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Als Fluoridierung bezeichnet man die Zugabe von Fluoriden zu Lebensmitteln und Kosmetika (Zahnpasta), sowie das Aufbringen höher konzentrierter Präparate auf die Zähne zum Zweck der Kariesprophylaxe. Zu fluoridierten Lebensmitteln zählen Speisesalz, Trinkwasser und Milch.
Inhaltsverzeichnis |
Die Fluoridierung von Trinkwasser wurde 1945 in einigen Städten der USA probeweise eingeführt und fand dort seit 1950 rasche Verbreitung. Später folgte man auch in einigen anderen Ländern wie Australien, Brasilien, Chile, Irland, Malaysia und Vietnam dem amerikanischen Vorbild. 5,7 % der Weltbevölkerung benutzen fluoridiertes Wasser.[1] Bis zur Wiedervereinigung wurde auch in einigen Orten der ehemaligen DDR das Trinkwasser fluoridiert. In Westdeutschland wurde zwischen 1952 und 1971 der Kasseler Ortsteil Wahlershausen mit fluoridiertem Trinkwasser versorgt.
Heute wird in den meisten europäischen Ländern, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz, das Trinkwasser nicht fluoridiert. Ausnahmen sind Irland, wo etwa 71 % der Bevölkerung fluoridiertes Trinkwasser zur Verfügung steht[2], und das Vereinigte Königreich mit etwa 10 % Abdeckung.[3] In der Schweizer Stadt Basel wurde die Fluoridierung 2003 eingestellt, da befürchtet wurde, dass die Bevölkerung durch den Konsum von fluoridiertem Speisesalz (in der übrigen Schweiz seit 1955 erhältlich) überversorgt werden könnte.[3] Wie in der Schweiz ist auch in Deutschland fluorid-versetztes Speisesalz erhältlich.
In verschiedenen Produkten findet man von Natur aus eine etwas erhöhte Fluoridkonzentration, z. B. in Tee (schwarzer u. grüner) oder in Mineralwässern. Mineralwässer mit einem Fluoridgehalt von mehr als 1,5 mg/l müssen in Deutschland als „fluoridhaltig“, solche mit weniger als 0,7 mg/l dürfen als „für Säuglingsnahrung geeignet“ gekennzeichnet werden. Bei höheren Konzentrationen wächst nämlich das Risiko einer Dentalfluorose.[4] In manchen Gegenden in Deutschland (z. B. einige Orte in der Eifel) enthält das Leitungswasser von Natur aus (abhängig von der geologischen Formation) Fluorid in Konzentrationen von 1 mg/l und mehr.[5]
→ Hauptartikel Zahnkaries
Karies ist eine Erkrankung des Zahnhartgewebes (Zahnschmelz, Dentin), die durch langfristige Einwirkung der Stoffwechselprodukte von Bakterien entsteht, die sich als Zahnbeläge (Plaque) auf den Zähnen und in Zahnzwischenräumen bilden. In der Plaque siedeln sich neben Laktobazillen verschiedene Streptokokkenarten an, von denen Streptococcus mutans eine herausragende Stellung einnimmt. Von den kariogenen Bakterien werden Kohlenhydrate wie Saccharose, Glukose und Fruktose zu organischen Säuren verstoffwechselt[6][7][8], wodurch der pH-Wert im Speichel wie in den Plaques sinkt. Bei pH-Werten unter 5,5 wird die mineralische Hauptkomponente des Schmelzes, Hydroxylapatit (auch Apatit-(CaOH)), aufgelöst. Nimmt die Säurekonzentration wieder ab (und steigt damit der pH-Wert), können die im Speichel gelösten Ionen dem Schmelz wieder zugeführt werden (Remineralisation). Lösen Säuren in der Mundhöhle dauerhaft mehr Schmelz auf als remineralisiert werden kann, bilden sich Erosionen. Unter bakteriellen Plaques kann durch hohe Säurekonzentrationen der Schmelz in eng umgrenzten Bereichen gelöst werden, es entstehen Kavitäten („Löcher“).[9]
Neben Hydroxylapatit enthält der Schmelz auch Magnesium und Carbonate, die bei geringer Häufigkeit oder Stärke der Säureangriffe bevorzugt gelöst werden. Diese Carbonate werden als Teil eines Puffersystems angesehen, das während der Schmelzbildung entsteht[10] oder als Kristallisationskeime, die für die initiale Bildung der Schmelzstruktur notwendig sind.
