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Freikörperkultur

Die Freikörperkultur (FKK; auch Nacktkultur, Naturismus, Nudismus; fĂŒr Unterschiede siehe unten) bezeichnet die gemeinschaftliche Nacktheit, meistens in der Natur. Anliegen dabei ist die Freude am Erlebnis der Natur oder auch am Nacktsein selbst, ohne sie als Ausdruck der SexualitĂ€t zu sehen. Nacktbaden auf Formentera

Inhaltsverzeichnis

Begriff und Abgrenzung

Freikörperkultur, Nudismus und Naturismus

Nacktsport: Teil der Freikörperkultur

Die AnhĂ€nger dieser Kultur heißen traditionell Naturisten, FKKler oder Nudisten (lat. nudus „nackt“). Seit der weitgehenden Enttabuisierung der öffentlichen Nacktheit – in der Bundesrepublik Deutschland ungefĂ€hr seit den 1970er Jahren â€“ wird auf einen besonderen Begriff fĂŒr nackte Menschen zunehmend verzichtet.

Der Begriff Freikörperkultur umfasst im deutschsprachigen Raum heute verschiedene AusprĂ€gungen. Viele AnhĂ€nger beschrĂ€nken sich mit der AusĂŒbung auf Vereine, CampingplĂ€tze oder extra gekennzeichnete StrĂ€nde. Der Naturismus ist ein Lebensstil, der weitere Ziele miteinschließt, z.B. Wandern, Radeln, Sport, Kanufahren in unbegrenzter Natur, was gegenseitige Toleranz und RĂŒcksichtnahme voraussetzt und mit ökologischem Engagement verbunden wird. In diesem Sinne steht der Naturismus in der Tradition der Lebensreform, auch wenn ihm deren asketische Tendenz (Verzicht auf Alkohol und Nikotin, Vegetarismus, Freiwirtschaft usw.) heute meist abgeht. Da das Wort 'Nudismus' von nudus = nackt aus dem Lateinischen kommt, ist das nur ein Fremdwort fĂŒr Freikörperkultur, was in allen Sprachen, die auch das lateinische Wort benutzen, zum Ausdruck kommt, z. B. engl. Nudism oder franz. Nudisme. Nudismus ist also keine Unterart von Freikörperkultur, sondern gleichbedeutend.

Der Verwendung des Begriffs „FKK“ in pornografischen ZusammenhĂ€ngen hat dazu gefĂŒhrt, dass der Begriff des Naturismus auch in Deutschland den Begriff „FKK“ Einzug findet, weil viele „FKK“ nur fĂŒr die Nacktheit innerhalb von Vereinen, Clubs oder eben auch fĂ€lschlicherweise fĂŒr Swingerclubs u.Ă€. benutzen. Außerhalb des deutschen Sprachraums werden die Begriffe Nudismus fĂŒr Nacktkultur allgemein und Naturismus fĂŒr den erweiterten Lebensstil verwendet. In vielen LĂ€ndern Europas hat man wohl durch die vielen deutschsprachigen Touristen auch das deutsche Fremdwort „FKK“ ĂŒbernommen. Im englischen Sprachraum wird hĂ€ufig die Bezeichnung „clothing optional“ (dt. „Kleidung optional“) verwendet, um zu verdeutlichen, dass Nacktheit toleriert beziehungsweise explizit erlaubt ist.

Der FKK-Strand als etablierter Ort des Naturismus

Die Bezeichnung Freikörperkultur ist erweitert aus Körperkultur, worunter Anfang des 20. Jahrhunderts die Hinwendung zum Körperlichen durch Sport, Wandern und andere Freizeitgestaltung in der Natur verstanden wurde. Dies galt als Gegenbewegung zu einem als „muffig“ empfundenen BĂŒrgertum und einer beengten, stĂ€dtischen Lebens- und Wohnsituation mit wenig Luft und Licht. Diese Bewegung mit bequemer und gesunder Kleidung vollzog dann zum Teil den Schritt zur Nacktheit und wĂ€hlte den Zusatz frei- zum Hauptbegriff Körperkultur. Der Begriff Freikörperkultur trat dann zunehmend an die Stelle des zunĂ€chst bevorzugten Begriffs „Nacktkultur“, der auf starke Tabuschranken stieß. Der Ausdruck FKK hat als Synonym fĂŒr nackt auch sonst in viele Wortschöpfungen Eingang gefunden, zum Beispiel in FKK-Baden fĂŒr Nacktbaden, FKK machen (oder 
 treiben) fĂŒr Nacktsein generell.

Auch im 21. Jahrhundert werden in Deutschland öffentliche Badestellen, die zum Nacktbaden vorgesehen sind, als „FKK-Strand“ oder „FKK-Badestelle“ bezeichnet, obwohl viele dort badende GĂ€ste keine besondere Kulturbewegung mit dem Baden ohne Bekleidung verbinden und vor allem deshalb nackt baden, weil sie Badekleidung schlicht als ĂŒberflĂŒssig und unpraktisch ansehen.

Dem SelbstverstĂ€ndnis der AnhĂ€nger einer nackten Lebensweise ist FKK- bzw. Naturismus folgendermaßen definiert:

„Sie [diese Lebensweise] kommt zum Ausdruck in der gemeinschaftlichen Nacktheit, verbunden mit Selbstachtung, sowie Respektierung der Andersdenkenden und der Umwelt. Gemeinschaftliche Nacktheit ist ein essentielles Kennzeichen des Naturismus, der die Naturelemente Sonne, Luft und Wasser völlig auswertet. Der Naturismus stellt das physische und psychische Gleichgewicht wieder her, indem er Erholung in einer natĂŒrlichen Umgebung bringt, durch Bewegung und Respekt fĂŒr die Grundprinzipien von Gesundheits- und ErnĂ€hrungslehre. Der Naturismus fördert viele AktivitĂ€ten, die die KreativitĂ€t entwickeln. Völlige Nacktheit ist der geeignetste ‚Anzug‘, um eine RĂŒckkehr zur Natur zu verwirklichen und ist mit Sicherheit der sichtbarste Aspekt des Naturismus, auch wenn sie nicht der einzige ist. Sie hat eine ausgleichende Wirkung auf Menschen, indem sie sie von Spannungen befreit, die durch Tabus und Provokationen der heutigen Gesellschaft verursacht sind, und den Weg zu einer einfacheren, gesunderen und menschlicheren Lebensweise zeigt.“

– Definition der Internationale Naturisten Föderation (INF-FNI) vom Weltkongress Cap d’Agde, 1974

Abgrenzung zum Exhibitionismus

Der Begriff Nudisten wird zuweilen abwertend gebraucht und ihr Nacktsein in die NĂ€he von Exhibitionismus gerĂŒckt. Jedoch lĂ€sst sich auch eine klare Trennung ziehen: Der Exhibitionismus, zumindest im klinisch-pathologischen Sinne, besteht in der Lust an den schockierten Reaktionen anderer Menschen. Gerade im klassischen FKK-Kontext ist mit solchen Reaktionen nicht zu rechnen. Der Nudismus dringt jedoch zunehmend auch in die normale Öffentlichkeit vor, auch hier steht aber vielmehr die Lust am Nacktsein im Vordergrund.

