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In der christlichen Theologie bezeichnet Parusie (griechisch Δευτέρα, Παρουσία, parusía, "Gegenwart, Anwesenheit, Ankunft, Wiederkunft")[1] die erwartete Wiederkunft Jesu Christi und mit ihr die Vollendung der Heilsgeschichte, nämlich das Kommen des Reiches Gottes. Von den ersten Christen wurde die Parusie noch zu ihren Lebzeiten erhofft.[2] Die Parusieverzögerung wird in verschiedenen Schriften des Neuen Testaments thematisiert und auf verschiedene Weise gedeutet.
In der hellenistischen Philosophie beschreibt das Wort ursprünglich das wirksame Gegenwärtigsein (griech. παρά: daneben, dabei und ουσία: Dasein, Wesenheit)[3] von Gottheiten und Herrschern. Platon bezeichnet damit die Anwesenheit bzw. Gegenwart der Ideen in den Dingen.
Inhaltsverzeichnis
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Im Frühchristentum der ersten zwei bis drei Jahrhunderte nach der Zeitenwende wurde – aufgrund entsprechender Aussagen im Neuen Testament – diese zweite Ankunft für zeitlich nah erhofft, was als Naherwartung bezeichnet wird. In frühchristlicher Zeit drückte das Wort Maranatha diese baldige Erwartung des Jesus Christus nach seiner Himmelfahrt aus.
Heute betonen die großen Kirchen, dass der genaue Zeitpunkt der zweiten Ankunft des Messias nicht vorhersagbar ist.
Dem Thema der Erwartung eines Wiederkommens Jesu ist im Christentum besonders der Advent gewidmet, was aus dem Lateinischen übersetzt Ankunft bedeutet. [4]
Nach christlicher Auffassung werden dann alle Toten auferstehen. Was das konkret bedeutet, darüber besteht ein relativ breites Meinungsspektrum im Christentum. Eine der frühesten christlichen Aussagen dazu stammt vom Apostel Paulus, der zwischen irdischem und geistlichem Leib unterscheidet, prinzipiell aber festhält, dass von Lebenden über die Auferstehung nur fragmentarisch geredet werden kann. Stattdessen „bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (vgl. 1 Kor 13,13 EU)
Mehrere Aussagen im Neuen Testament klingen so, als wäre ein Wiederkommen Jesu innerhalb sehr kurzer Zeit zu erwarten. So schreibt z.B. Paulus im 1. Thessalonicherbrief:
„Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt, werden den Verstorbenen nichts voraushaben.(1 Thess 4,15 EU)“
Demnach scheint Paulus zu erwarten, Jesu Wiederkommen noch zu erleben. Diesen Brief schrieb er ungefähr 50 n.Chr., also 20 Jahre nach dem öffentlichen Wirken Jesu. Also ist diese Aussage kein Beleg dafür, dass die ersten Christen ein Wiederkommen Jesu wenige Jahre nach seiner Himmelfahrt erwarteten.
Andere Aussagen des Paulus in den 50er Jahren wirken eher so, dass er mit seinem Sterben rechnet.[5] Seine Aussage „wir, die Lebenden“ ist vielleicht rhetorisch gemeint, und bezieht sich auf die zum Zeitpunkt des Wiederkommens Jesu lebenden Menschen – wann auch immer das sein wird. Denn Paulus verbindet sich mit diesem „wir“ mit den Adressaten, den Christen in Thessalonich – ohne damit behaupten zu wollen, dass genau alle jene, die jetzt leben, auch dann noch leben werden (es ist ja grundsätzlich mit der Möglichkeit zu rechnen, dass einer der angeschriebenen Thessalonicher schon in den nächsten Tagen sterben werde).
Auch in den Worten Jesu ist eine Naherwartung zu erkennen, z.B. Mt. 10,5-7 und 23: „Gehet hin und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! … Ihr werdet mit [der Mission in] den Städten Israels noch nicht zu Ende sein, bis der Menschensohn kommt!“ Das könnte man so verstehen, als würde Jesus bereits wiederkommen, nachdem seine Anhänger gerade erst in Israel begonnen haben, das Evangelium zu verkünden. Aber in diesem Kapitel 10 und in den Kapiteln 24 und 28 kündigt Jesus die Mission der ganzen Welt und aller Völker an – hier ist klar, dass an eine weit über Israel hinausgehende Mission - die in wenigen Jahren kaum zu schaffen ist - gedacht ist.
