EnzyklopädieDas Wort Enzyklopädie (griechisch ἐγκύκλιος παιδεία enkyklios paideia gebildet aus enkýklios (alltäglich, gewöhnlich) und paideía (Lehre, Bildung) beschreibt ursprünglich allgemeine/alltägliche Bildung im Sinne eines studium generale oder eine Propädeutik der Wissenschaft. Erst in der Neuzeit entstand mit dem Werk der französischen Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert der Begriff einer scientia generalis (Allgemeinwissenschaft). Fortan bezeichnete man mit dem Wort Enzyklopädie sowohl eine solche Wissenschaft wie die durch sie erfolgende Darstellung der Gesamtheit des Wissens. Durch die Entscheidung der französischen Enzyklopädisten, die erforschten Dinge in der Form eines alphabetischen Nachschlagewerks zugänglich zu machen, wurde der Begriff Enzyklopädie daneben schon recht bald zur abkürzenden Bezeichnung eines Enzyklopädischen Lexikons, als die man ihn heute fast nur noch benützt.
Begriff und GeschichteTitelseite der „Encyclopédie“ von Diderot und d'Alembert, 1772 Georg Wilhelm Friedrich Hegel griff den Enzyklopädiebegriff Diderots und d'Alemberts ebenfalls auf. Er verstand darunter die philosophische Darstellung eines als System gedachten und den Einzelwissenschaften vorgeordneten Denkgebäudes, dem eine „gewöhnliche“ Zusammenstellung des empirischen Wissens erst nachzufolgen hat. Universalenzyklopädien (im Sinne universalenzyklopädischer Lexika) haben den Anspruch, allgemein das Wissen der Menschheit darzustellen; Ggs.: Fach- oder Spezialenzyklopädien (auch Realenzyklopädien). In dem humanistischen Gelehrtenkreis um Politian wurde um 1490 das Wort „encyclopaedia“ in Anlehnung an die klassischen römischen Schriftsteller Quintilian, Vitruv und Plinius den Älteren geprägt. Es ist aus dem griechischen Wortpaar ἐγκύκλιος παίδεία („enkyklios paideia“) abgeleitet. Entsprechend der Bedeutung von enkyklios (im Kreislauf des Jahres immer wiederkehrend; alltäglich, üblich) verstand man darunter zunächst die Alltagsbildung (paideia = Bildung), die auf die philosophische Bildung vorbereitet. Seit Quintilian erfolgte eine Umdeutung: „enkyklios paideia“ bedeutete jetzt eine Art abgerundeten „Kreis“ der Bildung, etwa in Form des überlieferten Kanons der „Artes liberales“ mit sieben Fächern. Bereits im 16. Jahrhundert wurde dieser Kreis ausgeweitet, am Anfang des 17. Jahrhunderts war man bei über 100 Wissensbereichen. Richtungweisend wurde Johann Heinrich Alsted, der in seiner Encyclopaedia Cursus Philosophici von 1630 erstmals den Anspruch formulierte, die Enzyklopädie müsse alle Wissensbereiche, d. h. die Gesamtheit des Wissens, umfassen. Die Darstellung dieser Wissensbereiche erfolgte zunächst nur in systematisch gegliederten Werken. Der Ordnung (Disposition) der Wissensbereiche kam dabei eine besondere Bedeutung zu. Die Werke waren vor allem für Gelehrte und Studenten und in lateinischer Sprache geschrieben. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde mit den volkssprachlichen, alphabetisch geordneten, lemmatisierten und mit Querverweisen versehenen Enzyklopädien der Typ des Nachschlagewerks geschaffen, der seitdem als „Enzyklopädie“ bezeichnet wird („populäre Enzyklopädie“). Manche Enzyklopädien vor allem des 18. Jahrhunderts tragen die Bezeichnung „Cyclopedia“, eine (sprachlich falsche) Verkürzung des griechischen Wortpaares. Sie unterscheiden sich sonst nicht von andren Enzyklopädien. Der große Erfolg der vielbändigen Enzyklopädien von Johann Heinrich Zedler − das Grosse vollständige Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste − und Denis Diderot − die Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers – führte einerseits dazu, dass mit dem Begriff Enzyklopädie vor allem sehr tiefgehende und damit umfangreiche Nachschlagewerke bezeichnet wurden. Andererseits wurde und wird das Wort von Verlagen auch gern auf Werke übertragen, die dem Universalitätsanspruch nicht oder nicht voll gerecht werden, aber trotzdem von dem Image einer Enzyklopädie profitieren sollen. Die Forschung des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist darüber hinaus dazu übergegangen, die Bezeichnung „Enzyklopädie“ auch auf vor 1700 entstandene Werke anzuwenden, die alle oder mehrere Wissensbereiche darstellen. Diese Werke unterscheiden sich allerdings in Form und Inhalt sehr von den neuzeitlichen Enzyklopädien. Seit der Digitalisierung der Informationsverarbeitung und -darstellung am Ende des 20. Jahrhunderts wird der Begriff auch auf multimediale Nachschlagewerke angewendet, die in digitalisierter Form produziert und online oder auf elektronischen Datenträgern verfügbar sind. Sie nehmen ihren Ausgangspunkt weiterhin von Stichwörtern, fügen aber teilweise weitere Ordnungsmerkmale hinzu.
