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Der Empirismus (griechisch εμπειρισμός, von der Empirie, bzw. lateinisch empiricus, der Erfahrung folgend‘) ist eine erkenntnistheoretische Grundposition, der zufolge alle wahren Erkenntnisse aus der Sinneserfahrung, der Beobachtung oder dem Experiment stammen. In der Philosophiegeschichte tritt der Empirismus als Strömung zunächst als Gegenentwurf zum Rationalismus auf. Da der Empirismus die Methodologie der Naturwissenschaften rechtfertigt, hatte er von der Zeit Galileo Galileis bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts am Aufstieg der Naturwissenschaften teil. Formen im 20. Jahrhundert sind der Logische Empirismus und der Konstruktive Empirismus.
In Klassifikationen erkenntnistheoretischer Positionen wird mit „Empirismus“ üblicherweise eine Familie von Theorien bezeichnet, die einer zweiten Familie gegenübergestellt wird, die dann als „Rationalismus“ bezeichnet wird. Varianten eines „Rationalismus“ in diesem Sinne beanspruchen üblicherweise, dass ein Wissen aus reiner Vernunft gegenüber der Empirie primär sei und dass es der empirischen Welterfahrung vorausliegendes Wissen bzw. epistemische Rechtfertigung aus reiner Vernunft (sog. a priori-Wissen bzw. a priori-Rechtfertigung[1]) auch für Fakten der aktualen Welt gibt.
Im Rahmen eines so verstandenen "Rationalismus" wurde und wird oft zusätzlich vertreten, dass einige Ideen und Begriffe nicht aus der Empirie stammen, sondern mit der Vernunft selbst gegeben („angeboren“) seien (sog. Nativismus) oder - unvermittelt über empirisches Weltwissen - direkt durch die reine Vernunft erkannt werden (sog. Intuitionismus).
"Rationalisten" wie Descartes hatten vertreten, dass es Wissen nicht nur von Begriffsimplikationen, sondern auch von Fakten der aktualen Welt gibt, welches nur durch Intuition oder Deduktion gebildet wird, z.B. Wissen von der Existenz Gottes; "Empiristen" akzeptieren Fälle empirieunabhängigen intuitiven bzw. deduktiven Wissens klassischerweise nur von Zusammenhängen unserer Begriffe, nicht aber von Informationen über die aktuale Welt.[2]
Im Rahmen klassischer empiristischer Theorien wurden Modelle für Erfahrungsschlüsse vorgeschlagen. So hatte beispielsweise John Stuart Mill eine Theorie des Schlusses vom Einzelfall auf allgemeine Fälle bzw. Gesetze, sog. Induktion formuliert.[3]
Einige Theoretiker schlugen darüberhinaus Modelle für zusätzliche Schlussverfahren vor, so etwa Charles Sanders Peirce für Fälle einer direkten Hypothesenaufstellung, um zunächst überraschend erscheinende Tatsachen zu erklären, sog. Abduktion (wobei im Unterschied zur Begriffsverwendung in der traditionellen Logik die Tatsache dann deduktiv folgt und nicht nur Untersatz und Konklusion wahrscheinlich sind).
Empiristische Positionen gehen üblicherweise einher mit dem Anspruch, dass überhaupt nur diejenigen Überzeugungen wahr sein können, die auf sinnliche Wahrnehmung zurückgeführt werden können. Von wahren und auf diese Weise empirisch rückführbaren Überzeugungen werden Einbildungen abgegrenzt. Sie bestehen zwar aus Elementen aus der Erfahrung, die aber zerlegt und neu kombiniert wurden, so dass das Produkt keinen zureichenden eigenen Anhalt an der Erfahrung mehr hat. Die Vorstellung muss also auch in der Erfahrung wiedergefunden werden können. Dieser Anspruch kann als sog. Verifikationskriterium formuliert werden. Demnach kann nur Verifizierbares als wahr gelten und nur Sätze, welche empirisch Verifizierbares ausdrücken, können überhaupt als sinnvoll und überhaupt möglicherwiese wahr oder falsch (d.i. wahrheitswertfähig) gelten.
Aus der Geltung eines Verifikationsprinzips im geschilderten Sinne folgt unmittelbar die Sinnlosigkeit metaphysischer und religiöser Aussagen, sofern für diese keine Verifikation in Frage kommt. Da viele Vertreter eines Empirismus auch Letzteres für gegeben hielten, führten diese Annahmen sie zu metaphysikkritischen und religionskritischen Stellungnahmen.
Eine Steigerungsform dieses Misstrauens gegenüber theoretischen Gegenständen kann zum Skeptizismus (als argumentative Figur bei Rene Descartes, als Position bei David Hume) bzw. zum Konstruktivismus führen. Dieser Zweifel kann aber auch benutzt werden, um idealistische Positionen zu rechtfertigen (so bei George Berkeley).
Ein Empirismus, der das mögliche Wissen auf die eigenen sinnlichen Erfahrung beschränkt, ist der Sensualismus (beispielsweise vertreten von Ernst Mach und in seinem Frühwerk Bertrand Russell). Eine robuste, wenn auch zum Teil naiv realistische Form des Empirismus ist die Common-Sense-Philosophie.
