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Ernst Heinrich Philipp August Haeckel (* 16. Februar 1834 in Potsdam; â 9. August 1919 in Jena) war ein deutscher Zoologe, Philosoph und Freidenker, der die Arbeiten von Charles Darwin in Deutschland bekannt machte und zu einer speziellen Abstammungslehre ausbaute.
Haeckel war Arzt, spĂ€ter Professor fĂŒr vergleichende Anatomie. Er prĂ€gte einige heute gelĂ€ufige Begriffe der Biologie wie Stamm oder Ăkologie. Auch bezeichnete Haeckel die Politik als angewandte Biologie.[1] Ernst Haeckel vertrat einen Monismus auf naturwissenschaftlicher Grundlage (Entwicklungs-Monismus) und grĂŒndete am 11. Januar 1906 den Deutschen Monistenbund in Jena.
Haeckel trug durch seine populĂ€ren Schriften sehr zur Verbreitung des Darwinismus in Deutschland bei. DarĂŒber hinaus erarbeitete er eine ausfĂŒhrliche embryologische Argumentation fĂŒr die Evolutionstheorie und formulierte in diesem Zusammenhang das biogenetische Grundgesetz. Er gilt als Wegbereiter der Eugenik und Rassenhygiene, weil er fortschrittsoptimistisch von der Evolution eine Höherentwicklung und keine âDegenerationâ erwartete. Der Deutsche Monistenbund wurde, wie auch andere Freidenkerorganisationen, 1933 von den Nationalsozialisten verboten. Nationalsozialistische Ideologen haben Ausschnitte seiner Aussagen spĂ€ter als BegrĂŒndung fĂŒr ihren Rassismus und Sozialdarwinismus herangezogen, gleichzeitig aber wesentliche Teile von Haeckels Weltbild als unvereinbar mit der völkisch-biologischen Sichtweise des Nationalsozialismus erklĂ€rt.[2]
Inhaltsverzeichnis |
Ernst Haeckel wurde 1834 als zweiter Sohn des Regierungsrates Philipp August Haeckel und seiner Frau Charlotte geb. Sethe, die aus einer Juristenfamilie stammte, in Potsdam geboren. Ein Jahr nach Haeckels Geburt zog die Familie nach Merseburg, einer Regierungsbezirkshauptstadt in der Provinz Sachsen, wo er das örtliche Domgymnasium besuchte. Durch die naturwissenschaftlichen Interessen seines Vaters und die gezielte Förderung seines Lehrers Otto Gandters kam Haeckel frĂŒh mit den Schriften Matthias Jacob Schleidens, Alexander von Humboldts und Charles Darwins in Kontakt. Einer autobiographischen Skizze zufolge war insbesondere die Reiseliteratur Humboldts und Darwins entscheidend fĂŒr Haeckels spĂ€tere Berufswahl.[3]
Nach dem Abitur 1852 nahm Haeckel das Studium der Medizin in Berlin auf, wechselte jedoch auf DrĂ€ngen seines Vaters noch im gleichen Jahr an die UniversitĂ€t WĂŒrzburg, deren medizinische FakultĂ€t aufgrund der Professoren Albert von Kölliker, Franz von Leydig und Rudolf Virchow einen hervorragenden Ruf besaĂ. Obwohl sich zwischen Haeckel und Virchow nie eine persönliche Freundschaft entwickelte, wurde die von Virchow entworfene Zellularpathologie zu einem entscheidenden Element in Haeckels Denken. In bewusster Abgrenzung zur idealistischen Naturphilosophie erklĂ€rte Virchow, dass sich alle körperlichen Funktionen durch die Interaktion der Zellen erklĂ€ren lieĂen. Dieser Ansatz wurde von Haeckel als offensiv materialistisch aufgefasst, da er ohne die Annahme einer immateriellen Lebenskraft auskam und den Körper mechanistisch durch seine Zusammensetzung erklĂ€rte. Haeckel war begeistert von Virchows empirischen ErklĂ€rungsansĂ€tzen, sah in ihnen jedoch zugleich eine Gefahr fĂŒr seinen Glauben. In einem 1856 verfassten Brief an seine Tante Bertha erklĂ€rte Haeckel, dass man zwischen den Bereichen des Wissens und des Glaubens unterscheiden mĂŒsse, da auch die erfolgreichsten wissenschaftlichen ErklĂ€rungen an ihre Grenzen stieĂen. An dieser Grenze beginne der christliche Glaube.[4]
Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums im MĂ€rz 1858 plante Haeckel die Habilitation bei dem Physiologen und Meeresbiologen Johannes MĂŒller. Der ĂŒberraschende und von Haeckel als Suizid interpretierte Tod MĂŒllers zwang Haeckel zur Ănderung seiner PlĂ€ne. Carl Gegenbaur, ein Freund aus WĂŒrzburg und neu berufener Professor in Jena, schlug Haeckel eine gemeinsame Italienfahrt vor, die gleichermaĂen dem Ideal einer Bildungsreise und der Vorbereitung der Habilitation dienen sollte. Haeckel sagte zu, musste jedoch letztlich ohne den erkrankten Gegenbaur aufbrechen. Der erste Teil seiner Reise gestaltete sich nicht besonders erfolgreich. Von der religiösen Kunst, den Prozessionen und dem Papsttum abgestoĂen, schrieb Haeckel an seine Verlobte Anna Sethe, dass er bei einem lĂ€ngeren Aufenthalt in Rom sicherlich zum Heiden werde.[5] Auch der Aufenthalt am Golf von Neapel war zunĂ€chst von RĂŒckschlĂ€gen bestimmt und Haeckel wandte sich unter dem Einfluss Hermann Allmers der Kunst zu. Erst im November 1859 beschloss Haeckel, sich den Radiolarien zu widmen, einer Gruppe von einzelligen Tieren, an denen Johannes MĂŒller unmittelbar vor seinem Tod gearbeitet hatte. In kurzer Zeit sammelte Haeckel 101 neue Arten, 1861 wurde er mit der Schrift De Rizopodum finibus et ordinibus habilitiert.
1862 hielt Haeckel die erste Vorlesung ĂŒber die Entstehung der Arten.