Oft wird der Begriff Exhibitionismus allerdings auch in einem breiteren und allgemeineren Sinne als „Lust am Zeigen“ verwendet. Hier ist eine Überlappung, gerade mit neueren Formen des Nudismus, durchaus möglich. (siehe Freikörperkultur in der Gegenwart)

Geschichte

AnfÀnge im 18. Jahrhundert

In weiten Teilen Mitteleuropas badeten die Menschen bis ins 18. Jahrhundert hinein in FlĂŒssen und Seen nackt, wenn auch oft nach Geschlechtern getrennt. Erst im spĂ€ten 18. Jahrhundert begann hier die wirksame Tabuisierung der öffentlichen Nacktheit, die im dĂŒnner besiedelten Skandinavien nie durchgesetzt wurde. Parallel dazu propagierte und praktizierte Lord Monboddo (1714–1779) bereits im 18. Jahrhundert das Nacktbaden als Wiedererwachen der altgriechischen Nacktkultur. Es fand literarische ErwĂ€hnung in Georg Christoph Lichtenbergs (1742–1799) Buch Das Luftbad. Die bei weitem umfangreichste Sammlung zur historischen und aktuellen Situation der Freikörperkultur, die „Internationale FKK-Bibliothek“ (ehemals Sammlung Damm – Baunatal), befindet sich im NiedersĂ€chsischen Institut fĂŒr Sportgeschichte in Hannover.

„Nacktkultur“ und Lebensreform-Bewegung bis zum Ersten Weltkrieg

Religiös begrĂŒndeter Nudistenprotest von Duchoborzen-Extremisten (Sons of Freedom) in Langham (Saskatchewan, Kanada; kurz nach 1900)

1898 entstand in Essen der erste FKK-Verein. Um 1900 kam das Schwedisch-Baden im Raum Berlin und an Nord- und Ostsee immer mehr auf. Wenige Jahre zuvor war vielerorts ein gemeinsames Baden in der Öffentlichkeit – selbst in zeitgemĂ€ĂŸ umfĂ€nglicher Badebekleidung â€“ offiziell verboten oder galt als unmoralisch. Ebenfalls um 1900 begann die naturistische Bewegung in Frankreich.

Hinter der Freikörperkulturbewegung stand – jedenfalls in Deutschland â€“ eine Lebenseinstellung, nach welcher der nackte Körper kein Grund fĂŒr SchamgefĂŒhle ist. Die Nacktheit der FKK sollte nicht das BedĂŒrfnis nach SexualitĂ€t ansprechen. In diesem Sinne gehört die Nacktheit unter der Dusche oder in der Sauna auch nicht zur Freikörperkultur, da sie hier praktisch notwendig ist. Sie setzte hier auch frĂŒher schon keinen besonderen Gruppenkonsens voraus und erforderte deswegen keine reservierten Zonen, wie etwa abgetrennte StrĂ€nde oder VereinsgelĂ€nde.

Noch lange Zeit nach der politischen Liberalisierung versuchten konservative Kreise das besonders unter urbanen Intellektuellen zunehmend populĂ€re Nacktbaden als Sittenverfall zu bekĂ€mpfen. Als Gegenbewegung dazu formierten sich vor allem in Preußen, das traditionell toleranter war als andere LĂ€nder des Deutschen Reiches, lebensreformerische und naturistische Nacktkultur (FKK)-Vereinigungen, von denen es bereits 1913 ĂŒber 50 gab. Der hohe ideologische Anspruch dieser Vereine zeigt sich in Namen wie „Die neue Zeit“ u. Ă€.

Die frĂŒhen Protagonisten der FKK hatten unterschiedliche politische Ausrichtungen. Man wollte – pointiert formuliert â€“ mit der Nacktheit entweder die Gleichheit aller Menschen erreichen oder aber die RĂŒckkehr zu den abgehĂ€rteten, nackten Germanen, von denen der römische Schriftsteller Tacitus in seiner Germania berichtet. Wirklich ideologiefreie FKK-Vereine, die das Nacktsein einfach als die angenehmere und intensivere Art des Naturerlebnisses betrachtet hĂ€tten, gab es zu dieser Zeit kaum. Die AnhĂ€nger von FKK hatten zumeist einen evangelischen Hintergrund[1] und bezogen in FKK auch verschiedene ErnĂ€hrungslehren wie Rohkost oder Vegetarismus wie unterschiedliche esoterische Lehren wie die Mazdaznanlehre und die Neugeist-Bewegung mit ein. Es sind eher linke wie auch dezidiert antisemitisch bzw. völkisch ausgerichtete Varianten bekannt, so letzteres bei der Runengymnastik in enger Beziehung zur Ariosophie. Die anfĂ€ngliche starke politische Pluralisierung trug dabei auch zur breiten Verbreitung wie zur heutigen Anerkennung als ideologiefreiem FreizeitvergnĂŒgen bei.[2]

Die grĂ¶ĂŸte europĂ€ische Sammlung zur Geschichte der FKK (ehemals Sammlung Damm – Baunatal) befindet sich im NiedersĂ€chsisches Institut fĂŒr Sportgeschichte (NISH) in Hannover und ist nach vorheriger Anmeldung zugĂ€nglich.

Bekannte Persönlichkeiten, die zu jener Zeit als „FKK-Pioniere“ zur Entstehung und Verbreitung des Naturismus beitrugen, sind unter anderen:

  • Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913), Maler und FKK-VorkĂ€mpfer
  • August Engelhardt (1875-1919), Aussteiger und Naturprediger, grĂŒndete in Neuguinea einen nudistischen „Sonnenorden“
  • Adolf Koch (1896–1970), Arzt und Sozialist
  • Heinrich Pudor (1865–1943), FrĂŒher Propagandist der Nacktkultur, völkisch-nationaler Publizist
  • Arnold Rikli (1823–1906), Schweizer Naturheiler, neuzeitlicher BegrĂŒnder des Naturismus
  • Herbert Rittlinger (1909–1978), Weltreisender und Schriftsteller, der u. a. in seinen BĂŒchern die Verbindung von FKK und Kanusport schildert
  • Hans SurĂ©n (1885–1972), Autor von FKK-Schriften, wegen seiner NĂ€he zur NS-Ideologie umstritten
  • Richard Ungewitter (1869–1958), Buchautor und erster Organisator der FKK-Bewegung

