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Erotische Laktation (engl. erotic lactation) bezeichnet das Stillen eines erwachsenen Partners beziehungsweise eine Relaktation primär aus erotischen Gründen. Je nach Art und Ausrichtung der erotischen Beziehung finden auch andere, insbesondere englische Begriffe Verwendung, wie z. B. adult nursing, adult breastfeeding oder Adult Nursing Relationship (ANR).
Die ebenfalls vorkommenden Wortbildungen Milch-Fetischismus und Laktophilie sind umgangssprachliche Pseudo-Fachbegriffe, die nicht den Regeln der Wortbildung für Paraphilien im medizinisch-diagnostischen Kontext entsprechen. Insbesondere muss für das Vorliegen einer Paraphilie nach den Definitionen des ICD-10 und des DSM-IV ein Leidensdruck aus der betreffenden sexuellen Neigung hervorgehen. Zudem wird das Wort Fetisch im medizinisch-diagnostischen Kontext nicht für primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale verwendet und bezieht sich normalerweise auf unbelebte Gegenstände.[1]
Inhaltsverzeichnis |
Die erotische Laktation kann sich aus dem normalen Stillen eines Kindes heraus entwickeln, und der Milchfluss wird durch kontinuierliche Stimulation erhalten.
Die Ursache für einen spontanen Milchfluss (Galactorrhoe) ist nicht selten eine Stimulation der Brustwarzen, und es ist möglich, den Milchfluss gezielt nur durch mechanische Stimulation der Brustwarzen hervorzurufen (Induzierte Laktation).[2]
Der Milchfluss kann aber auch gezielt und unabhängig von einer Schwangerschaft oder der Reproduktionsfähigkeit hervorgerufen werden. Dies wird induzierte Laktation genannt, während bei einer Frau, die den Milchfluss nach einer Stillpause wieder in Gang bringt, das Wort Relaktation zur Anwendung kommt. Dies kann erfolgen, indem regelmäßig mehrmals am Tag an den Brustwarzen gesaugt wird. Zusätzlich oder stattdessen kann auch gepumpt, massiert und „ausgemolken“ werden. Außerdem wird oft zeitweilig ein unterstützendes Medikament eingenommen, am bekanntesten ist der Dopaminantagonist Domperidon.[3][4] Ein laktogener Effekt von pflanzlichen Mitteln konnte klinisch nicht nachgewiesen werden, obwohl zahlreiche Mittel seit langer Zeit als „milchfördernd“ empfohlen werden. Der Milchfluss bleibt erhalten, solange die Brust regelmäßig stimuliert wird.
Bei lesbischen Beziehungen hat das gegenseitige oder einseitige Stillen um 1930 Erwähnung in der Fachliteratur gefunden, jedoch sind genaue Zahlen nicht bekannt.[5] Die Londoner Zeitschrift The Sunday Times berichtete am 13. März 2005 von einer wissenschaftlichen Untersuchung mit 1690 britischen Männern, die ergab, dass bei 25 bis 33 % der Paare der Mann die Muttermilch aus der Brust seiner stillenden Frau getrunken hat. Die meisten taten dies mehrfach und gaben als Grund nicht Neugier, sondern ein echtes emotionales Bedürfnis an.[6] Ein ausführlicher wissenschaftlicher Bericht wurde 2007 von Roland Schöbl veröffentlicht.[7] Im Oktober 2007 wurde in Deutschland eine Untersuchung zum Stillen des erwachsenen Partners veröffentlicht, dabei gaben von den befragten 8500 Personen etwa 70 Prozent der Männer, knapp 60 Prozent der heterosexuellen Frauen und fast 80 Prozent der Lesben an, gerne die Milch des Partners trinken zu wollen oder ihn trinken zu lassen.[8] Darüber hinaus existieren nahezu keine Berichte oder Untersuchungen über das Stillen von Erwachsenen aus erotischen Gründen.
Empfindungen beim Stillen eines Kindes, ob sexueller oder asexuell-angenehmer Art, fallen normalerweise nicht unter den Begriff Erotische Laktation, solange nicht gezielt zum eigenen Lustgewinn gestillt wird. Je nach Studie geben zwischen 25 % bis 40 % der Frauen an, durch das Stillen eines Kindes schon einmal sexuell erregt worden zu sein.[9] Ob solche Gefühle erlebt werden, hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere auch kulturellen Normvorstellungen. Entwicklungsgeschichtlich entstehen angenehme Empfindungen, um zu einem bestimmten Verhalten zu motivieren.
