|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen (polnisch: Kościół Ewangelicko-Augsburski w Polsce) ist eine polnische evangelisch-lutherische Kirche mit Sitz in Warschau. Sie ist Mitglied im Lutherischen Weltbund, in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa und im Ökumenischen Rat der Kirchen und gehört zum Polnischen Ökumenischen Rat.
Inhaltsverzeichnis |
Der Name der polnischen evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses nimmt Bezug auf die von Philipp Melanchthon für den Reichstag zu Augsburg im Jahre 1530 verfasste „Confessio Augustana“, die zusammen mit der Apologie Melanchthons die Grundlage der evangelisch-lutherischen Lehre formuliert.
Die Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche im heutigen Polen beginnt mit der Reformationsbewegung, die mit Martin Luther (1483–1546) im Heiligen Römischen Reich begann und sich in die europäischen Länder verbreitete.
In Schlesien, das im 16. Jahrhundert als Teil des Heiligen Römischen Reiches unmittelbar westlich des polnischen Königreiches lag, berief schon im Jahre 1523 (fünf Jahre nach Luthers Thesen-Veröffentlichung) der Stadtrat von Breslau den ehemaligen Mönch Johann Heß (Jan Hess), der im Geiste der lutherischen Reformation predigte, zum Pfarrer der evangelischen Gemeinde der Maria-Magdalena-Kirche. Von Niederschlesien aus gelangte der reformatorische Gedanke in das oberschlesische Herzogtum Teschen. Dadurch ist Teschen heute die einzige Stadt im sonst katholischen Polen, in der ein großer Teil der Bevölkerung der lutherischen Kirche angehört.
Das Luthertum verbreitete sich auch im ebenfalls zum Heiligen Römischen Reich gehörigen Pommern. Im Herzogtum Pommern wurde unter Mitwirkung Bugenhagens 1534 die Reformation eingeführt, nachdem der Nürnberger Reichtstagsabschied von 1532 den Protestanten erstmals eine kaiserliche Legitimation gegeben hatte.
Auch wurden in Königlich Preußen in Danzig 1518 lutherische Predigten gehalten. Im Herzoglichen Preußen verlief die Reformation anders. Herzog Albrecht, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, war mit der lutherischen Lehre vertraut geworden, löste den Orden auf und wurde weltlicher Fürst. Obwohl die polnischen Könige sich nicht der Reformation anschlossen, sicherten sie dem Luthertum in Preußen Schutz und Entwicklungsmöglichkeit zu – so auch König Sigismund II. August im Jahre 1569 nach dem Tode Herzog Albrechts: Die evangelische Religion nach dem Augsburger Bekenntnis sollte bewahrt werden.
Kaufleute und Studenten brachten Luthers Schriften auch in das Polnische Königreich.
Die reformatorischen Ideen verbreiteten sich im Polnischen Königreich nicht nur unter Gelehrten, Bürgern und dem Adel, sondern bald auch in Teilen der Bevölkerung. Zwischen 1550 und 1580 (Einsetzen der Gegenreformation) erreichte der Protestantismus seine größte Verbreitung, ohne seinen Charakter als Konfession einer Minorität zu verlieren.[1]
Der Protestantismus förderte auch in Polen-Litauen die Verbreitung der polnischen und litauischen Schriftsprache, da die evangelischen Geistlichen, anders als die damalige katholische Kirche, die Muttersprache der Gläubigen gebrauchten.[2] 1553 erschien das Neue Testament in polnischer Sprache, 1561 die Übersetzung der Confessio Augustana und 1563 die ganze Bibel (Biblia Brzeska/Brester Bibel bzw. Radziwill-Bibel). Mit Mikołaj Rej entstand eine polnischsprachige Literatur. Die Evangelischen (jetzt auch neben den Lutheranern die Calvinisten) erreichten eine Mehrheit der Abgeordneten im polnischen Parlament (Sejm), was sich in den Gesetzen zur Druck- und Konfessionsfreiheit, der Aufhebung der kirchlichen Zensur und der kirchlichen Gerichte zeigte. In der Warschauer Konföderation kam es 1573 zur Gleichberechtigung der Konfessionen.
