. 1860 - 1862) und Mademoiselle EugĂ©nie Fiocre im Ballett ‚Die Quelle‘ (1866 - 1868). Doch der Maler erkannte, dass die Historienmalerei nicht seinen eigentlichen Zielen entsprach; die Figuren auf diesen GemĂ€lden wirken mit ihren individuellen GesichtszĂŒgen bereits zeitgenössisch. Schließlich gab Degas das historische Sujet auf und konzentrierte sich ganz auf Themen der Gegenwart.

Seine Modelle waren ab nun die Menschen, vor allem die Frauen, des modernen, großstĂ€dtischen Paris. Einerseits waren dies die Angehörigen seiner eigenen bĂŒrgerlichen Gesellschaftsschicht und die Orte ihrer Freizeitgestaltung: Rennplatz, Museum, Theater und Konzert. Andererseits stellte er mit Vorliebe Frauen vom entgegengesetzten Ende der sozialen Stufenleiter dar: WĂ€scherinnen und BĂŒglerinnen, Putzmacherinnen, Prostituierte. Dieses Interesse fĂŒr die soziale Wirklichkeit veranlasst den Kunstwissenschaftler Werner Hofmann, Degas’ Werk dem Realismus zuzuordnen.[11] Eins von Degas’ großen und auch von den Sammlern bevorzugten Themen wurde die TĂ€nzerin. Von den weit ĂŒber 200 Werken zum Thema Ballett behandelt nur etwas mehr als ein FĂŒnftel die eigentliche AuffĂŒhrung, der Rest zeigt TĂ€nzerinnen hinter den Kulissen, bei der Probe oder beim Ausruhen.[12]

An zentraler Stelle in Degas' SpĂ€twerk steht eine Serie von Bildern, vor allem Pastellen, weiblicher Akte, die baden, sich waschen, abtrocknen, kĂ€mmen oder frisiert werden. Der Maler verzichtete darauf, ein Idealbild des weiblichen Körpers zu zeigen, wie es in der akademischen Malerei zur Konvention geworden war. Stattdessen stellte er Frauen in natĂŒrlicher Gestalt und natĂŒrlichen Posen dar. Er selbst sagte dazu: „Bis jetzt ist das Nackte immer in Posen wiedergegeben worden, die eine Zuhörerschaft voraussetzen, aber diese Weiber von mir sind ehrbare, schlichte Menschenkinder, die keine anderen Interessen haben, als die, welche in ihrem physischen Zustand begrĂŒndet liegen... Es ist, als ob man durch ein SchlĂŒsselloch guckte.“[13]

Stilistische Merkmale

Degas’ frĂŒhe PortrĂ€ts zeigen den klassizistischen Stil seines Vorbildes Ingres, so z.B. das PortrĂ€t RenĂ© Hilaire Degas von 1857. Als der Maler sich gegen Ende der 1850er Jahre den Motiven des Großstadtlebens zuwandte, Ă€nderten sich auch seine formalen Ziele. Er suchte nun vor allem nach neuen, spannungsvollen Raumlösungen. Die Aufmerksamkeit, die er der Aufteilung der BildflĂ€che widmete, und die prĂ€zise Abgrenzung der Formen unterscheiden ihn von den Impressionisten, denen er hĂ€ufig zugeordnet wird.

Charakteristisch fĂŒr Degas’ GemĂ€lde sind nun dezentrale Kompositionen, die das eigentliche Geschehen an den Bildrand rĂŒcken. Daraus entsteht eine Spannung zwischen FĂŒlle einer- und leerer FlĂ€che andererseits, beispielsweise bei den Bildern Die Tanzklasse (um 1871), Place de la Concorde (um 1875) und TĂ€nzerinnen an der Stange (1876/77). HĂ€ufig sind Figuren scheinbar willkĂŒrlich be- oder zerschnitten. Dies geschieht entweder durch den Bildrand wie bei Place de la Concorde, wo alle vier dargestellten Personen sowie der Hund nur fragmentarisch zu sehen sind, oder durch vorgesetzte GegenstĂ€nde wie bei dem GemĂ€lde Bei der Modistin (1882), wo der Standspiegel nicht nur den Raum zerschneidet, sondern auch den Körper der Modistin zerstĂŒckelt[14]. Beide Stilmittel verarbeiten EinflĂŒsse der sich entwickelnden Fotografie sowie der unter europĂ€ischen Malern damals sehr populĂ€ren japanischen Druckgrafik. Sie verleihen den GemĂ€lden den Anschein von Momentaufnahmen.