Vergleich einiger Enzyklopädien
Typologie der Enzyklopädien und LexikaAbgrenzung
Enzyklopädische FormenNach der sachlich-systematischen Ordnung – von der Antike bis ins Mittelalter, oft nach den Artes liberales – setzt sich erst ab dem 17. Jahrhundert die alphabetische Ordnung durch, wie sie die gedruckte Form noch heute charakterisiert. Digitale Publikationen ermöglichen dagegen durch Verlinkung verschiedene gleichzeitig nebeneinander bestehende und bequem nutzbare Organisationsformen (Baumstrukturen neben Alphabet). Vorformen hierzu finden sich jedoch bereits in der Buchkultur, etwa in Diderots und D'Alemberts Encyclopédie, die durch Querverweise die alphabetische Ordnung um eine systematisch-hierarchische ergänzt (siehe Selg & Wieland). SpezialenzyklopädieSpezialenzyklopädien stellen zwar nur Teilbereiche des Wissens, diese aber mit großer Detailtiefe dar. Sie heißen oft „Wörterbücher“ oder „Lexika“, wobei im Titel das Fachgebiet genannt wird. Im Gegensatz zum Fachlexikon erhebt die Spezialenzyklopädie den Anspruch der umfassenden und vollständigen Darstellung des Wissens der jeweiligen Disziplin. UniversalenzyklopädieAls Universalenzyklopädie oder Generalenzyklopädie bezeichnet man eine Enzyklopädie mit dem Anspruch, das gesamte Wissen der Welt darzustellen, sich also nicht auf ein Fach oder eine Disziplin zu beschränken. Die Werke können alphabetisch oder systematisch gegliedert sein. Konversationslexikon und RealenzyklopädieDas Konversationslexikon stellt wie die Universalenzyklopädie das gesamte Wissen dar, steht ihr aber hinsichtlich der Detailtiefe und meist auch des Umfangs nach. Seine Eigenart ist die Nähe zum Leben und den darin verhafteten Interessen seiner Nutzer. Die Grenze zur Universalenzyklopädie ist fließend. Realenzyklopädie bezeichnet in der Terminologie des 19. Jahrhunderts ein Nachschlagewerk, das nicht oder nicht nur Sachverhalte der Philologie, Philosophie, Theologie, Jurisprudenz usw. (d. h. der seit den 1880er Jahren so genannten Geisteswissenschaften), sondern (auch) solche der seit den 1880er Jahren so genannten Naturwissenschaften (Realwissenschaften) Physik, Medizin, Chemie, Astronomie usw. und der Technik erläutert. Konversationslexikon und Realenzyklopädie treten nur vom Ende des 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts auf. Die Bezeichnung Konversationslexikon wird jedoch umgangssprachlich noch bis ins 21. Jahrhundert für Universalenzyklopädien oder umfangreiche Universallexika verwendet. UniversallexikonDas Universallexikon, umgangssprachlich meist zu Lexikon abgekürzt, stellt wie das Konversationslexikon das gesamte Wissen dar, erreicht aber nur eine geringe Detailtiefe. FachlexikonDas Fachlexikon stellt ähnlich der Spezialenzyklopädie, aber mit geringerer Detailtiefe, Teilbereiche des Wissens dar. Wenn Fachlexika nur Sachen (Realien) behandeln, heißen sie Sachwörterbuch oder veraltend Reallexikon. Biografische Lexika geben nur Biografien. Ein Hauslexikon ist auf die Bedürfnisse des täglichen Lebens ausgerichtet. Ein bekanntes Nachschlagewerk dieser Art ist Das Hauslexikon von Gustav Theodor Fechner (1834 ff.).
Neue EnzyklopädieformenDie modernste Form der Wissensdarstellung erfolgt als Enzyklopädische Datenbank oder als Online-Enzyklopädie, wobei das Konzept des Lexikons durch das der Datenbank (die ein Lexikon nur noch simuliert) vollständig ersetzt wird. Die Tatsache, dass eine Enzyklopädie von ihrem eignen Anspruch her strukturell und inhaltlich niemals abgeschlossen sein kann, ist eine Herausforderung an die neuen Medien, die nicht wie Druckwerke Nachtragsbände liefern müssen. Wichtige Herausgeber haben im Gefolge der New Economy von gedruckten Enzyklopädien auf elektronische Publikationsformen umgestellt; CD-ROM und DVD sind kostengünstig, und auch Bilder, Ton- und Videodokumente können leicht eingebunden werden. Nachdem einige Verlage in den 1990er Jahren dazu übergegangen waren, sich ausschließlich auf elektronische Enzyklopädien zu konzentrieren, stellte sich nach der Jahrtausendwende ein rückläufiger Trend ein. Im Jahr 2002 erregte die Ankündigung, die englische Encyclopædia Britannica werde künftig nur noch in elektronischer Form verfügbar sein, so großes Aufsehen, dass die Herausgeber von ihrem Plan wieder abgingen. Ähnliche Entwicklungen waren in Italien, 2002 in Frankreich mit der Encyclopædia Universalis, 2005 in Deutschland zu beobachten.[1] Der Inhalt des enzyklopädischen Projekts Wikipedia kann von jedem Internetnutzer bearbeitet werden. Die Kontrolle erfolgt dabei nicht durch eine feste Redaktion, sondern durch andere Wikipedia-Nutzer. Verwandte WissenschaftenDie Wissenschaft von der Erforschung enzyklopädischer Nachschlagewerke ist die Enzyklopädik. Der Begriff meint vor allem die historische Untersuchung von Enzyklopädien und wird auch synonym mit Enzyklopädistik verwendet. Die Lexikografie beschäftigt sich mit der Erstellung von Wörterbüchern. Die Erforschung der Grundlagen heißt hier Metalexikografie (Wörterbuchforschung). Außerdem betrachten die Kultur- und die Medienwissenschaft sowie die Wissenschaftstheorie Enzyklopädien. Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
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