Neben der Beschränkung der Zuckeraufnahme und der gründlichen Entfernung der Zahnbeläge bietet die Prophylaxe mit Fluorid eine Möglichkeit, die Entstehung von Karies zu verhindern.[11] In Laborversuchen wurde beobachtet, dass Streptococcus mutans bei niedriger Fluoridkonzentration weniger Säure produziert. Es ist unklar, welche Bedeutung diese reduzierte Säureproduktion hinsichtlich der kariösen Aktivität der Bakterien im menschlichen Mund hat.[12]
In der Vergangenheit wurde neben dem Erklärungsmodell der Bildung von Fluorapatit auch die Stimulation der Speichelbildung (vagotoner Speichel) und ein daraus möglicherweise resultierender verbesserter Reinigungseffekt diskutiert.[13][14]
Zur Kariesprophylaxe werden Natriumfluorid (enthalten in Fluoridtabletten, Zahncremes und Mundwässern), Kaliumfluorid (Speisesalz), Zinn(II)-Fluorid (Zahncremes) oder Aminfluoride (Zahncremes und fluoridhaltige Gele, z. B. Olaflur) verwendet.
Die gelegentlich ebenfalls unter den Begriffen „Fluoride“ oder „Fluor“ eingereihten Fluoridokomplexe umfassen Natriummonofluorphosphat (Na2PO3F, in Zahncremes verwendet), oder die Fluoridosilikate (Natriumhexafluoridosilikat, Na2SiF6; Hexafluoridokieselsäure, H2SiF6), die seit Beginn der 1950er Jahre zur Trinkwasserfluoridierung eingesetzt werden. In der Frühzeit der Trinkwasserfluoridierung hat man in Madison, einer Stadt im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin, sogar mit Flusssäure fluoridiert, weil diese Säure in der Region produziert wurde und dort günstig zur Verfügung stand.
Gegenüber der Verwendung von fluoridiertem Wasser und Lebensmitteln wird vor allem der Fluoridierung von Zahnpasta seit den siebziger Jahren große Bedeutung zugemessen, wodurch die Wasserfluoridierung an Bedeutung verloren hat.[15][16] Regelmäßiges Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta ist im Allgemeinen ausreichend. Bei Patienten mit hohem Kariesrisiko kann der Zahnarzt zusätzlich lokal ein höher konzentriertes Fluorid-Präparat (Lack oder Gel) aufbringen.
Bei einer lokalen Anwendung wird das fluoridhaltige Mittel in der Mundhöhle durch Zahnpasten, Mundspülungen, Gele und Lacke angewandt und bleibt dann eine Zeit lang im Speichel nachweisbar. Die topische (lokale) Anwendung höher konzentrierter Fluorid-Produkte führt eher zu einem Verlust an Zahnmineralien, wie durch eine Reihe von Patenten der American Dental Association Health Foundation (ADAHF) belegt wird.[17] Laut dort angeführten Untersuchungen wird durch höher konzentrierte Fluorid-Produkte der Entzug von Calcium aus dem Apatit unter Bildung von Calciumfluorid an der Zahnoberfläche begünstigt, das leichter weggespült wird. Deshalb wurden Zwei-Komponenten-Zahncremes entwickelt, bei denen Fluorid einerseits, sowie Calcium und Phosphat andererseits getrennt gehalten werden, die erst beim Ausdrücken aus der Tube gemischt werden und an der Zahnoberfläche unter Bildung von Apatit reagieren sollen.
Bei einer systemischen Anwendung wird Fluorid mit der Nahrung aufgenommen oder als Tablette verabreicht. Das Fluorid wird im Verdauungstrakt resorbiert und über das Blut transportiert. Von dort aus kann es in neugebildetes Zahnhartgewebe (Dentin) und Knochengewebe eingebaut oder im Speichel ausgeschieden werden. Als Beispiele sind fluoridhaltiges Trinkwasser, Mineralwasser, Tabletten, Speisesalz, fluoridhaltige Nahrungsmittel (Fisch, Schalentiere und Tee) zu nennen. Die Verweildauer im Mund ist sehr gering und die Konzentration an Fluorid ist mit Ausnahme bei der Anwendung von Fluoridtabletten meist sehr klein. Deshalb können über das Essen aufgenommene Fluoride vermutlich nicht direkt auf den Zahnschmelz einwirken.[18][19]
Die gemischte Anwendung durch Lutschen von Fluoridtabletten oder Verschlucken von fluoridhaltiger Zahnpasta wirkt zuerst lokal im Mund und danach systemisch.
