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Fortschritt bezeichnet eine â zumeist im positiven Sinne verstandene â Ănderung eines Zustandes. Gegenbegriffe sind RĂŒckschritt oder Stillstand. Fortschritt und Innovationen begĂŒnstigen einander.[1]
Die Deutung von Geschichte unter der Interpretation einer Fortschrittsentwicklung bezeichnet man als fortschrittstheoretische Geschichtsdeutung (zum Beispiel zahlreiche Vordenker der AufklÀrung, 'Kritischer Rationalismus' von Karl Popper), der gegensÀtzliche Ansatz wird als verfallstheoretischer Geschichtsdeutungsansatz bezeichnet (z. B. Goldenes Zeitalter, Ende der Geschichte).
Der Fortschritt in der Entwicklung von Individuen kommt durch Wachstums- und Lernprozesse zustande. Wobei sich der Lernfortschritt aus der VerĂ€nderung von Situationen ergibt, die dazu fĂŒhren, dass sich das Individuum durch Anpassung fortwĂ€hrend Kompetenzen aneignet, mit deren Hilfe neue Situationen immer besser bewĂ€ltigt werden können. RĂŒckschritt oder Stillstand in dieser Entwicklung wĂŒrde bedeuten: Krankheit und mangelnde Kompetenz, mit RealitĂ€t umzugehen.
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Der vieldeutige Begriff hat erhebliche geschichts- und kulturphilosophische Auswirkungen und prĂ€gt in besonderer Weise das Weltbild der westlichen Moderne. Er wurde zuerst von den Stoikern als ÏÏÎżÎșÎżÏÎź (prokope) geprĂ€gt und ging spĂ€ter als progressus bzw. progressio in den lateinischen Wortschatz ein. Neben seiner philosophischen Bedeutung, u.a. bei Cicero, breitete er sich auch auf andere Gebiete aus, z.B. als militĂ€rischer Ausdruck fĂŒr den Vormarsch einer Armee im Gegensatz zum re-gressus, dem RĂŒckzug. Ăber das französische progrĂšs hielt das Wort Anfang des 18. Jahrhunderts schlieĂlich auch Einzug in die deutsche Sprache und galt ab 1830 als Schlagwort der Politik und Philosophie im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Menschheit. Exemplarisch sei hier Hegels berĂŒhmter Satz aus seinen Vorlesungen ĂŒber die Philosophie der Geschichte genannt: âDie Weltgeschichte ist der Fortschritt im BewuĂtsein der Freiheit â ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.â Sprachwissenschaftlich gesehen handelt es sich beim Wort Fort-schritt um eine LehnĂŒbersetzung aus dem lat. pro-gressus.
Das Fortschrittsdenken setzte sich in der Neuzeit in Europa und in Nordamerika durch. Im Zeitalter der AufklĂ€rung bekam die Vorstellung eines stĂ€ndigen Fortschritts der Menschheit einen erheblichen Schub. Ihre Verbreitung wurde auch durch die Verbreitung des Evolutionsgedankens als Alternative zum traditionellen, zyklischen Geschichtsbild (Christentum, griech. Antike/Hesiod) unterstĂŒtzt. Vielen Menschen im westlichen Kulturkreis erscheint die Idee, dass es âFortschrittâ gebe, so selbstverstĂ€ndlich, dass ihnen nicht bewusst ist, dass es auch völlig andere, dazu im Widerspruch stehende, weltanschauliche Axiome gibt.
Das Fortschrittsdenken beinhaltet folgende geschichtsphilosophischen Axiome:
Das zugehörige Adjektiv fortschrittlich hat in innerkommunistischen Diskursen auch lobende Bedeutung fĂŒr (z.B. âbĂŒrgerlicheâ) Theoretiker, die keine Marxisten sind.