Vor dem Entstehen des Konfuzianismus wurden im chinesischen Daoismus verschiedene alchemistische Sexualpraktiken gelehrt, die im menschlichen Geschlechtsakt die Möglichkeit sahen, durch "Energieaustausch" der beiden Geschlechter bzw. im einseitigen "Energie-Konsumieren" des Mannes Stärkung, ein hohes Alter oder sogar Unsterblichkeit zu erlangen. Um sein Yang zu stärken, sollte der Mann während des Liebesspiels unter der Zunge und aus den Brüsten der Frau Yin-Essenzen trinken und sie außerdem mit dem Penis aus der Vagina der Frau aufnehmen, was sich stärkend auf seine eigene Energie auswirken sollte. Wenn ein Energieaustausch (Kreislauf) das Ziel der betreffenden Lehre war, dann sollte der Mann der Frau seine Energie durch seinen Samen zurückgeben. Meist gingen die Anforderungen jedoch über den Energieaustausch hinaus und die einseitige Anhäufung von Energie durch den Mann trat in den Vordergrund. Der betreffende daoistische Adept musste eine Ejakulation daher vermeiden, um sein gesamtes Qì ("Lebensenergie") im Körper zu bewahren. Die Anweisungen zu solchen sexuellen Praktiken hatten den Charakter einer Geheimlehre.[17][18] Die Energie, die aus den Brüsten gesaugt werden sollte, hatte Namen wie "Korallenessenz", "Weißer Schnee" oder "Saft des Apfels der Unsterblichkeit". In China, Vietnam, Korea und Japan ist der Glaube an die besondere Wirkung der Frauenmilch auf Erwachsene, und ganz besonders wenn sie direkt aus der Brust getrunken wird, auch heute noch immer nicht ganz verschwunden.[19]
Die exemplarische Erzählung der Caritas Romana (auch Carità Romana) beschreibt die heimliche Brustfütterung eines Elternteils durch die Tochter, die ihm dadurch das Leben rettet. Die Geschichte taucht erstmals in den um 30 n. Chr. entstandenen Schriften »Factorum ac dictorum memorabilium libri« des römischen Autors Valerius Maximus auf und wurde primär als anerkennenswerter Akt römischer Ehre und kindlicher Ehrerbietung gegenüber den Eltern dargestellt.[20] Ein Bildnis im Tempel der Göttin Pietas griff die Szene auf.[21] Die Geschichte selbst fußt in der etruskischen Mythologie, in der die Göttin Juno dem von den Römern verehrten Herakles die Brust gibt.
Ursprünglich erzählt Valerius Maximus zwei Geschichten, einmal gibt die Tochter der Mutter die Brust, einmal dem Vater. Während die erste Variante deutlich ausführlicher beschrieben wird, verändert sich im Lauf der Jahrhunderte der Schwerpunkt hin zur beinahe ausschließlichen Darstellung des gegengeschlechtlichen Stillens und bekommt eine erotische Richtung.
Aus der römischen Antike sind mehrere Darstellungen des Themas bekannt, bei den Ausgrabungen in Pompeji wurden mindestens drei Darstellungen dieses Themas gefunden.[22] Ein erneutes Aufgreifen und Veröffentlichen der Geschichte durch Giovanni Boccaccio um das Jahr 1362 führte zu weiteren Darstellungen der Szene.[23] Im 17. und 18. Jahrhundert beschäftigten sich eine Reihe bekannter Künstler mit der römischen Caritas, darunter Caravaggio im Altargemälde Sieben Werke der Barmherzigkeit (1606), Jan Vermeers Gemälde Die Musikstunde , Peter Paul Rubens in mehreren Werken und Jean-Baptiste Greuze mit dem Gemälde Cimon und Pero. Im 20. Jahrhundert greift der Schriftsteller John Steinbeck in seinem Roman Früchte des Zorns das Thema in der Schlußszene wieder auf und lässt die Tochter der Familie einem verhungerndem Mann die Brust geben.