Der Naturismus in der Weimarer Republik und dem Dritten Reich

Nachdem 1920 in Deutschland der erste offizielle Nacktbade-Strand auf Sylt entstand, wurde das Nacktbaden außerhalb geschlossener VereinsgelĂ€nde ab 1931 wieder generell verboten und die FKK-Vereine nach 1932 entweder aufgelöst oder als SportverbĂ€nde in nationalsozialistische Organisationen, wie dem Bund fĂŒr Leibeszucht, integriert. Am Ende der Weimarer Republik hatten die FKK-Vereine ca. 100.000 Mitglieder.[3]

Generell machte der Naturismus in den 1930er Jahren jedoch Fortschritte: Es entstand das „Lichtschulheim LĂŒneburger Land“ (LLL) in GlĂŒsingen (LĂŒneburger Heide). Die erste Doktorarbeit ĂŒber die FKK-Bewegung wurde geschrieben. Am 5. Mai 1931 wurde in Leipzig das erste öffentliche FKK-Schwimmfest durchgefĂŒhrt, Anfang August 1939 fanden in Thielle (heutige Gemeinde La TĂšne, Schweiz) die 1. Naturistischen „Olympischen Spiele“ statt, und in Elysian Fields (Kalifornien) wurde die erste beurkundete Naturisten-Hochzeit gefeiert. In Deutschland wurde das Verbot des Nacktbadens per Reichsverordnung vom 10. Juli 1942 gelockert, indem das Nacktbaden abseits von Unbeteiligten gestattet wurde. Es gab im Dritten Reich jedoch auch eine „rassistische Nacktkultur“, deren bekanntester Vertreter Hans SurĂ©n war und die die nationalsozialistischen Körperideale verherrlichte.[4]

FKK in der DDR

FKK-Strand an der Buxine zwischen Golzow und Joachimsthal (1983) Nacktbereich des Strandbads MĂŒggelsee in Ostberlin (1989)

In der DDR war das Nacktbaden an offenen Badeseen und GewĂ€ssern (beispielsweise der Ostsee) seit den 1970er Jahren altersunabhĂ€ngig weit verbreitet. An GewĂ€ssern, an denen das Baden offiziell gar nicht erlaubt war (Kiesgruben u. Ă€.), wurde vielfach nackt gebadet, an offiziellen Badeseen gab es hĂ€ufig FKK-Bereiche. An der Ostsee gab es in den meisten Badeorten Strandabschnitte, die fĂŒr FKK ausgewiesen waren. HĂ€ufig lagen diese links und rechts des textilen Abschnitts an der jeweiligen Hauptpromenade. Generell herrschte in der DDR, zumindest ab den 1970er Jahren, eine weitaus grĂ¶ĂŸere Toleranz gegenĂŒber öffentlicher Nacktheit als in der Bundesrepublik.

FKK-Verbotsschild am Strand von WarnemĂŒnde (August 1953)

Der Beginn des Naturismus in der DDR lag in den frĂŒhen 1950er Jahren in Ahrenshoop. In dem Badeort an der Ostsee entstanden Bereiche, in denen KĂŒnstler und Intellektuelle erstmals das Nacktbaden einfĂŒhrten. Die Region war ein Badeort der gesellschaftlichen Avantgarde der DDR, ein Urlaubsort fĂŒr zahlreiche Schriftsteller, Schauspieler und Politiker. Es kam in den folgenden Jahren zu Konflikten zwischen bekleideten und unbekleideten BadegĂ€sten, bis die Gemeindeverwaltung Ahrenshoop im Mai 1954 das Nacktbaden verbot. Aus dieser Zeit stammt auch die spĂ€ter bekanntgewordene Anekdote, wonach der Kulturminister Johannes R. Becher eine nacktbadende Frau mit den Worten: „SchĂ€men Sie sich nicht, Sie alte Sau?“ anschrie. Es handelte sich dabei um Anna Seghers, die er nicht erkannt hatte. Als Becher ihr wenige Wochen spĂ€ter den Nationalpreis erster Klasse mit den Worten „Meine liebe Anna“ ĂŒberreichte, erwiderte Seghers fĂŒr alle deutlich hörbar: „FĂŒr dich immer noch die alte Sau.‘“[5]

Mit dem Verbot des Nacktbadens regte sich bald Unmut innerhalb der FKK-AnhĂ€ngerschaft, die auf eine erneute Legalisierung des Nacktbadens drĂ€ngten. Unter anderem setzten sich Rudolf Bernstein, Chef des Progress Film-Verleihs sowie Werner Otto, Dramaturg an der Komischen Oper Berlin fĂŒr das Nacktbaden ein. Das Nacktbaden wurde daraufhin in Ahrenshoop wieder erlaubt, blieb jedoch auf diese Region beschrĂ€nkt. In anderen Teilen des Landes ging die StaatsfĂŒhrung weiterhin gegen Nacktbader vor. Zum Teil kam es zu eskalierenden Konflikten, wobei (vermeintlich) feindselige, bekleidete BadegĂ€ste zwangsentkleidet oder an BĂ€ume gefesselt und beschimpft wurden. Auch kam es zu wilden und ausschreitenden Strandfesten, die sich zunehmend verbreiteten. Als Der Spiegel im September 1954 ĂŒber die ostdeutsche Nudistenszene und die Konflikte berichtete,[6] sah die StaatsfĂŒhrung ihren internationalen Ruf gefĂ€hrdet und verhĂ€ngte ein vollstĂ€ndiges Nacktbadeverbot an der gesamten OstseekĂŒste. Auf diesen Entscheid regte sich nunmehr noch grĂ¶ĂŸerer Widerstand, zahlreiche Eingaben (Forderungsschreiben an politische FĂŒhrung der DDR, vgl. auch Petition), Protestbriefe und öffentliche Aufrufe folgten, bis die DDR-FĂŒhrung das Verbot 1956 wieder zurĂŒcknahm. Es folgte die „Anordnung zur Regelung des Freibadwesens“, wonach „ein Baden ohne Schwimmbekleidung an Orten, zu denen jedermann Zutritt hat, dann gestattet sei, wenn diese Orte als ausdrĂŒcklich dafĂŒr von den zustĂ€ndigen örtlichen RĂ€ten freigegeben und entsprechend gekennzeichnet sind.“ Das öffentliche Nacktbaden hatte nun in dafĂŒr ausgewiesenen Zonen volle LegalitĂ€t und entwickelte sich spĂ€testens mit der zunehmenden Liberalisierung der Gesellschaft ab den 1970er Jahren zur Massenbewegung.[7]

Nachkriegszeit bis 1980

1953 wurde in Hannover unter dem Einfluss der Jugendbewegung die fkk-jugend gegrĂŒndet. Ihr ursprĂŒnglicher, vollstĂ€ndiger Name „fkk-jugend â€“ Bund der Lichtscharen“ zeigt die fortdauernde ideologische Orientierung der deutschen FKK-Bewegung in den 1950er Jahren. Allerdings nahm die Tabuisierung des Nacktseins ab, nachdem um 1950 die ersten FKK-Urlaubsanlagen entstanden (1949/50 Centre-HĂ©lio-Marin in Montalivet-les-Bains, SĂŒdfrankreich).