1865 erhielt er die EhrendoktorwĂŒrde in Philosophie und eine Professur fĂŒr Zoologie in Jena, die damals zur Philosophischen FakultĂ€t gehörte.
1866 bis 1867 unternahm Haeckel eine Reise zu den Kanarischen Inseln und nahm dort an der winterlichen Erstbesteigung des Teide teil. In dieser Zeit traf Haeckel mit Charles Darwin, Thomas Huxley und Charles Lyell zusammen.
Nach dem Tod seiner Frau Anna im Jahr 1864 heiratete Haeckel 1867 Agnes Huschke, die Tochter des Anatomen, Zoologen und Embryologen Emil Huschke (1797â1858). Der gemeinsame Sohn Walter wurde 1868 geboren, 1871 die Tochter Elisabeth und 1873 die Tochter Emma.
1869 reiste der Forscher nach Norwegen, 1871 nach Dalmatien, 1873 nach Ăgypten, in die TĂŒrkei sowie nach Griechenland.
Von 1876 an war Haeckel Prorektor der UniversitÀt Jena und unternahm Vortragsreisen durch Deutschland. Bis 1879 folgten mehrere Reisen nach England und Schottland, in deren Verlauf es zu weiteren Begegnungen mit Charles Darwin kam, sowie eine Reise nach Korfu.
Von 1881 bis 1882 bereiste Haeckel erstmals die Tropen, unter anderem auch die Insel Ceylon.
1882 war Haeckel am Bau der Villa Medusa und der Einrichtung des Zoologischen Institutes der UniversitÀt Jena beteiligt, deren Prorektor er 1884 erneut wurde.
1887 reiste Haeckel nach PalĂ€stina, Syrien und Kleinasien, 1890 nach Algerien, 1897 durch SĂŒdfinnland und Russland, 1899 nach Korsika und 1900 zum zweiten Mal in die Tropen. In dieser Zeit begann auch seine Freundschaft mit Frida von Uslar-Gleichen (1864â1903).
Haeckel betĂ€tigte sich auch politisch: So war er ein Mitglied des Alldeutschen Verbandes und wurde 1905 Ehrenmitglied der Gesellschaft fĂŒr Rassenhygiene, ebenso war er seit 1889 Ehrenmitglied des korporativen âMedizinischen Vereinsâ der UniversitĂ€t Jena (heute Landsmannschaft Rhenania zu Jena und Marburg).[6]
Um seine monistische Weltanschauung zu verbreiten, grĂŒndete Haeckel 1906 den Monistenbund am Jenaer Zoologischen Institut. Daneben hat er sich stark fĂŒr den Pazifismus eingesetzt, etwa indem er 1910 zusammen mit anderen bedeutenden Persönlichkeiten, wie etwa Friedrich Naumann und Max Weber, einen in deutschen Zeitungen veröffentlichten "Aufruf zur BegrĂŒndung eines Verbandes fĂŒr internationale VerstĂ€ndigung" unterzeichnete, welcher Abkommen mit anderen Nationen fördern sollte, um den Weltfrieden zu garantieren.[7][8]
1907 unternahm der Forscher seine letzte groĂe Reise nach Schweden. 1908 stiftete Haeckel das Phyletische Museum in Jena.
1909 endete Haeckels LehrtÀtigkeit, 1910 trat er aus der evangelischen Kirche aus. Seine Frau Agnes starb 1915. Haeckels Gebrechlichkeit nahm in dieser Zeit erheblich zu (Oberschenkelhalsbruch, Armbruch). 1918 verkaufte er die Villa Medusa an die Carl-Zeiss-Stiftung. Ernst Haeckel starb am 9. August 1919.
Haeckels Ideen sind fĂŒr die Geschichte der Evolutionstheorie von groĂer Bedeutung. Er definierte u. a. den Begriff Ăkologie und erwies seine Kompetenz als Anatom. Haeckel beschrieb Hunderte von neuen Arten. Inspiriert durch den Linguisten August Schleicher, mit dem er in Jena eng befreundet war, fĂŒhrte er StammbĂ€ume zur Darstellung des historischen Verlaufes der Evolution in die Biologie ein. Diese Idee gilt heute indes als ĂŒberholt; stattdessen verwenden aktuelle Systematiken Kladogramme und Phylogramme. Haeckel postulierte zudem erstmals den gemeinsamen Ursprung aller Organismen, wobei er allerdings die Abstammung aus dem Bereich dreier Gruppen fĂŒr wahrscheinlicher hielt. Die meisten Ăberlegungen dieser Art sind zurzeit jedoch wissenschaftlich falsifiziert.
Haeckels Werke, die seinen Ruf in der Fachwelt begrĂŒndeten, sind grundlegende meeresbiologische Monographien ĂŒber Radiolarien (1862, 1887), KalkschwĂ€mme (1872), Medusen (1879-1880) und Staatsquallen (1869, 1888). Diese Arbeiten brachten ihm letztlich die Berufung zum Professor, spĂ€ter zum ersten Ordinarius fĂŒr Zoologie in Jena ein. Bei der Beschreibung der von der britischen Challenger-Expedition gesammelten Radiolarien benannte Haeckel ĂŒber 3.500 neue Arten. Sein Teil des Challenger-Reports umfasst drei BĂ€nde mit 2.750 Druckseiten und 140 detaillierten Bildtafeln. Haeckel war nicht nur ein hervorragender Forscher sondern auch ein begnadeter Zeichner, wie sĂ€mtliche aus seiner Hand stammenden Darstellungen und Bildtafeln auch heute noch durch ihre Naturtreue und PlastizitĂ€t eindrucksvoll belegen. Diese besitzen aufgrund ihrer MaterialfĂŒlle auch heute noch wissenschaftlichen Wert.
Nach 1859 nahm Haeckel die Gedanken von Darwins Entstehung der Arten auf. Haeckels âGenerelle Morphologieâ (1866) ist ein epochales Werk, das den Beginn zahlreicher noch folgender Synthesen verschiedener Teilgebiete der Biologie im Rahmen der Evolutionstheorie markiert. Nach der âGenerellen Morphologieâ begann Haeckel, gemeinverstĂ€ndliche, also an Laien gerichtete BĂŒcher - oft verschriftlichte Vortragsreihen - zu publizieren. Diese gingen vom Gedanken der Abstammungslehre aus und thematisierten sowohl wissenschaftliche als auch philosophische Aspekte, die sich in einer monistischen Weltanschauung verdichten. AuflagenstĂ€rkstes Buch wurde der Weltbestseller âDie WeltrĂ€thselâ von 1899.
