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Fauvismus wird in der Kunstgeschichte einer Stilrichtung der Malerei zugeordnet. Sie entstand aus einer Bewegung innerhalb der französischen Avantgarde zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Fauvismus, getragen von sehr unterschiedlichen KĂŒnstlern, bildet die erste Bewegung der klassischen Moderne.
Die Hauptvertreter der zunÀchst geschmÀhten Bewegung waren Henri Matisse, André Derain und Maurice de Vlaminck. Ihnen schlossen sich Raoul Dufy, Albert Marquet, Kees van Dongen, Othon Friesz und Georges Braque an.[1][2] Von einigen Kunsthistorikern werden auch Henri Manguin, Charles Camoin, Jean Puy und Louis Valtat zu den Fauves gezÀhlt, neueren Tendenzen zufolge ebenfalls Georges Rouault.[3]
In den fauvistischen Bildern sollte die Farbgebung nicht mehr der illusionistischen Darstellung eines Gegenstandes dienen. Die malerische Aussage entstand aus dem Zusammenklang der FarbflĂ€chen. Typisch fĂŒr die meisten Werke sind ihre leuchtenden Farben. Die Ăberlegungen zur Darstellung des Raumes sind jedoch ebenso wesentlicher Bestandteil der Bildkomposition.[4][1]
Die Wurzeln des Fauvismus entstammen dem Impressionismus, Ziel war aber, der FlĂŒchtigkeit impressionistischer Bilder entgegenzuarbeiten, um dem Werk mehr Dauer (frz. durĂ©e) zu verleihen. Eine eigene Theorie oder ein Manifest hatte der Fauvismus dabei nicht. Einer neueren Sichtweise zufolge habe der Fauvismus Gemeinsamkeiten mit dem Expressionismus.
1907 löste der Kubismus den Fauvismus ab und zog einige seiner Vertreter an. Es ist ein Erbe der Fauves, dass moderne KĂŒnstler die Farbe als individuelles Ausdrucksmittel sehen.
Inhaltsverzeichnis |
Der Begriff âFauvismusâ leitet sich her von dem französischen Wort fauves âwilde Bestienâ. Als eine kleine Gruppe von Malern 1905 im Saal VII des Salon d'Automne ihre Bilder zeigte, sah der Kunstkritiker Louis Vauxcelles zwischen den Malereien eine weibliche BĂŒste in florentinischer Art stehen. Er rief: âTiens, Donatello au milieu des fauves.â (âSieh da, Donatello umgeben von wilden Bestien.â)[5] Neben Henri Matisse und AndrĂ© Derain zeigten Albert Marquet, Henri Manguin, Othon Friesz, Jean Puy, Louis Valtat, Maurice de Vlaminck, Charles Camoin und Kees van Dongen ihre Werke.[6][5]
Die Formulierung wurde berĂŒhmt durch die Aufnahme in einen Artikel in Gil Blas vom 17. Oktober 1905, in dem Vauxcelles ĂŒber das GemĂ€lde La femme au chapeau (Frau mit Hut) von Matisse schrieb, sie erleide âdas Schicksal einer christlichen Jungfrau, die im Zirkus den wilden Bestien (Fauves) vorgeworfen wird.â Im selben Artikel wiederholte er die im so bezeichneten âCage aux fauvesâ â dem KĂ€fig der wilden Bestien (Saal VII) â getroffene ĂuĂerung: âDonatello chez les fauves.â[5][Anmerkungen 1]
Der Artikel verband Maler miteinander, die nie daran gedacht hatten, als eine geschlossene Gruppe aufzutreten.[5] Ihre Bilder hingen im Saal VII des Salon dâČAutomne, weil die Verantwortlichen, Armand Dayot und LĂ©once Benedite, es so entschieden hatten.[6] Die erste Ausstellung der von nun an Fauves genannten Maler fand vom 21. Oktober bis zum 20. November 1905 in einer kleinen Galerie in der Rue Victor-MassĂ© 25 statt, die von Berthe Weill gefĂŒhrt wurde. Die ausstellenden Maler waren Camoin, Derain, Dufy, Friesz, Manguin, Marquet, Matisse und Vlaminck.[5]
Die Gruppe selbst lehnte die Namengebung ab. Der Ausdruck wurde von den Malern fĂŒr so wenig zutreffend gehalten, dass sie ihn vor 1907 nicht gebrauchten. Sie hatten nicht das BedĂŒrfnis, sich einen Namen geben zu mĂŒssen.[7]
Die Bezeichnung Fauvismus â wie zuvor fĂŒr den Impressionismus und spĂ€ter den Kubismus â war zufĂ€llig, kam von auĂen, war der Ausdruck einer Schockwirkung auf die Zeitgenossen. Das von Vauxcelles geprĂ€gte Wort belastete das Schicksal dieser neuen Malerei und verfĂ€lschte deren VerstĂ€ndnis.[8] In dem Wort Fauve steckte unbewusst die zu dieser Zeit noch lebendige Ideologie, die den ĂŒbermĂ€Ăigen Farbenreichtum verurteilte und der Zeichnung fĂŒr die Bildgestaltung den Vorrang gab. Die Farbe galt noch im Sinne Ingresâ als âtierischer Teil der Kunstâ.[1]
Fauvismus ist eine jener Stilbezeichnungen, die weder eine geistige Situation noch einen Stil der Malerei angemessen beschreiben. Bei Vlaminck oder van Dongen sind ZĂŒge des âwilden Tieresâ zu finden, insoweit man dies auf den Gegenstand oder die Technik bezieht, kaum jedoch bei Derain und Matisse.[9]
Drei Hauptgruppen, zu denen noch der niederlÀndische EinzelgÀnger Kees van Dongen kommt, tragen zur Bildung des Begriffs Fauvismus bei:[8]
Die Maler wollten mit der Vergangenheit, insbesondere dem Impressionismus und Realismus, brechen und nicht von einem Vorbild abhĂ€ngig werden.[7] Sie arbeiteten dem flĂŒchtigen Eindruck impressionistischer Bilder entgegen, um dem Werk mehr Dauer (frz.: durĂ©e) zu verleihen.
