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Als feministische Philosophie bezeichnet man verschiedene, zumeist von Frauen vertretene Ansätze in der Philosophie des 20. Jahrhunderts und der Gegenwartsphilosophie, die sich mit Fragen nach den Konstruktionen der natürlichen und der soziokulturellen Differenz der Geschlechter in der Geschichte und der Gegenwart und deren Auswirkungen auf Philosophie, Kunst, Wissenschaft sowie auf die Situation der Frau in einer männlich dominierten Welt beschäftigen. Grundlegend ist hierbei die Untersuchung der historisch-philosophischen Konzepte von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“.
Inhaltsverzeichnis |
Seit dem 14. Jahrhundert sind Schriften von Frauen über das Geschlechterverhältnis bekannt.
Während die eher praktisch bzw. politisch ausgerichtete sogenannte erste Frauenbewegung nach der teilweisen Einführung des allgemeinen Wahlrechts eher stagnierte, sorgte insbesondere Elisabeth Selbert für die Aufnahme der Gleichberechtigung in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Einen erneuten Aufschwung brachte die „zweite“ Frauenbewegung am Ende der 1960er Jahre. Aus dem Bemühen einer zunehmenden Theoretisierung und Verwissenschaftlichung der Kritik an den patriarchalischen Verhältnissen entstand die feministische Philosophie.
Die Fragestellungen der feministischen Philosophie umfassen nicht nur die Integration weiblicher Perspektiven und Erfahrungen in die Philosophie und die Offenlegung von Misogynie und Diskriminierung in der Philosophiegeschichte, sondern stellt das gesamte Selbstverständnis der Philosophie als geschlechtsneutrale, objektive und universale Wissenschaft in Frage.
In der politischen Theorie untersucht sie die Strukturierung des Raums in eine häuslich-familiäre und eine öffentlich-politische Sphäre, die jeweils mit „Weiblichkeit“ bzw. „Männlichkeit“ assoziiert werden, und ihre Folgen für die Konzeption von Politik als Männerdomäne und den Zusammenhängen der diesbezüglichen Vorstellungen von „Weiblichkeit“ und Macht.
Die Feministische Ethik fragt sie nach den spezifischen Unterschieden einer männlichen und einer weiblichen Ethik und inwieweit als typisch weiblich aufgefasste Handlungsmodelle wie Anteilnahme oder Fürsorge in der traditionellen ethischen Konzepten zu kurz kommen.
Die Feministische Wissenschafts- und Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit Grundfragen nach der Möglichkeit von geschlechtsunabhängiger Objektivität und Wahrheit bzw. einer geschlechtlichen Markiertheit von Erkenntnis (Standpunkt-Theorie): dabei versucht sie zu klären, ob sich epistemologische Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Wissenschaft feststellen lassen. Sandra Harding hat für die feministischen Erkenntnistheorien die Einteilung in empiristische Ansätze, Standpunkttheorien und postmoderne Theorien vorgeschlagen. Empirisitische Theorien gehen davon aus, dass die Praktiken und Normen der gegenwärtigen Naturwissenschaften ausreichen, um angemessene Forschungsresultate zu erreichen. Erst eine falsche oder fehlende Anwendung führt zu sexistischen oder androzentrischen Theorien. Die Standpunkt-Theorien (engl.: standpoint theories) gehen davon aus, dass keine Theorie von speziellen Interessen und Werten unabhängig ist, halten eine richtige Darstellung der Welt durch solche Theorien aber dennoch für möglich. Postmoderne Ansätze schließlich weisen allgemeine Wissensansprüche über Wissen, Fortschritt und Identität überhaupt zurück. [1]
John Stuart Mill gilt als ein Vertreter des Liberalismus, seine Ansichten zur Situation der Frau in der Gesellschaft können als liberaler Feminismus bezeichnet werden. Beeinflusst durch seine spätere Frau Harriet Taylor (Mill), forderte er - seit 1865 als Repräsentant der Gesellschaft für das Frauenwahlrecht ins Parlament gewählt - [2] das Frauenwahlrecht und das Scheidungsrecht. Er untersuchte als einer der Ersten sozialwissenschaftlich die Unterdrückung der Frau.
Den Grundstein für die gegenwärtige Feministische Philosophie legte die Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir (* 9. Januar 1908 in Paris; †14. April 1986 in Paris), die als eine der „Mütter“ des modernen Feminismus angesehen wird. In ihrer Studie Das andere Geschlecht (Le Deuxième Sexe, 1949) fragte sie - auf der Basis des Existenzialismus und der existenzialistischen Phänomenologie - nach der Bedeutung des Konzepts des Geschlechts für Gesellschaft und Diskurs und zeigte die Unterdrückung der Frau im Patriarchat auf. Damit legte sie wichtige auf Gleichheit und Gleichberechtigung der Geschlechter zielende Grundlage der feministischen Theorie.
Die Philosophin Judith Butler (* 24. Februar 1956) ist die Hauptvertreterin eines dekonstruktiven Feminismus. Sie war an der Entwicklung der Queer-Theory beteiligt, mit der sich in ihren einflussreichen Werken Das Unbehagen der Geschlechter (Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, 1990) und Körper von Gewicht (Bodies That Matter, 1993) beschäftigen. Geschlecht ist nach Butler ein performatives Modell. Die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ sind reine Konstrukte, die nur durch Handlungswiederholungen konstituiert werden. Nicht nur das soziale Geschlecht (gender), sondern auch das biologische Geschlecht (sex) ist demnach gesellschaftlich, d.h. soziokulturell bedingt, sie stellen keine naturgegebenen Absolutheiten dar. Die Geschlechtsidentität wird zugunsten einer totalen Ausdifferenzierung der Individualität eines jeden Menschen dekonstruiert. Die traditionelle Zweigeschlechtlichkeit wird durch eine „Vielgeschlechtlichkeit“ ersetzt.
Die Philosophin Julia Kristeva (* 24. Juni 1941 in Sliwen, Bulgarien) ist eine Philosophin, die allerdings das Etikett „feministisch“ von sich weist. Sie problematisierte in den frühen 1970er Jahren die weibliche Identität im Patriarchat, wurde jedoch wegen ihrer Nähe zur Psychoanalyse von Teilen der feministischen Literaturwissenschaft kritisiert.
Weitere Vertreterinnen: Helene Cixous, Bracha L. Ettinger, Patricia Hill Collins, Donna Haraway, Sandra Harding, Nancy Hartsock, Luce Irigaray, Lynn Hankinson Nelson, Dorothy Smith, Alison Wylie, Martha Nussbaum, Herta Nagl-Docekal