Um 1900 endete Haeckels wissenschaftliche Arbeit; danach popularisierte er im Grunde nur noch seine eigenen Gedanken. Es erschienen Reiseberichte und ein Band mit Aquarellen. Den wichtigsten Ăberblick ĂŒber Haeckels populĂ€re Schriften bietet eine posthum erschienene sechsbĂ€ndige Ausgabe der GemeinverstĂ€ndlichen Werke.
Mit der âNatĂŒrlichen Schöpfungsgeschichteâ (1868) unternahm Haeckel den ersten Versuch, seine in der âGenerellen Morphologieâ entwickelten Gedanken auch fĂŒr Laien verstĂ€ndlich zusammenzufassen. Trotz der groĂen MĂ€ngel, die Haeckel spĂ€ter bemerkte, erlebte die âNatĂŒrliche Schöpfungsgeschichteâ bis zur Publikation der âWeltrĂ€thselâ (1899) neun Auflagen und wurde in zwölf Sprachen ĂŒbersetzt. Die âWeltrĂ€thselâ und die âLebenswunderâ (1904) setzen diese Linie fort, ĂŒberschreiten jedoch zunehmend den Rahmen der Deutung biologischer Tatsachen im Kontext der Evolutionstheorie.
Unter anderem spekulierte er in diesem Werk ĂŒber den Erdteil, in dem sich der Mensch entwickelt hatte. Haeckel ging davon aus, dass âdie meisten Anzeichen auf das sĂŒdliche Asienâ hindeuteten, rĂ€umte aber zugleich ein: âVielleicht war aber auch das östliche Afrika der Ort, an welchem zuerst die Entstehung des Urmenschen aus den menschenĂ€hnlichen Affen erfolgte; vielleicht auch ein jetzt unter den Spiegel des indischen Oceans versunkener Kontinent, welcher sich im SĂŒden des jetzigen Asiens einerseits östlich bis nach den Sunda-Inseln, andrerseits westlich bis nach Madagaskar und Afrika erstreckte.â Den hypothetischen Urmenschen nannte Haeckel âHomo primigenius oder Pithecanthropus primigeniusâ.[9]
Haeckel wendet in seiner Schrift âAnthropogenieâ (1874, rund 730 Seiten) die in der âGenerellen Morphologieâ entwickelten Methoden auf den Menschen an. Nach einer historischen Einleitung in die Geschichte der Evolutionstheorien untersucht er die Keimesgeschichte des Menschen, indem er die Eizelle, Befruchtung, die Anlage der KeimblĂ€tter und des Blutkreislaufes im Sinne der Ontogenese darstellt. Der dritte Abschnitt umfasst die Stammesgeschichte oder Phylogenie. Hier stellt Haeckel zunĂ€chst einfache Wirbeltiere vor, dann verschiedene Stufen der Ahnenreihe des Menschen:
Der vierte Abschnitt behandelt die Entwicklungsgeschichte einzelner Organsysteme: Hautdecke und Nervensystem, Sinnesorgane, Bewegungsorgane, Darmsystem, GefĂ€Ăsystem und Urogenitalsystem. Es folgt ein zusammenfassendes Kapitel, in welchem Haeckel die dualistische Auffassung, besonders den Schöpfungsglauben und die Auffassung von einer von den Hirnfunktionen unabhĂ€ngigen Seele fĂŒr widerlegt erklĂ€rt und seinen Monismus in kurzen ZĂŒgen umreiĂt. (Nahezu zeitgleich zu Haeckels Buch erschien Darwins Schrift âDie Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahlâ, die sich methodisch allerdings völlig anders ausrichtete.)
Haeckel sah die Biologie in Vielem mit der Kunst verwandt. Seine kĂŒnstlerische Begabung wurde durch Symmetrien in der Natur stark angesprochen, unter anderem der von Einzellern wie Radiolarien. Besondere BerĂŒhmtheit erlangten seine Abbildungen von Planktonorganismen und Quallen, die die biologische Welt in eindrucksvoller Schönheit darstellten. Dies war schon in seinen wissenschaftlichen Monographien der Fall, besonders aber seine populĂ€ren âKunstformen der Naturâ, die er von 1899 bis 1904 in mehreren Heften veröffentlichte, gehörten â wie Brehms Tierleben â in den Haushalt eines jeden BildungsbĂŒrgers.
Seine Darstellungen beeinflussten die Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts. So beruhen die GlaslĂŒster im Ozeanischen Museum Monaco von Constant Roux ebenso auf Vorlagen Haeckels wie das monumentale Tor des französischen Architekten RenĂ© Binet auf der Pariser Weltausstellung 1900. Binets von Haeckel inspiriertes Tafelwerk âEsquisses dĂ©corativesâ wurde zu einer Grundlage des Art nouveau (Jugendstil).
Auch Haeckels Wohnhaus (Villa Medusa, heute das Ernst-Haeckel-Museum) und das von ihm gestiftete GebĂ€ude des Phyletischen Museums, beides in Jena, fĂŒhren Kunst und Wissenschaft zusammen, in dem z. B. Ornamente der Fassade und Innenausstattung Tafelwerke zu den Medusen zitieren. Haeckel war unglaublich arbeitsam. So beschrieb er allein von der britischen Challenger-Expedition ĂŒber 3.500 neue Radiolarien-Arten. Haeckels Challenger-Report umfasst drei BĂ€nde mit 2.750 Druckseiten und 140 detailliert gestochenen Tafeln dieser fragilen Organismen. Insbesondere nach dem Tod seiner ersten Frau arbeitete er vielfach mehr als 18 Stunden am Tag.
