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Filippo Tommaso Marinetti

Filippo Tommaso Marinetti

Filippo Tommaso Marinetti (* 22. Dezember 1876 in Alexandria, Ägypten; † 2. Dezember 1944 in Bellagio, Italien) war ein italienischer Schriftsteller, faschistischer Politiker und BegrĂŒnder des Futurismus.

Inhaltsverzeichnis

Jugend

Gedenktafel an Marinettis Haus in Mailand.

Marinetti wurde am 22. Dezember 1876 in Alexandria als Sohn eines erfolgreichen italienischen Rechtsanwaltes geboren. Seine Jugendjahre verbrachte er in Ägypten, wo er – wie damals viele Kinder wohlhabender Italiener â€“ französisch erzogen wurde. Nach seiner Relegierung aus der örtlichen Jesuitenschule wegen religionskritischer AktivitĂ€ten beendete er sein Gymnasialstudium in Paris. Von Paris war er begeistert: [1]

„Allein in Paris. Siebzehn Jahre. Alle Grisettes des Quartier Latin. Alle Studentenunruhen. Ein sehr schlechtes Examen in Mathematik, aber ein triumphales ĂŒber die Theorien Stuart Mills. Als ‚bachelier des lettres‘ kam ich nach Mailand, französisch gebildet, aber unbeugsam italienisch, allem Pariser Zauber zum Trotz.“

Nach seinem Abitur studierte er Rechtswissenschaften in Pavia und Genua. Durch den ĂŒberraschenden Tod seines Bruders mental aus der vorgezeichneten Rechtsanwaltslaufbahn geworfen, entschloss er sich nach Abschluss seines Studiums seinen Neigungen folgend als Schriftsteller zu arbeiten. Als Wohnsitz wĂ€hlte er zunĂ€chst Paris und schrieb seine Arbeiten in französischer Sprache. DarĂŒber hinaus war er als RedaktionssekretĂ€r der Pariser Zeitungen „La Vogue“ und „La Plume“ tĂ€tig. Sein erstes, vom Symbolismus geprĂ€gtes Buch, „La ConquĂȘte des Étoiles“, erschien 1902. Es folgten „Destruction“ (1904), „La ville charnelle“ (1908) und das TheaterstĂŒck „Le Roi Bombance“. Diese frĂŒhen Arbeiten spiegeln vorwiegend die Aspekte Leere und Verlogenheit des großbĂŒrgerlichen Lebens des Fin de siĂšcle wider. Der damals virulente Kulturpessimismus kommt besonders im „Roi Bombance“ zum Ausdruck.

PrÀgungen

Symbolisten und Anarchisten

In Paris beeinflusste ihn vor allem sein Freundeskreis, zu dem er Symbolisten wie Guillaume Apollinaire, Joris-Karl Huysmans, StĂ©phane MallarmĂ© und Paul ValĂ©ry zĂ€hlte. Mit ihnen teilte er neben der Verachtung fĂŒr das als korrupt erachtete BĂŒrgertum auch die Vorliebe fĂŒr das Extravagante, die Gefahr und die Gewalt. Dieses Bekenntnis zur GewalttĂ€tigkeit brachte ihn in NĂ€he der Anarchisten, die zu dieser Zeit Paris mit Bombenattentaten und BankĂŒberfĂ€llen in Atem hielten. Gemeinsam mit seinem Freundeskreis begrĂŒĂŸte er diese AnschlĂ€ge generell, da er sie als Symbol der Befreiung aus psychisch beengenden LebensverhĂ€ltnissen ansah. Die Detonationen der AnschlĂ€ge klangen Octave Mirbeau zufolge wie das „Rollen des Donners, das der Freude ĂŒber die Sonne und dem friedlichen Himmel vorausgeht.“ AttentĂ€ter wie Emile Henry, Auguste Vaillant und Ravachol wurden als Helden gefeiert. Den theoretischen Überbau fĂŒr diese Gewalttaten lieferten die fĂŒhrenden Theoretiker der Anarchie wie Georges Sorel. Auf den jungen Marinetti machte vor allem Sorel Eindruck, der in seinen „Reflections on Violence“ die Gewalt und den Aufruhr zur politischen Doktrin hochstilisierte. Sorel brachte dies auch in einem Manifest zum Ausdruck, mit dem er 1907 an die Öffentlichkeit ging. In ihm vertrat er die Meinung, dass der gewalttĂ€tige Klassenkampf ein Beitrag zur Gesundung und KrĂ€ftigung der Gesellschaft sei. Die „proletarische Gewalt“ könne in der Gestalt von Bergsons „élan vital“ neue ethische Werte schaffen und die Welt vor den „Zerstörungen der Barbarei“ bewahren. Dieses Gedankengut und den Ruf „Lang lebe die Gewalt gegen alles was unser Leben hĂ€sslich macht!“ wird man – geringfĂŒgig variiert â€“ bald auch in den Manifesten Marinettis wieder finden.

Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsches Übermensch aus „Also sprach Zarathustra“, der gegen die Vernunft und alle gesellschaftlichen Regeln seinen Willen gewaltsam durchsetzt, war mit den Helden im Sinne Marinettis weitgehend deckungsgleich.