In dem Sujet Landschaftsmalerei wurden die grundlegenden Ziele entwickelt. In den Bildwerken sind Licht und Raumgestaltung durch die Farbe gleichwertig. Die rĂ€umlichen Erscheinungen werden als reine FlĂ€che ohne Modellierung und Illusion des Helldunkels behandelt.[4] An die Stelle der Raumillusion tritt ein durch Empfindungsvermögen und Phantasie gestalteter poetischer Raum. Dieser Raum drĂŒckt sich bildnerisch durch ein Zusammenspiel reiner, gleichmĂ€Ăig gesĂ€ttigter Farben aus.[7] Die Fauves lehnten literarische BezĂŒge in der Malerei ab.
Der Ausdruck (frz.: expression) des Werkes liegt in der farbigen OberflĂ€che des Bildes, die der Betrachter als Ganzes erfasst. Die höchste Steigerung der Farbe genĂŒge nicht, um den Fauvismus zu charakterisieren. âDas ist nur das ĂuĂereâ, so Matisse, âder Fauvismus ist dadurch entstanden, daĂ wir die nachahmenden Farben abgelehnt und mit den reinen weit stĂ€rkere Wirkungen [âŠ] erzielt haben, abgesehen von der Leuchtkraft der Farben.â[10] FĂŒr den Fauvismus typisch ist ebenso, dass die Maler die Ăbereinstimmung zwischen dem Ausdruck und dem innerem Gehalt des Bildes durch die ordnende Komposition anstrebten. Der Einfachheit der eingesetzten malerischen Mittel wurde hierbei eine deutliche Beachtung geschenkt.[10]
siehe auch: â Kunsthistorische Einleitung
Die Maler, die 1905 zwischen zwanzig und dreiĂig Jahre alt waren, wurden kurz nach der Niederlage Frankreichs von 1870 und den Ereignissen der Pariser Kommune geboren und stammten aus meist bescheidenen FamilienverhĂ€ltnissen. Frankreich wurde 1894 von der Dreyfus-AffĂ€re erschĂŒttert und gespalten, es wurde viel protestiert. Das Vertrauen in die Staatsgewalt, Justiz, Armee, Kirche und in das Wirtschaftssystem war fĂŒr manche Kritiker erschĂŒttert. So kamen antiklerikale, antimilitaristische, antikonformistische, sogar anarchistische Tendenzen zum Vorschein.
Der Anarchismus zwischen 1900 und 1905 war in Frankreich jedoch keine aktive, gewalttĂ€tige Bewegung mehr, es handelte sich vielmehr um einen Kaffeehaus-Anarchismus. Die Fauves hatten sich zwar in einem gewissen Sinn den Anarchisten angenĂ€hert â so fĂŒhrte der Kampf gegen die anerkannte bĂŒrgerliche Kunst auch zum Kampf gegen die etablierte Ordnung. Doch Derain Ă€uĂerte bereits 1905 in einem Brief an Vlaminck: âIch bin wieder auf einen Anarchisten gestoĂen. Ăberall, wo ich hinkomme, habe ich einen Haufen Anarchisten um mich, die jeden Abend die Welt zerstören und sie morgens wieder zusammensetzen. Das geht mir auf die Nerven, vor allem die Idee, geglaubt zu haben, daĂ ich selber einer sei.â[11]
Die Weltausstellung von 1900 in Paris machte die Kluft deutlich, die zwischen der europÀischen Industriegesellschaft und den neu entdeckten Kulturen des Fernen Ostens, Afrikas und Ozeaniens lag. Auf diese Weise gelangten Kunstwerke weit entfernter Kulturen in die Hauptstadt Frankreichs, die bei den Fauves Beachtung fanden.
Der Geist der Fauves ist vergleichbar mit den Gedanken AndrĂ© Gides. Gide preist den Kult des Lebens, jenen Zustand der leidenschaftlichen Begeisterung, in dem sich das Individuum entfaltet, was er 1897 in Les nourritures terrestres zum Ausdruck bringt. Die literarische Haltung Gides, der aus Unmut ĂŒber den Symbolismus die Kunst des Schreibens erneuern will, entsprach der Reaktion der Fauves. So wendeten sie sich gegen die UnproduktivitĂ€t der offiziellen Kunst und die AuswĂŒchse des sich im Anekdotischen verlierenden Symbolismus in der Malerei.[11]
Im Januar und Februar 1900 erschienen in der Zeitschrift Mercure de France Artikel von Jules de Gaultier, der die antirationalistische und individualistische Grundlage der Philosophie Nietzsches sowie die in Also sprach Zarathustra im Ăberfluss vorhandene lyrische Begeisterung hervorhob. Ein anderer Aspekt des Nietzscheâschen Denkens war die Verteidigung des Dionysischen gegen das Christentum. Diese Haltung machte aus Nietzsche den Propheten des MĂ©diterranĂ©isme, einen Philosophen der MittelmeerlĂ€nder, den die Fauves bevorzugten. Die Verherrlichung des Lebens, der freudige Individualismus Nietzsches zu jener Zeit wurde als eine Reaktion gegen den Pessimismus und die AuswĂŒchse des Fin-de-siĂ©cles empfunden. Was etwa Jules de Gaultier ĂŒber Also sprach Zarathustra sagt, könnte Teil eines Manifestes des Fauvismus sein[11]: âDiese ist eine Lust, ein neuer Appetit, eine neue Gabe, Farben zu sehen, KlĂ€nge zu vernehmen und GefĂŒhle zu empfinden, die bisher weder gesehen, noch vernommen oder empfunden wurden.â[12]