Haeckels Beobachtungen der Parallelen zwischen Ontogenese und Phylogenese waren Grundlage fĂŒr die Postulierung eines kausalen Zusammenhanges zwischen ontogenetischen und evolutionĂ€ren Prozessen; seine Theorie lĂ€sst sich im Satz âOntogenese rekapituliert Phylogeneseâ zusammenfassen. Die bereits von Baer gemachte Beobachtung, dass sich frĂŒhe Ontogenese-Stadien nahe verwandter Organismen stĂ€rker Ă€hneln als die spĂ€teren Adultformen, ist nach wie vor gĂŒltig. Die von Haeckel daraus gezogene Schlussfolgerung eines kausalen Zusammenhangs ist jedoch lange umstritten gewesen und wird von Biologen inzwischen weitgehend abgelehnt.
Die ĂŒbereinstimmenden Grundmerkmale phylogenetisch verwandter Organismen, lassen sich im Rahmen der Evolutionstheorie verstehen, da neue Merkmale in der Regel auf bereits existierenden Merkmalen aufbauen. Ein modernes VerstĂ€ndnis der biogenetischen Grundregel setzt das VerstĂ€ndnis des Organismus als sich kontinuierlich anpassendes stets im Umbau befindliches System voraus.
Philosophisch verfocht er eine monistische Naturphilosophie, unter der er eine Einheit von Materie und Geist verstand. So schrieb er in âDie WeltrĂ€tselâ:
Dabei war Haeckel kein strenger Atheist. Zwar lehnte er jeden Schöpfungsakt strikt ab (daher die SchĂ€rfe seiner Auseinandersetzung mit den Kreationisten, etwa mit Arnold BraĂ und dem Keplerbund), er kam jedoch aus einem christlichen Elternhaus und sah die Natur - bis hin zu anorganischen Kristallen - als beseelt an. Sein Monismus war der einer durchgeistigten Materie, er sah Gott als identisch mit dem allgemeinen Naturgesetz und vertrat einen durch Johann Wolfgang von Goethe und Spinoza inspirierten Pantheismus. In diesem Zusammenhang sprach er u. a. von âZellgedĂ€chtnisâ (Mneme) und âKristallseelenâ.
In âDie WeltrĂ€tselâ zitiert Ernst Haeckel mehrmals seinen (heute wesentlich weniger bekannten) Kollegen Johann Gustav Vogt, vor allem bezĂŒglich seiner Vorstellungen ĂŒber Elektromagnetismus und einen universellen Ăther.[10] GemÀà Haeckel und Vogt besitzen Masse und Ăther sowohl Empfindung als auch Willen, sie »empfinden Lust bei Verdichtung, Unlust bei Spannung; sie streben nach der ersteren und kĂ€mpfen gegen letztere«. Wegen dieses Weltbildes werden die beiden auch als hylozoistische Naturphilosophen bezeichnet.[11]
Haeckel nahm im September 1904 am Internationalen Freidenker-Kongress in Rom teil, der von 2.000 Menschen besucht wurde. Dort wurde er anlĂ€sslich eines gemeinsamen FrĂŒhstĂŒcks feierlich zum âGegenpapstâ ausgerufen. Bei einer folgenden Demonstration der Teilnehmer auf dem Campo de' Fiori vor dem Denkmal Giordano Brunos befestigte Haeckel einen Lorbeerkranz am Denkmal. Haeckel nahm diese Ehrungen gerne an: âNoch nie sind mir so viele persönliche Ehrungen erwiesen worden, wie auf diesem internationalen KongreĂâ. Diese Provokation am Sitz des Papstes löste eine massive Kampagne und Anfeindungen von kirchlicher Seite aus. Insbesondere wurde seine wissenschaftliche IntegritĂ€t in Frage gestellt, und er wurde als FĂ€lscher und BetrĂŒger dargestellt sowie als Affen-Professor verhöhnt. Allerdings gaben 46 bekannte Professoren eine EhrenerklĂ€rung fĂŒr Haeckel ab.
Am 11. Januar 1906 wird auf Haeckels Initiative der Deutsche Monistenbund in Jena gegrĂŒndet, den Ernst Haeckel schon im September 1904 in Rom vorgeschlagen hatte. Mit dem Monistenbund fanden die bereits seit kurzer Zeit bestehenden, sehr heterogenen monistischen Bestrebungen einen ĂŒbergreifenden organisatorischen Rahmen, der sich dezidiert auf eine naturwissenschaftliche Basis im Sinne Haeckels stellte, in den aber nicht alle Vertreter des Monismus eingebunden wurden. Haeckel wird EhrenprĂ€sident des Deutschen Monistenbundes.
Ernst Haeckel gehörte zu den fĂŒhrenden Freidenkern und Vertretern eines naturwissenschaftlich orientierten Fortschrittsgedankens, wodurch seine Ideen nicht nur fĂŒr rechte und national gesinnte, sondern auch fĂŒr bĂŒrgerlich-liberale sowie linke Kreise attraktiv waren. Die Monisten um Haeckel hatten damals viele AnhĂ€nger, so zĂ€hlten beispielsweise Ferdinand Tönnies, Henry van de Velde, Alfred Hermann Fried, Otto Lehmann-RuĂbĂŒldt, Helene Stöcker, Magnus Hirschfeld, Carl von Ossietzky dazu. Teile seiner Ideen wurden von Nationalsozialisten ĂŒbernommen, die zwar den Monismus ablehnten, die sozialdarwinistischen Aspekte Haeckels jedoch gut fĂŒr ihre Ideologie verwenden konnten.