Die Besonderheit der polnisch-litauischen Reformation im 16. Jahrhundert war die religiöse Toleranz. Diese war mitbedingt durch das seit Jahrhunderten bestehende Nebeneinander verschiedener Religionen und christlicher Konfessionen im polnisch-litauischen Großreich, in dem viele Völker lebten und das sich zeitweise von der Ostsee bis nahe ans Schwarze Meer erstreckte.[1] Durch die Synoden wurde eine demokratische Ordnung in den evangelischen Kirchen eingeführt, die sich auch gegen soziale Ungerechtigkeiten wandte sowie Bürger und Bauern in Schutz nahm. Anders als andere europäische Staaten blieb Polen-Litauen im 16. Jahrhundert weitgehend ohne gewaltsame religiöse Konflikte zwischen den christlichen Konfessionen.[1] Den Protestanten in Polen-Litauen gelang trotz kurzzeitiger Erfolge (unter anderem Vereinigungssynode der Reformierten und der Böhmischen Brüder in Kozminek 1555, der sich auch die Lutheraner anschlossen) keine dauerhafte Einigung.[3]
Die Gegenreformation begann damit, dass das Sejm-Gesetz der Warschauer Konföderation, das den Protestanten 1573 völlige Religionsfreiheit gewährt hatte,[3] aufgehoben wurde. Die Könige Stephan Bathory und Sigismund III. förderten zwischen 1575 und 1632 die Gegenreformation, die maßgeblich von den Jesuiten getragen wurde. Zwar gelang es dem Protestantismus trotz aller Verfolgung, auf polnischen Boden zu überleben. Doch erst im späten 18. Jahrhundert erlaubte König Stanislaus August Poniatowski den Evangelischen, die Trinitatiskirche in Warschau (heute Haupt- und Bischofskirche) zu bauen.
Auf schlesischem Gebiet gestattete der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Joseph I. als Herzog von Schlesien und König von Böhmen im Vertrag von 1707 den Bau von sechs Kirchen, den so genannten „Gnadenkirchen“ in Freystadt (heute polnisch: Kożuchów), Hirschberg (Jelenia Góra), Landeshut (Kamienna Góra), Militsch (Milicz), Sagan (Żagań) und Teschen (Cieszyn).
Der Zuzug evangelischer Bauern und Handwerker aus Europa, insbesondere aus Brandenburg, im 19. Jahrhundert förderte nicht nur die Industrie und Landwirtschaft in Polen, sondern auch den Protestantismus. 1888 wurde die Kirchenagende vom Warschauer Evangelisch-Augsburgischen Konsistorium herausgegeben, 1891 die ganze Agende in polnischer Sprache. Und 1920 konnte die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Warschau gegründet werden. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die evangelischen Gemeinden der vormaligen Provinz Posen, die bis dahin zur preußisch-unierten Landeskirche gehört hatten, der evangelisch-augsburgischen Kirche in Polen angegliedert.
In den 1920er Jahren umfasste die evangelisch-augsburgische Kirche in Polen etwa 400.000 Mitglieder, etwa 1,3 Prozent der damaligen polnischen Bevölkerung.
Im Jahre 1939 war die Evangelisch-Augsburgische Kirche im damaligen Polen in 118 Gemeinden mit 40 Filialkirchen unterteilt. Es amtierten 179 Pastoren, und als Religionslehrer u.a. waren außerdem 41 Geistliche tätig. Es gab damals zehn Diözesen, an deren Spitze der Senior als geistliches Oberhaupt stand:
Der Zweite Weltkrieg unterbrach den Prozess der kirchlichen Stabilisierung. In den Konzentrationslagern und Gefängnissen kamen etwa 30 Prozent der evangelischen Geistlichen Polens ums Leben, unter ihnen auch der langjährige Bischof Juliusz Bursche.
