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Ferdinand Tönnies (* 26. Juli 1855 bei Oldenswort; â 9. April 1936 in Kiel) war Soziologe, Nationalökonom und Philosoph. Mit seinem 1887 erschienenen Grundlagenwerk Gemeinschaft und Gesellschaft veröffentlichte er das erste deutsche explizit soziologische Werk.[1] Tönnies trug auch bedeutend zur soziologischen Feldforschung bei. Erkenntnistheoretisch war er ein Vertreter der Einheit aller Wissenschaften.
Inhaltsverzeichnis |
Besonders populĂ€r ist Tönnies' Entgegensetzung der zwei Begriffe âGemeinschaftâ und âGesellschaftâ. In seinem Werk âGemeinschaft und Gesellschaftâ gibt er der damals neuen âSoziologieâ die Aufgabe, zu erklĂ€ren, warum Menschen einander bejahen. Denn dass sie einander verneinen (entgegenstehen), hĂ€lt er fĂŒr natĂŒrlich. Nach Tönnies bejahen Menschen einander entweder, weil sie sich gemeinsam als Mittel fĂŒr die höheren Zwecke eines Kollektivs empfinden und dergestalt âgemeinschaftlich handelnâ (z. B. in der Familie), oder, weil sie sich willentlich verbĂŒnden, um sich fĂŒr ihre individuellen Zwecke rational dieser ZusammenschlĂŒsse als Mittel zu bedienen (âgesellschaftlich handelnâ) (z. B. in einer Aktiengesellschaft). Diese beiden Willensrichtungen sind ihm also begrifflich unvereinbar, in der Wirklichkeit aber erscheinen sie immer miteinander vermischt.
Seine publizistische AktivitĂ€t war darĂŒber hinaus thematisch weit gespannt und umfangreich, sowohl in den Bereichen der Soziologie, der Statistik und der Forschung zu Thomas Hobbes, als auch â mit republikanischer GrundĂŒberzeugung â zu aktuellen politischen Themen des Ersten Weltkriegs[2] und scharf gegen den Nationalsozialismus.
Hervorzuheben sind seine Studien zum Voluntarismus (er prĂ€gte diesen Begriff), zur Typologie, seine BeitrĂ€ge zur Naturrechts-Debatte, sodann zum sozialen Wandel (zur Sozialen Frage, zur âNeuzeitâ), zur öffentlichen Meinung, zu den Themen der Sitte, der KriminalitĂ€t und des Suizids, zur Methodologie der Statistik (Tönniesâ Korrelationskoeffizient), sowie seine Neubelebung der internationalen Hobbes-Diskussion (mit Herausgabe von dessen ungedruckten Manuskripten).
Ferdinand Tönnies ist der einzige âKlassikerâ der deutschen Soziologie, der nicht aus groĂstĂ€dtischem Milieu, sondern aus einer (groĂ)bĂ€uerlichen Familie stammte. Er wurde auf dem Haubarg Op de Riep bei Oldenswort (auf Eiderstedt im damals noch dĂ€nischen Herzogtum Schleswig) als Sohn des Marschbauern August Tönnies und der Pastorentochter Ida Mau geboren - daher auch sein durch dörfliche Erfahrungen angereichertes, unidealistisches VerhĂ€ltnis zur âGemeinschaftâ. Die Familie zog dann ins nahe Husum. Damit kommt ein zweites Element seiner sozialen Herkunft ins Spiel: Nordfriesland (auch die Reederstadt Husum) war damals durch Walfang und Ăberseehandel viel stĂ€rker als heute der Seefahrt zugewandt, also keinesfalls pfahlbĂŒrgerhaft eng.
In Husum arbeitete der hochbegabte[3] Gymnasiast als Korrekturgehilfe von Theodor Storm, mit dem ihn spĂ€ter Verehrung und Freundschaft verbanden. Storms Einfluss begĂŒnstigte sein lebenslang distanziertes VerhĂ€ltnis zur Religion, verbunden mit einer Grundeinstellung, die auch als monistisch und spinozistisch bezeichnet wird.
