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Edmund Heines

Edmund Heines in SA-Uniform (1922)

Edmund Heines (* 21. Juli 1897 in MĂŒnchen; † 30. Juni 1934 in MĂŒnchen-Stadelheim) war ein deutscher Politiker (NSDAP) und SA-FĂŒhrer.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Heines wurde als unehelicher Sohn der Dienstmagd Helene Martha Heines geboren.[1] Sein Vater war der aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie stammende Oberleutnant Edmund von Parish, in dessen Dienst die Mutter als KindermĂ€dchen stand. Der Großvater mĂŒtterlicherseits war Johann Baptist Heines, ein Mechaniker aus Esslingen. Heines jĂŒngerer Bruder war der spĂ€tere NSDAP-Politiker Oskar Heines, der, wie auch die Schwester Martha, ebenfalls aus der außerehelichen Verbindung der Mutter mit von Parish stammte. Heines Halbschwester war die KostĂŒmbildnerin Hermine von Parish (1907–1998). Nach dem Besuch eines Gymnasiums und eines Realgymnasiums, an dem er 1915 das Abitur ablegte, trat Heines freiwillig in die Bayerische Armee ein. Im Ersten Weltkrieg war er bei der Feldartillerie an der Westfront eingesetzt. Heines wurde im Herbst 1915 schwer am Kopf verwundet[2], mehrfach ausgezeichnet und 1918 zum Leutnant der Reserve befördert.[3]

Freikorps und Kapp-Putsch

Nach Kriegsende schloss sich Heines dem Freikorps Roßbach an und war mit diesem Freikorps 1919 an KĂ€mpfen im Baltikum und dann anschließend im MĂ€rz 1920 am Kapp-Putsch beteiligt. Zwei Monate zuvor hatte Gerhard Roßbach den Berliner Tiergarten-Club ĂŒbernommen, in dem Heines die Rolle des GeschĂ€ftsfĂŒhrers ĂŒbernahm.[4] WĂ€hrend des Putsches wurde der Club zum befestigten Hauptquartier der Roßbach-Truppe umfunktioniert. Nach dem Scheitern des Putsches tauchten die Angehörigen des Freikorps insbesondere in Mecklenburg und Pommern unter. Heines ĂŒbernahm die Aufsicht ĂŒber Mitglieder, die auf drei GĂŒtern im Landkreis Greifenhagen in Pommern untergebracht waren. Im Juli 1920 war Heines an dem Fememord an Willi Schmidt beteiligt.[5] Schmidt, ein 20-jĂ€hriger Landarbeiter, wollte angeblich Waffenverstecke des getarnt untergebrachten Freikorps verraten.

Eintritt in die NSDAP und SA

Heines flĂŒchtete nach MĂŒnchen und ĂŒbernahm dort 1922 die FĂŒhrung der Ortsgruppe des Freikorps Roßbach. Im Dezember 1922 trat die gesamte Ortsgruppe zur SA ĂŒber; Heines ĂŒbernahm die FĂŒhrung des Zweiten Bataillons im MĂŒnchner SA-Regiment und wurde zudem Mitglied der NSDAP. Wegen seiner Teilnahme am Putschversuch Hitlers im November 1923 wurde Heines 1924 zu 15 Monaten Festungshaft verurteilt. Zusammen mit Hitler in Landsberg inhaftiert, wurde Heines im September 1924 vorzeitig entlassen. Zu diesem Zeitpunkt waren SA und NSDAP verboten; Heines ĂŒbernahm die FĂŒhrung des Zweiten Bataillons des MĂŒnchner Frontbann-Regiments, einer Ersatzorganisation der SA.

Nach der Wiederzulassung der NSDAP 1925 trat Heines der Partei ebenso wie der SA erneut bei. In der SA hatte er 1926 den Rang eines StandartenfĂŒhrers (Oberst) erreicht und trat fĂŒr die NSDAP als Reichsredner auf. Von 1925 bis August 1926 war Heines Bundesleiter des Wehrjugendverbandes Schill und leitete den Sportversand Schill. Die Schilljugend fungierte als Jugendorganisation der NSDAP, seitdem Hitler Heines am 6. Mai 1925 die ZustĂ€ndigkeit fĂŒr die Jugendangelegenheiten der Partei ĂŒbertragen hatte.[6] Am 31. Mai 1927 wurde Heines als AnfĂŒhrer einer Rebellion der MĂŒnchner SA aus der NSDAP und der SA ausgeschlossen. Aus Sicht der SA war die Partei zu gemĂ€ĂŸigt und zu bĂŒrokratisch.[7] Nach Meinung des sozialdemokratischen VorwĂ€rts war Heines „eine der ĂŒbelsten Erscheinungen in der MĂŒnchener Hitlerzeit“.[8]

