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| Foraminiferen | ||||||||
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| Systematik | ||||||||
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| Wissenschaftlicher Name | ||||||||
| Foraminifera | ||||||||
| dâOrbigny, 1828 |
Foraminiferen (Foraminifera), selten auch Kammerlinge genannt, sind einzellige, zumeist gehĂ€usetragende Protisten aus der Gruppe der Rhizaria. Sie umfassen rund 10.000 rezente und 40.000 fossil bekannte Arten und stellen damit die bei weitem gröĂte Gruppe der Rhizaria dar.
Nur rund fĂŒnfzig Arten leben im SĂŒĂwasser, alle ĂŒbrigen Foraminiferen bewohnen marine LebensrĂ€ume von den KĂŒsten bis in die Tiefsee. Die Tiere besiedeln zumeist den Meeresboden (Benthos); ein kleiner Teil, die Globigerinida, lebt planktisch. Die Mehrheit aller Foraminiferen zeichnet sich durch ein GehĂ€use aus.
Die auĂerordentlich formenreiche Gruppe ist fossil seit dem Kambrium (vor rund 560 Millionen Jahren) nachgewiesen, Untersuchungen der molekularen Uhr verweisen jedoch auf ein deutlich höheres Alter von 690 bis 1150 Millionen Jahren[1]. Foraminiferen dienen in der PalĂ€ontologie aufgrund ihrer gut fossil erhaltungsfĂ€higen, oft gesteinsbildenden Schalen als Leitfossilien der Kreide, des PalĂ€ogen und des Neogen.
Inhaltsverzeichnis |
Alle Arten der Foraminifera sind einzellige Lebewesen, die ein Alter von bis zu mehreren Monaten oder sogar einigen Jahren erreichen können[2]. Die Mehrheit der lebenden Arten ist zwischen 200 und 500 Mikrometer groĂ, die kleinsten Vertreter messen nur bis zu 40 Mikrometer (Rotaliella roscoffensis) und die gröĂten bis zu 12 (Cycloclypeus carpenteri) oder sogar 20 Zentimeter (Acervulina)[3]. Fast alle Arten besitzen ein in der Regel vielkammeriges GehĂ€use. Durch dessen ĂŒblicherweise feine Perforation treten fadenförmig dĂŒnne, untereinander vernetzte ScheinfĂŒĂchen aus.[4]
Die GehÀuse der Foraminiferen können sehr unterschiedlich gebaut sein, die Vielgestaltigkeit ihres Aufbaus dient als diagnostisches Merkmal zur Unterscheidung der Taxa. Relevant sind dabei zum einen das Material und zum anderen der zugrundeliegende Bauplan.
Anhand des Baustoffes ihrer GehÀuse lassen sich Foraminiferen in vier Gruppen einteilen:
Der bei weitem gröĂten Gruppe dient sekretorisch ausgeschiedener Kalk als Baustoff, fast immer in Form von Kalzit, sehr selten auch als Aragonit. FĂŒr eine genauere systematische Untergliederung kann der Baustoff vor allem anhand seines Magnesiumsgehaltes (hoch/niedrig) noch weiter differenziert werden. Hingegen werden bei den agglutinierenden Foraminiferen auf einer mineralischen oder proteinösen Basis aus dem Sediment aufgenommene Sandkörner oder andere Fremdkörper miteinander verklebt. Damit bilden sie eine höhere Form der rein proteinbasierten (selten sogar vollstĂ€ndig fehlenden) GehĂ€use der Ordnung der Allogromiida, in die gelegentlich einzelne Partikel aus der Umgebung aufgenommen werden.[5]
Ein Sonderfall ist hingegen die nur aus der Gattung Miliammellus bestehende Ordnung Silicoloculinida, in der sich GehÀuse aus Opal finden (SiO2 x n H2O).[5]