Gabriele D’Annunzio; Benedetto Croce; Giovanni Gentile

Sehr nahe bei Nietzsche angesiedelt war auch der Schöpfer des Mythos vom Dichter-KĂ€mpfer (poeta-condottiero) Gabriele D’Annunzio. Marinetti hatte sich neben ihm aber auch mit den beiden bedeutendsten italienischen Intellektuellen Benedetto Croce und Giovanni Gentile seiner Zeit auseinandergesetzt. Beide kamen vom Liberalismus, reichten jedoch mit ihrer Philosophie ĂŒber den Positivismus eines Auguste Comte und den historischen Materialismus eines Karl Marx hinaus und hatten sich dem Idealismus als philosophische Bewegung verpflichtet. FĂŒr Croce ist die Geschichte nicht von materiellen Aspekten determiniert, sondern von Ideen geprĂ€gt. FĂŒr ihn entspringen diese Ideen keinem wissenschaftlichen KalkĂŒl, sondern jenem irrealen, leidenschaftlichen Charakter, den er als Teil der anthropologischen Konstante des Menschen betrachtet. Diese Gedanken fĂŒhren Futuristen wie Giovanni Papini und Giuseppe Prezzolini in ihrer 1908 gegrĂŒndeten Zeitschrift La Voce im futuristischen Sinn weiter. Dabei kam es allerdings zu einer Apologie des Irrationalismus, die Croce plötzlich als Vordenker des Futurismus erscheinen ließ, was als ahistorisch zu werten ist. FĂŒr Croce war auch das Irrationale im Menschen berechenbar, da es auch TrĂ€ger von Werten und Idealen sein konnte. Croce ging es auch nicht darum, einen neuen Menschen und „
eine neue Welt zu schaffen, sondern die alte Welt zu bearbeiten, die immer neu ist,“ was auch die RĂŒckkehr zu Traditionen wie „der König, das Vaterland, die Stadt, die Nation, die Kirche, die Menschlichkeit“ einschloss. Auch dies waren Ansichten, die zumindest mit dem Futurismus der Vorkriegszeit keineswegs kompatibel waren.

Frauen

Einen nicht zu unterschĂ€tzenden Einfluss auf die Philosophie Marinettis hatten seine Erfahrungen mit Frauen. Die drei Phasen dieser Beziehungsgeschichte (negative Erfahrungen mit Prostituierten, egofördernde Sexualerlebnisse als Soldat und erfĂŒllte Partnerschaft als Ehemann) fanden ihren deutlichen Niederschlag in seinen Manifesten und seinem konkreten Verhalten.

Das futuristische Manifest

1905 siedelte Marinetti nach Mailand ĂŒber und grĂŒndete dort die Zeitschrift Poesia. Diese Zeitschrift wurde Sprachrohr einer Gruppe junger Schriftsteller, die eine radikale VerĂ€nderung der italienischen Literatur forderten.

1909 trat Marinetti mit dem Manifest „Le Futurisme“ an die Öffentlichkeit, das er am 20. Februar auf der Titelseite der Pariser Tageszeitung Le Figaro prĂ€sentierte.[2] Einem langen, poetischen Prolog, der den (falschen) Eindruck eines Autorenkollektivs vermittelt, folgen elf „Programmatische Punkte“, mit denen Marinetti den Anspruch erhebt, nicht nur eine neue Kunstrichtung, sondern eine alle Lebensbereiche umfassende Kultur aus der Taufe zu heben, die Kultur des Futurismus. In seinen 11 Thesen verherrlicht er vor allem die Gewalt und den Krieg, der „einzigen Hygiene der Welt“. Gepriesen wird auch „die anarchistische Tat, 
 die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, der Laufschritt, der Salto mortale, die Ohrfeige und der Faustschlag.“

Charakteristika des Manifestes

Gewalt, RĂŒcksichtslosigkeit, Ziellosigkeit

Gewalt wird als spontaner Ausdruck von Kraft, VitalitĂ€t und Ausleben von Frustration erlebt. Kennzeichen dieser Gewalt: Hedonismus, Grausamkeit, Ungerechtigkeit, RĂŒcksichtslosigkeit, Moralfreiheit, Ziellosigkeit. Teil dieser Philosophie ist das masochistische Streben nach Selbstzerstörung bzw. Auslöschung durch die nĂ€chste, stĂ€rkere Generation: [3]

„
 Sie werden uns lĂ€rmend umringen, vor Angst und Bosheit keuchend, und werden sich, durch unsere stolze, unbeirrbare KĂŒhnheit erbittert, auf uns stĂŒrzen, um uns zu töten, und der Hass, der sie treibt, wird unversöhnlich sein, weil ihre Herzen voll von Liebe und Bewunderung fĂŒr uns sein werden.“

Ablehnung der Natur

Marinettis Lieblingsaufenthalt sind die rasch wachsenden, lauten StĂ€dte, in denen er die großen Menschenmassen besingen will, „die die Arbeit, das VergnĂŒgen, oder der Aufruhr erregt“, er will auch die Bahnhöfe, die Fabriken, vor allem jedoch die neuen Maschinen bedienen, um schließlich selbst zum Maschinenmenschen zu werden.

Ablehnung der Tradition

Unversöhnlich zeigt sich Marinetti gegenĂŒber der Kultur vergangener Zeiten, er sieht sie als Belastung fĂŒr jeden KĂŒnstler und als Provokation fĂŒr alle in Zukunft blickenden Menschen. Ziel seiner (verbalen) Zerstörungssucht werden neben kleineren KunstgegenstĂ€nden und Bauwerken ganze StĂ€dte, wie beispielsweise Venedig. Zerstören will er auch alle Museen, Akademien und Bibliotheken. Sie sind fĂŒr ihn „Friedhöfe vergeblicher Anstrengungen“. Die Verwalter solcher „Friedhöfe“ wie Professoren, ArchĂ€ologen, FremdenfĂŒhrer und Antiquare betrachtet er als „KrebsgeschwĂŒre“. Seine Forderung:

„Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken, 
 Leitet den Lauf der KanĂ€le um, um die Museen zu ĂŒberschwemmen! 
 Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die HĂ€mmer und reißt nieder, reißt ohne Erbarmen die ehrwĂŒrdigen StĂ€dte nieder!“

Ablehnung der Frauen

Grundmotiv ist die „Die Verachtung des Weibes“. Das Problem der Reproduktion will Marinetti mit dem „metallisierten Mann“ lösen, der, weiblichen Reizen gegenĂŒber unempfindlich, ĂŒber die Möglichkeit verfĂŒgt, sich selbst zu reproduzieren.