Stettiner Fememordprozess

Edmund Heines (3. v.l.) mit Heinrich Himmler, Franz von Epp und Ernst Röhm (1933)

Der Mord an Willi Schmidt wurde 1927 durch einen Erpressungsversuch bekannt. Verteidigt von RĂŒdiger von der Goltz, war Heines der Hauptangeklagte im Stettiner Fememordprozess im April und Mai 1928. Nach einem Bericht der Vossischen Zeitung vom Prozessbeginn zeigte die Anklagebank

„das nun schon typische Bild derartiger Prozesse. Ein HĂ€uflein junger Leute mit dem stieren Blick unselbstĂ€ndig denkender Menschen und ein oder zwei intelligente FĂŒhrer. Das ist diesmal Leutnant a.D. stud. jur. Heines, ein kaum Erwachsener trotz seiner dreißig Jahre, dessen Leben sich zwischen Schulbank, Krieg und Kriegsspiel abgerollt hat, der noch bis zu seiner Verhaftung mit einer Singspielschar nach Jungenart durch das Land zog und sich selbst mit traurigem Stolz den ‚Typ des deutschen Landsknechts der Jetztzeit‘ nennt [
]“.[9]

Heines Aussagen und die seiner Mitangeklagten waren widersprĂŒchlich; nach Heines Angaben war Schmidt bei einem Fluchtversuch erschossen worden. Die Anklage forderte wegen Mordes die Todesstrafe fĂŒr Heines; das Urteil des Stettiner Gerichts lautete auf 15 Jahre Zuchthaus wegen Totschlag. Heines habe durchaus einen Mordplan gehabt, es sei jedoch nicht ausgeschlossen, dass ihm Zweifel gekommen seien und er Schmidt im Affekt erschossen habe, so die UrteilsbegrĂŒndung. Heines Verurteilung fiel in die Zeit einer Kampagne fĂŒr die Freilassung der Fememörder; so verwies der NSDAP-Abgeordnete Wilhelm Frick am 15. Juni 1928 in einer Reichstagsrede auf Heines und nannte die Fememordprozesse den „Ausfluß eines infernalischen jĂŒdischen Hasses gegen den Frontgeist, gegen den Geist des nationalen Widerstandes.“[10]

Wegen eines Verfahrensfehlers wurde der Prozess gegen Heines im Februar und MĂ€rz 1929 neu aufgerollt. Verteidigt von Friedrich Grimm wurde Heines nun zu fĂŒnf Jahren Zuchthaus verurteilt. In der UrteilsbegrĂŒndung hieß es, Heines sei „von der vaterlĂ€ndischen Wichtigkeit seiner Aufgabe durchdrungen“[11] gewesen, gegen den drohenden Verrat von Waffenlagern habe es nur das unzureichende Mittel der Umlagerung gegeben; zudem seien die Ruhe und Sicherheit im Kreis Greifenhagen stark gefĂ€hrdet gewesen. Am 14. Mai 1929 wurde Heines auf Beschluss des Stettiner Gerichts gegen eine Kaution von 5.000 Reichsmark aus der Haft entlassen.

Aufstieg in der NSDAP und SA

In Freiheit trat Heines − angekĂŒndigt als „Femerichter“ − bei Veranstaltungen fĂŒr die sogenannten Femegefangenen auf. Wegen seiner Vorstrafe weigerte sich die UniversitĂ€t MĂŒnchen zunĂ€chst, Heines als Jurastudenten aufzunehmen. Das Berliner Tageblatt nannte es „löblich“, „daß sich Herr Heines ĂŒber die Elementarbegriffe des Rechts informieren will“,[12] hielt die MĂŒnchner UniversitĂ€t jedoch nicht fĂŒr den geeigneten Ort.