Derartige empiristische Theorien wurden oftmals als wissenschaftstheoretische Hintergrundannahmen naturwissenschaftlicher Forschung beansprucht bzw. vorausgesetzt. Auch Zweige der Altphilologie und der Geschichtsforschung, etwa die von David Friedrich Strauß begründete Leben-Jesu-Forschung können in diesem Sinne als ursprünglich empiristische Projekte der Rückführung der traditionellen Überlieferung auf reale Erfahrungen betrachtet werden. Im Zuge einer fortschreitenden Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften rückte die Beziehung des Empirismus zu den Naturwissenschaften und z.B. eine Präferenz quantitativ-statistischer Methoden aber stärker in den Vordergrund. (Siehe auch Methodenstreit (Sozialwissenschaften).)
Besonders einflussreich war der Empirismus in den Varianten des "Logischen Empirismus" für den sog. Wiener Kreis um den bei Max Planck promovierten, dann auf dem Lehrstuhl Ludwig Boltzmanns lehrenden Moritz Schlick, mit Kurt Gödel, Hans Hahn, Otto Neurath, Karl Popper und anderen, den sog. Berliner Kreis mit Hans Reichenbach und anderen und die sog. Lemberg-Warschau-Schule mit Alfred Tarski und anderen. Diese Autoren, deren Umfeld und Schüler prägten über lange Zeit größere Teile des Wissenschaftsdiskurses.
In der Antike haben gegenüber den rationalistischen Systemen vorsokratischer Philosophen, (mit Ausnahme der Kyrenaiker) sowie denen Platons und Aristoteles die Erkenntnistheorie der Stoiker und Epikureer einen mehr empiristischen Charakter.
Im Mittelalter neigen dem Empirismus Wilhelm von Occam, Roger Bacon und zur Zeit der Renaissance Juan Luis Vives, Nizolio, Galileo Galilei, Tommaso Campanella, Leonardo da Vinci teilweise zu.
Der neuere Empirismus wurde von Francis Bacon begründet. Bei Thomas Hobbes können empiristische Einstellungen gefunden werden, noch klarer bei John Locke. Außerdem bei George Berkeley, bei David Hume, sensualistisch geprägt bei Étienne Bonnot de Condillac. Immanuel Kant beanspruchte, die Einseitigkeiten des Empirismus und des Rationalismus durch seinen Kritizismus und die Verbindung von Empirismus und Rationalismus.
Einen induktiven Empirismus begründete John Stuart Mill.
Einen kritischen Empirismus lehrten im 19. Jahrhundert Friedrich Eduard Beneke, Friedrich Ueberweg, Auguste Comte, Otto Friedrich Gruppe, Cornelis Willem Opzoomer, Eugen Dühring Ernst Laas, zudem Alois Riehl, Wilhelm Wundt, Friedrich Nietzsche, Herbert Spencer, Otto Caspari, Friedrich Harms, Eduard von Hartmann. Eine Theorie der reinen Erfahrung vertrat Richard Avenarius, ähnliches lehrten Heinrich Hertz, Ernst Mach, und Hans Cornelius, der den erkenntnistheoretischen Empirismus vom Naturalismus trennte und nur ersteren als konsequenten Empirimismus gelten lassen wollte, wohingegen er Letzteren als Scheinempirismus bezeichnete.[4]
Im Wiener Kreis um Moritz Schlick und im Berliner Kreis um Carl Gustav Hempel entwickelte sich ein Logischer Empirismus, der im 20. Jahrhundert von Rudolf Carnap wirkungsmächtig vertreten wurde. So beeinflusste er in Amerika Philosophen wie Willard Van Orman Quine und andere, auch noch einige der sog. postanalytischen Philosophie zugeordnete Theoretiker. Erkenntnis wurde dabei als logische Konstruktion der Erfahrung interpretiert.
Eine Möglichkeit, die Erweiterung von Erkenntnissen auf der Basis von Sinnesdaten, auf mathematische Weise zu handhaben, zeigt das Bayes-Theorem.
Der Kritische Rationalismus (Karl Popper) gibt die Position auf, dass sich sicheres Wissen aus Einzelbeobachtungen induktiv gewinnen oder auch nur zweifelsfrei bestätigen lasse (Verifikationismus) und spricht der Erfahrung vor allem eine kritisierende Funktion für Theorien und Überzeugungen zu (Fallibilismus).
Bas van Fraassens konstruktiver Empirismus ist eine der jüngsten Varianten empiristischer Positionen.
Die Einschränkung der Erkenntnis auf den Bereich der bloßen Erfahrung lässt sich nach Meinung verschiedener Kritiker des Empirismus nicht halten. Einige von ihnen[5] weisen darauf hin, dass der Empirismus als wissenschaftliche Theorie seinen eigenen Ansprüchen für Rechtfertigung nicht genüge, da der Satz „Alle Erfahrungserkenntnis ist wahr“ nicht aus Erfahrung herleitbar sei. Erst recht gelte dies für den Grundsatz des Empirismus, dass alleine die Erfahrung wahre Erkenntnis gewährleiste. Willard Van Orman Quine[6] legte in seinem Aufsatz „Two Dogmas of Empiricism“ dar, dass auch zentrale Grundbegriffe des klassischen Empirismus nicht empirisch verifizierbar sind. Auch die Ablehnung der klassischen Wissenschaftstheorie zugunsten liberalerer Ansätze, etwa durch Paul Feyerabend oder in Folge der wissenschaftssoziologischen Ansätze von Karl Mannheim, Ludwik Fleck und Thomas S. Kuhn fällt auf den Empirismus als Grundposition zurück.