Die Rezeption des Manifestes

Es ist verstĂ€ndlich, wenn Marinetti mit seinem Postulat der ziellosen Zerstörung aktueller Strukturen sowohl die gewaltbereiten Gruppierungen von Links wie Rechts sowie die Anarchisten ansprach. Diese Gruppierungen hatten allerdings eine breitere Basis als heute, da zĂŒgellose Gewalt keiner Ă€hnlichen Ächtung unterlag wie heute. Aus der Verachtung der reformistischen Linken und der kompromissbereiten Rechten machte er zumindest bis zu seiner Versöhnung mit Mussolini im Jahr 1924 keinen Hehl. So widmete er seine „satirische Tragödie,“ die er als „Ergebnis von zwei Jahren der Überlegungen und Betrachtungen ĂŒber die sozialistische Bewegung Europas“ darstellte, mit Filippo Turati, Enrico Ferri und Arturo Labriola den Spitzen der reformorientierten Linken seines Landes. Das StĂŒck sollte die „Falschheit des Sozialismus, den Ruhm der Anarchie, und die völlige LĂ€cherlichkeit der MittelsmĂ€nner, Reformisten und anderer Köche des Allgemeinwohls“ herausstreichen.

Das vor allem in KĂŒnstlerkreisen geweckte Interesse nutzte Marinetti dazu, die im Manifest noch vorgetĂ€uschte breitere Basis zu schaffen und neben Literaten auch andere italienische Kunstschaffende um sich zu scharen, was auch gelang.

Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm widmet dem ersten und zweiten futuristischen Manifest einen Teil seines Buches "Anatomie der menschlichen DestruktivitĂ€t".[4] Fromm sieht das erste Manifest als frĂŒhstes Zeugnis der Nekrophilie, die er als eine der Quellen der menschlichen DestruktivitĂ€t ausmacht [5]. Er begrĂŒndet dies mit der Verehrung toter Dinge wie schneller Maschinen und der Verherrlichung des Gigantischen. DarĂŒber hinaus sieht er die grundlegenden Ideale des Manifests in den Zielen des dritten Reichs verwirklicht. [6]

Die futuristische Praxis

Betrachtet man die große Zahl an Veranstaltungen und die sonstigen AktivitĂ€ten der Gruppe, so wird klar, dass neben Charisma auch viel Geld erforderlich war, die Bewegung in Schwung zu bringen und auch zu halten. Dieses Geld brachte Marinetti aus der vĂ€terlichen Erbschaft ein. Damit gelang es, eine Reihe vorwiegend junger italienischer KĂŒnstler auf den Futurismus einzuschwören, zu einschlĂ€gigen Werken anzuregen und sich gemeinsam mit ihnen zu prĂ€sentieren.

Futuristische Abende

Marinettis Futuristische Abende, die vor allem in norditalienischen TheatersÀlen veranstaltet wurden, trugen viel zur Verbreitung der Ideen der Gruppe bei. Sie begannen grundsÀtzlich mit der verbalen Herabsetzung der jeweiligen Stadt und einer Beleidigung ihrer Honoratioren. Dann wurden Manifeste verlesen, futuristische Kunstwerke gezeigt, futuristische Musik gespielt sowie Ausschnitte aus futuristischer Theaterkunst geboten. Die PrÀsentation konnte aus der Sicht Marinettis nur dann als Erfolg gewertet werden, wenn es zu Tumulten kam, die zumindest von den lokalen Medien aufgegriffen wurden.

Futuristische Wanderausstellung

Durch Marinettis UnterstĂŒtzung konnte schließlich jene auch kommerziell erfolgreiche Ausstellungsserie anlaufen, die am 30. April 1911 in Mailand begann. 1912 ging man mit der Ausstellung ins Ausland, wo sie bis Kriegsbeginn bleiben sollte. Die wichtigsten Stationen waren London (2×), Berlin (2×), Wien, BrĂŒssel, Den Haag, Amsterdam, MĂŒnchen, Budapest, Rotterdam, Karlsruhe, Leipzig, Rom und St. Petersburg. Überall war man von der VielfĂ€ltigkeit und Eindringlichkeit der Darbietung beeindruckt, die Wirkung auf die lokale Kunstszene war unterschiedlich, aber zumeist messbar.

Kunstrichtungen im Futurismus

Neben der Literatur wurde die Malerei zur fĂŒhrenden Kunstrichtung im Futurismus. Ihr Manifest prĂ€sentierte Umberto Boccioni als der unbestrittene Doyen der Gruppe am 11. Februar 1910 in Turin.[7] Auch in der Bildhauerei war das Multitalent Boccioni fĂŒhrend. Seine Urformen der Bewegung im Raum gelten heute als Ikonen des Futurismus. Die Architektur wurde von Enrico Prampolini und vor allem von Antonio Sant’Elia reprĂ€sentiert. Die futuristische Musik ist eng mit den Namen Francesco Balilla Pratella und Luigi Russolo verbunden. Er ersetzte die Musik durch die GerĂ€uschkunst. Das futuristische oder synthetische Theater war ein DomĂ€ne von Marinetti, es waren aber auch Giacomo Balla und Fortunato Depero in diesem Bereich tĂ€tig. Der Film im Futurismus wurde von Anton Giulio Bragaglia getragen, fand jedoch bei EntscheidungstrĂ€gern wie Boccioni weniger Anerkennung als die anderen Bereiche. Die futuristische Literatur dominierte Marinetti. Mit seinen „befreiten Worten“ setzte er nicht nur die Syntax außer Kraft, mit Buchstaben und Worte in unterschiedlicher GrĂ¶ĂŸe, unterschiedlichen Schriften und in unterschiedlicher Ausrichtung verwischte er die Grenzen zur Grafik. Er war in diesem Bereich keineswegs allein tĂ€tig.