Den Einfluss japanischer Kunst spiegelt auch Degas’ Tendenz zur Verflachung des Bildraums durch den Verzicht auf perspektivische Mittel. Manchmal sind Fußböden, wie bei Die grĂŒnen TĂ€nzerinnen (1877 – 1879) weniger in die Tiefe als in die FlĂ€che projiziert, sodass „[
] man meint, sie wĂŒrden, den Körpern kaum mehr Halt gewĂ€hrend, ins Bodenlose abgleiten.“[15] Eine flĂ€chige Wirkung erreichte der Maler auch dadurch, dass er den Bildvorder- und Hintergrund unter Überspringung des Mittelgrundes zusammenzog. Auf dem GemĂ€lde Musiker in der Oper (1872) ist der Abstand zwischen den Musikern und den TĂ€nzerinnen auf der BĂŒhne aufgehoben. Dies fĂŒhrt zudem zu extrem disparaten GrĂ¶ĂŸenverhĂ€ltnissen der dargestellten Figuren.

Degas’ Freude am Experimentieren ließen ihn nach ungewöhnlichen Blickwinkeln suchen, wie bei der steil von unten gesehenen Miss Lala im Zirkus Fernando (1879).

Pastellmalerei

Bei der Modistin (1882), Pastell, 75,5 Ă— 85,5 cm

Zu Beginn der 1870er Jahre entdeckte Degas die Pastellmalerei fĂŒr sich und fĂŒhrte sie in einem ĂŒber drei Jahrzehnte dauernden Schaffensprozess zur Vollendung.[16] Seine Pastellbilder wurden von den zeitgenössischen KĂŒnstlern bewundert. FĂŒr seine malerisch ausgearbeiteten Pastelle entwickelte er eine besondere Technik. Die Bilder wurden in zahlreichen Schichten aufgebaut, wobei jede neu hinzugekommene Farblage fixiert wurde. Dazu benutzte Degas ein spezielles Fixativ, dessen Rezept er aus Rom mitgebracht hatte.[17] Er erzielte mit seinem Verfahren eine leuchtende Farbigkeit und eine trockene Farbwirkung, die an Freskomalereien erinnerte. Degas’ Pastelle wurden zum Vorbild fĂŒr viele nachfolgende KĂŒnstler.

Arbeitsweise

Degas lehnte die von den Impressionisten gern praktizierte Freilichtmalerei ab. Er arbeitete im Atelier mit Hilfe von Modellen oder von Zeichnungen, die er vor Ort gemacht hatte oder auch einem bereits vorhandenen Fundus entnahm. „Es hat nie eine weniger spontane Kunst gegeben als die meine“, erklĂ€rte er. „Was ich mache, ist das Resultat des Nachdenkens und des Studiums der großen Meister. Von Inspiration, SpontaneitĂ€t, Temperament [...] weiß ich nichts.“[18] In den Jahren 1895/96 beschĂ€ftigte Degas sich mit der Fotografie; aus dieser Zeit sind zwei GemĂ€lde nachgewiesen, zu deren Vorbereitung er sich eigener Fotografien bediente. Jedoch kehrte er, da ihn das Verfahren offenbar nicht befriedigte, danach wieder zur Zeichnung zurĂŒck.[19][20] Große Bedeutung maß Degas, wegen der damit verbundenen Freisetzung der Phantasie, dem Zeichnen und Malen aus dem GedĂ€chtnis bei.

Überliefert ist die Gewohnheit des KĂŒnstlers, fertige Bilder wieder und wieder zu ĂŒberarbeiten.[21]

Zeichnung

Degas zeichnete wĂ€hrend seiner gesamten fĂŒnfzigjĂ€hrigen Schaffenszeit, bis er gegen 1908 wegen seiner schlechten Augen diese kĂŒnstlerische Disziplin aufgeben musste. Es sind zahlreiche Äußerungen ĂŒberliefert, die deutlich machen, welche Bedeutung er dem Zeichnen beimaß und dass er seine Zeichnungen höher schĂ€tzte als seine Malerei.[22]