Ernst Haeckel vertrat pazifistische Ideen. So unterstĂŒtzte er die Friedensbewegung Bertha von Suttners (die die Werke Haeckels und Darwins las und die Evolutionslehre vertrat) durch GlĂŒckwunschadressen und Briefe.[12] Im Jahr 1913 grĂŒndete E. Haeckel zusammen mit der französischen Sozialistin Henriette Meyer die internationale Friedensvereinignung L'Institut Franco-Allemand de la RĂ©conciliation und die Zeitschrift "La RĂ©conciliation", welche fĂŒr einen andauernden Frieden zwischen Deutschland und Frankreich eintreten sollte. In einem Leitartikel "Vernunft und Krieg" in "La RĂ©conciliation" identifizierte er das WettrĂŒsten als Problem, welches ein nicht zu stoppendes Moment hin zu einem Krieg bilden könnte, und verurteilte den nationalen Chauvinismus, welcher Deutschland, Frankreich und GroĂbritannien erfasst hatte.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verteidigte Haeckel jedoch die deutsche Beteiligung am Krieg und Ă€uĂerte sich zunehmend nationalistisch. In Haeckels Sichtweise[13] war vor allem England fĂŒr den Ausbruch eines Krieges verantwortlich, welchen Haeckel z.B. 1916 in einem Brief an seinen Neffen Konrad Huschke[14] einen "schrecklichen Weltkrieg" mit "furchtbaren Verlusten" nannte. Haeckel unterzeichnete am 2. Oktober 1914 den kriegsbejahenden Aufruf âAn die Kulturweltâ, der von weiteren 92 Intellektuellen, darunter dem Physiker Max Planck und dem Schriftsteller Gerhart Hauptmann, unterschrieben wurde.[15]
Die in den WeltrĂ€tseln beschriebene monistische Ethik bleibt bei allem revolutionĂ€ren Anspruch wie Iring Fetscher anmerkt im Umkreis erfĂŒllbarer bĂŒrgerlicher Alltagstugenden stecken. Haeckel leitet aus dieser Ethik allerdings eine Utopie ab, die die Fortschritte von Wissenschaft und Technik auch gesellschaftlich nutzen möchte. Haeckel schreibt:
Haeckel zĂ€hlt Mitleid und Sympathie zu den edelsten Gehirnfunktionen, welche zu den wichtigsten Bedingungen des sozialen Zusammenlebens sowohl bei Menschen als auch bei höheren Tieren gehören (âDie Lebenswunderâ 1904, S. 131). Er sieht das Gebot der NĂ€chstenliebe, wenn auch nicht von Christus zuerst entdeckt, so doch zurecht vom Christentum in den Vordergrund gestellt. Darin liegt nach ihm der hohe ethische Wert des Christentums, welcher auch dann noch fortdauern werde, wenn dessen ĂŒbrige "morsche Dogmen" lĂ€ngst in TrĂŒmmern zerfallen sind. Insbesondere wendet er sich gegen einen reinen Egoismus:
Weil sich Ernst Haeckel sehr dezidiert zu eugenischen Fragestellungen geĂ€uĂert und dabei Selektionsmechanismen und ZĂŒchtungsgedanken angesprochen hat, wird er von verschiedenen Historikern als einer der wichtigsten Wegbereiter der Rassenhygiene/Eugenik in Deutschland betrachtet.[16][17][18]
Auch Wilhelm Schallmayer, ein SchĂŒler Haeckels bescheinigte seinem ehemaligen Lehrer, wesentliche Grundgedanken der Eugenik ausgesprochen zu haben.[19]
In Haeckels Buch âDie Lebenswunderâ (1904) heiĂt es etwa:
Oder:
Haeckel griff die Idee auf, die Ausschaltung der Selektion durch die Medizin wĂŒrde zu degenerativen Erscheinungen fĂŒhren, und popularisierte sie in Deutschland. Dabei entwickelte er diese Ăberlegungen jedoch nicht, wie Francis Galton, in systematischer Weise. Vor allem vollzog er nicht, wie sein SchĂŒler Wilhelm Schallmayer und sein Freund Alfred Ploetz, die âentscheidende Wende von der bloĂen Diagnostik degenerativer Tendenzen zu einer therapeutischen Programmatikâ[20] Haeckel blieb auf der Basis der Theorie Darwins bei der deduktiven Feststellung angeblicher degenerativer Tendenzen in den zivilisierten Gesellschaften und stellte noch keine Ăberlegungen ĂŒber eine Gegenstrategie an. Das von Haeckel vielzitierte Beispiel von Sparta und die von ihm bewunderte spartanische Praxis der âBeseitigung anormal geborener SĂ€uglingeâ ordnen die Historiker Peter Weingart, JĂŒrgen Kroll und Kurt Bayertz wie folgt ein:
Der Historiker R.J.Richards bescheinigt E.Haeckel darĂŒber hinaus die Position vertreten zu haben, dass die Evolutionstheorie keine praktischen politischen Implikationen habe.[22] So antwortet Haeckel etwa auf einen Angriff von R. Virchow, welcher der Abstammungslehre sozialistische Tendenzen vorwirft:
Otto Speck vertritt dagegen die Auffassung, dass Ernst Haeckel 1911 in Dresden eine eugenische Beratungsstelle eröffnete und sich sehr wohl um eine praktische Umsetzung der Rassenhygiene und Eugenik in der Politik bemĂŒhte. Er schreibt: "Konkrete Ziele waren eine rassenhygienische Eheberatung und in politischer Hinsicht die Durchsetzung gesetzlicher Regelungen zur Sterilisierung fortpflanzungsunwĂŒrdiger Personen aus den unteren sozialen Schichten."[23]
Durch die Ăbertragung des darwinistischen Evolutions- und Selektionsprinzips auf menschliche Gesellschaften, bereitete Ernst Haeckel in Deutschland, so verschiedene Wissenschaftler, den Boden fĂŒr den Sozialdarwinismus.[24][25][26] Der Soziologe Fritz Corner bezeichnete ihn 1975 als Vater des deutschen Sozialdarwinismus.[27]
Im Jahre 1900 fungierte Haeckel als Vorsitzender eines Gremiums in einem von der Familie Krupp finanzierten Wettbewerb. Dort wurden AufsĂ€tze bewertet, in denen das Thema âRassenhygieneâ im Hinblick auf innenpolitische und gesetzgeberische Konsequenzen abgehandelt wurde. Das Gremium behauptete, dass die Idee von der Gleichheit aller Menschen eine âEntartungâ und Degeneration der âZivilisationâ nach sich zöge.[28] Das Preisausschreiben gewann Wilhelm Schallmayer mit seiner Arbeit âWas lernen wir aus den Prinzipien der Descendenztheorie in Beziehung auf die innerpolitische Entwickelung und Gesetzgebung der Staaten?â. Diese Arbeit sollte fĂŒr eine Verbreitung der sozialdarwinistischen Ideen in Deutschland eine besondere Rolle spielen, weil sie in groĂem MaĂe zu einer Politisierung anthropologischer Themen beitrug.[29]
1905 wurde Haeckel Mitglied in der von Alfred Ploetz gegrĂŒndeten Gesellschaft fĂŒr Rassenhygiene. Satzung und Ziel der Gesellschaft sahen die Förderung der âTheorie und Praxis der Rassenhygiene unter den weiĂen Völkernâ vor. Die Gesellschaft trug in Deutschland wesentlich zur Institutionalisierung der Rassenhygiene als wissenschaftliches Fach bei.