Als um 1945 in den USA die Trinkwasserfluoridierung („TWF“, Fluoridzusatz von ca. 1 mg je Liter) eingeführt wurde, ging man dabei von einer täglichen Fluoridzufuhr von 1 bis 1,5 mg pro Tag aus (McClure), und dieser Wert diente später als Basis für die Fluoridverabreichung in Tablettenform. Seit etwa 25 Jahren weiß man, dass in Orten mit Trinkwasserfluoridierung die tägliche Zufuhr bei etwa 3 mg (und mehr) pro Tag liegt. Entsprechend passte das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BGVV) in einer Stellungnahme (September 2001) die Zufuhrempfehlung für eine Kariesprophylaxe auf 3,1 mg bis 3,8 mg pro Tag für Personen zwischen 19 und 65 Jahren an.[20]
Dagegen sieht sich die WHO nicht in der Lage, einen Wert für einen täglichen Fluoridbedarf festzulegen, da Fluorid kein essentielles Spurenelement ist und es somit keine diagnostischen Parameter und keinen Beweis für die Existenz klinischer Symptome eines „Fluoridmangels“ gibt.[21]
Die durchschnittliche Aufnahme aus Lebensmitteln (ohne Fluorid-Supplemente und ohne Getränke) ist in Deutschland mit 0,4–0,5 mg pro Tag gering.[4]
→ Hauptartikel Fluorose
Die Wirksamkeit von Fluoridanwendungen gilt als gut belegt,[12][22] wenngleich gelegentlich noch immer Zweifel geäußert werden.[23]
Unter verschiedenen Aspekten wird die Fluoridierung, insbesondere des Leitungswassers, kontrovers diskutiert.[24] Die Trinkwasser-Fluoridierung wird oftmals als Zwangsmedikation abgelehnt. Da in Deutschland als Massenprophylaxe nur die Salzfluoridierung praktiziert wird,[4] beschränkt sich die Kontroverse hierzulande auf fluoridiertes Speisesalz und die Gabe von Fluoridtabletten, wie auch Fluorid-applikation beim Zahnarzt.
Manche Argumente beziehen sich auf die akute und chronische Giftwirkung von Fluoriden und ihren Komplexsalzen, die aus vielfältigen Quellen zu einer letztlich toxisch wirkenden Gesamtbelastung führen können.[25] Befürchtungen resultieren zum Teil aus der Verwendung von Fluoriden als Ratten- und Insektengifte.[26] Sie haben infolge von Verwechslungen oder als Mittel für Suizide und Mordanschläge auch bei Menschen oft tödlich verlaufene akute Vergiftungen verursacht. Unter bestimmten Voraussetzungen (zum Beispiel Verzehr von vielen Fluoridtabletten durch Kinder, technisches Versagen von Anlagen zur Wasserfluoridierung, oder Verschlucken von höher konzentrierten Fluoridgelen, die beim Zahnarzt aufgetragen werden) ist eine akute Fluoridvergiftung auch durch Produkte zur Kariesprophylaxe möglich und vorgekommen.[27][28]
Chronische Schädigungen sind von Arbeitern bekannt geworden, die am Arbeitsplatz Fluoriden exponiert sind (siehe Fluorose). Durch Immissionen wurden Umweltschäden an Nutzpflanzen und Tierbeständen ausgelöst, die zu hohen Schadenersatzforderungen führten. In vielen Regionen kennt man die Dentalfluorose, die bei der Bevölkerung aufgrund erhöhter Fluoridaufnahme mit dem Trinkwasser (≥ 1 mg/l) endemisch auftritt.
Knochenfluorose, auch durch Wasser mit überhöhtem Fluoridgehalt induzierbar, entsteht durch eine fluoridbedingte Stimulation der knochenbildenden Zellen (Osteoblasten). Diesen Effekt nutzte man lange bei der inzwischen veralteten Osteoporose-Therapie mit hoch dosierten Fluoridgaben (iatrogene Fluorose). Die Fluorosteopathie führt durch Vermehrung des Knochengewebes zu Elastizitätsverlust und erhöhten Knochenbrüchigkeit (Osteosklerose) bis hin zum völligen Versteifen von Gelenken oder gar der Wirbelsäule.
