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Erich Lindemann

Erich Lindemann (* 4. Oktober 1894 in Eberswalde[1]; ÔÇá 1. Juli 1934 in Glogischdorf bei Glogau) war ein deutscher Arzt. Lindemann wurde vor allem bekannt als f├╝hrendes Mitglied des Reichsbundes j├╝discher Frontsoldaten und als einer der Get├Âteten des sogenannten R├Âhm-Putsches 1934.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Bis 1934

Erich Lindemann wurde 1894 als Sohn j├╝discher Eltern geboren. Nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg, in dem er mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet wurde, studierte er Medizin. Unter dem Namen Lindemann finden sich heute zwei Dissertationen: Einmal eine medizinische Dissertation zum Thema Hypertrophische Lebercirrhosen im Kindes- und S├Ąuglingsalter aus dem Jahr 1920 in Berlin. Zum zweiten ein Werk mit dem Titel Untersuchungen ├╝ber primitive Intelligenzleistungen hochgradig Schwachsinniger und ihr Verh├Ąltnis zu den Leistungen von Anthropoiden, das 1926 als Dissertation bei der medizinischen Fakult├Ąt der Ludwigs-Universit├Ąt zu Gie├čen eingereicht wurde.

Nach dem Studium praktizierte Lindemann als Lungenfacharzt in Glogau, wo er ein eigenes Sanatorium betrieb.

Bekannt wurde Lindemann in den 1920er Jahren als einer der F├╝hrer des Reichsbundes j├╝discher Frontsoldaten (RjF), einem Zusammenschluss j├╝discher Weltkriegsveteranen des deutschen Heeres, der die Erinnerung an das Fronterlebnis wachhielt und sich f├╝r die Interessen der j├╝dischen Kriegsteilnehmer einsetzte. Der RjF wurde gebildet nachdem der Stahlhelm ÔÇô der gr├Â├čte deutsche Veteranenverband der Zwischenkriegszeit ÔÇô erkl├Ąrt hatte, keine Juden aufzunehmen.

Als Leiter des Reichsbundes j├╝discher Frontsoldaten im schlesischen Glogau und als Leiter einer j├╝dischen Jugendsportgruppe geriet Lindemann nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten 1933 ins Visier der neuen Machthaber.

Mordfall Lindemann

Am 1. Juli 1934 wurde Lindemann im Rahmen der unter dem Propagandanamen ÔÇ×R├Âhm-PutschÔÇť bekanntgewordenen politischen S├Ąuberungsaktionen ermordet. Ziel der Aktion war es in erster Linie, die tats├Ąchlichen und/oder vermeintlichen politischen Gegner Hitlers in den eigenen Reihen, d. h. in der NSDAP und der SA, zu beseitigen. Die SS, die die Morde ausf├╝hrte, nutzte die Aktion jedoch auch dazu, andere ihr unliebsame Personen zu beseitigen. Zu denen, die im Windschatten des Schlages gegen die SA get├Âtet wurden, z├Ąhlte auch Lindemann.

Am Nachmittag des 1. Juli 1934 erteilte der Leiter der SD-Au├čenstelle in Breslau, Obersturmf├╝hrer Laube, dem F├╝hrer der SS-Standarte Glogau, SS-Standartenf├╝hrer Bredemeier, telefonisch den Befehl, Lindemann t├Âten zu lassen. Dieser schickte daraufhin ein vierk├Âpfiges SS-Kommando unter F├╝hrung des Unterscharf├╝hrers Schmidt mit der Anweisung los, den Arzt zu erschie├čen. Die SS-M├Ąnner trafen Lindemann schlie├člich im Garten seines Sanatoriums in Glogischdorf an und forderten ihn auf, sie in den nahe gelegenen Hochwald zu begleiten. W├Ąhrend zwei SS-M├Ąnner (ein Mann namens Strauss und ein namentlich unbekannter) beim Wagen zur├╝ckblieben, f├╝hrten die ├╝brigen beiden M├Ąnner (Schmidt und Herbert Bischoff) ihren Gefangenen 200 m in den Wald hinein und dann weitere 50 m durch Kieferdickicht zu einer Lichtung. Schmid er├Âffnete Lindemann dort knapp, dass er zum Tode verurteilt sei (ÔÇ×Sie sind vom SD zum Tode verurteiltÔÇť) und feuerte ihm aus einer Entfernung von 2 bis 3 m mit zwei Pistolensch├╝ssen in den Kopf.[2] Der Leichnam wurde zun├Ąchst an Ort und Stelle vergraben, sp├Ąter jedoch aufgefunden und der Polizei ├╝bergeben.