Ab Mitte der 1960er Jahre kam es zu einem starken Aufschwung des Naturismus, die Mitgliederzahlen der Vereine nahmen sprunghaft zu. Besondere PopularitĂ€t erlangte durch ausgiebige Berichterstattung in den Medien der Nacktbadestrand bei Kampen auf Sylt; die FKK-StrĂ€nde und -Anlagen in Jugoslawien (heute Kroatien), Frankreich und an der OstseekĂŒste wurden zu beliebten Urlaubszielen. Der Aufschwung der FKK-Bewegung ging zeitlich mit der gesellschaftlichen Liberalisierung der 68er-Bewegung einher. Seit Ende der 1960er Jahre ist die Nacktheit ein selbstverstĂ€ndliches Ausdrucksmittel etwa des Theaters und der Aktionskunst. Diese kulturelle Entwicklung kann als Teil der FKK-Bewegung bezeichnet werden.

Entwicklung seit etwa 1980

FKK-Strand in Leucate, Frankreich Ab dem Jahr 1979/80 sorgten die „Nackerten“ vom Englischen Garten in MĂŒnchen fĂŒr Aufsehen. Immer öfter nutzten in den Sommermonaten MĂŒnchner aller Altersgruppen den zentral gelegenen Ort, um nackt zu sonnen oder im Eisbach zu schwimmen. Nach kurzen und eher halbherzigen Versuchen der MĂŒnchner Stadtverwaltung und Polizei, den spontanen Naturismus zu unterbinden, wurde das Nacktbaden in zwei recht großen Bereichen des Englischen Gartens offiziell erlaubt. Der Englische Garten wurde damit zum weltweit ersten frei zugĂ€nglichen (und auch nicht durch Sichtschutz abgegrenzten) innerstĂ€dtischen Nacktbadegebiet. Es folgten Ă€hnliche Bereiche an Berliner Seen (Badewiese Halensee) und eine starke Zunahme inoffizieller, aber geduldeter Nacktbademöglichkeiten an Seen, StrĂ€nden und FlĂŒssen. Auch die spontane Nacktheit etwa auf Rockkonzerten und Festivals (Roskilde, Burning Man, Nambassa u. a.) nahm zu. Zur gleichen Zeit nahm auch in der DDR das Nacktbaden weiter zu und fand teilweise allgemeine Verbreitung. Mehrere Reiseanbieter gingen dazu ĂŒber, ihre FKK-Angebote nicht mehr separat zu prĂ€sentieren, sondern sie in ihre allgemeinen Kataloge zu integrieren; Ă€hnlich verfuhren die Verleger von CampingfĂŒhrern.

Parallel mit dieser weitgehenden Enttabuisierung wurde es fĂŒr FKK-Vereine immer schwieriger, Mitglieder zu werben. Die Möglichkeit zur gemeinschaftlichen Nacktheit reichte als einziger oder auch nur primĂ€rer Vereinszweck immer weniger aus. Die Zahl der FKK-Vereinsmitglieder sank von etwa 150.000 Anfang der siebziger Jahre auf etwa 60.000 Ende der Neunziger.[8]

Gegenwart

Nackt auf einem Straßenfest

Nacktheit auf dem Burning Man-Festival Die PrĂ€senz von Nacktheit hat in den Medien seit den 1960er-Jahren stark zugenommen, nackte Menschen sind zu einem Bestandteil der Medien geworden. FĂŒr viele Menschen ist Nacktheit am Strand inzwischen kein Problem, wĂ€hrend die Zahl der in Vereinen organisierten Naturisten zurĂŒckgeht. Laut Kurt Fischer, PrĂ€sident des Deutschen Verbandes fĂŒr Freikörperkultur (DFK), haben die Vereine 45.000 Mitglieder, jedoch zĂ€hlen zirka sieben Millionen Deutsche zu den AnhĂ€ngern des nackten Badens.[9][10]

In neuester Zeit gibt es seitens Gruppen von Nackt-Aktivisten, so genannten Nacktivisten, Bestrebungen, möglichst in jeder Lebenslage nacktiv zu sein und die ZulĂ€ssigkeit des Nacktseins auch auf den gesamten öffentlichen Raum auszudehnen. Die Erwartung an ihre Umgebung sind dabei hoch: „Nur sehr wenige stören sich an uns – und die, die es tun, mĂŒssen eher was an ihrer Einstellung Ă€ndern“.[11] Zunehmend werden ĂŒber Internet-Foren NacktivitĂ€ten organisiert wie Nacktwander- und Nacktradeltouren, Nacktrudern oder Nacktreiten. Im Jahr 2009 wurde in Braunlage im Harz der erste „Nacktrodelwettbewerb“ ausgetragen[12] und 2010 wiederholt. Wie bei vielen Ă€hnlichen AnlĂ€ssen ging es dabei jedoch vorwiegend um eine Werbekampagne eines privaten Radiosenders. Nacktparties sind ein aktueller Trend bei US-amerikanischen Studenten, laut der New York Times sei „es sehr hip geworden, dort hin zu gehen“.[13]

Weitere vereinzelte Äußerungen wurden auch schon als „neuer Lifestyletrend“ missverstanden; Shakira gab sich als FKK-AnhĂ€nger[14] und Gwyneth Paltrow betreibe Nacktjoga.[15]

Dem vorhandenen BedĂŒrfnis nach Nacktheit wird jedoch auch kommerziell begegnet: So wurden von einem Reiseveranstalter im Jahr 2008 Flugreisen angekĂŒndigt, auf denen man sich im Flugzeug nackt aufhalten könnte.[16] Letztlich wurde dieses Angebot trotz großer Resonanz jedoch zurĂŒckgezogen.[17] Im selben Jahr wurde in Wernigerode im Harz vom Harzer Verkehrsverband (HVV) ein spezieller Nacktwanderweg in Planung gegeben. Auf diesem soll nacktes Wandern ausdrĂŒcklich erlaubt sein.[18] Der Nacktwanderweg in Dankerode erfĂŒllt alle Kernaussagen der Lebensphilosophie des DFK und wurde aus diesem Grunde in der Verbandszeitschrift „Der Naturist“ in einem halbseitigen, bebilderten Bericht erwĂ€hnt.[19]

