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Gandharva (sanskrit, m., à€à€šà„à€à€°à„à€”, gÄndharva, pali gandhabbÄ) ist in den frĂŒhen Schriften der indischen Veden ein mit magischen FĂ€higkeiten begabtes niederes Geistwesen, spĂ€ter ein Halbgott (upa-deva), welcher die Geheimnisse des Himmels und der göttlichen Wahrheit kennt und offenbart. In den einzelnen Textsammlungen besitzen die Gandharvas unterschiedliche FĂ€higkeiten, mit denen sie in der hinduistischen Mythologie ĂŒberliefert sind. Sie gelten als Personifizierungen des Sonnenlichts oder haben die Aufgabe, als dienstbare Geister den Soma, den Trank der Götter, zu bereiten und zu beschĂŒtzen. Nach der buddhistischen Tradition zĂ€hlen sie zu den Göttern (devas). In den auf Sanskrit verfassten klassischen Epen kommen Gandharvas (anderer Plural Gandharven) in gröĂeren Gruppen zusammen mit ihren weiblichen GefĂ€hrtinnen, den Apsaras, als Musiker und SĂ€nger vor.
Gandharva bezeichnet in Theorie und praktischer Anleitung auch die altindische Ritualmusik, die besonders dazu geschaffen war, um die himmlischen Götter zu erfreuen. Der (halbmythische) Gelehrte Bharata Muni beschrieb als erster die streng festgelegte Musik einschlieĂlich Tanz und Drama detailliert in dem um die Zeitenwende entstandenen Werk Natyashastra. Diese altindische Musiktheorie Gandharva-Veda enthĂ€lt viele der bis heute gĂŒltigen Grundlagen der klassischen indischen Musik.
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Die Zahl der Gandharvas wird im Atharvaveda an einer Stelle mit 6333 angegeben, das Mahabharata nennt âsiebenmal 6000 Gandharvasâ. In frĂŒhen und spĂ€teren Schriften sind sie Frauen sehr zugetan und besitzen eine magische Macht ĂŒber diese. Die Apsaras erscheinen in einer Gruppe mit den Gandharvas als ihre Gemahlinnen oder Gespielinnen.
Gandharvas kennen sich mit Heilkunde aus, kontrollieren den Göttertrank Soma und helfen, den nĂ€chtlichen Sternenhimmel zu formieren. Im Umfeld des vedischen Gottes Indra, dem Herrn des Himmels, unterhalten die Gandharvas mit Musik die Götter bei den Festlichkeiten. Die Götter sind in ihrer Versammlungshalle von tausenden Gandharvas und Apsaras umgeben, die singen, Instrumente spielen, tanzen und glĂŒckbringende Rituale vollziehen. Wohnsitz der Götter ist der heilige Berg Kailasa, dessen Gipfel in den Klang himmlischer Musik und wohlriechender DĂŒfte eingehĂŒllt ist.
Laut dem Atharvaveda wird die Welt in vier Gebiete eingeteilt, denen in der AufzĂ€hlung die vier Veden entsprechen: 1) Die Erde besteht aus Ozeanen, Bergen und sieben Inseln. 2) Den Luftraum bevölkern Gandharvas, Apsaras und weitere niedere Gottheiten, die Yakshas genannt werden. 3) Im Himmel halten sich alle Götter auf, darunter die Vasus, Rudras (Gefolge von Rudra) und Adityas. 4) Im jenseitigen, höchsten Raum weilt das Prinzip des Brahman.[1] Nach dem Yajurveda kannten die Gandharvas die groĂen Geheimnisse, also die Wohnorte der Götter und die Weltenordnung.
Woher die Gandharvas kamen und wer ihr AnfĂŒhrer ist, darĂŒber gibt es unterschiedliche Angaben. Im Vishnupurana sind sie einmal Nachkommen von Brahma; sie kamen zur Welt, als sie die göttliche Melodie und Rede aufsaugten (gam dhayantah). Anderswo werden sie als Söhne eines himmlischen Weisen (Rishi) namens Kashyapa und seiner Gemahlin Arishta vorgestellt. Im Harivamsa wird Muni, eine andere von Kashyapas Frauen als ihre Mutter genannt, auch sollen sie dort aus der Nase Brahmas gekommen sein. Der SĂ€nger Citraratha, Sohn der Muni, ist AnfĂŒhrer der himmlischen Musiker, die zusammen mit den Apsaras in prachtvoll angelegten StĂ€dten wohnen. Nach dem Padmapurana gibt es 60 Millionen Gandharvas, die auf Vach, die Tochter von Daksha, einer anderen Frau von Kashyapa zurĂŒckgehen[2].