Zuletzt kam beim Futurismus auch die Politik ins Spiel. So zwang das Jahr 1914 eine Stellungnahme fĂŒr oder gegen einen Kriegseintritt Italiens auf. Die Futuristen stimmten fĂŒr Krieg und gingen dafĂŒr auch auf die Straße. Dabei wurden Marinetti, Boccioni und Russolo im September 1914 inhaftiert, weil sie im Zuge einer interventionistischen Veranstaltung in Mailand österreichische Fahnen verbrannt hatten. Dem kurzen GefĂ€ngnisaufenthalt folgte das Manifest „Futuristische Kriegssynthese“, in der die UnterstĂŒtzung der Futuristen fĂŒr eine Intervention Italiens im Sinne der Irredenta zum Ausdruck kam.

Der Erste Weltkrieg

1916 rĂŒckte Marinetti gemeinsam mit mehreren anderen Futuristen zu den „Freiwilligen Radfahrern und Automobilisten“ ein. Nach Auflösung dieser Formation kam Marinetti zu den Alpini, der italienischen Gebirgstruppe, mit denen er einige Gefechte bestritt und dafĂŒr auch ausgezeichnet wurde. Sein umfangreiches Schaffen dieser Zeit legt allerdings Zeugnis davon ab, dass seine Vorgesetzten seinen politisch/futuristischen AktivitĂ€ten viel VerstĂ€ndnis entgegengebrachten.

FĂŒr den Futurismus wird der Krieg zur ZĂ€sur. Schon vor dem Kriegseintritt hatte sich der Zusammenhalt in den Reihen der fĂŒhrenden Futuristen bedenklich gelockert. Dies lag nicht zuletzt an Marinettis politischen Ambitionen, die besonders den erfolgreichen KĂŒnstlern viel Zeit raubten und den elitĂ€ren Charakter der Gruppe durch zahlreiche Neuaufnahmen gefĂ€hrdeten. Vor allem Boccioni, der wohl vielseitigste und finanziell erfolgreichste Futurist, wehrte sich gegen diese Entwicklung und brachte dies auch in seinem Buch ĂŒber futuristische Malerei und bildende Kunst zum Ausdruck, das im April 1914 erschien. Der im Buch erhobene Anspruch, als das grĂ¶ĂŸte Talent der Futuristen und als deren bedeutendster Theoretiker zu gelten fĂŒhrte zu Unstimmigkeiten vor allem mit Marinetti und dem im Buch kritisierten CarrĂ .

Einen weiteren Keil in die Gemeinschaft trieb ein Artikel, der von Papini, Palazzeschi und Ardengo Soffici verfasst wurde und am 14. Februar 1915 in Lacerba unter dem Titel „Futurismus und Marinettismus“ erschien. Die Autoren unterschieden hier zwischen den „echten“ Futuristen Carlo CarrĂ , Gino Severini und Tavolato und jenen, die den GrundsĂ€tzen untreu wurden wie Umberto Boccioni, Giacomo Balla, Francesco Balilla Pratella, Luigi Russolo und auch Marinetti.

Die Tiefe der ZĂ€sur wurde aber letztendlich nicht von Worten, sondern von den Kriegsverlusten bestimmt. Insgesamt verloren dreizehn Futuristen das Leben, einundvierzig wurden verwundet. Unter den Toten befand sich neben dem Architekten Sant’Elia auch Boccioni, der 1916 ohne Feindeinwirkung vom Pferd stĂŒrzte und bald danach starb.

Bei Marinetti hatte der Krieg lediglich seine Einstellung zu den Frauen verĂ€ndert. Die sexuellen Erfahrungen des erwachsenen Marinetti fĂŒhrten ihn zur Erkenntnis, dass intime Beziehungen zu Frauen zumindest der Förderung des Ego und der Wahrung der mĂ€nnlichen IdentitĂ€t dienlich sein können. Ein Manifest ĂŒber die Lust spiegelt diese neuen Einsichten wider.

Marinetti und der Faschismus

Marinetti und die Futuristische Partei

Nach dem Krieg war das öffentliche Leben wegen Arbeitslosigkeit, Hunger, Streiks, Unruhen und zerrĂŒtteter Finanzen explosiv und von „psychologischem, moralischem, kulturellem und sozialem Unbehagen“ geprĂ€gt. Den Orientierungslosen und Unzufriedenen bot sich unter anderem auch Marinetti als Sprachrohr an. Sein ernsthafter Einstieg in die Politik fand erst 1918 mit dem „Manifest der futuristischen politischen Partei“ und der GrĂŒndung der futuristischen Partei statt. Das Parteiprogramm enthielt Forderungen wie Abschaffung der Monarchie und des Papsttums, Vergesellschaftung von Grundbesitz, Großvermögen, BodenschĂ€tzen und Wasser, die Besteuerung ererbten Reichtums, den Achtstundentag, gleiche Löhne fĂŒr MĂ€nner und Frauen, Pressefreiheit, kostenlose Rechtsvertretung, Verbraucherschutz, Ehescheidung und einen stufenweisen Abbau des stehenden Heeres. Marinettis Bewegung stand unter dem Motto: „Die Kunst und die KĂŒnstler an die Macht“. Obwohl damit der eher elitĂ€re, spielerische und Ă€sthetisierende Bezug zum politischen KrĂ€ftespiel zum Ausdruck gebracht wurde, gelang es dennoch eine Reihe interessanter KĂŒnstler und Aktivisten zu gewinnen, die teilweise in der faschistischen Bewegung Karriere machen sollten wie Piero Bolzon, Giuseppe Bottai, der Schriftsteller Mario Carli und der Bildhauer Ferruccio Vecchi, als AnfĂŒhrer der militĂ€rischen Kommandoeinheiten Arditi. Die fehlenden Versuche eine Massenbasis zu schaffen verstĂ€rken den Eindruck, dass Marinetti den allumfassenden Anspruch des Futurismus nun auch im politischen Bereich erheben wollte. Margit Knapp-Cazzola vertritt daher die Meinung, dass man die Gesellschaftspolitik des MillionĂ€rs Marinetti weder als reaktionĂ€r noch als revolutionĂ€r bezeichnen könne, da ihn dieses Thema „nie besonders beschĂ€ftigt“ habe.