Wenn das Matthäus-Evangelium (wie viele Neutestamentler meinen) um 80 n.Chr. veröffentlicht wurde, dann lag das Wirken Jesu bereits ein halbes Jahrhundert zurück. Die Leser dieses Evangeliums konnten dessen Inhalt daher nicht so verstehen, als wäre mit einem Wiederkommen Jesu innerhalb weniger Jahrzehnte nach seinem Wirken zu rechnen. Das ist mit zu bedenken auch bei anderen Jesusworten, die oft als Ankündigung eines baldigen Weltendes verstanden wurden, etwa: „Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht“ (Mt. 24,34) und „Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie sehen das Reich Gottes kommen mit Kraft.“ (Mk 9,1)
Durch solche Aussagen Jesu kamen viele Theologen zu radikalen Schlussfolgerungen: „Es bedarf keines Wortes, dass sich Jesus in der Erwartung des nahen Weltendes getäuscht hat.“ (Rudolf Bultmann[6]).
Daneben finden sich andere Äußerungen, die vor einer zeitlichen Fixierung warnten, etwa wenn Jesus sagte, dass der genaue Tag des Weltendes ungewiss sei.
In einem der jüngsten Texte des Neuen Testaments, dem so genannten Zweiten Petrusbrief wird explizit auf die Verwirrung in der christlichen Gemeinde wegen der ausbleibenden Parusie Bezug genommen: „Sie werden sich über euch lustig machen und sagen: Er hat doch versprochen wiederzukommen! Wo bleibt er denn? Inzwischen sind unsere Väter gestorben, aber alles ist noch so, wie es seit Beginn der Welt war... Meine Freunde, ihr dürft eines nicht übersehen: Beim Herrn gilt ein anderes Zeitmaß als bei den Menschen. Ein Tag ist für ihn wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind ein Tag. Der Herr erfüllt seine Zusagen nicht zögernd, wie manche meinen; im Gegenteil, er hat Geduld mit euch, weil er nicht will, dass einige zugrunde gehen.“ (2 Petrus 3,4-9)
Die Betonung lag bei vielen Aussagen darauf, dass das Ende kommt (aber nicht so sehr, wann):
„Darum seid wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommen wird.“
Die Zeit davor wird in der Bibel als schrecklich geschildert, denn viele falsche Propheten würden auftreten (Mt 24,5 EU), das Böse werde überhand nehmen und die Liebe werde erkalten (Mt 24,11-12 EU). Dann erst werde die Auferstehung der Toten und das allgemeine Weltgericht stattfinden.
„Nach dieser Schreckenszeit wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Ordnung des Himmels wird zusammenbrechen.“
Es sind nicht zuletzt diese Ankündigungen, die in den folgenden Jahrhunderten in Zeiten tatsächlicher oder vermeintlicher Krisen immer wieder Christen glauben ließen, nun stehe die Parusie des Messias unmittelbar bevor. Auch zu bestimmten Daten (so etwa 500 n. Chr., 1000 n. Chr., 1500 n. Chr. und natürlich 2000 n. Chr.) erwarteten manche Christen das Ende.
Zuerst wird Jesus Christus mit einem gigantischen himmlischen Heer erscheinen, um gegen das "Tier" und den falschen Propheten zu kämpfen und (Offb 19,11-16 EU). Nachdem Christi siegte und Satan verbannt, wird das Tausendjährige Friendensreich anbrechen(Offb 20,1-6 EU).
Das Endgericht, nach dem 1000 Jährigen Reich wird in Offenbarung 20 beschrieben.
„Dann sah ich einen großen weißen Thron und den, der darauf sitzt. Die Erde und der Himmel flüchteten bei seinem Anblick und verschwanden für immer. Ich sah alle Toten, Hohe und Niedrige, vor dem Thron stehen. Die Bücher wurden geöffnet, in denen alle Taten aufgeschrieben sind. Dann wurde noch ein Buch aufgeschlagen: das Buch des Lebens. Den Toten wurde das Urteil gesprochen; es richtete sich nach ihren Taten, die in den Büchern aufgeschrieben waren.“
Das Jüngste Gericht hat einen forensischen und einen heilsgeschichtlichen Aspekt. Der forensische Aspekt betrifft das Gericht und den Gläubigen selbst. Er hofft, dass nach seinem Tod am Jüngsten Tag das Jüngste Gericht stattfinden wird. In diesem Gericht werden die individuellen Taten jedes Einzelnen beurteilt, denn jeder Einzelne ist vor Gott verantwortlich (Röm 3,10 EU). Der heilsgeschichtliche Aspekt des Jüngsten Gerichts betrifft die gesamte Menschheit. Der Tag des Jüngsten Gerichts bedeutet die Zeitenwende, nach der ein paradiesischer Zustand, vergleichbar der Zeit vor dem Sündenfall, eintreten wird.