In den vorepischen Texten stehen Gandharvas noch kaum mit Musik in Verbindung und werden wie die Apsaras selten erwÀhnt. In einem Hymnus des Atharvaveda tönt aus den BÀumen Musik, nachdem sich zuvor Apsaras darunter aufgehalten hatten. In derselben Textstelle wird ein Gandharva tanzend zwischen Apsaras erwÀhnt.[3]
Ihre eigentliche Bekanntheit beginnt mit dem Mahabharata. Ein Gandharva-König heiĂt Visvavasu, er ist der Sohn von Danu und soll bei einer Opferzeremonie so schön vina gespielt haben, dass jeder Zuhörer glaubte, er spiele allein fĂŒr ihn. Visvavasus Sohn Citrasena begleitete Arjuna, als sich dieser im Khandava-Wald aufhielt und brachte ihm Tanzen, Singen und das Harfenspiel bei.[4]
Auch der mythische Weise Narada, der Sohn Brahmas und Erfinder des Ă€ltestes Saiteninstruments vina ist ihr AnfĂŒhrer. Narada agiert als Götterbote und trĂ€gt die Beinamen Deva-Gandharva (âgöttlicher Gandharvaâ) oder Gandharva-Raja (âKönig der Gandharvasâ).
Einer der berĂŒhmtesten himmlischen Musiker ist der meist mit einer Bogenharfe abgebildete Pancasikha, der nur in der buddhistischen, aber nicht in der hinduistischen Tradition vorkommt. Pancasikha gehört zu den Begleitern Indras, zwei Jatakas beschreiben, wie Pancasikha, Indra und Matali (Indras Wagenlenker) zusammen in eine Familie wiedergeboren werden.[5] Nach der bekanntesten ErzĂ€hlung wollte einst Indra Buddha besuchen. Indra erhoffte sich von Buddha eine VerlĂ€ngerung seiner zu Ende gehenden Lebensspanne im Himmel, zweifelte aber, ob dieser ihn empfangen wĂŒrde, da Buddha ihn nicht kannte. Also sollte Pancasikha vorauseilen, um den Buddha mit sanfter Musik aus seiner Meditation aufzuwecken und auf den Besuch vorzubereiten. Pancasikha brachte LobgesĂ€nge auf den Buddha, sowie an eine Apsara gerichtete Liebeslieder dar. Ein Steinrelief des 2./3. Jahrhunderts n. Chr. aus Nagarjunakonda (Insel im Nagarjuna-Stausee in Andhra Pradesh) zeigt wie viele Ă€hnliche Abbildungen diese Szene. Indra, der an einer hohen zylindrischen Kopfbedeckung zu erkennen ist, steht rechts, neben ihm spielt Pancasikha Harfe. Zwischen den beiden Besuchern und Buddha haben sich sechs himmlische Gestalten (möglicherweise Bodhisattvas) dazugesellt, die drei vorne Sitzenden halten sich die Ohren zu.[6]
Auf einem Gandhara-Relief am Stupa von Sikri (nordwestlich von Taxila) aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. meldet Pancasikha Indras Besuch bei Buddha an, der sich zur Meditation in eine Höhle zurĂŒckgezogen hat. Links unterhalb des sitzenden Buddha fĂ€hrt der kleiner dargestellte Pancasikha mit weit ausgreifenden Handbewegungen in die vier Saiten seiner Harfe. Noch kleiner und ganz in den Hintergrund gedrĂ€ngt steht Indra am linken Bildrand. Vielleicht ist Indra noch weit entfernt, als Pancasikha bereits vor Buddha musiziert.[7]
Im Vishnupurana findet sich die Geschichte vom Kampf der Gandharvas mit den Schlangengottheiten (Nagas), deren unterirdisches Reich sie plĂŒnderten. Die Naga-OberhĂ€upter wandten sich daraufhin an Vishnu und baten um UnterstĂŒtzung. Vishnu versprach, in Gestalt des Königs Purukutsa (auch ein Dichter vedischer Mantras) einzugreifen. Die Nagas verheirateten ihre Tochter Narmada (Fluss Narmada in Zentralindien) mit Purukutsa, der die Gandharvas aufspĂŒrte und vernichtete.[8]