Noch 1929 wieder in NSDAP und SA aufgenommen, fĂŒhrte Heines die SA-Standarte MĂŒnchen-Land, war 1930 NSDAP-Ortsgruppenleiter in MĂŒnchen-Haidhausen und zudem Adjutant des Gauleiters Adolf Wagner. Bei der Wahl im September 1930 kandidierte er auf dem Reichswahlvorschlag der NSDAP und erhielt ein Mandat im Reichstag. Am 12. Mai 1932 war Heines an einem tĂ€tlichen Angriff auf den Journalisten Helmuth Klotz im Restaurant des Reichstages beteiligt.[13] Klotz war von der NSDAP zur SPD ĂŒbergetreten und hatte im MĂ€rz 1932 Briefe Ernst Röhms veröffentlicht, die dessen HomosexualitĂ€t thematisierten.[14] Heines wurde zusammen mit drei weiteren NSDAP-Abgeordneten fĂŒr 30 Tage aus dem Parlament ausgeschlossen; die Sitzung musste abgebrochen werden, da sich die Ausgeschlossenen weigerten, das Plenum zu verlassen. Das Sitzungsprotokoll verzeichnet bei der Nennung von Heines Namen „erregte Zurufe links: Der Fememörder!“[15] Am 14. Mai wurde Heines wie auch die NSDAP-Abgeordneten Wilhelm Ferdinand Stegmann und Fritz Weitzel vom Schnellschöffengericht Berlin-Mitte zu drei Monaten GefĂ€ngnis wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung und tĂ€tlicher Beleidigung verurteilt.

Weitere Funktionen innerhalb der SA und NSDAP ĂŒbte Heines nur kurzzeitig aus: So war er vorĂŒbergehend stellvertretender Gauleiter des Gaues Oberpfalz, fungierte als Referent fĂŒr das Nachrichtenwesen und die Presse bei der Obersten SA-FĂŒhrung (OSAF) und fĂŒhrte im April und Mai 1931 wĂ€hrend der Niederschlagung der Stennes-Revolte SA-Einheiten in Berlin. Im Mai 1931 zum Stellvertreter des SA-Stabschefs Ernst Röhm ernannt, wechselte Heines zum 31. Juli 1931 nach Schlesien und ĂŒbernahm die FĂŒhrung der dortigen SA-Gruppe.

NS-Zeit und Tod

Edmund Heines (rechts) und Ernst Röhm wÀhrend einer Veranstaltung im Jahre 1933

Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ im FrĂŒhjahr 1933 wurde Heines zunĂ€chst zum Stellvertreter des schlesischen Gauleiters Helmuth BrĂŒckner ernannt. Am 11. Juli 1933 bekam er den Ehrenrang eines Preußischen Staatsrates verliehen. In der SA wurde Heines zu dieser Zeit von Röhm zum ObergruppenfĂŒhrer (General) befördert und mit der FĂŒhrung der SA-Obergruppe VIII (Schlesien) beauftragt.

Heines war in seiner Funktion als PolizeiprĂ€sident von Breslau, die er seit dem 26. MĂ€rz 1933 ausĂŒbte, maßgeblich verantwortlich fĂŒr die Errichtung des Konzentrationslagers DĂŒrrgoy, das auch als Heines’ „Privatlager“[16] bezeichnet wurde. Unter den Gefangenen in DĂŒrrgoy war auch der vormalige sozialdemokratische ReichstagsprĂ€sident Paul Löbe (1875–1967), der im August 1933 ohne Kenntnis der Berliner Gestapo von einem Kommando der Breslauer SA entfĂŒhrt worden war. Als Motiv fĂŒr die EntfĂŒhrung gelten „persönliche RachegelĂŒste“ Heines, der von Löbe 1932 nach den TĂ€tlichkeiten im Reichstag aus dem Parlament ausgeschlossen worden war.[17]