Die GehĂ€use können aus nur einer Kammer bestehen (monothalam), aus einer Reihe von miteinander verbundenen Kammern (polythalam) oder â sehr selten â ganz fehlen (athalam)[2]. Die TrennwĂ€nde der Kammern (âSeptaeâ) sind jeweils durchbrochen (âForamenâ) und erlauben dem Protoplasmakörper so, sich innerhalb des GehĂ€uses zu bewegen; die Ăffnung der jeweils letzten Kammer (âAperturâ) dient als Tor zur Umgebung.[6]
Mehrkammerige GehĂ€use können unterschiedlich angeordnet sein. Die schlichteste Form ist der uniseriale Bau, bei dem eine Kammer auf die nĂ€chste folgt. Wenn die Kammern zwei zueinander versetzte Reihen bilden, spricht man von biserialen GehĂ€usen. Triseriale GehĂ€use, also aus drei versetzten Reihen gebildet, heiĂen auch trochospiral und bilden einen Gegensatz zu planspiralen GehĂ€usen. Bei letzteren findet jeder Umlauf der Spirale auf der gleichen Ebene wie der vorhergehende statt, in der Seitenansicht bleibt das GehĂ€use also flach. Trochospirale GehĂ€use hingegen stellen sich mit jedem Umlauf in verbreiternden, schraubenförmigen Spiralen dar; ihre Spiralseite ist aufgewölbt und die Unterseite abgeflacht. Sonderformen sind miliolide GehĂ€use, bei denen ein Umlauf der Spirale aus nur zwei lĂ€nglich-röhrenförmigen Kammern entsteht und annulĂ€re GehĂ€use, die â Ă€hnlich wie Jahresringe â kreisförmig angelegt sind. Im Zentrum der Spiralen liegt der Nabel, der sogenannte Umbilikus.[6]
Die GehÀuse der sandschaligen Textulariida sowie aller kalkschaligen Arten mit Ausnahme jener der porzellanschaligen Miliolida weisen 1 bis 10 Mikrometer messende Poren auf, die dem Gasaustausch sowie der Aufnahme und Abgabe von NÀhrstoffen dienen.[7]
Die GehĂ€use mehrkammeriger Foraminiferen sind oftmals nur zeit- oder teilweise mit Zytoplasma gefĂŒllt, insbesondere jĂŒngere Kammern bleiben oft leer. Das Zytoplasma ist zĂ€h bis gelatinös und eigentlich farblos, wird aber durch Nahrung oder auch Endosymbionten vielfĂ€ltig eingefĂ€rbt, von weiĂlich ĂŒber gelblich, grĂŒnlich, orange, rötlich bis hin zu brĂ€unlich. Die FĂ€rbung ist variabel und hĂ€ngt auch davon ab, unter welchen ökologischen UmstĂ€nden ein Individuum lebt oder in welcher Phase seines Lebenszyklus es sich befindet.[8]
Eine deutliche Differenzierung in Endoplasma und Ektoplasma gibt es nicht, das GehĂ€use ist allerdings von einer dĂŒnnen Schicht Zytoplasma ĂŒberzogen, das auch die Retikulopodien ausbildet.[8]
Wie alle WurzelfĂŒĂer besitzen auch die Foraminiferen ScheinfĂŒĂchen (Pseudopodien). Diese AusstĂŒlpungen aus dem Zytoplasma dienen der Verankerung im Untergrund, der Fortbewegung, der Aufnahme von Teilchen fĂŒr den GehĂ€usebau sowie der Sammlung von NĂ€hrstoffen, dem Fang von Beute und gelegentlich der Verdauung auĂerhalb des GehĂ€uses. Sie sind lang, fadenförmig und dĂŒnn, an ihren jeweiligen Enden verjĂŒngen sie sich auf einen Durchmesser von weniger als einen Mikrometer[2].[4]
Im Unterschied zu anderen WurzelfĂŒĂern verfĂŒgen die ScheinfĂŒĂchen der Foraminiferen ĂŒber die FĂ€higkeit der Anastomosie, können sich also verzweigen und mit anderen ScheinfĂŒĂchen wieder verschmelzen. Auf diese Weise können Foraminiferen ein komplexes Netz auĂerhalb ihres Körpers ausbilden, das sich ĂŒber eine FlĂ€che von mehreren hundert Quadratzentimetern ausbreiten kann. Man spricht in diesem Fall von Retikulopodien.[2]