Die Gandharvas sind Mischwesen wie die schlangengestaltigen Nagas oder die ebenfalls musizierenden Kinnaras mit Vogelbeinen (deren weibliche Entsprechung sind die Kinnaris). Die Kinnaras sind gutmĂŒtige, hilfsbereite Fabelwesen, sie treten stets paarweise auf (wenn sie beispielsweise zusammen im Fluss baden) und sind vorzĂŒgliche Musiker. Bei festlichen AnlĂ€ssen unterhalten sie zusammen mit Gandharvas und Apsaras. Ein solches Fest fand statt, als der Palast des Königs Yudhishthira, einer der fĂŒnf Pandavas des Mahabharata, eingeweiht wurde und alle, auch die eingeladenen Rishis unter der Leitung von Tumburu himmlische Lieder sangen.[9] Tumburu ist der Sohn des Rishi Kashyapa und seiner Frau Pradha, er gilt als der beste Musiker unter den Gandharvas. Nach einer anderen ErzĂ€hlung wird er mit Viradha gleichgesetzt, einem menschenfressenden DĂ€mon (Rakshasa), der nach seinem grausamen Tod als schöner Gandharva wieder ins Leben trat. Es stellte sich im Nachhinein heraus, dass der zwergengestaltige Gott Kubera ihn zu einer Existenz als Rakshasa verurteilt hatte, aus der er durch Rama befreit wurde.[10]
In der hinduistischen Literatur haben die Kinnaras manchmal Pferdebeine wie die Gandharvas, zu denen sie gelegentlich gerechnet werden, aber nur, weil auch sie Mischwesen sind und musizieren. In jedem Fall stehen die beiden himmlischen Wesen in Beziehung zu Pferden (vajin). Beide können menschengesichtig mit Pferdeunterleib dargestellt werden. Viele Gandharvas, vor allem solche, die auf dem Wind (Windgott Vayu) dahertreiben, besitzen dagegen einen Pferdekopf. Entsprechend heiĂt die Urmutter der Pferde Gandharvi,[11] ebenso wie Kadru die Schlangen (nagas) gebar, und Rohini die KĂŒhe. Der Zusammenhang zwischen Gandharvas und Pferden wird im Mahabharata an mehreren Stellen hervorgehoben. Die Gandharvas besitzen dort rasend galoppierende Pferde, die ihre Farbe beliebig wechseln können. Der Gandharva Tumburu schenkt Yudhishthira 100 Pferde, die er spĂ€ter beim WĂŒrfelspiel verlieren wird. Arjuna erhĂ€lt vom SĂ€nger Citraratha ebenfalls Pferde.
Seit dem 19. Jahrhundert wurde und wird ĂŒber eine Verbindung des Sanskritwortes gandharva mit dem griechischen kentauros diskutiert, dem Kentaur, einem Mischwesen der griechischen Mythologie mit menschlichem Oberkörper und Pferdeunterleib. Abgesehen von der Etymologie, die bis heute unterschiedlich beurteilt wird, gibt es Ăhnlichkeiten im Erscheinungsbild und Verhalten der beiden mythischen Geschöpfe. Sie reiten gleichermaĂen auf dem Sturmwind daher, stellen Frauen nach und sind mit magischen FĂ€higkeiten ausgestattet. Pferde waren fĂŒr die frĂŒhen indogermanischen Steppenvölker Jagdbeute und Totemtiere, noch bevor sie als Reit- und Lasttiere domestiziert wurden.[12]
In frĂŒheren Schriften lieĂ die Zuneigung zu Frauen die Gandharvas manchmal auch als bedrohlich wirken und eine negative Beschreibung erhalten. In einem Vers des Atharvaveda erscheinen sie behaart wie Affen und den Hunden Ă€hnlich, verwandeln sich aber in schöne Gestalten, um die Frauen zu verfĂŒhren. Behaart sind sie auch in anderen Texten: Im Mahabharata trĂ€gt an einer Stelle ein tanzender Gandharva einen HaarbĂŒschel, an einer anderen Stelle schleift Arjuna einen Gandharva, den er im Kampf besiegt hat, an den Haaren mit sich fort.[13]