Die organisierte FKK-Kultur im Verein ist in den letzten Jahren allerdings stark zurĂŒckgegangen, wobei auch der Nachwuchs ausbleibt. Ein Grund mag darin liegen, dass insgesamt die Anzahl der nackt Badenden stark zugenommen hat und inzwischen verbreitet ist. Die Akzeptanz von Nacktheit in der Öffentlichkeit ist mittlerweile so hoch, dass es keine klare Gegnerschaft mehr gibt.[20]

Street Parade, San Francisco Nacktsein in der Öffentlichkeit wird auch als Protesthaltung bei Demonstrationen eingesetzt (etwa gegen StudiengebĂŒhren, gegen die Globalisierung oder fĂŒr mehr Tierschutz). Jedoch ist hier ein Ă€hnlicher Effekt wie im Theater erkennbar: Das Ausdrucksmittel verliert durch AlltĂ€glichkeit an Kraft. Also muss wieder das Argument oder die schauspielerische Leistung ĂŒberzeugen. Die Nacktheit ist nicht mehr dominantes, sondern nur noch beilĂ€ufiges oder ergĂ€nzendes Ausdrucksmittel.

Nackt-Veranstaltungen

Zahlreiche Veranstaltungen sind in den letzten Jahren entstanden, die öffentliche Nacktheit als zentralen Bestandteil haben oder aber zumindest viele Teilnehmer nackt sind. Meist steht der Spaß und die politische Botschaft im Vordergrund, weniger die Freude am Nacktsein.

World Naked Bike Ride

→ Hauptartikel: World Naked Bike Ride
World Naked Bike Ride in Saragossa

Der World Naked Bike Ride (WNBR) ist gemĂ€ĂŸ Definition auf der Webseite[21] ein internationales Protestevent mit Spaßcharakter gegen den Raumbedarf des Automobilverkehrs und dessen Gefahren. Der WNBR findet seit 2001 regelmĂ€ĂŸig jedes Jahr im Juni statt. Ausgetragen wird der WNBR in zahlreichen StĂ€dten weltweit, wobei der grĂ¶ĂŸte „ride“ in London stattfindet, die GrĂŒndungsstadt ist Saragossa in Spanien.

Dabei wird Wert auf Freiheit und OptionalitĂ€t gelegt. Das Fahrradfahren ist nicht verbindlich, ebenso sind andere nicht-motorisierte Teilnehmer wie Inliner, Skateboarder, FußgĂ€nger willkommen, ebenso ist Nacktheit fĂŒr die Teilnahme nicht verbindlich. Die Botschaft liegt darin, sich frei und uneingeschrĂ€nkt im Strassenraum bewegen zu können, ohne die Rechte anderer einzuschrĂ€nken und so zu einem positiven, urbanen LebensgefĂŒhl beizutragen.[22][23]

Fremont Summer Solstice Parade

→ Hauptartikel: Fremont Solstice Parade

Fremont Summer Solstice Parade in Seattle (2012)

In Seattles Stadtteil Fremont findet jĂ€hrlich zur Sommersonnenwende eine große Nackt-Parade statt, die Teilnehmer bewegen sich hauptsĂ€chlich auf FahrrĂ€dern.

Ähnlich wie beim WNBR stellt die Nacktheit der Teilnehmer ein Element dar, ist jedoch nicht verbindlich. Die Parade ist bekannt fĂŒr das hohe Ausmaß an Körperbemalung; die meisten der Teilnehmer sind mehr oder weniger bemalt. Die Fremont Summer Solstice Parade ist erklĂ€rtermaßen ein Straßenkarneval vergleichbar mit dem Berliner Karneval der Kulturen. Der Spaß sowie der kunstvolle, kreative Ausdruck stehen hier im Vordergrund, wĂ€hrend der politische Anspruch geringer ausgeprĂ€gt ist.

Roskilde Naked Race

Auf dem Musikfestival Roskilde in DĂ€nemark hat sich inzwischen das vom Festival-Radio organisierte, alljĂ€hrliche Naked Race (dĂ€n.: nĂžgenlĂžbet) etabliert.[24] Dabei treten ca. 30 der insgesamt 115.000 Festivalteilnehmer zu einem Nacktlauf an, bei dem die Gewinner ein Ticket fĂŒr das nĂ€chstjĂ€hrige Festival bekommt. Das Rennen hat inzwischen Kultstatus. Das Rennen hat reinen Spaßcharakter, die Gewinnerin des Jahres 2009 beschreibt die Erfahrung mit den Worten: The best thing about being naked is that you transcend boundaries (Das beste am Nacktsein ist seine Grenzen zu transzendieren).[25][26]

Internationaler Naturistenlauf

AlljĂ€hrlich findet am Rosenfelder Strand an der Ostsee das FKK-Familientreffen „Mee(h)r erleben“ statt. Der Höhepunkte dieser Veranstaltung ist der Internationale Naturistenlauf.

Folgende WettkĂ€mpfe werden ausgetragen: 500 Meter-Nachwuchslauf, 5.000 Meter und 10.000 Meter Laufen, sowie 5.000 Meter Walking und Nordic Walking. Der Lauf erfreut sich zunehmender Beliebtheit (Teilnehmerzahlen: im Jahr 2011 – 92 Teilnehmer; im Jahr 2012 – 119 Teilnehmer; im Jahr 2013 – 131 Teilnehmer). Die LĂ€uferinnen und LĂ€ufer kommen aus Deutschland, DĂ€nemark, Schweden, Finnland, Niederlande, Frankreich und sogar aus Indien, Indonesien, Australien, Amerika und der Dominikanischen Republik. Diese Laufveranstaltung ist ein naturistisches Breitensportangebot, deshalb nehmen neben professionellen LĂ€ufern auch viele Freizeitsportler teil. Eines verbindet jedoch alle Starterinnen und Starter, sie laufen ausnahmslos „nackt“. Nur Laufschuhe und -socken, Kopfbedeckung, sowie bei Frauen ein Sport-BH sind erlaubt.

Der Internationale Naturistenlauf wird durch die FKK-VerbĂ€nden INF (Internationalen Naturisten Föderation), DFK (Deutscher Verband fĂŒr Freikörperkultur), FSG (Familien-Sport-Gemeinschaft Nordrhein-Westfalen) und VFN (Verband fĂŒr Familiensport und Naturismus Nord e. V.) unterstĂŒtzt.