Seit Beginn des Christentums stellten sich die Gläubigen immer wieder die Frage, ob denn alle Menschen vor den Richter treten müssten. Die Theologen beriefen sich in ihren Antworten dabei stets auf zwei Passagen der Bibel, die unterschiedliche Auskunft darüber geben. Im Matthäus-Evangelium wird nur zwischen Guten und Bösen unterschieden. Alle werden beim Jüngsten Gericht nach ihren Taten beurteilt und dann entweder ins Paradies oder in die Hölle geschickt werden. Diese Stelle bezieht sich dem Wortlaut nach allerdings auf „die Völker“, mithin auf Personen, denen das Evangelium noch nicht gepredigt worden ist. Diese Leute werden nach dem beurteilt werden, was jedem einleuchtet: Haben sie die selbstverständlichen Taten der Liebe getan? Anders ist der Maßstab bei denen, die reichlich Gelegenheit hatten, Jesus Christus kennenzulernen: Insofern ist das Jüngste Gericht im Johannes-Evangelium beschrieben. Hier entgehen die Nachfolger Jesu, die Gläubigen und Bekehrten dem Gericht: „Ich versichere euch: Alle, die auf mein Wort hören und dem vertrauen, der mich gesandt hat, werden ewig leben. Sie werden nicht verurteilt. Sie haben den Tod schon hinter sich gelassen und das unvergängliche Leben erreicht.“ ( Joh 5,24 EU. ) Zusätzlich zu diesen beiden Konzeptionen entstanden in theologischen Schriften weitere Interpretationen, die untereinander Überschneidungen, Wechselwirkungen, aber auch massive Widersprüche aufweisen. So findet sich in Augustinus’ Enchiridion ein Modell, das diese Ideen erweitert: Augustinus beschreibt, dass die Seelen beim Jüngsten Gericht in drei Kategorien eingeteilt würden: die vollkommen Guten, die keine Fürbitte brauchen, die ganz und gar Schlechten, die in jedem Fall verdammt werden – und diejenigen, die zwischen diesen beiden Extremen stehen: sie sind nicht gut genug, um keine Hilfe zu brauchen, aber auch nicht schlecht genug, um nicht Nutzen daraus ziehen zu können.
Infolge derartiger Diskussionen sind der Idee des Jüngsten Gerichts, dem die ganze Menschheit unterworfen ist und die in ihrer Grundkonzeption immer dieselbe bleibt, im Laufe der Jahrhunderte zwei weitere eschatologische Konzepte an die Seite gestellt worden. Zum einen die Vorstellung eines Einzel- oder Partikulargerichts, das direkt nach dem Tod eines jeden Individuums stattfindet – und zum zweiten die Schaffung eines 'dritten' Ortes für die oben beschriebenen 'Halb-Guten': das Fegefeuer.
Das christliche Glaubensbekenntnis, lateinisch auch Credo genannt, welches in der christlichen Ökumene bis heute Geltung beansprucht, bekennt die Parusie Christi mit den folgenden Worten:
| Latein | Deutsch |
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Sedet ad dexteram Patris. Et iterum venturus est cum gloria iudicare vivos et mortuos, cuius regni non erit finis. </poem>
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Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein. </poem>
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Nach katholischer Lehre erwarten die Seelen der Getauften die Zeit der Parusie, beginnend im Tode der jeweiligen Menschen, je nach der Schwere der begangenen Sünden, in der Hölle, im Fegefeuer, oder bereits im Himmel (Paradies).