Im Mahabharata wird anlĂ€sslich mehrerer KĂ€mpfe die Bewaffnung der Gandharvas geschildert, einige Male werden sie als BogenschĂŒtzen erwĂ€hnt. Citraratha, den Arjuna im Kampf besiegt hat, teilt mit Arjuna seine magische FĂ€higkeiten (cakshusi vidya), die es ihm erlauben, in alle drei Welten hineinsehen und so im Kampf die Menschen besiegen zu können. Möglicherweise war mit diesen FĂ€higkeiten auch die Waffenkunde gemeint.[14]
Von einem Gandharva und einer Apsara leitet sich das Geschlecht der Amritas her. Von diesen stammen laut dem Samaveda der Todesgott Yama und seine Zwillingsschwester Yami ab. Yama ging ĂŒber das Meer und wurde so spĂ€ter zum ersten sterblichen Menschen. Yami folgte ihm, um mit ihm Nachkommen zu zeugen. Es ist jedoch nicht geklĂ€rt, ob es im Sinne dieses Mythos war, einen Gandharva in einer geraden Linie dafĂŒr verantwortlich zu machen, dass auf der Erde das Menschengeschlecht entstanden ist.[15]
Die altindische Musik war laut dem Mahabharata in die drei gesellschaftlichen Bereiche 1) Musik der Götter, die streng reglementierte, himmlische Musik deva gandharva, 2) Musik der Könige, ihres Hofstaates und der Brahmanen, desa gita, und 3) die Musik aller Volksgruppen auĂerhalb der Kastenhierarchie eingeteilt. Die ersten beiden Musikkategorien durften nur von ausgewĂ€hlten und geschulten Musikern aufgefĂŒhrt werden, da diese Musik nach der vedischen Klassifizierung der drei Lebensziele (trivarga) in kama (VergnĂŒgen), artha (materielles Streben, politisches Handeln) und dharma (religiöse Verpflichtung) dem Bereich des dharma zugeordnet wurde.[16]
Im Natyashastra wird das Wort gandharva fĂŒr Musik von den himmlischen Musikanten Gandharvas abgeleitet. Der Gandharva-Veda, die Sammlung theoretischer Abhandlungen ĂŒber Musik, gilt als eine der vier Grundwissenschaften, die sich von den Veden herleiten und als Upa-Veda zusammengefasst werden. Die anderen drei sind Ayurveda (Heilkunst), Dhanurveda (Kriegskunst) und nach unterschiedlichen Quellen Sthpatayaveda (auch Vastuveda, Architektur) oder Arthashastra (Staatskunst).
Auf den indischen Weisen Bharata Muni, der um die Zeitenwende oder vorher gelebt haben soll, wird das Natyashastra zurĂŒckgefĂŒhrt, eine Abhandlung ĂŒber die darstellenden KĂŒnste. Es ist das umfassendste und am meisten verehrte Werk zur Gandharva-Musik. Bharata beschreibt gandharva als die von Göttern gewĂŒnschte, streng festgelegte Musik, ihre AuffĂŒhrung galt demnach als Opferhandlung fĂŒr die Götter. Diese Musik wird von Saiteninstrumenten (allgemein vina) hervorgebracht und mit verschiedenen anderen Instrumenten begleitet. Das Gandharva-Repertoire, so wie es im Natyashastra in allen Einzelheiten beschrieben wird, beinhaltet Ritualhandlung (Theater), Instrumentalmusik, Text (pada), Tanz und Mimik. Ein wesentlicher Teil des altindischen wie des heutigen klassischen (Tanz-)Theaters ist das Vorspiel Purvaranga,[17] das aus mehreren, genau festgelegten Teilen besteht und in dem der Zeremonienmeister sutradhara[18] die Zuschauer begrĂŒĂt. Bharatas Natyashastra beschreibt, wie im Purvaranga die vier TĂ€nzerinnen auf die BĂŒhne zu kommen haben, ihre KostĂŒme, ihren Tanzstil, das Mimenspiel, wie sie geschminkt sind, sowie die Art und Stimmung (svara) der Musikinstrumente. Dem strengen gandharva-Stil des Purvaranga folgt danach ein zweiter, weniger festgelegter Stil, der gana genannt wird.