Naked Pumpkin Run

→ Hauptartikel: Naked Pumpkin Run

Naked Pumpkin Run 2010

Der Naked Pumpkin Run ist ein alljĂ€hrlich zu Halloween stattfindender Nacktlauf in verschiedenen StĂ€dten der USA. Er wird seit 1998 in mehreren großen StĂ€dten der USA durchgefĂŒhrt. Teilnehmer des Laufes tragen das typische Symbol fĂŒr Halloween, den ausgehöhlten KĂŒrbis, der auch namensgebend fĂŒr die Veranstaltung ist.

Regionale Unterschiede

Deutschland

Der Historikerin Dagmar Herzog zufolge ist die Kultur öffentlicher Nacktheit in Deutschland stĂ€rker ausgeprĂ€gt als in anderen westlichen LĂ€ndern. So war Deutschland Vorreiter der FKK-Bewegung, andere LĂ€nder wie England, Belgien und auch die USA folgten spĂ€ter. Herzog zufolge ist das entspannte deutsche VerhĂ€ltnis zur Nacktheit zurĂŒckfĂŒhrbar „auf den Aufstand der 68er gegen die Heuchelei der 1950er Jahre, ferner die NormalitĂ€t des Nacktbadens in der DDR und der Fitness- und Wellnessboom der 1980er und 1990er Jahre.“[27]

Nach der Wiedervereinigung wurde das Nacktbaden in den neuen BundeslĂ€ndern zurĂŒckgedrĂ€ngt. Besonders an den OstseestrĂ€nden kam es in den 1990er Jahren zu Konflikten um das Nacktbaden, in deren Folge einige Kommunen die FKK-StrĂ€nde wieder verkleinerten.

An einigen Binnenseen in Mecklenburg und anderen Regionen im Osten Deutschlands hat sich die ungezwungene Nacktheit trotzdem weitgehend erhalten. Auch an der Ostsee wurden die Gepflogenheiten zuletzt wieder etwas lockerer. Inzwischen ist es an vielen ehemals textilfreien Orten weitgehend akzeptiert, sowohl bekleidet als auch nackt zu sein. Ausnahme bilden ausgesprochene TextilstrÀnde und von FKK-Vereinen betriebene Strandabschnitte und Seen.

Andere LĂ€nder

In vielen Kulturen der Welt wird Nacktheit in der Öffentlichkeit als anstĂ¶ĂŸig betrachtet und ist â€“ außer in bestimmten ZusammenhĂ€ngen â€“ verboten. Unter dieses Verbot kann auch schon die EntblĂ¶ĂŸung des Oberkörpers bei Frauen fallen. So sorgte ein Streit zwischen der deutschen Ostseegemeinden Ahlbeck sowie dem polnischen SwinemĂŒnde fĂŒr Aufsehen: WĂ€hrend in der DDR Nacktbaden verbreitet war und bis in die Gegenwart an ostdeutschen StrĂ€nden vielfach Textil- und Nacktbader gemischt auftreten, ist in Polen die Freikörperkultur kaum ausgeprĂ€gt. Nachdem im Zuge der EU-Osterweiterung die Grenzbarriere fiel, gerieten hĂ€ufig polnische BadegĂ€ste unvorbereitet unter nackte Menschen, worauf die Polen empört reagierten. Dies fĂŒhrte bis hin zu politischen Verstimmungen zwischen den beiden Gemeinden.[28]

In der UdSSR konnte man wegen Nacktbaden verhaftet werden. Erst Glasnost und Perestroika Mitte der 1980er Jahre erleichterte den Naturisten in Russland nach ihrer Fasson zu leben. Von 1992 bis 1995 gab es einen Boom. Im Jahre 1995 wurde der erste Verein in Moskau offiziell anerkannt und damit legal. 2006 hatte er etwa 200 Mitglieder. Im SilberwĂ€ldchen (ĐĄĐ”Ń€Đ”Đ±Ń€ŃĐœĐŸĐŒ Đ‘ĐŸŃ€Ńƒ, Serebrjany Bor) liegt der bekannteste FKK-Strand bei Moskau. Die Gesamtzahl der offiziellen und erlaubten StrĂ€nde ist ĂŒberschaubar.[29]

In den Vereinigten Staaten gibt es in den warmen Gegenden zahlreiche Urlaubs-PrivatgelĂ€nde, wo das Nacktsein erlaubt oder sogar erforderlich ist. Dagegen wird das Nacktsein an öffentlichen BadestrĂ€nden nahezu ĂŒberall rechtlich untersagt. In San Francisco, einer traditionell sehr liberalen Stadt, sprach sich die Stadtvertretung im November 2012 fĂŒr ein Verbot öffentlicher Nacktheit in der Stadt aus. Diese Entscheidung zog Proteste und Demonstrationen nudistischer BĂŒrger nach sich.[30] Arnd KrĂŒger hat die historische Entwicklung der FKK-Bewegungen in Deutschland und den USA verglichen. [31]

In Frankreich setzt sich die Aktivistengruppe Association pour la promotion du naturisme en libertĂ© (APNEL) dafĂŒr ein, ĂŒberall im öffentlichen Raum nackt sein zu können.

Rechtliche Aspekte öffentlicher Nacktheit

„Der FKK-Strand darf nur bekleidet verlassen werden.“ Schild in Westerdeichstrich.

Deutschland

WĂ€hrend Nacktheit am Strand und Badeseen weitgehend geduldet ist und keine rechtlichen Konsequenzen nach sich zieht, ist Nacktheit außerhalb dieses Kontextes bisher mitunter sanktioniert worden.[11]

In Deutschland ist öffentliche Nacktheit ohne sexuellen Bezug fĂŒr sich nicht strafrechtlich verboten, wird jedoch gelegentlich wegen BelĂ€stigung der Allgemeinheit nach § 118 OWiG als Ordnungswidrigkeit mit Bußgeld belegt.[32]

Internationale Entwicklungen

Öffentlicher Nacktheit wird von Behördenseite mancherorts durch Verbote begegnet. So erließ die Stadt Brattleboro in den Vereinigten Staaten im Jahr 2007 ein Verbot öffentlicher Nacktheit, nachdem Jugendliche immer öfter nackt in der Stadt auftauchten.[33][34]

In der Schweiz hat die Landsgemeinde des Kantons Appenzell Innerrhoden vom 26. April 2009 Artikel 15 des kantonalen Übertretungsstrafrechts dahingehend ergĂ€nzt, dass nun auch ein „öffentlich anstössiges, Sitte oder Anstand verletzendes Verhalten“ als Offizialdelikt bestraft wird. Obwohl nicht ausdrĂŒcklich genannt, wurde diese Bestimmung hauptsĂ€chlich mit Blick auf das Nacktwandern aufgenommen. Es handelt sich dabei aber keineswegs um eine Neu-EinfĂŒhrung eines Verbots sondern um eine ununterbrochene und ansonsten kaum beachtete Praxis in mehreren Kantonen.[35] Das Bundesgericht hat am 17. November 2011 diese Bestimmung als zulĂ€ssig und auf das Nacktwandern anwendbar erklĂ€rt[36] (vgl. dazu auch den Abschnitt „Wandern“ im Artikel „Nacktsport“).