Die Retikulopodien werden durch gelegentlich einzeln, meist jedoch in BĂŒndeln auftretende Mikrotubuli verfestigt, die auch Bewegungen vermitteln, darunter als Besonderheit der Foraminifera eine bidirektionale Strömung des Zytoplasmas innerhalb der Retikulopodien[2]. Die Leitstruktur fĂŒr die sogenannte âKörnchenströmungâ stellen MikrotubulibĂŒndel dar, durch die mikroskopisch als Körnchen erkennbare Mitochondrien, Dichte Körper, Ummantelte und Elliptische Vesikel innerhalb der Retikulopodien in zwei Richtungen gleichzeitig (bidirektional) transportiert werden. Die ebenfalls als Körnchen in Erscheinung tretenden Phagosomen und DefĂ€kationsvakuolen werden hingegen nur unidirektional transportiert.[9]
Die Lebenszyklen von Foraminiferen-Arten sind bis in die Gegenwart nur spĂ€rlich erforscht; vollstĂ€ndig bekannt sind sie nur fĂŒr weniger als 30 der rund 10.000 Arten. Als typisch gilt ein heterophasischer Generationswechsel zwischen sexueller, haploider und asexueller, diploider Generation. Dieser Generationswechsel ist in einigen Gruppen evolutionĂ€r wieder modifiziert worden. Die beiden Generationen sind dabei in ihrer Gestalt verschieden (Dimorphismus). Die VariabilitĂ€t des Lebenszyklus ist innerhalb der Foraminiferen jedoch auĂerordentlich hoch, von fast jedem Merkmal des typischen Lebenszyklus findet sich auch eine abweichende Form.[4]
Neben geschlechtlicher Vermehrung können sich insbesondere einkammerige Foraminiferen-Arten auch ungeschlechtlich fortpflanzen, und zwar ĂŒber Knospung, Zellteilung und Cytotomie[10].
Ăkologisch lassen sich Foraminiferen in vier Gruppen teilen. Klassisch ist die Trennung zwischen den nur rund fĂŒnfzig als Plankton lebenden Arten und der gröĂten Gruppe, den auf dem Meeresboden lebenden benthischen Foraminiferen. Eine Sondergruppe der benthischen Foraminiferen bilden die rund fĂŒnfzig in lichtdurchfluteten FlachgewĂ€ssern zu findenden GroĂforaminiferen. Erst in den letzten Jahren zeichnen sich dazu die Umrisse einer vierten Gruppe ab, jene der unbeschalten, in SĂŒĂgewĂ€ssern lebenden Foraminiferen. Von ihnen sind bisher rund fĂŒnfzig Arten bekannt. Ăber den endgĂŒltigen Umfang dieser Gruppe lassen sich derzeit noch keine Angaben machen.[11]
Die benthischen Foraminiferen sind die nach Artenzahl bei weitem gröĂte Gruppe und umfassen rund 10.000 Arten. Sie lassen sich bis an den tiefsten Punkt der Ozeane im 10.900 Meter tiefen Challengertief nachweisen, wo sie ĂŒberaus hĂ€ufige Elemente der dortigen Fauna sind[12]. Am Boden können sie fest mit dem Substrat verbunden sein oder frei umherschweifen, die ĂbergĂ€nge sind aber flieĂend, die ZustĂ€nde hĂ€ufig temporĂ€r.[13]