Wenig spĂ€ter als das Natyashastra, zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert n. Chr., stellte der Weise Dattila aus frĂŒhreren Texten das musikwissenschaftliche Werk Dattilam zusammen. Die dritte Quelle zur Gandharva-Musik ist ein bedeutender Kommentar zum Natyashastra, den der kaschmirische Gelehrte und Musiker Abhinavagupta Anfang des 11. Jahrhunderts verfasste. Zu dem umfangreichen Werk Abhinavabharati liegt seit 2006 die erste (dreibĂ€ndige) englische Ăbersetzung vor.[19] Die gesamte Musiktradition fasste Sarngadeva im 13. Jahrhundert im Sangitaratnakara[20] zusammen.[21]
Alle Werke umspannen einen Zeitraum von gut 1000 Jahren und eine musikalische Tradition, die bereits im Natyashastra so festgefĂŒgt erscheint, dass sie schon Jahrhunderte zuvor zusammengetragen worden sein muss. Dies bestĂ€tigt Bharata selbst, der in Vers 525 erwĂ€hnt, dass die Musiklehre zuvor von âNaradaâ beschrieben worden sei, er folglich nur die anerkannten Theorien wiedergibt. Unklar bleibt, wen Bharata meint. Er könnte sich auf den legendĂ€ren Weisen Narada bezogen haben, dessen Werk Naradya Shiksha im Zusammenhang mit der Gandharva-Musik und dem Samaveda genannt wird, oder auf Narada als einen der himmlischen Gandharvas. Im letzten Fall hĂ€tte sich Bharata in eine heilige Traditionslinie gestellt.[22]
Strukturelle Grundlage der Gandharva-Musik war die umfassende, rhythmische Zeiteinheit tala, welcher die Tonhöhe (svara) und der Text (pada) untergeordnet waren. In der aus der Samkhya-Philosophie entstandenen Musiktheorie Gandharva-Veda sind unter anderem die Einteilungen der sieben svaras (Noten), zwei gramas (Urskalen), aus denen jeweils sieben murchanas (Modi) hervorgingen, und 18 jatis (melodische Grundformen) enthalten. Daraus entwickelten sich in Bharatas Gharana (Tradition) die heutigen Begriffe wie sruti (Mikrotöne), gamaka (Ornamentierung), raga (melodische Struktur), tala (rhythmische Struktur) oder prabhanda (Komposition).[23] Herausragend unter den in die heutige Musik ĂŒbergegangenen Formen ist upohana, die freirhythmische Einleitung des Gesangs mit bedeutungslosen Silben. Sie entspricht der heutigen sĂŒdindischen Improvisationsform alapana (die nordindische Eröffnung heiĂt alap). Prastara (âausbreitenâ) wurde ein besonderer musikalischer Ablauf genannt, um ein StĂŒck zu beenden. Dem entspricht heute etwa vistara.
Die strenge Gandharva-Musik des Purvaranga setzt sich aus sieben gitakas (kompositorischen Formen, Liedgattungen) zusammen, die auch saptarupas (âsieben Formenâ) genannt werden und zum Gesamtkonzept des tala zĂ€hlen. Zu den formalen Charakteristika der gitakas gehören stichwortartig: Rhythmusmuster (Pattern, talavidhi); an der musikalischen Struktur sich orientierende Verse (slokas); parallel der Musik folgenden Körpergesten; Betonung auf der Endsilbe; sich in Form eines Palindroms wiederholende Silbenfolgen (uttara tala); Temposteigerungen im VerhĂ€ltnis 1 : 2 : 4; Wiederholungen von Text und Melodie in doppelter Geschwindigkeit als Methode fĂŒr Ăberleitungen (upavartana); vokale Einleitung (upohana); melodische Entwicklung durch Vertauschung, Wiederholung und Verdichtung (prastara). Die ersten drei gitakas heiĂen Madraka, Aparantaka und Ullopyaka. Ihnen ist gemeinsam, dass sie in ein-, zwei- und vierfacher Zeitform aufgefĂŒhrt werden können, bei jeweils unterschiedlichen untergliedernden Zeitintervallen (matras). Die weiteren gitakas sind Ullopyaka, Rovindaka, Prakari, Uttara und Ovenaka. Letztgenannte ist die komplexeste Form der gitakas mit einer Vielzahl von Strukturelementen und Wechsel der Tempi.[24]
