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Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) war eine Rauborganisation der NSDAP für Kulturgüter aus den besetzten Ländern während des Zweiten Weltkrieges, die unter der Leitung des NS-Parteiideologen Alfred Rosenberg und dem von ihm geführten Außenpolitischen Amt der NSDAP (APA) stand.
Inhaltsverzeichnis |
Offizielle Ausgangsbasis des ERR war das Projekt einer „Hohen Schule“, die als „zentrale Stätte der nationalsozialistischen Forschung“ geplant war.[1] Rosenberg wollte sein Forschungsinstitut mit dem Material der Gegner der nationalsozialistischen Weltanschauung füllen, das er in den Bibliotheken und Archiven von jüdischen, freimaurerischen, kommunistischen und demokratischen Organisationen in den besetzten Ländern zu finden hoffte. Aus diesem Grund entstand im Juli 1940 in Paris der "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" mit der Gründung des Amtes Westen. Diese Organisation war nach Aufgabenbereichen in verschiedene Stäbe aufgeteilt. Erst danach entstand die Führungsorganisation in Berlin als Unterabteilung des Amtes III des APA.
Nach dem Frankreichfeldzug stießen die Mitarbeiter des ERR bei der Suche nach Büchern und Archivmaterial vor allem in Frankreich und in den Benelux-Ländern auf riesige Bestände von Kunstgegenständen, die sich im Besitz von wehrlosen Menschen jüdischer Abstammung befanden. Die deutsche Botschaft in Paris und SS-Einsatzkommandos in der Geheimen Feldpolizei begannen sofort nach der Besetzung, aus bekannten Sammlungen und Galerien die wertvollsten Bilder zu rauben. Rosenberg und seine Organisation wollten an diesen Raubzügen beteiligt werden. Rosenberg gelang es, von Hitler die Vollmacht zu erhalten, als einzige Kunstrauborganisation in den besetzten Ländern wirken zu können. Die Nationalsozialisten waren so darauf aus, sich wertvolle Kunstwerke anzueignen, dass der NS-Kunstraub das wichtigste Arbeitsfeld des ERR wurde. Daneben wurden viele Bibliotheken geraubt, die den genannten Studien dienen sollten, so für das einzurichtende Institut zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main, vor allem aber für die Bibliothek der Hohen Schule.
Zwischen 1940 und 1945 war der ERR erst in Frankreich, den Benelux-Ländern, dann in Polen und dem Baltikum, in Griechenland und Italien und auf dem Gebiet der Sowjetunion im Reichskommissariat Ostland sowie Reichskommissariat Ukraine tätig. Der Einsatzstab verfügte über acht regionale Haupteinsatzgruppen und zunächst fünf fachliche Sonderstäbe (Musik, Bildende Kunst, Vorgeschichte, Bibliotheken, Kirchen). Die Raubzüge des ERR waren verbunden mit der Deportation der ausgeraubten Menschen in Konzentrationslager, die sie zumeist in den sicheren Tod führte.
Der Ideologe Alfred Rosenberg war ein schlechter Manager, der über wenig Machtmittel verfügte. Als der ERR die ersten großen Sammlungen beschlagnahmt hatte und Rosenberg sie nach Deutschland transportieren lassen wollte, weigerte sich der Militärbefehlshaber in Paris, dies zuzulassen, und verbot Rosenberg kurzerhand den Abtransport der Bilder. Da sprang Hermann Göring als Helfer ein. Der zweitmächtigste Mann des Dritten Reiches verfügte über genügend Macht, um seine Ziele zu verfolgen, und war entschlossen, sich an der Beute in den besetzten Ländern zu beteiligen. Göring verfügte in Paris über das Luftwaffenkommando für Frankreich und England und damit über Soldaten, Eisenbahnen und Devisenschutzkommandos. So half er dem ERR beim Beutemachen und Abtransport, beanspruchte dafür aber die erste Auswahl der geraubten Bilder. Deshalb brachte er im Einsatzstab heimlich Personal auf seine Seite. Der Leiter des ERR in Frankreich und des Sonderstabes Bildende Kunst in Frankreich, Kurt von Behr, war immer bemüht, Göring jeden Wunsch zu erfüllen. Dafür unterstützte