Marinetti und Mussolini

Das erste Treffen von Marinetti und Mussolini fand im Jahr 1914 statt, als der Kriegseintritt Italiens vor allem in der Linken heftig diskutiert wurde. Als militante Interventionisten hielten sie Veranstaltungen ab, die Marinetti organisierte und Mussolini als Hauptredner aufwiesen. Nach dem Krieg hatte Mussolini die gewaltbereite rechte Szene, die aus enttĂ€uschten Kriegsheimkehrern, radikalen Republikanern und nationalen Sozialisten bestand und sich in lokalen Gruppen (Fasci) zusammengefunden hatte, zu den patriotischen Fasci di Combattimento eher lose zusammengefasst. Am 23. MĂ€rz 1919 grĂŒndete Mussolini die Faschistische Partei Italiens, in der die Futuristische Partei aufging, was Marinetti zum zweiten Listenplatz verhalf. Was das Parteiprogramm betrifft, so hatte man das nationalistische, antiklerikale und sozialrevolutionĂ€re Profil der Futuristen fast vollstĂ€ndig ĂŒbernommen, Vecchis Arditi wurden von Mussolini als fasci futuristi eingegliedert. Mit diesem Programm konnte die faschistische Liste bei den Wahlen im Oktober 1919 lediglich 4000 WĂ€hler ansprechen. Nach den Wahlen gingen die Aktionen der Schwarzhemden ohne RĂŒcksicht auf den Wahlausgang weiter und nahmen allmĂ€hlich bĂŒrgerkriegsĂ€hnliche ZĂŒge an. Marinetti bewegte sich immer weiter nach links und griff dabei unter Berufung auf Garibaldi in flammenden Ansprachen nicht nur die Monarchie, den Papst, die BĂŒrokratie und die Ehe an, sondern plĂ€dierte ĂŒberdies fĂŒr die Abschaffung des stehenden Heeres, der Gerichte, der Polizei und der GefĂ€ngnisse. Mussolini hatte nun eine Richtungsentscheidung zu treffen. Die Alternativen waren gering. Der Weg nach links war ihm verstellt. Seit er bei den Sozialisten vor dem Krieg als interventionistischer Kriegstreiber aus dem Parteivorstand und der Partei sowie als Chefredakteur der Parteizeitung entfernt worden war, handelte man ihn dort als VerrĂ€ter, mehrere Vermittlungsversuche waren gescheitert. Der Weg nach rechts zu einer Aussöhnung mit den „Drei K“ (Kirche, König, Kapital) stand ihm jedoch grundsĂ€tzlich offen, ihm war lediglich das eigene Parteiprogramm im Weg.

Die Trennung Marinettis von Mussolini

Als Mussolini nach der desaströsen Wahlschlappe 1919 beim zweiten Parteikongress der Fasci 1920 plötzlich auf die bĂŒrgerliche Karte zu setzen begann und meinte, man solle „das bĂŒrgerliche Schiff nicht versenken, sondern an Bord gehen, um die parasitĂ€ren Elemente ĂŒber Bord zu werfen“, war die Aufnahme . Neben etlichen Squadristi verließen auch die Futuristen Marinetti, Carli und Vecchi die Bewegung. Sie traten weiterhin fĂŒr die Entvatikanisierung Italiens ein, waren gegen die Monarchie und fĂŒr proletarische Streiks. Bei seinem spektakulĂ€ren Abgang bezeichnete Marinetti den Rest der Parteiversammlung als einen „Haufen von Passatisten“. „Passatistisch“ war ein Neologismus, abgeleitet von passato – ĂŒberholt, vergangen. Der Kampf gegen jeglichen Passatismus gehörte von allem Anfang an zu den Dogmen der futuristischen Ästhetik. WĂ€hrenddessen klassifizierte Mussolini seinen KampfgefĂ€hrten als einen „extravaganten Clown, der Politik spielt und den niemand, ich am wenigsten, ernst nimmt“.

Am 30. Oktober 1922 wurde Mussolini vom König zum Regierungschef ernannt. Zu diesem Zeitpunkt waren Marinetti und die Futuristen politisch nicht mehr dabei.