Bereits mit 16 Jahren bestand Tönnies die AbiturprĂŒfung (mit den Fremdsprachen Latein, Griechisch, HebrĂ€isch, Englisch, Französisch und DĂ€nisch). 1872 begann er ein Studium der Philologie und Geschichte in Jena. Hier wurde er bei der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller aktiv[4] und diente auch noch sein Wehrpflichtjahr im FĂŒsilierbataillon des Regiments Nr. 94 âGroĂherzog von Sachsenâ ab.[5]. Sodann studierte er bei Wilhelm Wundt in Leipzig[6] sowie in Bonn, Berlin und TĂŒbingen, veröffentlichte unter den Pseudonymen Julius Tönnies und Normannus einige Schriften und wurde 1877 (noch auf Latein) ĂŒber das Orakel des Ammon in der Ă€gyptischen Oase Siwa zum Dr. phil. promoviert.
Die noch bis zur groĂen Nachkriegs-Inflation gĂŒnstigen VermögensverhĂ€ltnisse seiner Familie erlaubten ihm ein privates Studium der Philosophie und der Staatswissenschaften. Auf Anregung seines Ă€lteren Freundes Friedrich Paulsen wandte er sich Thomas Hobbes zu und machte 1878 in England wichtige Archiventdeckungen zu dessen Leben und Werk. Er wird daher auch als Hobbesâ Wiederentdecker angesehen. 1878 bis 1879 war er eifriges Mitglied des Statistischen Bureau in Berlin und SchĂŒler von Ernst Engel, Richard Böckh und Adolph Wagner. 1881 habilitierte er sich an der UniversitĂ€t Kiel. Nach 1883 reiste er viel. 1887 brachte er sein - fĂŒr die Soziologie nicht nur in Deutschland - fundamentales Werk Gemeinschaft und Gesellschaft (GuG) heraus.
Er war mit der Schwabinger Malerin und Schriftstellerin Franziska GrĂ€fin zu Reventlow noch von Husum her befreundet, war den Quellen nach von Lou Andreas-SalomĂ© zeitweise sehr angezogen, heiratete jedoch 1894 die holsteinische PĂ€chterstochter Marie Sieck (1865â1937), mit der er in lebenslanger Ehe fĂŒnf Kinder haben sollte und zog mit ihr nach Hamburg. Seine dortigen Studien zu den Ursachen des Hamburger Hafenarbeiterstreiks von 1896/97 trugen ihm das dauernde Misstrauen der preuĂischen Hochschulaufsicht ein. 1898 zog das Paar ins damals noch nicht zu Hamburg gehörende Altona um, 1901 ins groĂherzoglich-oldenburgische Eutin in Holstein, das âWeimar des Nordensâ. 1904 bereiste er anlĂ€sslich der Louisiana Purchase Exposition, der Weltausstellung in St. Louis, die USA und wurde fĂŒr den Beraterkreis des American Journal of Sociology gewonnen. 1909 wurde die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Soziologie (DGS) von ihm mitbegrĂŒndet. Die zweite Auflage von GuG von 1912 wurde ein bedeutender Erfolg.
Erst 1909 wurde Tönnies auĂerordentlicher Professor der Christian-Albrechts-UniversitĂ€t zu Kiel, 1913 dann Ordinarius, 1916 auf eigenen Wunsch emeritiert (entpflichtet), 1917 Geheimrat. Das Familienvermögen geriet nun jedoch durch die galoppierende Inflation völlig in Verfall; Tönnies musste 1920 sein Eutiner Haus verkaufen, zog nach Kiel und nahm an der dortigen UniversitĂ€t einen besoldeten Lehrauftrag fĂŒr Soziologie an. 1921 verlieh ihm die UniversitĂ€t Hamburg den juristischen Ehrendoktor. 1922 wurde die im Weltkrieg ruhende DGS wieder belebt, deren einziger PrĂ€sident er bis zu seiner Amtsentfernung durch die NS-Machtergreifung 1933 blieb. Der Ehrendoktor (Dr. rer. pol. h. c.) der UniversitĂ€t Bonn folgte 1927. Tönnies war inzwischen in ganz Europa und den USA als Soziologe hoch angesehen und wurde Mitglied und Ehrenmitglied vieler auslĂ€ndischer soziologischer und philosophischer Gesellschaften und Institute.