Göring ihn bei vielen Gelegenheiten gegen seinen Chef Rosenberg. Auch der Berliner Leiter aller Sonderstäbe Gerhard Utikal war bemüht, Göring jeden Wunsch zu erfüllen, und agierte im Zweifel lieber gegen seinen eigenen Chef. Göring besorgte auch weiteres Personal wie Fotografen, Kunsthistoriker u.a. für den Einsatzstab, indem er Heeresgehörige in die Luftwaffe und anschließend nach Paris versetzte. So kamen der Kunsthistoriker Günther Schiedlausky und der Fotograf Karl Kress zum Einsatzstab in Paris anstatt zur Ostfront. Auch diese Personen waren Göring gegenüber loyal. Dessen größter Coup war die Installation des Kunsthistorikers Bruno Lohse in der Leitung des Sonderstabs Bildende Kunst in Paris. Lohse, ein junger Kunsthistoriker und Kunsthändler aus Berlin, war als Gefreiter bei den Panzerjägern in Ostpreußen, als er für einem Monat zu ERR nach Paris abgeordnet wurde. Am Ende der Zeit begegnete er bei einer Präsentation von geraubten Bildern Göring, der von den Fachkenntnissen Lohses zu niederländischen Malern des 17. Jahrhunderts beeindruckt war. Laut Lohses Darstellung machte ihm Göring am Tag danach das Angebot, dauerhaft als sein Vertrauter in den Einsatzstab abgeordnet zu werden. Dort sollte Lohse seine Interessen vertreten. Er wurde dann stellvertretender Leiter des Sonderstabes Bildende Kunst in Paris. Auch Lohse wechselte zur Luftwaffe mit dem Standort Paris. Er bereitete darauf regelmäßig Ausstellungen des Raubgutes für Göring, wenn dieser nach Paris kam. Göring reiste in den Jahren 1941 und 1942 circa 20 mal in seinem Sonderzug nach Paris und nahm die geraubte Ware in angehängten Waggons gleich mit. Lohse bekam zusätzlich den Auftrag, auf dem Kunstmarkt Bilder für Göring ausfindig zu machen. Lohse war voll mit den Arbeiten für Göring beschäftigt und nicht den Weisungen der ERR-Leitung verpflichtet, sondern nur Göring gegenüber. [2]
Mit Führerbefehl vom 5. Juli 1940 ermächtigte Adolf Hitler den ERR:
Am 17. September 1940 bevollmächtigte Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel im Auftrage Hitlers den ERR, „jeglichen herrenlosen Kulturbesitz sicherzustellen“.[3]
Im Juli 1940 wurde der ERR Frankreich, Dienststelle Westen unter Kurt von Behr in Paris eingerichtet. Das Zentralamt des ERR befand sich neben dem Amt Rosenberg und Außenpolitischen Amt der NSDAP in der Margaretenstraße 18 in Berlin.[4] Der ERR war keine staatliche Einrichtung, sondern eine Unterorganisation der NSDAP. Rosenberg hatte den Auftrag zur Gründung und Einrichtung der „Hohen Schule“ der Partei. Sie sollte die zentrale Stätte der NS-Forschung, Lehre und Erziehung werden. Dazu gehörte die Einrichtung von Bibliotheken. Rosenberg ließ daher jüdische und freimaurerische Bibliotheken beschlagnahmen, um Kenntnisse über den Gegner zu gewinnen.[5] Als die Beschlagnahmekommandos in Frankreich unterwegs waren, entdeckten die Verantwortlichen, dass es sehr hohe Mengen von Kunstgut gab, deren man habhaft werden konnte. Daher wurde der Kompetenzbereich des Kommandos ERR auf die Beschlagnahme sämtlichen Kunst- und Kulturgutes erweitert.[6] Von April 1941 bis Juli 1944 brachten 29 Transporte beschlagnahmte Werke aus Paris nach Deutschland, wo der ERR im Schloss Neuschwanstein sein Hauptdepot unterhielt.
An über 50 verschiedenen Orten wurden Kunstgegenstände konfisziert und in 7 Ausstellungen im Museum Jeu de Paume gezeigt, vor allem um Rosenberg und Hermann Göring, mit dem der ERR in Paris eng zusammenarbeitete, einen Überblick über die wertvollsten Gegenstände zu verschaffen. Die beschlagnahmten Bibliotheken, darunter die „Polnische Bibliothek“, die „Turgenjew-Bibliothek“ und die Bibliotheken zahlreicher Pariser Logen, sollten der Zentralbibliothek der Hohen Schule zugute kommen. Laut Arbeitsbericht umfassen die Beschlagnahmungen 21.903 Objekte aus 203 Sammlungen.