Juristische Untersuchung und Aufarbeitung

Auf Veranlassung von Lindemanns Ehefrau stellte die Oberstaatsanwaltschaft in Glogau in den folgenden Wochen Nachforschungen ├╝ber den Verbleib des Arztes an. Der F├╝hrer der SS-Standarte in Glogau teilte auf Anfrage zun├Ąchst wahrheitswidrig mit, dass Lindemann in ein paar Tagen zur├╝ckkehren werde. Nachdem dies ausblieb, leitete die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Unbekannt wegen des Verschwindens von Lindemann ein. Der Standartenf├╝hrer reagierte darauf mit dem Hinweis, ÔÇ×Himmler habe angeordnet, dass in der Sache nichts weiter geschehenÔÇť solle. Obwohl die Staatsanwaltschaft sich diesem Einsch├╝chterungsversuch zun├Ąchst widersetzte und den Leichnam des Get├Âteten in Besitz nahm, kam das Verfahren schlie├člich zum Erliegen. Die Lebensversicherung des Get├Âteten wurde erst auf Druck der Gestapo vom Versicherer zur├╝ckgehalten, sp├Ąter jedoch ÔÇô wiederum auf Druck der Gestapo ÔÇô ausbezahlt.[3]

Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft 1945 wurde zumindest der SS-Mann Herbert Bischoff wegen des Mordes an Lindemann vor Gericht gestellt: Nachdem er zun├Ąchst am 10. Oktober 1952 vom Schwurgericht Kassel wegen Mordes zu lebenslanger Zuchthaushaft verurteilt worden war wurde das Urteil am 8. Juli 1970 durch das Landgericht Kassel aufgehoben und zu ÔÇ×Beihilfe zum MordÔÇť herabgestuft. Die Strafe wurde zu f├╝nf Jahren Haftzeit abgemildert.[4]

Karl Martin Grass wertete den Mord an Lindemann sp├Ąter als charakteristisch f├╝r die mechanische, vollkommen unreflektierte Art und Weise, auf die die SS-Leute, die die Hinrichtungen an den Tagen um den 30. Juni durchf├╝hrten, an ihr Mordwerk gingen, denn: ÔÇ×Dr. Lindemann aus Glogau wurde einfach [da]zugerechnet, obwohl man offensichtlich nicht wusste, wer er war.ÔÇť[5]

Einzelnachweise

  1. ÔćĹ Geburtsdatum und -ort nach Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors: Der SD-Mann Johannes Schmidt. S. 106.
  2. ÔćĹ Franz D. Lucas/Margret Heitmann: Stadt des Glaubens. Geschichte und Kultur der Juden in Glogau, 1991, S. 343.
  3. ÔćĹ Lothar Gruchmann: Justiz im Dritten Reich 1933-1940, 2001, S. 463. Als Motiv f├╝r den Meinungsumschwung der Gestapo gibt Gruchmann an, diese habe wahrscheinlich einen Prozess um die Auszahlung der Lebensversicherungspolice verhindern wollen, da sie dann in die unangenehme Situation gekommen w├Ąre, vor Gericht Beweise zu liefern, dass Lindemann eine Schuld auf sich geladen hatte, die eine Nicht-Auszahlung gerechtfertigt h├Ątte. In der Konsequenz h├Ątte sie dazu unangenehme Details offenlegen m├╝ssen.
  4. ÔćĹ Otto Gritschneder: Der F├╝hrer hat Sie zum Tode verurteilt...", 1993, S. 111.
  5. ÔćĹ Karl Martin Grass: Edgar Jung, Papenkreis und R├Âhmkrise 1933-34, 1966, S. 87.
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