Am schĂ€rfsten unter den etablierten deutschen Soziologen kritisierte er, der 1930 der SPD beigetreten war[7], hoch beunruhigt und öffentlich ab 1930 die âBewegungâ Hitlers. 1933 verlor er daher seine Lehrbefugnis in Kiel und wurde vom nationalsozialistischen Regime im Rahmen des âBerufsbeamtengesetzesâ unter Streichung seiner EmeritenbezĂŒge aus dem Beamtenstand entlassen; er verarmte rasch vollends und musste seine Bibliothek gröĂtenteils verkaufen. Viele seiner SchĂŒler und vier seiner Kinder verlieĂen das Deutsche Reich. Am 9. April 1936 starb er in Kiel.[8]
Auf dem Parkfriedhof Eichhof bei Kiel findet sich sein und Marie Tönniesâ Grab. Vor dem Schloss in Husum wurde 2005 anlĂ€sslich seines 150. Geburtstages die von Raimund Kittl gestaltete BĂŒste mit dem Text "Ferdinand Tönnies / 1855 - 1936 / BegrĂŒnder der Soziologie" enthĂŒllt.
Ferdinand Tönnies hatte fĂŒnf Kinder: Gerrit, Jan Friedrich, Kuno, Franziska und Carola Tönnies.[9]
Tönnies wirkte ab etwa 1900 stark auf die Intellektuellen des spĂ€ten Kaiserreiches und der Weimarer Republik, vor allem, weil mit der Jugendbewegung der Begriff âGemeinschaftâ populĂ€r wurde. Die in einem Deutschen Reich wachsender StĂ€dte, kapitalistischer MĂ€rkte oder straff gefĂŒhrten Gymnasien sich entfremdet fĂŒhlenden Jugendlichen vermissten Gemeinschaft und versuchten diese emphatisch herzustellen; Tönnies' Theorie und Begriffsbildung stand hierfĂŒr bereit; Gemeinschaftsrhetorik wirkte bis in die GemeinschaftstĂŒmelei der Nazis (âVolksgemeinschaftâ) fort. Der Umstand, dass begeisterungssĂŒchtige JahrgĂ€nge bei Tönnies auf einen skeptischen Rationalisten stieĂen, förderte zunĂ€chst Tönnies' Erfolg, fĂŒhrte aber im weiteren Verlauf auch dazu, dass dieser vereinzelt als VorlĂ€ufer des Nationalsozialismus bezeichnet wurde.
Im Ersten Weltkrieg gehörte Tönnies zu den Verfechtern der Ideen von 1914.
Unmittelbaren Einfluss hatte Tönnies auf Soziologen wie z. B. Dimitrie Gusti, Herman Schmalenbach, Hans Lorenz Stoltenberg, Max Graf zu Solms, Ewald Bosse, Rudolf Heberle[10], Eduard Georg Jacoby, Werner J. Cahnman und Alexander Deichsel.
Obwohl er Karl Marx als Analytiker der âGesellschaftâ bewunderte und vieles von ihm ĂŒbernahm, sah er in ihm einzig den âGesellschaftsâ-Theoretiker, der die Kategorie der âGemeinschaftâ ĂŒberging. Dies stand der Rezeption Tönnies' im spĂ€teren Ostblock entgegen.
Als âPessimistâ wurde Tönnies bereits frĂŒh von Harald Höffding kritisiert, weil er den Untergang der neuzeitlichen (âwestlichenâ) Zivilisation in wenigen hundert Jahren voraussah - wie dies zahlreiche Autoren mit unterschiedlichen BegrĂŒndungen getan haben, so Spengler oder Borkenau. Den Pessimismusvorwurf wies er, lebenslang auf Reformen bedacht, stets zurĂŒck.
Angesichts des Nationalsozialismus' wurde beanstandet, dass Tönnies Max Webers dritte Kategorie der Herrschaft (neben vergemeinschaftender âtraditionalerâ und vergesellschaftender ârationaler Herrschaftâ) nicht in seinem Begriffs-System unterbringe: die âcharismatischeâ Herrschaft. So schlug bereits Herman Schmalenbach als zusĂ€tzliche Kategorie den âBundâ vor. Man kann in diesem Manko mit JĂŒrgen Zander[11] den Grund fĂŒr Tönniesâ Fehldiagnose des Nationalsozialismus sehen: Er sagte dessen baldiges Scheitern voraus und vermutete dessen RĂŒckzug in eine Restaurierung der Monarchie. Grund fĂŒr diese, 1933-1935 nicht seltene, Fehlhaltung des âHitler-abwirtschaften-Lassenâ ist nach Zander, dass Tönniesâ Denken der Anziehungskraft des AuĂeralltĂ€glichen auf Menschen verstĂ€ndnislos gegenĂŒber stehe, auf der charismatische Herrschaft aufbaue. Dieses Charisma-Manko hat Tönnies stets bestritten, gerade mit Hitler hat er sich auch publizistisch mehrfach beschĂ€ftigt, ebenso wie mit der âSchwarmgeistereiâ seiner AnhĂ€nger, und er hat noch 1935 in âGeist der Neuzeitâ betont, wie sich in wirtschaftlichen Krisen die verunsicherten Menschen auf einmal wieder Ă€lteren sozialen Mustern zuwenden. Auch weisen neuere Forschungen (Michael GĂŒnther) auf seine einschlĂ€gige Behandlung der âMasseâ hin.