Die Experimentierfreude des KĂŒnstlers zeigt sich in der Wahl seiner Darstellungsmittel. Er zeichnete mit Bleistift, Kreide, Kohle, Pastellstiften und verdĂŒnnter Ölfarbe auf zum Teil farbig getöntes Papier, wobei er hĂ€ufig auf einem und demselben Blatt unterschiedliche Techniken kombinierte. Degas besaß eine besondere Vorliebe fĂŒr farbige Zeichnungen; hierfĂŒr wurde ab Anfang der 1870er Jahre Pastellkreide sein bevorzugtes Medium. Sie erlaubte es ihm, eine lineare, zeichnerische Darstellungsweise mit malerischer FlĂ€chigkeit zu verbinden. Viele seiner Pastelle sind so stark bildhaft ausgearbeitet, dass die Abgrenzung zur Malerei verschwimmt.

WĂ€hrend seiner Studienjahre von 1853 bis zum Ende der 1850er Jahre nutzte Degas das Mittel der Zeichnung vor allem, um sich die Kenntnisse und Methoden Ă€lterer Vorbilder anzueignen. Er fertigte ĂŒber 740 Nachzeichnungen[23], ĂŒberwiegend nach Meistern der Renaissance und des Klassizismus, an. Dabei konzentrierte er sich auf figĂŒrliche Darstellungen. Sein Zeichenstil zeigt in dieser Phase eine wachsende Sicherheit und SpontaneitĂ€t.[24]

Danach diente Degas die Zeichnung einerseits zur Vorbereitung von GemĂ€lden, andererseits fertigte er zunehmend Zeichnungen an, die als ‚Endzweck‘ gedacht waren. Ab den 1880-er Jahren ĂŒbertraf das zeichnerische Schaffen die GemĂ€ldeproduktion. Das SpĂ€twerk ist gekennzeichnet durch grĂ¶ĂŸere Formate (bedingt durch die nachlassende Sehkraft) sowie eine fortschreitende Vergröberung und den Verzicht auf Raumillusion.

Druckgrafik

Drei Dirnen auf einem Sofa (um 1879), Pastell ĂŒber Monotypie, 16 Ă— 21,5 cm

Vor allem auf dem Gebiet der Druckgrafik zeigen sich Degas’ Experimentierfreude und sein Interesse an neuen Techniken. Er schuf zahlreiche Radierungen, wobei er sich sowohl der Kaltnadel- als auch der Ätztechnik und der Aquatinta bediente und diese Verfahren miteinander mischte. Ebenso experimentierte er mit der Lithografie. Bekannt wurde er fĂŒr seine Monotypien. Mittels dieser Drucktechnik lassen sich nur ein deutlicher und allenfalls ein oder zwei schwĂ€chere AbzĂŒge herstellen, die Degas hĂ€ufig mit Pastellkreide ĂŒberarbeitete. Die meist kleinformatigen Monotypien zeigen Szenen aus dem Ballett, Theater sowie dem Alltag im Bordell.

Plastiken

VierzehnjĂ€hrige TĂ€nzerin, Bronzeguss von 1922 nach der Originalskulptur von ca. 1879/80. Bronze, teilweise bemalt, mit TĂŒllrock und Satinband, Höhe mit Sockel 105 cm

Nach Degas’ Tod fand man in seinem Atelier mehr als 150 Plastiken, die meisten in schlechtem Erhaltungszustand.[25] Nur eine davon, die VierzehnjĂ€hrige TĂ€nzerin, war jemals öffentlich ausgestellt worden. Die ĂŒbrigen Plastiken, die Pferde, TĂ€nzerinnen und Badende darstellen, werden in Degas’ spĂ€tere Lebensjahre datiert. Vermutlich konzentrierte er sich, nachdem seine nachlassende Sehkraft ihm das Malen unmöglich gemacht hatte, ganz auf dreidimensionale Arbeiten.[26] Die frĂŒhere Auffassung, dass ihm die Plastiken als Modelle fĂŒr GemĂ€lde dienten, wird heute von den meisten Experten nicht mehr geteilt.[27] Degas verwendete fĂŒr seine Plastiken unterschiedliche Materialien wie Wachs, Ton, Plastilin und Textilien. Dies und die daraus resultierende Mehrfarbigkeit waren der traditionellen Bildhauerei fremd.