Am 30. Juni 1934 wurde Heines im Zuge der unter der Propagandabezeichnung „Röhm-Putsch“ bekannt gewordenen politischen SĂ€uberungswelle der Nationalsozialisten vom FrĂŒhsommer 1934 verhaftet und erschossen: Heines hatte sich zu einer von Hitler fĂŒr den 30. Juni anberaumten SA-FĂŒhrertagung im bayerischen Kur</b>ort Bad Wiessee eingefunden, wo er wie Röhm in der Pension Hanselbauer abstieg. Die Einladung erwies sich jedoch als Teil einer Finte, um die SA-FĂŒhrer politisch unschĂ€dlich zu machen: Die erwartete Besprechung kam nicht zustande, stattdessen erschien in den frĂŒhen Morgenstunden des 30. Juni ein Rollkommando unter FĂŒhrung Hitlers in Bad Wiessee, das Heines und Röhm und ihre Begleiter im Schlaf ĂŒberraschte und unter dem Vorwurf, einen Staatsstreich gegen Hitler geplant zu haben, verhaftete. Der Umstand, dass Heines bei der ErstĂŒrmung der Pension Hanselbauer im selben Bett mit einem anderen Mann – der spĂ€ter als sein Fahrer Erich Schiewek identifiziert werden konnte – angetroffen wurde, wurde spĂ€ter im Rahmen der propagandistischen Rechtfertigung des Vorgehens gegen die SA-FĂŒhrer genutzt, indem man ihn der Öffentlichkeit gegenĂŒber als Beleg prĂ€sentierte, dass Hitler „krankhafte Elemente“ und „Perverse“ beseitigt habe.

Die Gefangenen wurden ins GefĂ€ngnis Stadelheim gebracht. Heines war neben Hans Hayn, Hans Peter von Heydebreck, Wilhelm Schmid, August Schneidhuber und Hans Erwin von Spreti-Weilbach einer von sechs Stadelheim-HĂ€ftlingen, die noch am selben Tag auf Anweisung Hitlers von einem von Sepp Dietrich zusammengestellten Exekutionskommando erschossen wurden. Heines’ jĂŒngerer Bruder Oskar, auch er Mitglied der SA, wurde zwei Tage spĂ€ter, ebenfalls unter dem Vorwurf, in PutschplĂ€ne der SA verwickelt gewesen zu sein, erschossen.

Heines’ Verteidiger Friedrich Grimm hatte am 16. Mai 1933 den damaligen StaatssekretĂ€r Roland Freisler aufgefordert, Heines und andere ehemalige Fememörder fĂŒr ihre Taten zu entschĂ€digen, nachdem Freisler diese öffentlich zu „Helden der Nation“ erklĂ€rt hatte.[18] Im Nachlass Grimms ist folgende Charakterisierung Heines enthalten:

„Heines [
] hatte den Anschluss an das bĂŒrgerliche Leben verpasst [
], ein unausgeglichener Mensch, voll Sturm und Drang, ein Kindskopf [
]. Er war eine ausgesprochene Landsknechtnatur, fĂŒr das normale Leben verdorben. Sein Hass gegen die politischen Gegner kannte keine Grenzen.“[19]

Persönlichkeit

Edmund Heines (1930)

Heines war zu seinen Lebzeiten eine der am meisten gefĂŒrchteten und gehassten Figuren der nationalsozialistischen FĂŒhrungsriege. In weiten Kreisen der Bevölkerung war er aufgrund seiner BrutalitĂ€t und Skrupellosigkeit wie auch fĂŒr seinen ausufernden Sadismus berĂŒchtigt.[20] Die Charakterurteile ĂŒber ihn fallen in ihrer ĂŒberwĂ€ltigenden Mehrheit vernichtend aus: Ein Gericht, das Heines in den 1920er Jahren wegen einer Gewalttat zu einer dreimonatigen Haftstrafe verurteilte, hielt ihm bei der UrteilsverkĂŒndung vor, ein zu Roheitsdelikten und asozialer Einstellung neigender Mensch zu sein.[21] Der Hitler-Biograf Konrad Heiden sah in Heines ein „Scheusal“,[22] Fritz Stern, der seine Kindheit in „Heines’ Breslau“ verbrachte, erinnerte sich an den Polizeichef als einen „verabscheuungswĂŒrdigen Mann“, und der britische Journalist Sefton Delmer berichtete, dass ihn schon bei seiner ersten Begegnung mit Heines das GefĂŒhl beschlichen habe, einem „Killer“ gegenĂŒberzustehen.[23] Der Brite Stephen Henry Roberts schrieb wiederum: „FĂŒr Edmund Heines gibt es eine ErklĂ€rung. Mörder, Schmarotzer, Sadist und Homosexueller – nie gab es einen perverseren Burschen.“[24] FĂŒr den Karikaturisten Emery Kelen war Heines schlicht einer „jener falschkonstruierten Halbmenschen, die eine gute Welt zerstörten“.[25]