Nach seinem Austritt aus der Partei verabschiedete sich Marinetti mit seinem Manifest „Al di lĂ  del communismo“ („Über den Kommunismus hinaus“) vom politischen Futurismus mit einem Bekenntnis zu den anarchistischen, gewalttĂ€tigen Wurzeln der Futuristen und sparte nicht mit Lob fĂŒr die Protagonisten der Oktoberrevolution. Das brachte Marinetti Anerkennung von Links ein. So bezeichnete ihn der sowjetischen Volkskommissar fĂŒr das Kulturwesen, Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski, im Jahr 1921 als den „einzigen revolutionĂ€ren Intellektuellen Italiens“. [8] Wenig spĂ€ter fand auch der spĂ€tere Chefideologe der italienischen Kommunistischen Partei Antonio Gramsci positive Worte fĂŒr ihn:[9]

„Was sonst noch zu tun ist? Nichts weniger als die Zerschlagung der aktuellen Kultur ... Der Futurist zerstört, zerstört, zerstört ohne sich darum zu kĂŒmmern, ob das was er Neues schafft auch wirklich besser ist als das Alte 
 Er hat die klare Vorstellung, dass unsere Epoche, 
 ihre eigene Kunst, Philosophie, Umgangsformen und Sprache benötigt. Das ist ein klar revolutionĂ€res Konzept und noch dazu ein absolut Marxistisches und das zu einer Zeit wo die Sozialisten nicht einmal im Entferntesten an solche Dinge gedacht hatten. Die Futuristen sind in ihrem Bereich, in dem der Kultur, RevolutionĂ€re. Auf diesem Feld, jenem der KreativitĂ€t, ist es unwahrscheinlich, dass ihnen die Arbeiterklasse in absehbarer Zeit das Wasser reichen kann.“

Die Abwendung von der Politik hatte auch mit Marinettis erneut geĂ€ndertem Frauenbild zu tun. Er heiratete Benedetta Cappa, seine große Liebe, fĂŒr die er gegen das Eheverbot seines eigenen „Futuristischen Manifestes der Lust“ verstieß.

Marinetti als Minister Mussolinis

Am 30. Oktober 1922 wurde Mussolini vom König zum Regierungschef ernannt. 1924 ĂŒbernahm er die Macht allein. 1924 brach Marinetti mit dem Sammelband „Futurismo e Fascismo“ das Schweigen zur Tagespolitik. Dieses SchriftstĂŒck, das er seinem „teuren und großen Freund Benito Mussolini“ widmete, war ein Friedensangebot an den Faschismus. Marinetti erklĂ€rte darin den RĂŒckzug des Futurismus aus der Politik, machte dafĂŒr aber den FĂŒhrungsanspruch im Bereich der Kultur geltend. Mussolini nahm das Angebot – mit EinschrĂ€nkungen â€“ an. Marinetti wurde 1924 Kultusminister und 1929 Mitglied der neuen Akademie Italiens und damit einer Institution, die er bislang immer auf das heftigste bekĂ€mpft hatte.

Mit der von D’Annunzio inspirierten und von Mino Somenzi und Marinetti durch Manifeste etablierte Aeropittura e aeroscultura und der ins Weltraum ausgreifenden Luft- und Raumfahrtliteratur fand Marinetti ein weiteres, breites BetĂ€tigungsfeld, das die alten futuristischen Topoi von Dynamik, Fortschritt und Geschwindigkeit aufgriff und mit Patriotismus, Flugheldentum und subtiler Kriegspropaganda verband. 1931 wurde die futuristische Flugmalerei propagandistisch lanciert und ging spĂ€ter problemlos in die Kriegsmalerei, die Aeropittura di guerra ĂŒber.

Dem Ehrenkomitee fĂŒr die Berliner Ausstellung Aeropittura 1934 gehörte nicht nur Marinetti und die italienische Botschafterin Cerutti, sondern auch die Mitglieder der Reichsregierung Goebbels und Göring an. Der Futurismus hatte staatlichen Rang. Als Marinetti 1934 vom Dichter Gottfried Benn in Berlin im Namen der Union Nationaler Schriftsteller als „Exzellenz Marinetti, FĂŒhrer der Futuristen, Mitglied der Königlichen Italienischen Akademie und PrĂ€sident des italienischen Schriftstellerverbandes“ begrĂŒĂŸt wurde, war die Rolle des Futurismus im Rahmen des etablierten Faschismus bereits geklĂ€rt. Marinetti war es zwar nicht gelungen, den Futurismus als offizielle Kunstrichtung des Faschismus durchzusetzen, er konnte ihn aber neben dem von Mussolini prĂ€ferierten ,passatistischen‘ Novecento als wichtigste Stilrichtung des faschistischen Italiens etablieren. Der Futurismus diente der Vermittlung eines dynamischen, zukunftsorientierten Charakters des neuen Italien.

Dass der Futurismus unter Mussolini sehr lebendig war und seine Stellung gegenĂŒber dem Novecento behaupten konnte, ist den zahlreichen Manifesten dieser Zeit zu entnehmen. Mit dem „Tattilismo“ (kontaktsuchendes Tasten mit dem Ziel des Aufbaues sozialer Beziehungen) kreierte er ĂŒberdies einen neuen sozialen Umgang. Dieser klare Bruch mit KerngrundsĂ€tzen des asozialen Grundmanifests beruhte nur teilweise auf dem Streben nach KompatibilitĂ€t mit faschistischen Positionen, der Hauptgrund lag wohl in der endgĂŒltigen Korrektur seines Frauenbildes im Zuge der Beziehung zu seiner Frau Benedetta, die sich ĂŒber die kĂŒnstlerische Partnerschaft hinaus zur großen Liebe entwickelt hatte.

In der Zeitschrift Artecrazia verurteilte Marinetti 1938 die antisemitischen Gesetze Mussolinis scharf. Die entsprechende Nummer der Zeitschrift wurde von der Zensur eingezogen. In der Folgezeit widersetzte sich der Futurist den Kampagnen der offiziellen Kunstpolitik, die einen nach Rassebestimmungen ausgerichteten Maßstab der Kunst einfĂŒhren wollten. Die öffentliche Meinung unterstĂŒtzte ihn, so dass in Italien die Diffamierung entarteter KĂŒnstler unterblieb.