Die katholische Kirche stellt in ihrem Katechismus aus dem Jahre 2003 (lateinisch Vatikan 1997) ausdrücklich den Zusammenhang zwischen Parusie und Letztem Gericht her: „Das Letzte Gericht wird bei der herrlichen Wiederkunft Christi stattfinden.“[7] Alle Menschen (die Lebenden und die Toten) werden jedenfalls durch Jesus Christus gerichtet. Diejenigen, die ohne Reue im Zustand der Todsünde gestorben sind, werden am Jüngsten Tag zusammen mit den von Gott abgefallenen Engeln (den Teufeln) zu ewiger Strafe in der Hölle verurteilt. Genaue Aussagen über die Beschaffenheit dieser Strafe vermeidet die Kirche und warnt seit dem Konzil von Trient ausdrücklich vor extremen Darstellungen.
Der katholische Katechismus betont zum einen: „Niemand wird von Gott dazu vorherbestimmt, in die Hölle zu kommen“.[8] Zum andern lehrt die Kirche ausdrücklich: „Die Kirche betet darum, dass niemand verlorengeht“.[9]
Das Weltall wird aber nach christlicher Überzeugung schließlich vollendet (neu geschaffen), und die Christen, die ihre aus der zeitlichen Existenz verbliebenen Sündenstrafen verbüßt haben, werden sich mit Gott in mystischer Weise vereinigen (sie werden Gott von Angesicht zu Angesicht schauen (1 Kor 13,12 EU). In dieser Gemeinschaft mit der Dreieinigkeit, den Engeln und Heiligen werden sie dann für immer sich an der erlösten Welt erfreuen. „Das Letzte Gericht wird zeigen, dass die Gerechtigkeit Gottes über alle Ungerechtigkeiten, die von seinen Geschöpfen ausgeübt wurden, siegt und dass seine Liebe stärker ist als der Tod.“[7]
Die katholischen Christen feiern das in der Apostelgeschichte beschriebene Wirken des Heiligen Geistes am Pfingstfest und erwarten die Wiederkunft Jesu als des Messias. Die Kenntnis über den Zeitpunkt dieser Wiederkunft ist Gott allein vorbehalten.
Der Moment der Parusie scheint bei Luther zugleich der Moment des Sterbens zu sein:„Es ist vor Gott alles auf einmal geschehen. Es ist weder vor noch hinter, jene (nämlich längst Geschichte gewordenen Gestalten, etwa Adam) werden nit eh(er) kommen an den jüngsten Tag dann (als) wir.“
– Luther[10]
Und umgekehrt ist das Kommen Jesu der Moment, in dem er uns zu sich ruft:„Alsbald [wenn bei deinem Sterben] die Augen zugehen, wirst du auferweckt werden. Tausend Jahre werden sein, gleich als wenn du ein halbes Stündlein geschlafen hättest. … Ehe er sich umsieht, ist er ein schöner Engel.“
– Luther[11]
„Das sollen wir lernen, nämlich die große Macht, die Gott wird wirken an uns durch Christus am jüngsten Tag: mit einem Wort wird er uns hervorziehen. Er spricht: Doktor Martine, komm her!, und es wird geschehen im nu.“
– Luther[12]
Die Gelehrten der lutherischen Orthodoxie im Nachgang zur Reformation, wie zum Beispiel Johann Gerhard oder Leonhard Hutter, lehren ein mehrstufiges Modell der sogenannten Vier letzten Dinge: die Auferstehung der Toten erfolgt am Ende der Zeit, sodann die Parusie, also das Erscheinen Christi zum letzten Gericht und zum Weltende. Mit dem Richten Christi ist ein doppelter Ausgang verbunden: ewiger Tod oder ewiges Leben.[13]
Strikt abgelehnt wird von der lutherischen Orthodoxie der mittelalterliche Gedanke, dass es bis zur Parusie Christi mehrere Aufenthaltsräume für Verstorbene gibt: das Fegefeuer (Purgatorium) kommt nicht mehr vor, das Wartezimmer für die ungetauft verstorbenen Kinder (limbus infantium) und der Aufenthaltsraum für die Väter des Alten Testaments (limbus patrum) werden aus der lutherisch-orthodoxen Dogmatik entfernt.[14]
Karl Barth beschäftigt sich in seiner Kirchlichen Dogmatik mit dem Thema der Parusie Christi an mehreren Stellen. Er unterscheidet dabei drei Gestalten der Parusie [15].