Zur Anheftung bedĂŒrfen benthische Arten fester UntergrĂŒnde, auf denen sie sich meist mittels ihrer Pseudopodien (so z. B. bei Astrorhiza limicola, Elphidium crispum, Bathysiphon spp.), aber auch mit organischen Membranen (Patellina corrugata), Haftscheiben (Halyphysema) oder schwefelsauren Mucopolysacchariden (Rosalina spp.) verankern. Die Anheftung ist hĂ€ufig nur temporĂ€r, in der Vorbereitung zur Fortpflanzung z. B. werden die Verbindungen wieder gelöst. Manche Arten können mit Geschwindigkeiten von bis zu 12 Zentimeter pro Stunde wandern. Als UntergrĂŒnde dienen jedoch nicht allein Felsen oder Ă€hnliches, sondern z. B. auch Schalen von Muscheln, Hydrozoen oder Brachiopoden, wo sie als Kommensalen im Nahrungsstrom agieren. Epiphytisch finden sie sich in Algen- oder Seegrasvegetationen, wo anfallender Detritus ihre Nahrungsgrundlage bildet. Auf weniger festen UntergrĂŒnden finden sie sich als sogenannte âendobenthische Foraminiferenâ nicht allein auf der SedimentoberflĂ€che, sondern auch in Tiefen von bis zu 16 Zentimeter im Sediment (z. B. Elphidium spp.), teils aktiv Nahrung aufnehmend oder sich reproduzierend.[13]
Lichtlos lebende Arten fungieren vielfach als Zersetzer des Detritus insbesondere phytoplanktischen Ursprungs, Arten der Tiefsee leben dabei von bereits stĂ€rker zersetztem Material. DarĂŒber hinaus gibt es fleisch-, pflanzen- oder allesfressende Arten, die sich beispielsweise als WeidegĂ€nger, Destruenten, Filtrierer oder Parasiten ernĂ€hren, dessen ungeachtet sind viele Arten in ihrer ErnĂ€hrung auf einzelne Beutegruppen spezialisiert. Die Lebensweise einiger dieser Arten ist zeitweise auch planktisch.[13][4]
Aus den benthischen Foraminiferen ausgegliedert wird meist die spezielle Gruppe der GroĂforaminiferen, die rund fĂŒnfzig Arten umfasst[14]. Sie zeichnen sich nicht allein durch ihre teils auĂerordentliche GröĂe von bis zu 13 Zentimetern aus, sondern vor allem durch ihre Lebensweise. GroĂforaminiferen kommen ausschlieĂlich in flachen GewĂ€ssern von der Gezeitenzone bis rund 70, selten bis zu 130 Metern Tiefe vor. Sie beherbergen Algen (vereinzelt auch nur deren Chloroplasten) als Endosymbionten in ihren lichtdurchlĂ€ssigen GehĂ€usen, ĂŒber deren Photosynthese sie ihren Energiebedarf decken und Kalk zum GehĂ€usebau gewinnen. GroĂforaminiferen tragen rund 0,5 % zur weltweiten Karbonat-Produktion bei. Diese Symbiose ist mehrfach unabhĂ€ngig voneinander entstanden und umfasst je nach Familie als Symbionten Rotalgen, Chlorophyten, Dinoflagellaten oder Kieselalgen. Die Symbionten finden sich als Zoochlorellae bzw. Zooxanthellae im Zytoplasma benthischer Foraminiferen und können bis zu 75 % des GehĂ€usevolumens einnehmen; ihre Anzahl betrĂ€gt nach SchĂ€tzungen ĂŒber 100.000 bei Peneroplis pertusus bzw. rund 150.000 bei Heterostegina depressa[15].[16]
GroĂforaminiferen sind rein tropisch oder subtropisch verbreitet. Ihre höchste Artenvielfalt erreichen sie im indopazifischen Raum. Sie finden sich aber auch in der Karibik, im Zentralpazifik sowie im Golf von Akaba. Vertreter finden sich in den Familien Nummulitidae, Amphisteginidae und Calcarinidae der Ordnung Rotaliida, sowie Alveolinidae, Peneroplidae und Soritidae der Ordnung Miliolida. Die wohl bekanntesten Vertreter sind die Arten der Gattung Baculogypsina, deren charakteristisch geformte GehĂ€use an den StrĂ€nden der Ryukyu-Inseln den sogenannten âSternensandâ bilden. Die am weitesten verbreitete Art hingegen ist Heterostegina depressa.[16]