Der Bereich, wo Marinetti am wenigsten von seinem ersten Manifest abrĂŒckte, war der Krieg. Der Krieg wurde als avantgardistisches Todesfest imaginiert. So schrieb er anlĂ€sslich des Italienisch-Äthiopischen Krieges, an dem er selbst teilnahm:

„Der Krieg ist schön, weil er dank der Gasmasken, der schreckenerregenden Megaphone, der Flammenwerfer und der kleinen Tanks die Herrschaft des Menschen ĂŒber die Maschine begrĂŒndet. Der Krieg ist schön, weil er die ertrĂ€umte Metallisierung des menschlichen Körpers inauguriert. Der Krieg ist schön, weil er eine blĂŒhende Wiese um die feurigen Orchideen der Mitrailleusen bereichert. Der Krieg ist schön, weil er das Gewehrfeuer, die Kanonaden, die Feuerpausen, die Parfums und VerwesungsgerĂŒche zu einer Symphonie vereinigt. Der Krieg ist schön, weil er neue Architekturen, wie die der großen Tanks, der geometrischen Fliegergeschwader, der Rauchspiralen aus brennenden Dörfern und vieles andere schafft â€Šâ€œ

– La Stampa Torino, zit. nach: Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt/Main 2003, S. 42

1942 zog er mit dem italienischen Expeditionskorps an die russische Front, wo er selbst diesem Desaster positive dichterische Seiten abgewinnen konnte. Er kehrte 1943 als kranker Mann zurĂŒck und blieb in der von Mussolini nach dessen Befreiung gegrĂŒndeten Republik von SalĂČ. Noch knapp vor seinem Tod pries er die Tapferkeit einer durch ihre Grausamkeit berĂŒchtigten Anti-Partisaneneinheit Mussolinis. Als er am 2. Dezember 1944 in Bellagio am Comer See starb, ließ ihn seine Familie rasch und in aller Stille bestatten. Mussolini ließ ihn jedoch wieder aus dem Grab holen und sorgte dafĂŒr, dass er nach feierlicher Aufbahrung in Mailand ein StaatsbegrĂ€bnis erhielt.

Bilanz: Marinetti und der Faschismus

Wenn heute ĂŒber das VerhĂ€ltnis von Marinetti zum Faschismus geschrieben wird, so zieht man Vergleiche mit deutschen Expressionisten wie Gottfried Benn, der auf die Nationalsozialisten anfĂ€nglich Ă€hnlich positiv reagierte wie Ernst JĂŒnger; auch französische Intellektuelle werden genannt, vor allem Charles Maurras und Louis-Ferdinand CĂ©line, die dem französischen Faschismus positive Seiten abgewannen, oder auch manche zum Nationalsozialismus tendierende Schriftsteller in Österreich. Ernst Nolte hĂ€lt Marinetti lediglich fĂŒr eine pittoreske Begleiterscheinung des Faschismus. George L. Mosse urteilt Ă€hnlich, wenn er die Futuristen als Exzentriker am Hofe der Macht bezeichnet.[10]. Das meiste VerstĂ€ndnis fĂŒr Marinetti und die Futuristen findet man in Italien. Der Kunsthistoriker Maurizio Calvesi weist jegliche „plumpe“ Identifizierung von Futuristen und Faschisten zurĂŒck; Maurizio Scudiero [11] erinnert an „die offenkundige Verzahnung [der Futuristen] mit der Linken“ und an „den Bruch, der im Mai 1920 stattfand, als Marinetti und die Futuristen die faschistischen ‚KampfverbĂ€nde‘ verließen und sich den Sozialisten öffneten“. Scudiero hebt besonders Marinettis Manifest Al di lĂ  del comunismo hervor, in dem Marinetti „die Kunst als Alternative zur Politik pries und den Ă€sthetischen Utopismus noch weiter trieb, wobei er endgĂŒltig jedes politische Engagement ablehnte.“ Andere Historiker verweisen auf den Futuristen Mino Somenzi, der anfangs 1933 – also mitten im faschistischen Italien â€“ in der offiziellen Zeitung der Futuristen schrieb: [12] „Futurismus ist eine Kunst- und Lebensform, der Faschismus eine politische und soziale Form: diametral entgegengesetzte Dinge.“ Auch Giovanni Lista sieht dies Ă€hnlich [13] und kommt zur Überzeugung, dass


„
 der individualistische, freiheitliche und ‚antitraditionelle‘, avantgardistische Geist des Futurismus 
 in völligem Gegensatz zur Kulturpolitik des Faschismus [stand], der darauf abzielte, die römische Mythologie und die Kanons der klassischen Kunst wiederherzustellen.“

Werke (Auswahl)

  • La ConquĂȘte des Étoiles (1902)
  • Le Roi Bombance: Tragedie Satirique En 4 Actes, En Prose (1905), Reprint: Kessinger Legacy Reprints, ISBN 1166845958
  • Manifeste de Futurisme (1909)
  • Mafarka le futuriste (1910), dt. Mafarka der Futurist: Afrikanischer Roman, MĂŒnchen: Belleville, 2004, ISBN 3936298025
  • Le futurisme (1911)
  • An das Rennautomobil (1912)
  • The variety theater (1913)
  • Al di lĂ  del comunismo (1920)
  • Il tamburo di fuoco (1923)
  • Futurismo e Fascismo (1924)
  • Novelle colle labbra tinte (1930)
  • La cucina futurista (1930), dt.: Die futuristische KĂŒche, ĂŒbersetzt von Klaus M. Rarisch, Klett-Cotta, Stuttgart 1983 ISBN 3-608-95007-9
  • Il poema africano della Divisione 28 Ottobre (1937)