Die VierzehnjĂ€hrige TĂ€nzerin war von Degas 1881 auf der sechsten Impressionistenausstellung gezeigt worden. Die mit einem echten Röckchen und Tanzschuhen ausgestattet Wachsfigur mit ihren realistischen GesichtszĂŒgen stand außerhalb der etablierten Bildhauerkunst des 19. Jahrhunderts und wurde von den Kritikern unterschiedlich beurteilt. WĂ€hrend die einen ihre „schreckliche Wirklichkeit“ verurteilten, sah der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans darin eine zukunftsweisende Auffassung von Skulptur: „[
] alle Ideen des Publikums ĂŒber Bildhauerei, ĂŒber diese kalten, leblosen, weißen Erscheinungen, ĂŒber diese denkwĂŒrdigen, seit Jahrhunderten wiederholten schablonenmĂ€ĂŸigen Werke werden umgestĂŒrzt. Tatsache ist, daß Monsieur Degas die Traditionen der Bildhauerkunst umgestoßen hat [
].“[28]

Postum ließen Degas’ Erben von 72 der Plastiken BronzegĂŒsse in teilweise recht hohen Auflagen anfertigen.

Degas als Sammler

Weitgehend im Verborgenen baute Degas eine bedeutende Kunstsammlung auf. In seinem Nachlass fanden sich ĂŒber 1.000 GemĂ€lde und Zeichnungen sowie 4.000 Drucke, unter anderem von Ingres, Delacroix, Daumier, aber auch von Zeitgenossen wie Édouard Manet, Paul CĂ©zanne, Paul Gauguin und Mary Cassatt. Die Mehrzahl dieser Werke hatte Degas in den 1890er Jahren erworben. Hinzu kamen zahlreiche GemĂ€lde, Zeichnungen und Drucke von seiner eigenen Hand.

In den beiden Jahren nach seinem Tod ließen Degas’ Erben die rund 8.000 Objekte versteigern.[29] Zu den KĂ€ufern gehörten das Pariser MusĂ©e du Louvre sowie die National Gallery und das Victoria and Albert Museum in London.[30]

Rezeption

Degas stand bei den KĂŒnstlerkollegen in hohem Ansehen. So schrieb Camille Pissarro 1883 an seinen Sohn: „Sicher ist Degas der grĂ¶ĂŸte KĂŒnstler unserer Zeit.“[31] SpĂ€ter betonte er die ModernitĂ€t von Degas, der „[
] ununterbrochen vorstĂ¶ĂŸt und in allem, was uns umgibt, Eigenartiges findet.“[32] In seiner Nachfolge standen vor allem Henri de Toulouse-Lautrec und der mit ihm befreundete Walter Sickert.[33][34] Auch spĂ€tere KĂŒnstler, darunter Pablo Picasso, fanden bei Degas Anregungen.

FrĂŒh fand sein Werk auch das Interesse der Sammler, darunter der Maler und Sammler Gustave Caillebotte sowie die mit Degas persönlich bekannte amerikanische Sammlerin Louisine W. Havemeyer. Mit dem Baumwollkontor kaufte das Museum in Pau 1878 als erstes Museum ein Werk von Degas an. Ab den 1880-er Jahren verzeichneten seine Bilder einen Wertanstieg, „[
] der an Börsenspekulationen erinnerte.“[35] So ersteigerte Mrs. Havemeyer 1912 das GemĂ€lde TĂ€nzerinnen an der Stange von 1877 fĂŒr 435.000 Francs.[36] (Zum Vergleich: Im selben Jahr wurde Degas der Kauf eines Pariser Stadthauses fĂŒr 300.000 Francs angeboten.)[37] Mit dem Nachlass von Caillebotte ĂŒbernahm 1896 das Pariser MusĂ©e du Luxembourg eine Reihe von Degas’ Pastellen (heute im MusĂ©e d’Orsay). Nach dem Tod von Louisine W. Havemeyer gelangte nach 1929 eine große Anzahl seiner GemĂ€lde im Rahmen einer Stiftung in das New Yorker Metropolitan Museum of Art.