Die bestehenden Populationen der GroĂforaminiferen gelten als Relikte wesentlich diverserer Gruppen, die z. B. im Karbon und Perm (Fusulinida) bzw. im TertiĂ€r sedimentbildende Verbreitung besaĂen. Sie leben meist in groĂen Gruppen und sind sogenannte K-Strategen, die begrenzte Ressourcen nutzen und zu deren adĂ€quater Nutzung nur langsam wachsen und in konstanten PopulationsgröĂen auftreten. Bemerkenswert ist ihre Lebensdauer, die bis zu mehrere Jahre betragen kann und von keinen anderen Einzellern erreicht wird.[14]
Mit nicht ganz fĂŒnfzig bekannten Arten, die sĂ€mtlich zur Ordnung Globigerinida gehören, ist der Anteil der im Plankton lebenden Foraminiferen rein nach Artenzahl gering. Die Tatsache, dass planktische Foraminiferen als die bedeutendsten Karbonat-Produzenten rund 20 % der jĂ€hrlichen Menge produzieren, verdeutlicht jedoch ihre groĂe Biomasse. Sie sind in polaren bis tropischen Meeren verbreitet, besonders viele Arten finden sich in subtropischen bis tropischen GewĂ€ssern. GehĂ€uft kommen sie vor allem in oberflĂ€chennahen Wasserlagen zwischen 10 und 50 Metern vor, reichen aber auch in Tiefen bis 800 Meter[17]. Viele Arten beherbergen wie die GroĂforaminiferen photosynthetisierende Symbionten in Gestalt des spezialisierten Dinoflagellaten Gymnodinium beii oder Goldbrauner Algen.[16]
Die klassische Vorstellung von Foraminiferen als exklusiv marine Lebewesen mit GehĂ€usen wurde durch Forschungsergebnisse seit der Jahrtausendwende in Frage gestellt. Zwar waren bereits in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts mehrere SĂŒĂwasser-Arten aus dem Genfer See erstbeschrieben worden, ebenso wie bei der seit 1949 bekannten Reticulomyxa filosa aber war ihre systematische Position unklar, meist wurden sie zu anderen Gruppen als den Foraminiferen gestellt. Auch der Umfang der Gruppe, ihre Verbreitung und Lebensweise waren annĂ€hernd unerforscht, noch 2003 schrieb Maria Holzmann: âSĂŒĂwasserforaminiferen sind eine der rĂ€tselhaftesten Gruppen der Protisten[18]â. Ăber molekularbiologische Untersuchungen konnte nicht nur fĂŒr einige von ihnen der Nachweis erbracht werden, dass es sich um Foraminiferen handelt,[19][20] sondern anhand von Sequenzierungen von Umweltproben verschiedener Herkunft konnte auch festgestellt werden, dass es zahlreiche noch unbekannte Arten gibt. Als ResĂŒmee dieser Proben konnte entgegen bisheriger Annahmen festgestellt werden, dass âForaminiferen in SĂŒĂwasserumgebungen weitverbreitet sind[18]â. Die Erstbeschreibung einer sogar terrestrisch lebenden Art wie Edaphoallogromia australica zeigt, dass Foraminiferen auch auĂerhalb von GewĂ€ssern Verbreitung finden.[21][18]
Verwesungsresistente GehĂ€use können nach dem Absterben der Zelle durch Fossilisieren erhalten bleiben. Anhand von fossilen Foraminiferen-Vergesellschaftungen kann man die Umweltbedingungen vergangener Zeiten rekonstruieren und die sie enthaltenden Gesteine relativ datieren (Biostratigraphie). Ab der Kreidezeit stellen planktische Foraminiferen aufgrund ihrer marinen Lebensweise und somit fast weltweiter Verbreitung wichtige Leitfossilien. Einige fossile Formen traten in solchen Mengen auf, dass sie gesteinsbildend wurden, so die Globigerinen (Globigerinida), die Fusulinen (Fusulinida) und die Nummuliten (Nummulitidae).[22] BerĂŒhmte derartige Gesteine sind die Kreidefelsen von Dover und die Gesteine, die beim Bau der Ă€gyptischen Pyramiden verwandt wurden[10].[23]