Delmer zufolge soll Heines vor 1933 als „oberster Vollstrecker der geheimen Mordabteilung der schwarzen Reichswehr“ mindestens achtzehn Menschen getötet haben.[26] Das Regime, das Heines als SA-OberfĂŒhrer von Schlesien und PolizeiprĂ€sident von Breslau in der Zeit vom FrĂŒhjahr 1933 bis zum Sommer 1934 in dieser Provinz fĂŒhrte, galt selbst gemessen an der mit der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ allgemein einsetzenden WillkĂŒr und Rechtlosigkeit als Ă€ußerst grausam und brutal: Das kommunistische Weißbuch ĂŒber die Erschießungen vom 30. Juni 1934 verpasste ihm in diesem Sinne den Spitznamen der „blutige Herr von Breslau“. Stern erinnerte sich noch Jahrzehnte spĂ€ter, dass man Heines’ Tod in Breslau als Erlösung empfunden habe: „Wir freuten uns ĂŒber seinen Tod“.[27] Obwohl er in der Öffentlichkeit als Mörder und Rabauke verschrien war, versuchte Heines, der seine Opfer bevorzugt ins Gesicht geschossen haben soll, öffentlich Kapital aus seinen Taten zu schlagen: Im Reichstagswahlkampf 1932 ließ er beispielsweise Werbeplakate fĂŒr seine Wahlreden mit dem Hinweis bedrucken „Der Fememörder Heines wird sprechen“.

WĂ€hrend Hitler eine persönliche Abneigung gegen Heines gehegt zu haben scheint, sah Ernst Röhm ihn als einen seiner engsten persönlichen Freunde an, dem er in unerschĂŒtterlicher Treue verbunden war, und auch in den TagebĂŒchern von Goebbels klingt immer wieder eine gewisse Sympathie fĂŒr Heines durch.

Sehr hĂ€ufig wurde von den Zeitgenossen und der Nachwelt auch das Ă€ußere Erscheinungsbild von Heines kommentiert: Heines war ungewöhnlich groß und krĂ€ftig gebaut. Kaum ein Zeugnis versĂ€umt es, seine imposante Statur hervorzuheben, die meist mit Worten wie gewaltig oder hĂŒnenhaft versehen wird. Delmer fiel Heines bereits bei ihrem ersten Zusammentreffen als Mann mit „niedriger Stirn, hellem Kraushaar, knallblauen Augen und vollen kirschroten Lippen“ auf. Der Historiker William Shirer fasste diese kontrastiven Merkmale zu dem Profil zusammen, Heines sei ein Mann mit dem „zarten Gesicht eines MĂ€dchens und dem Körper eines Möbelpackers“.[28] Die Reichstagsabgeordnete der SPD Toni Sender attestierte Heines die „verhĂ€rteten, rauhen ZĂŒge eines Killers“.[29]

HomosexualitÀt

Außer wegen seiner BrutalitĂ€t und Grausamkeit geriet Heines auch aufgrund seiner HomosexualitĂ€t in die Schlagzeilen: Noch vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten hatte die sozialdemokratische Zeitung MĂŒnchener Post im April 1931 unter der Schlagzeile „Stammtisch 175“ ĂŒber Röhm und seinen homosexuellen Freundeskreis in der SA berichtet und dabei auch Heines’ Namen genannt.[30] Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ hatte Himmler als ReichsfĂŒhrer der SS im Juli 1933 einen Informanten beauftragt, Erkundungen â€žĂŒber die als katastrophal geschilderten Ausschreitungen“[31] von Heines, dessen Adjutanten Hans Schmidt sowie die sexuelle Orientierung des schlesischen Gauleiters Helmuth BrĂŒckner einzuholen. Die von Himmler gesammelten Informationen trugen mit zu den Exekutionslisten bei, anhand derer beim „Röhm-Putsch“ vorgegangen wurde.