Als einer der ersten deutschsprachigen Autoren, der die Tötung Schwerkranker - auf ihren Wunsch - und Schwerbehinderter - ohne ihre Zustimmung - forderte, wurde Haeckel auch zum Vordenker und Wegbereiter der freiwilligen und unfreiwilligen âEuthanasieâ in Deutschland. Schon drei Jahre vor der Programmschrift Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens von Alfred Hoche und Karl Binding (1920) hatte er in âEwigkeitâ (1917) ĂŒber âdie unheilbar an Geisteskrankheit, an Krebs oder Aussatz Leidenden, die selbst ihre Erlösung wĂŒnschenâ, âneugeborene Kinder mit Defektenâ und âMiĂgeburtenâ unmissverstĂ€ndlich geschrieben: âEine kleine Dosis Morphium oder Cyankali wĂŒrde nicht nur diese bedauernswerten Geschöpfe selbst, sondern auch ihre Angehörigen von der Last eines langjĂ€hrigen, wertlosen und qualvollen Daseins befreien.â (S. 35) Darin klingt Hoches Begriff der âBallastexistenzenâ bereits an, und mit seinen AusfĂŒhrungen ĂŒber den angeblich geringeren âLebenswertâ verschiedener Menschengruppen (Lebenswunder, 1904, S. 291â315) hatte Haeckel schon zuvor maĂgeblich zur Idee von âlebensunwertem Lebenâ beigetragen.
Haeckel wird vorgeworfen, immer wieder seine AutoritĂ€t als Naturwissenschaftler missbraucht zu haben, um seine politischen Ideen zu legitimieren. Allerdings hat E. Haeckel eine politische Rolle verneint: âIch selbst bin nichts weniger als Politiker. .. Ich werde daher weder in Zukunft eine Rolle spielen, noch habe ich frĂŒher jemals einen Versuch dazu gemacht.â (E. Haeckel: Freie Wissenschaft und freie Lehre, 2. Auflage. 1908, S. 69)
Sein Biogenetisches Grundgesetz von 1866 wird von der modernen Biologie in seiner Schlussfolgerung als widerlegt betrachtet. Es ist keinesfalls ein Naturgesetz, wie zunĂ€chst von Baer und Haeckel postuliert wurde. Dennoch hat die Beobachtung einer scheinbaren Rekapitulation der Entwicklungsstadien der Organismen nach wie vor eine Bedeutung. Sie zeigt eine Verwandtschaft der betrachteten Arten auf und ist, wenn auch kein Gesetz, so doch eine wiederholbare und belegbare morphologische Beobachtung. Auch die bekannten Lehrbuchautoren RĂŒdiger Wehner und Walter Gehring schreiben in ihrem Lehrbuch âZoologieâ:
Die Haeckel zugeschriebene Neigung zur philosophischen Bewertung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse soll mit dafĂŒr verantwortlich sein, dass seine Abbildungen biologischer Objekte teilweise bewusst verfĂ€lscht sind. In der Embryonenkontroverse wurde ihm daher unter anderem von Wilhelm His bewusster Wissenschaftsbetrug unterstellt. Andere Beobachter vermuten dagegen, dass die tendenzielle Deutung seiner embryologischen Beobachtungen als zu starke Schematisierung verstanden werden kann.
Haeckel hat im hohen Alter wĂ€hrend des ersten Weltkrieges zudem einen polemischen deutschnationalen Chauvinismus entwickelt, der sich besonders deutlich in seinem Text Ewigkeit Ă€uĂert: âEin einziger feingebildeter deutscher Krieger [âŠ] hat einen höheren intellektuellen und moralischen Lebenswert als hunderte von den rohen Naturmenschen, welche England und Frankreich, Russland und Italien ihnen gegenĂŒberstellen.â[30] In der Generellen Morphologie heiĂt es zudem: âDie Unterschiede zwischen den höchsten und den niedersten Menschen [sind] grösser, als diejenigen zwischen den niedersten Menschen und den höchsten Thieren.â Dies folgerte er allerdings ausdrĂŒcklich nicht aus der Genetik, sondern aus der sozialdarwinistischen Theorie.
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In der Historiographie bestehen zwei Extrempositionen zur politischen Einordnung des Darwinismus bzw. Sozialdarwinismus. Hans-GĂŒnther Zmarzlik (1963[31]) zieht eine Linie von sozialdarwinistischen EntwĂŒrfen zu rechtsradikalen Ideologien. David Gasmann (1971) und unabhĂ€ngig davon Richard Weikart sehen in Haeckel gar einen Vordenker des Nationalsozialismus. In Bezug auf den Darwinismus kommt dagegen etwa Gunter Mann (1973) zum Urteil: Darwinismus sei ein integraler Bestandteil der âmarxistisch-kommunistisch-materialistischen Weltanschauungâ (Mann). Diese unterschiedlichen Zuschreibungen finden sich vereinnahmend oder ablehnend auch bei Gegnern und BefĂŒrwortern Haeckels.
GĂŒnter Altner (1981) schlĂ€gt ein Stufenmodell eines nicht zwangslĂ€ufigen Weges von Darwinismus zum Nationalsozialismus vor, das auch geeignet ist, Haeckels Beitrag zu bestimmen. Nach dem wissenschaftlichen Darwinismus bilden danach Sozialdarwinismus, Rassenhygiene und Rassenanthropologie die entscheidenden und zeitlich und logisch aufeinander folgenden Schritte. Rasse ist in der ursprĂŒnglichen Bedeutung von Rassenhygiene kein Begriff des 'Rassenkampfes' sondern wird im Sinne der englischen Sprache als Synonym fĂŒr die gesamte Menschheit gebraucht. Haeckel liefert in diesem Modell relevante BeitrĂ€ge zu den ersten drei Stufen: Im Rahmen des wissenschaftlichen Darwinismus bestimmt er die Stellung des Menschen innerhalb der Primaten. Auf der Stufe des Sozialdarwinismus ĂŒbertrĂ€gt er biologische Vorstellungen auf gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse â wobei oftmals seine antiklerikale bzw. antikatholische Haltung den Ausschlag gibt. In der Rassenhygiene bleibt Haeckel im 19. Jahrhundert verfangen. Er fördert vor allem die Arbeit anderer Autoren.([32]) Beim Preisausschreiben âWas lernen wir von den Prinzipien der Deszendenztheorie?â 1900 fördert er den Arzt Wilhelm Schallmayer, der Haeckels Thesen radikalisierte und dessen Schriften spĂ€ter zu einem der Grundpfeiler der angewandten Rassenhygiene in der Zeit des Nationalsozialismus wurden.