Diese dreifache Gestalt der Parusie Christi darf nicht auseinandergerissen werden, sondern sie muss als Einheit verstanden werden.[18]
In der Neuapostolischen Kirche ist die Parusie einer der zentralen Glaubensinhalte. Die Wiederkunft Christi zur "Heimholung seiner Braut", ein sich anschließendes Millennium und das abschließende Jüngste Gericht sind Hauptbestandteile der Zukunftslehre der Kirche. Die Erwartungshaltung orientiert sich an dem Verständnis der ersten Christen, welche mit dem Wiederkommen Jesu zu ihrer Zeit rechneten.
In anderen apostolischen Kirchen (wie AJC, OAC) gibt es die Grundaussage, dass die Wiederkunft Christi bereits zu Pfingsten erfüllt war. Somit lebt Christus als das Gute Wesen und durch den Heiligen Geist schon im Menschen. Der Wiederkunftstag Christi ist somit für diese Christen der letzte gelebte Tag, also der Tag des jüngsten Gerichtes.
Wichtigste Textgrundlage für die christliche Eschatologie ist die Bibel. Außerbiblische Schilderungen des Jüngsten Gerichts finden sich in den Apokryphen, in den Schriften der großen Kirchenväter und der Scholastiker. Aber auch in volkstümlicheren Textgattungen, in Predigten und Legenden, ist das Weltgericht ein zentrales Motiv. Die Vorstellung vom Jüngsten Gericht, wie sie dann in der mittelalterlichen Kunst ihren Ausdruck findet, ist letztlich ein Konglomerat aus verschiedensten schriftlichen und bildlichen Quellen.
Im Alten Testament finden sich bereits zahlreiche Hinweise auf das Jüngste Gericht, wobei hier besonders die Psalmen und das Buch Daniel zu nennen sind. Innerhalb der alttestamentlichen Schriften lässt sich ein Wandel von einer vom Volk Israel ausgehenden Vorstellung eines Weltgerichts, das exklusiv die Feinde Israels betrifft, hin zu einem umfassenden, für alle Menschen verbindlichen göttlichen Strafgericht erkennen. Damit ist die Basis gelegt für die differenzierte und heilsgeschichtlich relevante Ausformung des Themas in den beiden neutestamentlichen Hauptquellen, die die Vorstellung des Jüngsten Gerichts vor allem geprägt haben: dem Matthäus-Evangelium und der Apokalypse des Johannes.
Die präzise Schilderung des Jüngsten Gerichts im Matthäus-Evangelium (Mt 25,31 EU) stellt eine der wichtigsten biblischen Quellen dar. Darüber hinaus finden sich etwa in den Gleichnissen aller Evangelien fast durchgehend Gerichtsmetaphern, so beispielsweise in Mt 13,24–30 EU; Mt 13,36–43 EU, wo am Erntetag die Spreu vom Weizen getrennt werde. Vor allem im Matthäus-Evangelium liegt der Fokus dabei auf einer gewissen Werkgerechtigkeit: barmherzige Taten sind geeignet, das Urteil beim Jüngsten Gericht günstig für den Einzelnen zu beeinflussen.
Diese klare Ethik wird in der Johannesapokalypse relativiert. Hier überschneidet sich die Idee des Jüngsten Gerichts mit der zweiten eschatologischen Vision des Christentums: dem Tausendjährigen Reich Christi. Satan wird für tausend Jahre gefesselt werden und Christus wird zum ersten Mal wiederkommen, um während dieses Millenniums gemeinsam mit den Heiligen zu herrschen. Erst danach wird die zweite Wiederkehr Christi stattfinden, bei der er alle Lebenden und Toten zum Jüngsten Gericht ruft (Offb 20,1 EU). In der Apokalypse ist das Jüngste Gericht demnach Schlussstein einer gänzlich anderen eschatologischen Erzählung, in der der Teufel oder Antichrist als beständiger Versucher mit erheblicher Macht ausgestattet wird und das Heilsschicksal des Einzelnen in diesem kosmischen Kampf in den Hintergrund tritt.
Daneben finden wir zahlreiche außerbiblische Quellen, von denen hier nur einige wichtige genannt werden können.
Erich Gräßer legte 1955 eine wissenschaftliche Arbeit über die Verzögerung der Parusie im Neuen Testament vor. Seither wird verstärkt darüber nachgedacht, was es bedeutet, dass sich die Naherwartung der ersten Christen auf eine baldige Wiederkunft Christi verzögert hat.[19]