2008 erzielte eine ebenfalls TĂ€nzerinnen an der Stange genannte Papierarbeit in Mischtechnik bei Christie's, London mehr als 17 Millionen Euro.[38] Der Bronzeabguss von Degas’ Petite danseuse de 14 ans („Kleine vierzehnjĂ€hrige TĂ€nzerin“) aus dem Jahr 1922 (Original um 1880) ging im Februar 2009 ĂŒber das Londoner Auktionshaus Sotheby’s fĂŒr 13,26 Millionen Pfund (14,4 Millionen Euro) an einen asiatischen Sammler.[39]

Bedeutende Degas-Sammlungen befinden sich im MusĂ©e d’Orsay, Paris, und im Metropolitan Museum of Art, New York.

Literatur

  • Götz Adriani: Edgar Degas - Pastelle, Ölzkizzen, Zeichnungen. DuMont, Köln 1984, ISBN 3-7701-1552-X
  • Denys Sutton: Edgar Degas. Hirmer Verlag, MĂŒnchen 1986, ISBN 3-7774-4270-4
  • Richard Kendall (Hrsg.): Edgar Degas. Leben und Werk in Bildern. Delphin-Verlag, MĂŒnchen 1988
  • Wilhelm Schmid (Hrsg.): Wege zu Edgar Degas. Matthes & Seitz Verlag, MĂŒnchen 1988
  • Angelika Wenzel: Edgar Degas. Prestel, MĂŒnchen 2002
  • Bernd Growe: Edgar Degas. Taschen, Köln 2002
  • Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert. C.H. Beck, MĂŒnchen 2007, ISBN 978-3-406-56497-0

Film

  • David Thompson und Ann Turner: The unquiet spirit of Edgar Degas. Dokumentation 65 Min., Arthaus Musik, 2008 (1980), ISBN 978-3-939873-11-2

Einzelnachweise

  1. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 26.
  2. ↑ Denys Sutton: Edgar Degas, S. 310.
  3. ↑ Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert, S. 49.
  4. ↑ Denys Sutton: Edgar Degas, S. 102ff.
  5. ↑ Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert, S. 316.
  6. ↑ Denys Sutton: Edgar Degas, S. 227/228.
  7. ↑ Denys Sutton: Edgar Degas, S. 301 ff.
  8. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 100.
  9. ↑ Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert, S. 316.
  10. ↑ Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert, S. 40.
  11. ↑ Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert, S. 9ff.
  12. ↑ Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert, S. 170.
  13. ↑ Zitiert nach: Götz Adriani: Edgar Degas: Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 89.
  14. ↑ Werner Hofmann: Degas und sein Jahrhundert, S. 150.
  15. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 84.
  16. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas: Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 50/51.
  17. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas: Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 67.
  18. ↑ Zitiert nach: Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 60.
  19. ↑ Three Photographs. Princeton University Blog Service.
  20. ↑ Edgar Degas to be Featured in Exhibition at the J. Paul Getty Museum. Text zu einer Ausstellung des Getty Museums, Los Angeles.
  21. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, Fußnote 184 zu S. 67.
  22. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 18.
  23. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 32.
  24. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 34.
  25. ↑ Angela Schneider, Anke Daemgen, Gary Tinterow (Hrsg.): Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus dem Metropolitan Museum of Art, New York (Ausstellungskatalog), S. 141.
  26. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 80.
  27. ↑ Angela Schneider, Anke Daemgen, Gary Tinterow (Hrsg.): Französische Meisterwerke des 19. Jahrhunderts aus dem Metropolitan Museum of Art, New York, S. 140.
  28. ↑ Zitiert nach: Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 82.
  29. ↑ The Private Collection of Edgar Degas. Website des Metropolitan Museum of Art, New York.
  30. ↑ Denys Sutton: Edgar Degas, S. 308.
  31. ↑ Zitiert nach: Werner Hofmann, Degas und sein Jahrhundert, S. 9.
  32. ↑ Zitiert nach: Götz Adriani, Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 12.
  33. ↑ Götz Adriani: Edgar Degas – Pastelle, Ölskizzen, Zeichnungen, S. 12.
  34. ↑ Website zu einer Ausstellung in der Tate Britain, London.
  35. ↑ Denys Sutton: Edgar Degas, S. 295.
  36. ↑ Nachweis des GemĂ€ldes im Online-Bestandskatalog des Metropolitan Museum.
  37. ↑ Denys Sutton: Edgar Degas, S. 307.
  38. ↑ Website Christie’s.
  39. ↑ Knapp 15 Millionen Euro fĂŒr eine 14-JĂ€hrige. In: Die Welt, 4. Februar 2009

Weblinks

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