FĂŒr besonders nachhaltiges Aufsehen sorgte die nach der Niederschlagung des angeblichen „Röhm-Putsches“ von der Reichspressestelle der NSDAP verbreitete Meldung, dass das Verhaftungskommando, das Heines am 30. Juni festsetzte, ihn in seinem Zimmer in der Pension Hanselbauer gemeinsam mit einem „Lustknaben“ angetroffen habe, mit dem er ein Bett geteilt habe.[32] Trotz der offensichtlichen Diffamierungs- und Rechtfertigungsabsicht dieser Meldung wird ihre Richtigkeit im Kern durch mehrere Quellen bestĂ€tigt: So notierten Joseph Goebbels und Alfred Rosenberg die kompromittierenden UmstĂ€nde, unter denen Heines bei seiner Verhaftung angetroffen wurde, in ihren TagebĂŒchern. Rosenberg schrieb am 7. Juli 1934:

„Im Nebenzimmer war Heines in homosexueller BetĂ€tigung. â€șDas alles wollen FĂŒhrer in Deutschland seinâ€č, sagte der FĂŒhrer gequĂ€lt. Heines fĂŒhrte eine Heulszene auf: â€șMein FĂŒhrer, ich habe dem Jungen nichts getan.â€č Und der Lustknabe kĂŒĂŸt vor Angst und Wehe seinen Liebling auf die Backe. Amann erzĂ€hlt: Nie habe der FĂŒhrer sich an einem Menschen vergriffen, jetzt aber hĂ€tte er den Lustknaben gepackt und voller Ekel an die Wand geschmissen. Im Korridor kommt dem FĂŒhrer eine hagere Gestalt entgegen mit rot geschminkten Wangen. â€șWer sind Sie?â€č – â€șDer Zivildiener des Stabchefsâ€č. Da packt den FĂŒhrer eine Wut ohne gleichen, auf solche Weise seine S.A. beschmutzt zu sehen, er befiehlt die Lustknaben u.[nd] sonders in den Keller zu packen u.[nd] zu erschießen.“[33]

Veröffentlichungen

  • Schlesisches SA-Liederbuch, Breslau 1932
  • Hrsg., Luftschutz. Die deutsche Schicksalsfrage, Stuttgart 1934