Es lassen sich aus den Quellen recht genau die rhythmischen Strukturen sowie Abfolge und Tonlage der Noten (svara) von gandharva ermessen, dennoch fehlen ausreichende Kenntnisse ĂŒber die Verbindung zwischen beidem, sodass sich trotz aller praktischen Rekonstruktionsversuche nur vage beurteilen lĂ€sst, wie die Musik tatsĂ€chlich geklungen haben mag. Die heutige sĂŒdindische Musik ist stĂ€rker der altindischen Rhythmustradition verhaftet als die nordindische. DafĂŒr hĂ€ngt als eine Ausnahme die heute beliebteste nordindische Rhythmusstruktur Tintal mit 16 SchlĂ€gen (in 4 Ă 4 gleiche Abschnitte unterteilt) direkt mit einem entsprechenden altindischen Rhythmus, dessen 16 ZĂ€hlzeiten in 4 padabhagas unterteilt waren, zusammen. In der indischen Musikgeschichte fand eine bestĂ€ndige Weiterentwicklung, aber nirgends ein revolutionĂ€rer Sprung statt.[25]
Wesentlich fĂŒr die altindische Musizierpraxis ist die Verbindung zwischen musikalischem Rhythmus und Körperbewegungen. Jedem Trommelschlag geht entwicklungsgeschichtlich eine entsprechende GebĂ€rde voraus. Die im tala festgelegten rhythmischen Strukturen haben sich aus den HymnengesĂ€ngen (Samhita) begleitenden rituellen Handbewegungen entwickelt. Bereits Abhinavagupta sah den Ursprung des Rhythmus in den festgelegten GebĂ€rden, die möglicherweise besonders beim Vortrag der Samaveda-Hymnen eine Rolle spielten,[26] deren einstige Bedeutung aber bei der Ăbertragung in die musikalische Form verlorenging. In der Musik erhalten geblieben sind stumme Gesten, mit denen der Beginn angezeigt wird, wĂ€hrend bestimmte Tonfolgen das Ende markieren. Zu den stummen Gesten gehören avapa (gekrĂŒmmte Finger mit der HandflĂ€che nach oben), nishkrama (HandflĂ€che mit gestreckten Fingern nach unten), vikshepa (nach rechts gebogene Hand) und pravesha (gekrĂŒmmte Finger mit der HandflĂ€che nach unten). Die Namen finden sich in bestimmten Liedformen (dhruvas) heutiger indischer TĂ€nze wieder.[27]
Die Ă€ltesten Abbildungen zeigen das Saiteninstrument vina in Form von Bogenharfen an buddhistischen Kultbauten (Stupas) ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. Ăltere schriftliche Belege fĂŒr Bogenharfen stammen aus den Brahmanas noch vor der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr., ein Instrument wird dort mit sieben Saiten und mit weiteren Eigenschaften beschrieben, die dem heutigen burmesischen Nationalinstrument saung gauk Ă€hneln. Ein anderer vina-Typ war eine Langhalslaute, wie sie in der Kunst von Gandhara und an den Stupas von Amaravati und Nagarjunakonda im 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. auftaucht. Die spĂ€ter entwickelten Stabzithern mit Kalebassen, wie sie heute etwa als rudra vina bekannt sind, gehören nicht mehr zur Gandharva-Musik.
Das fĂŒr das Purvaranga gebrauchte Orchester war klein und bestand neben Saiteninstrumenten aus Querflöten und Perkussionsinstrumenten, zu denen Trommeln, Tontöpfe (etwa ghatam) und kleine Bronzezimbeln zur akustischen Ăbertragung der Handbewegungen gehörten. Dazu sangen MĂ€nner und Frauen gemeinsam.[28]
Von der idealen Vorstellung eines Gandharva und einer Apsara als strahlendem, in den schönen KĂŒnsten geĂŒbtem Paar abgeleitet, bedeutet gandharva (oder gandharvavivaha) eine der fĂŒnf traditionellen Heiratsformen: die nur zwischen dem jungen Mann und der jungen Frau vereinbarte Liebesheirat ohne die ansonsten in Indien erforderliche EinverstĂ€ndniserklĂ€rung der Eltern und ohne die ĂŒblichen Rituale.
Im Mahabharata steht der Begriff âStadt der Gandharvasâ (gandharva nagaram) als Metapher fĂŒr eine optische TĂ€uschung oder Illusion, die im Himmel oder ĂŒber dem Wasser gesehen werden kann.[29]