Insgesamt erhielt sich Tönniesâ hoher Ruf nach 1933 in der englischsprachigen (USA, Australien, Neuseeland) und der japanischen Soziologie zunĂ€chst mehr als in der deutschen.
In den USA hat namentlich Talcott Parsons die normaltypischen Eigenschaften von âGemeinschaftâ bzw. âGesellschaftâ idealtypisch fĂŒr seine fĂŒnf pattern variables benutzt. Rudolf Heberle hat Tönniesâ Ansatz fĂŒr seine Studien ĂŒber Massenbewegungen verwandt, Werner J. Cahnman ihn mit dem von George Herbert Mead verbunden. In Japan ist Shoji Kato zu nennen, in Polen StanisĆaw Kozyr-Kowalski, in Russland Rimma Schpakova, in Schweden Johan Asplund und in Spanien Ana Isabel Erdozain.
Anders in Deutschland: Max Webers Ruhm begann schon in der Weimarer Republik, den seinen zu ĂŒberstrahlen. Im 'Dritten Reich' war Tönnies als Gegner selbstverstĂ€ndlich persona non grata; sein âGeist der Neuzeitâ erschien 1935 fast unter Ausschluss der Ăffentlichkeit, und er wich mit Publikationen u. a. nach Frankreich und in die Niederlande aus. Seine Rezeption in der deutschen Soziologie riss jahrelang ab (Ă€hnlich wie die Georg Simmels), wiewohl sich in dieser Zeit Carl Schmitt der tönnesianischen Sicht von Hobbes bediente, um sich staatstheoretisch von primitiven NS-Verherrlichungen der âMachtâ abzusetzen.
In der Bundesrepublik Deutschland griff nach dem Zweiten Weltkrieg RenĂ© König, alarmiert durch den Missbrauch des âGemeinschaftsâ-Begriffs im Nationalsozialismus und inspiriert von Theodor Geigers epistemologischen VorwĂŒrfen[12] den tönniesianischen Ansatz an. FĂŒr den Durkheim-Bewunderer (Soziales nur durch Soziales erklĂ€ren) König war Tönniesâ philosophische und erkenntnistheoretische Fundierung der falsche Weg.[13]. Alfred von Martin bewertete Königs Tönnies-Kritik als symbolischen Bruch mit der wissenschaftlichen Vergangenheit in Zeiten der Hinwendung zur empirischen Sozialforschung.[14] Der ebenfalls wirkungsstarke Helmut Schelsky ĂŒberging Tönnies. Die Frankfurter Schule wĂŒrdigte Bewunderer von Karl Marx nicht, die keine Marxisten waren; so auch die Soziologie in der DDR (Ausnahme: GĂŒnther Rudolph). Erst 1980 brach das (erste), von der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft und der UniversitĂ€t inaugurierte internationale Tönnies-Symposion in Kiel wieder das Eis. 1982 grĂŒndete Alexander Deichsel die Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle am Institut fĂŒr Soziologie der UniversitĂ€t Hamburg und entwickelte dort seine auf Tönnies gestĂŒtzte Markensoziologie. Tönnies kehrte in die deutsche soziologische Theoriedebatte zurĂŒck.[15] Der Forschungsfortgang wird von der Zeitschrift âTönnies-Forumâ begleitet.