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Haeckel wurde von verschiedenen Sozialdemokraten, Sozialisten und Anarchisten[33] wie etwa Alfred Hermann Fried, Magnus Hirschfeld, Friedrich Albert Lange, August Bebel, Lenin, Otto Lehmann-RuĂbĂŒldt, Julius Schaxel, Helene Stöcker, Ferdinand Tönnies oder Henry van de Velde gelesen und diskutiert.[34] Karl Kautsky arbeitete programmatisch zu Rassenfragen, wobei er sich auf Haeckel bezog.[35]
In der politischen Linken war man sich in Bezug auf die EinschĂ€tzung Haeckels keineswegs einig. So finden sich etwa im ersten Jahrgang der populĂ€rwissenschaftlich-sozialistischen Zeitschrift âUraniaâ (1925) bei drei Bezugnahmen auf Haeckel drei unterschiedliche Positionen. Robert Niemann wĂŒrdigt Haeckel als nachbĂŒrgerlichen, entwicklungsgeschichtlich orientierten Freigeist, fĂŒr Karl August Wittfogel ist Haeckel ein Ahnherr zur Zerstörung der alten Ideologie; âdie das geistige Bollwerk der kapitalistischen BesitzverhĂ€ltnisse bildetâ. K. SchĂ€fer kritisiert den Sozialdarwinismus bei der RĂŒckfĂŒhrung der Ethik auf die Naturwissenschaft. Es könne nichts anderes als âwaschechte kapitalistische Ethikâ herauskommen und belegt dieses mit einem Zitat von Haeckel. âDer Darwinismus ist alles andere eher als sozialistischâ (S. 258). Allerdings stammt dieses Zitat Haeckels aus einer Verteidigungs-Schrift Haeckels[36] gegen heftigen Angriffe Rudolf Virchows.[37] Virchow wandte sich, entgegen dem Bestreben Haeckels, gegen die EinfĂŒhrung darwinistischer Inhalte in LehrplĂ€ne fĂŒr höhere Schulen und UniversitĂ€ten und versuchte den Darwinismus dadurch zu diskreditieren, indem er ihn mit Sozialismus und Kommunismus in Verbindung brachte; ein in der unter dem Eindruck der chaotischen Geschehnisse wĂ€hrend der Pariser Kommune stehenden Zeit schwerwiegender Vorwurf.[38]
FĂŒr Lenin spielt Haeckel keine groĂe Rolle, er findet lediglich in seiner Schrift "Empiriokritizismus und historischer Materialismus" ausfĂŒhrlicher ErwĂ€hnung, in Bezug auf Haeckels Buch âWeltrĂ€tselâ. Dabei schlieĂt sich Lenin der Kritik Franz Mehrings an, nach der die UnzulĂ€nglichkeit Haeckels darin bestehe, âdaĂ er keine Ahnung vom historischen Materialismus hat und sich so zu einer Reihe haarstrĂ€ubender AbsurditĂ€ten sowohl ĂŒber Politik als auch ĂŒber eine monistische Religion usw. usf. versteigtâ. Das Buch wird als Beweis fĂŒr die UnfĂ€higkeit des ânaturwissenschaftlichen Materialismus, bei gesellschaftlichen Fragen mitzuredenâ angefĂŒhrt. Die âstarke Seiteâ des Buches sei die Darstellung, die Haeckel âvom Siegeszug des naturwissenschaftlichen Materialismus gibtâ.[39]
Magnus Hirschfeld gewinnt Haeckel nach einem Besuch als Autor seiner Zeitschrift fĂŒr Sexualwissenschaft zum Thema menschliche Hermaphroditen.[40]
Bedeutend sind auch die BeitrĂ€ge, die Haeckels Nachlassverwalter Heinrich Schmidt fĂŒr die Buchreihen des marxistischen Urania Verlages zum Thema Affenabstammung des Menschen, Kampf ums Dasein oder Fortpflanzung schrieb.