In Polen wird öffentliche Nacktheit, teilweise auch an den öffentlichen StrĂ€nden, von Amts wegen verfolgt, wenn sie von AmtstrĂ€gern vor Ort oder ĂŒber VideoĂŒberwachungssysteme[37] bzw. ortsfeste Geschwindigkeitsmessanlagen[38] festgestellt wird, ohne dass es GeschĂ€digte (belĂ€stigte Personen) gibt. Nach dem polnischen Vergehensgesetzbuch (kodeks wykroczeƄ) kann sie als Ungehörigkeitsvergehen mit Arrest, einer Geldbuße von bis zu 1.500 PLN (ca. 360 €) oder einer RĂŒge geahndet werden.[39] Bei Frauen wird bereits „oben ohne“ als Ungehörigkeit bestraft.

Die in Freiburg im Breisgau ansĂ€ssige BĂŒrgerinitiative Wald-FKK und Ă€hnliche Initiativen in Großbritannien traten fĂŒr die Anerkennung der öffentlichen Nacktheit als BĂŒrgerrecht ein.[40] Das galt fĂŒr die Jahre 1999 bis 2005, wĂ€hrend ab 2007 keine derartige AktivitĂ€t mehr auffindbar ist.

Naturismus als Wirtschaftsfaktor

FKK-Anlage in Leucate, Frankreich

FKK-freundlicher Supermarkt in den Niederlanden

In Deutschland wird der Markt fĂŒr FKK-Ferien auf etwa zehn Millionen Urlauber jĂ€hrlich geschĂ€tzt. FĂŒhrende Reiseziele in diesem Segment sind derzeit Frankreich und Kroatien. Allein in Frankreich gibt es ĂŒber 100 naturistische Feriendörfer und CampingplĂ€tze, der jĂ€hrliche Umsatz erreicht einen dreistelligen Millionenbetrag.

Viele Urlaubsorte und Regionen versuchen sich durch entsprechende Angebote an NacktstrĂ€nden und Resorts hervorzuheben. In Deutschland ist die OstseekĂŒste bekannt fĂŒr FKK-freundliche Urlaubsregionen, in Frankreich haben sich bestimmte Orte wie Leucate oder Cap d'Agde einen solchen Ruf erworben.[41]

DarĂŒber hinaus werden Tourismusangebote speziell fĂŒr Nudisten vermarktet. Das Angebot reicht von CampingplĂ€tzen[42] und Fitnesscentern[43] bis hin zu Segeltörns[44] und Safaritouren.[45] Auch auf einigen großen Kreuzfahrtschiffen wie der AIDAdiva befinden sich gesonderte FKK-Bereiche.[46] Der Kreuzfahrtveranstalter Carnival Cruise Lines stellt einmal jĂ€hrlich das Schiff Carnival Freedom fĂŒr eine einwöchige FKK-Kreuzfahrt in der Karibik zur VerfĂŒgung. Mit zirka 3000 Passagieren ist dies die weltweit grĂ¶ĂŸte Nudistenkreuzfahrt.[47]

Literatur

  • Michael Andritzky, Thomas Rautenberg (Hrsg.): „Wir sind nackt und nennen uns Du“. Von Lichtfreunden und SonnenkĂ€mpfern. Eine Geschichte der Freikörperkultur. Anabas-Verlag, Gießen 1989, ISBN 3-87038-142-6 (Fesselnde Kulturgeschichte der FKK-Bewegung von Kaisers Zeiten bis in die 1970er).
  • Volkmar Ellmauthaler: Nackt. Das Buch. 24 Versuche ĂŒber das NatĂŒrliche. (444 Seiten, 65 Fotos, 7 Graphiken, 83 Literaturhinweise. Sachbuch) – Wien: edition L 2012. ISBN 978-3-902245-07-6.
  • Achim Freudenstein: Jugenderziehung durch Freikörperkultur. Eine Dokumentation. 4. durchgesehene Auflage. Freudenstein, EdermĂŒnde 2005, ISBN 3-932435-17-6, 126 S.
  • Michael Grisko (Hrsg.): Freikörperkultur und Lebenswelt. Studien zur Vor- und FrĂŒhgeschichte der Freikörperkultur in Deutschland. Kassel University Press, Kassel 1999, ISBN 3-933146-06-2.
  • Arnd KrĂŒger: Zwischen Sex und Zuchtwahl. Nudismus und Naturismus in Deutschland und Amerika, in: NORBERT FINZSCH & HERMANN WELLENREUTHER (Hrsg.): Liberalitas: Eine Festschrift fĂŒr Erich Angermann (⇐ Transatlantische Studien Bd. 1). Stuttgart: Steiner. 1992, 343–365, ISBN 3-515-05656-4.
  • Thomas Kupfermann: Sommer, Sonne, Nackedeis. FKK in der DDR. Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-359-01667-0.
  • Maren Möhring: Marmorleiber. Körperbildung in der deutschen Nacktkultur (1890–1930) (= Kölner Historische Abhandlungen. Bd. 42). Böhlau, Köln u. a. 2004, ISBN 3-412-14904-7 (Zugleich: MĂŒnchen, Univ., Diss., 2001: Nackte Marmorleiber und organische Maschinen).
  • Maren Möhring: Nacktheit und Leibeszucht. Die FKK-Praxis im Nationalsozialismus. In: Paula Diehl (Hrsg.): Körper im Nationalsozialismus. Bilder und Praxen. Fink u. a., MĂŒnchen u. a. 2006, ISBN 3-7705-4256-8, S. 211–228.
  • Lutz Thormann: „Schon die Augen der Nation!“ Zum VerhĂ€ltnis von Nacktheit und Öffentlichkeit in der DDR. In: Ulrike HĂ€ußer, Marcus Merkel (Hrsg.): VergnĂŒgen in der DDR. Panama-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-938714-04-1, S. 385–404.
  • Bernd Wedemeyer-Kolwe: „Der neue Mensch“. Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 2004, ISBN 3-8260-2772-8 (Zugleich: Göttingen, Univ., Habil.-Schr., 2002).
  • Interview mit dem Historiker Hans Bergemann ĂŒber die Geschichte der FKK in der Zeitschrift Der Freitag vom 19. Juli 2002 (online).