Ăber den Bereich der Soziologie hinaus entfaltete sein Werk auch relative Wirkung in anderen Wissenschaftsbereichen. So ist GuG fĂŒr die Geschichtsphilosophie von Paul Barth[16] von Bedeutung, der sich axiomatisch auf Tönniesâ Willensaxiomatik stĂŒtzt, aber auch fĂŒr die Theologie des jungen Dietrich Bonhoeffers, der in Auseinandersetzung mit Tönnies seinen bis heute bedeutenden Beitrag zur Ekklesiologie entwickelte.
Tönniesâ umfangreicher Nachlass wird von der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel betreut.
Denkmale fĂŒr ihn stehen in Oldenswort[17] und Husum. Nach Ferdinand Tönnies benannt ist die von der UniversitĂ€t Kiel verliehene âFerdinand-Tönnies-Medailleâ. Auch heiĂen eine Gemeinschaftsschule in Husum und StraĂen in Kiel, Eutin und Husum nach ihm.
Tönnies war ein auĂergewöhnlich produktiver Autor[18], seine theoretischen und empirischen Schriften, seine Rezensionen, sowie seine vielfĂ€ltigen Stellungnahmen zu Zeitproblemen fĂŒllen die im Erscheinen begriffenen 24 BĂ€nde der Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe (TG, im Auftrag der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft (FTG) kritisch ediert von Lars Clausen, Alexander Deichsel, Cornelius Bickel, Rolf Fechner (bis 2006), Carsten SchlĂŒter-Knauer, Uwe Carstens (seit 2006).[19]
Der Kieler Soziologe und Tönniesforscher Lars Clausen (1935-2010) kennzeichnete Tönniesâ Gelehrtenprosa als eine Sprache mit sorgfĂ€ltiger Textgliederung sowie fundiertem und kleinschrittigem Begriffsaufbau. Tönnies habe, obgleich stets etymologisch fundiert formulierend, GrĂ€zismen und Latinismen gescheut. Seine Begriffe, etwa âGemeinschaftâ oder âĂffentliche Meinungâ, entnahm er der deutschen Sprache. Dabei enthielten seine Texte durchaus gelehrte Pointen, die aber niemals effekthascherisch wirkten.[20] Selbst in kritischen Stellungnahmen, z. B. zu tagespolitischen Problemen, war der Soziologe darauf bedacht, persönliche KrĂ€nkungen zu vermeiden. Und dies, obwohl seine Urteile deutlich, ja nicht selten scharf ausfielen.[21]
Dieser gelehrte Soziologe hat die Entwicklung des âBauernkinds vom Heubargâ, das Deutsch wie DĂ€nisch sprach, dessen AbiturfĂ€cher 1871 âauf dem humanistischen Gymnasium Griechisch, Latein, HebrĂ€isch, Englisch, Französisch, DĂ€nischâ waren, das, einundzwanzigjĂ€hrig, 1877 âauf Latein ĂŒber das Orakel des Zeus Ammon in Siva promoviertâ und, sechsundzwanzigjĂ€hrig, 1881 in Kiel habilitiert wurde, und dessen besondere und besonders kreative intellektuelle Leistung als âBegrĂŒnderâ der Soziologie in Deutschland auch von der wissenschaftsmethodologischen Seite her so beschrieben:
âDas Geheimnis des sozialen Lebens sei es, den vielfĂ€ltig einander verneinenden KrĂ€ften aller handelnden Menschen gegenĂŒber eine besondere, eine ganz ausgefallene Ăberlebenschance willentlich zu ergreifen â die gegenseitige soziale Bejahung. Sie erscheint zunĂ€chst widernatĂŒrlich, Verneinung ist der Normalfall, aber gerade deswegen ist die Bejahung eigens erklĂ€rungsbedĂŒrftig. Wiegestalt nun die zugleich willens- und denkfĂ€higen Menschen ihre wechselseitigen Bejahungen ausĂŒben, wie sie sie empfinden oder kalkulieren, das ist der besondere Erkenntnisgegenstand dieser neuen Wissenschaft.â[22]
Im Einzelnen:
Als thematische Sammelwerke erschienen ferner:
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Tönnies, Ferdinand |
| ALTERNATIVNAMEN | Antisthenes; Julia v. Egge-Weichling; Ignotus; Justus; Kritias; Krito; Magus; Normannus; Tönnies, Julius |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Soziologe, Nationalökonom und Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 26. Juli 1855 |
| GEBURTSORT | bei Oldenswort, Schleswig-Holstein |
| STERBEDATUM | 9. April 1936 |
| STERBEORT | Kiel |