Im Mittelalter tauchten Berichte von Visionen auf, in denen die Jungfrau Maria einem Heiligen die Brust zum Trinken reicht. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist die Lactatio des Heiligen Bernhard von Clairvaux.[24] Hierzu entstanden eine Reihe bildlicher Darstellungen, beispielsweise ein Altarbild von Gottfried Bernhard Göz aus dem Jahre 1749. Die bekanntesten Heiligen, die ebenfalls von einer solchen Vision berichteten, waren Bischof Fulbert von Chartres, Alanus de Rupe, Domingo de Guzmán, aber auch Frauen wie Adelheid von Frauenberg und Mechthild von Magdeburg beschäftigten sich mit diesem Thema oder hatten eigene Lactatio-Visionen. Und umgekehrt gab es auch Legenden von Frauen, die selbst in religiösem Kontext Milch gaben. So wurde von Catharina von Genua (1447-1510) berichtet, dass sie aus Andacht zum göttlichen Lämmlein ein irdisches Lamm ins Bett nahm, küsste, es an ihren Brüsten saugen ließ und in der Folge auch einige Tropfen Milch von sich gegeben haben soll.[25] Ein anderes Beispiel ist Elena Duglioli, die etwa 1510-1520 als Jungfer Milch gab und nach den Berichten u. a. dem päpstlichen Nuntius die Brust gab, damit sie ihre sexuelle Lust verlören.[26] Und schließlich soll in diesem Zusammenhang noch Margareta Ebner genannt werden, die nach eigenen Berichten Milch bekam, nachdem eine kleine Jesus-Statue sie gebeten hatte, ihn zu säugen.[27] Die Legenden reichen von relativ sachlichen Beschreibungen bis zu deutlich erotisch gefärbten Gesängen. So schrieb Adelheid von Frauenberg von der Jungfrau Maria: »wil din Begird erfüllen und wil dich trenken mit der Milch, mit der ich min hailig trut Kind sogt, — und gab mir ir rainen zarten Brust in minen Mund; und do mir dise unsaglich Süssikait enzogen ward, do ward min Jamer also grofs das ich do also fast ward wainen.«[28] Alan de Rouche schrieb über sich in der dritten Person: »Dann küsste sie ihn und reichte ihm die jungfräulichen Brüste, aus denen er gierig trank, so dass er durch alle Glieder sich erstarken und in die Himmel erhoben fühlte. Und noch oft hat ihm die erhabene Jungfrau von da ab die nämliche Gnade erwiesen und hat ihn immer von neuem gestärkt, so dass er auch andere Marienverehrer für den Psalter zu begeistern vermochte.« [29] Die sogenannten Lactatio-Legenden wurden in zahlreichen frommen Texten mit mehr oder weniger erotischer Konnotation verarbeitet. Beispielhaft soll hier noch ein Kalenderspruch aus dem 19. Jahrhundert genannt werden, der sich vermutlich auf Fulbert von Chartres bezieht: »Zu Neuene war ein krancker Priester / der bettet täglich neben den Horis Canonicis / auch Mariae siben Tagzeiten / eyferig. Er war vono Arzten für todt auffgeben / und verlassen / und sihe / die glorwürdige Himmelkönigin stehet bey dem Beth / sprützet ihm in den Mund / O honigsüsse Milch / auß ihre Jungfräulichen Brüsten: stehe auff / sagt sie / spalliere mit den Chorherren / und vergisse niemalen meiner Tagzeiten die Tag deines Lebens.«[30] Noch Anfang des 20. Jahrhunderts hat Karl Vollmoeller mehrere Lactatio-Legenden vordergründig fromm, aber hintergründig eindeutig erotisch in seinem Buch "Sieben Wunder der Heiligen Jungfrau Maria" verarbeitet.[31]
Im islamischen Rechtverständnis kann durchs Stillen ein Verwandtschaftsverhältnis entstehen. Fast alle modernen Rechtsschulen gehen davon aus, dass dies nur für Kinder bis zu einem Alter von zwei Jahren gilt, wobei außerdem eine Reihe weiterer Bedingungen erfüllt sein müssen. Im traditionellen Volksglauben und bei einigen Außenseitern der großen Rechtsschulen existiert aber auch die Vorstellung, dass das Trinken von Frauenmilch durch einen (erwachsenen) Mann zu einem Heiratsverbot mit der betreffenden Frau führe. Dies geht bis zu Behauptungen, dass z. B. bereits ein einziger versehentlich getrunkener Tropfen Frauenmilch eine bestehende Ehe ungültig machen würde.
Es gibt zudem immer wieder öffentlich hochemotional geführte Kontroversen darüber, ob durch das Stillen eines fremden erwachsenen Mannes die Verschleierungspflicht und das Kontaktverbot zwischen ihm und der betreffenden Frau aufgehoben wird – und zwar ohne dass dadurch gleichzeitig ein Verheiratungsverbot entstehen würde.[32][33][34][35]
Um 1903 veröffentlichte Carl Buttenstedt ein Buch unter dem Titel Die Glücksehe – Die Offenbarung im Weibe, eine Naturstudie.[36][37] In diesem Buch beschrieb Buttenstedt eine Verhütungsmethode, bei der der Mann täglich die Milch aus der Brust seiner Frau trinken solle, um das Aussetzen der Regel zu bewirken. Eine Reihe von Autoren bescheinigten Buttenstedt eine nicht geringe Anhängerzahl und der Inhalt der Leserbriefe zu Buttenstedts Buch zeigt, dass die Leser weit eher an der Verhütung und am Vergnügen des Stillens interessiert waren, als an dem recht kruden Theoriegebäude, das Buttenstedt um seine Glücksehe herum konstruiert hatte.[38] Buttenstedts Glücksehe wurde als Skurrilität kurzzeitig recht bekannt und es gab in der Folge auch mindestens drei Autoren, die Nachfolgebücher veröffentlichten. Weiterentwicklungen betrafen neben dem direkten Trinken aus der Brust den Gebrauch einer Milchpumpe, tägliche spezielle Brustmassagen und auch Hypnosetechniken.[39] Buttenstedts Buch "Glücks-Ehe" wurde 1938 in allen Ausgaben verboten.[40] Während der Nazizeit geriet Buttenstedt dann völlig in Vergessenheit.
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