Weblinks

 Commons: Freikörperkultur â€“ Sammlung von Bildern
 Wikivoyage-Thema: Nudismus â€“ ReisefĂŒhrer
 Wiktionary: Freikörperkultur â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Praktische Informationen

Einzelnachweise

  1. ↑ Der neue Mensch: Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Bernd Wedemeyer-Kolwe Verlag Königshausen & Neumann, 2004, ISBN 3-8260-2772-8, z. B. S. 174.
  2. ↑ Der neue Mensch a. a. O. S. 262 ff.
  3. ↑ Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft
  4. ↑ Barbara Schleicher: {{#invoke:Zitation|TitelFormat|titel=Gesunde BrĂ€une?}} Wiener Zeitung, {{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}, archiviert vom Original am {{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}, abgerufen am {{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}} (deutsch).
  5. ↑ Anna Seghers nackt – und noch mehr Funde – Die Welt
  6. ↑ Der Spiegel: Kamerun an der Ostsee. 37/1954 (8. September 1954), Seite 13
  7. ↑ Aufstand der Nackten: FKK in der DDR. In: EinesTages, Der Spiegel.
  8. ↑ Spiegel Online: Ein Leben lang nackt
  9. ↑ Die Welt 14. Juni 2008
  10. ↑ FKK-PrĂ€sident: Rund sieben Millionen Deutsche verzichten im Urlaub auf Kleidung / 45.000 sind in Vereinen organisiert – maerkischeallgemeine (Version vom 19. Oktober 2008 im Internet Archive)
  11. ↑ a b tz.de: Hilfe, die Nackten kommen – Flitzer, Nacktradler-Touren und bald Nacktruderer, Nudisten haben Saison, abgerufen am 20. MĂ€rz 2014.
  12. ↑ Focus: Erster Nacktrodel-Meister ermittelt
  13. ↑ „Nackt-Partys: Ausziehen statt bĂŒffeln“, Splitterfasernackt mit Kommilitonen tanzen, trinken und quatschen: Nackt-Partys sind der neueste Trend an amerikanischen EliteuniversitĂ€ten. – Stern
  14. ↑ Leben wie Eva im Paradies, Shakira wĂ€re gern immer nackt – RP
  15. ↑ FKK-Lifestyle: Die neuen Nackten. In: Stern.
  16. ↑ Nackt-FlĂŒge: FKK-Abenteuer in luftiger Höhe – Stern
  17. ↑ ReisebĂŒro streicht Nacktflug – Focus
  18. ↑ Harzer Verkehrsverband plant Nacktwanderweg – Der Spiegel
  19. ↑ DFK-Verbandszeitschrift Der Naturist, Jahrgang 15, Nr. 6, Dezember 2009, S. 20.
  20. ↑ Naturisten Ă€rgern sich ĂŒber schamlose Nudisten. In: Stuttgarter Nachrichten.
  21. ↑ Nackte Radfahrer protestieren gegen die Zumutung des Automobilverkehrs
  22. ↑ Naked Bike Ride. In: Wiki
  23. ↑ World Naked Bike Ride
  24. ↑ NĂžgenlĂžbet er slut pĂ„ Roskilde Festival 2010 Jyllands-posten: NĂžgenlĂžbet er slut pĂ„ Roskilde Festival 2010
  25. ↑ Relaxing at Roskilde – Copenhagen Post. Official Festival Site (Version vom 19. Januar 2011 im Internet Archive)
  26. ↑ Skulle bare delta i nakenlĂžpet, SĂ„ ballet det pĂ„ seg med nakenhet. Se 360-bildet fra Roskildes Camp Nude. In: Dagbladet.
  27. ↑ Nacktheit – Ein urtypisch deutsches PhĂ€nomen – Die Welt
  28. ↑ Deutsch-polnischer Strand erhĂ€lt FKK-Warnschilder – Spiegel
  29. ↑ Moskauer NĂ€chte: MillionĂ€re, Miliz und Melancholie, Spiegel.tv, 3. Juni 2006, 1:09:32; 1:23:40.
  30. ↑ San Francisco will keine Nackten mehr – Frankfurter Rundschau
  31. ↑ Arnd KrĂŒger: Zwischen Sex und Zuchtwahl. Nudismus und Naturismus in Deutschland und Amerika, in: Norbert Finzsch, Hermann Wellenreuther (Hrsg.): Liberalitas: Eine Festschrift fĂŒr Erich Angermann (Transatlantische Studien, Bd. 1). Stuttgart: Steiner. 1992, 343–365, ISBN 3-515-05656-4.
  32. ↑ Sunderner skatet nackt im Vogelschutzgebiet.
  33. ↑ Town well-known for nakedness outlaws public nudity. In: Herald Tribune (Version vom 10. Oktober 2007 im Internet Archive)
  34. ↑ Nude visitors test Brattleboro's blind eye policy. In: Telegraph
  35. ↑ Nacktwanderer muss teuer bezahlen, Tages Anzeiger 20. Januar 2011.
  36. ↑ Entscheid 6B 345/2011.
  37. ↑ {{#invoke:Zitation|TitelFormat|titel=Biegali nago po Rynku. Dostali po 500 zƂ mandatu}} In: {{#invoke:Zitation|TitelFormat|titel=onet.pl}} {{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}, abgerufen am {{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}} (polski).
  38. ↑ {{#invoke:Zitation|TitelFormat|titel=Fotoradar zƂapaƂ golasa na rowerze. "TƂumaczyƂ, ĆŒe miaƂ stringi"}} In: {{#invoke:Zitation|TitelFormat|titel=tvn24.pl}} {{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}, abgerufen am {{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}} (polski).
  39. ↑ Kodeks wykroczeƄ – wykroczenia przeciwko obyczajowosci publicznej (Vergehen gegen die öffentlichen Sitten)
  40. ↑ Nackt im GrĂŒnen: Ohne Notfallunterhose im Wald. (Die ursprĂŒngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [[Vorlage:Toter Link/{{#invoke:URLutil|getHost|1=http://www.tagesschau.de/inland/meldung125332.html}}]] → ErlĂ€uterung ARD
  41. ↑ Department Herault – SĂŒdfrankreich-Netz
  42. ↑ FKK-Camping – Der FKK-ReisefĂŒhrer
  43. ↑ Spanish gym launches nudist workout sessions to win back business – The Australian
  44. ↑ FKK-Schiff: Kreuzfahrt fĂŒr Nudisten – HNA
  45. ↑ Warum sind Menschen eigentlich so gern nackt? – Bild
  46. ↑ Ein bisschen Aida fĂŒr alle – Stern
  47. ↑ Nackt im Wind: Auf Seereisen gibt es nicht viel zu gucken, immer nur Meer und Möwen. Auf der Carnival Freedom sieht das anders aus: Willkommen zur grĂ¶ĂŸten Nudistenkreuzfahrt aller Zeiten – SĂŒddeutsche Zeitung
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