Haeckels PrivatsekretĂ€r Heinrich Schmidt wurde nach dem Tod Haeckels 1920 dessen Nachlassverwalter und Direktor des Ernst-Haeckel-Hauses der Friedrich-Schiller-UniversitĂ€t Jena sowie Herausgeber der âMonistischen Monatshefteâ. Nach dem Verbot dieser Zeitschrift 1933 aus politisch-inhaltlichen Motiven, grĂŒndete Schmidt die Zeitschrift âNatur und Geist, Monatshefte fĂŒr Wissenschaft, Weltanschauung und Weltgestaltungâ. Schmidt entwickelte sich zunehmend radikal-nationalistisch.[41] In diesem Zusammenhang griff er auf zum Teil rassistische und nationalistische Argumente zurĂŒck, welche in ihrer RadikalitĂ€t die Meinungen seiner Kollegen Ludwig Plate oder Hans F. K. GĂŒnther bei weitem ĂŒbertraf.[42] Sein Versuch, das Ernst-Haeckel-Haus sowie die Person Haeckels im nationalsozialistischen Sinne umzugestalten beziehungsweise umzudeuten, scheiterte letztendlich.[42] Ăber den Umweg der Zeitschrift âNatur und Geistâ fanden weltanschauliche Argumente Einzug in das âStandardwerk zur menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygieneâ von Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz.[43]
Weitere Wissenschaftler, die Haeckels Werk und dessen PopularitĂ€t nach 1933 im nationalsozialistischen Sinne zu verwerten versuchten, waren beispielsweise Karl Astel (1898-1945), Lothar Stengel von Rutkowski (1908-1991), Heinz BrĂŒcher (1915-1991), Victor Julius Franz (1883-1953) oder der nach dem Dritten Reich bedeutende Evolutionsbiologe Gerhard Heberer (1901-1973). Sie sammelten und publizierten nationalistische Texte und BĂŒcher oder verwerteten antisozialistische, rassenkundliche oder eugenische Textstellen aus dem Gesamtwerk Haeckels. Den fĂŒr die NS-Ideologie zentralen Antisemitismus konnte BrĂŒcher, der Haeckel attestierte âengstirniger JudenhaĂ sei ihm fremdâ[44] in einem GesprĂ€ch Haeckels mit Hermann Bahr finden. Haeckel habe sich gegen die Einwanderung russischer Juden gewandt 'die unserer Gesittung unvertrĂ€glich' seien. Dagegen befĂŒrwortete Haeckel aber tatsĂ€chlich eine ârassische Vermischung von Juden und Ariernâ und hielt die deutschen Juden fĂŒr ein wichtiges Element der deutschen Kultur, welche immer tapfer fĂŒr AufklĂ€rung und Freiheit und gegen reaktionĂ€re und okkulte KrĂ€fte standen.[45][46]
FĂŒr BrĂŒcher ist Haeckels SpĂ€twerk âDie Kristallseelenâ ein Musterbeispiel germanischer ganzheitlicher Forscherkunst und daher Haeckel nicht materialistisch. Er legte daneben eine umfangreiche Sippenforschung vor, in der er Haeckel auch rassenkundlich begutachtete.[47] Haeckel sei vom Wesen her nordisch. Allerdings sieht er Probleme bei der 'Erbgesundheit' seiner Familie.
Ganz anders der NS-FunktionĂ€r GĂŒnter Hecht, ReprĂ€sentant des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP. Dieser erklĂ€rt den materialistischen Monismus Haeckels als unvereinbar mit dem Nationalsozialismus und durch die völkisch-biologische Sichtweise des Nationalsozialismus widerlegt.[48] Ăhnlich auch Kurt Hildebrandt, ein der NS-Ideologie nahestehender Theoretiker der Rassenhygiene, der einen âĂ€sthetischen Fundamentalismusâ in EngfĂŒhrung von Ideen des George-Kreises vertrat und eine âdeutsche Kultur als ErfĂŒllung des arischen Wesensâ heranzĂŒchten wollte, um einem âwestlichen Mechanismusâ zu begegnen.[49] Hildebrandt nannte es eine âIllusionâ Haeckels, dass dieser an die âmechanistische Lösungâ der WeltrĂ€tsel durch Darwins Abstammungslehre glaubte.[50] Die weltanschaulichen Artikel Heberes etwa in âVolk und Rasseâ oder den âNationalsozialistischen Monatsheftenâ versuchen diesen Vorwurf abzuwehren und erinnern vor allem an die antiklerikale Position Haeckels, um diese im nationalsozialistischen Kirchenkampf zu nutzen. Letztlich kommt es im NS nicht zu einer einheitlichen von der NSDAP festgelegten EinschĂ€tzung des Werkes Haeckels.
Die Nationalsozialisten beriefen sich immer wieder auf vermeintlich wissenschaftliche Grundlagen, wobei insbesondere auch der âSozialdarwinismusâ Ernst Haeckels vereinnahmt wurde. Haeckel setzte die Kulturgeschichte mit der Naturgeschichte gleich, da beide seiner Meinung nach den gleichen Naturgesetzen gehorchten. Diese Vorstellung soll Hitler stark beeindruckt haben â so jedenfalls die These von Daniel Gasman, The Scientific Origins of National Socialism, 1971:
Die Thesen D. Gasmans sind allerdings in den letzten Jahren stark in Kritik geraten, so beispielsweise durch den Wissenschaftshistoriker R.J. Richards.[51] Richards weist unter anderem auf eine Richtlinie fĂŒr Bibliotheken und BĂŒchereien der sĂ€chsischen Regierung im Jahr 1935 hin,[52] in der Schriften, welche die âoberflĂ€chliche wissenschaftliche AufklĂ€rung eines primitiven Darwinismus und Monismusâ verteidigen, âwie diejenigen Ernst Haeckelsâ, verurteilt und als untauglich fĂŒr die nationalsozialistische Bildung im dritten Reich bezeichnet werden.
Das Ernst-Haeckel-Haus wurde in der DDR als wissenschaftshistorische ForschungsstĂ€tte weiterbetrieben und hat auch die Wiedervereinigung ĂŒberstanden. In ideologischer Hinsicht wurde bei der Rezeption Haeckels versucht, das revolutionĂ€re Element seiner Biographie zu betonen. So interpretierte Georg Schneider 1950 eine Zeichnung des 16-jĂ€hrigen Haeckel von 1850 mit dem Titel âNationalversammlung der Vögelâ als Anteilnahme Haeckels an der innerpolitischen revolutionĂ€ren Entwicklung Deutschlands, oder Erika KrauĂe (1987) stellt z. B. eine Verbindung der Schullehrer Haeckels mit der Revolution von 1848 her.
Die Royal Society verlieh ihm 1900 die Darwin-Medaille âfĂŒr seine langanhaltende und hochbedeutsame Arbeit in der Zoologie, die stets vom Geist des Darwinismus inspiriert warâ (Original: âFor his long-continued and and highly important work in zoology all of which has been inspired by the spirit of Darwinism)â.[53]
1894 wurde Haeckel zum Ehrenmitglied des Nassauischen Vereins fĂŒr Naturkunde ernannt. Die Accademia dei Lincei fĂŒhrte ihn seit 1899 als auswĂ€rtiges Mitglied.
Von Ernst Haeckel:
Ăber Ernst Haeckel:
Ernst-Haeckel-Haus und Museum in Jena:
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Haeckel, Ernst |
| ALTERNATIVNAMEN | Haeckel, Ernst Heinrich Philipp August |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Zoologe und Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 16. Februar 1834 |
| GEBURTSORT | Potsdam |
| STERBEDATUM | 9. August 1919 |
| STERBEORT | Jena |