Auf die jungen Maler des beginnenden 20. Jahrhunderts in Paris drangen sehr viele EinflĂŒsse und Gegenströmungen ein. Die populĂ€re Kunst jener Zeit war eine Mischung von akademischem âpoetischem Realismusâ Ă la Bouguereau und Fin-de-siĂšcle Erscheinungen wie der Art Nouveau. Der offizielle Akademiestil prĂ€sentierte die letzten Phasen des Neoklassizismus und Realismus. Den Gegensatz zu dieser populĂ€ren Malerei bildete ein wichtiger Teil der französischen Malkultur, die bereits zur Tradition gewordene Avantgarde.[13] Ihre beiden Hauptströmungen waren der Impressionismus und Neoimpressionismus (siehe hierzu â Divisionismus), des Weiteren der Symbolismus, Cloisonismus, Synthetismus, die KĂŒnstlergruppe der Nabis und die Arbeiten van Goghs, Gauguins und CĂ©zannes. Ihr gemeinsames Anliegen war, den durch den Impressionismus hervorgerufenen zerflieĂenden Bildeindruck zu festigen. Die Einheit der nicht-illusionistischen BildflĂ€che beherrschte das Wollen der Avantgarde.[14]
Realismus
Jean-Léon GérÎme,
Sklavenmarkt in Rom, etwa 1884
Realismus
William Bouguereau,
Pastourelle, 1889
Symbolismus
Gustave Moreau,
Jupiter und Semele, 1894â1895
Impressionismus
Camille Pissarro,
Avenue de L'Opera, 1898
Impressionismus
Claude Monet,
Pappeln an der Epte, 1900
Neoimpressionismus
Georges Seurat,
Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte, 1884â1886
Neoimpressionismus
Paul Signac,
Hafen von Saint-Tropez, 1899
Post-Impressionismus
Paul Gauguin,
Im Café, 1888
Post-Impressionismus
Vincent van Gogh,
Das gelbe Haus, 1888
Post-Impressionismus
Paul Cézanne,
Jas de Bouffan, 1885â1887
Die Arbeiten der fĂŒhrenden Köpfe bildeten die Anhalts- und Konfrontationspunkte fĂŒr die jungen Maler. In ihren Werken erkannten sie, etwa bei van Gogh und Gauguin, dass die flĂ€chige Behandlung der Farbe in den Vordergrund trat, die dem ZerflieĂen impressionistischer Werke entgegengestellt wurde. Bei den Divisionisten war es die Farblogik und Farblehre Chevreuls, die auf der sich im Auge des Betrachters vollziehenden additiven Farbmischung basierte, mit deren Hilfe man dem ZerflieĂen entgehen wollte. Signac, der Theoretiker und Fortsetzer der Bewegung, veröffentlichte in der Revue Blanche vom Mai bis Juli 1898 alle Kapitel seines aufsehenerregenden doktrinĂ€ren Werkes: Von EugĂšne Delacroix zum Neoimpressionismus.[14] Der beherrschende Einfluss war jedoch der CĂ©zannes, weniger im Hinblick auf die reine Farbe, sondern als ein Beispiel fĂŒr die Struktur des Bildes und die Energie seiner DurchfĂŒhrung.
Der Lehrer, von dem einige Fauves spĂ€ter immer wieder mit Verehrung und Dankbarkeit sprachen, war Gustave Moreau. Moreau unterrichtete von 1891 bis 1898 an der Ăcole des Beaux-Arts. Er verbrachte ganze Morgen im GesprĂ€ch mit seinen SchĂŒlern und fĂŒhrte sie immer wieder in den Louvre. AndrĂ© SuarĂšs schrieb: âEr hat das Verdienst gehabt, zu verstehen, was ihm entgegengesetzt war und das ihn am heftigsten hĂ€tte abstoĂen mĂŒssen. Er war der sicherste FĂŒhrer, der weiseste Mentor.â[15] Roger Marx formulierte in der Revue encyclopĂ©dique vom 25. April 1896: âAlle, die ihre IndividualitĂ€t entwickeln wollen, haben sich um Moreau geschart.â[15] Der Ausspruch Moreaus, âIch bin die BrĂŒcke, ĂŒber die einige von ihnen gehen werdenâ, erlangte BerĂŒhmtheit.[16][Anmerkungen 2]
In den von TĂ©riade 1951 aufgezeichneten Darlegungen Matisse spricht Ă€uĂerte dieser ĂŒber seinen Lehrer Moreau: âMein Lehrer, Gustave Moreau, pflegte zu sagen, dass die Manierismen eines Stils sich nach einer gewissen Zeit gegen ihn wenden, und dann mĂŒssen die QualitĂ€ten des Bildes stark genug sein, um nicht zu versagen. Darum bin ich wachsam gegenĂŒber allen scheinbar so auĂerordentlichen Techniken.â[17]
FĂŒr die Entwicklung des Fauvismus war der Werdegang von Matisse entscheidend. Er begann ab etwa 1897, sicherlich jedoch nach dem Tode Moreaus 1898, Pissarro zu besuchen. Pissarro war das moralische Gewissen und der kĂŒnstlerische FĂŒhrer seiner Zeit, der noch die direkte Lehre Corots empfangen, die Entwicklung CĂ©zannes und Gauguins erlebt und die Versuche Seurats unterstĂŒtzt hatte. Er war auch offen fĂŒr die AnfĂ€nge von Matisse und gab ihm unvergessliche RatschlĂ€ge.[18] Matisse begann GemĂ€lde zu schaffen, in denen sich der Beginn des Ausbruchs der Farbe Ă€uĂerte und bis 1901 steigerte.[19]
Im Jahre 1935 Ă€uĂerte Matisse in seinem Essay Ăber Modernismus und Tradition: âAls ich zu malen begann, standen wir zu unseren VorgĂ€ngern nicht im Widerspruch, und wir Ă€uĂerten unsere Ansichten vorsichtig und allmĂ€hlich. Die Impressionisten waren die anerkannten FĂŒhrer, und die Nachimpressionisten gingen in ihren FuĂstapfen. Ich tat das nicht.â[20]
Der Korsika-Aufenthalt im Jahr 1898 deutet die ersten fauvistischen Schritte an. Matisse untersuchte in den Jahren 1900 bis 1903 die Struktur der Formen. Darunter verstand er zum einen die Zeichnung, die das Wesen des Objekts zum Ausdruck bringt â was er le dessin compris nennt â, und zum anderen die Zeichnung, die die StabilitĂ€t des Objektes ausdrĂŒckt â was er dessin dâaplomb nennt.[21] Nach einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Neoimpressionismus gelangte Matisse dazu, die Farbe von der Vormundschaft der Kontur zu erlösen und den dargestellten Raum aus Beziehungen kontrastierender FarbplĂ€ne â vereinfacht lesbar aus FarbflĂ€chen â zu konstruieren.
| Vue de Saint-Tropez |
|---|
| Henri Matisse, 1904 |
| Ăl auf Leinwand, 35 cm Ă 48 cm |
| Musée Léon-AlÚgre, Bagnols-sur-CÚze |
Mit dem Bild Vue de Saint-Tropez (Sicht auf Saint-Tropez), ausgestellt 1904 im Salon d'Automne, leitete er den Fauvismus ein.[21][18] Es entspricht den zwei oder drei Werken, die Derain Ende des Jahres 1904 und Anfang des Jahres 1905 malte. Die frĂŒhe Reife Derains, dem jĂŒngsten der Fauves, war derart auffallend, dass Picasso ihm ohne zu Zögern die Vaterschaft des Fauvismus zugesprochen hatte.
In seiner divisionistischen Komposition Luxe, calme et voluptĂ©[Bild 1] (1904â1905) entdeckte Matisse den Widerspruch zwischen der âlinearen, skulpturhaften PlastizitĂ€tâ der Zeichnung und der âPlastizitĂ€t der Farbenâ. Die malerische Aussage findet weniger in reinen Farben Ausdruck, als in einer nicht-illusionistischen, plastischen Definition des Raumes.[21]
Die im Herbstsalon von 1904 von Matisse gezeigten Arbeiten regten den zuvor impressionistisch malenden Friesz an, sich der Bewegung anzuschlieĂen.
Als Matisse im Jahre 1905 im Salon des IndĂ©pendants Luxe, calme et voluptĂ© ausstellte, wechselte nun auch Dufy seine Richtung. Die beiden Maler aus Le Havre, Friesz und Dufy, verzichteten nunmehr auf ihren frĂŒhen Impressionismus und folgten Matisse. Dufy Ă€uĂerte hierzu: âVor diesem Werke habe ich die Lebensberechtigung der neuen Malerei verstanden, und der impressionistische Realismus verlor seinen Reiz fĂŒr mich angesichts dieses Wunders, Zeichnung und Farbe rein imaginativ zu behandeln.â[22]
Man hat Chatou das Argenteuil â der ehemalige Tummelplatz der Impressionisten â des Fauvismus genannt. In diesem kleinen Vorort hatte sich die Verbindung der drei Pioniere der Bewegung, Matisse, Derain und Vlaminck, die letzteren in Chatou ansĂ€ssig, vollzogen.[23]
Im Jahre 1901, wĂ€hrend eines Besuchs der GedĂ€chtnisausstellung fĂŒr van Gogh in der Galerie Alexandre Bernheim (spĂ€ter Bernheim-Jeune), hatte Derain Matisse, den er zuvor beim Kopieren klassischer Werke im Louvre kennengelernt hatte, seinem Freund Vlaminck vorgestellt. Diese oft erwĂ€hnte historische Begegnung bezeichnet keineswegs genau die Geburt des Fauvismus, bildete aber eine seiner wichtigsten Keimzellen. Gelegentlich spricht man auch von einer Schule von Chatou.[23] So erinnerte sich Matisse: âAufrichtig gesagt, hat die Malerei Derains und Vlamincks mich nicht erstaunt, denn sie war meinen eigenen Versuchen Ă€hnlich.â[15]
In der Haltung Matisseâ und Vlamincks standen sich die beiden Pole des Fauvismus gegenĂŒber, aus denen er einerseits seine Kraft und Geschlossenheit zog, andererseits jedoch seine heterogene Struktur behielt.[23] Matisse vertrat den Standpunkt, dass es wichtig sei, dem Instinkt entgegenzuarbeiten. Vlaminck hingegen war bemĂŒht, mit allen Sinnen zu malen, ohne an den Stil zu denken. Matisse ĂŒbernahm das klassische Erbe und hatte nie den Einfluss anderer abgelehnt. Die Persönlichkeit des KĂŒnstlers bestĂ€tigte sich fĂŒr ihn nur durch den Kampf mit den gegensĂ€tzlichen Ideen und dem redlichen Sieg ĂŒber sie.[24] FĂŒr Vlaminck dagegen war die Malerei nicht eine Ă€sthetische Erfahrung, sondern eine GĂ€rung der SĂ€fte, eine âEiterung, ein AbszeĂâ.[23] Er lehnte alle EinflĂŒsse der VorlĂ€ufer ab. So zeigt das Bild Restaurant de La Machine Ă Bougival[Bild 2] von Vlaminck seine Vorlieben fĂŒr die Grundtöne Gelb, Rot und Blau.
Mit Derain bildete sich, als Bindeglied zweier so gegensĂ€tzlicher Naturen, die grundlegende Dreiheit des Fauvismus. Im Herbst 1904 kehrte Derain, der seit 1901 MilitĂ€rdienst zu leisten hatte, aus dem Soldatenleben zurĂŒck. Damit wurde der Austausch zwischen Matisse und der wiederhergestellten Truppe aus Chatou, die die Farbe wie âDynamitpatronenâ verwendete, ĂŒberaus lebhaft.[25]
Die Werke Derains wÀhrend dieser Schaffensperiode (1904) waren zum Teil noch unter dem Einfluss van Goghs und der Neo-Impressionisten entstanden. Jedoch zeigt Bords de riviÚre, Chatou[Bild 3] (Flussufer, Chatou) bereits die Suche nach einer Synthese der Form, mit Hilfe derer nicht die Wirklichkeit abgebildet, sondern eine ihr gleichwertige Bildwelt geschaffen werden soll.[26] In La Seine au Pecq (1904) deutete sich nun eine Malweise an, die deutlich den fauvistischen Bestrebungen zugewandt ist.
Matisse und Derain verbrachten den Sommer des Jahres 1905 gemeinsam in Collioure. Wenn CĂ©ret, nach dem Wort Salmons, das âMekka des Kubismusâ war, so wurde der Fauvismus in Collioure geboren, und dort vollzog sich der Ăbergang vom Post-Impressionismus zu jener neuen Art, die im nĂ€chsten Herbstsalon Skandal erregen sollte.[22]
Die ersten Arbeiten in Collioure waren noch divisionistischen Ăberlegungen zugewandt. In dem nahegelegenen Corneilla-de-Conflent kam es zu einer Begegnung mit dem Werk Gauguins. Die beiden Maler sahen bei Daniel de Monfried, dem treuesten Freund Gauguins, die noch unbekannten Werke aus Ozeanien. In ihnen erkannten sie eine BestĂ€tigung ihres Wegs zur âsubjektiven Farbeâ (â Lösen der Farbgebung von der âobjektivenâ Darstellung der Lokalfarbe). Im Werk Gauguins ist die flache Farbe die grundlegende Idee. Sie ĂŒberwindet âdie Zerstreuung der Lokalfarbe im Lichteâ, indem sie dem Licht die âĂbereinstimmung stark farbiger FlĂ€chenâ ĂŒberordnet.[22] In diesem Punkt betonte Matisse, dass Gauguin nicht zu den Fauves gerechnet werden kann, da in seinem Werk der Aufbau des Raumes durch die Farbe fehlt.[27] Gauguins Rolle als VorlĂ€ufer ist einerseits erkennbar, andererseits auch die Reinigung, die seine Nachfolger erreicht hatten.
Die divisionistische Sichtweise wurde nun gĂ€nzlich in Frage gestellt, da sie in völligem Widerspruch zu dem von Matisse und Derain entwickelten VerhĂ€ltnis von KĂŒnstler und Natur stand. Matisse hatte den Divisionismus spĂ€ter streng beurteilt und wie Pissarro die Grenzen und das Sterile einer âzu formelhaften Doktrin fĂŒr den Aufbau der Farbenâ gesehen. Aus seiner Sicht beruhe die divisionistische Malweise auf einfachen âEindrĂŒcken der Netzhautâ und bezwecke nur die ârein physische Ordnungâ der Farben.[22] Paul Signac nahm die Absage Matisseâ an den Neoimpressionismus sehr persönlich. Auch Derain berichtete Vlaminck in einem Brief vom 28. Juli 1905 von einer neuen Konzeption des Lichts: dass er âalles ausrotten muss, was die Unterteilung der Farbtöne mit sichâ bringt, und ergĂ€nzte, âes schadet den Dingen, die ihre Harmonie aus absichtlichen Disharmonien ziehen. Es ist im Grunde eine Welt, die sich selbst zerstört, sobald man sie bis an den Rand des Absoluten vorantreibt.â[28]
| Bateaux de pĂȘche Ă Collioure |
|---|
| André Derain, 1905 |
| Ăl auf Leinwand, 38,2 cm Ă 46,3 cm |
| The Museum of Modern Art, The Philip L. Goodwin Collection, New York |
Die letzten Werke von Collioure zeigen von nun an den Weg zu jener Ăbersteigerung, die das Wesen des Fauvismus bestimmen wird. Als Ăbergang entstand eine neue Mischung von Divisionismus und flacher Farbe.[22] Die Pinselschrift ist dĂŒnn und flĂŒssig, fast aquarellartig in ihrer Leichtigkeit, so etwa in La sieste[Bild 4] von Matisse und Bateaux de pĂȘche Ă Collioure von Derain. In ihren Bildern wurde die Illusion des Raumes, der Masse und der Materie nun völlig aufgehoben.
In den Werken aus Collioure verschwindet jede Spur der alten malerischen Farbperspektive, die warme Töne fĂŒr den Vordergrund und kĂŒhle fĂŒr die blĂ€uliche Ferne verwendete, und die auch die Impressionisten zu ĂŒberwinden trachteten. Ohne Kontur in strahlenden Farben nebeneinandergesetzt, bilden die Farben teppichartig die OberflĂ€che und lassen jene reine Harmonie entstehen, die Matisse einen âgeistigen Raumâ genannt hatte.[29] Hierbei wird die Bedeutung des Lichts als ein Element der Wirklichkeit, das das Objekt modelliert, reduziert. An die Stelle des Lichtraums tritt ein aus dem GefĂŒhl des KĂŒnstlers entstandener Farbraum und an die Stelle der deskriptiven Wiedergabe der Formen setzte der Fauve das, was Maurice Denis als âNoumen der Bilderâ bezeichnete und was man heute Zeichen nennen könnte.[30]
Nach Paris zurĂŒckgekehrt, ging Matisse an die Figur und malte in wenigen Tagen La femme au chapeau (Frau mit Hut). Es gibt nun keine Rangordnung mehr zwischen Figur und Umraum, alles ist bedeutsam und gleichwertig, wird dem Gesamtrhythmus durch eine Folge von FarbflĂ€chen eingefĂŒgt, frei nach dem Vorbild der Aquarelle CĂ©zannes.[31]
| Les affiches Ă Trouville |
|---|
| Raoul Dufy, 1906 |
| Ăl auf Leinwand, 65 cm Ă 81 cm |
| Musée National d'Art Moderne, Paris |
Die Gruppe der Fauves entwickelte sich aus freundschaftlichen Beziehungen. WĂ€hrend der fauvistischen Jahre waren sie paarweise unterwegs und tauschten sich so untereinander aus: Vlaminck und Derain in Chatou, Matisse und Marquet in Paris, Marquet und Dufy in Sainte-Adresse, Trouville und Le Havre, Friesz und Braque in Antwerpen, Dufy und Friesz in Falaize und Le Havre, Matisse und Derain in Collioure, Dufy und Braque in LâEstaque.[1][32]
Was sie vor allem verband, war das leidenschaftliche Bekenntnis zur Farbe und zur Verwendung bestimmter Mittel, um sie zur Geltung zu bringen. Jeder von ihnen sagte: âFarbeâ, und jeder meinte damit etwas anderes. Andererseits wiederum ist allen gemeinsam, dass sie in ihren tiefen Krisen in CĂ©zannes Werk Hilfe suchen. Der Fauvismus verfĂŒgt nicht ĂŒber dieselbe einheitliche Methode wie der programmatische Impressionismus oder der Neoimpressionismus.[32]
Ein Vergleich der Bilder Dufys mit denen von Matisse und Derain zeigt die GegensĂ€tzlichkeiten. Bei Dufy sind Form und Linie zunehmend unabhĂ€ngig voneinander. Seine Werke stehen nicht nur im Gegensatz zu dem von Derain zur visuellen Verankerung seiner Farbfelder angestrebten Masseneffekt, sondern auch zu Matisse, der durch die Linie die Form bis zum Ă€uĂersten spannt.[33] So ist etwa Dufys GemĂ€lde Les affiches Ă Trouville (Plakate in Trouville) aus dem Jahre 1906 noch nĂ€her an dem Werk Marquets orientiert. Als der Kubismus zum Vorschein trat, setzte sich Dufy zeitweilig mit dessen Bestrebungen auseinander.
Der âFauvist auf Samtpfotenâ Marquet Ă€uĂerte spĂ€ter, dass seine Anwesenheit im berĂŒhmten âKĂ€figâ (Saal VII) von 1905 viel eher einem Zufall als malerischen GrĂŒnden zu verdanken war. Die fĂŒnf Landschaften, die er dort ausstellte, waren unter dem grauem Himmel von Paris gemalt. Mehr als van Gogh und die Impressionisten war es Manet, der einen entscheidenden Einfluss auf ihn ausĂŒbte. Marquets Ansichten von Paris â etwa Le Pont Saint-Michel[Bild 5] â fĂŒgen dem Fauvismus jedoch eine ganz besondere Note hinzu.[33]
Friesz war vor allem an einer koloristischen Orchestrierung (âVielfarbigkeitâ) interessiert â in La rĂ©gate Ă Anvers[Bild 6] (Regatta in Antwerpen) erkennbar. Er kehrte bereits 1908 wieder zu einer von der Zeichnung dominierten Malerei zurĂŒck.[33] Friesz wandte sich spĂ€ter zeitweilig den Bestrebungen des Kubismus zu.
Van Dongen war mit zwei Werken â Torso[Bild 7] und Das Hemd â im Saal VII des Herbstsalons von 1905 vertreten. Er schloss sich zwar den Fauvisten an, jedoch war sein Torso viel weniger fauvistisch als zum Beispiel die im gleichen Saal ausgestellte La femme au chapeau von Matisse. Ihre im Herbstsalon gezeigten Werke verdeutlichen unmittelbar die lebenslange GegensĂ€tzlichkeit der beiden Maler.[33]
Die KĂŒnstler Louis Valtat, Henri Manguin, Jean Puy und Charles Camoin wurden in den wenigen Jahren der fauvistischen Bewegung hĂ€ufiger als in den folgenden Jahrzehnten genannt. Sie stehen am Rande des Fauvismus als Maler, die unter sich verwandter als mit den anderen Fauves erscheinen. In diesem Zusammenhang ist die Rolle Rouaults die eines völligen AuĂenseiters,[34][1][6] der dennoch in neuerer Literatur gelegentlich zu den Fauves gerechnet wird.[3]
Das Jahr 1906 krönte den Triumph und die Verbreitung des Fauvismus durch den Anschluss Braques und seine Wirkung auf das Ausland. Der Herbstsalon von 1906 versammelte die vollstÀndige Gruppe der Fauves in ihrer höchsten Entfaltung, in der sich ihre wesentlichen GrundsÀtze zeigten.[35]
Derains Bilder aus London sind einige der geglĂŒcktesten Werke des Fauvismus. Sein Aufenthalt in der britischen Hauptstadt wurde von Vollard angeregt, der unter dem Eindruck der Arbeiten des Herbstsalons von 1905 die berĂŒhmte Reihe Monets in einem anderen Geiste erneuert sehen wollte.[36] Es entstanden Werke in zwei deutlich unterscheidbaren Richtungen: in breitem Pinselstrich und im Nebeneinander kolorierter Massen. Die BrĂŒcke von Charing Cross[Bild 8] ist ein Beispiel fĂŒr die erste Richtung. Die WestminsterbrĂŒcke, die Derain unter allen Londoner Bildern fĂŒr den Herbstsalon 1906 ausgewĂ€hlt hatte, fasst das Ergebnis dieser Zeit zusammen. In diesem Bild vollzieht sich eine neuartige und meisterhafte Synthese von Lautrec und Gauguin.[36]
| Le bonheur de vivre |
|---|
| Henri Matisse, 1905/06 |
| Ăl auf Leinwand, 174 cm Ă 238 cm |
| The Barnes Foundation, Merion, Philadelphia |
Derain ist neben Matisse der fĂŒhrende KĂŒnstler der Fauves. Seine Bilder erweisen sich als eine Reihe von Meisterwerken, die sich den klassischen Werken des Impressionismus gleichwertig anschlieĂen.[37]
Das GemĂ€lde Le bonheur de vivre (auch La joie de vivre genannt â Die Lebensfreude) von Matisse bildet, vor Picassos GemĂ€lde Les Demoiselles dâAvignon, das erste wahrhaft monumentale Werk der Malerei des 20. Jahrhunderts. Es wurde im FrĂŒhjahr 1906 auf dem Salon des IndĂ©pendants von Gertrude und Leo Stein erworben. Matisse ĂŒberwand hier die abendlĂ€ndische Alternative, die Linie und Farbe trennt, indem sie der ersteren eine intellektuelle, der Farbe eine erregende Rolle zuspricht und die Kunst als die Mimik entweder der Ă€uĂeren oder der inneren Welt ansieht.[38]
Ab 1907 löste sich die Einheit der Bewegung unter dem Vorstoà des von Picasso und Braque eingeleiteten Kubismus auf, an dessen Entstehung Matisse und Derain nicht unbeteiligt waren.[39] Dass die beiden gegensÀtzlichen Bewegungen solidarisch sind, zeigt sich in Braque, der nacheinander und ohne Vorbehalte, fauvistisch und kubistisch gemalt hatte.[29]
AnlĂ€sslich eines dritten Aufenthaltes Braques in LâEstaque im Sommer 1908, den auch Dufy fĂŒr einige Zeit teilte, verzichtete Braque auf die fauvistische Palette. Er baute seine Landschaften â etwa HĂ€user in LâEstaque â und Stillleben in einer gedĂ€mpften Skala von Grau, Ocker und GrĂŒn aus facettenartigen FlĂ€chen auf, die Louis Vauxcelles dazu veranlassten, von âKubenâ zu sprechen.[29]
Nach dem Zerfall der Bewegung, da sich auch Derain ab 1907 dem Kubismus zuwandte, gewann Matisse groĂe internationale Bedeutung. Sein Einfluss wurde vor allem in Deutschland und in den nordischen LĂ€ndern wirksam. So erschien 1909 in der deutschen Zeitschrift Kunst und KĂŒnstler eine Ăbersetzung seiner Schrift Notizen eines Malers, die im Dezember 1908 bereits in der Grand Revue veröffentlicht wurde. Diesem Aufsatz kommt fĂŒr die Bewegung der Fauves nachtrĂ€glich eine programmatische Bedeutung zu.[40]
1929 sprach sich Matisse in seinen Gedanken und AussprĂŒchen ĂŒber den Fauvismus aus: âDer Fauvismus erschĂŒtterte die Tyrannei des Divisionismus. Es lĂ€Ăt sich in einem allzu ordentlichen Haushalt, einem Haushalt von Tanten aus der Provinz, nicht leben. Also bricht man in die Wildnis auf, um sich einfachere Mittel zu schaffen, die den Geist nicht ersticken.â[40] In Ă€hnlicher Weise Ă€uĂerte sich Derain einige Jahre spĂ€ter: âDas groĂe Verdienst dieser Methode war, daĂ sie das Bild von allen imitativen und konventionellen Kontakten befreite. Was falsch war an unserer Einstellung, war [âŠ] die Dinge von zu weit her anzugehen und zu ĂŒbereilten Urteilen zu kommen. So wurde es notwendig, zu vorsichtigeren Einstellungen zurĂŒckzukehren.â[9]
Vauxcelles Bezeichnung Fauves wurde vom Publikum abschĂ€tzig aufgenommen. Vauxcelles selbst stand der Bewegung jedoch nicht ablehnend gegenĂŒber. Camille Mauclair, der Kritiker des Figaro, dagegen Ă€uĂerte sich â unter Verwendung eines Zitates von John Ruskin â im Jahre 1905 deutlich abweisend: âEin FarbkĂŒbel ist ĂŒber den Kopf des Publikums ausgeschĂŒttet worden!â Im Journal de Rouen konnte man in einem Artikel eines gewissen Nicolle lesen: âWas man uns da zeigt, hat â die verwendeten Materialien einmal ausgenommen â mit Malerei nichts zu tun: Blau, Rot, Gelb, GrĂŒn, lauter grelle Farbkleckse, die völlig zufĂ€llig aneinandergefĂŒgt wurden â primitive und naive Spielereien eines Kindes, das sich mit dem Farbkasten vergnĂŒgt, den es geschenkt bekam.â[41]
Die Aufnahme beim Publikum im Allgemeinen als âgemischtâ zu bezeichnen, ist jedoch zu wohlwollend. Viele Besucher regten sich auf. Es gab sogar Versuche, Matisse' GemĂ€lde La femme au chapeau zu zerstören.
Michel Puy, der Bruder von Jean Puy, warf den zeitgenössischen Literaten vor, dass sie die Aussage der Fauves nicht zur Kenntnis genommen hĂ€tten.[41] Eine Ausnahme bildete AndrĂ© Gide, der in jener âVerrĂŒcktheit der Farbenâ ein âErgebnis bestimmter Theorienâ gesehen hatte.
Maurice Denis Ă€uĂerte sich in der Zeitschrift LâErmitage vom 15. November eher positiv, wenn auch verblĂŒfft. Er vermutete zu Unrecht bei Matisse eine vorgefasste theoretische Haltung, erkannte jedoch dessen wesentliche VorzĂŒge an: âDas ist Malerei auĂerhalb jeder ZufĂ€lligkeit, der reine Vorgang des Malens [âŠ] Das ist wahrhaft das Suchen nach dem Absoluten.â[38]
Ălie Faure, der groĂe französische Kunsthistoriker, schrieb im Vorwort des Ausstellungskatalogs des Salon dâAutomne im Jahre 1905: âWir mĂŒssen die Vorurteilslosigkeit und die Bereitschaft zeigen, eine völlig neue Sprache zu verstehen.â[6]
Die Farbe war jahrhundertelang nur die ErgĂ€nzung der Zeichnung. Raffael, Mantegna und DĂŒrer, wie fast alle Maler der Renaissance, bauten das Bild in erster Linie durch die Zeichnung auf und fĂŒgten alsdann die Lokalfarbe hinzu. Von Delacroix ĂŒber die Impressionisten bis van Gogh und durch CĂ©zanne, der den entscheidenden Impuls gab und die farbigen Massen einfĂŒhrte, kann man verfolgen, wie der Farbe immer mehr Beachtung geschenkt wurde.[16]
Eine erste expressionistische, mit symbolischen und Jugendstilelementen vermischte, Welle erschien bereits zwischen 1885 und 1900 als Reaktion gegen den Impressionismus und den objektiven Ordnungswillen CĂ©zannes und Seurats. Ihre Vertreter waren van Gogh, Gauguin, Lautrec, Ensor, Munch und Hodler. Die innere Angst der KĂŒnstler befreite sich nicht nur durch eine Steigerung der Farbe, sondern auch durch expressive Formen und die Betonung spannungsgeladener Linien. Eine zweite expressionistische Welle, weit wuchtiger als die erste, zeigte sich so in Frankreich bereits durch die BeitrĂ€ge Rouaults, im FrĂŒhwerk Picassos, im Schaffen des Fauvismus ĂŒberhaupt und in Deutschland mit der GrĂŒndung der Dresdner BrĂŒcke.[42]
Der Fauvismus hatte nur eine kurze Lebensdauer, jedoch hÀngt der Beitrag des Fauvismus auf die europÀische Malerei nicht von seiner kurzen Dauer ab. Der Fauvismus hat, zum ersten Mal in der Geschichte der abendlÀndischen Malerei, die Farbe, vor allem die ungebrochene Farbe, in den Mittelpunkt der Gestaltung gestellt. Hierdurch wurden die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Farbe an sich aufgewiesen. Die stÀrkste farbige Wirkung wird nicht mit den buntesten Farben, sondern mit der reichsten Vision der Farbe geschaffen. Die fauvistischen Werke verdeutlichen auf diese Weise, dass Buntheit mit beseelter Farbigkeit nichts zu tun hat.[43]