Durch die Vorstellung der LinearitĂ€t werden grundlegende Begriffe unserer politischen Orientierung impliziert. So gilt als fortschrittlich oder progressiv, wer auf diesem (eindimensionalen!) Weg vorangeht, also den geschichtlichen Prozess gewissermaĂen beschleunigt. Als konservativ in diesem Sinn gilt hingegen, wer den linearen Bewegungsablauf bremsen oder anhalten will, als reaktionĂ€r, wer ihn umkehren, also rĂŒckwĂ€rts gehen, will. Zu beachten ist, dass diese Begrifflichkeiten zum Aneinandervorbeireden fĂŒhren, wenn der GesprĂ€chspartner das Axiom einer linearen geschichtlichen VerĂ€nderung gar nicht akzeptiert, oder wenn er sie in eine andere Richtung verlaufen sieht.
Siehe Hauptartikel: technischer Fortschritt
Der Kulturoptimismus unterstellt, dass VerĂ€nderung im Regelfall eine Verbesserung ist. Daraus resultiert eine positive Bewertung des "Neuen" sowie eine negative Bewertung des "Alten", also "Ăberholten". Entsprechend diesem Denken wird unsere heutige Zivilisation als besser als frĂŒhere bewertet und es wird angenommen, dass zukĂŒnftige Zivilisationen besser als unsere heutige sind.
Das Fortschrittsdenken beinhaltet oft auch die Vorstellung, "Utopien" (griech. ou tópos = kein Ort, Nirgendwo), etwa gesellschaftspolitischer Art, verwirklichen zu können. Noch nie Dagewesenes erscheint dem Kulturoptimisten als grundsÀtzlich erreichbar, ja geradezu als Inhalt des politischen Denkens.
Teleologie (altgr. ÏÎÎ»ÎżÏ tĂ©los ,Zweck, Ziel, Endeâ und λÏÎłÎżÏ lĂłgos ,Lehreâ) ist die Lehre, dass Handlungen Entwicklungsprozesse an Zwecken orientiert sind und durchgĂ€ngig zweckmĂ€Ăig ablaufen.
Der Glaube an ein Endziel der geschichtlichen VerÀnderungen ist sehr alt und beruht in unserem Kulturkreis auf alten biblischen Vorstellungen. Die Vorstellungen, wie dieses Endziel aussehen werde (deskriptiv) oder auszusehen habe (normativ) gehen weit auseinander. Gleichwohl ist ein vom Ende her gedachter Zweck eine verbreitete Vorstellung. Religiös gibt es den Glauben an ein "Drittes Reich" (nach dem ersten bis Jesus Christus und dem zweiten danach), das ewig ("tausendjÀhrig") besteht. Adolf Hitler griff diese mythischen Vorstellungen auf und machte sie sich zunutze, indem er suggerierte, das von ihm geplante bzw. begonnene Reich sei ein Endziel und verfolge Endzwecke.
Auch der Kommunismus hat, auch unter dem Einfluss von Hegel, eine solche teleologische Vorstellung. Die klassenlose Gesellschaft der marxistischen Theorie, die letztendlich auch den Staat absterben lĂ€sst, ist eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen BedĂŒrfnissen leben kann. Wann dies zu erreichen ist und ob das gewissermaĂen automatisch kommt, oder ob es durch Handlungen (Klassenkampf) herbeigefĂŒhrt werden muss, darĂŒber sind sich die verschiedenen Fraktionen marxistischer Weltanschauung uneinig.
Nicht immer ist mit dem Fortschrittsdenken ein teleologisches Konzept verbunden: Fortschritt kann auch ohne bestimmtes Ende, also ergebnisoffen, gedacht werden.
HĂ€ufig ist mit dem Fortschrittsdenken die Vorstellung verbunden, dass der Lauf der Geschichte im Prinzip bereits feststehe. Wir könnten dann diesen Lauf entweder gar nicht oder nur geringfĂŒgig oder allenfalls im Tempo des Ablaufs beeinflussen. Das heute sehr verbreitete Wort von der Entwicklung kommt aus dieser Vorstellung: Danach ist der Ablauf der Geschichte bereits vorher z.B. von Gott "aufgewickelt" worden. Diese bereits aufgewickelte Geschichte entwickelt sich jetzt. Wir können den Faden der Geschichte also nicht Ă€ndern. Wir können allenfalls etwas bremsen oder beschleunigen, was bereits unter dem Punkt LinearitĂ€t beschrieben wurde. In einer religiös neutraleren Form wird nicht von Gott, sondern von der "Vorsehung" gesprochen, also einer wie auch immer gedachten Institution, die den Lauf vorhersieht und - das steckt zwar nicht im Wort, aber in der ĂŒblichen Anwendung des Wortes - Entscheidungen so trifft, dass die Entwicklung planmĂ€Ăig ablaufen kann.