Die Nachkriegspolitik verminderte die Zahl der Gemeindeglieder der Evangelisch-Augsburgischen Kirche Polens. Etwa 75 Prozent der Gemeindeglieder wurden im Kontext der Bevölkerungsverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg als Deutsche vertrieben, in den nach 1945 neu erworbenen, einst weitgehend evangelischen Regionen Schlesien, Ostpreußen und Pommern wurden die meisten Kirchbauten der Katholischen Kirche übergeben. Bis in die 1970er-Jahre hinein hatte das Bekenntnis zu evangelischen Konfessionen erhebliche gesellschaftliche Diskriminierungen zur Folge. Nicht zuletzt dies war ein Grund für die anhaltende Aussiedlung. So beträgt heute die Zahl der evangelisch-lutherischen Gemeindeglieder etwa 75.000;[4] das sind nur 0,2 Prozent der polnischen Bevölkerung. Das Verhältnis zwischen dem Staat und der Evangelisch-Augsburgischen Kirche regelt ein Gesetz, das am 13. Mai 1994 vom polnischen Parlament verabschiedet wurde.[5]
Das geistliche Oberhaupt der Kirche ist der Leitende Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen. Er ist auch Präses des Konsistoriums. Amtsinhaber ist Jerzy Samiec. Bischofssitz ist Warschau (00-246 Warszawa, ul. Miodowa 21). Die dortige Dreifaltigkeitskirche (Kościół Św. Trójcy) ist die Haupt- und Bischofskirche.
Die Bezeichnung „Bischof“ wurde erst 1938 eingeführt; zuvor war die Amtsbezeichnung Generalsuperintendent, und „Bischof“ war nur ein Ehrentitel.
Die erste Synode nach dem Zweiten Weltkrieg tagte im Jahr 1950. Die Synode, deren Amtszeit fünf Jahre dauert, entscheidet über alle wichtigen Angelegenheiten der Kirche, setzt die Ziele und wacht über die Rechtgläubigkeit. Sie ist Verfasserin aller Gesetze und Ordnungen der Kirche, die die Tätigkeit auf Gemeindeebene, der Diözesanebene und der Gesamtkirche regeln.
Das Konsistorium übt die höchste Verwaltungs- und Administrationsgewalt aus. Sitz ist Warschau (00-246 Warszawa, ul. Miodowa 21). Vorsitzender des Konsistoriums ist der Leitende Bischof, stellvertretender Vorsitzender ist augenblicklich Adam Pastucha.
In territorialer und in administrativer Hinsicht ist die Evangelisch-Augsburgische Kirche in sechs Diözesen aufgeteilt. Jede Diözese wird durch eine Diözesansynode mit dem Diözesanbischof und dem Diözesanrat vertreten. Der Diözesanbischof ist das Oberhaupt aller in der Diözese arbeitenden Geistlichen.
Es gibt folgende Diözesen:
Die administrative Grundeinheit der Evangelisch-Augsburgischen Kirche ist die Gemeinde (polnisch: „parafia“), die als örtliche Kirche alle Merkmale der Kirche Jesu Christi besitzt. Sie ist das Volk Gottes und zum Zeugnis des Glaubens berufen. Die geistlichen Leiter der Gemeinden sind die Pfarrer.
Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen gehört seit 1947 dem Lutherischen Weltbund (LWB) an, einer Gemeinschaft von etwa 150 lutherischen Kirchen in mehr als 70 Nationen. Außerdem ist sie Mitglied der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa und des Ökumenischen Rates der Kirchen.
Zwischen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche, der Evangelisch-reformierten Kirche und der Evangelisch-methodistischen Kirche in Polen besteht eine Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.
Die Evangelisch-Augsburgische Kirche ist außerdem Mitglied des Polnischen Ökumenischen Rates, zu dem sich bereits 1946 die Minderheitskirchen Polens zusammengeschlossen haben.
Mit der römisch-katholischen Kirche Polens gibt es eine – immer noch ausbauwürdige – Zusammenarbeit.
Es bestehen Partnerschaften zwischen polnischen Diözesen und deutschen Landeskirchen: