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Die Feministische Linguistik ist eine sozialwissenschaftliche Disziplin, welche Sprache und Sprachgebrauch unter feministischen Gesichtspunkten analysiert und beurteilt. Ihr Ursprung liegt wie bei der Frauenforschung selbst im englischen Sprachraum in den 1960er Jahren. Anders als die herkömmliche Linguistik versteht sich die feministische Linguistik selbst nicht nur als beschreibende (deskriptive), sondern auch als intervenierende (präskriptive) Wissenschaft und sieht sich als Teil einer politisch-sozialen Bewegung, die Sprache und Sprachgebrauch anhand von soziologischen und politischen Kriterien kritisiert.
Seit Mitte der 1980er Jahre haben sich zwei Themenschwerpunkte der Feministischen Linguistik herauskristallisiert: die Feministische Sprachanalyse (die Analyse des Sprachgebrauchs und der sprachlich transportierten Strukturen und Wertesysteme) und die Feministische Konversationsanalyse (die Analyse geschlechtsspezifischer Kommunikationsformen und Sprachnormen).
Inhaltsverzeichnis |
Abhängig von den bestehenden Möglichkeiten des Sprachsystems (Langue) neigt die Feministische Linguistik entweder eher zur Sichtbarmachung oder eher zur Neutralisierung des Geschlechts im Sprachgebrauch (Parole). Da im Deutschen die Movierung mit {-in} produktiv und fast generell möglich ist, überwiegt für diese Sprache die Forderung nach Sichtbarkeit, also expliziter Nennung beider natürlicher Geschlechter.
Wichtige Autorinnen für die feministische Analyse der deutschen Sprache sind Senta Trömel-Plötz und Luise F. Pusch sowie Deborah Tannen für die Feministische Konversationsanalyse. Zusammen mit Pusch gilt Trömel-Plötz als Begründerin der deutschen feministischen Linguistik.[1] Wegweisend waren ihr Text Linguistik und Frauensprache[2] und ihre „aufsehenerregend[e] Antrittsvorlesung“[3] als Professorin an der Universität Konstanz am 5. Februar 1979. Beide organisierten die Arbeitsgruppe Feministische Linguistik innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft, die enormes Interesse fand und großen Zulauf hatte. Zu den Jahrestagungen in Regensburg und Passau kamen Frauen nicht nur aus der Linguistik, sondern aus allen Gebieten, die mit Sprache umgingen, wie Schriftstellerinnen, Journalistinnen, Lehrerinnen, Theologinnen, Politikerinnen, Juristinnen.[4]
Die Feministische Linguistik richtet sich gegen den Gebrauch des generischen Maskulinums in der deutschen Sprache. Die Formen der Nomina und der zugehörigen Personal- und Possessivpronomina seien im Deutschen beim generischen Maskulinum mit denen des spezifischen Maskulinums (der Bezeichnung für einzelne Jungen oder Männer bzw. für Gruppen, die ausschließlich aus Jungen oder Männern bestehen) identisch. Dies führe zu der Notwendigkeit, komplizierte Paraphrasierungen vorzunehmen, wenn man verdeutlichen wolle, dass eine bestimmte Personenbezeichnung sich auch auf weibliche Personen bezieht. Diese Umformungen würden – so die Analyse um 1980 – jedoch im realen Sprachgebrauch nur selten gemacht; dadurch bleibe unklar, ob eine grammatisch maskuline Personenbezeichnung als generisches oder als spezifisches Maskulinum gemeint sei. Diese Vermischung von generischem und spezifischem Maskulinum in der Sprachverwendung wurde anhand vieler empirischer Untersuchungen belegt. Eine Übersicht findet sich in Trömel-Plötz: Frauensprache: Sprache der Veränderung.
Durch die Doppelfunktion grammatisch maskuliner Personenbezeichnungen würden Frauen, so die Autorinnen dieser Studien, systematisch „unsichtbar gemacht“. Während Männer bei Verwendung maskuliner Personenbezeichnungen immer gemeint seien, sei es bei solchen Bezeichnungen unklar, ob Frauen mitgemeint seien oder nicht. Dadurch entstünde ein so genannter male bias, der zum ständigen gedanklichen Einbezug von Männern, jedoch nicht von Frauen führe. Die Existenz dieses male bias wurde für den angelsächsischen Sprachraum – wenn auch die Genus-Sexus-Debatte auf die englische Sprache nur bedingt, d. h. auf den Umgang mit Pronomina, anwendbar ist – vielfach empirisch nachgewiesen. Für den deutschsprachigen Raum untersuchten u. a. Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny von der Universität Mannheim diese Fragestellung in mehreren empirischen Untersuchungen. Sie konnten die Resultate aus dem angelsächsischen Raum bestätigen.[5]
Viele Autoren der Feministischen Linguistik sehen in verschiedenen Bereichen eine latente Diskriminierung von Frauen innerhalb des deutschen Sprachsystems. Wo Frauen nicht unsichtbar gemacht würden, würden sie als zweitrangig dargestellt (durch Erwähnung an zweiter Stelle, wie bei „Romeo und Julia“) oder systematisch abgewertet, so die zusammenfassende feministische Kritik an der deutschen Sprache.
So setzten sich zum Beispiel in den 1970er und 1980er Jahren Feministinnen für die Nichtbenutzung des Wortes „Fräulein“ ein, weil dadurch eine Asymmetrie beseitigt werde, die darin bestehe, dass es kein männliches Gegenstück zu der diminutiven und insofern abwertenden Anredeform „Fräulein“ gebe. Frauen würden auch dadurch abgewertet, dass eine Frau, die gerne und viel spricht, als „Klatschtante“ bezeichnet werde, während ein Mann mit denselben Eigenschaften als „kommunikativ“ gelte, was eher positiv bewertet werde. Weitere abwertende Bezeichnungen für Frauen, für die es keine männlichen Gegenstücke gebe, seien „Blondine“, „Quotenfrau“ oder „Waschweib“.
Darüber hinaus stehen auch Worte des allgemeinen Sprachgebrauchs in der Kritik, die als von geschlechtlichen Begriffen abgeleitet gedeutet werden (z. B. das abwertende dämlich gilt volksetymologisch als abgeleitet von Dame, das aufwertende herrlich als abgeleitet von Herr. Tatsächlich sind „herrlich“ und „dämlich“ jedoch nicht von den Begriffen „Herr“ und „Dame“ abgeleitet).[6]
Gefragt wird in der Feministischen Linguistik auch danach, ob Frauen „in gesprochenen und geschriebenen Texten als eigenständige, gleichberechtigte und gleichwertige menschliche Wesen“[7] erkennbar sind. Dabei werden Empfehlungen für eine Ausdrucksweise vorgestellt.
Eine Empfehlung besteht darin, Formulierungen zu vermeiden, „die Frauen in stereotypen Rollen und Verhaltensweisen darstellen …“. Beispiel: Die Anrede „Fräulein“ ist ersatzlos zu streichen. Oder „Tennisdamen“ können durchaus auch als „Tennisspielerinnen“ bezeichnet werden.[8]
Wie eingangs erwähnt, zielt die Feministische Linguistik nicht allein auf Beschreibung und Kritik der Sprachsysteme und Sprachnormen, sondern auf politisch-gesellschaftliche Veränderungen. Diesem Ziel wird die wissenschaftliche Neutralität untergeordnet. Unter anderem haben feministische Autorinnen aus diesem Bereich zu Beginn der 1980er Jahre „Richtlinien für einen nichtsexistischen Sprachgebrauch“ formuliert, die an Bildungs- und andere Institutionen verteilt wurden. Zu den dort aufgeführten Empfehlungen gehören unter anderem folgende Punkte:
Darüber hinausgehend empfiehlt Friederike Braun als Autorin eines Leitfadens der Landesregierung Schleswig-Holstein, Asymmetrien wie „Weber, Schmidt, Fr. Freitag, Fr. Richter“ sowie das Wort „man“ zu meiden.[9]
Viele dieser Richtlinien werden seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum erfüllt. So gibt es mittlerweile sowohl für Frauen als auch für Männer neue Berufsbezeichnungen, die das biologische Geschlecht der benannten Person berücksichtigen: „Krankenschwester“ wurde zu „Krankenpfleger/-in“, „Hebamme“ zu „Geburtshelfer/-in“ usw. Das auch unter Feministinnen umstrittene Binnen-I für Fälle, in denen Männer und Frauen gemeint sind, wird in der Schweiz und in Österreich häufiger verwendet. In Deutschland ist dagegen im Zusammenhang mit Berufsbezeichnungen derzeit die Schrägstrichschreibung üblich, teilweise auch Klammerschreibungen, und in anderen Fällen die ausgeschriebene Beidnennung.
Die Richtlinien beziehen sich hauptsächlich auf die Schriftsprache und entsprechend sind Auswirkungen auf die mündliche Rede abseits der direkten Ansprache bisher vergleichsweise gering, vor allem wenn politische Reden, weil sie vorformuliert sind, als medial mündlich, aber konzeptionell schriftlich betrachtet werden.
Radikale Feministen gehen so weit, auch den Satz: „Mädchen sind die besseren Schüler.“ abzulehnen, da der Begriff „Schüler“ im Beispielsatz sowohl Mädchen als auch Jungen umfasst (generisches Maskulinum). Das generische Maskulinum solle aber durch den angestrebten Sprachwandel vollständig abgeschafft werden. Diese konsequente Nichtbenutzung des generischen Maskulinums bezeichnet Bettina Jobin als „feministischen Imperativ“: „Bezeichne nie eine Frau, einschließlich dir [recte: deiner] selbst, mit einem grammatischen Maskulinum.“[10] Bei konsequent angewandter „Geschlechtsneutralität“ müsste der o. g. Satz lauten: „Mädchen sind bessere Schülerinnen, als Jungen Schüler sind.“, „Mädchen sind die besseren SchülerInnen.“, „Mädchen sind die besseren Schüler/-innen.“ oder auch (wenn nicht von Jugendlichen ab 14 Jahren die Rede ist) „Mädchen sind die besseren Schulkinder.“
Gemäßigte Feministen neigen dazu, im genannten Beispiel ausnahmsweise das generische Maskulinum zuzulassen, zumal das laute Vorlesen der beiden letzten Varianten erhebliche Probleme bereite. Lisa Irmen[11] bewertet den Gebrauch des Binnen-I als „nicht geschlechtergerecht“, da dieses einen „female bias“ - eine übertrieben starke Bewusstmachung von Frauen - auslöse.
In der Konversationsanalyse wird das Gesprächsverhalten von Gruppen oder Personen näher untersucht. Die Feministische Konversationsanalyse konzentriert sich auf die Unterschiede in der Kommunikation von Männern und Frauen. Viele der frühen Untersuchungen in diesem Bereich stammen aus den USA. Untersuchungen aus Europa, Deutschland und der Schweiz beziehen sich sehr oft auf den universitären und den öffentlichen Bereich (öffentliche Diskussionen, Fernsehen). Die wichtigsten Schlussfolgerungen der Studien in diesem Bereich sind – obwohl natürlich eine gewisse Entwicklung feststellbar ist – meist ungefähr dieselben: Frauen und Männer haben ein signifikant unterschiedliches Gesprächsregister.
Grob zusammengefasst ergeben sich folgende Ergebnismuster:
In gewissen Fällen bedienen sich auch Männer eines „weiblichen“ und Frauen eines „männlichen“ Gesprächsregisters. Dies ist vor allem in Gesprächsgruppen mit starkem Machtgefälle zu beobachten: Einem Vorgesetzten gegenüber wird tendenziell eher ein „weibliches“ Register benutzt, einem Untergebenen gegenüber ein „männliches“.
Wissenschaftlich abgesicherte Erklärungen für das unterschiedliche Kommunikationsverhalten von Frauen und Männern gibt es bisher nicht. Die Feministische Linguistik versucht, das Kommunikationsverhalten einerseits über die geschlechtstypische Sozialisation zu erklären, andererseits über die „defizitäre gesellschaftliche Situation“ von Frauen, nach der Frauen gesellschaftlich eine schwache Position, Männern hingegen eine starke Position zugewiesen würde (Trömel-Plötz).
Die Aussagen und Resultate der Feministischen Linguistik konnten, wie intendiert, zeitweise eine große öffentliche Resonanz verzeichnen. 20 Jahre nach der Veröffentlichung der in den „Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch“ gemachten Vorschläge werden viele der kritisierten Formulierungen kaum noch genutzt (zum Beispiel gilt das Wort „Fräulein“ heute laut „Duden“ als „veraltet“).
Der Duden hat zum Beispiel erkannt, dass Splitting-Formen oft nicht regelgerecht verwendet werden, und gibt Tipps für den richtigen Umgang mit diesen Formen. Das Binnen-I bewertet er nach wie vor als „rechtschreibwidrig“. Außerhalb des feministischen Lagers ist eine breite Akzeptanz für solche Formulierungen erkennbar, die nicht als „unschön“, „unnötig die Aussage verlängernd“ oder „uninformativ“ bewertet werden (z. B. „das Kollegium“ als Ersatz für „die Lehrer“). In solchen Kreisen werden Splittingformen allenfalls als „notwendiges Übel“ akzeptiert; bei Fehlen von sozialem Druck bleibt es dort bei der Benutzung des generischen Maskulinums.
Von Seiten der etablierten Linguistik wird der feministischen Variante das Fehlen wissenschaftlicher Standards vorgeworfen. Da ein konkretes Ziel verfolgt werde, könne nicht vorurteilsfrei geforscht werden – eine Petitio principii. Auch sei die Behauptung, die Sprache transportiere patriarchale Machtstrukturen und perpetuiere diese in der unbewussten Anwendung, nicht verifizierbar. Insofern handele es sich strenggenommen um eine Pseudothese.
Weiterhin sind die Prämissen der sprachfeministischen Argumente umstritten. Beispielsweise entspringt die feministische Kritik am generischen Maskulinum der Annahme einer Kongruenz von Genus und Sexus. Diese ist jedoch Gegenstand linguistischer Debatten.
Die Frauenbewegung selbst kritisiert, der von Feministischen Linguisten vorausgesetzte determinierende Einfluss der Sprache auf die gesellschaftliche Realität sei nicht belegt. Bemängelt wird insbesondere die Vernachlässigung der Handlungs- und Entscheidungsfreiheiten der sozialen Akteure im Vergleich zur Sprache. Dem Instrument „Sprache“ werde im Vergleich mit den wahren sozialen Akteuren eine überhöhte Bedeutung zugemessen, so dass es in den Analysen einiger Autorinnen oft sogar vom Objekt zum Subjekt wird.[12]
Eine weitere oft geäußerte Kritik bezieht sich auf die Vernachlässigung der Dialektik zwischen Sprachwandel und gesellschaftlichem Wandel: Die Sprache beeinflusse den gesellschaftlichen Wandel, aber noch stärker beeinflusse der gesellschaftliche Wandel die Sprache. Diese Dialektik werde zwar nicht geleugnet, jedoch gemäß der Prämissen so gewendet, dass in der sprachlichen bereits eine gesellschaftliche Veränderung gesehen wird. Nicht die Sprache konstruiere jedoch die Wirklichkeit, sondern die sprechenden Subjekte.
Viele Sprachpraktiker bemängeln die Konsequenzen von Splittingmethoden: Durch die Zusätze würden Aussagen unnötig lang, ohne dass ihr Informationsgehalt zunehme; gerade in knapp zu haltenden Texten wirkten aber Redundanzen überaus störend. Auch beeinträchtigten „Schrägstrichorgien“ und das Binnen-I das Schriftbild von Texten, störten den Lesefluss und seien nur schwer in gesprochene Sprache übersetzbar. Zudem sei das Binnen-I leicht mit dem kleinen „i“ zu verwechseln, was zu einem „female bias“ (Männer sind nicht mitgemeint) führe.
Die Kritik an der Feministischen Kommunikationsanalyse bezieht sich insbesondere darauf, dass der Inhalt zugunsten der Form aufgegeben werde. So sei vor allem untersucht worden, wie gesprochen wird, nicht aber was gesagt wird. So würden Frauen vielfach nicht durch die Sprache selbst unterdrückt, sondern durch den geführten Diskurs. Deshalb bestehe grundsätzlich die Gefahr, dass mögliche positive Auswirkungen einer sprachlichen Änderung sich immer dann ins Gegenteil verkehren, wenn sich das Ziel nur auf die Veränderung des Sprachgebrauchs beschränke. Bestehende Benachteiligungen ließen sich nicht an Wörtern und Satzkonstruktionen festmachen, sondern an Inhalten.