Wo Philosophen, die dem Fortschrittsdenken verpflichtet sind, Vorhersagen fĂŒr die Zukunft machen, sind diese als Extrapolationen aus der Vergangenheit gedacht. So beschreibt Karl Marx mit "ehernen Gesetzen" der Geschichte nicht etwa eine Wiederholung oder ein Gleichbleiben des aus der Vergangenheit Bekannten, sondern eine Weiterentwicklung, deren Zielrichtung sich aber aus der Vergangenheit ermitteln lasse.
Dem Kulturoptimismus des (stĂ€ndigen) Fortschritts der Menschheitszivilisation steht der Kulturpessimismus derer gegenĂŒber, die einen stĂ€ndigen Abstieg von einem als gut oder paradiesisch empfundenen Urzustand zu erkennen glauben. Kulturpessimisten gibt es aus christlicher Sicht (siehe Paradies) ebenso wie aus einer Hochachtung des "edlen Wilden" ("bon sauvage") im Gegensatz zum verderbten zivilisierten Menschen. "ZurĂŒck zur Natur" ist einer der Schlachtrufe. Auch Bewunderer der Antike wie der dem Faschismus nahestehende Kulturphilosoph Julius Evola (Buchtitel "Inmitten von Ruinen", womit die antiken Ruinen gemeint sind) zĂ€hlen zu denen, die im "ZurĂŒck!" eine moralische Verbesserung der Menschheit erhoffen (siehe auch Dekadenz; Goldenes Zeitalter).
Eine andere geschichtsphilosophische Sicht glaubt, dass die VerhĂ€ltnisse - zumindest mit einiger Abstraktion - immer gleich bleiben. Daraus folgt, dass die Vertreter dieser Sichtweise davon ĂŒberzeugt sind, dass man aus der Geschichte empirisch allgemeine Gesetze ableiten kann, die zeitlos gĂŒltig sind. Einer der bekanntesten Denker dieser Richtung ist NiccolĂČ Machiavelli. Viele empirische Sozialwissenschaftler gehen davon aus, dass zumindest Teile der untersuchten sozialen Strukturen und ihrer GesetzmĂ€Ăigkeiten auch fĂŒr die Zukunft erhalten, also konstant, bleiben.
Wiederum eine andere geschichtsphilosophische Vorstellung ist die vor allem in östlichen, d.h. von Indien beeinflussten, LÀndern vorherrschende Vorstellung, Geschichte laufe zyklisch ab. Nach dieser Vorstellung gibt es weder Fortschritt zum Guten noch ein Abgleiten ins Schlechte, aber auch keinen Stillstand, sondern eine kreisartige Bewegung. Geschichte verÀndert sich stÀndig, kommt aber wieder da heraus, wo sie begonnen hat.
Aus ErwĂ€gungen der Systemtheorie stammt der Begriff der Globalen Beschleunigungskrise, der von dem Physiker Peter Kafka geprĂ€gt wurde. Danach fĂŒhrt ein sich beschleunigender Fortschritt mit sehr schnellem und global vereinheitlichtem Strukturwandel zwangslĂ€ufig in eine instabile Gesamtlage der menschlichen Zivilisation und der menschenfreundlichen BiosphĂ€re. Diese Sichtweise ist jedoch nicht kulturpessimistisch, weil die Krise nicht als unausweichlicher Niedergang und Untergang verstanden wird, sondern als ein singulĂ€rer Wendepunkt in der Geschichte des Fortschritts, an dem die "AnfĂŒhrer" der Evolution - die Menschheit - wahrscheinlich zu einer zukunftstauglicheren Neuorientierung in den Leitideen ihrer Zivilisation finden.