Auf der anderen Seite muss die Giftwirkung von Fluoriden in Lebensmitteln im Hinblick auf die verwendeten Dosen entsprechend berücksichtigt werden.
Die Frage nach der optimalen Fluorid-Dosis ist nicht abschließend beantwortet. Schließlich stellt man durch Fluoridierung eine bestimmte Konzentration z. B. im Leitungswasser (oder Kochsalz) ein, wobei die individuelle Dosis von der verbrauchten Wasser- oder Salzmenge und zusätzlicher Fluorid-Zufuhr aus anderen Quellen bestimmt wird. Der oft überhöhte Fluoridgehalt von Trinkwasser macht nach Ansicht des U. S. National Research Council eine striktere Regulierung der Fluoridzufuhr erforderlich.[29]
Es gibt Vermutungen, dass die Anwendung auch niedrig konzentrierter Fluorsalze und -verbindungen Krebs verursachen sowie das Nervensystem und weitere Organe dauerhaft schädigen können.[30][31] Die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC war in ihrer Bewertung 1982 jedoch noch zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine Anzeichen einer krebserzeugenden Wirkung von anorganischen Fluoriden gibt, die zur Fluoridierung des Trinkwassers eingesetzt werden bzw. wurden.[32] Aktuell konzentriert sich diese Diskussion auf Osteosarkome.[33]
Kontroversen gibt es auch zwischen Befürwortern (beispielsweise Detailfragen zwischen Kinder-[34] und Zahnärzten[35]) und innerhalb einer Behörde, z. B. beim Bundesgesundheitsamts: 1982 noch dagegen,[36] nach dem Wechsel eines Abteilungsleiters dafür.[37] Die Salzfluoridierung wurde im Oktober 1983 vom damaligen Gesundheitsministerium noch abgelehnt,[38] 1991 wurde sie eingeführt. Gelegentlich ändert sich auch die persönliche Überzeugung, wenn man sich intensiver mit dem Thema befasst: der vormals prominenteste kanadische Verfechter der Fluoridierung, der Zahnarzt Dr. Hardy Limeback, Universität Toronto, spricht sich inzwischen ausdrücklich gegen die Trinkwasserfluoridierung aus.[39] Zusammen mit über 1.700 Experten unterzeichnete er im August 2007 eine Petition, in der der Stopp der Trinkwasserfluoridierung und eine Untersuchung durch den US-Kongress gefordert werden.[40]
In den USA hatte die Fluoridproblematik bereits bei mancherlei Gelegenheiten für politischen Zündstoff gesorgt[41][42][43] als sie sich auch im „Kalten Krieg“ als probates Mittel erwies, um politischen Druck zu erzeugen. In seinem 1952 veröffentlichten Werk The truth about water fluoridation behauptete Charles Eliot Perkins, die Wasserfluoridierung sei durch den in England geborenen russischen Kommunisten Kreminoff 1935 nach England gebracht worden. Kurz darauf hätten englische Sozialisten die Fluoridierung in den USA eingeführt, wo sie viele Anhänger in höchsten Positionen gehabt hätten.[44]
Oliver Kenneth Goff erklärte 1957, er sei in den späten dreißiger Jahren in einem Kommunisten-Camp ausgebildet worden, wo man ihn lehrte, mit einem Sack Natriumfluorid im Wasserwerk den kompletten Wasservorrat einer Stadt zu vergiften und unter der US-Bevölkerung Lethargie zu erzeugen. Es sei während seiner Ausbildung auch darüber diskutiert worden, wie die Wasserfluoridierung in Russland zur Ruhigstellung in Gefangenen-Lagern eingesetzt worden sei.[45]
Somit war „klar“, dass ein echter Kommunist niemals fluoridiertes Wasser trinken würde. Umgekehrt konnte jemand, der fluoridiertes Wasser trank, nach dieser Logik unmöglich Kommunist sein. Wann immer also wieder einmal behauptet wurde, eine Regierung sei bis in höchste Positionen von Kommunisten durchsetzt, gehörte zur „Widerlegung“ die öffentliche Erklärung, man trinke selbst fluoridiertes Wasser. Dazu sahen sich gelegentlich sogar amerikanische Präsidenten genötigt: Dwight D. Eisenhower wusch sich so rein, und sein Nachfolger John F. Kennedy sah sich ebenfalls zu einer entsprechenden Erklärung genötigt.[46] Kennedy ließ in seiner Verteidigungsrede kein gutes Haar an der John Birch Society, die ihn durch ihren wachsenden politischen Einfluss zum Handeln gezwungen hatte.