Von groĂer Bedeutung ist dies fĂŒr die Erdölindustrie. Bei Bohrungen kann man anhand der Arten erkennen, ob hier zu frĂŒheren Zeiten fĂŒr die Entstehung von Erdöllagern gĂŒnstige klimatische Bedingungen geherrscht haben.[23]
Foraminiferen spielen in der PalĂ€oklimatologie eine wichtige Rolle als Proxy fĂŒr die Rekonstruktion des Klimas vergangener Erdzeitalter. Speziell fĂŒr die Erstellung der Sauerstoff-Isotopenstufen, aufgrund derer zwischen Warm- und Kaltzeiten untschieden wird, kommen Foraminiferen aus limnischen oder marinen Sedimentbohrkernen zum Einsatz. Dabei erfolgt eine Altersdatierung anhand des VerhĂ€ltnisses der Isotope 16O und 18O. Lokal wirken sich die reduzierten Ozeantemperaturen wĂ€hrend der Kaltzeiten auch auf das IsotopenverhĂ€ltnis der Kalkschale der Foraminifere aus, denn diese fraktioniert beim Einbau des Kalziumkarbonats in ihr GehĂ€use das 16O/18O-VerhĂ€ltnis bei geringeren Temperaturen hin zum schwereren Isotop (Temperatureffekt). Eine erhöhte Verdunstung im Lebensraum der Foraminifere, aber auch ein erhöhter Eintrag von isotopisch leichterem Schmelzwasser, fĂŒhrt zu einer Verschiebung des 16O/18O-VerhĂ€ltnis im Wasser und somit im GehĂ€use (SalinitĂ€tseffekt).[24][25]
Adl et al. ordnen die Foraminiferen als eines der fĂŒnf Taxa innerhalb der Rhizaria ein, deren bei weitem gröĂte Gruppe sie sind. Auf der Basis von molekularbiologisch ermittelten StammbĂ€umen stellen die Foraminiferen die Schwestergruppe der Gattung Gromia dar und bilden entsprechend mit diesen wahrscheinlich ein gemeinsames Taxon.[26] Sie umfassen rund 10.000 rezente und 40.000 fossil bekannte Arten[27] in rund 65 Ăberfamilien und 300 Familien, rund 150[16] davon rezent.
Die innere Systematik der Gruppe hingegen gilt unter molekulargenetischen Gesichtspunkten noch als weitgehend unklar. Vor allem die Tatsache, dass die dazu notwendige DNA meist nur in unzureichender Menge gewonnen werden kann, da sich die meisten Foraminiferen im Labor nicht kultivieren lassen und nur von extrem wenigen Arten ĂŒberhaupt DNA zur VerfĂŒgung steht, erschwert umfangreiche und reprĂ€sentative Untersuchungen.[28] Auch technische Hindernisse machen die Erstellung phylogenetischer StammbĂ€ume schwierig: Sogenannte Long-branch-attraction-Artefakte fĂŒhren im Rahmen der fĂŒr Untersuchungen hĂ€ufig gebrauchten SSU rDNA oft zu schweren statistischen Fehlern. Daher konnte erst der Gebrauch experimenteller Markergene (Aktin-[29], RNA-Polymerase-II-Gen[28]) die anfĂ€nglichen Ergebnisse stabilisieren. Deutlich zeichnet sich in allen Untersuchungen ab, dass die Ordnungen Allogromiida und Astrorhizida zusammen mit einigen oft als Athalamidae gefĂŒhrten schalenlosen Foraminiferen eine paraphyletische Gruppe bilden und dass die Miliolida aus ihnen hervorgingen. Auch sind die Globigerinida ebenso wie die Buliminida wohl ein Teil der Rotaliida.