Einzelnachweise

  1. ↑ Vormundschaftsakten im Staatsarchiv MĂŒnchen: Edmund Heines, AG MĂŒnchen IA, VV 1904/592.
  2. ↑ Auszug aus den Deutschen Verlustlisten (Bayer. 231) vom 4. November 1915, S. 9880
  3. ↑ Bayerisches Hauptstaatsarchiv IV, z. B. Kriegsstammrolle Nr. 13335
  4. ↑ Bernhard Sauer: Schwarze Reichswehr und Fememorde. Eine Milieustudie zum Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik. Metropol-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936411-06-9, S. 31f. Siehe auch Martin Schuster: Die SA in der nationalsozialistischen Â»Machtergreifung« in Berlin und Brandenburg 1926−1934. Dissertation TU Berlin 2005, S. 21.
  5. ↑ Irmela Nagel: Fememorde und Fememordprozesse in der Weimarer Republik. Böhlau Verlag, Köln 1991, ISBN 3-412-06290-1,S. 57f. Siehe auch Sauer, Reichswehr, S. 37f.
  6. ↑ Tessa Sauerwein: Schilljugend, 1924-1933. In: Historisches Lexikon Bayerns. (Stand 29. Mai 2008)
  7. ↑ Paul Hoser: Sturmabteilung (SA), 1921-1923, 1925-1945. In: Historisches Lexikon Bayerns. (Stand 30. April 2008)
  8. ↑ VorwĂ€rts Nr. 39 vom 21. Januar 1928, zitiert bei Nagel, Fememorde; S. 245.
  9. ↑ Vossische Zeitung Nr. 181 vom 17. April 1928, zitiert bei Nagel, Fememorde, S. 248. Ebenda S. 244-257 zum ersten Stettiner Prozess.
  10. ↑ Protokoll der Reichstagssitzung bei der Bayerischen Staatsbibliothek, siehe auch Nagel, Fememorde, S. 342.
  11. ↑ zitiert nach Nagel, Fememorde, S. 277.
  12. ↑ Berliner Tageblatt vom 10. Juli 1929, zitiert nach Nagel, Fememorde, S. 348.
  13. ↑ Herbert Linder: Von der NSDAP zur SPD. Der politische Lebensweg des Dr. Hemuth Klotz (1894–1943). (= Karlsruher BeitrĂ€ge zur Geschichte des Nationalsozialismus. Band 3) UniversitĂ€tsverlag Konstanz, Konstanz 1995, ISBN 3-87940-607-3, S. 174ff. Mitteilung in der Reichstagssitzung durch ReichstagsprĂ€sident Paul Löbe, siehe Protokoll der Reichstagssitzung vom 12. Mai 1932
  14. ↑ Burkhard Jellonnek: Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich. Schöningh, Paderborn 1990, ISBN 3-506-77482-4, S. 67, Linder, NSDAP, S. 168ff.
  15. ↑ Protokoll der Reichstagssitzung vom 12. Mai 1932
  16. ↑ Andrea Rudorff: Breslau-DĂŒrrgoy. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. (Band 2: FrĂŒhe Lager, Dachau Emslandlager.) C.H.Beck, MĂŒnchen 2005, ISBN 3-406-52962-3, S. 83–86, hier S. 84.
  17. ↑ Andrea Rudorff: Breslau-DĂŒrrgoy, S. 85.
  18. ↑ Sauer, Reichswehr, S. 283.
  19. ↑ Unterlagen in Grimms Nachlass im Bundesarchiv, zitiert bei Sauer, Reichswehr, S. 27.
  20. ↑ Den Sadismus schrieben ihm beispielsweise zu Walter Tausk: Breslauer Tagebuch. 1933-1940, S. 83 („der Sadist Edmund Heines“); Delmer („sadist pretty boy face“).
  21. ↑ Zeitschrift fĂŒr Geschichtswissenschaft, Band 50, 2001, S. 13.
  22. ↑ Konrad Heiden: Hitler, S. 376.
  23. ↑ Sefton Delmer: Die Deutschen und Ich, 1963, S. 110.
  24. ↑ 'Stephen Henry Roberts: Das Haus, das Hitler baute' 1938, S. 162.
  25. ↑ Emery Kelen: Alle maine Köpfe: Begegnungen mit den Grossen und Kleinen unserer Zeit, 1965, S. 132.
  26. ↑ Delmer: Die Deutschen und Ich, S. 110.
  27. ↑ Fritz Stern: FĂŒr Deutschland und ein Leben, S. 138.
  28. ↑ William L. Shirer: The Rise and Fall of the Third Reich, 1990, S. 221. Frank Rector: The Nazi Extermination of Homosexuals, 1981, S. 89 spricht ganz Ă€hnlich von einem mĂ€dchenhaften Gesicht auf dem Körper eines Lastwagenfahrers („distinguished by a girlish face on the body of a truck driver“), Und fĂŒgt hinzu, dass er elegant, geschmeidig und tadellos gepflegt gewesen sei („elegant, suave, and impeccably groomed killer“).
  29. ↑ Toni Sender: The Autobiography of a German Rebel, 1939, S. 277(„hardened, brutish features of a killer“).
  30. ↑ MĂŒnchener Post vom 14. April 1931 (Nr. 85), auszugsweise zitiert bei Jellonnek, Homosexuelle, S. 62.
  31. ↑ Jellonnek, Homosexuelle, S. 96.
  32. ↑ „Eine ErklĂ€rung der Reichspressestelle der NSDAP“, nachgedruckt in der Sondernummer des Völkischen Beobachters vom 1. Juli 1934, Seite 1. Zitiert nach Burkhard Jellonnek: Homosexuelle, S. 97.
  33. ↑ Hans-GĂŒnther Seraphim (Hrsg.): Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs. 1934/35 und 1939/40. Dokumentation. MĂŒnchen 1964, S. 45.)

Literatur

  • Joachim Lilla (Bearb.): Die Stellvertretenden Gauleiter und die Vertretung der Gauleiter der NSDAP im „Dritten Reich“. (= Materialien aus dem Bundesarchiv. Heft 13) Koblenz 2003, ISBN 3-86509-020-6.
  • Walter Tausk, Breslauer Tagebuch 1933-1940, herausgegeben von Ryszard Kincel, Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1988, ISBN 3-88680-274-4
  • Hubert Schorn, Der Richter im Dritten Reich, Vittorio Klostermann, Frankfurt 1959, S. 68 u. 70

Weblinks

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