  • Marinetti, Filippo Tommaso: Teoria e invenzione futurista, Milano: Mondadori, 1983, 1256 p.
  • Marinetti, Filippo Tommaso et al.: Es gibt keinen Hund - Das futuristische Theater. 61 theatralische Synthesen und 4 Manifeste, MĂŒnchen: Edition Text und Kritik, 1989
  • "Der futuristische Aufbruch der Avantgarde (1909–1916)" [zahlreiche futuristische Manifeste von Marinettti und anderen] in: Manifeste und Proklamationen der europĂ€ischen Avantgarde (1909–1938), hrg. von Wolfgang Asholt und Walter FĂ€nders, Stuttgart und Weimar: J. B. Metzler, 1995, S. 1-117
  • Marinetti, Filippo Tommaso: Selected Poems and Related Prose, Yale University Press, 2002, ISBN 0300041039
  • Marinetti, Filippo Tommaso: Critical Writings, hg. von GĂŒnter Berghaus, New York : Farrar, Straus, and Giroux, 2006, 549p., ISBN 0374260834, Taschenbuchausgabe 2008: ISBN 0374531072

Literatur

  • Ingo Bartsch, Maurizio Scudiero (Hg.): „
 auch wir Maschinen, auch wir mechanisiert! â€Šâ€œ Die zweite Phase des italienischen Futurismus 1915–1945. Bielefeld 2002, ISBN 3-933040-81-7.
  • Dietrich KĂ€mper (Hg.): Der musikalische Futurismus. Köln 1999.
  • Maurizio Calvesi: Futurismus. MĂŒnchen 1975.
  • Caroline Tisdall, Angelo Bozzola: Futurism. London 2000, ISBN 0-500-20159-5 .
  • Christa Baumgarth: Geschichte des Futurismus. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1966.
  • Evelyn Benesch, Ingried Brugger: Futurismus - Radikale Avantgarde. Mailand 2003, ISBN 88-202-1602-7 (Ausstellungskatalog).
  • Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Futurismus - Geschichte, Ästhetik, Dokumente. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1993, ISBN 3-499-55535-2.
  • Erich Fromm: Anatomie der menschlichen DestruktivitĂ€t (Originaltitel: The anatomy of human destructiveness. Eine autorisierte Übersetzung von Liselotte und Ernst Mickel). rororo-Sachbuch 7052, Reinbek bei Hamburg 1977 ff (deutsche Erstausgabe bei DVA, Stuttgart 1974, ISBN 3-421-01686-0), ISBN 978-3-499-17052-2.
  • Matthias Micus, Katharina Rahlf: Die Kunst des Manifestierens. Marinetti und das "Futuristische Manifest". In: Johanna Klatt, Robert Lorenz (Hrsg.): Manifeste. Geschichte und Gegenwart des politischen Appells, Transcript, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1679-8, S. 99-112 (= Studien des Göttinger Instituts fĂŒr Demokratieforschung zur Geschichte politischer und gesellschaftlicher Kontroversen. Band 1).
  • Regina Strobel-Koop: Geschichte und Theorie des italienischen Futurismus. Literatur, Kunst und Faschismus (hergestellt on Demand). VDM Verlag Dr. MĂŒller, SaarbrĂŒcken 2008, ISBN 978-3-8364-8657-6
  • Irene Chytraeus-Auerbach: Inszenierte MĂ€nnertrĂ€ume. Eine Untersuchung zur politischen Selbstinszenierung der italienischen Schriftsteller Gabriele D'Annunzio und Filippo Tommaso Marinetti in der Zeit zwischen Fin de SiĂšcle und Faschismus. Die Blaue Eule, Essen 2003, ISBN 3-89924-037-5 (= Literaturwissenschaft in der Blauen Eule. Band 38, zugleich Dissertation an der UniversitĂ€t Marburg, 2001).

Weblinks

Anmerkungen

  1. ↑ Evelyn Benesch / Ingried Brugger (Hg.): Futurismus. Radikale Avantgarde (Wien 2003) 14
  2. ↑ Baumgarth.23 ff.
  3. ↑ Evelyn Benesch/Ingried Brugger: Futurismus. Radikale Avantgarde (Wien 2003).265
  4. ↑ Erich Fromm: Anatomie der menschlichen DestruktivitĂ€t (Hamburg 2008)
  5. ↑ Fromm, S.27
  6. ↑ Fromm, S.387ff
  7. ↑ Baumgarth.49 ff. Das technische Manifest: Baumgarth.181 ff.
  8. ↑ Tisdall/Bozzolla.200
  9. ↑ Tisdall / Bozzolla.201
  10. ↑ Nike Wagner: Salto mortale in die Zukunft. Marinetti und die Tabula rasa des Futurismus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag, 6. MĂ€rz 1999, Nummer 55
  11. ↑ Maurizio Scudiero: Die Metamorphosen des Futurismus, in: Ingo Bartsch / Maurizio Scudiero (Hg.) 
 auch wir Maschinen, auch wir mechanisiert! 
 Die zweite Phase des italienischen Futurismus 1915–1945 (Bielefeld 2002) Seite 26 und 27
  12. ↑ Futurismo Nr. 27 vom 12. MĂ€rz 1933
  13. ↑ Giovanni Lista: Was ist Futurismus?, in: Ingo Bartsch / Maurizio Scudiero (Hg.) 
 auch wir Maschinen, auch wir mechanisiert! 
 Die zweite Phase des italienischen Futurismus 1915–1945 (Bielefeld 2002) Seiten 30 ff.
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