Alle bisherigen Systematiken basieren daher, auch aufgrund der groĂen Anzahl der ausschlieĂlich durch ihre GehĂ€use bekannten fossilen Arten, noch immer auf morphologischen Merkmalen[30]. Die derzeit aktuelle umfassende Systematik der Foraminiferen geht auf Alfred R. Loeblich und Helen Tappan zurĂŒck und wurde 1992 vorgestellt. Sie diente auch als Grundlage fĂŒr die modifizierte und ergĂ€nzte Systematik von Barun Sen Gupta aus dem Jahre 2002, die hier herangezogen wird. Die Foraminiferen werden dort als Klasse verstanden und in 16 Ordnungen untergliedert (â = ausgestorben).[5]
SpÀtere molekularbiologische Untersuchungen weisen darauf hin, dass auch die bis dato als eigene Klasse unsicherer Stellung verstandenen Xenophyophoren zu den Foraminiferen zu zÀhlen und eng verwandt mit der Gattung Rhizammina (Astrorhizida) sind. Ihre genaue Position innerhalb des obigen Systems ist allerdings nicht definiert.[31]
Foraminiferen wurden vom Menschen lange nur durch ihre fossilierten Schalen wahrgenommen. FrĂŒhen Autoren ging selbst das VerstĂ€ndnis ihres Ursprungs als GehĂ€use eines Lebewesens noch ab. So deutete Strabo die Nummuliten im Kalk der Pyramiden von Gizeh als Kotreste der Arbeiterschaft und noch vom 16. bis 18. Jahrhundert wurde wie bei allen Fossilien meist davon ausgegangen, es handele sich schlicht um Steine.[23]
Antoni van Leeuwenhoek dokumentierte 1700 den Fund einer Foraminiferenschale ânicht gröĂer als ein Sandkornâ im Magen einer Garnele. Von ihm als Weichtier angesehen, lĂ€sst sie sich anhand seiner Zeichnung sicher als Art der Gattung Elphidium bestimmen.[32]. UnabhĂ€ngig davon meinte Johann Jakob Scheuchzer zu gleicher Zeit, dass âdiese Steine wahrhaft Schnecken und nicht in der Erden durch ich weiĂ nicht was vor einen Archeum gebildet wordenâ[23]. Diese Zuordnung zu den Weichtieren war zwar falsch, immerhin jedoch war nunmehr der Charakter der Foraminiferen als Lebewesen erkannt. Die Pionierarbeit von Janus Plancus, der 1739 einige Foraminiferen vom Strand von Rimini beschrieb, diente Carl von LinnĂ© 1758 als Grundlage fĂŒr seine Platzierung der Arten bei den Perlbooten (Nautilus).[23]
Als eigenstĂ€ndige systematische Gruppe wurden sie jedoch erst 1826 durch die Erstbeschreibung der Foraminiferen von Alcide dâOrbigny manifest. Sah er sie ursprĂŒnglich noch als Ordnung der KopffĂŒĂer an und blieb damit innerhalb der traditionellen Vorstellung der Foraminiferen als einer Gruppe von Weichtieren, so erhob er sie 1839 zu einer eigenen Klasse.