Der Kunstraub im Osten begann bald nach Kriegsbeginn 1939/40 in Polen in Verantwortung der SS Himmlers und im Generalgouvernement Polen unter dem Beauftragten Kajetan Mühlmann. Der ERR wurde in Osteuropa erst mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 tätig, als Rosenberg Reichsminister für die besetzten Ostgebiete wurde. Der ERR unterhielt bald zahlreiche Außenstellen, mit dem Angriff wurden drei Hauptarbeitsgruppen (HAG) gebildet: Ostland (Baltikum), Mitte (Weißrussland, westliches Russland), Ukraine. Der Einsatzstab ging in Konkurrenz zu anderen dort operierenden nationalsozialistischen Institutionen vor, insbesondere dem Sonderkommando Künsberg und der Forschungs- und Lehrgemeinschaft Ahnenerbe, die Heinrich Himmler unterstanden. Alle drei Organisationen waren in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht und der SS mit dem Aufspüren, Klassifizieren und dem Abtransport beziehungsweise der Zerstörung von Kunstwerken, Bibliotheken und Archiven beauftragt.
Das Zentralamt Berlin, eine Abteilung des Außenpolitischen Amtes der NSDAP, unter der Leitung Georg Eberts (bis 1941), später von Gerhard Utikal, gliederte sich in drei Abteilungen:
Das Amt Westen des ERR mit Sitz in Paris, zuständig für Frankreich Belgien, Luxemburg und Niederlande, wurde im Juli 1940 gegründet. Chef war Georg Ebert, ab Herbst sein Stellvertreter DRK-Feldführer Kurt von Behr. Ebert war gleichzeitig Chef aller Sonderstäbe in diesen Ländern sowie Leiter des Sonderstabes Bildende Kunst. Anfang 1941 wurde Gerhard Utikal mit Sitz in Berlin Eberts Nachfolger, zuständig für Einsatzstäbe in allen Ländern. Daraufhin wurde von Behr, mittlerweile DRK-Oberfeldführer, Leiter des ERR Frankreich (Amt Westen, zuständig auch für die Benelux-Länder) und hatte damit die Aufsicht über alle Sonderstäbe. Behr war gleichzeitig Leiter des Sonderstabes Bildende Kunst. Ebert wurde der Botschaft als Vertreter Rosenbergs beigeordnet und blieb in Paris. Von Behr übernahm am 25. März 1942 auch die Koordination der "M-Aktion", die Beschlagnahme von Möbeln für deutsche Zwecke, die aus Wohnungen von Inhaftierten und Verschleppten genommen wurden.
Sieben Sonderstäbe koordinierten von Paris aus die Aktivitäten des Einsatzstabs in Westeuropa:[7]
Hinzu kamen der[9]
Im Januar 1943 hatte die Stabsführung des ERR 350 Mitarbeiter. Laut Utikal war der ERR eine Kriegseinrichtung des Reichsleiters Rosenberg. Die Tätigkeit wurde als kriegswichtig angesehen, was dadurch sichtbar sei, daß die Angehörigen zum Wehrmachtsgefolge rechnen.[10] Die Mitarbeiter trugen spezielle Uniformen.
Außenstellen - Im Frühjahr 1943 wurden die Berliner Zentrale des ERR von Bomben schwer getroffen. Eine Außenstelle als Buchleitstelle (Aufbau durch Herbert Lommatzsch; sp. Leiter: Dr. Ulrich Cruse) vor allem für die Bibliotheksbestände aus dem Osten wurde in Ratibor im September 1943 unter Gerd Wunder eingerichtet. Die Bücher lagerten u.a. im Schloss Pless. Von Ratibor wurden sie teilweise weiterverteilt. Auch der Sonderstab Wissenschaft residierte in Ratibor. Im Januar 1945 musste der Standort aufgegeben werden, wobei die Transportkapazitäten nicht ausreichten, um die Bestände mitzunehmen. [11]
Der Einsatzstab unterhielt weitere Außenstellen in Amsterdam, Brüssel, Belgrad, Riga, Reval, Wilna, Dorpat, Minsk, Gorki, Smolensk, Kiew, Charkow, Dnjepropetrowsk, Simferopol und Hohenschwangau.
Depots für das Raubgut:
Bereits während des Krieges und kurze Zeit danach wurden im Machtbereich der Alliierten Organisationen zur Aufklärung des Kunst- und Kulturraubs des ERR und anderer nationalsozialistischer Organisationen gegründet:
In der neugegründeten Bundesrepublik wurde die Diskussion um die Rückgabe und Restitution hauptsächlich unter dem Schlagwort Wiedergutmachung geführt.
Quellen / Dokumente
Allgemeine Darstellungen
Frankreich, Belgien und Niederlande
Ostland, Ukraine und Generalgouvernement
Spezielle Forschungen
Wirkungsgeschichte