Die Fauvisten erwarteten von der Kunst nicht die VerĂ€nderung der Gesellschaft, die sie mit ihren Ungerechtigkeiten und auch ihren schönen Seiten akzeptierten. Sie glaubten auch nicht, dass die Malerei zu zerstören sei, wie die Dadaisten es forderten. Sie befanden im Gegenteil, dass die Malerei weiterentwickelt werden mĂŒsse.[44]
Eine neuere Tendenz der Kunstkritik innerhalb einer generellen Standortbestimmung der europĂ€ischen Malerei zwischen 1900 und 1910 ist die, den Fauvismus und die Bewegung der Dresdner BrĂŒcke mit dem Expressionismus zu assoziieren. Es gibt auch Meinungen, die jeglichen Unterschied zwischen Fauvismus und BrĂŒcke verneinen, mit der BegrĂŒndung, eine solche Unterscheidung beruhe auf nationalistischen, rassistischen Ăberlegungen und auf Konkurrenzdenken.[7]
In den AnfĂ€ngen der BrĂŒcke traten jedoch bereits Unterschiede zum Fauvismus zutage, so in der jeweiligen Auffassung von Leben und Kunst. Die von der nordischen Kunst geprĂ€gten Maler bezogen ihre Inspiration aus den alten nordischen Themen von zwanghaften Besessenheiten, unbewussten Trieben, TrĂ€umen und AlptrĂ€umen. Sie hatten auch Kierkegaard als Quelle und dessen Auffassung von Angst, in der er nicht nur eine GrundprĂ€gung des Menschen sah, sondern die fĂŒr ihn auch die ganze Natur prĂ€gte. Sie waren im Bereich der Malerei beeinflusst von den Arbeiten Munchs, die ganz im Gegensatz stehen zu der Malweise CĂ©zannes.[45]
FĂŒr die Fauves wirken die Farben auf die Netzhaut; als Söhne Newtons und Chevreuls interessierte sie das Sonnenspektrum. FĂŒr die Expressionisten dagegen sind Farben symbolisch und mythisch, wirken auf die Seele. Sie sind zu bewerten vor dem Hintergrund von Goethes Auffassungen von der Farbenlehre und der Metaphysik.[45] So fand der deutsche Expressionismus gerade in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und geistiger Ratlosigkeit besondere Beachtung. Im Expressionismus wirkt die Farbgebung ungezĂŒgelt und ungebĂ€ndigt, der Fauvismus hingegen stand unter der Herrschaft der Farbe.[45]
In Frankreich wurde der Fauvismus um 1907 vom Kubismus abgelöst. In Deutschland waren es die expressionistischen Maler, vor allem die Mitglieder des Blauen Reiters, die von den Fauves angeregt wurden. Kandinsky und Jawlensky waren im historischen Herbstsalon von 1905 reich vertreten, jedoch nicht im âKĂ€fig der Wildenâ, sondern in der von Diaghilew organisierten russischen Sektion.[46] Unter dem Einfluss Matisseâ stand die fauvistische Phase Kandinskys und Jawlenskys. So sind in Kandinskys Arbeiten Perioden zu beobachten, in denen sich mit einiger VerspĂ€tung Entwicklungsphasen des Fauvismus wiederholen.[47] Nachdem Matisse 1908 MĂŒnchen besucht hatte, grĂŒndete Kandinsky die âNeue KĂŒnstlervereinigung MĂŒnchenâ (N.K.V.M.) im Jahr 1909. Der Besuch wurde 1910 wiederholt.
Matisse hatte im Winter 1908/09 in Berlin bei Cassirer ausgestellt und war zwischen 1908 und 1910 dreimal in Deutschland. Gefördert durch das Beispiel Matisseâ und des Fauvismus festigte sich der Stil der Dresdner BrĂŒcke.[48]
Das Werk von Matisse stellte das Gegengewicht zum sich entfaltenden Kubismus dar, dessen Gegenpol er bildete.[29][49] 1908 grĂŒndete Matisse eine private Schule, die AcadĂ©mie Matisse. Dort unterrichtete er von Januar 1908 bis 1911 und hatte schlieĂlich 100 SchĂŒler aus dem In- und Ausland.
1909 wurde van Dongen Mitglied der Dresdner KĂŒnstlergruppe BrĂŒcke. Max Pechstein hatte van Dongen um die Jahreswende 1907/1908 in Paris getroffen und ihn dazu ermuntert, seine fauvistischen Werke innerhalb einer Ausstellung der BrĂŒcke-Maler 1908 in Dresden zu prĂ€sentieren.
Die Kunst der Fauves wirkte sich auch auf die Maler der russischen Avantgarde wie Kasimir Malewitsch und Natalia Gontscharowa aus. Sie beeinflussten ebenfalls einige niederlĂ€ndische KĂŒnstler, womöglich auch den italienischen Futuristen Umberto Boccioni. FĂŒr Maler wie Pierre Bonnard, Fernand LĂ©ger, Robert Delaunay, FrantiĆĄek Kupka und Roger de La Fresnaye wurde die Farbe zum wichtigsten bildnerischen Ausdrucksmittel.[47]
Der Fauvismus wird gelegentlich auch als ein Wegbereiter der abstrakten Malerei angesehen. Die Fauves vollzogen aber den hierfĂŒr letzten Schritt, auf den Bezug zum Objekt völlig zu verzichten, nicht[7] â da auf diese Weise, wie Matisse und auch Derain[36] betonten, die Abstraktion nur imitiert werde.[50]
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