Dem voraus gingen die ersten Erkenntnisse zur Biologie der Foraminiferen, insbesondere die von FĂ©lix Dujardin (1801â1860) zum Aufbau des eigentlichen "Körpers". Er nannte den kontraktilen internen Stoff, der sich spontan durch die Poren der Kalkschalen in Form von Pseudopodien drĂ€ngte, Sarkode; spĂ€ter wurde diese Bezeichnung von Hugo von Mohl (1805â1872) in den bis heute gĂŒltigen Begriff Protoplasma ĂŒberfĂŒhrt. FĂ©lix Dujardin sah in den Foraminiferen Einzeller, Rhizopoden, wie er diese nannte, mit Schalen (Rhizopodes ĂĄ coquilles).
DâOrbigny war es auch, der die palĂ€ontologische Erforschung der Foraminiferen begann, wĂ€hrend zugleich vornehmlich britische Forscher erste ökologische Forschungen durchfĂŒhrten. In der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts erwies sich die zwischen 1873 und 1876 unternommene Challenger-Expedition auch fĂŒr die Foraminiferenkunde als auĂerordentlich erfolgreich. Henry Bowman Bradys 1884 erschienener âReport on the Foraminifera dredged by H.M.S. Challengerâ gilt bis in die Gegenwart als ein klassisches Werk ĂŒber rezente Arten. Zu gleicher Zeit konnten auch grundlegende Fragen des Zellaufbaus (z. B. Nachweis eines Zellkerns durch Hertwig und Schulze 1877) und des Lebenszyklus (Entdeckung von GehĂ€usedimorphismen durch Maximilian von Hantken 1872, Grundlagen der Vermehrung von Schaudinn und Lister 1894/95) geklĂ€rt werden.[23]
Im 20. Jahrhundert waren es vor allem drei US-amerikanische Forscher, durch die die Kenntnis ĂŒber die Foraminiferen bereichert wurden. Joseph Augustine Cushman legte den Grundstein der modernen Foraminiferenforschung, indem er neben der Beschreibung einer gewaltigen Anzahl neuer Arten auch das Cushman Laboratory for Foraminiferal Research sowie das bis in die Gegenwart bedeutende Fachmagazin âContributions from the Cushman Laboratory for Foraminiferal Researchâ grĂŒndete, heute âJournal of Foraminiferal Researchâ. Im Jahrzehnt zwischen 1931 und 1940 wurden 3800 Arten neu aufgestellt, im Jahr 1935 erschienen rund 360 Arbeiten ĂŒber Foraminiferen, 1936 bereits doppelt so viele. Diese Wissensexplosion war einerseits auf die Materialzunahme durch Meeresexpeditionen zurĂŒckzufĂŒhren, andererseits aber auch auf das gestiegene Interesse der Erdölindustrie an Foraminiferen als Zeiger bei der stratigraphischen Analyse von Erdölbohrungen.[23]
1940 erschien der erste Band des Catalogue of Foraminifera von B. F. Ellis und A. R. Messina, von dem bis heute 94 BĂ€nde erschienen sind, die annĂ€hernd jede je beschriebene Foraminifere auffĂŒhren[10]. Das noch immer weitergefĂŒhrte Werk liegt mittlerweile in digitaler Form vor und enthĂ€lt annĂ€hernd 50.000 Arten[33].
Nach Cushmans Tod 1949 war es das Ehepaar Helen Tappan und Alfred R. Loeblich, deren Arbeit die zweite HĂ€lfte des Jahrhunderts dominierte. War Cushman systematisch noch Ă€lteren Ideen verhaftet gewesen, ĂŒberarbeiteten Loeblich und Tappan in zwei groĂen monographischen Arbeiten 1964 und 1989 die Systematik der Foraminiferen grundlegend; ihre Arbeit ist bis in die Gegenwart maĂgeblich. Neuere systematische AnsĂ€tze wie jene von Valeria I. Mikhalevich[34] sind weder vollstĂ€ndig noch haben sie sich bisher durchgesetzt, ebenso wenig molekularbiologische Untersuchungen (insbesondere durch Jan Pawlowski).
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Dieser Artikel wurde am 22. September 2009 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. |