Dieser amerikanischen anti-kommunistischen Logik nimmt sich ein Film von Stanley Kubrick an: Dr. Seltsam, oder wie ich lernte die Bombe zu lieben. In diesem 1964 gedrehten Film erklärt der durchgedrehte General Jack D. Ripper seinem Assistenten Captain Mandrake: „Auf keinen Fall wird ein Kommunist je ein Glas Wasser trinken, denn er weiß genau, aus welchem Grund... Fluoridation des Wassers – der grauenhafteste kommunistische Anschlag, dem wir ausgeliefert sind.“ Ripper selbst trinkt sinnigerweise nur „destilliertes Wasser“ (Regenwasser) und „reinen medizinischen Alkohol“ (Scotch). In Anspielung auf eine kommunistische Durchsetzung der Regierung versuchen der amerikanische und der russische Präsident als gute Freunde die von Ripper geschaffene Kriegsgefahr gemeinsam zu bannen. Mit dem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat zur Fluoridierung wird das Werk heute noch gerne zur Polemik gegen Fluoridgegner missbraucht[47].
Während so die Auswüchse der McCarthy-Ära Fluoridgegner wirksam in Schach hielten, schlug die Amerikanische Zahnärztekammer (American Dental Association) mit ihren Dossiers über Fluoridierungsgegner in die gleiche Kerbe: Ärzte und Wissenschaftler, die sich gegen die Maßnahme aussprachen, wurden in einem Atemzug mit Perkins, Goff, der Birch Society und dem Ku-Klux-Klan vorgeführt.[48]
Auf anderer Ebene konnten sich westliche Nationen durchaus auch mit den Kommunisten einigen: Am 6. Mai 1937 schlossen in London Regierungsvertreter verschiedener Staaten (einschließlich Sowjetunion) ein internationales Zuckerabkommen ab, in dem erstmals auf Regierungsebene für eine Preisstabilisierung Export- und Import-Quoten festgelegt, eine Reduzierung von Steuerlasten und eine Steigerung des Pro-Kopf-Zuckerverbrauchs angestrebt werden.[49][50] Als zentrale Anlaufstelle für alle Vertragsangelegenheiten wurde ein “International Sugar Council” mit Sitz in London (“Sugar Bureau”) eingerichtet. Damit sind natürlich ernsthafte Bemühungen um eine an den Ursachen angreifende Kariesprophylaxe offiziell obsolet.
Forscher der Universität Michigan, wo Forschungen über die Rolle von Zucker und Bakterien für die Kariesentstehung eine lange Tradition hatten[51], reagierten darauf prompt: “Trotz des enormen Werbeaufwands der Zuckerindustrie konzentriert sich die Aufmerksamkeit immer stärker auf die Rolle des Zuckers bei der Entstehung der Zahnkaries. Sollte diese Information sich so weit verbreiten dass der Zuckerhandel ernsthaft beeinträchtigt wird, könnten Zähne nur noch auf Kosten unseres wirtschaftlichen Wohlstands erhalten werden. Ein zu großer Teil der Weltbevölkerung hängt direkt von der Zuckerindustrie ab als dass die resultierende Notlage nicht letztlich jeden erfasste. ... Es hängt weitgehend von der Einstellung der Zahnärzteschaft ab, ob die Bevölkerung den gegenwärtigen Überlegungen hinsichtlich des Fluors in der Kariesforschung ablehnend oder positiv gegenübersteht.” [Orig. in Engl.][52]
In Deutschland gab es 1967 ein Abkommen zwischen dem Bundesverband Deutscher Zahnärzte und der Zuckerindustrie (siehe Chronik). Auch dieses Abkommen wird als einer der Belege dafür angeführt, dass mächtige wirtschaftliche Interessengruppen bei den Auseinandersetzungen um die Fluoridierung eine Rolle spielen. Dabei wird behauptet, dass die Fluoridierung ein Vorwand sei, um von den Ursachen der Zahnkaries abzulenken. Es liege insbesondere im Interesse der Zuckerindustrie, die Fluoridierung zu propagieren. In diesem Zusammenhang sind die Auseinandersetzungen um den Zahnarzt Dr. Johann Georg Schnitzer zu betrachten, der sich in seinen Veröffentlichungen hierzu äußerte[53]. Auch die unten genannte „weiterführende Literatur“ enthält Beispiele für Zucker-Interessen.